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『Attack on Titan』 || 『Töte sie mit Freundlichkeit.』

von Rayllum
GeschichteRomance / P16 / Gen
Eren Jäger
16.02.2021
02.03.2021
3
12.691
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23.02.2021 4.719
 
Du quetschtest dich durch die Türen des Essensraums und machtest dir gar nicht erst die Mühe, dich vor dem Mittagessen nochmal aufzufrischen. Dafür war ohnehin nicht die Zeit, und du hattest Hunger. Deine Schulter pochte schmerzlich, und du hadertest, ob du sie mit Eis kühlen solltest, aber dein Hunger hatte sich durchgesetzt. Außerdem warst du sicher, dass der Schmerz schnell genug abebben würde. Als du deinen Teller mit Essen dann hattest, gingst du an deinen Tisch, wo Marco und Jean bereits saßen; du grätschtest dich neben letzteren ein.
     Jean rümpfte die Nase, als er dich sah. „Du siehst scheiße aus“, bemerkte er, woraufhin du ihm bloß einen finsteren Blick zuwarfst. Er streckte eine Hand aus und wischte dir über die Wange. „Du hast Dreck in deinem Gesicht.“
     Du atmetest hörbar genervt aus und wischtest dir mit dem Ärmel über dein Gesicht.
     „Was ist passiert?“, fragte Marco, auf dessen Gesicht sich wieder Sorge breitgemacht hatte. „Haben du und Eren euch wieder gestritten?“
     Bei seinen Worten hörtest du auf, dir übers Gesicht zu wischen. „Was...? Nein, wir...“, wolltest du ansetzen, bevor du dich selbst davon abhieltst. Du konntest ihnen auf keinen Fall sagen, was da gerade vorgefallen war. Du wolltest diesen Moment für immer aus deinem Gedächtnis löschen und niemals wieder davon reden. Allein schon der Gedanke daran brachte eine Welle der Verwirrung und Übelkeit in dir hervor. „Wir waren eingesperrt“, sagtest du daher einsilbig. „Wir mussten beide aus dem Fenster hinausklettern und sind... hingefallen.“
     „Oh...“, sagte Marco. „Bist du verletzt?“
     Du musstest über seine Bedenken lächeln. „Nein, mir geht’s gut, so schlimm war es gar nicht.“
     Das erneute Öffnen der Tür erregte deine Aufmerksamkeit, und du drehtest dich um, während du einen Schluck von deinem Wasser nahmst. Eren trat ein und sah genauso verlottert aus wie du. Er schaute sich einen Moment um, auf der Suche nach seinen Freunden. Sein Blick traf auf deinen und blieb auch eine Weile so. Dann schautet ihr beide gleichzeitig weg.
     „Okay... was war das?“, hörtest du Jean sagen.
     Du drehtest deinen Kopf zu ihm und sahst, wie er die Augen zusammengekniffen hatte. „Was?“
     „Was war... ach nichts“, meinte er, schüttelte den Kopf und nahm einen Schluck. „Muss ich mir eingebildet haben...“, murmelte er.

Der nächste Morgen begann strahlend und frisch. Am Himmel war keine Wolke zu sehen, und die Hitze, die von der Sonne hinabstieß, wurde durch einzelne, kühle Brisen aufgelockert. Die perfekten Bedingungen für den Ausflug, den die Auszubildenden heute machen mussten. Dafür wurden die Kadetten in Gruppen eingeteilt und über die Nacht auf Pferden für eine Überlebensübung hinausgeschickt. Der erste Tag sollte dazu dienen, zu dem Campingplatz zu reiten, am zweiten sollten sie wieder zurück. Alle hatten Essen, extra Klamotten und einen Schlafsack dabei, so wie auch ihren 3D-Manöver-Apparat.
