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Kakaowettertage - Kurzgeschichten aus Crossbrick

KurzgeschichteKrimi, Fantasy / P12 / Gen
17.02.2021
17.02.2021
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„Ich kann verstehen, dass du sauer bist“, sagt der Uhrenverkäufer zu Greg. „Ich kann mir die Fehlfunktion ja auch nicht erklären. Aber da die Wecker bei unseren anderen Kunden anstandslos funktionieren, kann ich die nicht aus dem Sortiment nehmen.“
Der Schattenmann seufzt resigniert. „Kriege ich wenigstens mein Geld zurück?“
Der Uhrenmacher, ein Wichtel mit einer roten Zipfelmütze, betrachtet abwechselnd Greg und den Wecker.
Der Schattenmann hat eine feuerrote Stelle im Gesicht. Sein Erscheinungsbild erklärt der Wecker. Es ist das allerneuste Modell, an dem eine riesige Fliegenklatsche montiert ist. Die Idee besteht darin, dass der Wecker seinen Besitzer morgens mit sanftem Tätscheln weckt. Gregs Gesicht verrät, dass sein übliches Glück in Bezug auf Elektrogeräte (im wahrsten Sinne des Wortes) zugeschlagen hat.
Der Wichtel streicht sich nachdenklich durch den Bart. „Ich muss 20 % des Einkaufspreises abziehen, weil er benutzt und nicht mehr originalverpackt ist.“
Greg akzeptiert mit einem Nicken. „In Ordnung.“
Wenig später tritt er nach draußen. Der Schattenmann fröstelt. Schlimm genug, dass er einen miesen Start in den Tag hatte – auch das Wetter ist so richtig deprimierend. Der Himmel sieht aus, als wäre einem Maler der Becher mit heißem Kakao auf die Leinwand gefallen und dort verlaufen. Allerdings wäre es keine köstliche heiße Schokolade mit Sahne und eventuell sogar Mini-Marshmallows gewesen, sondern ein ungezuckerter Weltverbessererkakao in laktosefreier Mandelmilch – oder gleich in Wasser. Ein Getränk, das man tatsächlich viel lieber in verschüttetem Zustand genießt.
Es ist einer dieser Tage, an denen man sich nur in eine Decke eingewickelt vor den Heizkörper hocken möchte, weil kein Vorhaben gelingen will. Es gab bereits fast ein Dutzend Petitionen, dass an solchen Tagen auch niemand jobbedingt vor die Tür gezwungen werden darf – trotz des großen Zuspruchs wurden sie aber bisher noch alle abgelehnt. Von Richtern, die es in ihren beheizten Büros vermutlich immer angenehm warm haben.
Vor dem Laden wartet Merkury mit laufendem Motor. Ab und zu zischt es, wenn sich ein Regentropfen auf das Fahrzeug verirrt. Als Greg die Tür öffnet, wallt ihm eine warme Dampfwolke entgegen. Fröstelnd rettet er sich ins heizungstrockene Innere.
„Matilda hat angerufen“, brummt Merkury in ihren Coffee to go.
Greg beschließt, sich ebenfalls angesprochen zu fühlen. „Was wollte sie?“
„Irgendwer hat eine Ruhestörung gemeldet, und das Haus liegt direkt auf dem Weg. Wir sollen uns das mal angucken. Oder anhören. Was auch immer.“
„Was für eine Ruhestörung?“
„Irgendwer feiert eine Party.“
„Ach so.“ Greg hat sich in eine Patchwork-Wolldecke gehüllt und kämpft noch damit, die Decke über seine Schuhe zu kriegen. Die Karva auf seinem Kopf erinnert eher an ein Vogelnest.
Einen Moment starren die beiden Detectives durch die Windschutzscheibe auf die graue Stadt vor ihnen.
