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LEGACY - Ice & Caretaker (Devil's of Mayhem MC 1)

Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Schmerz/Trost / P18 / Het
23.02.2021
08.08.2021
68
249.764
26
Alle Kapitel
100 Reviews
Dieses Kapitel
2 Reviews
 
09.05.2021 4.194
 
Hand aufs Herz Leute,
wer von euch wollte Care nach dem letzten Chapter am liebsten umbringen?
Oder wahlweise auch mich xD
Sorry dafür, aber dies ist nun mal eine Dark-Romance und kein Ponyhof :*
Es wird besser, versprochen. Irgendwann zumindest X.X
Eure Loane ♥

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„Was hat dieser Penner gemacht?“ donnerte Cash aufgebracht, als er hinter mir meine komplett renovierte Wohnung betrat. „Cash bitte“ seufzte ich leise, doch er beachtete mich gar nicht weiter. „Im Ernst Ice. Ich habe ihn gewarnt. Jetzt werde ich-“ „Cash!“ Lautstark fuhr ich ihm dazwischen woraufhin er endlich innehielt und in meine Richtung sah. Wieder liefen die Tränen in Strömen über mein Gesicht und ich konnte nichts dagegen tun.
„Oh, Prinzessin“ murmelte er leise und zog mich kurz darauf in eine fürsorgliche Umarmung. Wiederstandlos ließ ich mich in Richtung Couch ziehen wo er sich niederließ. Cash legte sich auf den Rücken und zog mich mit sich, sodass ich auf seiner breiten Brust lag. Beruhigend streichelte er über meinen Rücken, während die Tränen unaufhörlich weiterliefen.
„Wirst du mir erzählen was er gemacht hat?“ fragte Cash nach einigen Minuten als ich mich endlich wieder etwas beruhigt hatte. Ich schüttelte daraufhin lediglich den Kopf, da ich meiner Stimme noch nicht recht vertraute. „Das habe ich mir gedacht“ brummte Cash und seufzte leise. „Ich befürchte du würdest ihn dann umbringen“ flüsterte ich leise und meine Stimme klang krächzend.
„Dann hätte er es auch verdient“ erwiderte er ebenfalls leise. „Er war betrunken“ murmelte ich daraufhin und spürte wie sich Cash augenblicklich verspannte. Auch seine Streicheleinheit stoppte augenblicklich. „Bist du dir sicher?“ wollte er wissen und ich nickte seufzend. „Bin ich.“ „Aber Care trinkt nie.“ „Ich weiß... Ich mache mir Sorgen um ihn, aber...“
„Er schaltet auf stur“ mutmaßte Cash, als ich nicht weitersprach. Ein zustimmendes Brummen verließ meine Lippen und ich nickte leicht. „Du magst ihn, hm?“ „Das spielt keine Rolle.“ „Ich denke schon, Prinzessin.“ „Er hat ziemlich deutlich gemacht, dass es das nicht tut, Cash“ erklärte ich mit einem resignierten Seufzen doch davon wollte Cash scheinbar nichts wissen. „Du hast selber gesagt, dass er betrunken war, Ice.“
Ehe ich etwas erwidern konnte setzte er sich auf einmal auf und ich fand mich ihm gegenübersitzend auf meiner Couch wieder. „Caretaker ist ein sturer Volltrottel, der mit niemandem über irgendetwas spricht. Nicht über seine Gefühle, nicht über seine Vergangenheit. Über gar nichts“ fluchte Cash und wirkte dabei mehr als unzufrieden. „Auch mit dir nicht?“ fragte ich skeptisch nach „Ich dachte ihr seid beste Freunde?“
„Sind wir auch. Wenn man das so nennen kann“ antwortete er mit einem freudlosen Lachen „Doch über die Vergangenheit redet hier niemand. Care nicht, ich allerdings auch nicht. Ich habe zum Beispiel nicht einmal eine Ahnung warum er keinen Alkohol trinkt. Es war einfach immer so und wenn man ihn danach fragt, blockt er direkt ab.“
„Das kommt mir bekannt vor“ sagte ich seufzend und schüttelte matt den Kopf. „Dennoch bin ich mir sicher, dass du ihm wichtig bist, Ice“ sprach Cash weiter, doch ich betrachtete ihn äußerst skeptisch „Doch damit kann er scheinbar nichts anfangen, also stößt er dich von sich. Anders kann ich es mir nicht erklären.“
„Das klingt ja ganz nett, Cash“ erwiderte ich angefressen „Aber das glaube ich nicht. So... hat er sich absolut nicht verhalten. Betrunken hin oder her.“ Ich spürte, dass Cash noch etwas dazu sagen wollte, doch ich war müde und emotional viel zu belastet um noch weiter mit ihm zu diskutieren. Schnell erhob ich mich von der Couch und drehte ihm den Rücken zu, damit er die neuen Tränen, die sich bereits in meinen Augenwinkeln sammelten, nicht sehen konnte.
