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Zufluchtsort

GeschichteLiebesgeschichte / P12 / Het
Christine Daaé Erik - das Phantom der Oper
23.02.2021
01.03.2021
6
23.131
 
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23.02.2021 4.469
 
Anmerkung: Die Geschichte bezieht sich auf das Musical von Webber und die Verfilmung von 2004. Schnipsel aus Büchern und anderen Verfilmungen können einfließen, wenn es mir passend erscheint. Die Handlung setzt ein nachdem Christine das Phantom demaskiert hat, aber vor dem Mord an Joseph Bucket. Erzählt wird abwechselnd aus Christines und Eriks Perspektive.


Christine

Ich schloss den kleinen Koffer und warf noch einen letzten Blick in meinen leeren Garderobenraum. Wer wusste, wann ich ihn wiedersehen würde. In den letzten Tagen hatte sich die Unruhe in Paris immer mehr vergrößert, nicht so sehr durch die Berichte von der Kriegsfront sondern vor allem durch die Nachricht, dass die Pocken sich immer mehr ausbreiteten und nicht nur in den Armenvierteln Opfer forderten, sondern zunehmend auch in die Villen der Reichen vordrangen. Viele Familien hatten die Stadt bereits verlassen, die letzte Opernaufführung war vor zwei Tagen gewesen. Und nun sollten wir alle evakuiert werden. Madame Giry hatte es gestern Nachmittag verkündet. Wer Verwandte oder Freunde außerhalb der Stadt hatte sollte dorthin gehen, die anderen sollten sich um 10 Uhr im Foyer versammeln, um mit Sammeltransporten zu verschiedenen Unterkünften aufs Land gebracht zu werden. Die meisten der Tänzerinnen würden dieses Angebot annehmen, Madame Giry und Meg genauso wie ich. Insgeheim hatte ich heute Nacht noch gehofft, Raoul würde vielleicht kommen und mich holen, aber jetzt im Morgenlicht sah ich ein wie töricht dieser Gedanke war. Wir waren nicht verheiratet, nicht einmal verlobt, es war unmöglich dass ich bei ihm und seiner Familie lebte, ohne seinen und meinen Ruf zu ruinieren. Und vielleicht hatte er die Stadt auch schon verlassen. Ich hatte ihn seit Tagen nicht mehr gesehen. Er hatte zur Premiere von Il Muto kommen wollen, aber die würde jetzt nicht stattfinden.

Ich griff nach dem Koffer. Wenn die Unterkünfte gut genug für die anderen waren, dann auch für mich. Wenn ich Glück hatte kam ich an den gleichen Ort wie Meg und ihre Mutter, und dann würde es fast sein wie hier in der Oper.

Als ich mich zur Tür drehte, fiel mein Blick auf den großen Spiegel. Ich sah aufmerksam hinein und hoffte die Gestalt des Phantoms dahinter zu erblicken, wie an jenem Abend, als er mich zum ersten Mal hinunter in sein Reich geführt hatte. Aber natürlich war er nicht da. Ich hatte heute Nacht auch an ihn gedacht, hatte sogar überlegt hinunter zu gehen und ihn zu warnen. Aber sicher wusste er über die Evakuierung Bescheid, er hatte seine Augen und Ohren überall. Und wahrscheinlich war er sicherer als wir alle, die Oper war kein Ort an dem gekämpft werden würde, er kam nicht mit anderen Menschen in Kontakt die ihn mit den Pocken anstecken konnten, bestimmt hatte er auch Vorräte eingelagert. Ich wusste ich musste mich nicht um ihn sorgen, aber trotzdem – der Gedanke, dass er ganz allein dort unten war ...

