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"1988"

von Die Linda
GeschichteRomance, Schmerz/Trost / P12 / MaleSlash
Anthony J. Crowley Erziraphael
15.02.2021
26.04.2021
5
21.049
4
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Dieses Kapitel
2 Reviews
 
 
15.02.2021 4.677
 
Hallöchen! ^-^

Ich bin mir sicher, dass nur Carthamus und Kitty dies hier lesen werden. XD
Also, ihr zwei Süßen, ich wünsche euch viel Spaß. <3
Wie ich bereits in der Chronik geäußert habe, ist diese Geschichte hier wichtig für die Zukunft der beiden. Mal sehen ob ihr gut aufpasst und ob ihr vielleicht das eine oder andere wieder erkennt. XD

Wenn es zu verwirrend ist oder euch irgendetwas komisch erscheint, dann meldet euch bitte.

Viel Vergnügen oder so. Bis bald

Eure Linda ^3^

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Noch immer vibrierten die kraftvollen Violinenstriche und der zarte Druck der Oboe in Erziraphaels Bewusstsein herum, während er durch die hoheitsvolle Halle schritt. Zwar schweifte sein Blick auch mal zwischen den anderen Konzertliebhabern hindurch, doch galt die eigentliche Aufmerksamkeit nur noch der Erinnerung an diese liebliche und gleichzeitig so lebendige Rhapsodie von Maurice Ravel. Jedes Jahr auf´s neue freute sich Erziraphael wie verrückt auf die Reihe von Sommerkonzerten in der Royal Albert Hall. Als wäre er ganz allein in dieser opulenten viktorianischen Kuppelhalle und das jedes einzelne Orchester nur für ihn existierte, auf das kein Unmut ihn jemals stören könnte. Sobald die ersten Streiche begannen, entfernte sich sein Unterbewusstsein in ein schwereloses Dasein, welches ihn träumen und froren ließ. Summend schlenderte der Engel aber nun Richtung Ausgang und ließ all diese Heimwärts ziehenden Menschen an sich vorüber jagen. Er selbst trug einen beigen Anzug, darunter ein hellblau gestreiftes Hemd mit weißen Manschetten. Während darauf eine schmucklose breite Krawatte baumelte. In seinem Revers guckte ein rosafarbener Nelkenkopf heraus und der goldene Ring wurde für diesen Abend besonders gründlich poliert. Mit einem befriedigten Lächeln im Gesicht zog er noch einmal das wärmende Licht der Wandbeleuchtung in sich auf und knöpfte sich zufrieden das Jackett zu, nachdem er es etwas aufflattern ließ. Schick gekleidete Damen rauschten entweder kichernd oder schweigend mit ihren Männern an ihm vorbei, fuhren unbewusst durch ihr elegantes hoch frisiertes Haar und hinterließen unterschiedliche Arten von Düften in seiner Nase. Taxen fuhren vor, versteckten die Konzertbesucher in sich und scherten sich keinen Deut um die Zurückgelassenen. Trotz seiner Unbeschwertheit durchzog ihn eine leichte Sehnsucht. Wie schön wäre es doch jetzt, wenn der Rabenfarbige Bentley an dem Bürgersteig stehen würde, mit einem angelehnten lässigen Crowley davor. Verschränkte Arme und ein überhebliches Grinsen würden ihn dann begrüßen. Aber so war es nun mal nicht und dennoch spürte Erziraphael tief in sich wie sehr er ihn liebte. Jede seiner dämonischen Züge und eigentlich das ganze drumherum. Rasch wischte er sich diesen Gedankenflug hinfort und stellte lieber wieder ein freudiges Lächeln ein. Der Abend war viel zu beflügelnd, als dass er ihn sich selbst verderben lassen musste. Mit einem etwas lauteren Summen flanierte Erziraphael unter dem Steinbogen heraus, verabschiedete sich freundlich von dem uniformierten Personal und lief gemütlich über die Albert Court drüber. Er liebte dieses Konzerthaus, es glich einem römischen Amphitheater und versprühte stets diesen ausgeglichenen Flair. Die Welt war gerade so wunderschön und die Seele sang fleißig das Stück von Ravel nach. Erziraphael atmete tief durch und wanderte von einer Straßenlaterne zur nächsten. Am Royal College of Music würde er sich dann lieber ein Taxi herbei wundern. Es waren einfach zu viele Ecke bis nach Soho um es zu Fuß schaffen zu wollen. Sommernächte, deine Zärtlichkeit und dein Frieden. Soeben als der Engel überlegte noch ein wenig unter diesem klaren Sternenhimmel stehen zu bleiben, hörte er hinter sich jemanden rufen.