     Während sich die Kadetten draußen aufstellten, begann Shadis, die Gruppen vorzulesen. Du warst bei Jean, Connie, Reiner, Sasha, Armin, Mikasa, Krista und Eren gelandet. Als letzterer erwähnt wurde, stöhntest du auf und verdrehtest die Augen. Das war schon der zweite von drei Ausflügen, bei denen du mit Eren in eine Gruppe gesteckt wurdest. Du warst davon überzeugt, dass Shadis das nur machte, um eure Teamfähigkeiten zu testen. Dann sei es so. Dir zeige ich, was Teamarbeit heißt. Du warfst einen Blick zu Eren, der auch nicht gerade erfreut zu sein schien. Sein Gesicht war mit einem tiefen Stirnrunzeln versehen.
     Die Gruppen teilten sich auf und stiegen auf ihre Pferde, um die Reise anzutreten. Armin wurde angewiesen, Notizen zu machen. Seine Aufgabe war es zum einen, die Gruppendynamik zu beobachten und aufzuschreiben, und zum anderen sollte er einen Bericht über den Gesamterfolg des Ausflugs machen. Reiner durfte sich um die Karte kümmern und fing an, alle auf die trostlose und karge Landschaft zu führen. Du und Jean rittet dabei mit ihm voran. Sasha, Connie und Krista ritten in der Mitte, und Armin, Mikasa und Eren ritten weiter hinten.
     Nach einer Weile kam Jean zu dir. „Hey, wie du weißt, ist das hier eine Gruppenaufgabe und so, deswegen wäre es super, wenn du dich nicht mit Eren anlegen würdest.“
     Du konntest nur beleidigt darauf reagieren. „Was? Ich? Ich bin hier nicht die, die damit anfängt.“
     Er schüttelte den Kopf. „Schon dein Gesichtsausdruck sagt mir, dass etwas Schlimmes passieren wird.“
     Deine Gesichtszüge wurden weicher; du musstest offenbar die Stirn gerunzelt haben. „Es wird schon nichts Schlimmes passieren“, versichertest du ihm.
     Er reckte sein Kinn. „Gut, denn wir wollen nicht, dass sich das vom letzten Mal wiederholt.“
     Nein, das wollen wir nicht. Beim letzten Mal waren du und Eren einander derart an die Kehle gegangen, dass eure Teamkameraden euch schon beim Aufschlagen des Lagers an Bäume fesseln mussten, um euch voneinander zu trennen. Nur nach ausreichendem Betteln und Versprechungen wurdet ihr freigelassen. Natürlich musste all dies an Shadis weitergegeben werden, der euch allen ein schlechtes Ergebnis hineingedrückt hatte. Du wolltest definitiv nicht, dass sich das wiederholte.
     „Solange er sich benimmt“, grummeltest du und drehtest schmollend den Kopf weg.
     Deine Gruppe folgte Reiners Pfad noch etwa eineinhalb Stunden, bis die Karte an Sasha weitergegeben wurde und alle ihr folgten. Die Sonne hatte sich am Himmel breitgemacht, sodass ihre Hitze direkt über euren Köpfen brutzelte, als ihr für eine Mittagspause Halt machtet. Alle hatten sich ihr Essen geschnappt und angefangen zu essen. Du warfst einen Blick auf die Karte und versuchtest zu erörtern, wie ihr weiter fortfahren solltet. Die Spur war bereits für die Gruppe festgelegt – die Schwierigkeit war nur, sie auf dem Land zu finden. Laut der Karte solltet ihr bald in einen Wald gelangen, und es gab viele verschiedene Abzweigungen. Jetzt gerade wart ihr aber auf dem richtigen Weg. Die Karte wurde bald darauf an Connie weitergegeben, der jetzt das Ruder übernahm.