Entschlossen wandte ich mich ab. Es war gleich zehn Uhr und ich musste jetzt für mich selbst sorgen, statt über Raoul oder das Phantom nachzugrübeln. Wer wusste schon, wann ich die beiden wiedersehen würde. Zuerst einmal musste ich den Pocken entgehen und den Krieg überleben. Ein banges Gefühl stieg in mir auf, als ich die Garderobe verließ und mich durch die Korridore drängte, eingekeilt zwischen Tänzerinnen, Sängern, Bühnenarbeitern und Dutzende anderer Bedienstete der Oper, die sich alle in die gleiche Richtung schoben. Ich fragte mich ob einer von ihnen vielleicht schon die Pocken hatte und mich anstecken würde. Die Beklemmung ließ mich schwer atmen als ich ins Foyer hinaustrat, wo das Gedränge genauso groß war. Ich drückte mich an die Wand und stellte den Koffer ab um Atem zu holen und mich zu orientieren.

Eine Hälfte des Raumes war überfüllt mit Menschen, die andere dagegen, dem Ausgang zu gelegen, fast leer. Dazwischen lag eine improvisierte Barriere aus allerlei Möbelstücken und Holzbalken mit nur kleinen Lücken dazwischen, an denen Polizisten standen, die offenbar immer nur kleine Gruppen durchließen. Diese Gruppen blieben auf der anderen Seite der Barriere stehen, bis ein weiterer Polizist hereinkam und sie hinausführte. Offenbar waren das die Leute die zusammen weggebracht wurden.

Ich hielt nach Meg oder Madame Giry Ausschau, damit wir uns zusammen anstellen konnten, aber sie waren unmöglich zu finden, das Chaos war viel zu groß. Sollte ich mich einfach irgendeiner Gruppe anschließen? Aber was, wenn ich wochenlang mit Leuten die ich nicht kannte irgendwo in der Einöde festsaß? Nach dem ganzen Durcheinander mit den Briefen des Phantoms war ich nicht erpicht darauf, mich von neugierigen Fremden ausfragen zu lassen. Doch wie es aussah, würde mir nichts anders übrig bleiben.

Seufzend griff ich wieder nach meinem Koffer und hatte gerade ein paar Schritte gemacht, als jemand meinen Namen rief. Ich drehte mich um.

"Christine! Gott sei Dank, ich habe schon befürchtet, du wärst bereits weg!"

"Raoul!" Ich ließ den Koffer fallen, um ihn zu umarmen. Er sah abgehetzt aus, sein Mantel an den Schultern voller Schnee, sein Haar zerzaust. "Ich wusste nicht, dass du noch hier bist!"

"Ich bin hier um dich abzuholen", erklärte er und mein Herz schlug schneller. "Ich hatte deswegen furchtbaren Streit mit meiner Mutter und meinem Bruder, sie haben mir Vorträge gehalten dass ich unmöglich ein lediges junges Mädchen in unser Haus aufnehmen kann, vor allem weil alle über uns und diese unsäglichen Briefe von diesem Verrückten, dem sogenannten Geist, Bescheid wissen." Er verzog das Gesicht. "Wenn du jetzt ein paar Wochen oder Monate bei mir wohnen würdest, wären wir entgültig das Stadtgespräch von Paris. Aber ich habe ein Jagdhaus und da bringe ich dich jetzt hin. Da bist du allein, keiner sieht dich, und ich besuche dich so oft ich kann." Er bückte sich nach meinem Koffer. "Komm, lass uns gehen."

"Warte!" Verwirrt packte ich ihn am Arm. Was hatte er da gesagt? Ein Jagdhaus? "Ich soll allein im Wald wohnen?"

"Natürlich nicht", erwiderte Raoul mit einem gezwungenen Lächeln. "Es ist Dienerschaft dort. Es wird dir nichts fehlen. Es ist gemütlich und abgeschieden und - "

"Und du denkst dann gibt es kein Gerede?" unterbrach ich ihn, ich spürte, wie mir das Blut in die Wangen stieg. "Da muss nur einer deiner Diener reden, mit deiner Mutter oder mit sonst jemandem – ich kann es schon hören. Der Vicomte die Changy versteckt seine Geliebte in seinem Lusthaus im Wald." Ich versuchte zu lachen, aber es misslang kläglich. "Raoul, sei vernünftig – das ist unmöglich."

