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Ceasefire

von Remediem
OneshotDrama, Freundschaft / P12 / MaleSlash
Tartaglia "Graf" Zhongli
16.02.2021
16.02.2021
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Snezhnaya war Frost und Eis.
Kalt und unbarmherzig, wie der ewige Winter. Menschen aus Snezhnaya waren genau wie das Land, kühl und für sich, misstrauisch, verschlossen, intrigant.
Die wenigstens wussten, wie warm das Herdfeuer in schneebedeckten Ebenen loderte.
Liyue war da ganz anders. Warm und offenherzig, laut und fröhlich in sonnengetränkten Farben und lauen Winden. Bunte Feste, scharfes Essen und Feuerwerke.
Es war fast zu viel auf einmal.

Tartaglia brodelte. Versteckt und für sich, der Tradition seiner Landsleute folgend, stets mit gefletschten Zähnen hinter einem Lächeln.
Die Angestellten der Bank des Nordens wussten das wohl, was sich jedoch hinter der Fassade des jungen Grafen abspielte, ahnten die wenigsten. Es würde wahrscheinlich mit dem Sturz des Jadegemachs zutun haben munkelten die meisten, denn die wenigsten standen in Rang und Ansehen innerhalb der Fatui hoch genug, um von internen Angelegenheiten zu wissen.
"Intern", knurrte Tartaglia vor sich hin, während er darauf wartete, dass sich die Sonne dem Horizont annährte.
Tagsüber konnte er die Bank schließlich kaum verlassen, dafür hatten die Qixing ausführlich gesorgt. Der Hass auf die Fatui mochte noch nicht gefährlich sein, doch er glomm in den Straßen und in jedem Gesicht, in das er starrte.
Er hasste es. Er hasste es, dass man ihn um seinen Auftrag gebracht hatte, dass man ihn ausgenutzt und wie ein dummes Kind behandelt hatte. Noch mehr hasste er es, die ganze interne Angelegenheit vor die Tsaritsa tragen zu müssen und dabei Signoras einfältiges, schmales Lächeln ertragen zu müssen, während sie die Ereignisse schilderte.
Dass er etwas deutlich mehr hassen konnte, wollte er nicht wahrhaben.
"Lord Tartaglia", drang eine stockende Stimme zu ihm durch. "Ihr Termin im Liuli Pavillon-"
Etwas in seinem Kopf wollte schnauben, die Erinnerung abwinken und den maskierten Mann abweisen, das Treffen zu verlegen, abzusagen oder gar zu vergessen. Aber man konnte von Tartaglia sagen was man wollte, dumm war er nicht und er zog es wohl vor, Liyue mit einer weißen Weste zu verlassen, soweit das noch möglich war.
"Natürlich", lächelte er und erhob sich aus dem ohnehin viel zu unbequemen Stuhl. "Man lässt seine Geschäftspartner ja nicht warten."
Ein Blick nach draußen sagte ihm dennoch, dass es noch zu hell war, um in seinem sonst so stattlichen Aufzug die Bank zu verlassen, ohne einen kleinen Trubel auszulösen. Mit den Millelithen wollte er vorerst nämlich nichts zutun haben.
"Verzeiht meine direkte Ader, doch in welcher Art und Weise ist Wangsheng ein Geschäftspartner?"
Tartaglia sah von dem Schreibtisch auf, den er hastig nach Papieren absuchte, die er so nicht offen herumliegen lassen durfte. Kurz musterte er den jungen Mann mit tiefbraunen Augen, der etwas zu direkt war, auch wenn er das galant entschuldigte.
"Sie sind neu hier, oder?", wollte er mit scheinheiligem Lächeln wissen, obwohl ihm nicht danach war, den Neuen die Regeln beizubringen.
Vielleicht beließ er des deswegen dabei und drückte sich an ihm mit einem wohlwissenden Schmunzeln vorbei, vielleicht eine Spur zu dick aufgetragen und Signora hätte ihn sicher aufgezogen, wie erbärmlich er seine Scharade spielte. Aber er trieb sein Spiel mit den einfachen Leuten, also erschien es ihm gerechtfertigt.
Die Bank des Nordens sah von außen recht klein aus, das Mobiliar und der offene Eingangsbereich änderte den ersten Eindruck jedoch oft, sodass Gäste sich staunend im Kreis drehten und die Hälse verrenkten. Heute war die Bank kalt und klein und engte Tartaglias Gedanken ein. Und genau wie Hunde in einem zu kleinen Käfig, kläfften und rebellierten sie, sodass er sich ausgebremst und langsam fühlte.
