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LEGACY - Ice & Caretaker (Devil's of Mayhem MC)

GeschichteDrama, Schmerz/Trost / P18 / Het
23.02.2021
04.05.2021
47
180.181
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04.05.2021 3.821
 
Die nächsten Tage waren Stress pur. Am Montag ging es für mich wie gewohnt nach der Arbeit zur Abendschule. Doch es war der letzte Unterricht vor unserer Prüfung am nächsten Tag und so verschob sich das Ende um eine geschlagene Stunde nach hinten. Zu meiner heimlichen Freude wartete jedoch nicht Care draußen vor der Tür, sondern Shade. Ich hätte nämlich absolut nicht einschätzen können wie der Enforcer an diesem Abend drauf gewesen wäre, wenn er so lange hätte warten müssen. Seine Laune war am Morgen schon etwas... angefressen gewesen. Also eigentlich alles beim Alten. Meinem Cousin hatte ich einfach zwischendurch eine Nachricht geschickt, dass es etwas länger dauern würde und damit war die Sache erledigt.
Als ich den Unterricht schließlich endlich verlassen durfte, fühlte ich mich wie erschlagen. Gähnend steuerte ich auf Shade zu, der an seiner Street Bob lehnte und dabei neugierig von meinen Mitschülerinnen beäugt wurde. Ich wollte lieber nicht wissen was die dachten, wenn andauernd ein anderer Typ auf mich wartete. „Endlich fertig?“ fragte Shade mit einem mitleidigen Blick als ich bei ihm stoppte. Gähnend nickte ich daraufhin. Eine andere Antwort brauchte es wohl nicht.
„Ich soll dir übrigens von Care ausrichten, dass er noch im Clubhaus ist. Wird auch wohl noch etwas dauern.“ Und warum sagt er mir das nicht selbst? Meine leicht gereizten Gedanken behielt ich lieber für mich und zuckte stattdessen nur kurz mit den Schultern. „Alles klar“ fügte ich noch hinzu und setzte meinen Helm auf. Eigentlich kam mir das doch ganz recht, immerhin musste ich mich so nicht mit ihm und seiner schlechten Laune auseinandersetzen.

Tatsächlich bekam ich Care an diesem Abend nicht mehr zu sehen und auch am nächsten morgen nicht. Genaugenommen wusste ich noch nicht einmal ob er die Nacht überhaupt in seinem Haus verbracht hatte. Da am Dienstag meine langersehnte Prüfung anstand, hatte ich frei und musste mich erst um halb acht aus dem Bett quälen. Von Care war da schon nichts mehr zu hören oder zu sehen, was ungewöhnlich war, denn so früh fuhr er sonst nie zum Clubhaus. Doch ich ignorierte das ungute Gefühl, dass seine Abwesenheit in mir auslöste. Viel Zeit mir über ihn Gedanken zu machen hatte ich ohnehin nicht, denn ich war mehr als nervös und ich hasste es nervös zu sein.
Wie in Trance duschte ich, zog mich an und zwang mich dazu etwas zu Frühstücken. Als es dann plötzlich an der Tür klingelte hätte ich beinahe einen Herzinfarkt bekommen, bis mir wieder einfiel, dass es vermutlich Cash war, der mich zur Uni begleiten würde. Seufzend erhob ich mich und schlenderte zur Eingangstür. Ein kurzer Blick auf den Monitor der Überwachungskamera bestätigte meinen Verdacht.