Raoul blieb zögernd stehen und sah mich an. Mein Herz klopfte. So verlockend der Gedanke war mit Raoul zu gehen, das Chaos hier zu vergessen und gut versorgt durch diese Krise zu kommen – ich konnte es nicht. Es würde sich nicht geheim halten lassen. Was, wenn einer der anderen von Raouls Familie im Wald auf die Jagd gehen wollte? Was, wenn einer der Diener es seiner Mutter sagte? ich wusste zu gut, wie sehr die Bediensteten Klatsch und Tratsch liebten. Ich war nur ein Mädchen aus der Oper. Sie würden nicht für mich den Mund halten. Und mein Ruf war schon ramponiert genug ...

Energisch holte ich tief Luft.

"Raoul, ich bin dir dankbar dass du an mich gedacht hast und ich weiß das auch sehr zu schätzen, aber ich kann nicht heimlich mit dir gehen. Deine Mutter und dein Bruder haben recht. Ein lediges Mädchen kann nicht in einer adeligen Familie wohnen, es sei denn als Mündel oder als Verlobte eines der Söhne. Ich bin weder das eine noch das andere. Ich muss an meinen Ruf denken. Ich kann mich nicht mit einem Mann allein treffen."

Ich dachte an das Phantom und spürte wie ich rot wurde. ich hoffte, Raoul würde das darauf beziehen dass er ihr zumutete allein mit ihm zusammen zu sein. Mit dem Phantom war es etwas anderes, niemand wusste dass es ihn überhaupt gab, und niemand sah mich wenn ich zu ihm ging. In seiner Nähe hatte ich mich nie an soziale Konventionen gebunden gefüht, aber mit dem Vicomte war das etwas ganz anderes.

Raoul zögerte immer noch. Offensichtlich sah er ein dass ich Recht hatte, aber er wollte mich auch nicht im Stich lassen. Er ließ den Blick durch das Chaos in der Halle schweifen.

"Gibt es einen Ort wo du sonst hinkannst? Ich würde dich ungern mit diesem Haufen irgendwohin fahren lassen. Allein der Gedanke dass du unter lauter Fremden bist und ich nicht weiß, wie es dir geht, ist schrecklich."

"Wenn es gut genug für die anderen Sängerinnen und Tänzerinnen ist, ist es auch gut genug für mich", wiederholte ich was ich mir vorhin selbst gesagt hatte. "Vielleicht kann ich dir schreiben wenn wir irgendwo angekommen sind, dann musst du dir keine Sorgen machen."

"Der Postdienst wird unterbrochen werden, das weiß ich von meinem Vater. Die Gefahr dass die Postkutschen die Pocken verbreiten ist zu groß und es ist auch zu gefährlich. Wir würden nichts voneinander hören bis das alles vorbei ist." Flehend sah er mich an. "Christine, ich kann den Gedanken nicht ertragen dass du irgendwo da draußen bist, dich vielleicht ansteckst und ich bin nicht bei dir."

"Wenn ich mich anstecke kannst du ohnehin nicht zu  mir", erwiderte ich. Sanft legte ich eine Hand auf seinen Arm. "Sei vernünftig. Wir werden das beide überleben und uns hier wiedersehen, wenn die Spielzeit wieder beginnt."

Raoul schüttelte stur den Kopf und ich wurde ungeduldig. Ich sah mich in der Halle um. Das Durcheinander hatte sich merklich gelichtet, nur noch kleine Gruppen standen vor der Absperrung und warteten darauf durchgelassen zu werden. Bedienstete der Oper liefen noch durch die Gänge, versperrten Türen oder trugen Gegenstände heraus die offenbar weggebracht werden sollen.

