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Lady Cat - Rumtreiberin No. 5

Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Romance / P16 / Het
James "Krone" Potter Lily Potter OC (Own Character) Remus "Moony" Lupin Sirius "Tatze" Black
21.02.2021
05.08.2022
39
195.427
49
Alle Kapitel
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Dieses Kapitel
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05.08.2022 4.574
 
Sirius Black war am Tage seiner Geburt mit vielerlei Eigenschaften gesegnet worden. Intelligenz, die ihm nicht nur gute Noten bescherte, sondern ihm auch dabei geholfen hatte zu realisieren, wie grundlegend falsch die Ansichten, Gebräuche und Traditionen seiner Familie waren, die man ihm von klein auf eingetrichtert hatte. Grenzenlose Loyalität gegenüber all jener, die er zu seinen Freunden zählte. Oder sein überdurchschnittlich gutes Aussehen, dessen er sich nur zu sehr bewusst war und um das er nicht grundlos von so manchem beneidet wurde.

Geduld allerdings… zählte eindeutig nicht zu seinen Stärken.

Den Blick fest auf seinen Quidditch Kapitän gerichtet versuchte er sich zum wiederholten Male auf die Teambesprechung zu konzentrieren, der er zweifellos aufmerksam folgen sollte, und scheiterte ebenso kläglich wie die unzähligen Male zuvor.

Alles, an was er denken konnte, war Cathrina. Und das absolut hirnverbrannte Vorhaben, das in vermutlich genau diesem Moment begonnen, und mit hoher Wahrscheinlichkeit ohnehin zum Scheitern verurteilt war.

»Black? Hörst du mir eigentlich zu?!«

Sirius stieß ein wütendes Knurren aus, als er von einem ausgesondertem Armprotektoren an der Schulter getroffen wurde. Erst in diesem Moment bemerkte er die Blicke der gesamten Mannschaft, die auf ihn gerichtet waren. »Was?!«

»Was?«, wiederholte Brody ungläubig. »Falls du es noch nicht mitbekommen hast sprechen wir hier gerade über unsere Taktik für das verdammte Endspiel der Saison. Da du Teil dieser Mannschaft bist und Ryan euren Job als Treiber nicht allein übernehmen kann, wäre ich dir überaus dankbar, wenn du verdammt nochmal zuhören könntest!«

Sirius musste sich zusammenreißen, um die wenig hilfreichen Kommentare für sich zu behalten, die ihm auf der Zunge lagen. Brody und ihn verband seit Jahren eine auf Gegenseitigkeit beruhende Abneigung. Dennoch konnte er ausnahmsweise nachvollziehen, weshalb der Siebtklässler so aus der Haut fuhr. »Sorry«, sagte er deshalb in halbwegs versöhnlicher Tonlage, »ich hör zu. Mach weiter.«

Brody musterte ihn skeptisch, wandte sich dann aber wieder dem Rest der Mannschaft zu. »Ihr wisst alle, um was es geht. Slytherin ist dieses Jahr mit Abstand unser schwierigster Gegner und wird es uns nicht einfach machen, den Pokal zu holen. Sie haben zwar statistisch gesehen im Laufe des Jahres mehr Punkte durch ihre Jäger erzielt als wir, dafür haben wir aber die besseren Treiber und allen voran die beste Sucherin der gesamten Schule.«

Sirius warf der flinken Fünftklässlerin auf der gegenüberliegenden Seite der Kabine einen kurzen Blick zu. Brody hatte recht. Lauren Phillips’ hatte sich im Laufe der vergangenen zwei Jahre zu einer unfassbar guten Spielerin entwickelt und würde im Direktvergleich mit dem gegnerischen Sucher zweifelsfrei als Favoritin ins Rennen gehen.

»Ich will keine großen Reden schwingen. Wir haben in den vergangenen Wochen hart trainiert und jeder von euch weiß genau, was zu tun ist.« Brody fuhr sich mit einer Hand durch die Haare und grinste gequält. »Ich würde mich wirklich freuen Hogwarts‘ in dem Wissen zu verlassen, den Pokal gewonnen zu haben. Also gebt alles, verstanden?«

Die versammelte Mannschaft beantwortete die Forderung ihres Kapitäns mit zustimmenden Jubelrufen. »Hab nichts anderes erwartet.« Brody nickte zufrieden. »Dann fertig machen. Abmarsch zum Feld in fünf Minuten!«

Sirius stieß sich von der Wand ab, an der er gelehnt hatte, und trat zu seinem offenstehenden Spint. Sein Schläger fühlte sich ungewöhnlich schwer an, als er ihn in die Luft warf und wieder auffing. Er konnte es kaum abwarten, den ersten Slytherin vom Besen zu holen. Ablenkung war genau das, was er jetzt brauchte.

