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LEGACY - Ice & Caretaker (Devil's of Mayhem MC 1)

Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Schmerz/Trost / P18 / Het
23.02.2021
08.08.2021
68
249.764
26
Alle Kapitel
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Dieses Kapitel
2 Reviews
 
19.05.2021 3.828
 
~ Cash ~


„Sie haben es in einem Straßengraben gefunden...“
Care sah aus, als würde er jeden Moment Bekanntschaft mit dem Boden machen und ich hatte das Gefühl gleich daneben zu liegen. Was zur Hell hatte er da gerade von sich gegeben? Ice' Bike im Straßengraben?
Care schwankte leicht auf seinem Barhocker und musste sich an der Bar festhalten um nicht umzukippen.
„Habe ich das richtig verstanden?“ fragte ich sicherheitshalber nach „Ice' Bike wurde in einem Straßengraben gefunden?“ Mehr als ein Nicken bekam ich zunächst nicht, doch dann kam auf einmal wieder Leben in meinen Kumpel. „Welcher verdammte Prospect steht im Moment vor ihrer Tür?“ fluchte er plötzlich lautstark los und es hätte mich nicht gewundert, wenn Racer ihn draußen am Tor gehört hatte.
„Ich meine Chuckle“ antwortete ich überlegend, woraufhin Care schon sein Handy hervorholte. Doch bevor er irgendetwas daran machen konnte, riss ich es ihm auch schon aus der Hand, wofür ich einen tödlichen Blick bekam. „Was soll das?“ fragte er gefährlich leise. „Du wirst ihn nicht anrufen, mein Freund“ antwortete ich warnend „Ich werde das übernehmen.“
Care schnaubte daraufhin gereizt und ich nahm das einfach mal als ein 'okay' hin. Ich gab Care sein Handy zurück und zog meines hervor. Schnell wählte ich die Nummer des Prospects und nach nur zwei Mal klingeln ging er ran. „Was gibt es Cash?“ „Ist Ice in ihrer Wohnung?“ kam ich direkt zum Punkt und hörte Care schnauben, dem ich in der Zwischenzeit den Rücken zugedreht hatte. „Ähm, ja?“ antwortete Chuckle verunsichert, wobei seine Antwort eher wie eine Frage klang.
„Guck bitte nach und ruf danach wieder an.“ „Verstanden.“ Ohne ein weiteres Wort beendete er das Gespräch und ich richtete meinen Blick wieder auf Care. „Weißt du wo Shadow und Shade sind?“ wollte ich von ihm wissen. Sie waren immerhin Ice' Familie und Lord befand sich derzeit gemeinsam mit Wood, unserem Road Captain, bei einem der Supporter. Sollte bedeuten: Derzeit nicht in der Stadt.
„Keine Ahnung“ antwortete er nach kurzem Überlegen und begann dabei vor der Theke auf und ab zu laufen „Die müssten aber bald hier auftauchen für... die Probe.“ „Stimmt“ murmelte ich nickend und beobachtete Care mit wachsender Sorge. Er murmelte unverständlich vor sich hin und raufte sich dabei andauernd die Haare. Wenn ich etwas verstand, dann waren es wüste Flüche.
Auch wenn dieser Schwachkopf es immer wieder leugnete, er empfand etwas für die kleine Blondine.

