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Herzblut

von Roxy68
GeschichteSchmerz/Trost, Liebesgeschichte / P18 / MaleSlash
20.02.2021
25.10.2021
35
86.319
51
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345 Reviews
Dieses Kapitel
14 Reviews
 
 
20.02.2021 2.890
 
Hallo liebe Leserschaft und herzlich willkommen zu dieser neuen Geschichte!

Ganz bewusst schreibe ich nicht zu „meiner“ Geschichte, denn, wie einige von Euch vielleicht schon wissen, ist sie ein Gemeinschaftswerk.

Im April 2020, in der ersten Hoch-Phase von Corona, dem völligen Lockdown, kam meine langjährige und treuste Leserin und Reviewerin PiccoloII mit einem Plot um die Ecke und meinte: „Mir kam gestern eine Idee, die ich gerne mit dir teilen möchte. Vielleicht gefällt sie dir und deiner Muse ja.“
Tja und wie mir diese Idee gefiel – meiner Muse, die zu dieser Zeit in einem tiefen und schwarzen Loch steckte, natürlich auch. Da ich aber niemand bin, der sich gerne mit fremden Federn schmückt, habe ich darauf bestanden, dass wir Storyline und Charaktere der Geschichte zusammen entwickeln.

Gesagt. Getan. Das Ergebnis möchten wir von heute ab mit Euch teilen.

Ich möchte es zudem nicht versäumen, mich noch einmal ganz herzlich bei dir, meine liebe Piccolo, für diese Idee und die tolle Zusammenarbeit zu bedanken.

Im Dezember 2010 hast du mir zu meiner allerersten Geschichte hier auf ff die ersten Reviews geschrieben und bist seitdem treu geblieben. Auch meine erneut hochgeladenen Geschichten hast du ein weiteres Mal gelesen und kommentiert. Auch dafür noch einmal tausend Dank-das ist nicht selbstverständlich.

„Herzblut“ ist nicht ganz zu unserem Jubiläum fertiggeworden, aber gut Ding braucht eben Weile.

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Hallo ihr Lieben. Ich hätte niemals damit gerechnet jemals in die Verlegenheit zu kommen ein Vorwort zu einer Geschichte zu schreiben.

Es ist absolut nichts Neues, dass mir Ideen zu Geschichten kommen und im Kopf herumschwirren. Wenn diese Ideen mich nicht loslassen, dann teile ich sehr gern mit Schreibern, von denen ich denke, dass sie ihnen gefallen könnten. Manchmal werden sie vom Autor umgesetzt, manchmal auch nicht. So oder so, habe ich dann vor dem Plotbunny Ruhe.

Als ich Ostern 2020 Roxy meine Idee unterbreitet habe, war sie sofort total begeistert und hat mich gefragt, ob wir gemeinsam das Projekt ausarbeiten und schreiben. Eine absolute Premiere für mich, da ich mehr Leser als Schreiber bin. Dennoch habe ich zugestimmt und konnte dabei ganz neue Erfahrungen sammeln.

Jetzt ist es soweit und Ihr könnt das Ergebnis unserer intensiven Zusammenarbeit lesen. Ich bin sehr gespannt.

Bevor es nun losgeht, muss ich mich recht herzlich bei dir, liebe Roxy, bedanken. Ohne dich gäbe es nicht eine einzige Zeile. Denn du musstest wirklich alles schreiben, da ich dafür einfach kein Talent habe. Danke, dass du all die Mühe und Arbeit auf dich genommen hast.

Liebe Grüße und gute Unterhaltung,
wünschen Roxy und Piccolo.

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Anmerkungen und Disclaimer:

Die Geschichte und die darin agierenden Charaktere sind frei erfunden und geistiges Eigentum von PiccoloII und Roxy68.