„Entschuldigen Sie, Mr. Fell! Verzeihung! Mr. Fell!“
Auf ihn kam ein eiliger Mann um die Vierzig zu, ruderte so auffordernd mit dem Arm herum, als wäre er ein alter Bekannter von Erziraphael. Dessen schwarzes kurzes Haar sträubte sich unter der hitzigen Bewegung belustigt auf und in seinem ovalen Gesicht befand sich ein direktes Grinsen. Er trug ebenfalls einen schicken Anzug und lackierte Schuhe. Was den Engel vermuten ließ, dass dieser Mensch auch soeben aus der Albert Hall kam. Hechelnd blieb er dann vor Erziraphael stehen und hielt ihm einen schmalen Nelkenkopf entgegen.
„Die haben Sie verloren.“
Überrascht schaute Erziraphael auf dessen Finger und dann auf sein leeres Knopfloch. Tatsächlich.
„Ach du meine Güte, Sie haben völlig recht. Aber deswegen hätten Sie mir doch nicht hinterher laufen müssen.“
Man musste an Ebenholz denken, wenn man in die Augen des Mannes blickte, der gleich darauf noch ein bisschen mehr lächelte, ohne die Nelke sinken zu lassen. Ein feiner Geruch nach Orange-Bergamotte und Rasiercreme eroberte ihre Luft. Das erinnerte Erziraphael daran, das er ja demnächst einen Termin bei seinem Barbier hatte, er glaubte am kommenden Dienstag. Der Mensch rückte die große runde Brille mit dem dürren Gestell dichter auf den Nasenrücken und räusperte sich.
„Ich denke doch. Es war mir schließlich ein wahres Vergnügen Ihnen hinterherrennen zu dürfen.“
Hier musste Erziraphael lächeln und vielleicht etwas kichern, wenn auch recht verlegen.
„Vielen Dank, guter Mann. Man erlebt heutzutage kaum noch wahre Sportsmänner. Was man von mir nicht wirklich sagen kann, wie man sieht. Aber Sie sind ja ein wahrer Segen für die Menschheit.“
Nachdem nun auch der Mann gickeln musste, wollte Erziraphael schon nach seiner Blume greifen, als es ihm auffiel.
„Einen Moment, bitte. Vorher kennen Sie eigentlich meinen Namen?“
Nun schien der hochgewachsene Mann etwas unsicher zu werden und er begann die Nelke zu drehen.
„Ich habe ein kleines Restaurant in der Dean Street. Sie waren schon ein paar Mal bei uns Essen, dabei sind Sie mir aufgefallen. Es ist das Maison Bertaux. Einer meiner Kellner kannte Sie und klärte mich über Ihren Laden auf.“
Ruckartig erhellte sich Erziraphaels Gesicht, denn er erinnerte sich nur allzu gut an diese französischen Köstlichkeiten.
„Oh, das Maison?! Wie wunderbar. Ich liebe die Atmosphäre darin und ihren Birnenauflauf.“
„Ich weiß, den bestellen Sie öfter, vielen Dank. Und ich liebe diese Luft in Ihrem Geschäft. Es ist so gemütlich und nostalgisch eingerichtet. Es gefällt mir wirklich sehr.“
Die Nacht um sie herum nahm zu und irgendwie fühlte sich die Seele des Engels ungewöhnlich wohl. Eine reine Freundlichkeit und Unschuld ging von diesem Mensch aus. Und Erziraphael wurde immer so schwach, wenn jemand entweder ein gütiges Herz besaß, gut kochen konnte oder lieb von seinen Büchern sprach. Und in diesem Fall verknüpfte sich alles zu einem wohltuenden Band zusammen. Er mochte ihn. Auf einmal wurde dem Engel eine manikürte Hand entgegen gestreckt.
„Ich bin Neil Pratchett. Wollen wir uns heute Nacht ein Taxi teilen?“
Ohne Zurückhaltung ergriff Erziraphael die dargebotene Hand und schüttelte sie seicht.
„Sehr gern, schließlich wollen wir ja in die selbe Richtung. Es freut mich wirklich Sie kennenzulernen.“
Sie liefen gemeinsam weiter, nachdem Mr. Pratchett ihm die Nelke zurückgab.