Es vergingen keine zwei Minuten ehe mein Handy klingelte und Chuckle sich zurückmeldete. „Sie scheint nicht mehr da zu sein“ sagte er sich leicht außer Atem „Sie öffnet zumindest nicht und es dringen auch keine Geräusche aus ihrer Wohnung.“ „Wo hat sie ihr Bike geparkt als ihr von der Arbeit zurückgekommen seid?“ wollte ich von ihm wissen und musste einen wütenden Aufschrei unterdrücken „Vorne an der Straße oder im Schuppen?“
„Ich denke im Schuppen“ antwortete der Prospect prompt „Zumindest nicht vorne.“ „Hast du geguckt ob es noch da ist?“ fragte ich weiter und fuhr mir mit einer Hand übers Gesicht. Irgendwie hoffte ich noch immer, dass es ein Missverständnis war, doch ich wusste, dass das aussichtslos war. „Bin unterwegs.“
Für eine kurze Zeit war nur Chuckles Atem und seine eiligen Schritte zu hören. Immerhin beeilte er sich... Während ich auf ihn wartete betrat Fire das Clubhaus, blieb jedoch in der Tür stehen als er Care und mich sah. Ich winkte ihn herein und deutete ihm sich an die Bar zu setzen. Mit deutlicher Skepsis kam er dem nach.
„Nicht da“ hallte schließlich Chuckles entsetzte Antwort in mein Ohr „Ich habe keine Ahnung wie das passieren konnte“ redete er ohne Punkt und Komma weiter „Ich stand die ganze Zeit vor der Tür. Ich hätte sie doch sehen müssen... Verdammt, ich-“ „Chuckle beruhige dich“ unterbrach ich ihn und würde das Gleiche gerne auch zu Care sagen. Doch der würde mich ohnehin nur ignorieren. „Atme tief durch und geh wieder auf Position. Wenn du sie oder irgendetwas verdächtiges siehst, gibst du umgehend Bescheid.“ „Verstanden.“

„Ice ist weg“ klärte ich Fire auf, nachdem ich den Anruf beendet hatte. Seine Augen weiteten sich erschrocken, doch er brachte keinen Ton hervor. „Ihr Bike wurde in einem Straßengraben gefunden.“ „Wisst ihr was passiert ist?“ fragte er nun doch und sah dabei sorgenvoll zwischen mir und Care, der noch immer unruhig umher lief, hin und her.
„Nein“ erwiderte ich kopfschüttelnd „Weißt du wann Shadow und Shade hier aufschlagen?“ „Sie müssten jeden Moment-“ Fire kam gar nicht dazu auszusprechen, da öffnete sich die Tür erneut und die Zwillinge betraten den Schankraum. Wie Fire zuvor stockten sie als sie uns sahen.
„Was ist hier los?“ wollte Shade wissen und sofort waren beide angespannt und in Alarmbereitschaft. Mit knappen Worten klärte ich die beiden darüber auf, was passiert war und ihre Reaktion fiel genauso aus, wie ich es vermutet hatte.
Während Shadow still blieb und sein Blick absolut nicht zu deuten war, fluchte Shade direkt lautstark drauf los. „Wie zum Dreck konnte das passieren? Wieso steht der verdammte Prospect denn vor ihrer Tür, wenn der nichts mitbekommt? Dieser nutzlose Waschlappen kann was erleben wenn ich ihn die Finger bekomme.“ „Shade jetzt komm mal wieder runter“ versuchte ich ihn zu beruhigen, wurde daraufhin jedoch nur zum Ziel seiner wüsten Beleidigungen. „Sag mir nicht was ich zu tun habe, Arschloch! Warum bleibst du überhaupt so ruhig? Weißt du etwa wo meine Cousine jetzt ist du scheiß Penner?“ Shade bebte nur so vor Wut und kam mit energischen Schritten auf mich zu. Abwehrend hob ich meine Hände und versuchte ihn weiter zu beruhigen. „Es bringt uns nichts auszuflippen, Shade. Dadurch kommen wir auch nicht weiter.“ Ich befürchtete bereits, dass Shade auf mich losgehen würde, als er plötzlich gestoppt wurde.
Erleichtert atmete ich aus, als ich Shadow hinter seinem Bruder entdeckte. „Komm runter, Arschgeige“ zischte er. Sein Blick loderte, doch er ließ seine Aggression immerhin nicht an mir aus. „Cash hat Recht. Auszuflippen bringt uns nichts.“ Beinahe augenblicklich wich die Anspannung mit seinem Seufzen aus seinem Körper wich. „Sorry Mann“ murmelte er und fuhr sich mit einer Hand übers Gesicht. „Schon gut“ erwiderte ich und klopfte ihm leicht auf die Schulter. Shade sah fertig aus, was ich verstehen konnte. Ice war immerhin seine Cousine und – auch wenn sie sich noch nicht lange kannten – hing er sehr an ihr.
Ich warf einen besorgten Blick zu Care, der noch immer unruhig herumlief. Immerhin schlug er nicht auf irgendetwas – oder irgendjemanden – ein. „Und Chuckle war die ganze Zeit vor ihrer Tür?“ wollte Shadow wissen und schob seinen Bruder dabei zur Bar herüber. „Das sagt er zumindest und ich glaube ihm das“ antwortete ich ehrlich und bekam ein Nicken von Shadow und Fire. Chuckle war zwar bislang nur ein Anwärter, aber er war bislang immer zuverlässig.
„Und wie ist sie dann da weggekommen?“ fragte Shadow weiter und ich seufzte gequält. „Das ist eigentlich gar nicht so schwer“ begann ich zu erklären und hatte daraufhin scheinbar sogar Cares Aufmerksamkeit „Das Bike stand in dem Schuppen hinterm Haus. Von dort aus kann man über einen Fußweg auf eine Seitenstraße kommen. Ein Auto passt da nicht lang, aber mit einem Motorrad dürfte das ohne große Probleme gehen.“ „Verstehe. Wenn sie den Motor erst auf der Seitenstraße gestartet hat, wird Chuckle sie nicht gehört haben.“ „Und selbst wenn hätte er niemals darauf geschlossen, dass es sich dabei um Ice handelt.“