„Ich bin müde Cash“ sagte ich möglichst emotionslos „Danke für deine Hilfe.“ Ohne auf eine Reaktion von ihm zu warten verließ ich das Wohnzimmer und verschwand kurz im Bad ehe ich in mein Schlafzimmer ging. Ich hatte keine Ahnung ob Cash ging oder blieb und eigentlich war es auch egal. Mein Herz war in tausend Teile zersplittert und jede Hoffnung diesen sturen Biker doch noch für mich gewinnen zu können, war für immer vernichtet.
Doch wahrscheinlich war es besser so. Das Leben eines Outlaws war gefährlich. Ich sollte also vermutlich froh sein ihn losgeworden zu sein. Meine Wohnung war renoviert, ich war also nicht weiter auf seine Almosen angewiesen. Die letzten Wochen waren komplett ruhig gewesen, es würde mir also nichts passieren. Außerdem stand noch immer der von Lord angeordnete Wachposten vor meiner Tür. Kein Grund zur Sorge also. Das Leben konnte weitergehen und ich sollte ihn einfach vergessen...

Schlaflos wälzte ich mich von einer Seite auf die andere. Ich kam einfach nicht zur Ruhe. Das lag zum einen natürlich an den Geschehnissen dieses Abends, zum anderen aber auch an dem was vor einigen Wochen in dieser Wohnung passiert war. Theoretisch wusste ich natürlich, dass ich eine sicherere Tür hatte und sogar eine Alarmanlage. Dennoch blieb ein mulmiges Gefühl, dass mir jegliche Chance auf Schlaf raubte. Zum Glück hatte ich mir für den Mittwoch auch noch freigenommen, so übernächtigt hätte ich keine zwei Stunden bei der Arbeit überlebt.
Irgendwann strampelte ich resigniert die Decke von mir und stand auf. Ein Blick auf meinen Wecker verriet mir, dass ich bereits seit drei Stunden vergeblich versuchte einzuschlafen. „Vermutlich schlummert Care friedlich vor sich hin und rafft gar nicht, dass ich weg bin“ brummte ich gereizt und verließ mein Schlafzimmer. Zu meinem Erstaunen brannte im Wohnzimmer noch Licht und auch der Fernseher lief leise. War Cash also noch da?
Leise tapste ich rüber und tatsächlich saß der blonde Biker noch immer auf meiner Couch. Als er mich bemerkte drehte er seinen Kopf in meine Richtung und schenkte mir ein vorsichtiges Grinsen. „Du bist noch hier?“ fragte ich leise, auch wenn das ziemlich offensichtlich war. „Hmm.“ Er nickte bestätigend „Ich wollte dich nicht alleine lassen, Prinzessin.“
„Weißt du eigentlich, dass du klasse bist, Cash?“ seufzte ich und ging langsam zur Couch herüber. Cash lachte amüsiert über meine Bemerkung und sah mich mit einem schiefen Grinsen an. „So was sagen mir Frauen öfter. Für gewöhnlich aber im Bett.“ „Du bist ein Spinner“ kicherte ich und kuschelte mich an ihn. Ich war unendlich müde und brauchte einfach gerade jemanden an den ich mich anlehnen konnte. Eigentlich ja bisher Cares Job, doch der wollte ja nichts mehr von mir wissen...