„Es war nur ein Glücksfall, dass ich Sie im Eingang entdeckt habe. Und dabei erkannte ich die schicksalshafte Gelegenheit, deshalb bin ich so gerannt. Denn eigentlich wollte ich Sie schon längst einmal ansprechen.“
Vor ihnen lag die breite alte Steintreppe, die sie zur Prince Consort Road bringen würde und auf welcher ihnen nur noch vereinzelte stumme Menschen entgegen kamen. Aber wenigstens blieb ihnen das Wegweisende Licht der antiken Laternen treu. Ihr gleichzeitiger Schritt zeugte von gegenseitiger Empathie und Behaglichkeit. Erziraphael steckte sich die Blume zurück ins Knopfloch und fühlte sich in guter Gesellschaft, dass hatte er schon lang nicht mehr.
„Was wollten Sie denn von mir?“
Nun hielt der Mensch an und atmete einmal tief durch. Sah ihn direkt ins Gesicht und versuchte seine Schüchternheit unter einem heiteren Lächeln zu kaschieren.
„Ich wollte Sie fragen, ob Sie mit mir einen Wein trinken oder etwas mit mir essen gehen möchten?“
Die blaue Augen weiteten sich erst erstaunt, ehe sie sich wieder in ihren Ursprung verwandelten und sprachlos zurückblieben. Denn plötzlich erinnerte er sich wieder an Edward. Beinahe der gleiche Wortlaut. Jetzt wusste er auch warum er diesen Mr. Pratchett reizend fand, er erinnerte ihn an diese wunderbaren 20ziger Jahre. Aber es folgte eben dieses Danach. Etwas kribbelte in Erziraphael auf, aber irgendwie fühlte es sich unsicher und beängstigend an. Was wäre, wenn es wieder so enden würde wie mit Edward? Denn seit dieser Zeit hatte er sich nicht mehr so tief auf einen Menschen eingelassen. Sollte er das gleiche Spiel mit der Freude und dem Tod noch einmal wagen?
„Ich...Ich...bin mir nicht so sicher, ob...“  
Plötzlich zischte eine übernatürliche Aura auf! Ein wenig düster und keinesfalls ein Mensch. Crowley? Erziraphael stockte und zuckte rasch mit dem Kopf in die linke Richtung hinunter zur Straße. Neil Pratchett schien irritiert zu sein und wollte ihm am Arm berühren, doch er unterließ es.
„Was ist denn los? Stimmt etwas nicht?“
Erziraphael stierte weiter zu seiner Linken, doch schüttelte er nur angedeutet mit dem Kopf, ohne zurückzuschauen.
„Nein, nein, schon gut. Ich dachte, ich hätte etwas...gehört. Wahrscheinlich nur eine Täuschung.“
Doch in dem Moment als der Mann noch einmal um ein Rendezvous bitten wollte, bemerkte er über die Schulter des Blonden hinweg, eine torkelnde Gestalt. Pratchett verengte die Augen argwöhnisch und wollte schon darauf hinweisen, doch da erloschen die Laternen in ihrer Nähe und die Umgebung wurde plötzlich unangenehm Schattenvoll. Die Gestalt, wo war sie hin? Gerade als er ein warnendes Wort an Mr. Fell richten wollte, erhob sich hinter dem Blonden eine verzerrte Silhouette aus der Dunkelheit. Groß, hager und lahmend. Ohne dabei ein Geräusch zu beleben hetzte der Unbekannte schon auf sie zu und schien den Buchhändler von hinten fassen zu wollen. Erziraphael, der sich noch wegen der defekten Laterne wunderte, erschrak unter allen Umständen. Da ihn plötzlich zwei große Hände an den Schultern packten, jaulte er gedrückt auf und wollte herumwirbeln. Doch irgendwie ging es nicht, der Unbekannte schien ihn fest an sich zu pressen. Deshalb drehte er nur aufgeregt den Kopf halbwegs zurück. Aber da kitzelten bereits rote Haare sein Gesicht, er spürte den bekannten heißen Atem am Hals und den unverkennbaren starken Druck dieser langen geliebten Finger. Im selben Augenblick schaltete sich aber Neil Pratchett ein und zerrte heißblütig zwischen ihnen herum. Versuchte den Unbekannten zu rütteln, doch er trennte sich keinesfalls von dem Buchhändler.
„Lassen Sie ihn los! Los lassen, man!“
Doch der Angreifer stöhnte bloß frustriert aus, verkrallte sich im Kragen des Menschen und schleuderte ihn zwei Meter weit fort. Woraufhin Pratchett schmerzhaft zu Boden krachte.  
„Zieh Leine, Kumpel.“ kam es krächzend von der Gestalt.
Ruckartig stieß sich Erziraphael nun doch endlich von ihm los und starrte ungläubig auf den niedergestoßenen Menschen hinab.
