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Indigo Blue

von Jien
GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P18 / Het
Hikari "Kari" Yagami und Gatomon Mimi Tachikawa und Palmon Sora Takenouchi und Biyomon Taichi "Tai" Yagami und Agumon Takeru "T.K." Takaishi und Patamon Yamato "Matt" Ishida und Gabumon
23.02.2021
02.03.2021
2
6.158
3
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Dieses Kapitel
1 Review
 
 
23.02.2021 3.218
 
Indigo Blue


Autor: Jien
Fandom: Digimon
Kapitelanzahl: 200 – 300 (grobe Schätzung)
Rating: P18
Protagonisten: Yamato Ishida, Taichi Yagami, Sora Takenouchi, Hikari Yagami, Takeru Takaishi, Mimi Tachikawa, Koushiro Izumi, Jou Kido, Daisuke Motomiya, Ken Ichijouji, Miyako Inoue, Iori Hida, Hiroaki Ishida, Natsuko Takaishi, Jun Motomiya
Pairing: Yamato X ???, Koushiro X Mimi, Takeru X Hikari, Ken X Miyako
Timeline: 22. November 2008 – mal sehen
Warnung: Stellenweise sehr düster und traurig.
Hinweis: Yamatos Band wurde in dieser Geschichte etwas umbenannt und ausgebaut.


Summary

„Eine Nacht, die alles verändert, die Wunden aufreißt, die nachdenklich macht und die jedem einzelnen zeigt, dass das Leben kostbar ist und man keinen einzigen Moment verschwenden darf. Denn viel zu schnell kann alles vorbei sein, noch bevor es so richtig begonnen hat.“


Disclaimer

An den aus Digimon Adventure bekannten Charakteren habe ich keinerlei rechte. Die Handlung entspringt meiner eigenen Fantasie. Ich verdiene mit dem Schreiben dieser Geschichte kein Geld.


Author's Notes

Yoo! Bestimmt wird euch der Titel bekannt vorkommen. Dass liegt daran, dass ich die Geschichte vor einigen Jahren schon unter meinem damaligen Account Reno VII (anfangs noch Mielikki) veröffentlicht habe. Da der Account nicht mehr existiert, gibt es nun auf diese Weise ein Comeback. Ich hoffe, dass die Geschichte trotzdem noch dem einen oder anderen ein Lesevergnügen ist.


❈❈❈


Die Zeit steht still
Kapitel 1


„Auch wenn ich jetzt sterbe, bin ich glücklich, denn unsere Freundschaft währt ewig!“


22. November 2008


Eine graue, undurchdringlich scheinende Wolkendecke hatte sich über Tokio ausgebreitet. Der Regen fiel in langen Fäden nieder und verwandelte die Straßen und Bürgersteige in absolute Gefahrenzonen.
Es war November und schon ziemlich kühl geworden. Der nasse Asphalt funkelte bedrohlich im Licht der Scheinwerfer.
Na toll, das ideale Begrüßungswetter‘, ging es Yamato durch den Kopf und er wischte sich mit dem Lederhandschuh einmal über das Visier seines Motorradhelms. Er konnte kaum noch etwas sehen.

Yamato kam gerade von einem seiner vielen Gigs und weil der Tourbus mal wieder streikte, hatte die Band kurzerhand beschlossen, die Konzerte in der näheren Umgebung ihrer Heimatstadt, mit dem Motorrad zu bestreiten.
Angesichts der Wetterlage wusste Yamato auch wieder, weshalb er das zu dieser Jahreszeit normalerweise nicht tat. Aber sie hatten ihre Auftritte auch nicht absagen wollen. Schon gar nicht hier, wo sie zu Hause waren. Hier waren ihre Konzerte stets ausverkauft, die Hallen quollen beinahe über.