Wir möchten ausdrücklich darauf hinweisen, dass wir zu den Themen Obdachlosigkeit sowie Lese-Rechtschreib-Schwäche (LRS) und den, in diesem Zusammenhang stehenden Umständen, Lösungs- und Hilfsansätzen bzw Auswegen umfassend recherchiert haben. Einige Handlungen und Abläufe unterliegen jedoch der künstlerischen Freiheit, womit wir die Ernsthaftigkeit der Themen aber keinesfalls herabsetzen wollen.

Inhalt:

Zwei Leben. Zwei Männer, geprägt von Enttäuschungen und persönlichen Entbehrungen, aber dennoch voller Hoffnung. Beide geben ihr Herzblut, um anderen zu helfen und finden schließlich viel mehr, als sie je zu träumen gewagt hatten.

Genre:

Romanze-Schmerz/Trost, Male-Slash



Herzblut


©Roxy, Piccolo 2020/2021



>>Für die Welt bist du irgendjemand, aber für irgendjemand bist du die Welt>>

(Erich Fried, österreichischer Lyriker, Übersetzer und Essayist; 1921-1988)


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Kapitel 1 – Kjell


Mitte November 2015

„Kjell! Gut, dass Sie noch da sind.“ Mit langen, eiligen Schritten kam Kurator Roman Brinkhaus den schmalen Kiesweg, der zum Areal der Greifvögel führte, entlang.

Überrascht sah Kjell von seiner Arbeit auf. „Hallo Dr. Brinkhaus. Ich bin noch ein Weilchen da. Was gibt es denn?“

„Gute Neuigkeiten, mein Lieber. Sehr gute Neuigkeiten, um genau zu sein“, antwortete der Chef des Wald-Wildparks und lächelte. Er machte es etwas spannend, aber Kjell war höflich genug abzuwarten.

„Im kommenden Jahr beginnen wir mit der Falken-Zucht“, eröffnete er stolz. „Ich habe gerade die Genehmigung erhalten.“

Das war in der Tat eine sehr gute Nachricht. Für eine artgerechte Zucht waren einige Auflagen zu erfüllen. Der Wildpark war hierzu einige Wochen zuvor einer besonderen Inspektion unterzogen worden. Kjell, als hauptverantwortlicher Falkner hatte, gemeinsam mit dem Kurator, die notwendigen Anforderungen umgesetzt.

Obwohl die Population der meisten Falkenarten in den vergangenen Jahren wieder deutlich angestiegen war und der Status der besonderen Gefährdung zurückgenommen werden konnte, galt eine stabile Erhaltung als oberste Pflicht im Artenschutz.

„So bald schon? Das freut mich“, gab Kjell eher verhalten zurück. Dr. Brinkhaus zwinkerte. „Hm, das denke ich mir, lieber Kjell. Sie werden sich gleich noch mehr freuen, denn ich habe vor, Sie hauptverantwortlich im Zuchtprogramm einzusetzen.“

„Mich? Wirklich?“

„Na hören Sie mal. Sie haben nicht nur das Zeug dazu, sondern Sie sind in meinen Augen auch der fähigste Mann in der Umsetzung. Immerhin haben Sie mit der Aufzucht ja die besten Erfahrungen“, plauderte Brinkhaus weiter.

Kjell machte diese Lobhudelei etwas verlegen. Er liebte seine Arbeit, aber er war bescheiden und einfach nur glücklich, wenn es seinen Tieren gut ging. ‚Seine Tiere‘, so nannte er sie natürlich nur im Stillen.

„Danke, Dr. Brinkhaus. Aber das mit der Aufzucht ist ja noch einmal eine andere Sache …“

Brinkhaus winkte ab. „Ich weiß, was Sie sagen wollen, mein Lieber. Aber hören Sie auf tief zu stapeln. Schmeißen Sie sich nächstes Jahr ins Zeug, damit wir bald noch mehr Marlins und Odins hier haben.“

Marlin und Odin waren zwei Wanderfalken, die Kjell einige Monate zuvor aufgezogen hatte. Das verwaiste Gelege war im nahe gelegenen Wald gefunden worden und bange Stunden herrschte Ungewissheit, ob die Küken überhaupt schlüpfen würden. Nachdem beide nahezu unbeschadet ihre Ei-Hülle verlassen hatten, wurde Kjell zum Ziehvater zweier Wanderfalken. Einige Tage übernachtete er dazu sogar im Wildpark, um bei seinen Schützlingen zu wachen.