„Was soll denn das werden, Crowley? Geht das etwa schon wieder los?“
Erbost konnte sich der Engel nun endlich zu ihm herumdrehen und verlor die Nelke erneut. Abrupt musste er jedoch innehalten und wurde schlagartig blass. Ja, natürlich war es Crowley, doch sah er aus als wäre er angefahren worden. Überall zeugte der dürre Körper seines Freundes von Brand- und Kratzwunden. Unter der leicht zerrissenen Kleidung winselten blutige Striemen hervor und etwas schien mit seiner Seite nicht zu stimmen, welche er sich aufopferungsvoll festhielt. Denn zwischen Crowleys Finger am Bauch quollen makabre Blutschlieren durch, während die Brille vollkommen fehlte und das Gesicht verschandelt wirkte. Erziraphael streckte automatisch die Hände nach ihm aus und flüsterte unwillkürlich, als könnte er ihm mit allem schaden.  
„Beim Allmächtigen, was ist nur mit dir geschehen?“
Keuchend trat Crowley unter wackeligen Füßen auf seinen Erzi zu, als der immer noch hockende Mensch plötzlich aufschrie.
„Sie...Sie kennen diesen Verrückten? Das..Das ist...Ich werde jetzt die Polizei rufen!“
Völlig genervt, auch wegen den zerrenden Schmerzen, rollte der Dämon nur die Augen und schnippte in dessen Richtung. Blitzschnell versteifte sich Neil Pratchett wie ein Nagel und fiel wie ein Toter hinten über. Eher mit gemischten Gefühlen wusste der Engel nicht was er davon halten sollte und deutete etwas erbost auf die neue Bekanntschaft.
„Was hast du mit ihm getan?“
„Der.. schläft bloß.“, krächzte Crowley, bevor er wieder die Hände in den Schultern seines himmlischen Gefährten vertiefte und ihn eindringlich anstarrte. Er drückte sich dicht an ihn heran, weil ihm das Sprechen anscheinend schwer fiel.
„Ich brauche...deine Hilfe, Erzi.“
Natürlich waren Erziraphaels Hände sofort an ihm dran und klammerten sich hilfreich um dessen Taille. Der schlaksige Körper zitterte. Und das sonst so zynische Gesicht schimmerte feucht und zuckend, währenddessen die misshandelten Kleidungsstücke ein wenig zu dampfen schienen. Was den Engel aber noch mehr schockierte war die wankelmütige Aura seines Höllenkriegers. Üblicherweise spreizte sie sich um sie beide aus und war stets voller Kraft und Dynamik. Doch nun schien sie zu versuchen wachsen und wachsen zu wollen, doch war aber alles Leben aus ihr gewichen und sie schrumpfte immer mehr zusammen. Die eigene Panik übergehend, glich Erziraphael sein Tempo an den langsamen Schritt des Rothaarigen an und presste ihn sanftmütig an sich.  
„Steht dein Wagen in der Nähe?“
Crowley verneinte und merkte an, das der Bentley aber auf dem Weg zu ihnen war. Während der Engel seinen verletzten Freund hinunter zur Straße führte, wunderte er einen Taxifahrer zur Besinnung, der sich um den armen Neil Pratchett kümmern sollte. Und wie durch ein neues Wunder wusste der fahrbare Dienstleister auch gleich sofort wo er ihn chauffieren musste.

Kaum, das sie an der Prince Consort Road ankamen, hörte der Blonde quietschende Reifen und ein barbarisches Brummen über den Asphalt von South Kensington donnern. Das dunkle Ungetüm von einem Automobil bremste ruckartig vor ihnen ab. Erziraphael wollte, dass sich sein angeschlagener Freund komplett in seine Arme begab, doch Crowley wimmelte ihn unter den letzten Kraftreserven ab. Verwirrt umfasste der Engel zumindest dessen Arme von hinten und führte ihn so zum treuen Wagen.
„Du hast doch selbst gesagt, dass du meine Hilfe brauchst.“
„Ja, aber.. keine verda..mmte Stütze.“
>Er ist verletzt, sei also nicht brüskiert.< Mahnte sich Erziraphael durchatmend und öffnete die Beifahrertür. Er ließ den einen Autositz nach vorne klappen und sorgte dafür, dass Crowley sich auf der Rückbank wenigstens etwas hinlegen konnte. Zwar erntete er dafür Widerrede, doch der Engel drückte ihn mit gebieterischer Fürsorge zurück in das hintere Leder.