"Ich  muss gehen, sonst versäume ich den letzten Transport. Sei vernünftig und mach keinen Skandal."

Entschlossen griff ich nach dem Koffer und Raoul hinderte mich nicht daran sondern trat einen Schritt zurück.

"Wenn du das wirklich willst – dann pass auf dich auf, Christine."

ich nickte und reichte ihm die freie Hand. Er zog sie an die Lippen und küsste sie.

"Leb wohl."

"Leb wohl, Raoul."

Ich sah ihm nach als er durch die Halle eilte, an den Polizisten vorbei die ihn sofort durchließen. Als er nach draußen verschwand betrachtete ich die in der Halle verbliebenen Gruppen und hoffte wieder jemanden zu sehen den ich kannte, aber es schienen hauptsächlich noch die Mitglieder des Orchesters und die älteren Schauspieler da zu sein. Offenbar hatte man die jungen Sängerinnen und Tänzerinnen schon abtransportiert. Ich blieb im Schatten einer der mächtigen Säulen stehen. Der Gedanke Wochen mit vollkommen Fremden isoliert verbringen zu müssen kam mir auf einmal furchtbar vor. Ich hatte nicht mit Raoul gehen können ohne meinen Ruf entgültig zu runieren, aber ich  konnte nicht leugnen dass es schön gewesen wäre bei jemandem zu sein den ich kannte. Ich sah in den Gang zurück durch den ich gekommen war. Er war leer. Ich ließ den Blick über die Säulen schweifen, an den Wänden entlang, ich hoffte meinen Engel zu sehen der irgendwo im Schatten stand um sich zu verabschieden. Wollte er nicht wissen, wohin ich ging? Aber wahrscheinlich war es zu gefährlich für ihn sich nach oben zu wagen wenn die Bediensteten durch alle Gänge wuselten und Türen absperrten.

Er würde der einzige sein der hier zurückblieb, ganz allein in dem riesigen Gebäude. Was, wenn er sich schon angesteckt hatte? Wenn ihm sonst irgend etwas zustieß? Ich versuchte den Gedanken zu verdrängen. Mein Engel wusste mich zu helfen, er lebte schon jahrelang unter der Oper, es würde ihm sicher nichts ausmachen wenn das Haus über seinen Kopf verlassen war. Er war an die Einsamkeit gewöhnt, schließlich war er immer allein, abgesehen von meinen Besuchen.

Ich schloss kurz die Augen und sah ihn förmlich vor mich, die dunkle Gestalt mit der weißen Maske, die irgendwo aus den Schatten hervortrat. Die Nacht, in der er mich zum ersten Mal in sein Reich hinunter gebracht hatte, das Beben in seiner Stimme und das Leuchten in seinen Augen, das stolze Lächeln auf der unversehrten Seite seines Gesichts als er mir sein Reich gezeigt hatte. Und der nächste Morgen, als ich alles ruiniert hatte weil ich unbedingt hatte wissen wollen, wie er unter der Maske aussah. Es war erst ein paar Wochen her, ich hatte ihn seitdem nicht wiedergesehen, er war für unsere Musikstunden für "Il Muto" hinter dem Spiegel geblieben und ich hatte mich nicht getraut den Vorfall noch einmal anzusprechen. Er hatte darauf bestanden dass ich die Rolle der Gräfin lernte, obwohl ich mir sicher war dass die Manager Charlotta damit besetzen würden. Unwillkürlich sah ich wieder in den Gang zu meiner Garderobe und auf einmal lastete es schwer auf mir, dass ich mich nie bei ihm entschuldigt hatte, geschweige denn mich für alles bedankt was er für mich getan hatte. Er hatte mir vertraut und ich hatte alles runiert. Und trotzdem war er wieder gekommen um ich zu unterrichten, mich für eine Oper vorzubereiten die ich jetzt nicht singen würde. Wenn ich ihn nun nicht wiedersah?