Ich öffnete das große Tor, deaktivierte die Alarmanlage und ließ die Tür angelehnt ehe ich wieder in die Küche schlurfte. Ich saß noch nicht lange als ich schwere Schritte im Flur hörte und Cash in meinem Blickfeld erschien. „Du siehst aus, als hättest du die halbe Nacht nicht geschlafen, Prinzessin“ meinte er schmunzelnd und bediente sich dann an der Kaffeemaschine. „Ich habe eigentlich gut geschlafen, Cash“ antwortete ich brummend „Aber ich bin scheiße-nervös und habe das Gefühl gleich kotzen zu müssen.“
Ich spürte seinen aufmerksamen Blick auf mir während er auf seinen Kaffee wartete und sich schließlich zu mir setzte. Einige Minuten saßen wir uns schweigend gegenüber bis Cash sich seufzend mit einer Hand durch die Haare fuhr. „Was ist los, Cash?“ fragte ich leicht skeptisch und sah ihn abwartend an. „Ich mache mir etwas Sorgen um Care“ murmelte er nach einem Augenblick so leise, dass ich ihn beinahe fast nicht verstanden hätte „Er ist in letzter Zeit etwas... schlecht drauf.“ „Das ist mir auch schon aufgefallen“ brummte ich kopfschüttelnd und nahm noch einen Schluck von meinem Cappuccino. „Weißt du was mit ihm los ist, Ice?“
Langsam hob ich meinen Blick von meiner Tasse und betrachtete den Biker vor mir genau. Es war mir bewusst, dass Cash von meiner Sex-Beziehung mit Care wusste – das hatte der Enforcer mir verraten. Verständlich also, dass er dachte ich könnte verstehen was in Care vorging, doch da würde ich ihn enttäuschen müssen.
Cash wirkte besorgt, doch wenn Care schon nicht mit seinem besten Kumpel sprach, dann doch erst recht nicht mit seiner Fick-Freundin. „Ich habe ehrlich Gesagt keine Ahnung“ antwortete ich seufzend „Ich gehe davon aus, dass es mit irgendwelchen Clubangelegenheiten zusammenhängt, allerdings spricht er nicht mit mir, also habe ich keine Ahnung was tatsächlich in ihm vorgeht.“
„Er spricht nicht mit dir?“ fragte Cash leicht fassungslos und schüttelte dabei langsam den Kopf als könnte er es absolut nicht glauben. „Was hast du denn gedacht, Cash? Care und ich ficken miteinander, mehr nicht. Ich bin nicht seine Seelenklempnerin.“
Kopfschüttelnd erhob ich mich von meinem Platz und verließ die Küche, ehe ich mich weiter in Rage reden konnte. Es ging an meine Substanz, dass Care nicht mit mir über seine Probleme sprechen wollte und so eine Ablenkung konnte ich an diesem Tag absolut nicht gebrauchen.

„Ice?“ Cashs fragende Stimme holte mich aus meinen Gedanken als ich im Bad vorm Spiegel stand und versuchte mich wieder etwas zu sammeln. „Ja?“ erwiderte ich nach kurzen Räuspern, woraufhin er langsam die Tür öffnete und vorsichtig um die Ecke sah. „Wir müssen los“ meinte er mit einem schliefen Grinsen. „Klar, ich beeile mich“ erwiderte ich schnell und zwang mich zu seinem Lächeln, welches jedoch sicherlich nicht überzeugend war. Cash nickte jedoch nur und ließ mich wieder allein.
Seufzend sah ich wieder in den Spiegel. Ich hatte mich zwar geschminkt, dennoch sah ich komplett übernächtigt aus. Ob ich Cash fragen sollte ob Care in der letzten Nacht überhaupt nach Hause gekommen war? Nein, lieber nicht. Zumindest nicht vor meiner Prüfung, dann wäre meine Konzentration komplett hinüber.
Ich schaffte es schließlich mich zusammenzureißen und nach unten zu gehen. Ohne weitere Worte machte ich mich fertig und wir fuhren gemeinsam zur Uni. Zum Glück versuchte Cash gar nicht erst ein Gespräch anzufangen, dafür hätte ich absolut keinen Nerv gehabt. Der Parkplatz der Uni war wie zu erwarten ziemlich voll, immerhin war es tagsüber und lauter Studenten anwesend. Ich hatte mich schon irgendwie gewundert, dass es überhaupt einen freien Raum für unsere Prüfung gab.
Zum Glück war es mit dem Bike kein Problem eine Parkmöglichkeit zu finden. Cash parkte neben mir, blieb jedoch auf seinem Bike sitzen während ich abstieg und meinen Helm absetzte.