Dann seufzt Merkury, kippt den Kaffee in einem Zug hinunter und startet den Wagen. „Ich hoffe, die spielen gute Musik. Ansonsten können die was erleben.“
Greg überlegt einen Moment, ob er darauf hinweisen soll, dass man sich im Falle einer Ruhestörung niemals davon beeinflussen lassen soll, ob einem die auf der Party gespielte Musik gefällt oder nicht. Dann lässt er es bleiben, unterdrückt ein Gähnen und kuschelt sich tiefer in die Decke. Selbst Merkurys Autoheizung kommt nicht gegen die unangenehmen Temperaturen außen an.

*


Als sie vor einem weißen, modernen Wohnblock halten, regnet es wieder stärker. Greg steigt aus und landet in einer frischen, knöcheltiefen Pfütze. Er seufzt müde und zieht die Hände tiefer in die Ärmel, während die Karva ihre Tentakel gnädigerweise zu einer Art Mützenschirm umformt.
Ihr Ziel ist leicht zu finden. Sie müssen nur einem überwältigenden, eintönigen Wummern folgen, das sich wie der Meißel in den Stein in jeden Gehörgang vorarbeitet. Merkury tritt vor die Tür zur entsprechenden Wohnung und klingelt.
Niemand öffnet, was auch keinen der Detectives verwundert. Bei dem Lärm könnte man die Klingel nur wahrnehmen, wenn sie über einen Lichteffekt für Gehörlose funktioniert.
Ein Regentropfen rinnt Gregs Nacken hinunter. Er schüttelt sich.
„Tja, macht keiner auf“, leiert Merkury wie üblich herunter. „Ob es denen wohl gut geht? Sehen wir mal nach.“ Lustlos tritt sie die Tür auf.
Sie treten in eine leere Halle, die mehr an ein Büro als an eine Wohnung erinnert, bis hin zu den Deckenpaneelen aus Styropor. Einige fehlen, sodass man darüber Metallträger und noch etwas höher Rohre erkennen kann.
Es sieht aus, als wäre die Party bereits vorbei: Flecken an den Wänden, Bierlachen, heruntergerissene Gemälde und Tapeten auf dem Boden, Scherben, Müll, undefinierbare Lachen, Erbrochenes … Nur die hämmernde Musik passt nicht in das Bild.
Merkury folgt dem Lärm ins Nebenzimmer. „Och nööö!“
„Was denn?“ Greg tritt neben sie. „Och nö.“
Vor der Bassanlage liegt ein Mann mit verrenkten Gliedmaßen in einer Blutlache. Jemand hat seine Arme und Beine mit Pflöcken und Seilen an die Dielen gefesselt und ihm eine Fernbedienung, vermutlich für die Musikanlage, in den Rachen geschoben. An der Wand über ihm steht in großen Buchstaben, mit einer schmierigen, roten Substanz geschrieben: ‚Lärm B‘.
Die Karva lässt die Tentakel sinken und ein kleiner Wasserfall patscht auf Greg nieder. Das Wasser spült einige der Flecken auf dem Boden weg, was ihnen immerhin schon mal verrät, dass die Bescherung noch nicht besonders alt ist.
Sie starren den übel zugerichteten Toten an. Dann besinnen sie sich, dass sie Polizisten und damit irgendwie verantwortlich sind.
„Lebt der noch?“, brüllt Merkury über den Lärm.
„Guck nach!“, ruft Greg zurück. Er wiederholt es dreimal, bis Merkury ihn verstanden hat.
Dann verschränkt sie die Arme vor der Brust. „Guck du doch nach!“
Sie kämpfen sich vor. Die Bässe massieren ihre Trommelfelle. Greg muss anhalten und die Hand auf den Magen pressen, denn langsam wird ihm schlecht. Merkury ist in der Hinsicht robuster. Sie erreicht die drapierte Leiche, beugt sich vor … und greift in den Rachen.
„Warte! Du kannst am Tatort doch nicht einfach …“
Natürlich kann sie. Merkury zieht die Fernbedienung heraus. Im nächsten Moment bricht die Musik ab. So abrupt, dass Greg ein paar Schritte nach vorne stolpert, weil ein Gegenwind erstorben zu sein scheint, gegen den er sich stemmen musste.
Die Stille klingelt wie Alarmglocken in seinen Ohren.
