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Der eine zählt des anderen Tassen

GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P18 / Het
15.02.2021
15.04.2021
40
77.099
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08.04.2021 1.966
 
„Tanzen?“

Er nickte und legte Geige und Bogen auf die Anrichte neben sich.

„Jetzt? Hier?“, fragte sie erneut.

Wieder nickte er und streckte die Arme nach ihr aus. „Du kannst wählen, ob Walzer oder …“

„Jakob“, unterbrach sie ihn, „was soll das?“

„Was das soll?“

„Ja.“

„Was es soll, fragst du, wenn zwei Menschen miteinander tanzen?“

„Jakob, verstehst du nicht? Es geht mir nicht ums Tanzen an sich, sondern darum, dass du nach all dem, was wir gerade besprochen haben, tanzen möchtest.“

Er senkte kurz den Blick, nickte dann und sah sie wieder an. „Und gerade deswegen.“

Lene schüttelte den Kopf. „Ich verstehe dich nicht.“

„So wirst du mich denn verstehen, wenn du herkommst zu mir.“

Sie reagierte nicht, sah ihn nur an und senkte dann ihrerseits den Blick und versuchte in sich hineinzuhorchen, wie sie es während ihres Studiums, aber dann vor allem auch während der Therapie gelernt hatte. Sich zu fragen, was sie spürte, fühlte, was das war, um dann eine Entscheidung treffen zu können. Der Abend mit Jakob hatte wunderschön begonnen – der gemeinsame Opernbesuch, seine Tränen bei der Arie Der Hölle Rache kocht in meinem Herzen, schließlich seine Nähe, die sie genossen hatte. Dann aber Jakobs Verhalten in der S-Bahn. Und selbst wenn sie im ersten Moment ähnlich gedacht hatte wie er … Sie sah auf. Ja, das war das tatsächlich Erschreckende daran. Sie hatte ebenso gedacht wie er. Zwei Säcke. Ehe sie sich klargemacht hatte, welche Konsequenzen dieses Denken hatte … Und sie war davon überzeugt, dass Jakob und sie nicht allein waren, dass es unzählig viele Menschen gab, die ähnliche Gedanken hegten. Aber vom Sack zum Vergleich mit einem Parasiten war es nicht weit. Beides nicht nur diffamierend, sondern vor allem entmenschlichend. Gut, mochte sie ihm den Schreck, den ja auch sie empfunden hatte, anrechnen, dann blieb noch immer seine Art, wie er über den Islam gesprochen hatte. Die Art … Ähnlich hasserfüllt hatte sie ihn bereits im Wattenmeer erlebt, als er gestolpert und gefallen und sich von Karim, ihrem Wanderführer, nicht hatte aufhelfen lassen. Gut, schließlich war er aufgestanden, war weitergegangen, leicht humpelnd – doch nur, weil sie ihn dazu aufgefordert hatte. Im Geiste wandte sie sich nach ihm um, sah, wie er hinter ihr her durchs Watt trottete, müde, fertig, jedoch darauf bedacht, stets einen so großen Abstand zu Karim einzuhalten, dass ihn dieser nicht berühren konnte.

Und vorhin nun wieder: Hass in der Stimme, Hass im Blick. Sie verstand Jakob nicht. Auch wenn sie sich mühte, sie brachte es nicht fertig, über diese Hürde zu springen. Warum hasste dieser Mann so sehr?

Lene wusste seinen Blick auf sich gerichtete, wusste auch, dass er ihr nähergekommen war. Den Mund hatte er zu einem seiner Lächeln verzogen, aber es wirkt diesmal noch weniger echt als sonst.

„Komm“, sagte er, „nur dies eine Mal.“

„Dies eine Mal? Ja?“, erwiderte sie und kam sich so vor, als stünde sie auf einem 5m hohen Sprungturm, ganz am Rand, unter sich die sich auftuende Tiefe wissend. Und sie wusste, spränge sie, spürte sie für einen Bruchteil einer Sekunde die Schwerelosigkeit. Ein wunderbarer Gedanke. Gleichzeitig, das wusste sie, würde sich ihr Magen aufbäumen und ihr ein schreckliches Gefühl der Bodenlosigkeit bescheren, ehe sie die Wasseroberfläche durchstoßen und eintauchen würde.

Nur, das waren Bilder, Gedankenspiele, das war nicht die Realität. Die aber stand in personam Jakob vor ihr und machte Anstalten ihr den Arm um die Hüfte zu legen.