„Wie lange wird die Prüfung dauern?“ wollte er wissen und sah sich währenddessen aufmerksam um. Einige Studenten beäugten uns mit einer Mischung aus Neugierde und Besorgnis, doch es waren nicht viele Leute unterwegs. Vermutlich war gerade keine Pause.
„Keine Ahnung“ antwortete ich schulterzuckend und holte meine Tasche aus der Satteltasche meines Bikes „Ich werde dich anrufen sobald ich fertig bin. Ist sinnvoller als würdest du die ganze Zeit hier herumstehen.“ Fragend sah ich Cash an, der einen Moment überlegte, schließlich aber nickte. „Ich fahre solange ins Clubhaus. Wird dann schätzungsweise eine halbe Stunde dauern bis ich wieder hier bin“ meinte er woraufhin ich kurz nickte.
Kurz darauf fuhr Cash wieder los und ich machte mich auf den Weg zum Prüfungsraum. Meine Knie fühlten sich an wie Wackelpudding, doch ich versuchte guter Dinge zu sein. Ich hatte viel gelernt, nun musste ich mich nur noch konzentrieren. Nur noch...


~ Caretaker ~


Ich hatte keine Ahnung wann ich das letzte Mal so beschissen geschlafen hatte. Es muss Monate her sein. Ich hatte mich dafür entschieden die Nacht nicht nach Hause zu fahren, sondern im Clubhaus zu bleiben. Ich redete mich ein, dass ich Ice vor ihrer Prüfung nicht stören wollte, doch ich wusste es eigentlich besser. Ich hatte keine Ahnung wie ich mit der Eisprinzessin umgehen sollte, also ging ich ihr aus dem Weg. Dass das nicht ewig funktionieren würde war klar, doch zumindest an diesem Tag sollte sie ihre Ruhe haben. Wie sie das fand und ob sie überhaupt wusste, dass ich gar nicht zu Hause war, wusste ich nicht, aber es war auch egal.
Seit sieben Uhr saß ich im Büro von MOD und beschäftigte mich mit nervtötendem Bürokram. Besonders die Dienstpläne raubten mir derzeit den letzten Nerv. Es wäre ein Vorteil, wenn Ice wieder in ihre Wohnung zurückkehren würde – zumindest würde es die Einteilung meiner Mitarbeiter erleichtern, immerhin wussten nur wenige Leute, dass Ice derzeit bei mir wohnte und das machte alles unnötig kompliziert. Vielleicht sollte ich einfach mal erwähnen, dass ihre Wohnung wieder fertig war und einfach abwarten wie sie reagierte. Vielleicht ging sie ja freiwillig...
Es war schon nach zehn als die Tür meines Büros auf einmal förmlich aufflog und Cash mit einem unergründlichen Gesichtsausdruck hereinkam. Ohne ein Wort zu sagen verschloss er die Tür wieder und ließ sich dann auf die Couch in der Ecke fallen.
„Solltest du nicht eigentlich bei Ice sein?“ fragte ich unverbindlich, da er nicht so aussah als wollte er seinen Besuch erklären. „Die sitzt gerade in ihrer Prüfung“ antwortete er schulterzuckend „Da kann ich ihr schlecht Händchenhalten. Ich hole sie wieder ab sobald sie fertig ist.“ „Verstehe“ gab ich nickend zurück und versuchte mich wieder auf meine Arbeit zu konzentrieren. Vergeblich natürlich. Kurz war ich gewillt ihn zu fragen, wie es Ice ging, doch ich verwarf diese Idee ganz schnell wieder. Cash war sowieso schon auf dem Trichter, dass ich mehr von Ice wollen würde, als ich zugab. Bullshit, aber das sah Cash natürlich nicht ein.
Ich spürte seinen nachdenklichen Blick auf mir, aber ich ignorierte ihn. Doch irgendwann durchbrach er natürlich die Stille. „Warum warst du letzte Nacht nicht Zuhause?“ Fuck! Woher wusste der Penner das denn jetzt bitte schon wieder? Von Ice? Langsam und möglichst gleichgültig hob ich meinen Blick von den Papieren und fixierte ihn.