„So, Ruhestörung beseitigt. Lass uns nach Hause fahren.“
Greg gestikuliert einige Sekunden sprachlos. „Wir können doch jetzt nicht einfach gehen!“, bringt er dann hervor.
„Wir haben unser Einsatzziel erreicht, oder nicht?“, argumentiert Merkury. „Sag mir nicht, dass du ausgerechnet heute ausgerechnet in einem Mordfall ermitteln willst.“
„Das nicht, aber …“
„Wir könnten warten, bis in ein paar Tagen jemand wegen der Leiche anruft.“
„Merkury!“
„Boah, schon gut, du Streber.“

*


„Na gut, also … es ist auf jeden Fall ein Ritualmord“, beginnt Greg.
„Ach, wie bist du auf die kluge Schlussfolgerung gekommen?“, fragt Merkury sarkastisch. Das Wetter macht sie reizbar, denn sie lässt Greg nicht antworten. „Mal überlegen. War es die in Blut geschriebene Botschaft an den Wänden? Oder doch die posthumen Verletzungen?“
„Wir wissen noch nicht, ob die posthum sind“, murrt Greg und macht einen Schritt nach hinten, um Everglade vorbeizulassen. Der Captain ist vor fünf Minuten per Taxi eingetroffen. (Immerhin befinden sich noch immer keine Dienstfahrzeuge im Besitz der Wache.) Nun schwabbelt Gregs und Merkurys Chef durch den großen, leeren Partyraum, reibt sich das drittoberste seiner sieben Kinne und murmelt wenig hilfreich vor sich hin.
Warum genau sie ihn gerufen haben, könnten Greg und Merkury gar nicht mehr sagen. Es war wohl nur das unbestimmte Gefühl, den Polizeicaptain von Crossbrick über einen derartig grausigen Mord informieren zu müssen. Rick Everglade haben sie nur angerufen, weil er zufällig diesen Posten bekleidet, aber nicht um seiner selbst willen.
Immerhin ist es tröstlich, dass selbst der feuchtigkeitsliebende Meermensch unter dem ungemütlichen Wetter heute leidet. Das spricht er zwar nicht aus, doch die Tatsache, dass er seine Krawatte falschrum umgebunden hat, spricht Bände.
„Das ist bestimmt jemand, der gerade erst anfängt“, überlegt Merkury laut. „Wir haben aktuell keine Serienmörder hier, oder?“
„Vielleicht war es … ein Ausrutscher?“, schlägt Greg vor. „Ist man nach nur einem Mord überhaupt schon Serienmörder?“
„Natürlich nicht“, brummelt Everglade im Hintergrund.
„Ach, das sieht man doch, dass das hier so einer werden will.“ Merkury schnaubt. „Sogar die satanistischen Symbole hat er gemalt. Der ist Shade echt ähnlich.“
„Ich bin kein Mörder!“, protestiert Greg.
„Nein, aber ein Streber.“
In diesem Moment schrillt die Klingel der Wohnung.
Everglade zuckt zusammen – bei seinen Fettmassen immer ein faszinierender Anblick. „W-wer …?“
„Oh, das müsste die Spurensicherung sein.“ Merkury eilt zum Eingang.
„Wir haben eine Spurensicherung?“, wundert der Captain sich.
„Ja, also …“ Greg weicht seinem Blick aus. „Es ist Aki.“
„Hallo Merkury!“, erklingt die fröhliche Stimme des Dämons in diesem Moment an der Tür.
Gregs Partnerin kehrt mit einem grünschuppigen Wesen auf der Schulter zurück. Aki winkt Greg und zieht einen winzigen Normgröße-X-Hut vor Everglade.
Entgeistert starrt Everglade den als Kobold getarnten Dämon an. Er blinzelt nicht einmal. „Was macht der hier?“
„Wir brauchen Fotos vom Tatort, und Aki hat eine Kamera“, erklärt Greg.
