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Das Ende der Waffen

MitmachgeschichteDrama / P16 / Gen
19.02.2021
19.02.2021
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Schwärze.
Dann, ein Flackern.
Dann, Statik.
Dann, endlich, ein Bild.
Ein sehr verschwommenes Bild.

„So ein Mist, nun fokussiere dich endlich!“

Die groben Umrisse einer Person konnten ausgemacht werden.

„Ich wusste doch, man soll die Dinger nicht gebraucht kaufen!“

Die Person schien sich nach vorne zu lehnen und etwas an der Seite der Kamera zu justieren.

„Na los, nur noch ein kleines Stück!“

Für eine Sekunde konnte man ein scharfes Bild erkennen, aber dann war es wieder weg.

„Gleich haben wir es geschafft!“

Das Bild wurde scharf und der Zuschauer wurde von einer Nahaufnahme des Gesichtes eines jungen Mannes begrüßt.

„Ah! Geht doch!“

Er lehnte sich auf seinem Klappstuhl nach hinten zurück , der vor einem roten Samtvorhang stand, der jedoch schon bessere Tage gesehen hatte. Beleuchtet wurde das Video wohl von einem Flutscheinwerfer, der rechts außerhalb des Bildes positioniert war. Der junge Mann grinste in die Kamera.

„Ich heiße euch willkommen zu dieser mir sehr am Herzen liegenden Nachricht!“

Nun konnte man den jungen Mann im Bild besser erkennen. Er hatte strubbelige, braune Haare, sowie einen jugendlichen Stoppelbart. Seine kristallblauen Augen funkelten in die Kamera. Kleine, unauffällige Makel zierten seine weiße Haut, die Akne in der Jugend hatte wohl ihre Spuren hinterlassen. Sein Outfit war schlicht und einfach, blaue Jeans, ein simpler, grauer Kapuzenpulli ohne irgendeinen Aufdruck. Sein Lächeln hatte eine fast schon magische, sympathische Ausstrahlung, die kleinen Grübchen in seinen Wangen rundeten seinen freundlichen Blick ab. In der High School wäre er sicherlich der Schwarm vieler Mädchen gewesen mit solch einem Schmunzeln und sympathischem, selbstbewusstem Auftreten, doch sonst war nichts an ihm, was ihn besonders machte. Rein äußerlich unterschied er sich nur wenig von anderen in seinem Alter. Er saß leicht nach vorne gebeugt auf seinem Stuhl, hatte die  Ellenbogen auf seinen Knien abgestützt.
Wirklich das einzige, was bei ihm sofort ins Auge sprang, war die 9 mm Walther CCP in seiner rechten Hand.
Er räusperte sich und hielt sich seine linke Hand gegen die Brust.

„Wenn ich mich vorstellen darf, mein Name ist Davis und ich bin neunzehn Jahre alt!“

Er hob seinen Zeigefinger nach oben.

„Ich kann euch gar nicht sagen, wie stolz ich auf unsere heutige Gesellschaft bin! Menschen und Hexen, die gemeinsam in Frieden leben können!“

Er atmete tief durch, sichtlich zufrieden.

„Welch kulturelle Bereicherung für die Welt! Das ist es, was nicht nur ich, sondern bestimmt auch tausende weitere sich von Herzen gewünscht haben!“

Seine Augen schienen zu glitzern, als er diesem Thema mit so viel Enthusiasmus widmete.

„Ein weiterer Schritt zum Frieden, den wir so sehr brauchen! Eine Welt ohne Hass, Krieg und Diskriminierung!“

Doch dann wurde sein Blick ernster.

„Aber von dieser utopischen Vorstellung sind wir leider noch weit entfernt.“

Seltsamerweise hörte man das ganze Video über schon schwache Geräusche, scheinbar aus dem Hintergrund. Etwas, wie eine unterdrückte Stimme

„Wisst ihr, es gibt ... Wesen, die dieses Gleichgewicht zwischen Mensch und Hexe stören. Kreaturen, die sich als Menschen tarnen. Kreaturen, die seit Jahrhunderten für nichts als Konflikt und Ungleichgewicht sorgen. Ich rede natürlich von ...“

Er beugte sich wieder nach vorne und drehte mit seinem Finger das Kameraobjektiv zu seiner Linken, wo etwas nur schwer begreifliches zum Vorschein kam.