Die Namensgebung oblag normalerweise Dr. Brinkhaus und seiner Frau Jasmin. In diesem Fall durfte jedoch der ‚Falken-Vater‘ die Namen der Vögel aussuchen. Odin und der etwas kleinere Marlin brachten Kjell innerhalb der Kollegenschaft den Spitznamen ‚Falke‘ ein.

„Das werde ich“, versprach Kjell, der seine innere Aufregung, ob der zu erwartenden neuen Aufgabe, kaum noch unter Kontrolle halten konnte.

„Ich weiß, dass Sie das tun werden. Aber jetzt gehen Sie erst einmal in Ihren wohlverdienten Urlaub. Alles Weitere besprechen wir dann“, setzte Brinkhaus hinzu und klopfte Kjell anerkennend auf den Rücken.

Wenige Minuten später war Kjell wieder allein mit den Vögeln. Er hatte die Übergabe an seine Vertretung, den Kollegen Mirko, zwar schon erledigt, aber ohne eine persönliche Verabschiedung von seinen Lieblingen konnte er nicht für zehn Tage weg gehen. Wahrscheinlich würde er sowieso spätestens am dritten Tag einen kurzen Besuch machen.

Die Vögel waren nun einmal das Wichtigste in seinem Leben. Mehr brauchte er nicht und mehr wollte er nicht.

Als Kjell sich dem Uhu Sammi näherte, gab dieser einen ganz besonderen Laut von sich. Kjell nannte es ‚die Liebeserklärung‘ an ihn, denn niemanden sonst bedachte die große Eule mit einem solchen Laut.

„Na Sammi, versprichst du mir brav zu sein und Mirko nicht zu ärgern?“ flüsterte er.

Der Uhu wandte den Kopf in seine Richtung und kniff ein Auge zu. Kjell interpretierte das als ein zustimmendes Zwinkern.

Sammi konnte aber auch sehr launisch sein. Es gab Tage, da hatte selbst Kjell keinen Zugang zu ihm. Auch Sammi hatte er selbst aufgezogen. Ein Jahr nachdem er seine Arbeit im Wildpark aufgenommen hatte, war Sammi auf die Pflegestelle gekommen. Er war tags zuvor geschlüpft und von seiner Mutter verstoßen worden.

Zwischen Vogel und Falkner hatte sich im Laufe der Zeit ein besonderes Verhältnis entwickelt. Manchmal schien eine unsichtbare Verbindung zwischen Kjell und Sammi zu existieren.

Sammi war zudem der Star der Flugvorführungen. Als besonderes Highlight suchte sich Kjell am Ende jeder Show zwei oder drei Kinder aus dem Publikum, die den Uhu einmal anfassen durften. Dies funktionierte aber auch nur an jenen Tagen, an denen der Vogel nicht zickig war.

Kjell löste sich von Sammi und ging hinüber zu den Falken. Athene und Salomé, die beiden weiblichen Tiere beäugten ihn, ließen aber ebenso ein paar Streicheleinheiten zu. Anders als Juri, neben Marlin und Odin ein weiteres Männchen. Juri war ein guter Arbeiter, aber er verhielt sich distanziert. Kjell vermutete, dass die Prägung auf den Menschen einige unschöne Spuren bei dem Tier hinterlassen hatte.

Am Ende des Sommers hatten Odin und Marlin ihre erste Flugvorführung hinter sich gebracht. Während der Vorbereitungen hatte sich Kjell in seiner Ankündigung vor dem Publikum in unendlich vielen Details über die beiden Falken verloren. Er war wohl noch sehr viel aufgeregter gewesen, als seine Zöglinge.

