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Sichtweisen

OneshotFreundschaft / P12 / Gen
Collins Farrier
23.02.2021
23.02.2021
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Das Licht der immer tiefer stehenden Sonne an diesem Nachmittag trifft unmittelbar auf blankes Metall. Die Reflexion blendet und Collins kneift unwillkürlich kurz die Augen zusammen. Er holt tief Luft, als der Metallstreifen vor ihm die Luft durchschneidet und knapp über seinem Kopf vorbei zieht. Unwillkürlich verlagert er seinen Körperschwerpunkt in die entgegengesetzte Richtung und weicht im Ganzen ein wenig zur Seite aus.

Mehrmals klickt es scharf und in kurzem Abstand auf sechs Uhr hinter Collins. Dann meldet sich Jacyk dumpf in seinem Ohr. Thomasz Jacyk ist einer der polnischen Piloten und inzwischen ein guter und bisher eigentlich sehr zuverlässiger Kamerad. „Na, na … ruhig bleiben, młodzik* “, mahnt Jacyk in seinem slawischen Akzent, er klingt hoch konzentriert.
Collins dreht ein wenig den Kopf zur Seite, hat Jacyk schließlich im Blickfeld und erwidert zwischen zusammengepressten Zähnen: „Ihre Ruhe will ich sehen, wenn Sie an meiner Stelle wären.“
„Sie haben sich freiwillig für Mission gemeldet“, erwidert Jacyk lakonisch.
„Flight Lieutenant Farrier hat mich vorgeschlagen“, korrigiert ihn Collins umgehend, während er wieder nach vorn blickt. Aufmerksam horcht er auf jedes weitere Geräusch und achtet penibel darauf nicht erneut von Metallreflexionen geblendet zu werden.
Ein dumpfes Rascheln ist zu vernehmen. „Ein Vorschlag  war das mitnichten“, mischt sich dann Farrier ein. Er beobachtet das ganze Manöver aus östlicher Richtung vom Erdboden aus.
„Zumindest haben Sie Racyk das Kommando übertragen und er hat am wenigsten Erfahrung bisher. Das ist grob fahrlässig!“, beschwert sich Collins weiter, während er angespannt die Schultern hochzieht und sich noch etwas tiefer in die Sitzpolster drückt.
„Fahrlässigkeit ist ein Wort, was man hier am Stützpunkt nur sehr ungern hört“, befindet Farrier ruhig. Jacyk nimmt das gerne wörtlich. „Collins, besser ist niedopatrzenie** “, schlägt er daher vor.
„Haben Sie etwas gesagt, Jacyk?“, murmelt Collins wenig subtil und verbissen vor sich hin, während er sich ganz auf die Horizontlinie konzentriert.
„Manieren!“, schaltet sich Farrier vom Boden her ein.
Jacyk hat hingegen Verständnis: „Sie fühlen starke Belastung. Diesen Ausrutscher entschuldige ich Ihnen“, meint er in jovialem Tonfall an Collins adressiert.
„Ich werde Ihnen einen Ausrutscher ganz gewiss nicht verzeih – … passen Sie doch auf, ich bitte Sie!“, ruft Collins mit dezenter Panik in der Stimme zurück, als erneut ein Silberstreifen an seinem rechten Ohr vorbei zischt.
„Wurden Sie erwischt?“, erkundigt sich Jacyk besorgt, bringt etwas mehr Abstand zwischen sich und Collins und man hört ihn kurz leise auf polnisch fluchen.
„Beinahe, Sie Sonntagsflieger!“ Collins holt tief Luft und wischt sich mit dem Handrücken den Schweiß von der Stirn. Er verfolgt mit bangem Blick einige Bruchstücke, die an ihm vorbei zu Boden fallen – vom Wind leicht hin und her getragen.
Dünne Rauschschwaden steigen auf.
„Bleiben Sie auf Kurs“, befiehlt Jacyk ruhig.
Collins bemüht sich nach allen Kräften so wenig wie möglich von seiner Position  abzuweichen.