     Während des Ritts konntest du eine lockere Unterhaltung mit Jean, Sasha und Krista führen, und dir fiel auf, dass du wirklich Spaß hattest und auf andere Gedanken gebracht wurdest. Du hattest keine schlechte Laune mehr und hieltst dich von Eren fern – um genau zu sein, hattest du ihn seit Beginn des Ausflugs kaum eines Blickes gewürdigt. Natürlich hatte Sasha am vorherigen Wochenende eine Fülle an Essen aus der nahegelegenen Stadt der Garrison mit hineingeschmuggelt und sogar etwas davon mit der Gruppe geteilt. Armin machte fleißig Notizen, aber er lächelte die ganze Zeit, da alles glatt zu laufen schien. Unglücklicherweise hielt dies nicht lange an.
     Du lachtest gerade über einen Witz von Krista, als Connie zum Stehen kam.
     „Was ist los?“, hörtest du Mikasa rufen.
     Connie antwortete, indem er die Karte um 180 Grad drehte.
     „Das kann nichts Gutes heißen“, murmeltest du, als du neben ihm ankamst. „Was ist los?“
     Mit einer Grimasse drehte er seinen Kopf langsam in deine Richtung. „Ich... äh... ich brauche nur ein bisschen, um mir nochmal die Karte anzuschauen. Das... das ergibt nicht ganz Sinn.“
     Du musstest bei seinen Worten die Stirn runzeln. „Was meinst du genau?“
     Plötzlich trat Eren an Connies andere Seite. „Heißt das, wir haben uns verlaufen?“
     „Nein!“, antwortete Connie hastig. „Wir sind nur... ein bisschen vom Weg abgekommen.“
     Eren setzte eine finstere Miene auf. „Also haben wir uns verlaufen.“
     „Gib mal her“, sagtest du, als du die Karte aus Connies Händen nahmst und von deinem Pferd abstiegst. Die Falten auf deiner Stirn wurden steiler, während du sie auf dem Boden ausbreitetest.
     Jean kam zu dir und kniete sich neben dir hin. „Wie sieht’s aus?“, fragte er und deutete mit dem Kopf auf die Karte.
     Du begutachtetest die Karte, um nach der Stelle zu suchen, bei der du das letzte Mal wusstest, wo ihr euch befandet.
     „Lass mich mal sehen“, hörtest du, und du konntest sehen, wie Eren versuchte, danach zu greifen. Du packtest ebenfalls zu und ließt nicht zu, dass er die Karte kriegte; du stelltest dich sogar hin.
     „Nein, leg sie wieder hin“, sagtest du und zogst daran.
     „Ich möchte mal drauf schauen.“
     „Lass sie liegen!“
     „Gib sie her!“
     „Hör auf zu ziehen, du machst sie noch kaputt!“
     „Hört jetzt beide auf damit!“, unterbrach euch Armins Stimme. Eure Köpfe schossen hoch, und eure Körper spannten sich an, als ihr Armin mit finsterer Miene und wutroten Wangen in eure Richtung schaute. Armin war normalerweise so sanftmütig und hatte nie solche Ausbrüche – es sei denn, er hatte von dir und Eren wirklich die Schnauze voll. Irgendwie schämtest du dich, weil du ihn so wütend gemacht hattest. „Lasst sie beide los“, sagte er ruhig.
     Eren presste die Lippen zusammen, gab aber nach. „Ich wollte nur sehen, ob wir wieder auf die richtige Spur kommen können“, murmelte er. Du verdrehtest nur die Augen, legtest sie hin und knietest dich vor die Karte.
     Du zeigtest auf eine Stelle. „Da. Da war der große Graben“, stelltest du fest.
     Der Rest der Gruppe hatte sich um dich versammelt und mit schräg gelegten Köpfen auf die Karte gespäht.
     „Ich erinnere mich, wir sind diesen Weg entlanggegangen“, sagte Mikasa.