„Hätte sich nicht gelohnt“ antwortete ich schulterzuckend „Bin hier gestern erst spät fertig geworden.“ Das ich absichtlich so lange gearbeitet hatte, verschwieg ich ihm natürlich. „Und das hat nicht zufällig etwas mit deiner kleinen heißen Mitbewohnerin zu tun?“ fragte er weiter und ich musste ein Knurren unterdrücken, welches bereits in meiner Kehle steckte. Wie konnte er es wagen Ice als heiß zu bezeichnen?
„Wie kommst du darauf?“ fragte ich leise und sah ihn aus verengten Augen an. „Ach nur so“ antwortete er abwinkend, doch ich glaubte ihm kein Wort. Für einige Minuten kehrte wieder Stille zwischen uns ein, in der ich erfolglos versuchte mich auf meine Arbeit zu konzentrieren. „Wir machen uns etwas Sorgen um dich.“ Cashs Aussage war so leise, dass ich ihn beinahe nicht verstanden hätte. „Wir?“ fragte ich schnaubend, obwohl ich die Antwort bereits kannte.
„Ice und ich“ antwortete er und bestätigte meine Vermutung. „Ach, ihr sprecht also hinter meinem Rücken über mich“ spottete ich und sah meinen Kumpel nun doch wieder direkt an. Der wirkte jedoch nicht gerade begeistert von meiner Aussage. „Jetzt hör mal auf so ein Arschloch zu sein“ fuhr er mich gereizt an, doch ich verschränkte nur ablehnend die Arme vor der Brust. „Du schleppst seit Wochen so eine... Aggression mit dir herum und es scheint nur eine Frage der Zeit zu sein, bis du explodierst und das gefällt mir nicht. Und Ice auch nicht.“
„Du übertreibst maßlos, Mann“ fuhr ich genervt dazwischen „Ich bin nicht... aggressiv – zumindest nicht mehr als sonst. Nur weil es im Moment teilweise nicht so läuft wie ich mir das erhoffe, werde ich schon nicht explodieren, wie so meintest. Und Ice soll auch mal nicht so ein Fass aufmachen. Ich ficke sie, mehr nicht und ich werde sicherlich nicht für eine Muschi anfangen zu singen. Kein Grund also so einen Aufriss zu veranstalten.“
Okay, zugegeben – das ging definitiv unter die Gürtellinie und ich war froh, dass Ice nicht anwesend war. Doch so wie Cashs Blick sich verdunkelte, war ich bei ihm wohl erst einmal untendurch. Fuck! „Wenn das so ist“ grollte Cash deutlich schlecht gelaunt und verließ daraufhin mein Büro, wobei er die Tür deutlich lauter zuknallen ließ als notwendig.
„Fuck!“ fluchte ich leise und vergrub mein Gesicht in meinen Händen. Wenn etwas schief ging, dann wohl richtig.


~ Ice ~


Erleichtert verließ ich den Prüfungsraum und schickte direkt eine Nachricht an Cash. Es dauerte keine Minute bis er antwortete und mir mitteilte, dass er in einer halben Stunde wieder bei der Uni sein würde. Ich nutzte die Zeit um zur Toilette zu gehen und mir einen Cappuccino in der Cafeteria zu holen.
Als ich das Heißgetränk schließlich vernichtet hatte, ging ich wieder nach draußen zu meinem Bike. Ich hatte bis dahin auch so viel Zeit vertrödelt, dass ich nur noch knappe zwei Minuten warten musste, bis Cash auf den Parkplatz fuhr. Er parkte neben mir, der Motor erstarb und er setzte seinen Helm ab. Irgendwie wirkte Cash etwas angespannt, doch ich beschloss diesen Umstand erst einmal zu ignorieren.
„Du warst schnell“ begrüßte ich ihn mit einem Grinsen, welches sich irgendwie nicht ganz richtig anfühlen wollte. „Habe mich extra beeilt“ erwiderte er ebenfalls grinsend „Willst du noch irgendwo hin oder direkt zurück zu Care?“ „Direkt zurück“ antwortete ich knapp und setzte meinen Helm auf. Cash nickte daraufhin knapp, tat es mir gleich und kurz darauf rollten wir los.