Wortlos reichte Andrei, der offizielle Herr der Geschäfte dieses Etablissements, ihm einen farblos schmutzigen Umhang, der so gar nicht zu seinem Stil passte und ihm ehrlich zuwider war, aber ein notwendiges Übel darstellte, was es zu ertragen galt.
Andrei sagte nichts, dafür war er zu schlau und wahrscheinlich hatte er ohnehin die Ohren gespitzt.
Ein wissender Blick Seiten Tartaglias reichte aus, dass der eher kompakt gebaute Mann umdrehte, sich der Treppe zuwandte und hinauf in die Arbeitsräume schlich. Sollte er aufräumen und sich um den Frischling kümmern.
"Lord Tartaglia", grüßte Vlad ihn stoisch wie immer als die Tür mit einem Klappern aufschwang.
Dieser ignorierte ihn, kämpfte kurz mit der Kapuze der Robe, unter der er sich wie ein Verbrecher auf der Flucht verstecken musste. Anordnung der Tsaritsa, solange sich die Lage in Liyue nicht beruhigt hatte.
Der Wind der oberen Etagen der Hafenstadt zerrte unliebsam am rauen Stoff, so sehr, dass er ihn mit der Hand tief halten musste, damit er nichts offenbarte.
Wie ein Hund, knurrte er im Stillen. Unter seiner Würde.
Mit gesenktem Kopf schlich er in der späten Nachmittagssonne die Treppen hinab zur edlen Flaniermeile des Hafens. Ein Glück, dass sich die meisten Menschen bereits in die südlichen Stadtteile zurückzogen, um den kommenden Abend mit ihrer Familie zu verbringen.
Bei dem Gedankengang entkam seinen kalten Lippen fast ein Seufzen. Familie. Er hatte keine Zeit in Snezhnaya gehabt, seine eigene zu besuchen, nur der ewige Winter im Zapolyarny Palast war sein Ziel gewesen. Um eine unausgesprochene Rüge abzuholen und sich kaltem Tadel auszusetzen.
Der Liuli Pavillon erschien nun wie ein Leuchtfeuer vor ihm. Welch Ironie dieser Ort schon in sich trug. Prächtig geschmückt um mit seinem Konterpart, dem Xinyue Kiosk ständig zu konkurrieren. Licai, die Vordame des Pavillon, nickte ihm nur zu, als er die Pforte ins Innere öffnete. Immerhin zählten die Fatui zu der Art von Kunde, die man ungern fallen ließ. Und solange die Qixing nicht deutliche Anschuldigungen aussprachen, gab es auch keinen Grund auf lukrative Geschäfte zu verzichten.
Kurz stockte Tartaglia im Türrahmen, obwohl er wusste, was ihn erwartete. Ein grausamer Scherz der Tsaritsa und eine Bestrafung der besonders erniedrigenden Art.
"Der Pavillon wurde für sechzig Minuten reserviert, wie gewünscht", murmelte Licai ehe sie die Tür wieder zuzog und ihn augenscheinlich alleine ließ.
Sicherlich gab es schlechtere Orte, als ein teures Nobelrestaurant mit Blick auf den Hafen und die untergehende Sonne.
Und dennoch wünschte er sich in die Eiswüsten Snezhnayas oder in ein Duell mit einem Dutzend Ruinenwächtern.
"Lord Tartaglia", kam eine schmerzlich bekannte Stimme aus dem offenen Speisezimmer, das für Essen geschäftlicher Art gedacht war.
Und Tartaglia, mit einer Miene aus Eis und Frost und einem Lächeln, das beinahe schmerzlich echt aussah, trat galant hinter dem Raumtrenner hervor, setzte die tiefe Kapuze ab und betrachtete den langen Tisch, der leer vor ihm stand.
"Keinen Appetit, wie ich sehe?", schmunzelte er träge der schlanken und hochgewachsenen Gestalt entgegen, die sich der Höflichkeit halber erhoben hatte.
Zhongli nickte nur, blieb stehen und beobachtete ihn und seine nächsten Züge.
Und der junge Fatui erwischte sich dabei, schwer zu schlucken, während er den Umhang über eine Stuhllehne legte und sich auf dieser abstützte.
Normalerweise war das alles Routine. Verträge beenden und dann getrennte Wege gehen, denn sie benötigten die Beratung des Herrn Zhongli nicht länger.
"Eine Stunde?", fragte dieser nur, als er sich wieder setzte und die Hände auf der sauber gearbeiteten Tischplatte faltete.