„Und was machen wir jetzt?“ fragte Shade nach einer Minute Stille. So verzweifelt hatte ich den Sergeant noch nie gesehen. Und Care auch nicht... „Ich versuche erst mal sie anzurufen“ sagte ich wenig zuversichtlich und wählte ihre Nummer. „Vielleicht klärt sich ja alles auf...“ fügte ich wenig zuversichtlich hinzu und lauschte dem Freizeichen. Es klingelte eine ganze Weile, doch dann landete ich auf ihrer Mailbox. Kopfschüttelnd drückte ich den Anruf weg und steckte mein Handy in meine Kutte. „Darf ich einen Vorschlag machen?“ fragte ich in die Runde, bekam jedoch nur einheitliches Schulterzucken als Antwort. Immerhin kein nein...
„Fire“ wandte ich mich an den jüngsten in unserer Runde „Du rufst Fever an. Trefft euch beim Bike und schafft es da weg. Vielleicht fällt euch vor Ort ja noch etwas auf, was uns helfen könnte.“ Als er nickte wandte ich mich an die Zwillinge. „Ihr fahrt zu Ice Wohnung. Vielleicht findet ihr dort etwas heraus. Ihr habt einen Schlüssel oder?“ Auch die beiden nickten bestätigend und ich atmete erleichtert auf. Eigentlich war ich nicht in der Position Anweisungen zu geben, doch die anderen machten auf mich nicht gerade den Eindruck sich derzeit gut konzentrieren zu können.
„Care und ich“ sprach ich weiter und sah dabei zu meinem Kumpel, der tatsächlich erneut anhielt und mich ansah. Wobei ich das Gefühl hatte er würde durch mich hindurchsehen. Was auch immer Care sich einredete – diese Frau bedeutete ihm definitiv etwas. Mehr als ich vermutlich bisher gedacht hatte.
„Wir fahren zu Groote. Vielleicht hat der Bulle noch mehr Informationen, die er vorhin für sich behalten hatte. Da Care der Halter des Bikes ist, wird er ihm die Infos am ehesten geben.“


~ Fire ~


Es fühlte sich an, als würde die Welt stillstehen und sich gleichzeitig viel zu schnell drehen. Ich konnte – oder wollte – noch immer nicht recht verstehen was überhaupt passiert war. Ice war weg. Offenbar alleine von Zuhause weggefahren. Und dann? Ein Unfall? Doch wo war sie dann? Man hatte laut dem Bullen ja nur das Bike gefunden, keinen Fahrer. Ich konnte mir gar nicht vorstellen wie Shade und Shadow sich in dieser Situation fühlen mussten.
Tja, und dann war da ja auch noch Caretaker. Ich habe den Enforcer bisher noch nie so... von der Rolle erlebt. Lief da irgendetwas zwischen ihm und Ice von dem ich keine Ahnung hatte? Oder war seine Sorge nur geschäftlicher Natur? Immerhin war er als Geschäftsführer von MOD hauptsächlich für ihre Sicherheit zuständig. Wenn ihr etwas passierte, würde man als erstes ihn dafür verantwortlich machen. Wobei, nein, danach sah es nicht aus. Da steckte mehr dahinter, doch das war derzeit nebensächlich.