„Sag bloß du bist schmuse-bedürftig, Prinzessin?“ murmelte Cash und legte seine Arme um mich. Es war angenehm, einfach gemütlich. Es lag keine sexuelle Spannung zwischen uns, die das Ganze irgendwie komisch gemacht hätte. Cash war für mich eher wie ein zusätzlicher Cousin.
„Hmm“ brummte ich zufrieden und nickte leicht „Hör aber bitte auf mich Prinzessin zu nennen. So langsam fängt das an zu nerven, wenn das jeder macht.“ Ich spürte, dass Cashs Brust zu vibrieren begann, doch er riss sich zusammen und schluckte das Lachen herunter. „Wenn es genau nimmt, bist du aber eine Princess, Ice“ meinte er kurz darauf, woraufhin ich ihn fragend ansah. „Wie meinst du das?“
„In einigen Outlaw-MCs werden die Töchter von Mitgliedern als Princesses bezeichnet“ erklärte er, woraufhin ich skeptisch meine Augenbrauen zusammenzog. „Ich bin aber keine Tochter...“ „Aber eine Nichte. Ist also fast das gleiche“ lachte Cash und ich ließ mich davon anstecken.
„Woher weißt du das überhaupt, Cash?“ fragte ich nachdem unser Lachen wieder verstummt war. „Das du Lords Nichte bist?“ hakte er nach und ich nickte bestätigend. „Das, kleine Prinzessin, werde ich wohl mit ins Grab nehmen“ antwortete er geheimnisvoll, woraufhin ich genervt schnaubte. „Blödmann.“ „Man hat mich schon schlimmeres genannt“ erwiderte er gelassen und ich konnte ein leises Lachen nicht verkneifen. Ich vermutete mal, dass er diese Information von Care hatte. Genauer wollte ich mich damit aber eigentlich auch gar nicht beschäftigen.
Kurz darauf verstummte mein Lachen wieder und sah zum Fernseher, wo gerade eine Dokumentation über Haie lief. Ob Cash sich dafür interessierte oder einfach nichts besseres gefunden hatte, würde ich wohl nie erfahren, denn schon nach zwei Minuten war ich in seinen Armen eingeschlafen.


~ Caretaker ~


Ich fühlte mich als würde jemand meinen Schädel mit einem Presslufthammer bearbeiten. Träge öffnete ich meine Augen, schloss sie jedoch direkt wieder als ich vom Sonnenlicht geblendet wurde. Ich wartete einige Minuten, doch der Schmerz ließ nicht nach. Ganz langsam kehrten die Erinnerungen an den gestrigen Abend zurück. Ich war noch im MOD-Büro, dann war da der leckere Whiskey, die heiße Clubmuschi... Danach war alles nur noch verschwommen, doch irgendetwas sagte mir, dass ich gewaltigen Mist gebaut hatte.
Stöhnend drehte ich mich auf den Rücken. Das Bett neben mir war leer und es sah auch nicht so aus als wäre das zu irgendeinem Zeitpunkt in der vergangenen Nacht anders gewesen, was mein ungutes Gefühl noch verstärkte. In meinem Schlafzimmer stank es wie im Schankraum des Clubhauses und das widerte mich einfach nur an.
Unwillig erhob ich mich, riss sämtliche Fenster auf und schlich förmlich ins Bad. Ich wagte es gar nicht erst einen Blick in den Spiegel zu werfen. Alleine das ich in meinen Klamotten von gestern geschlafen hatte, sagte mir schon alles was ich wissen musste.