Everglade streckt einen bebenden Wurstfinger mit Schwimmhäuten aus. „Er ist ein Zivilist. Und, noch viel schlimmer, ein Pressefuzzi!“

*


Eine Viertelstunde später ist Everglade endlich beruhigt. Mit asthmatisch pfeifendem Atem sitzt er in einer Ecke und atmet in eine leere Chipstüte. Aki beginnt damit, den Tatort zu fotografieren. Währenddessen diskutiert Merkury mit dem Taxifahrer. Dieser sitzt unter Schock im Flur und weigert sich, für den Transport einer übel zugerichteten Leiche eingesetzt zu werden – Merkury ist dagegen nicht gewillt, ihm eine Wahl zu lassen. Der bedauernswerte Taxifahrer hat heute offenbar auch einen miesen Kakaowettertag.
Es ist eine intensive Diskussion, aber Greg hat keine Muße, sich seiner Partnerin anzuschließen. Er hat sich einen benutzten Strohhalm genommen, hockt zwischen roten Plastikbechern auf dem bierklebrigen Boden und versucht, die Karva aus einer der großen Lautsprecherboxen zu kitzeln.
Ein kleiner Knall, gefolgt von einem Aufschrei von Aki, zerreißt die Stille des Tatorts. Der Dämon schleudert seine winzige Kamera von sich. Rauch steigt aus dem Gehäuse auf.
„Geht es dir gut?“, fragt Greg alarmiert.
„Alles gut, ich bin überwiegend feuerfest“, murmelt Aki. Es ist aufgrund seiner geringen Größe schwer zu erkennen, doch er zittert.
„Was ist passiert?“
„Ich glaube, die Wasserkühlung hatte ein Leck und der Kurzschluss hat mir die Festplatte zerlegt. Müsste mir das aber genauer ansehen, um es definitiv sagen zu können. Es könnte auch die Lüftung gewesen sein. Das kam mir gleich alles zu warm vor!“
Greg starrt die fingerhutgroße Kamera an.
„Ich hab‘ Normgröße-1-Nanotechnologie verbauen lassen, das Ding ist so eine Art Supercomputer“, berichtet Aki stolz, der den fragenden Blick des Schattenmanns richtig gedeutet hat. Dann verblasst sein Lächeln. „War. War so eine Art Supercomputer.“
„Heißt das, du kannst keine Fotos mehr machen?“ Merkury kommt zu ihnen herüber. Als Greg zur Türöffnung sieht, ist der Taxifahrer verschwunden. Unglaublich – er ist Merkurys Einschüchterungstaktik entkommen.
Aki hüllt sich in eine grüne Schwefelwolke und teleportiert sich die kurze Strecke bis zur Kamera, um das rauchende Gehäuse mit dem Fuß anzustupsen. „Sieht nicht so aus. Tut mir leid.“
„Heute läuft echt alles schief“, murrt Merkury.
„Dann … machen wir etwas anderes Wichtiges.“ Greg bemüht sich um Optimismus. „Vielleicht hat der Mann einen Ausweis dabei.“ Er hat sowieso schon Mitleid mit dem übergewichtigen, menschlich erscheinenden Toten und würde ihn gerne erlösen, bevor die Totenstarre einsetzt. Dann wäre der Nackte für die nächste Zeit in seiner knienden, verrenkten Position gefangen und der Bestatter schimpft wieder.
„Halt!“, blubbert Everglade gewichtig durch die Chipstüte. „Der Tatort darf nicht verändert werden, bis die SpuSi durch ist!“
„Aber du hast doch gesagt …“, beginnt Greg.
„Ich weiß, was ich gesagt habe! Trotzdem ist dieser Pressefuzzi alles, was wir an Spurensicherung haben.“
Greg tauscht einen unsicheren Blick mit Merkury. Seine Partnerin lässt gerade unauffällig die Fernbedienung für die Musikanlage in den Mülleimer fallen.
„Dann …“ Greg überlegt. „… können wir so lange Zeugen befragen!“
„Shade!“, ruft Merkury aus, doch zu spät.
Everglade patscht in die Flossenhände. „Ausgezeichnete Idee, Sharp! Ihr beide macht Berichte und … ähh …“ Er starrt Aki an und versucht offenbar, sich an dessen Namen zu erinnern.
