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Der eine zählt des anderen Tassen

GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P18 / Het
15.02.2021
03.03.2021
18
31.585
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Irgendwie komisch fand sie das Gespräch, zumal dieser Gottfried-Jakob sie dann noch, vollkommen aus dem Zusammenhang gerissen, nach ihrem Sonnenbrand fragte – das allerdings so beiläufig, dass sie Zweifel daran hatte, ob es ihn wirklich interessierte. Also zog sie es vor, ihm ein „Ganz gut“ zu erwidern.

„So? Ganz gut? Dennoch empfiehlt es sich, den Arzt aufzusuchen“, hatte er daraufhin bemerkt und sich kurz an sie gewandt.

„Das werde ich tun“, versicherte sie. „Allerdings zeigt sich ein etwaiges Melanom erst sehr viel später. Darum heißt es doch: Die Haut vergisst nicht.

„Ach, eine Metapher“, rief er da plötzlich – etwas unangemessen heftig, wie sie fand, nickte jedoch.

„Sie überträgt noch dazu menschliche Eigenschaft auf die Haut …“, fuhr er mit plötzlich erhobenem Zeigefinger fort, was sie leicht zusammenzucken ließ, zumal er sie mit leicht gerümpfter Nase und wiederum zusammengepressten Lippen ansah. Sollte das tatsächlich ein Grinsen darstellen, gar ein Lächeln? Sie selbst verkniff sich jegliche Regung und sagte so beiläufig wie nur irgend möglich: „Ja, es handelt sich in der Tat um eine Personifikation.“

Beide hatten sich daraufhin wieder nur angesehen, ehe er den Blick senkte und sie aufs noch immer tobende Meer hinaussah.

Im Nachhinein betrachtet, war es ja nicht schlimm gewesen, mit ihm über anderthalb Stunden im Strandkorb zu sitzen. Nein, keineswegs, denn in so unangenehmem Licht, wie zuvor, war er ihr nun nicht mehr erschienen, allerdings spürte sie, dass sie mit ihm auch nicht warm werden würde – gleichwohl er ihr so offen von seiner Arbeit erzählt und sich bemüht hatte, sie von seiner Normalität zu überzeugen. Und dadurch war sie in Zugzwang geraten, sich nun ihrerseits bei ihm zu entschuldigen für ihre Observationen. Nun ja. Zum Schluss hatte er sie doch allen Ernstes gefragt, ob sie aus dem Osten komme und sie hatte bejaht. Hierauf hatte er ein leicht verkniffen wirkendes Lächeln aufgesetzt, das die Falte zwischen seiner Nasenwurzel und dem Stirnansatz deutlich zum Vorschein brachte. So hatte er sie einige Momente lang gemustert, ehe er erwiderte, dass dann alles klar sei.

„Wie?“, hatte sie gefragt – tatsächlich vollkommen ahnungslos. Und er hatte daraufhin, die Arme vor der Brust verschränkend, noch verkniffener gewirkt, als er sagte: „Dann haben Sie ja Erfahrung im Observieren.“

Erst in diesem Augenblick fiel bei ihr der Groschen – sie verstand, zog es jedoch vor, auf diese doch sehr klischeehafte Äußerung nicht zu reagieren, zumal sie gar nicht wusste, wie er sie gemeint hatte. Aber war ihr nicht so, als bemerke sie eine Spur Verachtung für das System, das sich aus seiner Perspektive jenseits der Mauer befunden hatte. Jedenfalls fügte er wie zur Bestätigung hinzu, dass es ja lange geheißen hätte, die Ostdeutschen müssten erst einmal richtig lernen zu arbeiten.

„So?“, hatte sie erwiderte und ihre klammen Hände gefaltet.

„Möchten Sie noch ein Brot und etwas trinken?“, war es in diesem Moment – wieder ganz unverhofft – von ihm gekommen. Sie hatte überlegt und ihm dabei in die Augen gesehen. Dass er Grüne hatte, war ihr zwar in diesen Momenten aufgefallen, da sie in seiner Miene zu lesen versuchte, doch sogleich war es ihr wieder durch den Kopf geschossen, dass sie dieses Menschen wohl nicht habhaft werden könne. Aber wollte sie das überhaupt? Doch wohl nicht. Sie lehnte dankend ab und verwies darauf, dass Regen und Gewitter beinahe abgezogen seien und sie es doch sogleich wagen würde, den Heimweg anzutreten. Und zu ihrem großen Glück machte er nicht auch Anstalten, den Strandkorb zu verlassen, sodass sie sich Minuten später allein auf dem Sommerdeich wiederfand – und ohne sich noch einmal umzudrehen, ihren Heimweg antrat. Freilich hatte sie sich ordentlich von ihm verabschiedet und ihm dann auch noch einmal gesagt, wie sehr sie von seinem Geigenspiel entzückt gewesen sei und es noch immer wäre. Sie hatte es gesagt, weil sie meinte, dies tun zu müssen, sozusagen als Dankeschön für die empfangene Nettigkeit. Er jedoch hatte hierauf wiederum verkniffen gelächelt, dann den Zeigefinger in die Höhe gereckt und gemurmelt: „Aber nicht vergessen, ich bin kein Geiger.“