Nach einer wenig erholsamen Dusche ging ich nach unten. Im Haus war es beinahe gespenstisch still. Ice war nicht in ihrem Zimmer und auch unten war sie nicht zu finden. Ihr Helm, ihre Jacke und auch der Schlüssel der Slim fehlten. Ich konnte mich daran erinnern, dass sie an diesem Tag noch frei hatte, aufgrund ihrer Prüfung gestern. Also war sie nicht bei der Arbeit. Oder vielleicht doch? Vielleicht gab es irgendeinen Notfall?
Nein, dachte ich mir, dann hätte sie eine Nachricht hinterlassen. Es war bereits nach elf, vielleicht war sie auch ins Clubhaus gefahren. Ich hoffte es irgendwie...

Ohne große Motivation machte ich mir einen starken Kaffee. Etwas zu Essen bekam ich gar nicht runter. Ich hatte die erste Tasse bereits vernichtet und die zweite vor mir stehen, als ich hörte, dass eine Harley meine Auffahrt hochfuhr. Es war jedoch nicht die Slim von Ice, viel mehr klang es nach Cashs Breakout
Wie war er durch das Tor gekommen? Oder hatte ich es gestern offen gelassen?
Kurz darauf erstarb das Motorengeräusch, doch ich bewegte mich zunächst nicht vom Fleck. Erst als ich hörte wie meine Eingangstür aufgeschlossen wurde, verspannte ich mich und erhob mich träge von meinem Platz. Doch wann dann passierte, darauf hätte mich nichts vorbereiten können.
Kaum stand ich auf meinen Füßen kam Cash auch schon in meine Küche gerauscht. Ehe ich überhaupt reagieren konnte, donnerte seine Faust auch schon in mein Gesicht und ich fiel wie ein Nasser Sack auf den harten Küchenboden.
Benommen blieb ich liegen und blinzelte irritiert an die Decke. Das einzige Geräusch war Cashs schnaubender Atem, der mir eindeutig zeigte wie wütend er war. Mein Kinn schmerzte von seinem Fausthieb, doch das störte mich ehrlich gesagt nicht.
Ich hörte wie Cash sich einen Stuhl unterm Küchentisch hervor schob und sich setzte. „Sie ist weg oder?“ fragte ich leise und sprach damit das aus, was ich bereits seit meinem Erwachen gespürt hatte. „Ja, mein Freund“ antwortete Cash schneidend „Sie ist weg.“
Seufzend setzte ich mich auf und sah benommen zu ihm empor. „Was habe ich gemacht?“ „Eigentlich sollte ich dich das fragen, Caretaker“ meinte Cash seufzend und schüttelte dabei den Kopf „Aber offenbar hast du dich ja ziemlich abgeschossen gestern Abend.“ Ich rechnete bereits mit einer Standpauke oder damit, dass er mich ausquetschen würde, doch zu meinem Erstaunen blieb er still.
Stöhnend erhob ich mich vom Boden und ließ mich wieder auf meinen Platz fallen. Ich vergrub mein Gesicht in meinen Händen und wartete auf Cashs Anschiss, der jedoch einige Minuten auf sich warten ließ.
„Sie hat mich mitten in der Nacht angerufen“ begann er schließlich, jedoch relativ gefasst „Weinend. Was auch immer du gemacht hast, Caretaker, du hast es versaut. Richtig versaut.“ „Hat sie gesagt was passiert ist?“ fragte ich vorsichtig, wagte es jedoch nicht in dabei anzusehen. „Nein“ antwortete er kopfschüttelnd „Sie meinte nur, dass ich dich vermutlich töten würde, wenn sie es täte.“ „Fuck“ fluchte ich und fuhr mit einer Hand durch die Haare.