„Bleib hier oder ich helfe richtig nach.“
Das ließ sich Crowley lieber nicht zweimal sagen und sah unter Schmerzen dabei zu, wie sein Freund den Sitz wieder zurück klappte und selbst Platz nahm. Erziraphael roch sogleich diesen eigentümlichen Geruch von herber Seife und Leder, der auch seit Jahren immerfort an dem Dämonen haftete. Hach, wie er es liebte. Doch dafür war nun keine Zeit, schwärmen konnte er bei einer besseren Gelegenheit. Da hockte er nun auf dem Beifahrersitz (aus Routine) und gestikulierte mit beiden Händen verunsichert in der Umgebung herum. Starrte das Armaturenbrett und das Lenkrad an.
„Was soll ich denn jetzt machen?“
Wie ein Puppenspieler der unsichtbare Fäden zog, hämmerte Crowley mit dem schwachen Handrücken gegen das Blechdach über sich.
„Fa..Fahr los. Nach Hause.“
Der Motor dröhnte auf und der Bentley hetzte gierig nach vorn, wie ein wilder Hengst in der freien Prärie. Wendete halsbrecherisch und raste auf die Kensington Road zu. Nach einem leichten Aufschrei hielt sich Erziraphael an Tür und Dach fest und starrte mit aufgerissenen Augen auf die frisch geborenen Gefahren vor sich. Hoffentlich werden sie nicht entkörpert. Von Hinten kam ein elendiges Stöhnen und der Engel drehte sich rasch zu ihm zurück. Crowleys Aura fühlte sich immer noch nicht stabil an und seine Verletzungen sahen besorgniserregend und ziemlich bösartig aus. Wie gerne würde ihn Erziraphael mit ganzer Kraft heilen, jeden Materienfunken würde er für ihn geben. Doch wenn er dies täte, dann würde er seinen Posten verlieren, vielleicht sogar vor ein Tribunal gestellt werden. Eventuell die Höchststrafe? Fall? Wer wusste es schon. Schließlich und immerhin war Crowley der Feind und kein Engel zuvor hat einen Dämonen geheilt. So sehr es Erziraphael auch im Herzen stach, aber er musste ihm anderweitig versorgen. Was hoffentlich kein unüberbrückbares Problem darstellen sollte, da Erziraphael extra für Crowley einige medizinische Bücher angeschafft und alles gelesen hatte, was er als Laie darüber wissen musste. Seit diesem Vorfall in Prag 1342 wollte der Engel für jeden Fall gewappnet sein. Die gelben Augen waren vor Abgeschlagenheit geschlossen, doch fand der Dämon keine Ruhe. Alles in ihm schmerzte und so etwas wie Blut schien unablässig aus ihm zu strömen. Wahrscheinlich die aufgerissene Bauchseite, verdammt! Noch nie in seiner ganzen Existenz war er so verwundet worden und er wusste nicht so recht damit umzugehen. Irgendwo in seinem Inneren bekam die Angst ein Sprungbrett und zig neue Anläufe, gleichsam seine Seele endlos deswegen herumtobte. Das Auto schaukelte und wankte gewaltig auf, doch er dachte nur noch an das gewählte Zuhause und lächelte innerlich ganz sehnsüchtig darüber. Als jedoch ein hinterhältiges Schlagloch erwischt wurde, eroberte ihn ein neuer Schmerzschub. Es verengte ihm kurzzeitig die Brust und er hob ächzend den Kopf in jedwede Richtung und fletschte die Zähne. Ließ die roten Haare wieder sinken und öffnete aufgebracht den Mund. Die Kraft zu schreien war fort, doch die beängstigende Spur haftete sich immer stärker in ihm fest. Nein, nein, nein, doch keine Angst. Er durfte einfach keine Angst spüren. Er war ein verdammter Dämon, zum Henker! Doch in seinem ungewohnten Gefühlssprudel spürte er auf einmal wie eine warme Hand über sein angewinkelte Knie geführt wurde. Sie streichelte es liebevoll und fühlte sich wie eine rettende Brandung darauf an. Crowley öffnete die feuchten Lider und sah überrascht auf sein Bein. Und dann in das besorgte, aber feste Gesicht seines Freundes. Ein Gesicht, welches plötzlich jeden Kampf aufnehmen wollte. So zart und doch so unzähmbar, dachte der Dämon. Die Finger rieben etwas eindrücklicher und schlussendlich umfasste Erziraphael dessen ganzes Knie. Blaue Augen hielten dem gelben Blick entschlossen stand und mehr noch für Crowley. Denn die Angst erstickte soeben. Verschwitzte Haut wurde plötzlich ignoriert, die Qualen gelindert und die gierige Panik erstickte weiter daran. Ja, diese süße Hand war sein Anker. Dort saß sein kleiner Schutzengel. Jegliche Masken zwischen ihnen wurden abgestreift, das interessierte nun keinen mehr. Crowley schnaufte unter gepressten Lippen aus und seine Finger suchten wiederum Erziraphaels Hand. Sie legten sich auf diese und packten zu. Darauf reagierend drehten sich die mollige Finger herum und hakten sich in seine ein. Als wäre es das natürlichste des Universums für sie beide. Solche Gesten auszutauschen hätten beide normalerweise vehement verleugnet und niemals zugelassen. Aber nicht hier, nicht jetzt. Es war so wohltuend für den Dämon ihn bei sich zu haben, so schmerzlindernd. Sie hielten sich weiterhin an den Händen und Crowley wollte eigentlich etwas über dessen sanfte Haut äußern, damit sich die Stimmung lockerte, doch der Engel war flink.
