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Phönix aus der Asche

von Cedar
MitmachgeschichteAbenteuer, Action / P16 / Gen
14.02.2021
14.02.2021
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P R O L O G
Der Ruf der Krähe


Leliana hielt  Madame Rouge, ihrer Lieblingskrähe, ein Stück rohes Kaninchenfleisch hin. Der Vogel saß auf ihrem Unterarm und schnappte so gierig nach dem blutigen Fetzen, dass die Meisterspionin ohne Lederhandschuhe einen ihrer Finger an den scharfen Schnabel der Madame verloren hätte.
Tendez lòureille, La Rouge “, flüsterte Leliana der Krähendame zu, nachdem die ihren Happen hinuntergeschlungen hatte. Spitzt die Ohren – der erste Teil eines Kommandos, das vermutlich kein anderer Botenvogel in Thedas beherrschte. „Die Heldin Fereldens ist zurückgekehrt, um die Grauen Wächter von den Sünden der Vergangenheit reinzuwaschen. Sie ruft die Aufrichtigen, die Entschlossenen, die Unerschrockenen; all jene, die bereit sind, sich dem Kampf gegen Verderbtheit und Finsternis zu verschreiben. Haltet Ausschau nach Kriegern und Kriegerinnen, Magiern und Magierinnen – ganz gleich welchen Standes oder Volkes. Schickt jeden Mann und jede Frau zur Himmelsfeste, die der Heldin folgen wollen. Und lasst die Menschen wissen: Sie hat den Segen des Inquisitors persönlich. Lady Trevelyan unterstützt den Wiederaufbau der Wächter.“ Die Madame hielt still, während Leliana sprach, blinzelte nicht mal. „Allez a réprandre la bonne nouvelle. Zieh los, um die frohe Kunde zu verbreiten – der zweite Teil des Kommandos.
Madame Rouge löste sich aus ihrer Starre. Sie neigte den Kopf von links nach rechts und sperrte den Schnabel auf. Krächzend breitete sie ihre Schwingen aus und stieß sich mit ihren Krallen von Lelianas Arm ab. Der Luftzug des kräftigen Flügelschlag streichelte über die Wange der Bardin, als die Krähe in den Himmel stieg. Ihr Schatten umkreiste Leliana drei Mal, bevor sie dem Horizont entgegen flatterte, dem strahlenden, klaren Blau über dem Frostgipfelgebirge.
An diesem Tag standen die Wolken tiefer als die Feste und Bergspitzen in den Himmel ragten. Madame Rouge flog über ein Meer aus Nebel, das sich wie eine Decke aus Lammwolle an die Felsen schmiegte. Die flauschigen Schwaden leuchteten im Licht der Sonne, während die Welt darunter in trüben Schatten lag. Frischer Schnee glitzerte auf den Berggipfeln.
„Krähen haben die Fähigkeit, die menschliche Stimme nahezu perfekt zu immitieren“, sagte die Meisterspionin. Ihre Worte richteten sich an die Person, die gerade an sie heran trat. Schon in jungen Jahren hatte Leliana gelernt, Menschen an ihren Schritten zu erkennen. So musste sie sich gar nicht erst umschauen, um zu wissen, wer hinter ihr stand. „Es war harte Arbeit, aber ich habe die Madame darauf abgerichtet, sich auf Kommando Nachrichten zu merken und wiederzugeben. Eine fälschungssichere Methode im Vergleich zu niedergeschriebenen Botschaften. La Rouge wird nacheinander Stützpunkte der Inquisition anfliegen und die Kunde Eurer Rückkehr rasch verbreiten, Narah. Mit etwas Glück, treffen bald Freiwillige ein, die den Wächtern beitreten wollen.“
„Das wird abzuwarten sein“, entgegnete eine raue Frauenstimme hinter Lelianas Rücken. „In Ferelden haben die Grauen schon lange keinen einfachen Stand mehr und nach den jüngsten Ereignissen um die Wächter-Magier in der Westgrate, ist der Orden auch in Orlais nicht mehr sonderlich beliebt. Es kursieren viele schreckliche Geschichten.“
Leliana nickte. Sie dachte an die Berichte ihrer Späher aus dem Grenzgebiet zu der Westgrate: In drei Dörfern war es schon zu Lynchmorden gekommen, nachdem sich dort Graue Wächter als solche zu erkennen gegeben hatten. „Geschichten entwickeln eine Art Eigenleben. Wie ein Geschwür wachsen und wuchern sie. Mit jedem Mund, der sie erzählt,  werden sie um grausame Details reicher.“ Die Bardin drehte sich um und verschränkte die Arme hinter dem Rücken. „Die Menschen glauben, was sie hören – unabhängig davon, ob es wahr ist oder nicht. Inzwischen fürchtet man die Grauen Wächter, aber es wird eine Zeit kommen, in der die Welt sie braucht. Sie sollten bis dahin nicht untergegangen sein.“
Narah, die Frau, die nun mit Leliana auf dem Wehrgang der Himmelsfeste stand, trat an die Brüstung, um sich darauf abzustützen. „Ich meinte, was ich sagte, als Ihr mich neulich in Denerim aufgesucht habt: Ich kann nicht mehr kämpfen.“ Über ihren Schultern lag ein gefütterter Umhang aus dunkelblau gefärbten Wildleder, dessen Kragen und Saum mit dichtem, weißem Fuchspelz besetzt war. Stickereien aus silbernen Fäden formten auf ihrem Rücken das Wappen der Grauen Wächter. Es blitzte unter den Wellen ihres schwarzes Haares hervor, als eine Windböe die Strähnen zur Seite wehte. „Es ist Jahre her, seit ich zuletzt eine Klinge geführt habe.“
Leliana schüttelte den Kopf. „Wir stehen keiner Verderbnis gegenüber, Narah. Niemand bittet Euch zu kämpfen. Die Wächter brauchen nicht Euer Schwert, sie brauchen den Glauben der Menschen und den habt Ihr. Ihr seid eine lebende Legende. Nutzt das, um zu begeistern, zu inspirieren.“
„Die Heldin aus den Legenden ist schon vor einigen Jahren gestorben.“ Narah seufzte. „Ich bin nicht mehr die, die ich einst war.“
Schulterzuckend wandte Leliana sich zum Gehen. „Wie ich schon sagte: Die Menschen glauben, was sie hören – unabhängig davon, ob es wahr ist oder nicht.“
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