»Alles klar bei dir, Pad?«

Er sah nicht auf, als er die Stimme seines besten Freundes vernahm. »Geht schon«, entgegnete er angespannt, »gibt immerhin nichts Besseres, als seine Aggressionen bei einer Partie Quidditch loszuwerden. Gegen die Schlangen ist ein noch größerer Pluspunkt.«

James musterte ihn aufmerksam. »Das mit Rina wird sich wieder einrenken.«

Sirius verfluchte gedanklich James‘ fast schon unheimliche Begabung, ihn mit Leichtigkeit zu durchschauen. Was ihm die Geheimnistuerei der vergangenen Wochen drastisch erschwert hatte.

»Weder Peter und Remus noch ich nehmen dir noch übel, was passiert ist«, fuhr er unbeirrt fort, »Rina wird es genauso sehen, wenn du ihr erstmal alles erklärt hast.«

Sirius nickte verstimmt, vermied es aber, ihn länger als nötig anzusehen. Nach einem längeren Gespräch mit Juliana am Vorabend hatte die weit größere Bürde in Form seiner Freunde bereits sehnsüchtig auf seine Rückkehr in den Schlafsaal gewartet. Er war kein Idiot. Vage Ausflüchte und Beschwichtigungen waren nach dem öffentlichen Zwischenfall mit Cathrina von vorneherein zum Scheitern verurteilt gewesen. Also war er, wenn auch widerwillig, dazu gezwungen worden über seinen Schatten zu springen. Es hatte ihm all seine Überzeugungskunst abverlangt sie über die tatsächlichen Ereignisse der vergangenen Vollmondnacht zu informieren und dabei seine und Cathrinas eindeutig nicht mehr rein freundschaftliche Beziehung zueinander weiter unter Verschluss zu halten. Sie hatten nie darüber gesprochen, allerdings hatte er nicht beabsichtigt sie unabsichtlich gegenüber ihren gemeinsamen Freunden zu outen.

Auch wenn es vermutlich nichts mehr gab, was hätte geoutet werden können.

»Ich bin mir nur noch immer nicht sicher, ob es wirklich klug war ausgerechnet Juliana zu ihr zu schicken«, sagte James kurze Zeit später, nachdem sie als Letztes die Umkleidekabine verlassen hatten. Der tosende Lärm der wartenden Zuschauer wurde lauter, je weiter sie dem Weg folgten, der sie auf direktem Wege hinaus auf das Feld führen würde. Der Abstand zum Rest der Mannschaft, gepaart mit der lauten Umgebung genügte, um die Sorge, von irgendjemandem belauscht zu werden, übergehen zu können.

»Mir wird sie definitiv nicht zuhören«, entgegnete Sirius zähneknirschend, »das hat sie gestern mehr als deutlich gemacht.«

»Das habe ich mitbekommen. Jeder hat das mitbekommen.« James zuckte mit den Schultern. »Die Frage ist wohl eher, ob Rina ihr überhaupt eine Chance gibt auch nur ein einziges Wort von sich zu geben. Die beiden hatten zwar nie großartig etwas miteinander zu tun, aber ich habe irgendwie das Gefühl, als könnte Cat sie nicht ausstehen.«

Sirius verzog kaum merklich das Gesicht. Er konnte sich insgeheim denken, was genau der Grund für Cathrinas unterschwellige Abneigung gegenüber Juliana war. Ihm erging es nicht anders, wenn er Collfin in ihrer Nähe sah. »Hoffen wir, dass sie Erfolg hat«, sagte er langsam, »mir gehen nämlich die Ideen aus. Ich war noch nie sonderlich gut darin, mich zu entschuldigen.«

»Den Schlamassel hast du dir selbst eingebrockt, Pad. Hättest du von Anfang an mit uns geredet, würdest du jetzt nicht knietief in der Scheiße stecken.«

Sirius hasste es, Fehler zu machen. Noch mehr hasste er es allerdings, von anderen darauf hingewiesen zu werden. »Ich weiß, Prongs.«

»Außerdem kannst du Cat nicht verübeln, dass sie stinksauer ist.«

»Ich hab’s verstanden, Prongs.«

»Hättest du dir von uns helfen lassen, hättest du nicht im Alleingang bei Slughorn einsteigen müssen. Zumindest Cat und Pete hätten dir helfen können.«

»Prongs…«

»Dann hättet ihr die Zutaten besorgt und wärt trotzdem noch rechtzeitig bei Moony gewesen.«

»Prongs…!«

»Dann wäre Cat nicht so angepisst, weil sie glaubt, dass Remus die gesamte Nacht über allein verbringen musste, weil du dich mit Juliana in irgendeiner Besenkammer herumgetrieben hast. Aber nein, du musstest ja unbedingt-«

»Herrgott nochmal!« Sirius Schläger fiel klappernd zu Boden, als er James am Kragen seiner Uniform packte und gegen die Wand drückte. »Ich weiß, dass ich scheiße gebaut habe! Kein Grund es mir wieder und wieder unter die Nase zu reiben!«

»Black! Potter! Was soll das?!«, bellte Brody aufgebracht.

