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Moira Níre

von ElveaTdZ
GeschichteDrama / P16 / Het
Aragorn Gandalf Gimli Legolas OC (Own Character)
20.02.2021
23.02.2021
10
20.516
2
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23.02.2021 1.763
 
Teil 2

Kapitel 9

Niniel stürmte wutentbrannt aus der Halle des Königs. Die Wachen sahen sie erschrocken an, aber sie hatte keinen Blick für sie übrig. Erst als sie vertraute Schritte hinter sich vernahm drehte sie sich um.
„Der König ist ein Feigling.“ Sie spie die Worte geradezu aus.
Gandalf nickte.
„Er denkt, er könnte der Welt ausweichen, sich in Helms Klamm verstecken, bis der Sturm vorüberzieht. Nur ist dies ein Sturm, der ihn vernichten wird und mit ihm sein ganzes Volk, wenn er sich nicht wehrt.“
„Er hat schwaches Blut“, sagte Niniel verächtlich.
„Nicht schwach, nein“, widersprach Gandalf „er hat nur vergessen, zu was er fähig wäre.“
„Er wird keine Wahl haben als sich zu erinnern.“
Aragorn war hinter sie getreten.
„Deine Zuversicht ehrt dich, aber sie ist töricht. Theoden verkriecht sich wie ein geprügelter Hund in die Hornburg“, sagte Niniel.
„Er ist störrisch wie ein alter Hund“, grummelte Gandalf „und stolz noch dazu. Er wird Hilfe benötigen, um die er nicht bitten will.“
Niniel drehte sich um. Ihr Blick schweifte über die Bewohner der goldenen Stadt, über die angespannten Gesichter der Älteren, die spielenden Kinder, die sich der Gefahr nicht bewusst waren.
„Seht sie euch an“, sagte sie leise „all diese Menschen, wie sie ergeben ihrem König folgen. Er wird sie in ihren Tod leiten, wenn wir nichts tun.“
„Lasst uns mit ihm sprechen“, bat Aragorn „Er muss Gondor um Hilfe rufen. Vielleicht hört er auf euch.“
„Ich habe keine Lust mehr zu reden“, entgegnete Niniel „Lasst uns handeln und den König vor vollendete Tatsachen stellen.“
„Was hast du vor?“
„Ich werde meinen Neffen erinnern, dass es alte Bündnisse gab zwischen Elben und Menschen. Es ist an der Zeit, sich zu erinnern.“
„Und ich werde nach Osten reiten. Eomer und seine Rohirrim wurden zuletzt dort gesehen“, beschloss Gandalf.
„Wo ist mein Platz in dieser Unternehmung?“, verlangte Aragorn zu wissen.
„Du bleibst an der Seite des Königs. Versuche ihm Vernunft einzureden oder verhindere zumindest das schlimmste Unglück. Erwarte mich beim ersten Licht des fünften Tages. Bei Sonnenaufgang seht nach Osten. Und nun lebt wohl, ich werde eilen.“
Gandalf ging hastig auf die Ställe zu. Aragorn sah ihm hinterher, dann musterte er Niniel.
„Und Ihr? Wohin wird Euer Weg Euch führen?“
Sie hielt seinem Blick stand.
„Nach keiner Himmelsrichtung, die ich beschreiben könnte, fürchte ich. Aber erwarte mich noch vor Schlachtbeginn. Ich beabsichtige nicht, dieses Spektakel zu verpassen.“
Niniel legte ihm kurz die Hand auf die Schulter.
„Gib acht auf dich und den Rest unserer Gemeinschaft. Sie ist mir ans Herz gewachsen.“
„Und Ihr gebt auf Euch acht, Herrin Niniel. Möge Earendil über Euch wachen“, sagte er in der Sprache der Waldelben.
„Und über Euch“, erwiderte sie, dann drehte sie sich um und ging mit schnellen Schritten davon. Ihr Weg führte sie aus der Stadt hinaus und hoch in die Berge. Sie rannte, wie sie auf der Jagd nach Merry und Pippin gerannt waren. Die Luft war unnatürlich warm und durchdrungen von ängstlichen Gedanken. Sie schien zu vibrieren unter all den Sorgen. Niniel schüttelte ärgerlich den Kopf und lief schneller. Sie brauchte klare Luft, leere Luft, die sie als Boten benutzen konnte. Sie musste die Berge erreichen, so hoch wie möglich klettern, bis kein menschliches Gefühl mehr die Luft verpestete.
Oben auf den Stufen der Goldenen Halle stand Legolas und sah ihr nachdenklich hinterher. Ihr Elbenmantel verschmolz vollständig mit dem wogenden Gras Rohans, machte sie unsichtbar für Menschenaugen, aber er folgte ihrem Weg, bis sie den Fuß der Berge erreicht hatte. Dann drehte er sich um und ging hinein, widmete sich der Aufgabe, die für ihn vorgesehen war.