     „Dann müssen wir da sein“, sagte Eren und zeigte auf eine Gegend, die weit entfernt von dem war, wo ihr eigentlich sein solltet. „Der beste Weg ist, dorthin zu gehen, durch diese Abkürzung.“
     Du runzeltest die Stirn. „Das sieht mir nicht nach einer Abkürzung aus. Das ist ein Wald.“
     „Es ist eine Abkürzung. Das sieht jeder, der diese verdammte Karte sieht. Vertrau mir.“
     „Dir vertrauen? Das sagt der Richtige“, äußertest du, bevor du deine Augen wieder auf die Karte richtetest. „Nein, der beste Weg ist, dieser Route zu folgen, bis sie diese Gabelung erreicht. Dann überqueren wir sie und gelangen wieder auf den richtigen Pfad.“
     Er sah mit einem genervten Blick auf dich herab. „Ich bin mir sicher, dass mein Weg schneller ist.“
     Du erwidertest den Blick mit genauso viel Gehässigkeit. „Und ich bin mir ziemlich sicher, dass du falsch liegst.“
     „Tja, zu blöd! Denn wir nehmen diesen Weg!“
     Du musstest schnauben. „Einen Scheiß werden wir tun. Ich werde mich nicht wieder verlaufen.“ Du wandtest dich an Jean und fragtest: „Du stimmst mir doch zu, oder? Dass mein Weg der sichere ist?“
     Du wartetest seine Antwort ab, während er stirnrunzelnd über die Karte schaute. „Ja, Eren. [Name] hat Recht, wir sind mit der Route besser dran.“
     Eren starrte ihn an. „Mikasa, du bist doch auch der Meinung, dass wir eine Abkürzung nehmen sollten, oder?“, fragte er und warf ihr einen intensiven Blick zu, den sie erwiderte.
     „Ich gehe dorthin, wo auch immer du hingehst, Eren“, sagte sie, und Eren grinste dich hochmütig an.
     „Ich bin mir nicht sicher mit der Abkürzung, Eren...“, sagte Reiner. „Ich will mich nicht wieder verlaufen.“
     „Andererseits ist mir auch nicht danach, so weit zu laufen. Wenn die Abkürzung funktioniert, würde ich sagen, dass wir es machen“, fügte Connie hinzu.
     „Wir haben uns schon einmal verlaufen, und [Name]s Weg hat eine richtige Strecke...“, wandte Krista ein.
     „Leute, wir müssen uns für einen Weg entscheiden...“, sagte Armin nervös.
     „Und ich will bald ein Lager aufschlagen! Ich verhungere hier!“, rief Sasha.
     Du verschränktest die Arme vor der Brust und sagtest: „Dann schlagen wir meinen Weg ein. Wir kommen da sicher leicht hin.“
     Eren prustete. „Ja, in etwa fünf Stunden.“
     „Kommt schon, Leute, streitet euch nicht...“, sagte Armin, aber du ignoriertest ihn und schautest direkt in Erens Richtung.
     „Du denkst, du bist so klug? Seit wann bist du ein Experte im Kartenlesen?“, wolltest du von Eren wissen, während du Armin weiterhin keine Aufmerksamkeit schenktest.
     „Ich bin zumindest besser als du. Auf der anderen Seite ist jeder hier besser als du“, stichelte er.
     Was zur Hölle meint er damit? Redet er etwa immer noch von Karten?
     Du sprangst auf und balltest diene Hände zu Fäusten. Plötzlich kochte die Wut in deinen Adern. „Willst du hier wirklich mit Intelligenz anfangen? Ich glaube, mich zu erinnern, dass ein gewisser Jemand gleich im ersten Jahr seine Prüfungen verkackt hat.“
     Erens Augen blickten dich finster an.
     „Du hast auch kaum den Zweitversuch bestanden...“
     „Hör auf, [Nachname]...“, knurrte er, aber du hörtest nicht auf ihn.
     „Ziemlich überraschend für jemanden, dessen Vater ein Arzt war.“
     Seine Augen weiteten sich, und er ballte sichtlich die Hände zu Fäusten. Er sah regelrecht bedrohlich aus. Irgendwo tief in dir hattest du das Gefühl, dass du ein bisschen zu weit gingst, doch du hörtest nicht auf.