Ich ging mit dem Koffer in der Hand auf einen Mann zu, der in der Halle stand und offenbar eine Liste mit Namen überprüfte. Gleichgültig sah er mir entgegen.

"Name, Mademoiselle?"

"Christine Daae."

Er fand meinen Namen und sah mich fragend an.

"Fahren Sie mit einem der Transporte? Dann müssen Sie sich beeilen, die letzten fahren bald ab. Oder haben Sie einen anderen Zufluchtsort?"

"Ich-" Ich stockte. Das Wort schien in meinem Inneren eine Saite zum Schwingen zu bringen. Einen Zufluchtsort.

"Mademoiselle Daae?" Der Mann wurde ungeduldig.

Ich fuhr mich mit der Zunge über die trockenen Lippen, dann lächelte ich ihm freundlich zu.

"Ich habe einen Zufluchtsort, danke."

Der Mann nickte und machte einen Vermerk hinter meinem Namen.

"Sie werden durch die Presse davon hören, wenn die Oper wieder für die Proben geöffnet werden kann."

"Danke", erwiderte ich, doch der Mann hatte sich bereits abgewandt.

Ich drehte mich um, ging durch die Halle und sah über die Schulter, als ich in den Gang schlüpfte der zu meiner Garderobe führte. Doch niemand sah in meine Richtung, alle waren mit sich selbst beschäftigt. Langsam marschierte ich den vertrauten Gang entlang. Ich hatte mich entschieden.


In meiner Garderobe stellte ich den Koffer ab und zündete den Kerzenleuchter an, dann wandte ich mich zum Spiegel und tastete den Rahmen auf der rechten Seite ab, bis ich die winzige Unebenheit spürte, mit der man den Spiegel von dieser Seite öffnen konnte. Das Phantom hatte sie mir gezeigt, aber ich hatte es nie gewagt mich allein in die Gänge zu begeben. Vorsichtig schob ich den kleinen Knopf nach rechts und der Spiegel begann sich zu drehen. Hastig griff ich nach dem Koffer, schob mich durch den Spalt und zog den Spiegel hinter mir zu. Ich  klappte den Riegel zu und machte mich auf den Weg. Es war das erste Mal dass ich die Gänge allein betrat, und mir war unbehaglich zumute. Die einzelne Kerze gab nicht sehr viel Licht ab, die flackernden Schatten erschreckten mich und der Koffer schient mit jedem Schritt schwerer zu werden. Schließlich blieb ich stehen, stellte den Koffer ab und atmete tief durch. Der Weg kam mir länger vor als damals als ich ihn mit dem Phantom zusammen gegangen war, und in seiner Gegenwart hatte ich mich auch nie gefürchtet.

"Reiß dich zusammen", sagte ich laut zu mich selbst. "Du bist doch kein kleines Kind mehr. Und wenn du die nächsten Wochen bei dem Phantom verbringen willst gewöhnst du dich besser gleich an die Dunkelheit."

Meine Worte erzeugten ein seltsames Echo. Schnell griff ich nach dem Koffer und ging weiter. Jetzt war ich auf der großen Treppe, die in einer weiten Spirale zum Ufer des unterirdischen Sees führte. Ich kniff die Augen zusammen. Müsste ich nicht schon das Licht der Fackel sehen, die am Ufer neben dem Boot brannte? Doch der Gang vor mir blieb dunkel.

Schließlich kam ich so plötzlich am Ufer an, dass ich fast ins Wasser getreten wäre. Erschrocken machte ich einen Schritt zurück und ließ den Koffer fallen. ich hob die Kerze und fand die Fackel, die aber nicht brannte. Als ich ich angezündet hatte wurde es etwas heller, aber sofort bekam ich den nächsten Schreck – das Boot war nicht da. Wie sollte ich jetzt zu ihm gelangen?