„Ich rede natürlich von so etwas hier!“

Die Kamera offenbarte, woher das schwache Geräusch kam.
Links neben Davis war noch ein Klappstuhl aufgestellt, auf dem eine junge Frau saß. Ihre Arme waren hinter ihrem Rücken gefesselt, an ihrem Hals befand sich eine eiserne Fessel, auf der ein grünes Symbol leuchtete. In ihren Augen der blanke Horror.
Ihr Make Up war verwaschen von den Tränen, die ihre Wangen hinunter liefen und in ihrem Knebel verschwanden. Ihre Brust hob und senkte sich in schnellem Rhythmus, ihre panischen Schreie wurden von dem Kebel in ihrem Mund verschluckt, der aus dem Halstuch ihrer Shibusen-Uniform gemacht war.

„Das! Das ist die Wurzel des ganzen Konfliktes, die sich als Lösung tarnt!“

Er packte das Mädchen mit der Hand am Kiefer und kam ihr näher, sie versuchte panisch sich von den Fesseln zu befreien.

„Ich werde den Knebel jetzt entfernen und dann wirst du mir erzählen, wer du bist, in Ordnung?“

Das Mädchen nickte nur stumm.
Vorsichtig zog Davis das Halstuch nach unten aus ihrem Mund, da ging schon das Geschrei los.

„Bitte! Ihr müsst mir helfen! Er ist wahnsinnig! Ich weiß nicht, wo ich bi-“

Und schon war der Knebel wieder in ihrem Mund.

„Na, na, na! So war das nicht ausgemacht!“

Er schüttelte den Kopf und machte eine mahnende Bewegung mit dem Zeigefinger.
Dann hob Davis ihr die Pistole an die Schläfeund sie versuchte noch panischer zu schreien als zuvor.

„Wir versuchen das Ganze noch einmal! Ich nehme dir den Knebel ab, du wirst dich vorstellen, und ich werde dich nicht erschießen. Versprochen."

Er schenkte ihr ein vertrauenswürdiges Lächeln.
Diese Worte zeigten Wirkung. Langsam entnahm Davis den Knebel, das Mädchen blieb dieses mal ruhiger.

Davis nahm wieder auf seinem Stuhl Platz und überkreuzte die Beine.

„Also, stell dich doch mal vor!“

Nach kurzem Zögern knickte das Mädchen schließlich ein.

„Rosalee Lafont, ich bin ...", sie schluckte laut, hastig nach den passenden Worten suchend. „Ich bin achtzehn Jahre alt u-u-und bin Schülerin an der Shinigami Fachschule für Waffenhandwerk, kurz Shibusen.“

Davis kratzte sich an seinem Stoppelbart und nickte anerkennend mit dem Kopf.

„Aha, und welche Position hast du dort an der Shibusen?“

Rosalees Blick wanderte durch den Raum, sie keuchte schwerfällig, ihre Worte waren hastig und kaum verständlich.

„I-Ich bin eine 1-Stern Waffe!“, nuschelte sie, den Satz innerhalb einer Sekunde herausgespuckt.

Davis stand wieder auf und ging auf sie zu.

„Was? Was war das? Ich habe dich nicht wirklich verstanden!" Mit dem Lauf der Pistole liebkoste er ihr Kinn. „Du musst bitte etwas langsamer, lauter und deutlicher sprechen!“

Rosalee schluchzte, den Kopf eingezogen, als würde sie einen Schlag ins Gesicht erwarten.

„Ich bin eine magische Waffe an der Shibusen!“

Davis klatschte begeistert seine Hände zusammen, abgedämpft durch den Griff der Pistole, auf den seine andere Hand traf. Dennoch war es laut und plötzlich genug, sodass Rosalee sich erschrocken wegdrehte und ihre Augen zusammenkniff.

„Ha! Da haben wir es! Genau das wollte ich hören!“

Davis strahlte richtig bei dieser Aussage, das breite Grinsen offenbarte zwei Reihen perlweißer Zähne und ehrliche Freude.

„Du bist eine Waffe! Was für eine denn? Verwandele dich doch mal!"

Nichts, rein gar nichts.

„Bitte, Rosalee, tu's für mich." Immer noch war das Grinsen auf seinem Gesicht so strahlend wie die Sonne, in seine Stimme hatte sich ein fast schon bettelnder Ton geschlichen.

„Ich ... Ich kann nicht ...“

Der Schock und das Unglauben über diese Tatsache war deutlich hörbar.
Davis sah sie schief an.

„Warum denn nicht?“

Rosalee schüttelte den Kopf.

„Ich weiß es nicht!“

Ihre Stimme brach und eine Träne kullerte über ihre Wangen.
Davis kam wieder auf sie zu, sie zuckte erneut zusammen.