Die Berge begrüßten sie mit Kargheit und Stille. Das Gras wurde kürzer und dunkler. Es klammerte sich an den Fels, zog Energie aus der flacher werdenden Erdschicht. Niniel warf keinen Blick zurück. Ihre Augen waren fest auf den Pfad vor ihr gerichtet. Sie verschwendete keinen Gedanken an die, die sie zurückgelassen hatte. Sie brauchte ihren Geist für wichtigeres. Erst als die Sonne hinter dem Gipfel des Berges verschwand und sie in Schatten tauchte, blieb sie stehen. Edoras war kaum noch zu erkennen. Kein störendes Geräusch drang mehr zu ihr hinauf, nur der Wind strich über ihr Gesicht, flüsterte ihr Geschichten ins Ohr. Niniel lächelte, doch sie war nicht des Windes wegen gekommen. Ihr Blick glitt über den Berghang, aber noch mehr als ihre Augen suchten ihre Ohren nach dem leisen Plätschern eines Gebirgsbaches. Der Wind wurde übermütig, übertönte das Wasser. Niniel runzelte die Stirn. Ärgerlich kniete sie sich auf den Boden, befühlte die Erde. Sie war trocken, keine Spur von Wasser. Die Zeit drängte, sie hatte den halben Tag für den Aufstieg gebraucht und konnte es sich nicht leisten, lange zu suchen. Auf gut Glück kletterte sie weiter den Berg hinauf, lief dorthin, wo Erde zu Fels wurde und Gras zu Flechten. Endlich, nahe des Gipfels, wurde sie fündig. Eine Quelle entsprang einer Felsspalte, das Wasser so rein und kalt wie Schnee. Niniel fiel neben dem Fels auf die Knie, tauchte beide Hände in das Wasser. Sie schloss die Augen und blendete alles aus bis auf die Quelle und ihre kalten Finger, die sich um ihre schlangen. Niniel schickte ihren Geist in das Wasser, stellte sich seinen Weg vor, wie es den Berg hinuntersprang, immer schneller und schneller wurde, wie es verborgene Wege im Fels fand. Sie folgte dem Wasser über die Ebene von Rohan, stellte sich vor, wie es seinen Weg in den Anduin fand und von dort flussaufwärts nach Lothlorien und zu einer vertrauten Gestalt.
„Niniel“, begrüßte Galadriel sie und Niniel sah ihr Gesicht so deutlich, als würde sie vor ihr stehen. „Ich hatte dich nicht so früh erwartet. Nachricht wandert schnell in diesen Tagen, gute wie schlechte.“
Niniel hob eine Augenbraue.
„Es tut gut dich zu sehen. Aber wie konntest du mich erwarten? Den Beschluss, um elbische Hilfe zu bitten, trafen wir erst vor wenigen Stunden.“
Galadriels Miene war unbewegt wie jeher.
„Dann ist es eine glückliche Fügung, dass wir uns sprechen“, sagte sie nur.
„Was für eine Nachricht sollte mich erreichen?“, fragte Niniel, aber Galadriel winkte ab.
„Deine Augen verraten Eile. Sag, was ist geschehen in Rohan?“
Niniel schilderte die Lage, in der sich das Land befand. Als sie die Sturheit Theodens beschrieb, stahl sich ein Lächeln auf Galadriels Gesicht.
„Du hast eine scharfe Zunge“, bemerkte sie „Der König tut, was in seiner Macht steht. Sein Wunsch, sein Volk in Sicherheit zu bringen ist nur menschlich.“
„Menschlich und töricht. Sie werden Hilfe brauchen, wenn sie überleben wollen. Sag, Freundin, sind Krieger in der Nähe, die Rohan zur Seite stehen können? Wenn nicht fürchte ich um dieses Land. Und wenn Rohan fällt dauert es nicht lange, bis Saruman und seine Truppen mit Feuer und Tod vor Lothlorien stehen.“
Galadriels Blick schweifte in die Ferne. Niniel wartete ungeduldig.
„Als ihr Lorien verließt“, sagte Galadriel endlich „befiel mich eine Vorahnung. Ich sah das Unglück, das in Isengard heraufzieht. Und sandte euch eine Gruppe Krieger hinterher. Sie haben gerade die Grenze des Fangorn überschritten. Ich werde mich mit ihnen in Verbindung setzen und sie unverzüglich nach Helms Klamm senden.“