Sollte das witzig sein, gar in irgendeiner Weise charmant? Jedenfalls rang sie sich zu einem: „Ich weiß, Sie sind Physiker und Mathematiker“ durch, gab ihm die Hand, die er auch ergriff und nun seinerseits sagte: „Also, auf Wiedersehen dann, Frau Grundschullehrer.“

Sie nickte, lächelte jedoch nicht, obwohl es ihr so vorkam, als mühte er sich gerade darum, einen Witz zu machen. Sein Gesichtsausdruck sprach indes dagegen. Oder täuschte sie sich? Aber diese zu Schlitzen verengten Augen und die festzusammengepressten Lippen wirkten nicht so, als wollten sie an ein Lächeln erinnern. Dass sie es im Zuge ihrer Ausbildung auch gelernt hatte, Gesichtsausdrücke zu deuten, durfte sie an dieser Stelle wohl niemandem verraten. Allerdings war er bisher der Einzige, den sie nicht lesen konnte, was wohl auch daran lag, dass seine Mimik tatsächlich nicht seinen Gemütszustand zu spiegeln schien. Oder, sie hatte ihn einfach noch nicht zu verstehen gelernt? Nur, wollte sie das je können?

In ihren Augen war er noch immer dieser komische Kerl, den Ausdruck Tropf wollte sie nicht gebrauchen, denn in dem schwang doch etwas viel Verachtung mit. Sie aber verachtete ihn nicht, fand ihn nur seltsam, komisch, bizarr, aber eben auch zu wenig greifbar. Ja, sie hatte, wann immer sie an ihn dachte, das Gefühl, einen Fisch in der Hand zu haben. Irgendwie glitschig und ja, auch eklig.

So ihre Gedanken, als sie nach Haus lief. Die Schuhe schwappten derweil voll des Wassers und gaben bei jedem ihrer Schritte ein seltsam quietschendes Geräusch von sich. Auch fror sie ganz fürchterlich, zumal der noch immer feucht-kühle Wind sie nun teilweise von der Seite traf. Zwar brachte er frische Luft mit sich, doch bescherte er ihr auch eine Gänsehaut, sodass sie leicht mit den Zähnen zu klappern begann und sich dazu durchrang, das letzte Stück zu ihrer Heimstatt zu joggen. Und seltsamerweise fiel ihr das recht leicht. Jedenfalls spürte sie daheim weder ein Seitenstechen noch den Drang, husten zu müssen. Und da sie Percy bereits auf der Treppe erwartete, schob sich auch ein Lächeln auf ihre Lippen. Sie nahm ihn hoch und sah sich mit ihm auf dem Arm noch einmal um. Wieder ergriff sie der Anblick der Weite. Und obwohl der Himmel noch immer wolkenverhangen war, fühlte sie sich wiederum seltsam leicht, frei. Ja, sie hatte den Tag genossen, irgendwie, auch wenn sie dieser komische Kauz doch recht verwirrt hatte.

Die warme Dusche war eine Erlösung und sie hörte sich nicht nur einmal seufzen. Und auch wenn sie etwas gegen Wasserverschwendung hatte, blieb sie solange unter dem Wasserstrahl, bis sie sich vollkommen aufgewärmt hatte – und den Rest bescherte ihr ein warmer Tee nebst einer Suppe, die sie sich, da doch recht müde und im Grunde satt, zubereitet hatte. Percy blieb bei ihr, auch als sie wiederum die Kerze anzündete und das übrige Licht in der Wohnung löschte, um sich beim Anblick der Flamme zu reinigen, wie sie es inzwischen nannte.