     „Hab wohl einen Nerv getroffen, hm?“, höhntest du.
     Schneller, als du gedacht hättest, dass er sich bewegen kann, stand er bereits vor dir. Er packte dich am Kragen deines Hemds, und der Stoff bauschte sich in seiner Faust, während er die Zähne zusammenpresste. Du wichst zurück, überrascht über seine Schnelligkeit, und packtest ihn am Handgelenk.
     „Leute, hört auf!“, hörtest du Kristas panische Stimme.
     Du starrtest in Erens Augen; dein Blick war genauso hitzig wie seiner. Ihr atmetet beide schwer, und der Zorn in dir war noch längst nicht abgeklungen. Du konntest spüren, wie sich alle um euch anspannten und darauf warteten, was als Nächstes geschah. Normalerweise wäre dies der Teil, an dem ihr zwei auseinandergezerrt werden würdet, bevor Shadis es mitkriegte. Aber er war nicht da, oder? Niemand konnte euch jetzt aufhalten. Du wartetest immer noch wie eine Katze darauf, dass er den nächsten Schritt wagte. Doch dann wanderten seine Augen auf seine Faust, die sich noch um dein Hemd geschlossen hatte. Er schluckte einen Moment und ließ schnell los, schob dich dabei zurück. „Idiot...“, sagte er, doch seine Stimme war zu leise, als dass sie klar und deutlich hätte gehört werden können.
     Du strichst dein Hemd dort wieder glatt, wo er es zerknittert hatte und schautest ihn verwirrt an. Okay, das war seltsam. Das ist noch nie passiert. Deine Augen wanderten zu jedem Mitglied der Gruppe, während Eren weiter resolut versuchte, dich nicht anzusehen. Sie sahen alle genauso verwirrt aus wie du und drucksten herum.
     Du räuspertest dich und wandtest dich schließlich an die Gruppe. „Okay, ich werde ihm auf keinen Fall folgen. Ich gehe meinem Weg nach. Reiner, du hast die andere Karte, oder?“, fragtest du den Jungen, welcher nickte.
     Armin hob eine Hand und stolperte nach vorne. „Wartet, wir müssen als Gruppe zusammenbleiben!“, protestierte er.
     „Ich gehe aber auch nicht mit ihr mit“, sagte Eren und hob die Karte vom Boden auf.
     „Mach dir keine Sorgen, Armin. Wir teilen uns einfach auf und treffen uns beim Campingplatz, bevor es dunkel ist“, sagtest du. „Ihr könnt entweder Eren folgen oder mir. Ist mir egal. Aber ich gehe.“ Du zogst deinen Rucksack höher zu deiner Schulter. Die Gruppe tauschte Blicke aus, und Armin bedachte euch mit niedergeschlagener Miene.
     Erens Augen flackerten für einen Moment in deine Richtung, und du fingst seinen Blick auf, bevor er ihn wieder abwandte. Als er dich wieder ansah, war sein üblicher Trotz darin zu erkennen. „Ich schätze mal, wir schauen einfach, wer zuerst dort antanzt.“
     Letzten Endes folgten dir Jean, Reiner und Krista den Pfad entlang. Armin und Mikasa folgten gehorsam Eren, was keine große Überraschung war. Connie war durch die angebliche Abkürzung verlockt worden, und Sasha hatte Gefallen an der Idee gefunden, dass sie früher oder später essen konnte, wenn sie es schneller dorthin schafften.
     Du hattest ein gutes Auge auf die Karte und rittest in einem grausamen Tempo weiter. Die einzigen Pausen dienten dazu, die Pferde zu tränken, bevor ihr weitermachtet. Ihr erreichtet die Gabelung, an der ihr bereits vorbeigekommen wart, und schon bald befandet ihr euch wieder auf dem richtigen Weg zum Campingplatz. Du konntest dir ein siegreiches Grinsen nicht verkneifen. Aber du stelltest dir auch die Frage, ob sie sich gerade im Wald verirrt hatten. Nicht, dass es dir wichtig war... nicht, dass es dir wichtig war.