James blieb völlig entspannt. Anstatt sich gegen den Griff seines besten Freundes zu wehren, verzogen sich seine Mundwinkel zu einem verschmitzten Grinsen. »Genau so brauchen wir dich«, entgegnete er amüsiert. »Angepisst und kurz davor zu explodieren. Nicht, dass mir die Slytherins leidtun würden.«

Sirius verpasste ihm einen Stoß, dann löste er seinen Griff. »Arschloch«, brummte er.

»Ich bevorzuge ›bester Freund aller Zeiten, der weiß, was sein Kumpel jetzt am besten braucht‹«, erwiderte James ungeniert und zupfte seine Uniform zurecht. Dann winkte er seinem Kapitän zu. »Alles in Ordnung hier hinten. Ignoriert uns einfach.«

Lauren, die wie der Rest der Mannschaft unweit entfernt stehengeblieben war, kicherte leise und warf einen amüsierten Blick in Richtung Brody, der sich erst beruhigen ließ, als Frank ihm eine Hand auf die Schulter legte und weiter in Richtung Quidditch-Feld schob.

Sirius beugte sich nach vorne, um seinen Schläger aufzuheben. »Dann wollen wir mal ein paar Schlangen die Köpfe einschlagen.«

James klopfte ihm auf die Schulter. »Holen wir uns den Pokal.«



∞•••|||•••∞




Cathrina war immer Stolz darauf gewesen, nie zu den Mädchen gehört zu haben, die sich schluchzend auf den Mädchentoiletten versteckten und ihren Freundinnen ihr Leid klagten, nachdem ihnen von einem halbwüchsigen Mistkerl das Herz gebrochen worden war. Zum einen hatte es bis vor wenigen Wochen noch kein anderes Mädchen in ihrem Leben gegeben, dass der Bezeichnung ›beste Freundin‹ gerecht hätte werden können, zum anderen war sie auch nie der Typ gewesen, der sich so einfach von irgendwelchen Möchtegerncasanovas hatte aufs Glatteis führen lassen.

Unglücklicherweise hatten ihre verquollenen Augen und das vom Weinen fleckige Gesicht an diesem Morgen eine gänzlich andere Sprache gesprochen.

Nach dem wenig erfreulichen Zwischenfall in der großen Halle, der lautstarken Auseinandersetzung im Treppenhaus und ihrer regelrechten Flucht vor nicht nur Sirius, sondern auch all ihren anderen Freunden, die zweifellos hätten wissen wollen was vorgefallen war, hatte sie sich gegen den Schutz der sicheren Wände ihres Schlafsaals entschieden.

Mithilfe der Karte des Rumtreibers und ihrem ausgeprägten Wissen über die unzähligen Geheimgänge Hogwarts’ war sie stundenlang unbemerkt durch das Schloss gestreift, bis sie es weit nach Mitternacht schließlich gewagt hatte hinauf in den Turm der Gryffindors zu schleichen. Verborgen hinter den geschlossenen und mit Stillezaubern belegten Vorhängen ihres Bettes hatte sie den Rest der Nacht damit zugebracht so häufig zu weinen, dass sie sich am darauffolgenden Morgen über ihren eigenen Anblick selbst erschrocken hatte.

Sie hatte es gerade noch rechtzeitig geschafft die Spuren ihres Zusammenbruches mithilfe einiger simpler Heilzauber zu verschleiern, ehe sie von einer ihrer sichtlich besorgten Mitbewohnerinnen in Beschlag worden war. Wohl wissend, dass Lily ihr mit keinem Wort glaubte, hatte Cathrina dennoch versucht die Ereignisse des Vorabends herunterzuspielen und nachdrücklich klar gemacht, dass sie keinerlei Bedürfnis verspürte zu reden. Mit absolut niemandem. Was sie wiederum vor das nächste Problem gestellt hatte. Sirius aus dem Weg zu gehen wäre bereits schwierig geworden. James, Remus und Peter zu umgehen nahezu unmöglich.

Umso erleichterter war sie nach betreten der großen Halle gewesen. Wie an Spieltagen nicht unüblich hatte sich die gesamte Hausmannschaft bereits früh am Morgen auf den Weg zum Stadion begeben. Anstatt sich also allen vier Rumtreibern auf einmal stellen zu müssen, insbesondere Sirius, waren es nur Remus und Peter gewesen, die gemeinsam mit Mary und Alice inmitten einiger aufgeregter Erstklässler zusammengesessen hatten.