„Aki“, sagt Aki hilfsbereit.
„Kika, genau. Also, du besorgst ein neues … Fotodings.“
Ihr kleiner Fotograf hebt die Augenbrauen, dann nickt er schicksalsergeben. „Ich beeile mich.“ Ein Furzgeräusch erklingt und Aki verschwindet.
Greg wedelt mit der Hand, um den Gestank zu vertreiben. „Wir machen uns dann mal an die Arbeit.“
„Das nenne ich vorbildliche Polizeiarbeit!“ Schneller, als man es dem übergewichtigen Meermenschen zutrauen würde, hat er seine beiden Detectives bereits vor die Tür geschoben.
„Tolle Leistung“, giftet Merkury. „Jetzt müssen wir arbeiten.“
Greg hört ihr gar nicht zu. „Captain, meine Karva ist noch im Lautsprecher!“
„Ohne das Ding seht ihr immerhin ein bisschen seriös aus.“ Der Meermensch schlägt die Tür zu.
Seite an Seite stehen Greg und Merkury im Flur. Man hört ein Grummeln von Gregs Partnerin von den Wänden widerhallen. Greg spürt ein unangenehmes Prickeln im Nacken. Schlimm genug, dass sich sein Kopf ohne die Karva ungeschützt anfühlt, jetzt ist er auch noch mit einer genervten Merkury allein.
Schnell lenkt er seine Schritte auf die nächste Haustür zu. ‚Herzlich Willkommen‘ steht auf der Fußmatte. Greg klingelt.
„RUHE!“, donnert es auf der anderen Seite.
Der Schattenmann schluckt und macht einen Schritt nach hinten. Sein Rücken prallt gegen einen unbeweglichen Widerstand: Merkury. Im nächsten Moment wird die Tür aufgerissen.
Eingekeilt lockert Greg seine Krawatte und schießt panisch los: „G-guten Tag, Polizei, bitte entschuldige die Störung.“
„Nee“, knurrt Gregs Gegenüber. Es ist ein Mensch mit derartig großen Augenringen, dass er Ähnlichkeit mit einer Eule aufweist.
„Nee was?“, fragt Greg verwirrt.
„Nee, entschuldige ich nicht“, grummelt der Mann. „Erst dieser infernalische Lärm, und jetzt klingelt ihr auch noch. Ich arbeite nachts, wisst ihr? Ich brauche meinen Schlaf.“
„Das verstehen wir …“, setzt Greg an.
„Deswegen sind wir ja da. Wann hat die Party angefangen?“, kommt Merkury endlich zu seiner Rettung.
„Party?“, fragt der Mann zu ihrem Erstaunen verwirrt.
„Ja, die Party nebenan. Wir wurden wegen der Ruhestörung gerufen“, erklärt Greg.
„Das war doch keine Party! Mit nur zwei Gästen.“
„Du …kanntest die Leute?“
Der Zeuge unterdrückt ein Gähnen und blinzelt Greg missmutig an. „Nee. Aber ich hab‘ einen leichten Schlaf. Hab‘ ganz deutlich zwei Paar Schritte gehört, die das Treppenhaus hoch kamen. Die sind hier rein und haben irgendwas umgeräumt, aber das war leise genug, um es zu ignorieren. Ich war fast wieder eingeschlafen, als die Musik plötzlich losging.“
„Bist du sicher?“, hakt Merkury nach.
„Nicht direkt, ich würde es jedenfalls nicht als Musik bezeichnen, aber …“
„Nein, bist du sicher, dass es nur zwei Personen waren? Da drin sieht es aus wie nach einem Junggesellenabschied. Einer von der schlimmeren Sorte, und ich hab‘ einige erlebt.“
„Ich höre jeden, der hier kommt und geht“, erwidert ihr Zeuge. „Hätte mich auch gewundert, wenn das mehr Leute gewesen wären – in diesem Haus leben nur Nachtwesen und Leute mit Nachtschicht. Hier werden keine Partys gefeiert.“
Greg runzelt die Stirn. Keine Partys? Aber wie erklärt sich dann der Zustand der Wohnung?