„Ha!“, riefst du aus, als du dein Pferd zum Halten brachtest. Du konntest das wilde Grinsen auf deinem Gesicht nicht zurückstecken, als ihr den Campinglatz erreichtet – und das auch als Erstes. Reiner, Jean und Krista stiegen ebenfalls ab und ließen sich seufzend zu Boden fallen. Überrascht drehtest du dich um. „Geht’s euch gut, Leute?“
     „Ehrlich, [Name]. Ich bin froh, dass wir so schnell hier gelandet sind, aber ein paar Pausen hätten uns schon nicht umgebracht...“, murmelte Jean in den Boden hinein.
     „Mein Arsch brennt...“, bemerkte Reiner.
     Du warfst ihnen ein Lächeln zu und bandst dein Pferd an einem nahegelegenen Baum fest. Der Campingplatz war nur eine riesige Waldlichtung, umringt von Bäumen. Die Sonne ging allmählich unter, und du stecktest die Karte in eine Tasche deines Trainingsumhangs.
     „Okay Leute, wir sollten uns für heute hier ausruhen“, sagtest du, und langsam richteten sich alle auf, um das Zeltlager aufzustellen. Ihr hattet euch etwa zwanzig Minuten lang entspannt, die Pferde getränkt und euch zuvor noch einmal gestreckt. Jean und Reiner machten sich auf, um trockenes Holz für das Feuer zu sammeln, während du und Krista die Schlafmatten und Schlafsäcke hingelegt und die Töpfe zum Kochen herausgeholt hattet.
     Es vergingen eineinhalb Stunden, in der es bereits dunkel geworden war und die anderen immer noch nicht aufgetaucht waren. Du fingst allmählich an, dir Sorgen zu machen. Was, wenn ihnen etwas zugestoßen war? Hatten sie sich verirrt? Oh, du wusstest doch, dass sie mit dir hätten mitkommen sollen. Du hättest nie zulassen sollen, dass deine Wut mit dir durchgeht und die Gruppe zerteilt. Genau das war es, was du eigentlich meiden solltest! In dieser Übung ging es um Teamwork, und du hattest es geschafft, dass es nun um dein Problem mit Eren ging – schon wieder. Du kreistest dir über die Schläfen und konntest bereits fühlen, wie sich ein Kopfschmerz anbahnte. Sie hätten wirklich nicht so lange gebraucht, um hier anzukommen. Solltest du vielleicht nach ihnen suchen? Würdest du dich dabei auch nur verirren?
     „Jean, du glaubst doch nicht, dass sie sich verletzt haben, oder?“, fragtest du den Angesprochenen.
     Jean kniete sich vor das Feuer und stocherte mit einem Stock in den Flammen herum. „Nein, ich glaube, ihnen geht’s gut. Es war schließlich Erens Idee, also solltest du dich nicht wundern, dass es so lange dauert. Also hör auf, hin und her zu rennen“, antwortete er.
     Du hieltst in deinen Bewegungen inne, und dir fiel erst jetzt auf, dass du gedankenverloren durch die Gegend geschlendert warst. Du machtest einen Schmollmund in seine Richtung und murmeltest: „Tu ich doch gar nicht...“
     Just in diesem Moment konntest du hören, wie das Geräusch von Hufen immer näherkam. Du drehtest dich in die Richtung um, aus der das Geräusch kam. Dein Herzschlag schoss nach oben. Du konntest fünf Figuren auf Pferden erkennen. Als sie sich näherten, erleuchtete das Feuer ihre Gesichter. Es waren sie! Sie waren wieder da!