Doch anstatt wie insgeheim befürchtet mit Fragen durchlöchert zu werden, war sie mit einigen knappen Worten begrüßt worden, ehe sich beide wieder ihren eigenen Angelegenheiten gewidmet hatten. Verunsichert, was sie von dieser völlig unerwarteten Reaktion ihrer Freunde halten sollte, hatte Cathrina geraume Zeit damit zugebracht erst Peter, dann Remus heimlich dabei zu beobachten, wie sie ihrer üblichen Morgenroutine folgten, ehe sie es gewagt hatte tatsächlich daran zu glauben, den Vorfall des Vorabends zumindest vorerst beiseiteschieben zu können.

Der Morgen war gut verlaufen. Zu gut. Weshalb es sie insgeheim nicht wirklich überraschte, als ihr Glück weniger als zwei Stunden später aufgebraucht war.

»Was soll das heißen du musst nochmal weg?« Cathrina trat einen Schritt zur Seite, um eine Horde Gryffindors vorbeizulassen, die in fast schon bewundernswerter Geschwindigkeit die knarzenden Treppenstufen der Tribüne hinaufstürzten, die sie bis wenige Sekunden zuvor ebenfalls hatte nehmen wollen. »Erst Peter und jetzt auch noch du? Wollt ihr mich auf den Arm nehmen?«

Peter hatte sich kurz nach Verlassen des Schlosses von ihnen verabschiedet, um sich das Spiel gemeinsam mit Megan auf der Tribüne der Hufflepuffs anzusehen. Nach mehreren eindeutig gut verlaufenen Dates waren beide auf bestem Wege ein offizielles Paar zu werden und Cathrina war die Letzte, die vorhatte ihrem Freund dabei im Wege zu stehen. Was sie allerdings nun in die unschöne Position brachte, ohne einen Einzigen ihrer Freunde das Stadion betreten zu müssen.

Remus hob abwehrend die Hände. »Vertrauensschülerkram«, erklärte er hastig. »Wird bestimmt nicht lange dauern. Geh schonmal vor. Ich beeile mich pünktlich zum Anpfiff bei dir zu sein.«

»McGonagall liebt Quidditch! Wieso um alles in der Welt will sie euch ausgerechnet jetzt sprechen?!«

Remus zuckte ratlos mit den Schultern. »Sobald ich es herausfinde, lass ich es dich wissen.«

Cathrina seufzte resignierend und verfluchte sich gedanklich selbst, überhaupt ihr Bett verlassen zu haben. »Dann sehen wir uns an unseren üblichen Plätzen?«

Er nickte. »Wird sicherlich nicht lange dauern.«

»Hoffen wir es«, brummte sie mürrisch und beobachtete ihn dabei, wie er zwei Ravenclaws auswich und auf dem schmalen Weg nahe den Umkleidekabinen verschwand. Vertrauensschülertreffen. Weniger als zehn Minuten vor Anpfiff des letzten Spiels der Saison. McGonagall musste wirklich einen triftigen Grund haben.

Es dauerte nicht länger als eine Handvoll Sekunden, ehe sich das kaum zu ignorierende Verlangen in ihr bemerkbar machte, einfach zu verschwinden. Einfach weggehen. Weit weg vom Stadion und all diesen schrecklich gut gelaunten Mitschülern, die ihrem vom Schlafmangel sowieso bereits geplagten Gemüt minütlich mehr zusetzten. Mit Ausnahme einiger weniger Schüler wäre das Schloss während des Spiels so gut wie leer und sie könnte sich ein ruhiges Plätzchen suchen, an dem sie unbemerkt weiter in Selbstmitleid versinken könnte.

So verlockend der Gedanke auf den ersten Blick auch zu sein schien, vertrieb sie ihn fast augenblicklich wieder aus ihrem Kopf. Remus würde früher oder später zurückkehren und sie hatte nicht vor ihn völlig allein auf der Tribüne sitzen zu lassen – so allein man inmitten unzähliger Hauskameraden auch sein konnte.

Lautes Fußgetrampel riss sie aus ihren Gedanken und gerade noch rechtzeitig zur Seite treten, als eine kleine Gruppe zweifelsfrei von Alice‘ geschminkte Erstklässler an ihr vorbeistürmten, um es noch pünktlich vor Anpfiff hinaufzuschaffen.