Was vor sechs Jahren als simple Schülerband begonnen hatte, reichte nun um davon leben zu können und manchmal konnten sie selbst noch gar nicht glauben, was aus ihrem »Lost-In-Silence«-Projekt von damals geworden war.
Yamato hatte die Worte seines Vaters noch gut im Kopf, als der ihm gesagt hatte, dass Musik nichts sei, womit man sein Geld verdienen könnte und er lieber etwas Bodenständiges lernen sollte. Jede Platzierung an der Chartspitze und jedes ausverkaufte Konzert waren Yamato eine Art Genugtuung dafür, dass sein Vater einfach kein Vertrauen in ihn gesetzt hatte. Hiroakis Worte mochten durchaus vernünftig, aber eben unerwünscht gewesen sein.

Yamato schüttelte die ungebetenen Gedanken rasch ab. Heute Abend waren sie wirklich gut gewesen und nichts und niemand sollte dieses positive Gefühl zerstören.
Man wusste schließlich nie, wie lange die Welle des Erfolgs einen mit sich trug und da waren Tage wie dieser zu wertvoll, um sie mit bitteren Gedanken zu füllen.
Yamato setzte den Blinker, um den Highway zu verlassen. Er musste erst noch Mike, ihren Keyboarder, nach Hause bringen, bevor er selbst seine WG aufsuchen konnte.

Die Lichter der Stadt zogen in bunten Linien an ihnen vorbei, während die Kälte sich einen Weg unter Yamatos Lederjacke bahnte. Sofort musste er an Gabumon denken und daran, wie herrlich warm dessen Fell ihn während ihrer früheren Abenteuer gehalten hatte. Was sein Freund wohl gerade so trieb?
Sein letzter Besuch lag schon lange zurück, aber bei den vielen Bandproben, den Auftritten und seinem Musikstudium hatte er einfach nicht die Zeit dafür gefunden. Es tat ihm leid und er hoffte, dass sein Freund es ihm verzeihen würde.
Gabumons flauschiges, wärmendes Fell wäre gerade gar nicht schlecht. Yamato dachte insbesondere an ihren ersten Aufenthalt in dieser fremden Welt zurück und daran, wie der Kleine ihn vor dem sicheren Erfrieren bewahrt hatte. Sein Digimon hatte ihn so oft beschützt, er sollte ihn wirklich mal wieder sehen.

Yamato war so sehr in seine Gedanken versunken, dass er um ein Haar die Straße verpasst hätte, in der Mike wohnte. Sein Bandkollege musste ihm auf die Schulter klopfen, um seine Aufmerksamkeit wieder auf das hier und jetzt zu richten.
„Entschuldige“, gab Yamato durch den Helm, Fahrtwind und die hohe Geschwindigkeit gedämpft zur Antwort, als er den Lenker scharf herumgerissen hatte, um die Abzweigung noch zu erwischen.
Mike hinter ihm schüttelte aber bloß gutmütig den Kopf und hielt sich wieder an Yamatos Flanken fest.

Schließlich hielten sie vor einem der Wohnhäuser an und Mike stieg ab. Obwohl hinter fast keinem Fenster hier im Viertel mehr Licht brannte, ließ Yamato seine Maschine laufen. Er würde beim Anfahren darauf verzichten mit dem Gas zu spielen, das musste reichen. Fand er wenigstens. Aber wenn das Motorrad einmal ausging, dann hatte es häufig die Macke, dass es danach nicht mehr anspringen wollte und leider hatten sie auch keine Kabel dabei, mit denen sie Überbrücken könnten.
Mike nahm den Helm ab und schüttelte sein langes, braunes Haar aus, verstaute Handschuhe und Nierengurt, sowie das Halstuch im Helm und warf einen missbilligenden Blick in den finsteren Himmel. Der Regen war inzwischen noch deutlich stärker geworden. Die Straße stand fast vollständig unter Wasser.

„Und du willst bei diesem Dreckwetter echt noch weiterfahren?“, fragte Mike und legte den Kopf schief, während er den Blonden anblickte. „Ich meine, du könntest ja auch hier pennen und morgen zu dir fahren.“
Yamato wusste das Angebot zu schätzen, schüttelte aber den Kopf. „Nein, ich glaube nicht, dass ich die Klamotten über Nacht trocken kriege und ich will mich da nicht noch einmal hineinzwängen müssen“, lehnte er ab.
„Du kannst ja was von mir haben“, argumentierte Mike, sah allerdings schon an Yamatos wenig begeistertem Blick, dass er das nicht tun würde. Ihr Bandleader war ein ganzes Stück größer als Mike und auch deutlich schmaler.