Nachdem Kjell noch bei den Wüstenbussarden Romeo und Leonardo vorbeigeschaut hatte, kam zu guter Letzt der stolze Weißkopfseeadler Julius an die Reihe. Julius befand sich im Anfangsstadium der Mauser. Bei den Adlern konnte sie sich über Wochen oder gar Monate hinziehen. Kjell unterzog den Greifvogel noch einmal einer genauen Prüfung. „Na dann, mein Alter. Bis bald …“

Mit einem lachenden und einem weinenden Auge verließ Kjell wenig später den Wildpark.

Vor der Haustür begegnete er seiner Vermieterin Magdalena Römer, einer Endsechzigerin, die zwar im Kopf sehr fit, aber in ihrer Mobilität bereits sehr eingeschränkt war.

„Hallo Frau Römer“, grüßte Kjell die alte Dame und registrierte die schwere Einkaufstasche.

„Ach Herr Falkenstein. Wie geht’s den Tieren?“ flötete sie und schickte sich an die Tasche die Treppe hinauf zu tragen.

„Lassen Sie mich das machen“, sagte Kjell und nahm ihr die Tasche ab. „Den Tieren geht es allen gut.“

Frau Römer besaß eine Jahres-Karte für den Wildpark und war oft Gast bei den Flugvorführungen.

„Danke Ihnen, Herr Falkenstein. Hab wohl ein bisschen zu viel eingekauft-wie immer. Am Dienstag kommt meine Enkelin zu Besuch. Da muss ich doch mal etwas Anständiges kochen. Die jungen Leute kochen ja heute kaum noch selbst, und wenn, dann nur diese Bio-Vegan-Zeugs …“, plauderte Frau Römer und schüttelte sich über ‚Bio-Vegan-Zeugs‘.

Kjell grinste und stellte den Einkauf vor Frau Römers Wohnung ab.

„Nochmals danke“, sagte sie. Kjell nickte. „Gern geschehen. Schönen Abend, Frau Römer.“

Kjells Zwei-Zimmer-Wohnung lag im dritten Stock. Sein kleines, bescheidenes Reich, das ihm nur zweitliebster Aufenthaltsort war.

Nach einer ausgiebigen Dusche dachte Kjell bei einem ordentlichen Abendessen über seine zukünftige Aufgabe nach. Er hatte sich privat bereits mit dem Thema Zucht beschäftigt, aber niemals wirklich in Erwägung gezogen, dass ihm ein Teil davon tatsächlich in Ausübung seines Berufs als Falkner zufallen würde.

Es kam selten vor, aber gerade in einem solchen Moment wünschte sich Kjell, seine Freude mit jemandem teilen zu können.

***


„Guten Morgen, Frau Schneider.“

Gutgelaunt betrat Kjell am darauffolgenden Montag Morgen die örtliche Bibliothek am Marktplatz. Hier war der Falkner, der obendrein eine eifrige Leseratte war, Stammgast. Kaum eine Woche verging, in der er die Bücherei nicht aufsuchte.

Die Leiterin, Isolde Schneider, lächelte ihm entgegen. „Hallo Herr Falkenstein. Heute schon so früh?“

„Mein erster Urlaubstag“, erwiderte Kjell und entdeckte in einem der Regale hinter der Bibliothekarin, die von ihm vorbestellten und mit seinem Namen versehenen Bücher. Die Leih-Rückgaben legte er auf den Tresen.

„Oh wie schön“, flötete Frau Schneider. „Haben Sie, außer Lesen natürlich, noch etwas vor?“ fragte sie mit ehrlichem Interesse.