„Wie lief die Prüfung überhaupt?“ fragte Cash als er ungefragt hinter mir her in Cares Haus marschierte „Hast du bestanden?“. „Die Ergebnisse gibt es erst in zwei bis drei Wochen, Cash“ antwortete ich schmunzelnd, während ich in die Küche ging um für Cash einen Kaffee und für mich einen Latte Macchiato zu machen. Zwar hatte er nicht danach gefragt, aber Cash war tief in seinem Herzen ein Kaffee-Junkie. Der würde eine Tasse des koffeinhaltigen Getränks nie ablehnen. „Aber mein Gefühl ist eigentlich recht gut“ sprach ich weiter „War bestimmt nicht die beste Prüfung meines Lebens, aber zum Bestehen dürfte es hoffentlich gereicht haben. Aber ich muss auch noch eine mündliche Prüfung ablegen, erst danach entscheidet es sich endgültig.“
„Warum hast du die Prüfung überhaupt gemacht?“ fragte er neugierig weiter als ich mich ein paar Minuten später zu ihm an den Küchentisch setzte. „Ehrliche Antwort?“ wollte ich lachend wissen, woraufhin Cash mich reichlich irritiert ansah. „Den Grund gab es irgendwie gar nicht“ begann ich zu erklären „Es waren eher mehrere Gründe. Bessere Job- und Verdienstchancen waren zwei davon. Irgendwie wollte ich aber auch nach Ende der Ausbildung nicht aufhören etwas zu lernen. Das klingt total bescheuert, aber irgendwie-“ Ich sprach nicht weiter, sondern lachte stattdessen nur über meine eigenen Erklärungsversuche. Cash sah mich für einen Augenblick ziemlich planlos an, ehe er auch anfing zu lachen.
„Schon klar, Ice. Du bist einfach ein Streber“ brachte er schließlich lachend hervor, wofür er einen schlag gegen die Brust von mir kassierte. Das er den vermutlich kaum merkte, brauche ich vermutlich nicht zu erwähnen. Aber ich mochte Cash, also war es nicht weiter schlimm, dass er mich aufzog. Auch wenn er seine eigenen Dämonen hatte, war er meistens gut drauf und verbreitete gute Laune. So auch an diesem Nachmittag, auch wenn ich das Gefühl nicht verlor, dass etwas im Busch war. Ich fragte ihn jedoch nicht danach und von sich aus sprach Cash auch nicht darüber. Gute zwei Stunden blieb Cash bei mir ehe er sich verabschiedete und mich mit meinen Gedanken wieder alleine ließ.

Den Rest des Tages verbrachte ich auf der Couch. Ich hatte keine Ahnung wann Care wohl zurückkommen würde. Genauso wenig hatte ich eine Ahnung, ob er die letzte Nacht überhaupt hier verbracht hatte. Kurz war ich wieder gewillt Cash zu fragen, doch das verkniff ich mir lieber. Das war eine Sache zwischen Care und mir – zumindest vermutete ich das – und daher ging es den blonden Biker auch nicht an. Doch die ganze Situation gefiel mir überhaupt nicht. Seit unserer heißen Nummer auf der Terrasse hatten Care und ich kaum miteinander gesprochen und ich hatte ihn schon über einen Tag nicht mehr gesehen. Das bereitete mir Bauchschmerzen.
Mein Abendessen bestand lediglich aus einer Tiefkühlpizza, die ich nur zur Hälfte schaffte, da ich absolut keinen Appetit hatte. Ich hatte das Gefühl, dass etwas auf mich zukam, das ich nicht beeinflussen konnte. Ich war kurz davor meine Taschen zu packen und einfach in meine Wohnung zurückzukehren, doch weshalb? Weil Care mir aus dem Weg ging? Vielleicht tat er das auch gar nicht und ich bildete mir das einfach nur ein. Was auch war, ich wurde langsam aber sicher verrückt.