„Ich sollte mich bei ihr entschuldigen“ sagte ich nach einem Moment leise, doch Cash schnaubte nur verächtlich. „Da wird eine Entschuldigung nicht ausreichen Bruder. So wie Ice derzeit drauf ist, wird sie dir direkt eine Kugel durch deinen Dickschädel pusten. Du kannst von Glück sagen, dass sie derzeit kein Interesse daran hat Lord oder den Zwillingen etwas von dieser Sache zu erzählen. Sonst würden die dich direkt unter die Erde befördern.“
„Und was soll ich deiner Meinung nach machen?“ wollte ich wissen und sah ihn verzweifelt an. „Keine Ahnung, Mann. Ist nicht gerade mein Fachgebiet.“ Entwaffnend hob Cash seine Hände, doch er war noch nicht fertig. „Zuerst solltest du dir aber bewusst werden was du willst. Willst du sie oder deine Freiheit? Aber was noch wichtiger ist – willst du es ihr zumuten die Old Lady eines Outlaws zu sein?“

In den nächsten Tagen funktionierte ich lediglich. Es war ein Wunder, dass ich bei der Arbeit keinen Fehler machte oder mit meinem Bike gegen einen Baum krachte. Mein Kopf war woanders. Mein Haus hatte ich seit Mittwoch Morgen nicht mehr gesehen. Ich hielt es dort nicht mehr aus. War das bescheuert? Ja, vermutlich. Unter Garantie. Doch ich konnte es derzeit nicht ändern, also verbrachte ich meine Nächte in meinem Zimmer im Clubhaus. Das war nicht unbedingt ungewöhnlich. Außerdem hatte ich genug zu tun um mich abzulenken. Theoretisch zumindest. In der Praxis funktionierte das nämlich überhaupt nicht.
Seufzend blickte ich nach oben auf das beleuchtete Schild von Charls' Bar. Es war Freitagabend und die nächste Runde des Bandwettbewerbs stand an. „Ich habe das Gefühl, dass das ein großer Fehler ist“ sagte ich leise in die kühle Abendluft. „Stell dich nicht so an, Caretaker“ brummte Cash neben mir „Du wolltest hierher um sie zu sehen, also zieh deinen Kopf jetzt aus dem Arsch, Mann.“
„Ist ja gut“ murmelte ich wenig begeistert und betrat die Bar. Als Cash und ich uns im Clubhaus getroffen hatten und er mich auf den Wettbewerb ansprach, erschien es eine gute Idee zu sein kurz vorbei zu kommen um sie zu sehen, doch jetzt... Andererseits war jetzt zu spät um den Schwanz einzuziehen. Ich würde mir den Auftritt von Ice und den Jungs ansehen und dann wieder verschwinden. Ganz einfach. Theoretisch.
Von Cash wusste ich, dass Ice einigermaßen gefasst wirkte in den letzten Tagen, doch er glaubte nicht, dass es auch tatsächlich so war. Mehrfach war ich kurz davor gewesen zu ihr zu fahren und sie um Verzeihung zu bitten, doch eine kleine Stimme in meinem Schädel hielt mich immer wieder davon ab.
Was, wenn es besser so war? Mein Leben war nicht ungefährlich, außerdem war ich absolut kein Typ für... Beziehungen. Dafür war ich viel zu kaputt. Ein schöneres Ende unseres Abenteuers wäre schön gewesen, doch man konnte ja bekanntlich nicht alles haben. Oder?

Cash und ich suchten uns einen Platz in der hintersten Ecke der Bar. Ich wollte es vermeiden, dass Ice mich sah. Sicherlich wäre sie alles andere als begeistert darüber und ich wollte ungern ihre Konzentration stören. „Sieht aus als wären sie heute als erstes dran“ hörte ich Cash sagen „Wird also kein langer Abend für dich, Alter.“ Fragend sah ich Cash daraufhin an, da ich ihm nicht ganz folgen konnte.
„Das ist Shades Schlagzeug“ erklärte er und deutete dabei in Richtung Bühne. Verstehend nickte ich und konzentrierte mich lieber auf meine Umgebung. Es war mittlerweile mehr ein Instinkt, als eine bewusste Handlung. Potentielle Bedrohungen zu entdecken war mein Job.