Kjell hob die Schultern. „Nicht wirklich. Wenn das Wetter jedoch so schön bleibt, fahre ich mit dem Rad. Bin schon lange nicht mehr am Blauen See gewesen.“

„Da bin ich erst am Wochenende mit meinem Enkel gewesen“, plauderte sie, während sie die entliehenen Bücher zurück buchte. „Herrlich, der farbenfrohe Herbst.“

Kjell grinste.

„Sagen Sie mal, wie hat Ihnen der Fitzek gefallen?“ fragte sie dann und hob den aktuellen Roman ihres Lieblings-Autors in die Höhe.

„Top. Sein bester, würde ich sagen“, gab Kjell zur Antwort und traf dabei genau den Nerv der Bibliothekarin.

„Ich wusste, dass Sie das sagen. Inzwischen kann ich Ihren Geschmack gut einschätzen“, lächelte sie und griff nach den Vorbestellungen für Kjell.

„Ich habe da noch eine Bestellung“, sagte er und reichte Frau Schneider einen Zettel mit Titel, Autor und ISBN.

Sie nickte. „Fachliteratur. Moment, ich sehe nach, ob wir das da haben …“

„Sie haben. Ich habe online geschaut, aber es steht nicht zum Ausleihen zur Verfügung. Ich würde es gerne hier lesen. Können Sie es mir für Freitag reservieren?“ kam Kjell ihr zuvor.

„Junger Mann, Sie machen mich noch arbeitslos. Freitag. In Ordnung, ist reserviert“, zwinkerte sie und buchte die letzten zwei Bestellungen von Kjell ein.

„Dann bis Freitag, Frau Schneider und vielen Dank.“ Kjell verstaute die Bücher in seinem Rucksack.

„Schönen Urlaub, Herr Falkenstein.“

Kjell war mit dem Fahrrad unterwegs. Obwohl die Sonne schien, war es dennoch bedeutend frisch. Für November aber immer noch zu warm. Am Eingang vom Park stieg Kjell vom Rad und schob es über den Weg. In der Nähe vom Teich suchte er sich eine Bank in der Sonne und sah die entliehenen Bücher durch, um zu entscheiden, womit er anfangen wollte. Er entschied sich für einen Krimi, den er auch auf Empfehlung von Frau Schneider ausgeliehen hatte. Kjell war nicht festgelegt. Sein Interesse galt vielen Genres. Solange der Plot stimmig war und er bereits beim Klappentext Feuer fing, vertiefte er sich mitunter auch gerne mal in einer Liebesgeschichte.

Es war früher Vormittag und viele Parkbesucher waren Hundebesitzer, die mit ihren vierbeinigen Freunden die erste Runde des Tages drehten. Im Park herrschte normalerweise Leinenpflicht, aber gut erzogene Hunde tollten auch mal ohne über die Wiese.

Ein hechelnder Labrador verirrte sich an die Bank wo Kjell saß, stürmte aber auf einen Pfiff seines Herrchens wieder davon.

Kjell hatte die ersten dreißig Seiten des Romans verschlungen und legte das Buch zur Seite. Entspannt schaute er dem Treiben um sich herum zu. Am flachen Ufer des Teiches, direkt vor ihm, schnupperte eine schwarz-weiße Promenaden-Mischung und trank gierig ein paar Schlucke Wasser. Gleich darauf raste der Hund zum Gebüsch. Nachdem er dort sein Geschäft verrichtet hatte, war auch schon das Herrchen zur Stelle, die Hinterlassenschaft des Hundes zu entfernen.

Kjell musterte den Mann, der seinen Hund gleich darauf an eine Leine nahm. Obwohl der Besitzer nicht sehr laut sprach, hörte Kjell, dass er den Hund mit dem Namen Sheila ansprach und beobachtete erstaunt das vorbildliche Verhalten und die Sorgfalt des Mannes. Andere hätten das Häufchen unter dem Busch sicherlich ignoriert.