Der nächste Tag ließ sich ebenso an, wie der vorangegangene geendet hatte – wolkenverhangen, kühl, jedoch versprach er wenigstens trocken zu bleiben. Und so nahm sie rasch ihr Frühstück ein, begrüßte Percy, der an ihrer Tür gestanden hatte, besuchte kurz den Halligkaufmann, um sich für die kommenden Tage einzudecken, nahm auch ein Leckerli für ihren Rotschopf mit, ging wieder nach Haus, räumte ihren Vorratsschrank ein, verfütterte das Leckerli und besah sich den Buddelbreef. An diesem Abend sollte es neben einer musikalisch untermalten Multivisionsshow über das Halligleben auch wieder Bernsteinschleifen geben. Sie überlegte nicht lang und fand, dass sich beide Veranstaltungen lohnten. Sie fanden am Abend statt – Zeit genug also, um morgens einen Spaziergang zu machen, wenn auch einen kleinen, aber sie brauchte die frische Luft, die Freiheit, den Wind, der ihr ins Haar fuhr und sie an Ekke Nekkepenn erinnerte. Ja, dieser Sagengestalt war sie zum ersten Mal an der am westlichsten gelegenen Warft in Form einer Holzstatue begegnet. Sie hatte den Namen gelesen und nicht verstanden: was sollte das darstellen? Erst später erfuhr sie, dass es sich eben dem Volksglauben nach um eine Gestalt handelte, die bisweilen in Wind und Sturm gekleidet übers Land zog und den Menschen auf den Halligen und Inseln tröstliche und kraftgebende Worte ins Ohr flüsterte. Diesen Gedanken fand sie schön und sie beschloss, diesen kleinen Kerl in Gedanken einfach mitzunehmen, wenn sie die Hallig wieder verlassen musste. Doch noch war sie hier, drehte sich dem Wind entgegen und ließ sich einfach zausen. Sie schloss auch die Augen, breitete die Arme aus und neigte sich dem Wind entgegen – und er hielt kräftig dagegen. Ein wundervolles Gefühl war das. Mit Worten kaum zu beschreiben und so schwieg sie gedanklich einfach. Und dieses Schweigen fühlte sich ebenso gut an. Der Wind durchdrang sie förmlich, blies alles Lästige aus ihr heraus und ließ sie sogleich noch viel ruhiger werden. Ruhiger, besonnener und im Hier und Jetzt seiend. Und schon zog sie ihre Schuhe aus. Obwohl sie die Kälte spürte, wusste sie doch auch das weiche Wollgras an ihren Sohlen. Und das ganz bewusst, weil sie sich darauf konzentrierte. Ja, sie tat einen Schritt und spürte das Wollgras, so weich, so fluffig, so schmeichelnd. Einfach schön. Und da ihr das nicht genügte, ging sie einige Schritte, während sie die Augen wieder schloss. Hier lief sie ja nicht Gefahr, irgendjemanden anzurempeln – hier konnte sie einfach sein.

Am Abend dann bereitete sie sich ein kleines Mahl zu, küsste Percy auf den Kopf und machte sich dann für Multivisionsshow zurecht. Es sollte ein Lichtbildervortrag über das Halligleben gestern und heute sein. Sie war gespannt darauf, Neues zu erfahren und Anregungen zu erhalten. Und die erhielt sie auch – reichlich, nicht zuletzt deswegen, weil der Veranstalter meinte, dass er zwar seine Bilder zeigen würde, jedoch auf die musikalische Untermalung aus der Konserve verzichten wolle zu Gunsten eines, bereits seit Jahren immer wieder auf die Hallig kommenden Geigers, der bereits vor Jahren ein eigenes kleines Programm zur Untermalung der Bilder ausgearbeitet habe.

Sie konnte nicht sagen, dass sie diese Worte sehr ergriffen hätten, doch dagegen, dass ihr Herz einige Takte schneller schlug, konnte sie sich nicht wehren. Und auch nicht dagegen, dass sich ein seltsamer Druck in ihr aufbaute, als er mit Geige und Bogen in der Hand neben den Veranstalter trat, den Applaus abwartete, um sich dann verneigend als Gottfried-Jakob Praetorius vorzustellen und sogleich zu konstatieren, dass er mitnichten Geiger sei, ja nicht einmal Musiker – gleichwohl jahrelang Korrepetitor an der Akademie der Künste in Berlin gewesen. Und das betone er in voller Demut der Kunst gegenüber, die er längst nicht zu beherrschen meine. Man solle also Nachsicht mit ihm üben, wenn ihm der eine oder andere Ton misslinge. Ihr blieb förmlich das Herz im Leibe stehen … - und das nicht, weil sie um seine Kunst wusste, sondern weil, weil … Und, als er sich nochmals verneigte und dabei seinen Blick über die Zuschauermenge gleiten ließ und er bei ihr innehielt, ja, sie förmlich zu fixieren begann, da wäre sie am liebsten aufgestanden und gegangen.
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