„Außerdem“, fährt der Zeuge fort, „wäre das eine enttäuschende Party gewesen. Waren ja keine zehn Minuten.“
Merkury rechnet schneller als Greg. „Ihr habt nach nur einer Minute die Polizei gerufen?“
Der Mann sieht sie verwundert an. „In diesem Haus hier schlafen wir tagsüber.“ Wie zum Beweis unterdrückt er ein zweites Gähnen. „Braucht ihr noch was? Sonst würde ich wirklich gern zurück ins Bett.“
„Nein …“, murmelt Greg perplex. „Vielen Dank und, ähh … gute Nacht?“
„Ich kann nur hoffen, dass sie besser als der Tag wird“, murmelt der Mann und schließt die Tür wieder. Sie hören ihn leise wegschlurfen.
„In dem Punkt kann ich ihm nur zustimmen.“
Hinter Gregs Stirn rattert es. „Merkury …?“
„Was denn?“ Sie mustert ihren Partner besorgt. „Du bist so blass, Shade, alles in Ordnung?“
„Wir waren zehn Minuten, nachdem der Täter die Musik gestartet hatte, hier, richtig?“
„Da die Fernbedienung im Zimmer lag – ja.“ Merkury kann noch nicht folgen.
„Und die Botschaft an der Wand – was, wenn er nicht ‚Lärm B‘ schreiben wollte, sondern ‚Lärmbelästigung‘?“
„Das wäre jedenfalls aussagekräftiger. Aber wer weiß schon, was in so einem kranken Hirn vor sich geht?“
Greg packt die Hand seiner Partnerin und zieht sie zurück zur Tür der Tatwohnung. „Ich hab‘ jedenfalls einen Verdacht! Er war noch nicht fertig, als wir eingetroffen sind. Er war noch hier!“
Ein dumpfes, plumpsendes Geräusch erklingt hinter der Tür und hallt bis ins Treppenhaus. Das Geländer vibriert sogar schwach, gut hörbar an dem leisen Klingeln.
Einen Moment erstarren die Polizisten, gefangen in unangenehmen Flashbacks an einen nur wenige Wochen zurückliegenden Tag, an dem ein ähnliches Geräusch auf der Wache erklungen war: Das Geräusch, mit dem der vorherige Captain Gaiman Schlabbernack erschossen auf dem Boden aufschlug.
„Everglade!“, brüllen sie gleich darauf gleichzeitig.
Greg wirft sich gegen die Wohnungstür, deren bereits gesplittertes Schloss keinen Widerstand bietet. Überrascht stolpert der Schattenmann durch die aufschwingende Tür und über seinen Mantelsaum. Er landet auf dem Boden – und zwischen den Beinen von Merkury, die ihm gefolgt ist. Fluchend geht sie mit Greg zu Boden. In liegender Position heben die Polizisten die Köpfe und erblicken eine zwergenhohe Kreatur, die mit ihrem Captain ringt.
Obwohl Gefahr im Verzug ist, können die Detektives nicht anders, als das Wesen anzustarren.
Es ist dürr, aber offenbar kräftig genug, um den schwabbelnden, schreienden Meermenschen durch den Raum zu werfen. Seine Arme und Beine sind knochig und lang, der Körper grüngeschuppt, bis auf den Kopf, aus dem dichtes, flachsblondes Haar wächst. Was diesen Anblick jedoch für die nächsten Wochen in Gregs Albträume bannt, sind die riesigen, vorspringenden Augen über dem breiten Maul, die wild hin und her rollen.
Dieses Gesicht ähnelt dem eines Longs, womit Everglades Angreifer vermutlich ein Yokai ist, eine der vielen und vielfältigen Kreaturen aus dem fernen Anotoki.
Als die geschuppte Kreatur wütend brüllt, offenbart sie zwei Reihen kleiner, spitzer Zähne im unförmigen Maul. Ihrer Stimme nach würde Greg sie für eine Frau halten. Eine vor Wut rasende Frau.