Ich ignorierte Cash und zum Glück schien er dies einfach hinzunehmen. Wir tranken still ein alkoholfreies Bier und warteten auf den Beginn des Wettbewerbs. Und dann – pünktlich um acht – betrat Chess die Bühne und langsam wurde es ruhig in der Bar. Ohne das sie überhaupt etwas sagen musste. An diesem Abend hatte Chess ihre Haare zu einem unordentlichen Knoten zusammengebunden. Sie trug eine Hotpants – die ein Tattoo an der Außenseite ihres linken Unterschenkels enthüllte – ein dunkles Shirt und die obligatorische schwarze Weste mit dem weinroten Kragen.
Als sie dichter an das Mikro trat war ein Seufzen zu hören, während sie leicht den Kopf schüttelte. „Ich habe mir Tagelang darüber Gedanken gemacht, wie ich diesen Abend am Besten eröffnen soll. Aber was soll ich sagen? Ich bin zwar gut darin zu quatschen, aber absolut miserabel, wenn es darum geht Reden zu schwingen.“ Ein Lachen ging durch das Publikum und Chess musste einen Moment warten ehe sie weitersprechen konnte.
„Also werde ich nur noch einmal die Regeln des Abends erklären und dann geht es einfach los. Heute werden die sechs Bands, die es durch die erste Runde geschafft haben, je drei Songs auf dieser Bühne per formen. Am Ende des Abends werden nur noch drei Bands übrig bleiben.“ Knapp erklärte sie das Prinzip der Abstimmung für diesen Abend, welches genauso war, wie vor einigen Wochen.
„So. jetzt habe ich wirklich genug gequatscht. Los geht es mit der ersten Band des Abends. Tosenden Applaus für Screwup.“ Das Licht in der vollen Bar dimmte sich und das Publikum rastete beinahe bereits aus, bevor Ice und die Jungs überhaupt zu sehen waren. „Krass“ hörte ich Cash sagen „War das beim letzten Mal auch so?“
Ich nickte lediglich als Antwort und sah stattdessen konzentriert in Richtung Bühne. Gerade betraten die vier diese und begaben sich auf ihre Plätze. Ohne eine Begrüßung zählte Shade an und sie begannen mit ihrem ersten Song. Ich brauchte einige Sekunden um diesen als Watch You Bleed von Five Finger Death Punch zu identifizieren.
Wie gebannt beobachtete ich Ice, die voll in ihrem Element zu sein schien, doch irgendetwas war anders an diesem Abend. Ich brauchte eine Weile um zu erkennen was es war – sie wirkte extrem aggressiv. Ob es an dem Lied lag oder es ihre Grundstimmung war, konnte ich jedoch nicht sagen.
„Alter“ zog Cash meine Aufmerksamkeit auf sich „Für mich hört sich das an wie ein verbaler Arschtritt. Und der ist definitiv an dich gerichtet.“ „Ja, das befürchte ich auch“ erwiderte ich und sah wieder zur Bühne.
Ich durchschaue dich und all deine Lügen. ~ Du bist alles, was ich verachte. ~ Was zum Teufel willst du von mir? ~ Es wird mich nicht umbringen zuzusehen wie du gehst. ~ Ich bin verdammt schuld, genau wie du …
Ja, es fühlte sich definitiv wie ein Arschtritt an. Eher noch viel schlimmer.
Noch bevor sie den ersten Song beendet hatten erhob ich mich von meinem Platz und verließ die Bar. Ich hörte, dass Cash mich nachrief, doch ich ignorierte ihn. Ich ignorierte alles um mich herum. Erst als ich draußen war hatte ich das Gefühl wieder Luft zu bekommen. Es war ein beschissenes Gefühl.
Würde dieser Abend wenigstens dazu beitragen eine Entscheidung zu treffen? Ich war mir nicht sicher.


~ Ice ~

„Schafft Flame es heute zu unserem Auftritt?“ wollte ich von Fire wissen, als wir auf unseren Einsatz warteten. Bei der ersten Runde vor drei Wochen hatte des Fires Vater leider nicht geschafft zu kommen, da er arbeiten musste. „Ich denke nicht, dass er vorbeikommen wird“ antwortete er und klang dabei irgendwie gequält. „Ist irgendetwas passiert?“ fragte ich besorgt nach, woraufhin er leise seufzte und mich ein wenig von meinen Cousins wegzog.