Schließlich seufzte er, fuhr sich noch einmal durch die dunklen Haarsträhnen und meinte: „Na ganz wie du willst, Yama, aber fahr vorsichtig, okay?“
Yamato konnte nicht verhindern, dass er jetzt laut auflachte. Mike war der Älteste in ihrer Band und genauso benahm er sich meistens auch.
„Du klingst wie mein Dad“, versetzte Yamato und löste damit ein leicht genervtes Augenrollen bei seinem Freund aus.
Immer noch leicht amüsiert verabschiedete er sich von Mike und klappte das Visier wieder runter. Früher hatte er mit seinen Freunden noch weit mehr Gefahren ausgestanden, da würden ihm ein paar sintflutartige Regenfälle nichts ausmachen.

Als Yamato wieder auf der Hauptstraße war, kreisten seine Gedanken schon etwas weiter. Er wollte aus dieser vollkommen durchnässten Kluft raus, noch schnell etwas essen und dann nur noch ins Bett. Er überlegte, dass heute Samstag war und er hoffte nur, dass Taichi - sein Mitbewohner - heute keine seiner Studentenpartys veranstaltete. So viele schöne Seiten das Zusammenleben mit seinem alten Schulfreund auch hatte, aber in solchen Angelegenheiten konnte Taichi wirklich anstrengend sein.
Yamato spürte die Müdigkeit als eine von vielen Folgen der Strapazen dieses Tages am meisten. Sie mussten sich unbedingt etwas wegen dem Tourbus einfallen lassen. Er konnte keine Live-Konzerte durchziehen und gleichzeitig bis tief in die Nacht hinein Motorradfahren. Er war viel zu erschöpft. Vielleicht hätte er Mikes Angebot doch annehmen sollen.
Aber nun war das auch egal. Yamato stellte fest, dass er keine achthundert Meter mehr von seiner – und natürlich Taichis – Wohnung entfernt war. Gleich war er zu Hause.

Aber plötzlich ging alles ganz schnell.
Yamato sah den dunklen PKW zwar noch direkt vor sich auftauchen, aber zu schnell um ausweichen zu können, zu schnell, um überhaupt reagieren zu können.
Die Scheinwerfer blendeten ihn und schon im nächsten Moment kam der heftige Aufprall, ein unbeschreiblicher Schmerz, der seinen ganzen Körper zu ergreifen schien.
Glas splitterte, Metall verbog und einen Augenblick lang gab es nichts um ihn herum.

Bilder tauchten vor seinen Augen auf.
Bilder von seinem kleinen Bruder Takeru und von seinen Eltern.
Bilder von seinen Freunden, von Taichi und Koushiro, Sora und Mimi, Jou und Hikari.
Bilder von seinem Freund Gabumon und von seiner Band.

Und dann traf er mit voller Wucht auf dem Asphalt auf.
Der Schmerz, der ihn durchzog, war mit Worten nicht zu benennen. Er wusste sofort, dass einiges gebrochen sein musste. Er wusste sofort, dass die Verletzungen sehr schwerwiegend sein mussten. Er konnte sich nicht rühren. Er konnte nur seinen verschwommenen Blick in den Himmel richten und sehen, wie der Regen auf ihn niederfiel.
Stimmen und Geräusche gerieten immer mehr in den Hintergrund. Es war, als habe er Watte in den Ohren. Die eisige Kälte begann seinen ganzen Körper langsam zu betäuben, aber das konnte ihm angesichts der unerträglichen Schmerzen nur recht sein. Er wollte nichts mehr spüren. Er wollte einfach überhaupt nichts mehr spüren. Auch nicht die Angst, die nach ihm zu greifen drohte.

Nach und nach wurde ihm schwarz vor Augen. Das Atmen fiel ihm schwer.
Er sah noch, wie ein ihm fremdes Gesicht in seinem stark eingetrübten Blickfeld erschien, er sah, wie sich die Lippen dieser Person bewegten, doch er hörte nicht mehr, was sie sagten. Das wollte er auch gar nicht.
Ihm fielen die Augen zu und er glitt langsam ins Nichts...