Ich zwang mich ruhig zu atmen und klar zu denken. Natürlich lag das Boot auf der anderen Seite, und auf dieser befand mich zweifellos auch das Phantom, schließlich erwartete er mich nicht. Ich musste ihn irgendwie auf mich aufmerksam machen. Über dem Wasser lag ein blasser Lichtschein, ich wusste dass an den Pfeilern die die Decke trugen Lampen hingen, und ich glaubte auch den Kerzenschein auf der anderen Seite des Sees zu sehen. Sollte ich laut rufen? Würde er mich hören? Und was, wenn nicht?

Auf einmal schob sich ein anderer Gedanke nach vorne, den ich die ganze Zeit erfolgreich verdrängt hatte: Was, wenn es dem Phantom gar nicht recht war, dass ich zu ihm kam? Ich hatte das Gefühl dass er sich stets freute ich zu sehen oder mit mir zu reden, aber bisher hatte immer er die Zeit der Besuche bestimmt. Er war an die Einsamkeit gewöhnt. Vielleicht würde er es furchtbar finden, mich jetzt die ganze Zeit am Hals zu haben? War es nicht ungehörig, ihn so zu überfallen, ihn gleichsam vor vollendete Tatsachen zu stellen und mich ihm aufzuzwingen? Mir stieg bei diesem Gedanken das Blut ins Gesicht, ich machte schon eine halbe Wendung, um wieder die Treppe hinaufzusteigen, als die Musik einsetzte.

Unwillkürlich bewegte ich mich auf die Musik zu, bis ich mit den Fußspitzen das Wasser berührte. Es war der Klang der Orgel, der laut über das Wasser schallte. Es war keine richtige Melodie, nur ein paar Töne. Dann eine kurze Pause, dann wieder Töne, diesmal ein bisschen anders. Er komponierte.

Ich wurde von seiner Musik angezogen wie immer. Ich verschwendete keinen Gedanken mehr daran, ob ich ihn vielleicht störte oder ihm nicht willkommen war. Ich lauschte der Musik, und als wieder eine Pause entstand rief ich laut: "Engel!"

Ein fürchterlicher Akkord erklang, als wäre er zusammengefahren. Einen Moment war es totenstill, dann hörte ich seine Stimme über das Wasser: "Christine?"

"Ja, hier bin ich", antwortete ich und mein Herz begann zu klopfen.

"Warte, ich komme."

Vom anderen Ufer näherte sich ein schwankendes Licht, die Laterne die immer vorn am Boot hing. Ich hörte dass Plätschern des Wassers, dann konnte ich allmählich das Boot erkennen und die schwarze Gestalt, die kraftvoll den Staken bewegte. Aber – irgend etwas war anders. Ich strengte die Augen an. Er war jetzt nah genug dass ich ihn im Licht der Fackel sehen konnte. Er trug keinen Frack, nur eine Weste über dem Hemd, die Knöpfe funkelten wo das Licht sie traf. Doch darüber – es fehlte der weiße Schimmer, der immer über seinem Gesicht lag. Einen Augenblick später begriff ich. Er trug keine Maske.

Ich hielt mich nur mit Mühe davon ab, die Hand vor den Mund zu schlagen. Eigentlich war das ja nicht ungewöhnlich, schließlich hatte er mich nicht erwartet und warum sollte er eine Maske tragen wenn er hier unten allein war? Aber ich erinnerte mich nur zu gut daran was geschehen war, als ich ihn damals ohne Maske gesehen hatte. Hatte er sie bewusst nicht aufgesetzt um mich zu erschrecken? ich konnte es mir nicht vorstellen. Viel wahrscheinlicher war dass er sie einfach vergessen hatte als ich ihn aufgescheucht hatte. Die Frage war nur, was das für Folgen haben würde.