„Da ist diese Frau“ druckste er herum und ich zog überrascht die Augenbrauen Richtung Haaransatz. „Eine Frau?“ „Ja richtig... Es ist etwas... kompliziert...“ „Ist es das nicht immer?“ fragte ich zynisch nach, doch er beachtete mich gar nicht weiter. Die Jungs hatten meine miserable Laune bereits zu spüren bekommen und fürs Erste akzeptiert.
„Ich weiß nicht wie viel ich dir darüber erzählen darf aber... Ist eigentlich auch egal. Jetzt wohnt sie auf jeden Fall bei uns und heute wirkte sie ziemlich durch den Wind, als ich aus der Uni kam. Irgendwas ist passiert, aber sie wollte nicht darüber sprechen. Zumindest nicht mit mir.“
„Screwup.“ Eine unbekannte Stimme unterbrach Fire und so kam ich nicht mehr dazu ihm Fragen zu stellen. Seine Erzählung hatte mich verwirrt, doch wir hatten keine Zeit für weitere Erklärungen. Schnell schnappte ich mir meine Gitarre und wir machten uns auf den Weg in Richtung Bühne. Doch kaum hatte ich keine Ablenkung mehr, kehrte das Chaos in mir zurück. Es war eine Mischung aus Verzweiflung und Wut, wobei die Wut an diesem Abend irgendwie die Oberhand hatte. Vielleicht lag es an dem Bourbon, den ich zur Beruhigung getrunken hatte. Alkohol machte schließlich aggressiv...
Ich hörte noch, wie Chess uns ankündigte, dann traten wir auf die Bühne und gingen in Position. Ich liebte zwar die Musik, doch ich war absolut kein Show-Mensch. Daher hatten wir uns vorab darauf geeinigt direkt zu starten nachdem sich der Applaus etwas beruhigt hatte.

Ich verlor mich vollkommen in dem ersten Song. Es war eine spontane Idee gewesen die Jungs darum zu bitten, an diesem Abend Watch You Bleed anstatt Blue on Black zu spielen. Sie waren verständlicher Weise irritiert, stimmten jedoch zu.
Ich legte alle Emotionen in dieses Lied, wobei diese an diesem Abend nicht gerade positiv waren. Wie waren beinahe durch, als eine Bewegung im Publikum meine Aufmerksamkeit auf sich zog. Es war nichts ungewöhnliches bei lebendigen Zuschauern, dennoch sah ich aus irgendeinem unerklärlichen Grund dorthin. Und da sah ich ihn – Care.
Sein Blick war stur in Richtung Ausgang gerichtet, dem er sich mit energischen Schritten näherte. Es glich einem Wunder, dass ich vor Schreck meinen Text nicht vergaß und ins Stocken geriet. Äußerlich unbeeindruckt sang ich weiter, doch meine Gedanken liefen verrückt. Warum war er hier? Warum verschwand er jetzt wieder?

Schnell versuchte ich diesen verdammten Biker wider aus meinen Gedanken zu verscheuchen, was mir eher schlecht als recht gelang. Meine Aufmerksamkeit richtete ich stattdessen auf unseren zweiten Song des Abends: Still Counting von Volbeat. Vielleicht war es nicht die freundlichste Idee, die Zuschauer indirekt als Arschlöcher, Lügner, Betrüger und Idioten zu bezeichnen, aber ich mochte den Song. Außerdem achtete vermutlich sowieso niemand auf die Lyrics.
Unser dritter und somit letzter Song des Abends war War of Change von Thousand Foot Krutch. Vielleicht eine etwas ungewöhnliche und unbekanntere Wahl, doch die Reaktion des Publikums gab uns Recht. Sie feierten und tobten, als hätten wir bereits gewonnen. Fires Dank ging völlig in dem Lärm unter. Kopfschüttelnd wandte ich mich ab und die anderen folgten mir nach hinten, wo wir unsere Gitarren verstauten.