Nachdem Cash kurzweilig das Ruder übernommen und Anweisungen verteilt hatte, verließ ich das Clubhaus und rief Fever an. „Jo Fire. Was geht?“ meldete er sich schließlich. „Wir bräuchten den Abschlepper an der Forststraße“ kam ich direkt zum Punkt. Auf Höflichkeitsfloskeln legte bei uns niemand großen Wert. „Bike oder Auto?“ wollte er daraufhin wissen und ich hörte ihn im Hintergrund schon herum kramen. „Bike. Im Graben.“ antwortete ich knapp. „Weißt du wo genau?“ „Nein.“ „Okay... Ich würde vorschlagen wir treffen uns an der Kreuzung zur Hauptstraße und fahren dann gemeinsam weiter.“ „Einverstanden.“
Damit beendeten wir das Gespräch schon wieder. Mehr wollte ich ihm am Telefon nicht sagen und mehr brauchte er für seine Arbeit zunächst auch nicht zu wissen. Es dauerte nur fünf Minuten bis ich die besagte Kreuzung erreicht hatte. Ich stoppte auf dem Seitenstreifen und wartete ungeduldig auf Fever. Ich fragte mich ob Ice wohl auf dem Weg zum Clubhaus war – immerhin lag ihre Wohnung in einer ganz anderen Ecke. Für unsere Probe wäre sie etwas zu früh dran, doch vielleicht hatte sie einen anderen Grund ins Clubhaus zu kommen?
Keine zwei Minuten später bog der schwarze amerikanische Schlepper mit der langen Haube von May Motors auf die Forststraße. Fever stoppte das Geschoss hinter mir und kletterte heraus. Seufzend stieg ich von meiner Maschine und hängte den Helm an den Lenker.
„Bekomme ich jetzt genauere Infos, Fire?“ fragte Fever direkt und verschränkte dabei seine muskulösen Arme vor der Brust „Am Telefon warst du etwas verschwiegen. Außerdem siehst du echt scheiße aus Mann. Was ist denn passiert?“ Seufzend fuhr ich mir mit einer Hand durch die Haare ehe ich zu eine Antwort ansetzte.
„Das Bike, das hier irgendwo im Graben liegt, ist die Softail von Ice“ begann ich und versuchte dabei Fevers entsetztes Gesicht zu ignorieren „Wir wissen nicht was passiert ist. Sie hat sich ohne das der Wachposten etwas bemerkt hat aus ihrer Wohnung geschlichen und ist jetzt weg.“ „Oh scheiße“ fluchte Fever und trat dabei gegen den Reifen seines Schleppers.
Für uns alle gehörte Ice mittlerweile zum Club – egal ob man von der Verwandtschaft zu unserem Pres wusste oder nicht. Das sie nun verschwunden war... ließ die schlimmsten Befürchtungen hochkommen. Besonders wenn man an die Verwüstung ihrer Wohnung zurückdachte...