„Ich kann dir sagen warum!“

Leichter Spott war in seinem Tonfall zu hören.

Er schnippste mit seinen Fingern auf die Eisenfessel an ihrem Hals, an dem die Rune hell aufleuchtete.

„Hexenmagie, meine Liebste. Dämonenwerkzeuge. Dieses Werkzeug, 'Shackle', wurde speziell dafür entworfen, die Fähigkeiten magischer Waffen zu unterdrücken. Und genau das! Das ist es, was diese Welt braucht! Doch Zwangssterilisation reicht da bei weitem nicht aus, oh nein!“

Es erschien kaum möglich, aber sein Grinsen wurde noch breiter. Hinter seinen himmelsklaren Augen flackerte es.

Er kam der Kamera näher.

„Für eine perfekte Welt ohne Konflikt, müssen die Waffen gänzlich ausgelöscht werden."

Er griff sich in seine Hosentasche und zog ein Springmesser heraus, das er ohne zu zögern in Rosalees Unterleib verschwinden ließ. Sie schrie schockiert auf, als das Messer ihre Haut, Magen, Leber und Teil ihrer Lunge durchbohrte.

„Du ... Du hast gesagt... mich nicht töten ... du hast versprochen, dass...", ihre röchelnde Stimme brach ab.

Davis drehte das Messer.
Die Kamera erfasste alles.

„Ich habe nur gesagt, dass ich dich nicht erschießen werde. Ich mag vieles sein, doch ein Lügner bin ich nicht.“

Davis zog das Messer aus ihrer Magengrube, zog ihr wieder den Knebel nach oben und klopfte ihr fast schon freundschaftlich auf die Schulter. Dann ließ er sich breitbeinig zurück in seinen Klappstuhl fallen, wo er begann, mit einem blütenweißen Stofftaschentuch sein Messer zu reinigen.

„Was ich sagen wollte ist, dass magische Waffen eine Pest sind, die den weiteren Frieden unserer fast schon perfekten Gesellschaft bedroht. Nur durch ihre Auslöschung, kann der Frieden bewahrt werden.“

Er erzählte seelenruhig weiter, während das Mädchen neben ihm weiter panisch strampelte und dumpfe Schreie von sich gab, verzweifelt mit der starken Blutung kämpfend. Davis kam der Kamera wieder näher.

„Die Waffen müssen ausgelöscht werden. Das ist der einzige Weg. Lasst euch das eine Warnung sein. Das hier geht vor allem an dich!“

Er klopfte mit dem Zeigefinger gegen die Kameralinse.

„Meister Shinigami und deine Shibusen-Lakaien! Eure Tage sind gezählt! Wir werden jede einzelne Waffe vom Gesicht dieser Erde tilgen!"
Er ließ sich wieder nach hinten fallen und überschlug die Beine.

„Doch ihr, Meister, ihr habt noch eine Chance. Erkennt euren Wert! Ihr seid besser, als ihr denkt! Es ist nie zu spät, den richtigen Weg einzuschlagen. Lasst die Kreaturen, die ihr Waffen nennt fallen und erschafft eine neue, bessere Welt!“

Ein Licht blendete ihn von links.

„Ah, fast schon perfektes Timing!“

Rosalees Kopf hing schlaff herunter, ihre blicklosen Augen weit aufgerissen, ihre Uniform in einem tiefen Rot, das leise auf den Boden tropfte.

Vor ihrer Brust schwebte ihre kristallblaue, klare Seele. Davis ergriff sie mit seiner Hand und präsentierte sie den Zuschauern.

„Ihr fürchtetet Kishin-Eier so sehr, dass ihr nicht erkennt, dass die wahre Bedrohung die ganze Zeit unter euch war ...“

Er nahm etwas aus seiner Pullovertasche, das aussah wie ein Taser, nur dass darauf ebenfalls eine magische Rune abgebildet war. Er versetzte der Seele mit dem Taser einen Schock und diese zerplatzte wie ein Ballon.

„Sehen aus wie Menschen, reden wie Menschen, bluten wie Menschen, doch sie sind keine Menschen und werden es auch niemals sein.“

Er kam der Kamera noch viel näher. So nah, dass man die Adern in seinen Augäpfeln erkenne konnte.

„Wir sind das Beil, das auf dem Nacken der Shibusen herabfallen wird. Die Tage der Waffen sind gezählt! Nachdem wir gesiegt haben, wird auf dieser Welt nichts mehr übrig sein, als Frieden und Harmonie!“

Davis betätigte an der Seite der Kamera einen Knopf, dann wurde alles schwarz.