Ich atmete tief durch. Ich musste mich zusammenreißen, durfte mir nichts anmerken lassen. Wenn es jetzt schiefging würden die nächsten Wochen entsetzlich werden, wenn er mich nicht gleich wieder fortjagte. Ich durfte das Fehlen der Maske nicht erwähnen. Er durfte nicht glauben dass ich mich unbehaglich fühlte. Ich würde ihm in die Augen sehen und alles andere vergessen.

Inzwischen hatte er das Ufer erreicht, das Boot stieß gegen den Felsen auf dem ich stand. Ich sah ihm in die Augen und lächelte. Er musterte mich genauso intensiv, die Stange in den Boden gestemmt damit das Boot nicht abtrieb.

"Du bist es wirklich", sagte er schließlich, seine Stimme weich und tief wie immer wenn er nicht gerade einen Wutanfall hatte. "Ich dachte schon ich hätte Halluzinationen. Was machst du hier? Ist die Oper nicht evakuiert worden?"

"Doch, das heißt ich sind noch dabei, aber ich – ich habe gedacht ich könnte – ich meine, ich würde für die Zeit lieber hierbleiben – wenn es dir nichts ausmacht."

Sein Mund öffnete sich ungläubig, das Geschwulst über der rechten Oberlippe zuckte grotesk. Seine Hände glitten an der Stange nach unten.

"Hier bei mir?" fragte er, seine Stimme höher als sonst.

"Nur wenn es dir nichts ausmacht", sagte ich hastig. "Ich kann auch-" Ich machte eine Bewegung zur Treppe hinter mir.

"Oh, Christine. Natürlich macht es mir nichts aus. Im Gegenteil – es wäre wundervoll. Aber du – bist du dir sicher dass du das willst? Wenn die Evakuierung abgeschlossen ist kannst du nicht mehr fortgehen, und es kann Wochen oder Monate dauern. Bist du dir sicher dass du die anderen Mädchen nicht vermissen wirst?"

"Ich würde dich und die Musik mehr vermissen", murmelte ich und spürte wie ich rot wurde. "Und ich müsste nicht ständig daran denken dass du mich wieder hinaufbringen musst, damit man mich nicht vermisst. Wir hätten endlich einmal Zeit für die Musik und-" Verlegen senkte ich den Blick. Ich konnte ihm nicht sagen, dass es unerträglich für mich war, wenn er allein und von allen verlassen hier unten blieb. "Ich wäre lieber hier als irgendwo anders."

"Dann ist es mir eine große Freude", sagte er und ich sah wieder zu ihm auf.

Das Phantom streckte mir die Hand hin und ich reichte ihm zuerst den Koffer ehe ich mir ins Boot helfen ließ. Ich bemerkte dass er auch keine Handschuhe trug. Seine Hand war kalt. Er löschte die Fackel, ehe er sich vom Rand abstieß. Kraftvoll ruderte er uns über den See wie beim letzten Mal, aber ich bemerkte dass wesentlich weniger Kerzen in der Höhle brannten. Zündete er immer wegen mir alle Leuchter an, damit es so hell wie möglich wurde?

Wir stießen ans andere Ufer, er vertäute das Boot und half mir heraus. Dann trug er meinen Koffer in das Zimmer mit dem Schwanenbett. Wir standen uns verlegen gegenüber. Obwohl ich mich bemühte konnte ich es nicht vermeiden die Geschwulste auf der rechten Gesichtshälfte wahrzunehmen, die pusierenden Venen, die verfärbte Haut. Ich verschlang unruhig die Hände. Er verschränkte seine auf dem Rücken.

"Ich lasse dir Zeit dass du dich einrichten kannst. Und – und ich muss einkaufen gehen. Ich habe nicht genug Lebensmittel – du kannst nicht essen was ich esse. Und dann-"

"Du musst nicht hinausgehen", unterbrach ich ihn. "Was gut genug für dich ist ist auch gut genug für mich."

Er schüttelte den Kopf.