„Ja, nur dies eine Mal, Helena. Komm.“

Sie schwieg, nicht, weil sie nicht wusste, sondern, weil sie ihre Gedanken sammeln wollte, die und vor allem ihre Gefühle. Ja, die … denn, wenn sie ehrlich zu sich selber war, dann empfand sie für Jakob etwas – und nicht nur das. Als er sie vorhin in der Oper geküsst hatte, da hatte es sie durchzuckt. Sie hatte damit nicht gerechnet. Kein bisschen. Es war einfach so über die gekommen, als sie seine Lippen auf den ihren gespürt hatte. Ja, und seinen Atem, seine Nähe, der sie sich hatte hingeben wollen. Vorhin, als sie neben ihm in der Oper gesessen. Und seine Hand in der ihren. Ihr Herz hatte so schnell geschlagen, dass sie sich gefragt hatte, was das eigentlich sei. Ja, was? Und woher all das käme. Lag’s tatsächlich einzig an seinem Geigenspiel? Seiner Kunst, den Tönen Leben einzuhauchen? Ja? Aber dann hätte sie sich jetzt einfach umdrehen und gehen können. Hätte. Tat’s aber nicht. Blieb. Hier. Im Flur. An die Wand gepresst. Diese weiß getünchte Wand. Und sah ihn unverwandt an. Und er, gleichsam in der Bewegung innehaltend, auch sie.

Vielleicht übertrieb sie ja?

Wieder senkte sie den Blick, fuhr sich mit beiden Händen übers Gesicht, holte dann tief Luft. Was, wenn es so wäre? Zu sehr sensibilisiert für Äußerungen, Blicke und Stimmlagen, die ihr negativ aufstießen. Vielleicht musste sie – ja, vielleicht … und hatte ihr der Therapeut nicht auch gesagt, dass ihr Fell zu dünn, sie zu wenig Substanz besäße, um sich gegenüber Einflüssen aus der Umwelt abzuschirmen, sie also alles wie durch eine konvexe Linse um ein Vielfaches schärfer sähe als andere Menschen? Er nannte es Misophonie, Hypersensibilität – ausgelöst durch das Burn-out, denn zuvor war ihr das an sich selbst nicht aufgefallen. Erst, als sie spürte, dass die Fahrten in der S-Bahn, später auch der Lärm in der Schule zur Qual für sie wurden und sie auf jedes noch so kleine Geräusch mit einer Intensität reagierte, ja sogar mit Wut und Zorn und dem Willen, dreinzuschlagen, wurde ihr bewusst, dass mit ihr etwas ganz und gar nicht stimmte. Niemals abschalten könnend, selbst daheim die sprichwörtlichen Flöhe an der Wand husten hörend – und sogar auf unangenehme Geräusche wartend, ja geradezu lauernd, um sich dann über sie aufzuregen, sich an ihnen hochzuschaukeln und sich schließlich einer Erschöpfung hingeben müssend, die ihr jedoch keine Ruhe, vielmehr ein andauerndes Zucken wie während eines Stromschlags bescherte. Darüber war sie hinweg, so glaubte sie. Allerdings, so hatte ihr der Therapeut gesagt, könne es vorkommen, dass … Und vielleicht war es das jetzt und hier … Vielleicht …

Sie hob den Kopf, sah Jakob an, der noch immer wie zu Stein erstarrt vor ihr stand – offensichtlich auf eine Reaktion ihrerseits wartend. Noch einmal holte sie tief Luft, nickte dann und tat einen Schritt auf ihn zu.

„Aber ich möchte nicht tanzen“, hörte sie sich jedoch sagen.

„Doch“, entgegnete er, „gerade jetzt.“

Sie sah kurz zur Seite, nickte dann noch einmal und legte ihm, auch wenn es ihr ganz und gar nicht danach war, die Hand auf die Schulter. „Walzer“, flüsterte sie. Er nickte und schon spürte sie seine Hand in ihrem Rücken. Und dann setzte er einen Fuß vor den anderen, sie folgte seiner Bewegung, schloss die Augen, ließ sich von ihm führen. Noch nie im Leben hatte sie das getan – nach einem Rhythmus zu tanzen, der sich nicht in Musik kleidete, also zählen müssend. Aber wie gut das tat, denn da sie dachte, empfand sie nichts. Und da sie die Augen geschlossen hielt, sah sie nichts. Spürte aber – und das umso intensiver, da sie nicht fähig war, Jakobs Berührungen auszublenden. Seine Hand in ihrem Rücken – und in seiner anderen die ihre wissend. Auch spürte sie, wie er immer wieder auf eins kommend, den Takt angab und sie schließlich nicht nur durch den Raum führte, sondern auch zu drehen versuchte. Doch sie sperrte sich im ersten Moment dagegen, öffnete die Augen, sah, ja fühlte mehr, dass sie beide aus dem Takt geraten waren. Er lächelte sein verkniffenes Lächeln, flüsterte dann, ihr so nah: „Noch einmal.“ Sie nickte und wieder schloss sie die Augen, wusste aber ihre Hand auf seiner Schulter und seine wiederum in ihrem Rücken, war auch versucht, sich an sie zu lehnen, doch dann – nein, das wollte sie nicht. Warum? Warum? Aber er drehte sie plötzlich, ganz unverhofft. Sie begriff es erst, als er schon wieder vor ihr stand und sie weiter führte, wie ein Tänzer es eben tat. Und sie, nicht wissend, nicht sehend, nur spürend und fühlend, folgte ihm in der Wahl seiner Schritte, folgte jedem seiner Impulse, musste, sonst wäre der Tanz gestört, die Ordnung dahin.