Es raschelt erneut dumpf und dann meldet sich Farrier, dieses Mal noch undeutlicher als ohnehin schon, weil ihm eine Zigarette im Mundwinkel klemmt: „Reißen Sie sich zusammen, Collins. Diese Übungseinheit musste jeder von uns absolvieren. Ohne Ausnahme“, er zieht an seiner Zigarette, atmet ruhig den Rauch aus und bemerkt weiter: „Und Sie,  Collins, wollten eine Ausnahme sein.“ Sein Tonfall macht deutlich, dass er schon aus weit geringeren Gründen die ihm unterstehenden Offiziere entsprechenden Disziplinarmaßnahmen unterzogen hat. Wenn er etwas nicht leiden kann, dann sind das persönliche Ausnahmen, die im Alltag hier auf dem Stützpunkt nichts zu suchen haben.
„Ich wollte keine Ausnahme sein, Sir. Ich habe lediglich um Aufschub gebeten“, rechtfertigt sich Collins und wirft flüchtig einen Blick zur Seite nach unten in Richtung Erdboden
„Wiederholen Sie  Inoffizielle Richtlinie Nummer Fünf“,  erwidert Farrier nur ungerührt und macht sich nicht einmal die Mühe dabei nach oben zu schauen.
„Ausnahmen bestätigen nicht  die Richtlinien“, zitiert Collins resigniert.
„Korrekt.“ Farrier nickt zufrieden.
„Wir mussten alle durch“, lässt sich Jacyk vernehmen. Es klingt fast ein wenig tröstend.
„Das beruhigt mich wenig“, murmelt Collins undeutlich.
„Jacyk macht seine Sache doch ganz gut“, meint Farrier mit kontrollierenden Blick nach oben: „Seien Sie froh, dass ich nicht selbst die Angelegenheit in die Hand genommen habe, Collins. Ich hätte Sie an Ihrem Sitz festgebunden und dann hätten Sie nicht mal mehr gewagt zu blinzeln.“
„Jetzt geben Sie aber an!“, erwidert Collins prompt in einem jähen Anfall von Widerspruch, den er noch im gleichen Moment bitter bereut.
Farrier hebt warnend eine Augenbraue und zieht verdächtig lange an seiner Zigarette. Collins wird ein wenig rot um die Ohren. Er drückt sich noch tiefer in seinen Sitz und murmelt hilfesuchend: „Jacyk … bitte bleiben Sie bei mir.“


Farrier kann sich das Elend nicht mehr länger mit anhören und trifft  eine Entscheidung. Er strafft sich in seiner Haltung und wirft Collins einen knappen und leicht amüsierten Blick zu, während er einen letzte Zug von der Zigarette nimmt, bevor er sie neben sich im Gras ausdrückt. Dann faltet er die Zeitung zusammen, erhebt sich langsam aus seiner bequemen Sitzposition und klopft sich den Staub von der Hose. Er streckt seine Hand fordernd in Richtung Jacyk aus und meint langsam: „Ich übernehme. Sie haben sich wacker geschlagen, Flying Officer.“ Er nickt anerkennend. Sichtlich stolz auf sich und seine Leistung reicht ihm Jacyk die Schere und überlässt ihm damit das Feld. Mit einem Blick zu Collins ergänzt Farrier: „Was man von unserem Drückeberger hier weniger behaupten kann.“
Collins lässt sich höchst ungern einen Drückeberger nennen, doch er murmelt lediglich: „Jacyk hat mir zweimal fast ins Ohr geschnitten.“ Er klingt dabei, als wäre es weitaus verwerflicher jemandem wie Jacyk eine Haarschneideschere in die Hand zu drücken, als dass jemand wie er sich vor dieser Prozedur drückt. Collins beugt sich in seinem Stuhl so weit nach vorne über seine Knie, bis er seine Stiefel gut im Blick hat. Dann er streicht sich mit der Hand durch den  blonden Haarschopf und wischt energisch einige verfangene und bereits abgeschnittene Haarsträhnen weg. Sie schweben zu Boden, in der Maisonne nahezu weiß leuchtend. Durch das Verstrubbeln stehen Collins die halb nassen Haare nun auf eine recht interessante Weise zu Berge. Farrier neben ihm sortiert den blonden Haarschopf mit zwei knappen Handbewegungen und versucht so etwas wie einen Scheitel dabei zustande zu bekommen.