❈❈❈


Schlagartig wurde Taichi wach.
Sein Herz raste wie wild und sein Atem ging viel zu schnell.
Weshalb?

Er sah sich um, bemerkte, dass er wieder einmal auf der Couch eingeschlafen und es draußen vollkommen dunkel geworden war. Der Fernseher flimmerte und die Uhr des Rekorders verriet ihm, dass es schon nach eins war.
Ob Yamato wohl von ihm unbemerkt heimgekommen war?
Eigentlich konnte Taichi sich das nicht vorstellen. Er hörte immer, wenn sein Freund den Schlüssel im Schloss drehte. Vor allem, weil er dabei meistens fluchte, wenn sich das Schloss nach Kräften gegen ihn zu Wehr setzte.

Muss wohl ein ziemlicher Stau sein oder sowas‘, dachte Taichi bei sich und rieb sich den Schlaf aus den Augen.
Er griff nach der Wasserflasche, die neben dem Wohnzimmertisch auf dem Teppich stand und nahm einen großen Schluck.
Was hatte ihn nur so erschreckt? Einen Alptraum hatte er zumindest nicht gehabt.
Sehr seltsam.

Einen Moment lang blieb er ratlos auf dem Sofa sitzen, versuchte seine Gedanken ein wenig zu ordnen, als ein blaues Licht durch den Raum zuckte.
Taichi sah auf. Es kam von draußen und als er auch eine Sirene aufheulen hörte wusste er, dass es ein Krankenwagen gewesen war. Einer von so vielen, die hier ständig vorbeifuhren. Man durfte gar nicht erst anfangen daran zu denken, zu welchem Unglück sie gerade ausrückten.

Taichi schraubte die Flasche wieder zu, stellte sie an ihren Platz zurück und fragte sich noch immer wo sein Mitbewohner sich so lange herumtreiben könnte.
Seit Yamato sich seinem „Rock-Star-Leben“ verschrieben hatte, gab es tausend Möglichkeiten, wo er stecken könnte. In irgendeiner Bar mit irgendwelchen schrägen Typen, auf einem Hotelzimmer mit nicht weniger als zwei hübschen, jungen Frauen an seiner Seite...

Taichi seufzte. Er freute sich für Yamato, keine Frage. Aber das bedeutete auch, dass sie sich seltener sehen konnten. Gewiss würde er das niemals zugeben, dass er Yamato vermisste, aber er vermisste es einfach mit seinem besten Freund auf dem Sofa zu sitzen, irgendein Baseball- oder Fußballspiel im Fernsehen zu gucken und sich dabei eine Pizza reinzuziehen. Er vermisste es mit ihm zu reden und wenn Yamato mal nicht auf Tour war, dann kam Taichi oftmals seine Profikarriere in die Quere.
Jedenfalls war es oft so gewesen. Aber seit diesem Sommer laborierte Taichi an einer Knieverletzung und hatte die halbe Saison verpasst. Vielleicht vermisste er Yamato deswegen so stark, weil er ganz einfach Zeit dazu hatte. Weil er hier dauernd alleine war.

Taichi versuchte diese Gedanken beiseite zu schieben und richtete sich auf, massierte sich ein wenig die Verspannungen aus dem Nacken, bevor er in die Küche schlurfte. Sein Hals war trotz des Wassers noch immer trocken und kratzig. Er brauchte etwas anderes.
Im Kühlschrank fand er noch eine angebrochene Packung Milch. Eigentlich hasste Yamato es ja, wenn er das tat, aber da er ja noch nicht hier war überging Taichi das geflissentlich und setzte die Packung an die Lippen. Er war bereits als Kind schon davon überzeugt gewesen, dass die Milch viel besser schmeckte, wenn man sie direkt aus der Tüte trank.