Niniel atmete auf. Ein breites Lächeln erschien auf ihrem Gesicht.
„Das sind wahrhaft gute Neuigkeiten. Den Sternen sei Dank für deine Weitsicht, Freundin. Nun kann ich wieder Hoffnung schöpfen.“
Auf Galadriels Stirn erschien eine Sorgenfalte.
„Freue dich nicht zu früh, kleine Schwester“, sagte sie und Niniel erinnerte sich an die Nachricht, die sie ihr senden wollte.
„Warum so betrübt?“, fragte sie geradeheraus „Was ist geschehen, seit wir uns gesehen haben?“
„Am Morgen nach eurem Aufbruch“, begann Galadriel „kam ein Wanderer an unsere Tore. Ein Elb, den ich lange Zeit nicht gesehen, doch nie vergessen hatte. Er brachte den Geruch der Weiten Valinors mit sich.“
Eine Ahnung durchzuckte Niniel, aber sie verbot sich den Gedanken.
„Und weiter?“
„Er war auf der Suche nach dir“, sagte Galadriel „und wenn er wirklich der ist, der er zu sein scheint, werden sich eure Pfade bald kreuzen. Nur weiß ich nicht, ob es dir Glück oder Unglück bringen wird, ihn wiederzusehen.“
„Du sprichst in Rätseln, wie immer. Doch heute kann ich es nicht ertragen, im Dunkeln zu bleiben. Sag, nannte er einen Namen?“
„Er nannte den Namen seines Vaters. Seinen eigenen schien er vergessen zu haben, aber ich habe ihn erinnert. Sein Geist erinnert sich nicht an vieles aus dieser Welt, aber sein Name brachte alte Geschehnisse zu ihm zurück.“
„Wie kann das sein?“, flüsterte Niniel „wie kann er einen Weg in diese Welt gefunden haben? Die Valar haben ihm alles genommen, das ihn an diese Welt gebunden hat, im Austausch für sein Leben.“
„Vielleicht war der Drang, dich zu finden stärker als die Valar“, mutmaßte Galadriel „Ich glaube nicht, dass er sich an viel erinnert, nur, dass du wichtig für ihn warst. Aber er sucht dich unter einem Namen, den ich lange nicht gehört habe.“
„Und der nicht länger ein Teil von mir ist“, sagte Niniel scharf „Er mag damals nicht gestorben sein, aber ich Ninim ist es ganz sicher. Und sie wird nicht wieder zurück kommen.“
Galadriel neigte den Kopf und schwieg.
„Wo ist er jetzt?“
„Er schloss sich unseren Truppen an. Wenn er keinen anderen Weg gewählt hat, wirst du ihn in Helms Klamm treffen.“
Niniel lachte bitter.
„Was für ein passendes Wiedersehen. Wir verloren uns auf einem Schlachtfeld und dort sollen wir uns nun erneut treffen.“
„Wer weiß, vielleicht haben die Valar befunden, dass ihr genug gelitten habt und ihn deswegen von seinem Schicksal befreit.“
„Die Valar sind wankelmütig“, sagte Niniel schroff „Wir sind nichts als Spielfiguren in ihren Händen. Aber nun muss ich gehen. Auch mich erwartet man in Helms Klamm. Vielleicht finde diesmal ich den Tod, das wäre doch ein treffliches Ende für diese unrühmliche Geschichte.“
„Eure Geschichte war von jeher ehrenhaft. Aber ich respektiere deinen Wunsch. Geh nun, kämpfe tapfer und lass dich nicht von Vergangenem betrüben. Aber weise ihn nicht ab, bevor du nicht ergründet hast, was in seiner Seele vorgeht. So Earendil will ist dies ein Funke der Hoffnung in der Dunkelheit dieser Zeit.“
„Ich vertraue auf deine Weisheit, Freundin“, sagte Niniel, dann öffnete sie die Augen und war wieder allein an dem grauen Berghang. Die Dämmerung war aufgezogen, aber Niniel nahm ihre Umgebung kaum war. Abwesend trocknete sie ihre Hände an ihrem Umhang. Sie kauerte neben der Quelle, umfing ihre Knie mit den Armen, schaukelte vor und zurück während ihre Lippen tonlos seinen Namen formten. Sie konnte die Sonne nicht sehen, die hinter dem Berg versank, aber sie spürte ihre Wärme mit jeder Faser ihres Seins.
Als sie weinte gehörten die Tränen das erste Mal in Äonen wieder nur ihr.
 
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