„Captain!“, brüllt Greg.
„Pranken weg, du … Wasauchimmer!“ Merkury zappelt und versucht, an ihre Pistole zu kommen, doch sie liegt auf der Waffe, deren Polster sich schmerzhaft in Gregs Rücken bohrt.
„Hilfe!“, blubbert Everglade. „Wer ist das?“
Die Kreatur stößt einen schrillen Schrei aus. Ihre Finger fahren lange Krallen aus, als sie sich erneut auf den Polizeicaptain stürzt.
Greg sieht sie fast wie in Zeitlupe durch den Raum segeln, getragen von der ungeahnten Kraft ihres Sprungs. Dann … streckt sich ihr linkes Bein aus, der Fuß verharrt an der Stelle, obwohl der Körper weiterfliegt. Die Kreatur streckt sich aus und wird dann brutal zu einem abrupten Halt gezwungen. Greg hört, wie die Kiefer des Yokais aufeinanderprallen. Der Kopf schlackert. Betäubt fällt die Angreiferin nach unten und baumelt im nächsten Moment an einem unsichtbaren Halt in der Luft. Benommen pendelt sie hin und her.
Auf den zweiten Blick sieht Greg ein schwarzes Seil, das die Angreiferin an einem Stahlträger in der Decke hält. Und auf den dritten Blick erkennt er die Karva.
Merkury wälzt sich von ihm runter, entsichert die Pistole und nimmt die betäubte Kreatur ins Visier.
Greg rappelt sich auf und eilt zu Everglade. „Geht es dir gut, Captain?“
„Was … war … das …?“
„Unsere Mörderin.“ Merkury stupst das geschuppte Wesen mit dem Pistolenlauf an. „Hab‘ ich nicht recht?“
Das Wesen dreht sich mit schwachem Zappeln um sich selbst und knurrt.
Etwas in Merkurys Pistole surrt drohend.
„Gaahhhh … haaaahhh … jaaaaahhhh …“, knurrt die Kreatur. Speichel tropft aus ihrem Maul. Die schmale Brust hebt und senkt sich flatternd.
Everglade keucht ebenso hingebungsvoll, jedoch erstaunlicherweise weniger feucht. „Ihr … habt … den Fall … gelöst?“
„Wir haben den Mörder noch am Tatort überrascht“, erklärt Greg und hilft seinem Captain auf. „Ich weiß nicht, wo sie sich versteckt hatte, aber …“
„Haaaaahhh … Lautsprechaaaahhh …“, ächzt die baumelnde Mörderin.
„Oh.“
Die Yokai kratzt mit den langen Klauen über den Holzboden, doch die Karva, die sie an die Decke bindet, verkürzt sich, ehe das Wesen Halt finden kann.
„Heißt das … du gestehst?“, fragt der Captain kurzatmig. „Du hast den Mann … umgebracht?“
„Rrraaaaaahhh …“ Die Yokai nickt.
„Wolltest du etwa wirklich Serienmörderin werden?“, fragt Merkury. „So mit Ritualmorden und allem?“
„Ich … haaaaahhhh … brauchte ein Image … rrrraaaaaahhh …“
Everglade nickt schwabbelnd. „Eine junge Yokai, noch unerfahren. Diese Wesen haben traditionell ganz bestimmte Rituale. Ganz viele besetzen Alltagsgegenstände und terrorisieren ihre Nachbarn damit. Wahnsinnige Mörder sind auch sehr beliebt. Ich nehme an, sie wollte ihre eigene Tradition begründen.“
Mit grimmigem Knurren nickt die Yokai.
„Tja, also, betrachte deine Karriere hiermit als gescheitert“, brummt Merkury.
Greg erkennt sein Stichwort und zückt die Handschellen. „Du hast das Recht, zu schweigen. Alles was du sagst, kann und wird vor Gericht gegen dich verwendet werden. …“
Die Yokai verschränkt die dürren Arme vor der Brust. „Rrraaaahhh … Kakaowettertage … hhhaaaaahhhhh … da klappt einfach nichts …“
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