„Helena“, hörte sie ihn plötzlich flüstern. Sie reagierte nicht, begann stattdessen wieder für sich zu zählen. Diesmal einen 6/8-Takt, um sich gleichzeitig auf die ¾ des Walzers zu konzentrieren. Eine Ablenkung, mehr nicht.

„Wir tanzen“, fügte er hinzu. „Noch nie …“

„Das glaube ich dir nicht“, unterbrach sie ihn.

„Und doch ist es wahr.“ Wieder wirbelte er sie herum und sie fragte sich, wie er das anstellte, da sie doch an seine kaputten Füße dachte. Und hatte er ihr nicht damals auf den Fennen gesagt, dass er nur das Menuett beherrsche, da seine Füße mehr nicht zuließen. Und nun das? Oder irrte sie sich? Erinnerte sie sich an eine Mähr? Ihn fragen? Jetzt? Da er sie durch den Raum führte und es ihr so vorkam, als schwebten sie beide?

Später, sehr viel später, der Abend war bereits in die Nacht übergegangen, lag sie im Gästebett, konnte jedoch nicht schlafen. Zu sehr hatte sie all das, was an diesem Abend geschehen war, ergriffen. Zu viel, als dass sie hätte gewagt, es zu beschreiben oder zu benennen. Zu werten gar? Sie verschränkte die Arme hinterm Kopf, starrte in die Dunkelheit und suchte nach einem Gedanken, einem tröstenden, rettenden. Doch das einzige, was ihr immer wieder in den Sinn kam, war, dass sie sich entscheiden müsse. Und das bald. Am besten gleich. Sofort. Und da war sie wieder, diese Unruhe, die sie innerlich zucken ließ. Und sie kniff die Augen fest zusammen, fluchte und wusste doch, dass sie ihr so nicht würde entkommen können. Und auch wenn sie in Hinblick auf Jakob übertrieb, auch wenn sie ihn, gerade da er ihr so wichtig war, mehr als andere Menschen durch diese konvexe Linse betrachtete, um ihn zu prüfen, auch wenn sie sich das zugestand, hegte sie doch noch immer Zweifel ihm gegenüber. Zweifel, die sie nicht einfach würde ausradieren können. Oder? Oder doch? Denn was, wenn sie sich nur gegen das Gefühl in sich stemmte, wenn sie es nicht zulassen wollte, ja, wenn sie Gründe dafür suchte, sich von ihm lösen zu können, um bloß keine feste Bindung eingehen zu müssen? Hatte sie so nicht in vielen Fällen zuvor gehandelt? Das Haar in der Suppe aber würde sich immer und bei jedem Menschen finden – egal wie gut er zu ihr passte. Und Jakob …

Irgendwann war sie wohl eingeschlafen, denn plötzlich durchfuhr es sie und sie schlug die Augen auf. Es brauchte einen Moment, um zu verstehen, wo sie sich befand, dass nicht im heimischen Bett sie lag, sondern … Sie blinzelte einige Mal der Dämmerung entgegen, die vom neuen Tag kündete, sah sich dann im Raum um und zuckte unwillkürlich zusammen, als ihr Blick an dem Sessel hängenblieb, der ihrem Bett gegenüberstand und auf dem sie in der Nacht zuvor ihre Sachen hatte abgelegt. Denn auf dem saß, in einen gestreiften Pyjama gekleidet, Jakob und sah zu ihr hinüber.

„Wie lange schon?“, stieß sie hervor und setzte sich sogleich auf.

„Lange“, erwiderte er, „seit ich wach wurde und nicht mehr einschlafen konnte.“

„Und da kommst du einfach in mein … Zimmer?“, schnappte sie und sah, dass er nickte, ein „Verzeih mir“ hinterherschickend. „Eigentlich hatte ich nur kurz in das Zimmer schauen wollen, um mich davon zu überzeugen, dass du tatsächlich da bist. Es kein Traum ist. Aber dann …“

„Was dann?“

Er schwieg, erhob sich jedoch und kam zu ihr hinüber, kniete sich dann vor ihr Bett, sah ihr in die Augen. „Helena“, murmelte er. „Weißt du, wie schön es ist, dich zu betrachten, während du schläfst?“

Sie reagierte nicht, sah ihn nur weiterhin an.

„Weißt du, dass du im Schlaf gelächelt hast. Gelächelt. Einmal und, als ich deinen Namen flüsterte, noch einmal … Helena sagte ich und du hast deine Augen kurz geöffnet, hast mich angesehen und sie wieder geschlossen und gelächelt.“
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