Die Forststraße war etwa vier Kilometer lang. Der danebenliegende Graben ungefähr eineinhalb Meter tief. Fuhr man zu schnell, konnte man das Bike schnell übersehen. Da mir das vorher bewusst war, fuhr ich nicht mehr als dreißig Stundenkilometer. So dauerte es jedoch fast zehn Minuten bis wir die Stelle erreicht hatten. Kaum hatte ich meine Maschine abgestellt und den Helm abgenommen, hörte ich Fever auch schon lautstark vor sich hin fluchen. Kein Wunder. Immerhin hatte er das Bike, welches er gleich aus dem Graben ziehen durfte erst kürzlich komplett überholt und an Caretaker verkauft.
„Komm mal wieder runter“ sagte ich kopfschüttelnd als ich mich neben ihn stellte und zu der Maschine hinabsah. Beide Spiegel hingen nur noch schief dran, die Auspuffrohre waren verbogen und der Lack war stellenweise ziemlich zerkratzt. Auf den ersten Blick aber nichts, was nicht repariert werden konnte.
„Kletter mal runter Junge und guck dir das genauer an“ wies er mich an und schlug mir dabei einmal auf die Schulter ehe er sich wieder zu seinem Schlepper begab. „Die Bergung ist dein Part, Fever“ erwiderte ich und zog dabei skeptisch eine Augenbraue nach oben. „Aber du bist der jüngere von uns beiden Fire“ gab er abwinkend zurück „Meine armen alten Knochen machen so was nicht mehr mit.“ Zur Untermalung hielt er sich dabei eine Hand an den unteren Rücken und tat so, als könnte er kaum noch einen Schritt gehen.
„Armer alter Sack“ erwiderte ich sarkastisch, stieg dann aber doch in den Graben. Fever war mit seinen siebenundzwanzig Jahren gerade einmal vier Jahre älter als ich. So viel also zu alt...
Bei näherer Betrachtung bestätigte sich mein Verdacht, dass nichts großartig beschädigt worden war. Ich sah mir den Graben noch etwas genauer an, konnte jedoch nichts unauffälliges entdecken. Aus einer Intuition heraus, öffnete ich die Satteltasche die ich erreichen konnte und beförderte kurz darauf Ice' Handtasche ans Tageslicht.
„Irgendwas entdeckt?“ wollte Fever wissen, woraufhin ich ihm die Tasche zuwarf. Nach einer kurzen Schrecksekunde fing er sie geschickt auf und sah fragend zu mir herab. „Von ihrer Tasche abgesehen nicht“ antwortete ich schulterzuckend „Aber warum sollte sie die hierlassen?“ „Viel mehr frage ich mich wie sie von der Straße abkommen konnte. Dieser Abschnitt ist ist gerade, hat keine Bodenwellen oder Schlaglöcher. Es hat nicht geregnet und es gab auch sonst keine Sichtbehinderungen“ erwiderte Fever daraufhin und ich nickte stumm. „Lass uns das Schätzchen erst mal nach oben holen, Fire. Vielleicht fällt uns dann noch etwas auf.“

Gesagt, getan. Eine Stunde später hatten wir das Bike sicher auf dem Abschlepper befestigt. „Ich habe schlimmeres befürchtet“ hörte ich Fever murmeln, während er das Fahrzeug noch einmal umrundete „Hätte schlimmer ausgesehen, wenn sie einen Baum getroffen hätte.“ Und davon gab es hier genug... „Bleibt nur noch die Frage wo sie ist...“ erwiderte ich mit einem Seufzen. Gemeinsam packten wir schnell die letzten Sachen zusammen, als Fever auf einmal an meiner Schulter rüttelte und in Richtung Wald deutete.
„Ist das nicht dieser merkwürdige Eigenbrötler?“ wollte er wissen, woraufhin ich skeptisch in die Richtung sah in die er deutete. „Wie heißt der Kauz noch mal?“ „Meinst du Meyers?“ „Ja, richtig. Das ist der doch oder?“ „Ja, stimmt“ brummte ich nickend als ich die Gestalt am Waldrand ebenfalls erblickte.
Meyers war fast so etwas wie eine Berühmtheit in Eidstadt. Ich hatte keine Ahnung ob das sein Vor- oder Nachname war. Oder vielleicht war es auch nur ein Spitzname, was allerdings auch unerheblich war. Meyers war in der Tat ein Eigenbrötler, wie Fever so schön sagte. Er war irgendwas zwischen sechzig und siebzig und sah aus wie ein Obdachloser – war allerdings keiner. Er hatte irgendwo im Wald ein Haus, doch keiner wusste wo genau. Er geisterte andauernd durch die Stadt, immer zu Fuß, ohne Schuhe. Das ganze Jahr über.
„Und was willst du jetzt damit sagen?“ fragte ich Fever skeptisch. „Vielleicht hat er ja was gesehen.“ „Von dem Unfall meinst du?“ „Möglich“ meinte er schulterzuckend „Wenn er dann schon hier war bestimmt. Der Kerl bekommt mehr mit als man meint.“ „Dann geh hin und frag ihn.“ „Nein, mein Freund. Das wirst du übernehmen.“ Grinsend schlug er mir kräftig auf die Schulter, sodass ich beinahe nach vorne gefallen wäre.
„Warum ich?“ fragte ich beinahe entsetzt. „Weel da nüsch mit Aussies sabbelt, weeste?“ antwortete er grinsend uns ließ dabei seinen Berliner Dialekt raus hängen, den man normalerweise kein bisschen hören konnte. „Du bist ein Arschloch, Fever.“ „Wees ick“ war seine belustigte Antwort „Nu mach ma hinne.“ „Das bekommst du irgendwann zurück“ murmelte ich kopfschüttelnd und setzte mich in Bewegung. Ein Grinsen konnte ich mir dabei jedoch nicht verkneifen.
Im Grunde hatte Fever nämlich auch recht. Der alte Meyers sprach nur mit Leuten, die wie er aus Eidstadt kamen und irgendwie wusste er bei jedem direkt ob man ein richtiger Eidstädter war oder nicht. Dennoch hätte Fever nicht so übertreiben brauchen. Den Berliner Slang ließ er normalerweise nie raus hängen und sprach absolut akzentfreies Deutsch. Hin und Wieder sprach er wohl mit einem schottischen Akzent, meistens aber nur um Weiber abzuschleppen. Die fuhren da ziemlich drauf ab.