"Runde Zahlen schreiben sich schöner in Bücher."
Wieder nickte der Mann mit den sonnengefärbten Haaren aus warmer Glut und Cor Lapis.
Allwissend, schlich sich durch Tartaglias Kopf. Wohl mit einem bitteren Nachgeschmack.
Und er sah sich nicht in der Lage, ein langes Gespräch daraus zu machen. Alles nur noch in die Länge zu ziehen, erschien ihm grausamer als nötig.
"Gut", räusperte er sich und trat vom Stuhl zurück. "Wenn das geklärt wäre."
"Tartaglia-"
"Was?", schnaubte er barsch während das Eis seines Lächelns schmolz. "Soll ich dich zu deinem Vertrag beglückwünschen? Oder lieber zu deiner Verkleidung? Vielleicht sollte ich dich um Nachhilfestunden bitten."
Zhongli schien nicht erstaunt über die rohen Worte, eher hatte er sie erwartet. Schließlich lagen sie selbst schwer in seinem Magen.
"Im Namen seiner Majestät der Tsaritsa, Herr Zhongli, hiermit entlasse ich Sie aus den Diensten der Fatui. Ihre Bezahlung wird fristgerecht an das Wangsheng Bestattungsinstitut übertragen und-"
Tartaglia redete und redete. Weil er das gut konnte und es ihn ablenkte, jedenfalls solange er Blickkontakt vermied und er sich an Signoras Worte erinnerte.
Diskretion, mein lieber Graf.
Tartaglia schnappte erst nach Luft, als ihn eine Bewegung zu seiner Rechten stoppte.
Zhongli sah ihn an, mit seinen warmen Augen wie Herdfeuer, selbst als er wieder aufstand und den Stuhl an den Tisch schob.
"Wir haben eine Stunde", überlegte er ruhig, wohlwissend wie gefährlich überkochende Emotionen werden konnten.
Nach kurzer, stiller Überlegung folgte eine kühle Antwort:
"Dann sollten wir bestellen."


Die Sonne versank stetig, küsste schon bald die Wasseroberfläche und läutete die kommende Nacht ein.
Und genauso wie der Hafen von Liyue leiser wurde, so begann das wenig gesprächige Essen im Liuli Pavillon.
Tartaglia hatte sich erhofft es kurz und professionell zu halten, vor allem da die Augen der Tsaritsa auf ihm lagen wie dunkle Schatten. Noch ein Fehltritt würde sie ihm wohl kaum verzeihen, wäre er keiner der elf Harbinger- daran wollte er nicht denken.
Beschäftigt mit den kommenden Konsequenzen bemerkte er nicht, wie ein Angestellter eine Schüssel dampfenden Reis mit süßlich riechendem Gemüse vor ihm abstellte; sowie die ihm verhassten Essstäbchen. Nach einem Löffel wollte er gar nicht fragen, wusste er, dass es ohnehin keinen geben würde.
"Der Reisende erzählte von dem, was in der Goldstube vorgefallen ist", begann Zhongli sachte und Tartaglia rechnete mit einem zynischen Kommentar, wie naiv und überstürzt er gehandelt hatte. "Geht es dir gut?"
Fast überrascht sah er von der dampfenden Schüssel auf, wo sein Sitznachbar gerade die Stäbchen in der Hand sortierte, so unendlich geschickt und gekonnt, dass er fast neidisch wurde.
Und er nagte an der so einfachen Frage, länger als er wollte und doch nicht so lange, als wenn ihm Zeit eine Antwort brächte.
Ging es ihm gut?
Körperlich war er fern von dem, was er seinen Normalzustand nannte, die Verwandlung mit dem Dämonengewand zehrte immer noch an seinen Kräften, zuletzt auch dank dem mehr als aufregenden Kampf mit dem Reisenden.
Doch was ihm wirklich zusetzte, war das Gefühl des Verrats. Nicht einmal sehr von Signoras Eingreifen hinter seinem Rücken, sondern mehr dadurch, dass sich sein Ziel, sein Auftrag, direkt unter seiner Nase versteckt hatte. Er fühlte sich blind, ausgenutzt und unfähig.
"Ich denke schon", antwortete er diplomatisch, obwohl seine Zunge schon etwas anderes erwidern wollte.
Zhongli neigte den Kopf, als würde er ahnen, dass man ihm nicht die ganze Wahrheit erzählte.
"Es war nicht meine Absicht, dass es so kam."