Jacyk indessen pustet gelassen Zigarettenrauch in den blauen Himmel und hält Collins versöhnlich ebenfalls eine Zigarette hin. „Nehmen Sie. Tut gut gegen nervös sein.“ Es klingt herzlich.
Collins blickt ihn dankbar an und greift zu. Mit einer Hand tastet er nach den Zündhölzern in seiner Hosentasche, entfacht eines davon am hinteren Stuhlbein und nimmt einen tiefen Zug von der Zigarette. Dann wendet er sich etwas umständlich mit dem Oberkörper so weit um, dass er Farrier schräg hinter sich zumindest im Blickwinkel hat und stellt leise murmelnd fest: „Sie müssen das nicht tun. Das ist Ihrem Rang nicht angemessen, Flight Lieutenant.“
Farrier entledigt sich seiner Uniformjacke, öffnet einen Kragenknopf und krempelt sich seelenruhig die Hemdärmel hoch, ehe er erwidert: „Im Gegensatz zu Ihnen nehme ich Herausforderungen an.“ Jacyk lacht leise auf und auch Farrier hebt kurz flüchtig die Mundwinkel. Dann postiert er sich hinter der Stuhllehne und klopft Collins kurz und mit schwerer Hand auf die Schulter. „Kopf hoch, hm?“, meint er ruhig.

„Die Kameraden werden reden ...“, wagt Collins einen letzten leisen Protest und spricht damit sowohl zu Farrier als auch zu sich selbst. Er zieht nervös an seiner Zigarette.
Farrier sieht das offenbar anders, denn er wiederholt lediglich: „Kopf hoch.“
„Ist das ein Befehl?“
Statt einer Antwort schnellt Farriers Hand von hinten an Collins' Ohr vorbei und tippt ihm auffordernd gegen das Kinn. Collins hebt es gehorsam ein wenig an und nuschelt durch die Zigarette hindurch: „Ich bin sonst nicht so empfindlich. Mein Vater hat immer –“
„Es ist mir ziemlich egal, warum Sie sich beim Haareschneiden so anstellen, Collins“, unterbricht ihn Farrier, er ist generell kein Freund von privaten Geschichten. „Solange im Cockpit auf Sie zu zählen ist.“ Dann neigt er ein wenig den Kopf zur Seite und überlegt, wo er seinen ersten Schnitt am Besten ansetzt.
Collins rutscht unmerklich, doch sichtlich ungeduldig auf dem Stuhl hin und her. Er wagt aber keine weitere Nachfrage. Farrier lässt ihn noch eine Weile auf diese Weise zappeln, während er konzentriert mit der Schere einige blonde Strähnen in der Länge angleicht. Dann ergänzt er seine Feststellung mit den überzeugten und ernst gemeinten Worten: „Und auf Sie ist immer  zu zählen.“ Die bislang gemeinsam geflogenen Manöver sprechen zweifellos dafür. Und mehr Anerkennung wird Collins von Farrier nicht zu hören bekommen. Jacyk, der es sich inzwischen neben ihnen mit der Zeitung auf dem Boden bequem gemacht hat, bestätigt Farriers Worte mit einer Geste in Richtung Collins. Dieser wirkt sichtlich zufrieden und murmelt: „Danke, Sir.“
Farrier hat dafür nicht viel übrig. „Danken Sie mir später, wenn es Grund dafür gibt.“
Jacyk und Collins schweigen dazu, sie wissen genau was Farrier damit meint: Der nächste Einsatz ist nur noch eine Frage der Zeit und er wird gegen die deutsche Luftwaffe erfolgen. Wem es da gelingt nicht nur die Messerschmitts vom Himmel zu holen, sondern seinem Kameraden im Luftkampf auch nur einmal den Rücken freizuhalten, der verdient sich seine Anerkennung einmal mehr. Die Gerüchte hinsichtlich einer möglichen Evakuierung des Britischen Expeditionskorps jenseits des Ärmelkanals existieren seit Längerem. Erst vor zwei Tagen, am Neunzehnten, hat die Regierung um Churchill Pläne dieser Art erstmals ernsthaft erwogen – diese dann aber nochmal verschoben. Inzwischen geht das Kommando der Royal Air Force allerdings von einem bevorstehenden Einsatz aus und hat die Einheiten entsprechend informiert.