     Sie reihten sich am Rande der Lichtung auf und stiegen von ihren Pferden ab, einer nach dem anderen. Als Eren von seinem Pferd abstieg, vermied er es, in deine Augen zu sehen. Du hörtest ein Heulen von Sasha, als sie zum Feuer taumelte und sich direkt davor fallen ließ. Ihr Rucksack rutschte ihr dabei vom Rücken, und sie zappelte wild umher. Connie tat es ihr wenig später gleich. Mikasa half Armin, von seinem Pferd zu kommen und rieb ihm tröstend über den Rücken. Sie sahen alle vollkommen erschöpft aus. Eren steckte seine Karte in seinen Umhang und ging mit stur gerecktem Kinn auf dich zu.
     Erleichtert begannst du, auf ihn zu zu rennen, aber noch bevor du ihn erreichen konntest, hieltst du inne. Was zur Hölle? Was hatte ich gerade vor? Sollte ich ihn umarmen? Eine zarte Röte breitete sich auf deinen Wangen aus. Eren musste deine Herangehensweise falsch aufgenommen haben, denn er warf dir einen anklagenden Blick zu.
     „Also? Jetzt mach schon. Du bist zuerst hier gewesen. Sag mir, dass du es mir gleich gesagt hast. Sag mir, dass du Recht hattest. Los... reib’s mir schon rein.“
     Du konntest nur wie festgewurzelt stehenbleiben und ihm in die Augen sehen. Sein Blick war entschlossen auf dich gerichtet. „Ja...“, begannst du, aber schon bald merktest du, wie sich deine Stimme verlor. Du hattest gedacht, dass du es gewollt hättest. Vorher hättest du jede Chance ergriffen, um ihm deinen Sieg unter die Nase zu reiben. Aber jetzt gerade fühlte es sich nicht richtig an. Die Klänge der anderen, wie sie sich begrüßten und Unterhaltungen begannen, füllten die Luft, während du und Eren einander ansaht. „Ich bin einfach nur froh, dass es euch allen gut geht“, sagtest du mit einer Stimme, die kaum lauter war als ein Flüstern – obwohl du wusstest, dass Eren dich gehört hatte.
     Er schien überrascht darüber zu sein und sah zu dir; die Verwirrung und das Misstrauen standen ihm ins Gesicht geschrieben. Du drehtest dich weg, zumal du dich unwohl bei seinem Blick fühltest. Du runzeltest die Stirn und machtest dich daran, einen Platz auf einem der vier Baumstämme einzunehmen, die um das Feuer lagen.
     Nachdem sich alle zum Feuer begeben und zu essen begonnen hatten, erklärten sie, was passiert war. Im Grunde genommen hatte der Wald – wenig überraschend –, indem sie eine Abkürzung nehmen wollten, keine richtigen Wege, und sie hatten sich einige Male verirrt, bevor sie es zur anderen Seite wieder hinausgeschafft hatten. Eren sah die ganze Zeit über schweigend in deine Richtung, aber du erwidertest seinen Blick konsequent nicht. Sogar du warst über deine eigenen Handlungen überrascht. Noch vor ein paar Stunden wolltest du nichts sehnlicher, als weit von Eren entfernt zu sein und ihn für sich selbst sorgen zu lassen. Deswegen hattest du auch vorgeschlagen, sich aufzuteilen. Aber nun schien es eine ziemlich schlechte Idee gewesen zu sein. Du hättest sie gar nicht erst vorschlagen sollen. Es war dir egal, dass du Recht hattest. Eren und den anderen hätte etwas Schlimmes zustoßen können, und zwar nur wegen deiner Unverfrorenheit. Schließlich irritierte dich sein Blick, und du schautest ihn genauso herausfordernd an. Du fordertest ihn auf, etwas zu sagen. Aber er zog nur seine Augen zu Schlitzen und schaute letztlich weg.
     Nach einer geraumen Zeit begann einer nach dem anderen, sich in ihre Schlafsäcke zurückzuziehen, um sich für die Nacht aufs Ohr zu hauen. Obwohl du überhaupt nicht müde warst, hattest du dich in deinen begeben und starrtest nun in den sternenüberzogenen Nachthimmel. Du konntest das knisternde Feuer und die langsamen Atemzüge von deinen Kameraden hören. Eren war der letzte, der noch wach war. Er hockte immer noch auf dem Baumstamm und starrte in die Flammen. Du gingst noch sicher, dass alle anderen bereits schliefen, bevor du dich mit einem Seufzen aufgesetzt hattest und aus deinem Schlafsack gekrochen warst.