„Was hast du denn bloß angestellt?“
Eine ängstliche Stimme fragte. Und selbst jetzt spürte der Dämon diesen Drang in sich die Sorgen aus seinem Freund zu verjagen. Er musste ihn doch beschützen. Am liebsten hätte Crowley ihn jetzt zu sich auf die Rückbank gezogen, ihn fest in die Arme genommen und ihn solange geküsst bis diese Angst aus ihm verschwunden war. Was? WAS? Bei Satan, was konnten solche Verletzungen denn in ihm anrichten? Seufzend, lieber nicht über diese Gedanken urteilen zu wollen, fuhr er sich mit der freien Hand über die Schweißnasse Stirn.
„Urgh..ich glaube, ich werde langsam meschugge.“
Erziraphael beugte sich ein wenig über das Leder, weil sein Freund kaum zu verstehen war.
„Was hast du gesagt?“
„Nichts. Es gab...eine Keilerei in der Hölle. Es war so...verflucht..Argh..das tut weh.“
Sie waren scharfkantig um eine steile Kurve gefahren (oder wohl vielmehr gebrettert), dass es selbst Crowley den Atem verschlag und der Engel beinahe auf den Fahrersitz gefegt worden wäre. Doch als er wieder in das schmerzerfüllte Angesicht seines geschundenen Freundes sah, schmiegten sich die molligen Finger noch kräftiger zwischen die blassen Finger hindurch. Diese Hände hielten sich untrennbar fest. Etwas aufgebracht zückte Erziraphael den Kopf Richtung Windschutzscheibe und schnaufte aus.
„Hören Sie mal...Mr. Bentley. Dein Herr und Meister ist verwundet, fahr gefälligst etwas gezügelter!“
Erstaunlicherweise tat der Wagen auch das was ihm von einem Engel befohlen wurde und plötzlich ruckelte es nicht mehr ganz so sehr. Verblüfft kullerten die blauen Augen einmal herum und er machte ein Oh-Gesicht.
„Ähm, sehr schön. Ja, so ist es gut. Danke sehr.“
„Hast du mein...Auto gerade.. mit Mister angesprochen?“
Erziraphael überging diese Antwort mit einem grüblerischen Blick und erinnerte sich rasch an Crowleys unterbrochene Worte.
„Du sprachst von einer Keilerei? Niemals. Du siehst mir eher nach einer epischen Schlacht aus.“
Unmerklich grinste der Rothaarige schwach.
„Danke.“
„Das war kein Kompliment, ich möchte wissen was genau...“
Durch ein blitzartiges Abbremsen wurde Erziraphaels Front in die Lehne gepresst und Crowley musste sich mit schwindender Kraft an der Rückbank festhalten.
„Wir..sind wohl..da.“
Was, schon?, dachte sich der Engel verblüfft und spähte rasch aus dem Seitenfenster hinaus, während er die Hand seines Freundes keine Sekunde loslassen wollte. Es beruhte auf Gegenseitigkeit.
„Aber das ist doch mein Laden. Ich dachte du wolltest nach Hause?“
Crowley stöhnte auf, weil sein Bauch noch mehr zu stechen begann, denn er war dabei sich aufzusetzen.
„Machst du mal die Tür auf?“
„Oh ja, natürlich. Warte bitte.“
Ungewohnt wendig entschlüpfte Erziraphael dem Bentley und klappte erneut den Sitz nach vorne. Die hinteren Lederpolster waren Blutverschmiert, ebenso wie alle anderen Stellen die Crowley berührt hatte. Der Innenraum beherbergte einen unappetitlichen Geruch von Asche und verbranntem Fleisch. Der Engel wollte sich später darum kümmern den Wagen wieder sauber zu machen. Es dauerte eine nötige Weile den Weg vom Wagen bis zum Buchladen zu erklimmen, aber sie schafften auch diese Hürde mit viel Vorsicht.