Kjell vertiefte sich wieder in sein Buch und verbrachte fast den ganzen Tag im Park mit Lesen. Unterbrochen von einem Spaziergang rund um den Teich und einem kurzen Besuch am Kiosk, wo er etwas zu trinken und einen kleinen Imbiss erstand.

Mit seinem Aufbruch am frühen Abend befand sich Kjell auf den letzten Seiten des fesselnden Krimis. Die Auflösung hob er sich für später auf. Bevor er nach Hause fuhr, überlegte er einen kleinen Vorrat für die nächsten Tage einzukaufen. Kjell ging nicht so gerne einkaufen und plante daher seinen Verbrauch vorausschauend für mehrere Tage.

Sein Rückweg vom Park führte ihn am Supermarkt hinter dem Bahnhofsgelände vorbei und bot ihm damit die Chance die ungeliebte Pflicht hinter sich zu bringen. Natürlich war der Markt um diese Zeit besonders frequentiert, da alle Berufstätigen jetzt noch schnell ihre Einkäufe erledigten. Kjell ärgerte sich, dass er nicht gleich am Morgen seine Besorgungen gemacht hatte.

Die Schlange an der Kasse war lang. Das Ausweichen auf eine andere, gerade öffnende Kasse, scheiterte am Gedränge der Einkaufswagen. Kjell holte tief Luft und ließ seine Gedanken zu seinem begonnenen Krimi wandern. Wieder einmal war er von sich selbst überrascht, wie sehr ihn Geschichten oder auch Filme faszinierten, in denen es zuweilen blutrünstig oder gar gewalttätig zuging. Solange sie am Ende jedoch gut ausgingen und der Protagonist für das Gute einstand, war der Weg dorthin eher von geringer Wichtigkeit. Für das reale Leben von Kjell aber vollkommen undenkbar.  

Kjell verließ den Supermarkt und begann seinen Einkauf in der Fahrrad-Tasche zu verstauen. Als er aufblickte bemerkte er einen schwarz-weißen Mischlingshund, der mit seinem Herrchen in der Nähe des Eingangs saß. Kjell war sicher, dass es Mann und Hund aus dem Park vom Morgen waren.

Der Mann, er mochte kaum älter sein, als er selbst, schien etwas zu zeichnen. Es sah zumindest von Weitem so aus. Kjell verschloss seine Fahrradtasche und brachte den Einkaufswagen zurück an seinen Parkplatz. Während er den Einkaufs-Chip aus dem Wagen nahm, bellte der Hund. Kjell wandte sich um. Offenbar hatte der Hund seinem Besitzer die Meinung zur Zeichnung kundgetan. Der Mann lächelte und vergrub seine Nase im Fell des Hundes.

Eine anrührende Szene, wie Kjell fand. Leider konnte er von seinem Standort aus nicht erkennen, was der Mann gezeichnet hatte.

Kjell kehrte zurück zu seinem Fahrrad und öffnete das Schloss. Unauffällig sah er noch einmal hinüber zu dem Mann mit seinem Hund. Seine Kleidung war ein wenig abgewetzt, aber er wirkte nicht wirklich, wie ein Mensch von der Straße. Im Ort gab es eine Menge Obdachlose. Kjell nahm sie mitunter wahr, wenn sie bettelten oder in Grüppchen zusammen saßen und Alkohol tranken. Menschen, die nicht wussten, wo sie die nächsten Nacht verbringen würden. Menschen, die keine Perspektive hatten. Menschen, die ihren Halt im Leben verloren hatten- ob nun verschuldet oder unverschuldet.

Selbst die Vögel in ihren Volieren des Wildparks hatten es besser als die Menschen auf der Straße. Die Tiere hatten wenigstens ein Dach über dem Kopf und regelmäßig zu essen.

Dieser Mann aber mit seinem Hund war anders – zumindest wirkte er anders auf Kjell.

Nach kurzer Überlegung schloss Kjell sein Rad erneut an und ging noch einmal zurück in den Supermarkt.
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