Verdammt. Cathrina massierte sich mit den Zeigefingern über die Schläfen und stieß hörbar die Luft aus. So sehr sie Sirius auch aus dem Weg gehen wollte, war auch James Teil der Mannschaft und kämpfte darum den diesjährigen Pokal für ihr Haus zu gewinnen. Sie wäre eine wirklich schreckliche Freundin, wenn sie sich ausgerechnet heute dazu entscheiden würde sich irgendwo zu verkriechen, um ihre Wunden zu lecken.

Mit einem letzten, sehnsüchtigen Blick in Richtung Schloss drehte sie sich um und begann mit zügigen Schritten die hölzernen Stufen hinaufzusteigen, die sie zur Haupttribüne der Gryffindors führen würde.

Hinaufgehen, hinsetzen, ein paar Stunden vierzehn Schülerinnen und Schüler dabei beobachten, wie sie in halsbrecherischer Geschwindigkeit über das Spielfeld brettern. Jubeln, klatschen und – hoffentlich – nach dem wohlverdienten Sieg nahtlos zur zweifelsfrei stattfindenden Party im Gryffindorturm übergehen. Wo sie sich klangheimlich aus dem Staub machen und in ihren Schlafsaal zurückziehen können würde.

Kein besonders ausgefallener Plan, aber dennoch ein Plan.

Unglücklicherweise schienen sich jedoch sämtliche Schicksalsgötter gegen sie verschworen zu haben. Anders hätte sie sich den Anblick der brünetten Hexe nicht erklären können, der sie wenige Augenblicke später fassungslos gegenüberstand.

Von allen Menschen der Welt, sämtlichen Bewohnern des Schlosses oder Zuschauern, die wegen des Spieles nach Hogwarts gekommen waren, musste sie ausgerechnet auf Juliana Bowen treffen.

Was um alles in der Welt hatte sie in ihrem früheren Leben verbrochen, um das zu verdienen?

»Cathrina.« Juliana lächelte, fast schon ein wenig verlegen. »Ich glaube, wir sollten uns unterhalten.«

Cathrina spürte, wie sie sich instinktiv in Abwehrhaltung begab, noch während sie versuchte zu verstehen, was in Dreiteufelsnamen gerade passierte. »Ich wüsste nicht, über was«, erwiderte sie knapp, bemüht eine möglichst neutrale Tonlage beizubehalten. »Wenn du mich entschuldigen würdest, ich will den Anpfiff nicht verpassen.«

Noch ehe sie auch nur einen einzigen Schritt hatte machen können, legte Juliana die Hände an beide Seiten des Geländers, um ihr den Durchgang zu versperren. »Ich denke das weißt du sehr wohl«, widersprach sie gefasst. »Bitte. Fünf Minuten. Mehr verlange ich nicht.«

Juliana hatte ihr persönlich nie etwas getan, weshalb es Cathrina schockieren sollte, wie sehr sie ihr geradewegs in das unverschämt symmetrische Gesicht schlagen wollte. Mit zu Fäusten behalten Händen trat sie mehrere Schritte zurück und versuchte ihre aufkommende Wut zu kontrollieren, die kurz davor stand geradewegs aus ihr herauszubrechen.

Juliana schien ihr Schweigen als Erlaubnis aufzufassen, sprechen zu dürfen. »Wie du sicher weißt, sind Sirius und ich schon länger miteinander befreundet.«

Befreundet? Cathrina presste die Lippen fest aufeinander, um nicht laut zu lachen. Soweit sie im Bilde war, war es unüblich, mit einfachen Freunden für eindeutig nicht jugendfreie Aktivitäten in leerstehenden Klassenzimmern zu verschwinden.

Juliana schien ihre Gedankengänge zu erraten. »Wir waren nicht immer Freunde, das stimmt«, gab sie zu. »Kurz nachdem ich nach Hogwarts gekommen bin, habe ich mich so dermaßen in Sirius verschossen, dass es mir mittlerweile fast schon peinlich ist.« Sie zog die Nase kraus. »Die Mädchen aus meinem Schlafsaal haben mich vor seinem Ruf gewarnt, aber… naja. Irgendwie war es mir einfach egal.«

Cathrinas Handflächen pochten vor Schmerz, als sich ihre Fingernägel tiefer und tiefer hineinbohrten, auch wenn es nichts im Vergleich zu dem Gefühl war, was sie bereits seit Stunden verfolgte. »Komm auf den Punkt, Bowen«, sagte sie deshalb. »Was soll das alles hier?«

Julianas Miene wurde weicher. »Sirius war von Anfang an ehrlich zu mir und hat mir deutlich gemacht, dass er nicht der Typ für etwas festes ist. Das hat mir zwar nicht wirklich gefallen, aber es war meine Entscheidung mich darauf einzulassen.« Sie lächelte und wirkte fast ein wenig gedankenversunken, ehe sie fortfuhr: »Wir haben uns weiter getroffen, und das nicht nur, um miteinander zu schlafen. Wir sind Freunde geworden. Und vor zwei Nächten habe ich genau das dringend gebraucht. Einen Freund.«