Tartaglia kämpfte mit den Stäbchen, schob sie sich irgendwie zwischen seine Finger, doch es war abzusehen, dass es kein gutes Ende nehmen würde. Trotzdem lächelte er den Berater des Bestattungsinstitut warmherzig an. Zhongli wurde merklich kälter.
"Natürlich nicht", kam die einsilbige Antwort über seine Lippen, während er sich lieber seinem Essen zuwandte, obwohl er weder Hunger verspürte, noch den Drang länger hier auf Kohlen zu sitzen.
Zhongli ließ die Hand sinken, schloss kurz die Augen, wie um sich zu sammeln.
Menschen waren schwer zu verstehen, vor allem wenn sie aus Snezhnaya kamen, unzählige Masken trugen und es vorzogen, Klingen sprechen zu lassen.
"Ajax, du musst verstehen-"
"Tartaglia", korrigierte man ihn hastig und zum ersten Mal an diesem Abend, sah man die scharfen Zähne des Fatui.
"Wann hätte ich dir davon erzählen sollen? Und vor allem: wie? Du hättest- Ich wollte dich nicht in diese Lage bringen."
"Wie überaus höflich. Aber Signora war kein Problem?"
Mit einer Handbewegung legte der Gott in Verkleidung die Essstäbchen beiseite und sah den elften der Fatui Harbinger mit einem halbherzigen Schmunzeln an.
"Sie ist eine hochnäsige und eingebildete Frau. Und vor allem: Sie ist nicht du."
Über diese Worte musste Tartaglia erst einmal nachdenken. Natürlich war er nicht wie Signora. Sie bevorzugte es ihre Spinnennetze zu weben, Pläne zu schmieden und kaum etwas an die Öffentlichkeit dringen zu lassen. Er war da lieber der Showmensch, der Mann für die Front, immer in der ersten Reihe, ganz weit vorn. Hatte man ihn deswegen nach Liyue versetzt? Gerade damit er Chaos stiften sollte? Traute die Tsaritsa ihm nicht zu, einen Auftrag alleine zu erfüllen? War er ewig Signoras Schoßhündchen?
Tief blickte er in die Schüssel, die nun nicht mehr so dampfend war, wie noch zuvor. Und so wie die Wärme verschwand, ob nun aus der Speise oder aus dem Tag an sich, so zog sie sich auch aus ihm zurück.
"Ich hätte es auch lieber anders gehandhabt. Und ich würde es begrüßen, wenn wir uns im Guten trennen könnten", unterbrach Zhongli seine Gedanken.
Und Tartaglia dachte nur daran, ob er ihn überhaupt noch so nennen konnte.
"Ich bezweifle, dass die Tsaritsa es wortlos hinnehmen würde, wenn ich weiterhin die Dienste von Rex Lapis auf ihre Rechnung schreibe."
Dankbar erkannte Zhongli wieder das seichte Lächeln, obwohl man ihm weiterhin nicht in die Augen sehen konnte.
"Das sehe ich genauso", nickte der Geo Archon bedacht. "Allerdings ... was sagst du dazu? Als Mensch, nicht als einer der Fatui Harbinger im Namen ihrer Majestät der Tsaritsa?"
"Es käme einem Verrat gleich", schloss Tartaglia nachdenklich. "Dennoch, in Anbetracht meines wahrscheinlich längeren Aufenthalts in Liyue, wäre es von Vorteil einen Einheimischen als Reiseführer zu haben."
Zhongli lachte dumpf und hob erstmals etwas Reis mit den Stäbchen an. So einfach sah das aus, leichtfertig und ohne Probleme, wie die Reiskörner mühelos gestapelt blieben.
"Und Essstäbchen", ergänzte er mit einem wohlwissenden Blick auf Tartaglias Hände, die verkrampft mit dem Holz kämpften. "Es wäre erbärmlich an so einem Tisch zu verhungern."
Der junge Fatui nickte. Lächelnd.
"Wie wäre es mit einem Ausflug zum Jueyun Karst? Die Stimmung in der Stadt ist etwas zu angespannt für meinen Geschmack", redete Zhongli weiter, fast so wie früher.
Tartaglia rollte mit den Augen, während sein Mund versuchte den fallenden Reis aufzufangen und er Zhongli darüber schmunzeln sah.
Vielleicht war es Verrat an seiner Tsaritsa. Aber sie hatte ihn wohl zuerst verraten. Und in der Stadt der Verträge, waren diese besonders zu ehren.
"Gerne. Frischer Wind ist genau das Richtige."

Und Tartaglia meinte es so.



AN
Heh, it's one way to end a neverending hiatus. With cute husbandos.
 
 
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