Eine Viertelstunde später sitzt Collins deutlich entspannter auf seinem Stuhl, wischt sich mit der Hand über den Nacken und versucht penibel verirrte Haarreste aus seinem Kragen heraus zu puhlen. Sowohl Jacyk als auch Farrier waren so gnädig ihm lediglich die Seiten und den Nacken kurz zu schneiden, mehr oder weniger gleichmäßig, und ihm im Gegensatz dazu genug Haarsträhnen für die Stirn und den Schopf zu lassen.
Farrier steht inzwischen neben dem Stuhl, eine Hand in der Hosentasche vergraben, in der anderen freien Hand hält er eine Zigarette. Er raucht schweigend und blickt hinauf in den klaren Himmel. Irgendwann murmelt er: „Das Wetter soll umschlagen in den nächsten Tagen …“, und er zieht dabei die Augenbrauen zusammen.
„Auch über dem Ärmelkanal?“
"Hm", brummt Farrier bestätigend, er atmet den Rauch des letzten Zuges durch die Nase aus und zerdrückt währenddessen mit der Stiefelspitze die Glut des Zigarettenrests am Boden. „Squadron Leader Avery erwähnte das heute Morgen. Er irrt sich selten in diesen Dingen.“
Collins nickt nur langsam und greift hinter sich nach seiner Uniformjacke, die über der Stuhllehne hängt. Mit dem Jackenärmel wischt er sich die letzten winzigen Haarreste von den Ohren und stellt nüchtern fest: „Gleiche Sicht für alle.“
Jacyk verfolgt die knappe Konversation interessiert. Er liegt schon seit einer Weile auf dem Rücken im Gras, die Arme unter dem Kopf verschränkt und er blickt ebenfalls in den Himmel hinauf. „In Polen wir sagen: Deutsche Piloten und Soldaten sind auch nur Menschen … sie sind zu schlagen“, er hält kurz inne und ergänzt dann: „Das ist gut. Um unserer Kinder willen.“
Farrier hebt eine Augenbraue und blickt zu Jacyk hinunter. Nach einem skeptischen Schweigen meint er: „Es hat schon seine Gründe, warum man der slawischen Seele eine gewisse Melancholie zuschreibt und nicht der britischen.“
Jacyk widerspricht dem nicht und erklärt mit weicher Stimme: „Man sagt: Wir Slawen lieben es zu leiden. Wir singen traurige Lieder und haben Schwermut im Kopf. Das macht uns zäh und  stark.“
„Starke Piloten seid ihr ohne Zweifel.“ Farrier nickt. Er klemmt sich seine Uniformjacke unter den Arm und blickt dabei auf seine Uhr. Mit einem Handzeichen gibt er zu verstehen, dass es bald Zeit für die Kantine ist.
Collins erhebt sich aus seinem Stuhl und vertritt sich ein wenig die Beine.
Dann hält er Jacyk die Hand hin und als dieser beherzt zugreift, zieht er ihn wieder auf die Füße in den Stand.

Collins gibt eine weitere Runde Zigaretten aus und so stehen sie zu dritt noch eine Weile auf dem Rasen nahe des Rollfelds, unweit des Hangars, wo zwischen grünen Grashalmen hier und da noch blonde Haarsträhnen zu erkennen sind. Die drei Männer beobachten schweigend den Rauch, der sich schnell im fahlen Licht der allmählich einsetzenden Dämmerung auflöst, die sich wie helles Feuer am Horizont erstreckt. Nachdem jeder seine Zigarette aufgeraucht und die letzte Glut zertreten hat, begeben sich Jacyk und Collins direkt zur Kantine, während Farrier einen Umweg einschlägt, um noch ein paar Worte mit Squadron Leader Avery zu wechseln.








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*  młodzik (pol.) = Jungspund
**  niedopatrzenie (pol.) = Fahrlässigkeit


Inspiration zur Geschichte:
RAF pilot getting a haircut during a break between missions, 1942
https://i.pinimg.com/originals/22/b7/81/22b781c2ca91ed5071c4f07c02057819.jpg
Ich kann mir durchaus vorstellen, dass zu diesem recht bekannten Bild schon einige Geschichten in ähnlichem Stil geschrieben worden sind - ich selbst kenne aber keine und kann versichern, dass ich mich in diesem Fall ganz unabhängig zu der Kategorie "Viele Dumme, ein Gedanke" zähle.
Und hier nochmal Collins (rechts im Bild) mit seiner schicken "Strubbelfrisur" :-D
https://i.pinimg.com/564x/78/b2/e8/78b2e832ec45c5cc7b2dd55d9e29d670.jpg

Anmerkung:
Historische Ungenauigkeiten bitte ich zu verzeihen: Es kann durchaus sein, dass die "berühmten" polnischen und tschechischen Piloten die Royal Air Force wirklich erst ab Juli 1940 mit Beginn der Luftschlacht um England unterstützten. Ich habe mir die Freiheit herausgenommen hier in dieser kurzen Geschichte diesen Umstand ganz allgemein auf das Jahr 1940 zutreffen zu lassen und damit dem fiktiven Charakter Tomasz Jacyk noch knapp vor den Ereignissen bei Dünkirchen einen Auftritt zu gönnen ;-)
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