Cathrina verschränkte die Arme vor der Brust und fragte sich zum wiederholten Male, was Bowen mit diesem Gespräch zu bezwecken versuchte. »Danke für die Zusammenfassung, um die ich nicht gebeten habe. Kann ich jetzt gehen?«

Juliana ließ sich von ihrem ruppigen Ton nicht beeindrucken. Stattdessen holte sie tief Luft. »Alkohol und Sex ist keine gute Mischung«, gab sie peinlich berührt zu. »Und trotzdem ist mir genau das passiert. Mir und Henry Jacobs.«

Cathrina brach ab, ehe sie überhaupt begonnen hatte zu sprechen. Stirnrunzelnd starrte sie ihr gegenüber einem Moment lang einfach nur an. »Was?«

»Henry Jacobs. Seit etwa drei Wochen mein fester Freund«, erklärte sie sachlich. »Wir haben rumgealbert, sind heimlich durch das Schloss geschlichen und am Ende in einem leerstehenden Klassenzimmer gelandet.« Sie zog eine Grimasse. »Henry hatte ein paar kleine Schnapsfläschchen dabei, die er während den Ferien mit seinem Bruder in Warschau gekauft hat. Das Zeug war schlimmer als der härteste Feuerwhisky, den ich je getrunken habe. Und irgendwie haben wir es ein wenig übertrieben.«

Cathrina hatte Schwierigkeiten, ihrem Redefluss zu folgen. Doch mit jedem weiteren Wort, das sie hörte, überkam sie ein äußerst schlimmer Verdacht.

»Ich glaube nicht, dass ich weiter ausführen muss, was zwischen uns passiert ist.« Juliana seufzte leise. »Als ich am nächsten Morgen wieder völlig bei mir war ist mir klar geworden, dass wir völlig vergessen hatten einen Verhütungszauber zu wirken. Ihn nachträglich zu benutzen hätte nichts mehr gebracht im Falle, ich wäre…«

Schwanger. Cathrinas Beine begannen sich seltsam schwer zu fühlen. Sie bemerkte kaum, wie sie eine Hand um das raue Holzgeländer der Treppe schloss, um sich abzustützen, während eine fast schon unerträgliche Vorahnung immer wahrscheinlicher wurde.

»Ich wusste von dem Verhütungstrank, der bis 48 Stunden danach eingenommen werden kann«, fuhr Juliana unbeirrt fort. »Der Großteil der Zutaten ist nichts Besonderes, aber ein paar davon… sind so teuer, dass Slughorn sie nicht einfach irgendwo herumliegen lassen würde.«

Es ergab Sinn. Einfach alles ergab Sinn. Jedes weitere verdammte Wort entpuppte sich als Teil eines riesigen Puzzles und ließ ihr mehr und mehr bewusst werden, was für einen unfassbaren Fehler sie begangen hatte.

»Ich musste also an Slughorns weggeschlossenen Vorräte. Und wie es der Zufall so wollte, wusste ich genau, wer mir dabei helfen könnte.«

Ohrenbetäubende Jubelschreie eröffneten das finale Quidditchspiel der Saison, während Cathrina sich wenig damenhaft auf eine der Treppenstufen sinken ließ. Den Blick fest auf die schwieligen Holzbretter auf dem Boden gerichtet nahm sie nur unterbewusst wahr, wie sich Juliana neben sie setzte.

»Vor zwei Tagen habe ich Sirius abgefangen, als er auf dem Weg war, James im Krankenflügel zu besuchen«, fuhr sie fort. »Ich habe ihm alles erklärt und ihn um Hilfe gebeten.« Sie schwieg einen Moment. »Er war… zögerlich. Nicht, weil er mir nicht helfen wollte. Irgendetwas anderes hat ihn abgehalten, sofort zuzusagen.«

Etwas anderes. Vollmond. Cathrina stützte die Ellenbogen auf ihre Knie und vergrub das Gesicht in beiden Händen. Der nahende Vollmond hatte Sirius zögern lassen, nicht Julianas Bitte. Die Zeit hatte gegen sie gespielt, weshalb er gezwungen gewesen war das Risiko einzugehen, ohne große Vorbereitungen in Slughorns Vorratsraum einzubrechen. Selbst mit der Karte des Rumtreibers, aber ohne Mitverschwörer, die notfalls für Ablenkung sorgten, ein heikles Unterfangen.