Er konnte nicht verhindern, dass er lächelte, als er nach einigen Schlucken wieder absetzte und sich an die Anrichte lehnte. Er stellte sich vor, wie Yamato ihn jetzt ansehen würde, wenn er in diesem Moment zur Tür hereinkäme. Er dachte an die kleine Zornesfalte, die sich dann immer auf Yamatos Stirn legte. Er dachte an das Funkeln, das ein bisschen böse aussah, das sich dann in die dunklen, blauen Augen schlich.
Wahrscheinlich würde Yamato ihm irgendeinen Spruch reindrücken und dann doch über Taichis Milchbart lachen. Ihm wurde ganz warm, während er an diese Szene dachte und als er das bemerkte, wurde er augenblicklich rot.
Er sollte sich nicht so fühlen, wenn er an seinen Freund – nur Freund – dachte. Es sollte ihm nicht so gefallen, ihn lachen zu hören. Es sollte ihm nicht gefallen, wenn sie einander berührten. Yamato war nicht...

Taichi schüttelte kräftig den Kopf.
Das musste unbedingt aufhören. Er durfte nicht so viel an Yamato denken und vor allem durfte er sich nicht solche Dinge mit ihm vorstellen. Das war nicht gut. Das war irgendwie... nicht richtig. Er biss sich auf die Lippen und trank den Rest aus der Tüte, bevor er diese im Mülleimer entsorgte.
Für ihn wird es nie das sein, was es für mich ist.


❈❈❈


Jou musste ein Gähnen unterdrücken, obwohl es wirklich sehr interessant war, was Dr. Hayase ihm zu erzählen hatte. Er hörte dem Chefarzt immer gerne zu, konnte er doch so viel von ihm lernen. Er bewunderte den Älteren. Er war sein Mentor. Er hatte schon so vieles erreicht, was Jou nun ebenfalls anstrebte. Wenn Nachtschichten doch nur nicht immer so ermüdend wären.
Als Jou dann doch dem Impuls nachgab, sich die Augen zu reiben, unterbrach Dr. Hayase sich und lächelte milde. „Du hast dich noch nicht ganz an die Nachtarbeit gewöhnt, nicht wahr?“, erkundigte er sich und warf seinem Schüler einen amüsierten Blick zu.
„Es tut mir leid!“, entschuldigte Jou sich auf der Stelle, reichlich überschwänglich wie immer und rieb sich den Nacken. „Ein Arzt muss immer zu einhundert Prozent fit und aufmerksam sein. Man darf niemals unkonzentriert sein und...“
Dr. Hayase unterbrach ihn mit einem nachsichtigen Lachen und meinte: „Natürlich. Aber du wirst schnell merken, dass diese guten Vorsätze nicht immer ganz einfach sind. Doch falls es dich beruhigt; ich denke, wenn es mal drauf ankommt, dann kann man sich auf dich bestens verlassen.“
Diese Worte gingen runter wie Öl. Ein helles Strahlen breitete sich auf Jous Gesicht aus. Er würde ihn nicht enttäuschen. Das hatte er sich fest vorgenommen.

Er wollte sich gerade bei Dr. Hayase bedanken, als eine reichlich aufgeregte Krankenschwester auf sie zu eilte und ihnen zurief: „Wir haben gerade einen Notfall rein bekommen!“ Ihrem Gesicht nach zu urteilen, musste es einer der schlimmsten Sorte sein. Jou kannte die junge Frau gut und wusste, dass sie von all ihren Kolleginnen am belastbarsten war. Nun hingegen sah sie sehr blass aus.
Mit einer Handbewegung forderte Dr. Hayase Jou dazu auf, ihm zu folgen, während er sich an die Schwester wandte und fragte: „Um welche Art Notfall handelt es sich?“
„Ein schwerer Verkehrsunfall zwischen Auto und Motorrad. Dem Autofahrer ist weiter nichts passiert, aber den Motorradfahrer hat es wirklich schlimm erwischt“, informierte sie ihn, bevor sie näher auf die schlechte Verfassung ihres Patienten und die Schmerzmittel, die er auf dem Weg hierher schon bekommen hatte, einging. Sie erklärte, welche Maßnahmen bereits ergriffen worden waren und dass er schon den Transport kaum überstanden hatte.
Vor Jous Augen tauchten bereits jetzt die schrecklichsten Bilder auf. Was die junge Frau da alles schilderte klang alles andere als hoffnungsvoll. Er mochte sich gar nicht vorstellen, was das für die Familie und Freunde bedeuten musste, wenn sie so eine Nachricht bekamen.

