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Wandler

OneshotFreundschaft / P12 / Gen
Gestaltwandler
23.02.2021
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Wandler




Prolog: Man schreibt ungefähr das Jahr 116. Ich lebe mitten in Afrika, in der Wildnis, ohne irgendwelche Menschen in der Nähe. Ich bin ein Impala. Es gibt sogenannte Wandler, die auch eine menschliche Gestalt haben. Ich bin eine. Wir können uns in Gedanken unterhalten, in der Tiergestalt. Es gibt auch sogenannte Botschafter, das sind Wandler, die bei den Menschen leben. Prolog Ende.



Ich humpelte alleine durch das hohe Gras. Ich wurde bei Löwenangriff von meiner Herde getrennt. Ich war gestürzt, und hatte mir meinen rechten Hinterlauf gebrochen. Und seitdem war ich humpelnd allein unterwegs. Ich war durchgehend angespannt, da jederzeit ein Raubtier es auf mich absehen könnte. Und so humpelte ich dahin, bis ich plötzlich aufmerkte. Als ich aufsah, sah ich einen Gepard, der mir auflauerte. Mein Fluchtinstinkt setzte ein. Ich musste weg, was mit einem gebrochenen Lauf nicht gerade einfach war. Ich gab mein bestes, aber das reichte nicht. Schon ziemlich bald spürte ich die Krallen, die sich in mein Fell bohrten, und direkt danach wurde ich von der Wucht umgeworfen. Ich lag ausgestreckt auf dem Boden, der Gepard auf mir drauf. Ich erwartete, dass er jeden Moment den tödlichen Biss machen würde, aber er tat es nicht. Er saß einfach nur da. Bis der Gepard plötzlich sagte: Beruhige dich mal. Ich tu dir schon nichts. Ich will deine Verletzung behandeln. Jetzt war ich erstaunt. Er war ein Wandler? Wieso sollte ich dir vertrauen? Du hättest mich eben fast getötet, war meine berechtigte Frage. Seine Antwort: Genau. Ich hätte dich töten können, habe es aber nicht getan. Das war wahr, musste ich mir eingestehen. Er fuhr fort: Kommst du mit mir? Ich kann dich wirklich behandeln. Ich nickte leicht, da es meine beste und einzige Chance war. Sollen wir uns verwandeln? Wäre dir das lieber?, fragte er. Ich sagte ja und wir verwandelten uns. Er war ungefähr so alt wie ich, also gerade erst erwachsen geworden. Ich hatte in meiner Menschengestalt ein sogenanntes Kleid an, er nur eine Hose. Er wollte mir aufhelfen, aber ich ignorierte ihn und richtete mich ungeübt auf. Man, nur auf zwei Beinen zu gehen ist anstrengend! Wie schaffen die Menschen das nur immer? „Wie soll ich dich nennen? Ich kann nicht immer nur Gepard sagen“, fiel mir da ein. Er zuckte mit den Achseln. „Wie wäre es mit Sailor?“ Ich zuckte mit den Schultern. „Dann nenn mich Alexis.“ Wir nickten, zufrieden mit unseren Namen. Dann kamen wir an eine kleine Baumgruppe, die das Innere schön schattig machte. Er bedeutete mir, mich da hinzusetzten, was ich auch tat. Schließlich fragte mich Sailor: „In welcher Gestalt willst du die erste Zeit der Genesung verbringen?“ Ich überlegte kurz, und nahm dann meine Impala-Gestalt an. Er holte dann sein Zeug, um mich zu behandeln. Warte mal, was tat ich hier überhaupt? Ich wollte mich allen Ernstes von einem Geparden behandeln lassen? Ich spinne doch. Ich lehnte gerade an einen Baum, und aus einem Reflex heraus wollte ich mich aufrichten und verschwinden. Was hatte ich mir nur dabei gedacht?! Sailor aber war wie aus dem nichts aufgetaucht und hielt mich mit sanfter Gewalt am Boden. Er war noch jung, so wie ich, aber verdammt stark. Selbst in seiner Menschengestalt. Er bat mich: „Bleib liegen. Ich tu dir nichts, Alexis, versprochen. Mein Vater war Botschafter und hat mich ihre Heilkünste gelehrt. Ich tue dir nicht weh. Versprochen. Vertrau mir.“ Meine Instinkte protestierten lautstark, aber ich lehnte mich zurück. Er deutete das als Zustimmung anzufangen, und begann mit dem Was-auch-immer. Ich kannte mich da nicht so aus. Für mich sah es so aus, als schaue er, ob mein Bein gerade ist, und dann machte er aus Stöcken und Blättern eine Art Rolle, die mein Bein wohl stützen sollte. Naja, auf jeden Fall sagte er, als er damit fertig war: „So. Jetzt musst du dich lange ausruhen. Es dauert vielleicht eineinhalb Monde, bis dein Hinterlauf wieder vollkommen verheilt ist.“ Danke dafür. Ich schulde dir was. Was ich gesagt hatte, meinte ich auch so. So widersinnig es auch ist, aber ich glaube, ich konnte ihm wirklich vertrauen. Der Tag hat mich erschöpft, und so schlief ich schnell ein.