Natürlich ließ sich Crowley auch hier nicht von seinem Freund helfen, deswegen fummelte der Blonde nur überhitzt den Schlüssel hervor und schloss auf, ohne den Blick von ihm zunehmen. Leichter Brandgeruch zog an einem übermäßig besorgten Engel vorbei, als er den torkelnden Rothaarigen in das Geschäft einließ. Und eine bröselnde Aura. Mit jeden auftretendem Fuß wuchsen Qual und Schwäche zu Höherem heran und dem Dämon wurde es schwindelig. Er achtete nicht darauf wo genau er stand, er bemerkte nur, das er kraftlos stehen blieb und den Rücken etwas krümmte. Wie das Blut aus ihm tropfte und ihn die fahle Schwärze übermannen wollte. Hechelnd kniff er kurz die Augen zusammen und presste auch die zweite Hand auf die schlimmste all seiner Verletzungen. Schaute dann wieder auf seinen Bauch und seine Gedanken rissen ihn sogleich in dieses vergangene Szenario zurück. Auf dieses merkwürdige plötzliche Schlachtfeld der Hölle. Wäre um ihn herum nicht so viel zorniges Geschrei, ausgelöschte Dämonenleben und speiendes Feuer auf einmal gewesen, dann hätte ihn dieses lodernde Schwert garantiert nicht erwischt. Außerdem ging dieser Kampf bereits mehrere Tage und Crowley musste ohne Atempause um seine Existenz kämpfen. Argh. Dieses abartige Grinsen von Asasel und dann sein letzter Fluch für ihn. Gott verdammt! Wie konnte er nur nicht rechtzeitig ausweichen? Weiteres Blut besudelte seine Hand und er spürte die letzten erbärmlichen Reste des grässlichen Höllenfeuers in sich fressen. Unter einer verschwitzten Stirn weiteten sich plötzlich gelbe Augen bis zum Anschlag. Höllenfeuer. Auch wenn es bereits an ihm erloschen war, so befanden sich doch immer noch winzige Materienrückstände in der Wunde. Wie konnte er nur so dämlich sein und es in Erzis Nähe bringen? Wieso funktionierte sein kläglicher Verstand erst jetzt? Nein, der Engel durfte damit nicht in Berührung kommen, lieber wollte er sich entkörpern lassen. Denn er spürte nur allzu gut wie ihn die übernatürlichen Kräfte verließen und sich die Seele nur mit Mühe und Not festhalten konnte. Stöhnend und gekrümmt drehte sich Crowley wieder um und hielt sich dabei durchweg mit beiden Händen die offene Stelle. Er sah zum Engel hinüber, wie er gerade sämtliche Ladenrollos mit einem Schnippen hinuntergleiten ließ und den Laden verschloss. Crowley sah aber auch überall die blutigen Fingerabdrücke an Erziraphaels Kleidung, an dessen Schultern und an den warmen, süßen Händen. Wie konnte er ihn nur so beflecken?
„Ich, Idiot... was mache ich...hier? Ich muss...ge..gehen.“
Noch in seinem ersten Schritt kam ihm Erziraphael entgegen.
„Oh nein, du bleibst hier. Du muss dich unbedingt hinlegen. Komm, ich bringe dich zur Couch.“
Wäre er ein Fluch, dann wäre er wohl der hartnäckigste den es jemals gegeben haben mag. Denn der Dämon trat keinen Rückzug an, sondern schüttelte nur schwach die angesenkten Haare und versuchte das andere Bein nachzuziehen.
„Lass..das. Es war einfach...nur beschränkt von mir...hierher zu...kommen..“
Es gab keine Unauffälligkeit für den Engel. Jedes klitzekleine Leiden wurde an dem schwachen Leib von seinen blauen Augen aufgegriffen. Jeder bewegte Blutstropfen wurde schmerzlich von ihm verabschiedet. Und in seinen Gedanken streichelte er bereits in fürsorglicher Liebe über jeden einzelnen Kratzer. Er wollte ihn pflegen, liebkosen und eigentlich auch tröstend in den Arm nehmen. Mit einem entschlossenen Ausdruck trat er dicht an Crowley heran.