»Gestern Abend« Ihre Stimme fühlte sich seltsam kratzig an, als sie das erste Mal wieder sprach. »Der Astronomieturm.«

Juliana wirkte nicht im mindesten überrascht. »Professor Capur ist noch immer krank, deshalb findet dort aktuell noch immer kein Astronomie-Unterricht statt. Also habe ich mir da oben eine Ecke gesucht, in der ich den Trank in Ruhe brauen konnte. Sirius wusste das und kam vorbei, um sich zu erkundigen, ob alles geklappt hat.«

Cathrina konnte nicht fassen, was sie da gerade gehört hatte. Sollte es tatsächlich stimmen und Juliana und Henry Jacobs waren seit einigen Wochen ein festes Paar, dann…

»Sirius und du.« Sie musste es einfach hören. »Ihr habt nicht…?«

»Kurz nach den Ferien das letzte Mal«, unterbrach sie sie ruhig. »Danach… hat er mich auf Abstand gehalten. Und ich kann mir langsam aber sicher auch vorstellen, wieso.«

Cathrina wagte es nicht den Kopf zu heben. Nicht nur aufgrund der massiven Schuldgefühle, die von Sekunde zu Sekunde zunahmen.

»Ich wusste, dass irgendwann ein Mädchen kommen würde, das Sirius in die Knie zwingt.« Juliana lachte leise. »Das es ausgerechnet seine beste Freundin sein würde, hätte ich allerdings nicht erwartet.«

Cathrina überkam das drängende Verlangen alles sofort abzustreiten. Doch als sie den Kopf hob und Juliana ins Gesicht sah, wusste sie, dass es sinnlos wäre. Sie versuchte es trotzdem. »Wir sind kein Paar.«

Juliana zog die Augenbrauen fragend nach oben. »Offiziell vielleicht nicht. Aber inoffiziell?«

»Inoffiziell…« Ihre Lippen verzogen sich zu einem schmalen Strich. Dann schüttelte sie mit dem Kopf. »Inoffiziell habe ich wohl gestern Abend mit ihm Schluss gemacht.«

Merlin, sie hatte sich schrecklich benommen. Sie hatte ihm überhaupt keine Gelegenheit gegeben sich zu erklären. Sie hatte genau dasselbe getan, was sie ihm kurz nach Ende der Frühlingsferien selbst vorgeworfen hatte.

»Daran bin wohl aber eher ich schuld«, warf Juliana entschuldigend ein. »Ich habe ihn schwören lassen, niemandem davon zu erzählen. Unglücklicherweise nimmt Sirius solche Versprechen immer äußerst ernst.«

Eine Untertreibung. Sirius‘ Loyalität derjenigen Gegenüber, die er zu seinen Freunden zählte, war bewundernswert. Und brachte ihn gelegentlich in ziemliche Schwierigkeiten. »Unsinn. Du konntest es nicht wissen«, sagte sie deshalb und senkte den Blick. »Niemand weiß von… von Sirius und mir. Wir… Er und ich, wir-«

»Seit eindeutig vernarrt ineinander, wollt aber nicht, dass es jemand weiß«, mutmaßte Juliana sanft. »Ihr wollt es also weiterhin für euch behalten?«

Wollten sie das? Cathrina hatte nicht die leiseste Ahnung. Doch vermutlich gerade weil sie noch nie mit irgendjemandem über ihre neuerdings völlig veränderte Beziehung zu Sirius gesprochen hatte, wusste sie auf die Frage keine passende Antwort. »Ich weiß es nicht. Wir haben noch nicht darüber gesprochen.«

Was nüchtern betrachtet genau der Grund dieses riesigen Missverständnisses war. Mangelnde Kommunikation. Schon wieder.

Sie räusperte sich leise. »Ich wäre dir im Übrigen sehr dankbar, wenn du das alles für dich behalten könntest. James, Remus und Peter wissen auch noch nichts davon. Ich will nicht, dass sie es über irgendwelche Gerüchte erfahren.«

»Keine Sorge. Ich schweige wie ein Grab.« Juliana streckte die Beine aus und schwieg geraume Zeit, ehe sie wieder das Wort ergriff. »Geh nach dem Spiel zu Sirius und rede mit ihm, ja? So aufgekratzt wie gestern habe ich ihn noch nie zuvor erlebt.«

Cathrina warf ihr einen kurzen Seitenblick zu. »Er wird wütend sein, dass ich ihm nicht zugehört habe.«

Zu ihrer Überraschung lachte Juliana auf. »Glaub mir, da musst du dir keine Sorgen machen. Er wird Luftsprünge machen, sobald du auf ihn zugehst. Er hat ein verflucht schlechtes Gewissen.«

Er hatte ein schlechtes Gewissen? Sie hatte das Verlangen, sich nach ihrem alles anderen als erwachsenen Verhalten irgendwo zu verstecken.