Ich wachte blinzelnd auf, weil sich etwas bewegte. Dann sah ich, dass es nur Sailor in seiner Jaguar Gestalt war, der hereinkam. Und dann sah ich das Blut, dass noch um sein Maul klebte. Ich verfluchte mich selbst. Er war ein Raubtier, und die essen nun mal Fleisch. Ich war so blöd, in seiner Gegenwart geschlafen zu haben! Er hätte jederzeit mich statt seinem Opfer töten können. Ich war ja so blöd! Deswegen staunte ich nicht schlecht, als er einen ganzen Batzen Gras hinter sich hereinschleppte. Er hatte für mich Gras geholt?! Vielleicht stimmte mein Urteil über ihn ja doch nicht… Und als er dann auch noch einen Beutel mit Wasser für mich hinlegte, war ich baff. Er sorgte ja richtig für mich!



Und die Wochen vergingen, und ich war schließlich genesen. Am Anfang blieb ich bei ihm, weil keine Herde in der Nähe war, und allein war ich so gut wie tot. Und als ich schließlich eine Herde fand, stellte ich fest, dass ich ihn nicht verlassen wollte. Ich hatte ihn in all der Zeit anscheinend als guten Freund gewonnen. Ich war hin- und hergerissen, konnte ihn schließlich aber nicht verlassen. Und so blieb ich bei ihm. Obwohl er ein Fleisch- und ich ein Pflanzenfresser war, und damit eigentlich seine Beute. Aber wir hatten unseren Spaß. Ich war glücklich. Manchmal taten wir so, als wäre er auf der Jagd und ich eine Beute, aber er machte nicht ernst. Natürlich nicht.



Aber unserer Freundschaft war kein Happy End gegönnt. Es passierte, als ich an einen nahen Wasserloch trinken war. Ein Löwenrudel überraschte mich, und ich versuchte in Panik zu fliehen. Aber ich war schon alt für ein freilebendes Impala war ich schon alt, und entsprechend eingerostet. Und das war mein Verhängnis. Ich wehrte mich nach Kräften, konnte aber nichts tun. Sie schlugen tiefe Wunden in meinen Rumpf, und ich lag auf dem Boden. Ich war so gut wie tot. Aber dann zogen sie ab. Wieso sollte ich nie erfahren. Dann aber tauchte Sailor auf. Er war total erschrocken und sagte: Hey, hey, Alexis, alles wird gut. Ich hole mein Zeug und dann wirst du wieder gesund. Okay? Du wirst wieder gesund! Er war verzweifelt, aber er wusste so gut wie er, dass ich bei den Verletzungen nicht überleben würde. Ich hatte noch maximal ein paar Minuten zu leben. Aber eins musste ich noch loswerden: Sailor, du warst mein bester Freund. Meine Zeit bei dir war die beste in meinem Leben. Trauere nicht um mich, sondern bewahre mein Andenken. Erzähle allen von unserer Freundschaft. Tu das für mich, ja? Er schwor: Ich werde der ganzen Welt von uns erzählen! Und ich richtete noch einen letzten Wunsch an ihn: Überlass meinen Kadaver nicht den Löwen oder den Geiern, ja? Nimm du ihn dir an. Er verstand und schwor auch dies. Ich werde ihn sie nicht auch nur anschauen lassen. Du wirst von mir gefressen. Ich schwöre. Und ich flüsterte: Danke. Und dann wurde alles schwarz. Für immer.



Und er hielt beide Schwüre. Sailor aß Alexis Kadaver vollständig, kein anderes Tier hat auch nur einen Gramm davon gesehen. Und er erzählte aller Welt von der Freundschaft eines Geparden und einer Impala. Und so ist diese Geschichte in eure Hände gelangt.



ENDE
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