Es war bereits halb elf als ich Cares Bike hörte. Er parkte es in der Garage, doch anschließend vergingen beinahe noch fünf Minuten bis er das Haus betrat und in der Küche verschwand. Obwohl er gesehen und gehört haben müsste, dass ich mich im Wohnzimmer aufhielt, kam er nicht herüber. Stattdessen blieb er scheinbar in der Küche, doch es war kein Mux zu hören.
Ich wartete einige Minuten bis ich den Fernseher ausschaltete und leise in die Küche ging. „Hey“ begrüßte ich ihn vorsichtig und lehnte mich mit verschränkten Armen an den Türrahmen. Care stand vor der Anrichte, die Arme darauf abgestützt und den Kopf gesenkt. Irgendwie wirkte er... gebrochen.
Er zeigte keine Reaktion auf meine Begrüßung und ich biss mir leicht auf die Unterlippe um nicht direkt nervös weiter zu plappern. Irgendetwas war komisch an ihm, doch ich konnte es noch nicht benennen. „Alles okay?“ fragte ich schließlich doch vorsichtig. Augenblicklich ging ein Ruck durch ihn hindurch und er drehte sich zu mir herum.
Der Blick mit dem er mich dabei ansah, ließ mir jedoch das Blut in den Adern gefrieren. „Ja, verdammt. Es ist alles okay. Warum fragt ihr das andauernd?“ donnerte er los und ich konnte einige Sekunden nichts anderes tun als ihn völlig sprachlos anzustarren. Ihr? Meinte er damit Cash? Vermutlich...
„W-wir machen uns Sorgen um dich“ versuchte ich es weiter, bekam jedoch nur ein spöttisches Lachen von ihm „Das machen Freunde so...“ „Freunde“ spottete er regelrecht und ging einige Schritte auf mich zu. Ich musste mich zusammenreißen um nicht vor ihm zurückzuweichen. Das ist Care, rief ich mir in Erinnerung, er wird dir nichts tun. „Hältst du uns dafür? Freunde?“ fragte er kopfschüttelnd als könnte er meine Blödheit nicht fassen.
Aus großen Augen starrte ich den Mann an, der nur wenige Meter von mir entfernt stand und mich förmlich verspottete. Hatte ich mich tatsächlich so in ihm getäuscht? „Du warst ein Auftrag, Eisprinzessin. Außerdem habe ich dich gefickt. Das macht uns nicht zu Freunden.“ „Caretaker“ zischte ich warnend, doch das schien er gar nicht wahrzunehmen. „Das macht dich auch nicht zu meiner Lady, Sasha, also lass diesen Scheiß“ sprach er weiter und ich spürte ein aufsteigendes Brennen in meinen Augen. „Jetzt wirst du unfair, Care“ fuhr ich ihm dazwischen, wobei ich das Gefühl zu ignorieren versuchte, was er auslöste nur dadurch, dass er mich plötzlich mit meinem Vornamen ansprach.
„Ach?“ reizte er mich weiter und grinste dabei schief „Der Sex war ja ganz nett, aber-“ Mit einem wütenden Aufschrei überbrückte ich den Abstand zwischen uns und versuchte ihm ins Gesicht zu schlagen um ihn endlich zum Schweigen zu bringen, doch Cares Reflexe waren schneller. Im Bruchteil einer Sekunde packte er mein Handgelenk mit einem schmerzhaften Griff.
„Was sollte das denn werden?“ fragte er bedrohlich leise. Panisch sah ich zu ihm auf und verstand nun endlich was mit ihm los war. Viel mehr konnte ich es riechen. „Hast du getrunken?“ fragte ich entsetzt. Care stank wie eine ganze Spirituosen-Abteilung, aber nicht auf die Art wie man stank, wenn man den Abend im Schankraum des Clubhauses verbracht hatte.
Doch anstatt mir zu antworten packte er mit seiner freien Hand meine Kehle und drückte mich schmerzhaft gegen die Wand. Die Luft wurde förmlich aus meinen Lungen gedrückt und ich sah für einen kurzen Moment Sternchen durch mein Blickfeld tanzen. Panisch versuchte ich nach Luft zu schnappen, was mit dem Druck auf meiner Luftröhre jedoch beinahe unmöglich war. Mit meiner freien Hand versuchte ich verzweifelt seinen Griff zu lösen, doch es war hoffnungslos.