Alles, was auf dem altmodischen Fernseher hier im Death Room noch zu sehen war, war der große „Erneut abspielen“-Button des Mediaplayers. Die drei Frauen im Death Room sahen blass und kränklich aus, der dunkel gekleidete Mann in der Mitte des Raumes zeigte den selben, ernsten Gesichtsausdruck, der so üblich für ihn war.

„Das ... Das ist doch krank!“

Die junge Frau mit den kirschblütenfarbenen, kurzen Haaren und rasiertem Sidecut hielt sich die Hand vor den Mund. Die beiden jungen Frauen hinter dem dunkel Gekleidetem sahen aus, als würden sie sich jeden Moment übergeben.

„Krank ist, glaube ich, noch untertrieben, Kim.“

Der Mann richtete sich auf. Unauffällig war etwas anderes, er trug einen bodenlangen, dunklen Mantel. Von seinem Nasenbein abwärts bedeckte die untere Hälfte eines Totenschädels sein Gesicht, sodass darüber seine leuchtenden, gelben Augen hervortraten. Seine pechschwarzen Haare wurden horizontal geteilt von drei schneeweißen, perfekt symmetrischen Streifen.  
Der Gott des Todes, Meister Shinigami.
Hinter ihm standen die beiden kränklich aussehenden, jungen Frauen. Die Thompson Schwestern Liz und Patty, das magische Pistolenpaar, das Shinigami stolz seine Waffen nennen durfte.
Und die modisch mit Lederjacke und beiger Tarnhose gekleidete, junge Frau war Kimial Diehl, besser bekannt als Kim, 3-Sterne Waffenmeisterin, Hexe, und Botschafterin zwischen der Hexenwelt und Menschenwelt.

„Dieses Video wurde auf sämtlichen Videoplattformen  hochgeladen, zum Glück von den meisten auch wieder gelöscht.“

Meister Shinigami schritt  in Kreisen durch den Death Room.

„Doch im Deep Web kursiert es weiterhin umher, des weiteren wurde dieses Video auch als E-Mail an über 80 Millionen E-Mailadressen und dann noch als SMS an Millionen weitere gesendet, sowie auf unzählige Social Media Seiten geteilt.“

Kim hielt sich den Bauch.

„Also ... es ist nicht mehr aufzuhalten?“

Shinigami schüttelte den Kopf.

„Viele halten es für eine täuschend echte Fälschung, die Familie von Rosalee sieht das jedoch anders. Sie wurde vor ein paar Wochen schon als vermisst gemeldet , von ihrer Leiche fehlt weiterhin jede Spur."
Er richtete sich seine Schädelmaske.
„Ihre Eltern müssen nun nicht mehr in Unsicherheit leben, doch welch grausames Schicksal das it."

„Und ... was denkst du, sollen wir jetzt tun?“, meldete sich Liz auch zu Wort, immer noch kreidebleich.

Shinigami überlegte für einen Moment.

„Es hat zwar nichts mit Menschen zu tun, die den Weg des Menschlichen verlassen und zu einem Kishin werden wollen, doch die Shibusen kann diese Geschehnisse auf gar keinen Fall ignorieren, geschweige denn einfach nur in die Hände der Polizei übergeben und aufs Beste hoffen.“

Er sah hinüber zu seiner Botschafterin.

„Kim! Davis hat in diesem Video von 'wir' gesprochen, also wird er Verbündete haben.“

Kim nickte ihm verständnisvoll zu.

„Ich möchte, dass du ein Team zusammenstellst. Wir benötigen fähige Meister und Waffen, die dieses Scheusal aufhalten. Vielleicht findest du sogar unter deinen Hexenschwestern Verbündete!“

Kim nickte erneut.

„Jawohl, Kid- ähm, ich meine, Meister Shinigami!“

Auch wenn der Tod des letzten Shinigamis nun schon zwei Jahre in der Vergangenheit lag , hatte sie sich noch nicht an die neue Anrede gewöhnt. Manche Angewohnheiten wollten nie sterben.

Sie salutierte kurz und verließ dann den Raum, der Shinigami richtete sich an seine Waffenpartner.

„Ich hatte gehofft, nach dem Sieg über den Kishin würde endlich Frieden einkehren ...“

In seinen Augen loderte es, was Liz und Patty fast etwas einschüchterte. So ernst hatten sie ihn seit zwei Jahren nicht mehr erlebt. Diesen Blick hatte er das letzte Mal, als er dem Kishin Asura persönlich gegenüberstand.


„Das ist kein simples Vergehen mehr, das ist eine Kriegserklärung.“
 
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