„Du gehst nirgendwo hin. Du bleibst bei mir und ich werde mich um dich kümmern. Deine Aura schwindet bedrohlich und ich habe furchtbare Angst um dich.“
„Sei..kein Depp, En..Engel. Ich werde doch ni...“
Mitten im Satz krampfte Crowley plötzlich zusammen und kippte zur Seite weg. Erziraphael hechtete mit einem unterdrücktem Aufschrei nach dem dürren Körper und fing ihn so noch rechtzeitig auf.
„Crowley!“
Vorsichtig ließ er ihn in seinen Armen zu Boden gleiten und bettete ihn auf seine Knie.
Unter aufschäumender Schwäche fanden die Lider nur schwer ihren Weg nach Oben, doch Crowley zwang sich dazu. Sein Körper gehorchte ihm nicht mehr so richtig und die pochende große Wunde forderte nun endgültig sämtliche Aufmerksamkeit.
>Aber doch nicht hier! Erzi würde weinen.< Stark hechelnd griffen Crowleys Finger nach der breit gestreiften Krawatte und er zerrte mit strauchelnder Kraft an ihr herum. Eigentlich wollte er seinen Engel zu sich herunter ziehen, doch alles was er spürte waren nur die dicken letzten Schweißperlen im Gesicht.
„Ich...habe.. ein Kästchen...in meinem Schreibtisch...darin gehört alles dir. Aber ich habe.. zum Abschied leider keine Rose..für dich...“
Erziraphael umgriff dessen Leib noch fester und hielt bissige Tränen zurück. Nein, nicht so. Nicht mit dieser gebrochenen leisen Stimme. Es kam doch noch nicht der Tag an dem sich wieder etwas gutes zwischen ihnen geändert hatte.  
„Rede nicht von solchen Sachen. Es wird doch alles wieder gut. Du..Du bist nur verwundet, aber das bekommen wir wieder hin. Du..Wir schaffen das.“
Doch der Dämon fühlte etwas anderes. Er hoffte so inständig, dass Erziraphael ihn auch in seinem neuen Körper mögen würde. Vielleicht sogar mehr als das. Aber würde er überhaupt wieder einen Körper bekommen oder sah so etwa das vollkommene Ende aus? Nein, das wollte er seinem Engel eigentlich niemals antun.
„Erzi...es..tut mir so...“
Ein schlagartiger Krampf überkam ihn und Crowley sackte innerlich zusammen. Seine Sicht wurde verschwommen, ab jetzt gaben nur noch die klaffenden Wunden den Takt an. Angsterfüllt rief Erziraphael seinen Namen, doch er erkannte, dass sich Crowleys Geist entfernen wollte. Niemals! Ohne darüber nachzudenken, legte ihn der Engel auf den Teppich und entfernte die Jackensäume und riss das schwarze Hemd komplett auf. Kniete sich passend daneben und presste kurzzeitig die Lippen zusammen, während er ihm eilig die Hände auf den offenen Bauch legte. Ein ekelhaftes Brennen streifte seine Haut, doch das vollkommen egal. Plötzlich erstrahlte ein funkelndes Licht und eine reine, weiße heilende Kuppel umschloss die Engelshände und den Verwundeten. Erziraphael schien den Atem anzuhalten, als er die Knie immer strenger in den Boden rammte und alles aus sich herausholte.
„Nicht mit mir. Oh nein, niemand holt ihn. Nein!“
Es gab einen unsichtbaren lichten Ruck und plötzlich füllte sich Crowleys Geist wieder mit Leben. Die goldenen Augen öffneten sich schwach und sofort durchdrang ihn ein fester Bund mit der Existenz. Wie durch Watte und Wolken gedrückt, spürte der Dämon eine streichelnde Wärme seinen Körper fluten, alles Böse ließ sich plötzlich austreiben und gab der Heilung ihren Platz. Unter tiefen Atemzügen und ungenauer Sicht neigte er den blassen Kopf zur Seite. Er sah und hörte nur noch seinen Engel, der die Finger über ihn spreizte und ein wunderschönes, einfühlsames Licht in ihn strömen ließ. Schwammig nahm er wahr, wie ihn Erziraphael ins Gesicht blickte und unter Schweiß zu lächeln versuchte.
„Keine Angst, ich bin bei dir. Es wird alle wieder gut. Ich bin hier, Crowley. Was es auch kosten mag.  Ich befreie dich von diesen Schmerzen. Du bist gerettet und alles ist wieder gut. Ich bin bei dir.“
Es klang wie ein Lied. Eine sanfte Stimme die aus leichter Süße und wandelnder Geborgenheit geformt war. Wie vorsichtig sie sich um ihn schmiegte und ihn durch ihre Liebe in den Ruhevollen Schlaf bettete.
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