Jou wurde ganz anders, als sie die Notaufnahme betraten. Schlagartig wurde ihm übel und seine Hände begannen leicht zu zittern. Bis lang war es ihm erspart geblieben, so schwer verletzte Unfallopfer unter die Augen zu bekommen, aber er zwang sich zur Ruhe, atmete bewusst tief durch.
Du kannst das!‘, sagte er sich in Gedanken und trat fest entschlossen an Dr. Hayases Seite.
Als Jou den Verunglückten erblickte wusste er, dass er es nicht konnte...

Das Zittern, das bis eben nur Jous Hände befallen hatte, ergriff nun seinen ganzen Körper. Er bemerkte, dass er die Augen weit aufgerissen hatte, dass er nichts von dem wirklich verbergen konnte, das in ihm vorging. Er hatte das Gefühl, als würde er keine Luft mehr bekommen.
Das durfte nicht sein!
Das konnte nicht sein!
Jous Brust wurde ganz eng, sein Hals trocken und er konnte nichts weiter tun, als seinen Freund hilflos anzustarren.
„Oh nein, bitte nicht... Yamato...“ Er hatte nicht wirklich bemerkt, dass er das gesagt hatte, aber als Dr. Hayase ihn anblickte, wurde es ihm klar.

„Kennst du ihn?“, wollte dieser mit besorgter Miene wissen und Jou brauchte eine Weile, um ihm eine Antwort darauf zu geben.
Wenn er nun zugeben würde, dass sie sehr gute Freunde waren, dann würden sie ihn nicht helfen lassen. Niemand durfte das, wenn er gewissermaßen selbst betroffen war, wenn er selbst zum Familien- oder Freundeskreis gehörte. Aber Jou wollte ihm helfen. Er musste ihm helfen. Sie waren Freunde und das hatte Yamato ihm hunderte Male bewiesen.

„Er war eine Klasse unter mir, als wir noch zur Schule gingen. Wir kennen uns flüchtig. Das ist alles“, sagte Jou nun so nüchtern, wie es ihm nur möglich war und hoffte, dass Dr. Hayase ihm nicht auf die Schliche kam.
Es war so grausam, diese Hektik mit anzusehen, die nun um Yamato herum herrschte und die bedeutete, dass sie um sein Leben kämpften. Dass er um sein Leben kämpfte.
„Weißt du, wen wir anrufen können?“ Dr. Hayases Frage drang bloß dumpf zu ihm hindurch, aber sie reichte aus, um ihm eine Gänsehaut des Schreckens bekommen zu lassen.
Jou wusste, dass in solchen Fällen selbstverständlich auch die Angehörigen benachrichtigt werden mussten, aber er wünschte so sehr, dass man es ihnen ersparen könnte. Besonders Takeru, auch wenn der schon längst kein kleiner Junge mehr war, aber Jou wusste, was ihm sein großer Bruder bedeutete. Takeru hing an Yamato wie an niemandem sonst. Er wollte nicht, dass sie es von völlig Fremden erfuhren.

„Ich werde sie anrufen. Die familiäre Situation ist etwas kompliziert.“
Dr. Hayase nickte verstehend und wandte sich dann zu seinem Ärzteteam, verschaffte sich einen genauen Überblick.
Jou sah ihm wie gelähmt zu. Er konnte sich nicht abwenden und einfach gehen, solange er nicht wusste, wie genau es um ihn stand. Seine Familie würde so viele Fragen haben. Er wollte ihnen wenigstens ein paar davon beantworten können.
Als er gerade doch den Mut fassen wollte, sah er die Linien auf den Monitoren immer kleiner werden, bis sie zum Stillstand kamen und nichts weiter als ein monotones, langes Piepen zu hören war.
Nein, er- er darf nicht...


❈❈❈


TBC

Nachwort

Meinungen, Anregungen, Verbesserungsvorschläge? Über Feedback freue ich mich sehr, genauso wie über Herzchen und Sternchen. Danke fürs Lesen. :)
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