Ich bahnte mir meinen Weg durch den zum Glück trockenen Graben und über über eine Wiese in Richtung Wald. Meyers hatte mich unlängst entdeckt, bewegte sich jedoch nicht weg. Stattdessen sah er mir beinahe erwartungsvoll entgegen. So komisch dieser alte Kauz auch war, Angst hatte er vor uns Outlaws nicht.
„Hey Meyers“ begrüßte ich ihn mit einem hoffentlich freundlichen Lächeln. „Gehört diese Maschine zu euch?“ wollte er wissen und fixierte dabei den Schlepper mit seinen erstaunlich klaren blauen Augen. Ansonsten sah er wie immer ziemlich vernachlässigt aus. Die Klamotten waren kaputt und dreckig, die grauen Haare wohl seit Wochen nicht mehr gewaschen oder gekämmt. „Ja, richtig“ antwortete ich und wurde ernster „Die Fahrerin ist eine Freundin von uns und ist jetzt verschwunden. Hast du zufällig etwas gesehen.“
„Hmm...“ machte er leise und wog seinen Kopf hin und her. Auch wenn es mich in den Fingern juckte ihn zu einer Antwort zu drängen, wusste ich das ich abwarten musste. Ich hatte persönlich noch nie etwas mit ihm zu tun gehabt, doch mein Vater war ihm bei Einsätzen schon öfter Begegnet. Je mehr man Meyers unter Druck setzte, desto mehr verschloss er sich. Am Besten hielt man die Klappe und wartete ab.
„Es wundert mich nicht, dass sie weg ist“ begann er schließlich, wurde jedoch von einem Husten erschüttert. „Ist schon eine Weile her. Zwei Stunden... Drei Stunden... Da kam die Maschine angefahren. Recht langsam, sehe hier meistens was anderes.“ Wieder legte er eine Pause ein und ich atmete tief durch. Er hatte also gesehen, was passiert war.
„Dann kam ein Transporter und hat den Fahrer... oder wie du sagtest Fahrerin... von der Straße abgedrängt... Dann stoppte der Transporter. Zwei Typen haben die Frau eingeladen, dann sind sie weitergefahren.“ „Fuck“ fluchte ich leise und fuhr mir mit einer Hand übers Gesicht. „War sie bei Bewusstsein?“ „Sah nicht so aus...“ „Kannst du den Transporter beschreiben? … Kennzeichen?“
„Hmm...“ machte er wieder und starrte zunächst stumm in Richtung Straße. „Kennzeichen nein. Zu weit weg... Er war schwarz und hatte eine ziemlich auffällige Beschriftung an der Seite. Ich denke dadurch könnt ihr sie vielleicht finden...“


