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Blaue Augen

KurzgeschichteDrama, Freundschaft / P6 / Gen
23.02.2021
23.02.2021
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Sie starrten mich an. Blaue Augen mit länglichen schwarzen Pupillen. „Was willst du?", fragte ich die graue Katze, die in unserem Garten stand und zu mir herschaute.

Ich bin mit meinem Mann erst vor ein paar Tagen hergezogen und war deswegen vom Sachen schleppen etwas kaputt. Auf der Terrasse, wo ich mich ausruhen wollte, stand dann diese wunderschöne graue Katze mit diesen eindringlichen blauen Augen.

Sie ging nicht fort, kam aber auch nicht ganz her, sodass ich sie hätte streicheln können. Sie beobachtete mich nur bei jedem Schritt, den ich machte und bei jedem Handgriff, den ich tat.

Da mich ihre Anwesenheit nicht störte, setzte ich mich auf einen Stuhl und beobachtete die Natur. Die Katze saß weiterhin auf dem gleichen Platz wie zuvor schon die ganze Zeit.

Nach einer Zeit kam unsere Nachbarin in ihren Garten.„Guten Tag!", grüßte ich sie freundlich und lächelte ihr zu. „Hallo", erwiderte sie ebenfalls sehr freundlich, „Ihr müsst die neuen Nachbarn sein, oder?" „Ja, das sind wir. Mein Mann und ich sind vorgestern eingezogen und wir räumen gerade alles ein. Um sieben gibt es bei uns etwas zu essen. Kommen Sie doch rüber, dann können wir uns besser kennenlernen." „Das ist nett von Ihnen, ich komme gerne. Würde es Ihnen etwas ausmachen, wenn wir uns Duzen?"„Natürlich nicht. Ich heiße Katrin." „Marina", teilte sie mir lächelnd ihren Namen mit. „Ein wirklich schöner Name. Bis um sieben.", sagte ich und ging dann wieder hinein, um Mario, meinem Mann, weiter beim Einräumen zu helfen.

„War das unsere Nachbarin, mit der du da geredet hast?", fragte er mich, nachdem er mir einen Kuss gegeben hatte. „Ja, das ist Marina. Sie ist sehr nett. Außerdem habe ich sie zum Abendessen eingeladen. Ich hoffe, das stört dich nicht."„Natürlich nicht. Es ist immer gut, seine Nachbarn kennenzulernen.", sagte er und nahm eine Schachtel mit meinen Büchern, um sie in das obere Stockwerk zu tragen. „Ich gehe dann mal in den Supermarkt, um etwas Essbares zu besorgen.", teilte ich ihm mit und verabschiedete mich.

Der Supermarkt lag nicht weit entfernt, weshalb ich zu Fuß ging. Dort angekommen kaufte ich alles, was ich brauchte, um einen guten Wurstsalat zu machen. Den gab es bei uns nämlich immer, wenn etwas Handwerkliches zu Hause gemacht wird.

Als ich wieder bei unserem Haus war ich erstaunt wie viele Kisten Mario schon hochgetragen hat. „Du hast ganz schön viel geschafft. War ich etwa so lange weg?", fragte ich ihn, nachdem ich ihn begrüßt hatte. „Nein, aber ich hatte Hunger. Ich dachte, wenn wir eher fertig sind, dann gibt es viel früher deinen wunderbaren Wurstsalat.", sagte er verträumt, denn er liebte einfach den Salat. „Ich muss ihn aber noch machen, also kannst du dir gerne noch etwas Zeit lassen.", sagte ich lächelnd und ging auf die Terrasse, um den Salat herzurichten. Unsre Küche ist leider noch nicht fertig, daher muss der Terrassentisch herhalten.

Die blauäugige Katze war immer noch genau da, wo sie vorher gestanden hat. Auch dieses Mal schaute sie mich mit diesen klaren wunderbaren Augen an. „Wo wohnst du denn?", fragte ich sie neugierig, bekam aber logischerweise keine Antwort. „Katzen können nicht reden.", sagte eine weibliche Stimme hinter mir. Ich drehte mich um und sah unsere Nachbarin herkommen. „Oh, hallo. Ich habe dich gar nicht kommen hören."„Auch wenn es noch nicht sieben ist, dachte ich, ich komme schon mal, um dir zu helfen. Ich hoffe das ist ok?"„Natürlich. Du könntest schon mal den Salat sauber machen. Leider ist die Küche noch nicht fertig, deshalb müsstest du den Wasserhahn im Klo benutzen. Es ist die zweite Tür links." „Kein Problem.", sagte sie und ging in das Haus hinein.

Als dann endlich alles fertig war und wir alle am Tisch saßen, fragte ich Marina: „Marina, wem gehört eigentlich diese Katze?" Ich deutete dabei auf die graue Katze mit den blauen Augen. „Sie gehörte der alten Frau, die vor euch hier gelebt hat.", antwortete sie mir. „Und wo ist diese Frau jetzt?", fragte nun mein Mann nach, da er es komisch fand, dass die Katze die ganze Zeit da saß. „Sie liegt am Friedhof in unserem Dorf. Die Katze aber hat keiner mitgenommen und deshalb ist sie immer da. Jeden Tag um acht Uhr abends geht sie zum Friedhof und legt sich vor das Grab ihres Frauchens. Dort bleibt sie dann eine ganze Stunde und dann geht sie jagen. Am nächsten Morgen ist sie wieder hier. Ich schätze, sie passt auf das Haus auf, aber genau weiß ich es auch nicht."

Ich sah die Katze an und die Katze schaute mich mit ihren blauen Augen an. Ihr Blick sagte mir, dass Marina recht hatte und dass sie wirklich auf das Zuhause ihrer verstorbenen Besitzerin aufpasste. In diesem Moment versprach ich ihr leise mich um sie zu kümmern.

Dieser Tag, an dem ich dies versprach, war jetzt ganze drei Jahre her. Seitdem saß die Katze an ihrem Platz im Garten. Ich gab ihr Futter und legte ihr ein Kissen zum Hinlegen raus. Streicheln ließ sie sich nie, aber sie war immer da.

Gestern kam sie nicht von dem Besuch bei ihrer Besitzerin am Grab zurück, was ungewöhnlich war. Weil ich sie lieb gewonnen hatte, machte ich mich auf die Suche nach ihr. Ich fand sie schließlich am Grabe ihrer Besitzerin. Sie lag davor. Sie war tot.

Ich grub ein Loch in das Grab und legte sie hinein. Schließlich machte ich dieses Loch wieder zu und sagte zu der verstorbenen blauäugigen Katze: „Jetzt bist du wieder bei deiner Besitzerin, der du dein ganzes Leben lang treu geblieben bist."

Bei diesen Worten liefen mir Tränen über die Wangen und ich versprach der Katze mich um das Grab zu kümmern, so wie sie sich darum gekümmert hatte, indem sie jeden Tag herkam bis zu ihrem Lebensende.
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