»So, da wir das geklärt haben…« Juliana stand auf und klopfte sich den Schmutz von der Hose. »Ich für meinen Teil glaube wir sollten uns nicht noch mehr von dem Spiel entgehen lassen. Meinst du nicht auch?«

Cathrina beobachtete sie zögerlich, unsicher, wie sie sich verhalten sollte. Da kam ihr etwas anderes in den Sinn. »Du hast hier auf mich gewartet«, sagte sie misstrauisch. »Woher wusstest du, dass wir genau auf diese Tribüne hier gehen würden?«

Juliana biss sich auf die Unterlippe, konnte sich ein Grinsen aber nicht verkneifen. »Ich hatte ein wenig Hilfe«, gab sie zu und beugte sich über das Geländer, um nach unten zu sehen. »Remus? Du kannst hoch kommen! Ist alles erledigt!«

Cathrinas Augen wurden groß wie Untertassen. »Sie wissen Bescheid«, stellte sie ungläubig fest. »Sie alle, oder?«

»Sirius hat mich um Erlaubnis gebeten ihnen zu erzählen, was passiert ist«, erklärte Juliana. »Und nachdem sie ihm klar gemacht haben, was für ein Vollidiot er gewesen ist, haben sie sich bereiterklärt zu helfen, das hier zu organisieren.«

Cathrina wusste nicht, ob sie gerührt oder eingeschnappt sein sollte. Elende Verräter. Wohl wissend, dass Remus mit hoher Wahrscheinlichkeit dabei war die Treppen hinaufzusteigen, warf sie Juliana einen nervösen Blick zu. »Sie wissen von dir. Aber von Sirius und…?«

Sie schüttelte den Kopf, kam jedoch nicht mehr dazu etwas zu erwidern, da Remus auf die Treppe einbog, auf der sie sich befanden. Cathrina versuchte ihren Freund wütend anzusehen, scheiterte allerdings kläglich. »Vertrauensschülerkram mit McGonagall, hm?«

Remus grinste verschmitzt. »Hat doch geklappt, oder etwa nicht?«

Sie stieß einen verächtlichen Laut aus. »Und wo steckt Peter?«

»Der ist tatsächlich bei Megan.«

Fassungslos, wie sich ihre gesamte Welt binnen eines einzigen Gesprächs mehrmals um sich selbst gedreht hatte, schüttelte Cathrina wiederholt mit dem Kopf. »Ich hasse euch.«

»Tust du nicht.« Remus schlenderte gemütlich die Stufen hinauf. »Und auch wenn Quidditch nichts ist, womit ich mir normalerweise die Zeit vertreibe, will ich nicht noch mehr vom Spiel verpassen.«

Juliana nickte zustimmend. »So spannend wie dieses Jahr war es schon lange nicht mehr.« Sie zwinkerte. »Da Hufflepuff keine Chance mehr hat, drücke ich natürlich euch Löwen die Daumen.«

Cathrina hob die Hände und ließ sich von Remus auf die Füße ziehen. »Kommst du mit zu uns?«

Juliana schüttelte den Kopf. »Ich habe mich mit meinen Freundinnen auf einer anderen Tribüne verabredet. Sie fragen sich bestimmt schon, wo ich bleibe.« Mit einem Lächeln wandte sie sich zum Gehen. »Viel Glück!«

Cathrina winkte zum Abschied, obgleich sie nicht wusste, ob Julianas letzte Worte dem Spiel oder ihrer bevorstehenden Aussprache mit Sirius galten. Mit einem Seufzen vergrub sie das Gesicht an Remus‘ Schulter. »Sag mir, dass ich total bescheuert bin, Moony.«

Remus tätschelte ihr den Rücken. »Sieh es von der Seite. Diesmal werdet ihr euch wenigstens nicht wochenlang aus dem Weg gehen.«

»Hoffen wir mal«, murmelte sie und ließ sich widerstandslos einen Arm um die Schultern legen und die Treppe hinaufführen.

»So übel ist Juliana gar nicht, was?«

»Nein«, stimmte sie ehrlich zu. »Nein, das ist sie wirklich nicht.«

Die Lautstärke auf der Tribüne nahm schlagartig zu. Cathrina warf Remus einen kurzen Blick zu, ehe sie ihre Schritte beschleunigten.

»Gib’s zu. Du wolltest sie ins Nirvana fluchen, als du sie gesehen hast.«

»Nein, wollte ich nicht«, erwiderte sie unschuldig.

»Wirklich nicht?«

»Nein.« Ihre Mundwinkel zuckten. »Ich habe versucht einzuschätzen, ob ich genug Kraft aufbringen könnte, um sie über das Geländer zu schupsen.«



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Ich wünsche euch allen ein schönes Wochenende :)

LG

Winterbell
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