~ Caretaker ~


Fuck! Das war definitiv einer der beschissensten Tage meines Lebens und es war alles meine Schuld. Wenn Lord davon erfuhr würde er mich töten. Es wunderte mich schon, dass die Zwillinge so erstaunlich ruhig blieben. Wobei ruhig übertrieben war. Doch immerhin ging keiner auf mich los.
Seit einer halben Stunde waren Cash und ich wieder im Clubhaus. Die Fahrt zu Groote war völlig umsonst gewesen. Die Bullen hatten absolut nichts herausgefunden. Vermutlich hatten sie sich direkt nach der Halterabfrage wieder zurückgezogen.
Vor zehn Minuten waren Shade und Shadow zu uns gestoßen. Auch bei ihnen sah es ähnlich schlecht aus. Chuckle war tatsächlich nichts aufgefallen, was ich ihm mittlerweile nicht mehr verübeln konnte. Zumindest nicht, wenn Ice den Weg genommen hatte, den Cash vermutete. Einige weitere Brüder waren inzwischen zu uns gestoßen und alle waren in großer Sorge. Zumal jetzt auch alle über Ice' Verwandtschaft zu Lord und den Zwillingen Bescheid wussten, denn das war Shade zwischendurch aus versehen herausgerutscht. Aber was soll ich sagen? Gewundert hat sich darüber scheinbar niemand.
Nun warteten wir alle auf die Rückkehr von Fire, der war aber auch schon auf dem Weg. Fever würde das Bike auf direktem Weg in die Werkstatt bringen. „Ist Cypher eigentlich da?“ wollte ich von Cash wissen, der jedoch daraufhin mit einem merkwürdigen Gesichtsausdruck den Kopf schüttelte. „Der ist doch auf dem Weg zu seiner Familie. Die Beerdigung“ erklärte er und ich stöhnte genervt.
Fuck, da war ja was. Irgendeine Tante oder Großmutter war gestorben und dafür musste er auf einmal bei seiner Familie antanzen, die sonst nichts mehr von ihm wissen wollte. „Meinst du wir können ihn erreichen?“ „Ich denke nicht. Er meinte er würde das Handy ausschalten für die Zeit, aber ich werde es mal versuchen.“ Mit diesen Worten verließ Cash das Clubhaus um draußen in Ruhe zu telefonieren.
Angespannt wartete ich auf seine und Fires Rückkehr. Sollte Flames Sohn auch nichts herausgefunden haben, standen wir absolut ohne Anhaltspunkt da. Ich glaubte nicht, dass Ice' Unfall und ihr Verschwinden ein Zufall waren. Das hing unter Garantie mit den Vorfällen der letzten Monate zusammen. Wer auch immer es auf sie abgesehen hatte, hatte den günstigen Moment genutzt, in dem sie komplett alleine unterwegs gewesen war. Fuck...
Kurz darauf kam Cash wieder rein, schüttelte jedoch den Kopf. „Ausgeschaltet.“ „Verdammte Scheiße. Warum ausgerechnet jetzt?“ Cash setzte gerade zu einer Erwiderung an, als sich die Tür erneut öffnete. Fire war zurück, sein Gesichtsausdruck schlecht zu deuten. „Können wir kurz in die Church?“ fragte er mit einem Blick auf die umstehenden Brüder. Inzwischen war es ziemlich voll und unruhig geworden.
„Sicher“ erwiderte ich und winkte die Zwillinge zu uns. Auch Preacher setzte sich in Bewegung. Er war immerhin unser Vize, keiner würde also etwas dagegen sagen. Wenn wir es genau nahmen hatte er in Lords Abwesenheit sowieso das Sagen.
„Sag mir bitte, dass du etwas neues weißt?“ fiel Shade direkt mit der Tür ins Haus, gerade als Cash als letzter die Tür der Church verschloss. „Habe ich“ antwortete Fire nickend „Zu unserem Glück war der alte Meyers in der Nähe und hat gesehen was passiert ist.“ „Das sich dieser Kauz mal als nützlich erweisen würde... erstaunlich“ hörte ich Preacher neben mir brummen.
„Ein schwarzer Transporter hat sie von der Straße abgedrängt. Anschließend sind zwei Typen ausgestiegen und haben sie mitgenommen.“ „So eine verdammte SCHEIßE“ fluchte Shade direkt lautstark und schleuderte dabei seine noch halbvolle Bierflasche gegen die Wand, wo diese in tausend Scherben zersplitterte. Doch wir anderen zuckten nicht einmal über diesen Ausbruch.
„Sonst noch etwas?“ fragte Preacher ruhig nach, woraufhin Fire nickte. „Scheinbar sind die Typen nicht die cleversten, denn an der Transporter hatte einen Aufdruck.“ „Und der wäre?“
Loan Crew.“
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