„Kommt ihr mit nach vorne?“ fragte ich die Jungs, nachdem ich mit etwas erfrischt hatte. „Wir bleiben noch kurz hier“ antwortete Shade stellvertretend für alle „Wir kommen aber nach, Prinzessin.“ „Okay“ erwiderte ich schulterzuckend und machte mich auf den Weg nach vorne. Kurz begegnete ich Chess, die mir auf ihre ganz eigene Art und Weise zu dem gelungenen Auftritt gratulierte: „Fuck Sassy! Du bist so scheiße gut, ich wäre beinahe gekommen. Wenn ich mir nicht vor Angst in die Hose geschissen hätte.“
Ja, die liebe Chess. Man musste sie einfach mögen. Oder hassen. Etwas anderes gab es dazwischen vermutlich nicht.
Ich besorgte mir bei der Bar eine Cola und sah mich dann nach einer Sitzgelegenheit um. Zu meiner Verwunderung entdeckte ich in einer der Ecken Cash. Er nippte an einem Bier und sah in Richtung Bühne. Dabei wirkte er jedoch irgendwie etwas abwesend. Ich blieb einen Moment unschlüssig stehen, beschloss dann aber zu ihm rüber zu gehen.
„Hey Cash“ begrüßte ich ihn mit einem etwas schiefen Grinsen und setzte mich einfach zu ihm. Ich sah wie er leicht zusammenzuckte, sich dann allerdings mit einem Grinsen zu mir drehte. „Hey Ice“ erwiderte er gelassen und nahm einen Schluck von seinem Bier „Geiler Auftritt.“ „Danke“ sagte ich mit einem leichten Schulterzucken. Mir war solch ein Lob irgendwie immer etwas unangenehm. Mein Blick schweifte rüber zur Bühne, wo der Wettbewerb weiterlief. Mehrere Minuten herrschte Schweigen zwischen uns. Ich rang mit mir ob ich ihn auf Cares Abgang ansprechen sollte, entschied mich jedoch dagegen.
Schließlich war Cash es, der das Gespräch auf den Enforcer lenkte. „Hast du in der Zwischenzeit mal etwas von Care gehört?“ wollte er wissen, woraufhin ich ihn mit einem abschätzenden Blick ansah. „Du meinst von seinem Abgang während unseres Auftrittes mal abgesehen?“ fragte ich woraufhin er leicht den Kopf einzog „Nein, habe ich nicht. Hätte mich ehrlich gesagt auch gewundert, wenn Mr. Obercool über seinen Schatten gesprungen wäre.“ „Mich ehrlich gesagt auch“ seufzte Cash „Dennoch hatte ich es gehofft. Care ist irgendwie... etwas neben der Spur.“ Ein Schnauben verließ meine Lippen und ich sah wieder zur Bühne. Ich wollte diesen Schieß gar nicht hören. Oder doch? Was brachte es mir zu wissen, dass das Ganze auch an Care nicht komplett spurlos vorbeigegangen war.
„Ich glaube er ist seitdem nicht wieder zuhause gewesen“ sprach Cash nach einem Moment weiter. Ich sah nicht wieder in seine Richtung, lauschte seinen Worten allerdings genau. „Ich kann es nicht beschreiben, aber... er ist nicht er selbst. Ich glaube er weiß, dass er einen Fehler gemacht hat. Ich denke, dass-“ „Lass gut sein, Cash“ unterbrach ich ihn mit erstaunlich gefasster Stimme und sah ihn wieder direkt an „Es fällt mir tatsächlich schwer das zu sagen, aber... ich denke es ist besser so wie es jetzt ist. Wenn das, was zwischen uns war, schon nach wenigen Wochen so dermaßen daneben ging... Dann wäre es auf Dauer niemals gut gegangen. Außerdem brauche ich niemanden an meiner Seite, der nicht mir mir spricht.“
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