"Ich kann mich mit Rotwein und Käse begnügen, wenn ich überhaupt esse. Aber du nicht. Und ich brauche noch andere Dinge." Er hatte sich schon halb abgewandt, als er sich wieder zu mir umdrehte.

"Es ist wundervoll dass du gekommen bist, Christine. Du machst mich sehr glücklich."

Er strahlte mich an und in diesem Augenblick wusste ich dass ich mich an seine Entstellung gewöhnen würde.

"Warte", sagte ich als er sich wieder abwandte. "Verrätst du mir deinen Namen?"

"Erik", antwortete er kurz, dann eilte er hinaus. Ich folgte ihm. Offenbar war das nichts über das er reden wollte, aber er musste doch auch einen Nachnamen haben? Ich wartete in dem großen Wohnraum bis er aus seinem Zimmer kam und die Tür hinter sich abschloss. Ich sah dass er zwar einen Mantel über dem Arm und seinen Hut in der Hand trug, aber immer noch keine Maske. Offenbar hatte er wirklich vergessen dass sie fehlte. Sollte ich etwas sagen? Es würde ihn verlegen machen. Aber wenn er ohne Maske hinaufging und die ersten Leute schreiend vor ihm davon rannten würde es viel schlimmer sein. Außerdem war es sicher besser wenn niemand sein Gesicht sah.

Er ging an mir vorbei auf das Boot zu und hob im Gehen einen leeren Korb vom Boden neben der Türöffnung zu einem anderen Raum auf.

"Erik?" sagte ich zögernd.

Er drehte sich zu mir um. "Ja? Soll ich dir etwas Bestimmtes mitbringen? Du brauchst es nur zu sagen."

"Nein, aber-" Ich befeuchtete meine trockenen Lippen. "Wenn du hinaufgehst möchtest du vielleicht deine Maske tragen?"

Erik ließ Korb, Hut und Mantel fallen und fuhr mit der Hand zur zerstörten Seite seines Gesichts. Die andere Seite zeigte ein solches Entsetzen dass ich bereute etwas gesagt zu haben.

"Christine", stieß er hervor, dann fuhr er herum und rannte auf sein Zimmer zu. Ich raffte meinen Rock und lief ihm nach. Ich holte ihn an der Tür ein, er hatte Mühe mit der linken Hand den Schlüssel umzudrehen. Die rechte hielt er immer noch auf sein Gesicht gepresst. "Oh Christine es tut mir so leid. Ich habe vergessen dass ich keine Maske trage. Ich wollte nicht dass du das sehen musst. Vergib mir."

Das Schloss öffnete sich, er eilte in den Raum dahinter. Ich blieb in der Tür stehen und sah zu wie er hastig seine weiße Maske aus der Schublade nahm, vor den Spiegel trat und sie mit zitternden Fingern befestigte. Unsere Blicke trafen sich im Spiegel und ich lächelte ihm zu.

"Du musst sie nicht tragen. Nicht wegen mir. Wirklich, es macht nichts. Ich dachte nur, wenn du hinaufgehst ist es vielleicht besser."

Schweigend ging er an mir vorbei aus dem Raum und schloss die Tür wieder ab. Dann nahm er meine Hand, hob sie an die Lippen und küsste mich leicht auf die Knöchel.

"Du bist sehr gut zu mir, Christine", sagte er mit etwas belegter Stimme. "Aber niemand sollte sich das ansehen müssen, am allerwenigsten du."

Er hob seinen Mantel auf und schlüpfte hinein, dann zog er aus der Tasche ein paar schwarze Handschuhe und zog sie ebenfalls an. Zuletzt setzte er den Hut auf und nahm den Korb.

"Ich werde spätestens in zwei Stunden zurück sein. Bitte mach es dir bequem. Mein Haus ist dein Haus."

Mit dem Anflug eines Lächelns stieg er ins Boot und stieß sich ab. Ich sah ihm nach, bis er auf der anderen Seite ankam und die Laterne erlosch.
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