     Erens Augen folgten verwirrt deiner Gestalt, als du dich neben ihn setztest. Du konntest nicht einmal die richtigen Worte finden, um zu sprechen. Du fragtest dich, wieso du überhaupt aufgestanden warst. Du hattest einfach nur das Gefühl, dich entschuldigen zu müssen. Für irgendetwas.
     Einige Minuten der Stille verstrichen, bevor er das Wort ergriff. „... Dachte, du würdest schon schlafen.“
     „Hör zu, ich... ich hätte mich nicht so aufführen sollen“, fingst du an, überrascht über dich selbst. „Ich habe mich von meinen Gefühlen leiten lassen. Das war ein Fehler.“ Du hieltst eine Sekunde inne. „Und wegen dem, was ich gesagt habe. Über deinen Vater. Ich habe es direkt bereut, nachdem ich es ausgesprochen habe. Ich war nur... ich war einfach so sauer, und ich wollte dich auch zur Weißglut treiben. Ich schätze, da ist einfach mein Instinkt mit mir durchgegangen.“
     Vielleicht hattest du keine Probleme damit, diese Dinge zu sagen, weil es bereits so spät war. Denn wenn du deinem alten Ich letzte Woche noch gesagt hättest, dass du das mal sagen würdest, hätte es dich ausgelacht.
     „Schon gut. Es hat mich sowieso nicht zu sehr getroffen“, sagte er.
     „Trotzdem...“, beharrtest du. „Ich hätte es nicht sagen sollen.“
     Es folgte noch eine stille Minute, als ihr beide in die sterbende, glühende Asche saht. Dann sprach er erneut. „Ich schätze, ich hätte mich auch zusammenreißen sollen.“
     Nun warst du wirklich überrascht. So nah war Eren noch nie an einer Entschuldigung dran gewesen. Jetzt, wo du so darüber nachdachtest – so nah warst du ihm auch noch nie gewesen. Du warst dir nicht sicher, was du sagen solltest. Du und Eren hattet noch nie so lange eine zivile Konversation gehalten. Nervös spieltest du mit deinen Fingern herum. Dir wurde plötzlich klar, dass du ihn anstarrtest. Und was noch schlimmer war: Er starrte dich ebenfalls an.
     Du wandtest deinen Blick ab, und als du ihn aus den Augenwinkeln noch einmal ansahst, blickte er auf seine Hände herab. Auf einmal dachtest du an den Moment zurück, als du Eren noch vor ein paar Tagen vor dem Schuppen gesehen hattest. Was zur Hölle? Warum denke ich jetzt ausgerechnet daran? Du versuchtest, deinen Kopf zu schütteln, um von dem Gedanken loszukommen.
     „Also, willst du jetzt schlafen gehen, oder hast du vor, die ganze Nacht mit mir hier zu sitzen?“, fragte er.
     „N-nein, ich gehe jetzt schlafen“, gabst du zurück. Du hattest dich wiederaufgerichtet und dir den Staub abgeklopft. „Solltest du auch. Immerhin solltest du uns auf dem Rückweg morgen besser nicht aufhalten“, fügtest du hinzu, während er dir eine finstere Miene zuwarf.
     Das war besser. Diese Sticheleien kamen dir viel bekannter vor – bekannter als das, was auch immer da vor ein paar Minuten geschehen war. Nachdem du dich in deinem Schlafsack verkrochen hattest, hörtest du ein Rascheln, welches dir verriet, dass er wieder in seinem lag. Schon bald spürtest du, wie der Schlaf an dir zerrte, und du fielst in einen traumlosen Abgrund.
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