Mit aufgerissenen Augen sah ich panisch in sein Gesicht, welches völlig regungslos nur wenige Zentimeter von meinem entfernt war. Meine Füße berührten den Boden nicht mehr, doch ich fand keine Kraft um mich zu wehren und nach ihm zu treten.
Ich hatte keine Ahnung wie viel zeit verging, doch mein Blickfeld begann bereits sich zu trüben, als er sich weiter zu mir lehnte bis sich unsere Nasenspitzen beinahe berührten. „Halt dich einfach aus meinem Leben raus“ zischte er leise bevor er von mir zurücktrat und mich losließ. Haltlos sackte ich auf den Boden und schnappte panisch nach Luft. Nur am Rand bekam ich mit wie er den Raum verließ und mich alleine zurückließ. Meine Kehle schmerzte und ich bekam nur röchelnd Luft doch ich konnte mich nicht vom Fleck rühren, während Stille Tränen über meine Wangen nach unten liefen.

Keine Ahnung wie lange ich still weinend auf dem kalten Küchenboden saß und einfach nicht verstehen konnte was passiert war. Doch irgendwann schaffte ich es mich aufzuraffen. Fahrig wischte ich mir die Tränen aus dem Gesicht und taumelte die Treppe nach oben. Das gesamte Haus war wie ausgestorben und ich fragte mich für einen Moment ob Care wieder weggefahren war, verwarf diesen Gedanken jedoch schnell wieder. Die Harley wäre immerhin nicht zu überhören gewesen.
Wie in Trance schmiss ich wahllos irgendwelche Dinge in eine Tasche und ging wieder nach unten. Ich hatte nur einen einzigen Gedanken, der mich vorantrieb – ich musste hier weg. In der Garage angekommen fischte ich mein Handy hervor und wählte Cashs Nummer. Ich wollte nicht alleine nach Hause fahren. Viel zu groß war die Sorge in meinem Zustand nicht heile anzukommen.
„Was ist los, Prinzessin?“ Cashs Stimme klang besorgt, wenn nicht sogar leicht panisch, als er meinen Anruf endlich entgegennahm. „Kannst du mich abholen?“ fragte ich leise und man konnte es deutlich hören, dass ich geweint hatte. „Gib mir zehn Minuten“ antwortete er prompt „Tu nichts unüberlegtes.“ Damit beendete er den Anruf ehe ich etwas darauf erwidern konnte.
Tu nichts unüberlegtes... Was wollte er mir damit sagen? Hatte er sorge ich würde Care den Kopf abreißen? Der Wille war da, aber ich würde es kaum schaffen.
Schnell schüttelte ich den Kopf und versuchte mich zusammenzureißen. Meine Tränen waren noch immer nicht versiegt, doch ich machte einfach weiter. Ich stopfte meine gepackte Tasche in eine der Satteltaschen, wobei ich wohl deutlich rauer vorging, als es eigentlich notwendig gewesen wäre. Es war mir egal, es war mir absolut scheißegal.
Ich öffnete das Tor, schob die Slim hinaus und verschloss das Tor wieder. Kurz war ich versucht Cares Breakout einen liebevollen Tritt zu verpassen, doch was brachte ich nicht übers Herz. Das Bike konnte immerhin nichts dafür und außerdem hoffte ich irgendwie noch immer, dass alles nur ein großes Missverständnis war. Ein Teil von mir hoffte, dass Care jeden Moment herauskommen und sich entschuldigen würde. Doch er kam nicht.
Als das Garagentor wieder geschlossen war startete ich das Bike und fuhr mit einem beschissenen Gefühl zu dem großen Tor. Kaum hatte ich es wieder hinter mir verschlossen, tauchte Cash vor mir auf. Er machte Anstalten den Motor seiner Harley auszuschalten, doch ich schüttelte den Kopf. Sein Blick war skeptisch und besorgt, doch als ich auf die Straße fuhr folgte er mir umgehend.
Auf nach Hause...
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