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Das Herz aus Glas

KurzgeschichteLiebesgeschichte / P12 / Gen
14.02.2021
14.02.2021
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2.069
 
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Es war einmal ein Prinz, welcher in einem armen Königreich geboren war. Der König scherte sich wenig drum. Die Königin selbst war zu machtlos, als dass sie etwas für ihre verwahrlosten Untertanen tun konnte. Drum war sie umso besorgter, als sich herausstellte, dass ihr Sohn, der Thronfolger, ein Herz aus Glas besaß, an welchem sein Leben hing. Da es sehr fragil war, fragte die Königin nach einer Hexe, die sein Herz aus Glas mit einem Schutzzauber versehen könne, um das Herz vor dem Zerbrechen zu schützen.
„Das kann ich wohl tun. Aber höre Königin den Preis dieses Zaubers: Geschützt wird das Herz des Prinzen sein. Jedoch darf er unter keinen Umständen in die Nähe des Herzens kommen oder er wird dem Wahn verfallen und jeden versuchen zu töten, der sich in seiner Nähe befindet, bis er schlussendlich selbst vor Einsamkeit innerhalb von drei Tagen stirbt. Nur die Macht der wahren Liebe vermag ihm sein Herz zurück zu geben und den Zauber wieder aufzuheben. Dann wird auch sein Herz aus Glas wieder zu einem kräftigen Herzen werden.“
„So sei es denn.“
Die Königin ließ das Herz des Prinzen in eine Kiste aus Stahl einsperren, die sie dann in die königliche Schatzkammer unterbringen ließ. Den Schlüssel trug sie immer um den Hals. Nur nachts nahm sie ihn ab. Der König, der alles mitbekommen hatte, beobachtete die Situation mit Argwohn. Der Prinz wuchs, trotz des Fehlens seines Herzens, als einfühlsames, hilfsbereites Kind auf, das den Kampf vermied. Der König ertrug dies nicht. So ritt er meistens tagelang aus, um Zuflucht in Kämpfen und Abenteuern zu finden. Es oblag dann der Königin sich umso mehr um das Königreich zu kümmern. Es blieb ihr keine Zeit mehr sich um den Prinzen zu kümmern. Er spielte oft alleine in dem riesigen Schloss. Meistens zog es ihn in die Nähe der Schatzkammer und mehr als einmal schlich er sich in die Schatzkammer und sah sich die Schätze seiner Ahnen an. Vor allem die verschlossene Kiste aus Stahl, welche auf einem hohem Podest stand, stachelte seine Neugier an. Von den Palastwachen hörte er, dass der wertvollste Schatz des ganzen Königreiches dort versteckt war. Der Prinz fragte sogleich seine Mutter, ob er diesen Schatz sehen dürfe. Die Mutter war entsetzt und untersagte ihm, je wieder in die Schatzkammer zu gehen. Aber der Prinz gab nicht auf und fand schließlich heraus, dass sich der Schlüssel zu der Kiste in der Nachtkommode der Königin befand, wo sie ihn seit einiger Zeit verwahrte. Also schlich der Prinz, als die Königin wieder einmal beschäftigt war, in ihr Zimmer und entnahm den Schlüssel. Dann schlich er sich in die Schatzkammer und öffnete die Kiste. Als er das Herz aus Glas in die Hände nahm, nahm es seinen ursprünglichen Platz ein und der Wahn überkam ihn. Er fing an jeden in seiner Nähe anzugreifen. Selbst vor seiner Mutter machte er keinen Halt und sie konnte sich nur mit Glück vor ihm retten. In Sorge, um das Wohl der Zukunft ihres Königreiches, ließ die Mutter die Hexe wieder rufen und flehte sie um einen Zauber, der den Wahn ihres Sohnes stoppen würde.
„Stoppen kann ich ihn nicht. Ich kann seinen Körper nur von seinem Wahn befreien. Aber seid gewarnt – es wird sich in ein Monster verwandeln, das jeden in seiner Nähe töten wird. In Einsamkeit wird der Prinz nur drei Tage lang leben können. Anschließend wird der Tod ihn holen. Sorgt also dafür, dass er immer in Gesellschaft ist. Vor diesem Fluch kann ihn weiterhin nur die unsterbliche Liebe retten. Denn einzig diese wird den Weg zu seinem Herz aus Glas im Monster finden und es zu einem normalen Menschenherzen wandeln können.“
Die Mutter stimmte verzweifelt zu. Daraufhin wandelte die Hexe den Wahn des Prinzen in ein Monster, das einem haarlosen, schwarzen Bären ähnelte. Seine Haut war so zäh, das kein Schwert es zu durchdringen vermochte. Es war doppelt so groß wie ein ausgewachsener Mann und sein Toben versetzte selbst den tapfersten Ritter in Angst und Schrecken. Die Königin ließ das Monster einsperren. Aus dem fröhlichen, einfühlsamen Prinzen wurde ein unnahbarer Junge, auf dessen Gesicht nie eine Gefühlsregung zu sehen war. Dies ängstigte viele Bewohner des Schlosses und so nahmen viele von dem Prinzen Abstand. Doch auch das Ungeheuer, welches im Kerker eingeschlossen war, sorgte für Unruhe bei den Untertanen. Das Königreich war in Aufruhr, als der König zurückkam. Durch einen treuen Bediensteten erfuhr er, was geschehen war und von dem Fluch der Hexe. Erzürnt über den Zustand seines Königreiches plante er die Königin und ihren Sohn zu ermorden, in der Hoffnung, dass so auch das Monster verschwinden würde. Die Königin war jedoch eine intelligente Frau, die den Bediensteten hatte aushorchen lassen. Noch in derselben Nacht packte die Königin alles Nötige ein und flüchtete mit ihrem Sohn aus dem Königreich. Als der König davon erfuhr, packte ihn die schiere Wut und er ließ das Monster aus dem Kerker, in der Hoffnung, dass es sie einholen und töten würde. Die Königin und ihr Sohn flüchteten von Ort zu Ort, aber das Monster fand sie immer wieder. So lebten sie jahrelang auf der Flucht. Die Königin versuchte verzweifelt eine Braut für ihren Sohn zu finden, die seinen Fluch brechen konnte. Dabei schärfte sie ihm immer wieder ein, wie wichtig es war, dass er jemanden fand, der für immer an seiner Seite blieb oder er würde binnen drei Tagen sterben. Aber es war vergebens, denn neben der Armut verschreckte die möglichen Bräute die Kaltherzigkeit des Prinzen. Auch andere Freiwillige waren keine zu finden, die auf der Seite des Prinzen bleiben würden. Die Jahre vergingen und aus dem Jungen wurde ein stattlicher, gefühlskalter Mann. Aus der einst so starken, stolzen Mutter, eine fragile, traurige Frau. Eines Tages, sie hatten im Wald in einer Hütte Zuflucht gefunden, kam die Königin von einem ihrer Ausflüge nicht mehr zurück. Der Prinz weinte ihr keine Träne nach. Aber schon vom ersten Tag an fing er an sich unsäglich schwach zu fühlen. Er ging in die nächste Stadt und versuchte eine Frau für sich zu gewinnen, aber nur die jüngste von sieben Töchtern eines Bauern schenkte ihm ihre Aufmerksamkeit. Aus Mitgefühl gab sie ihm einen Apfel. Am nächsten Tag, beobachtete er wie ein Mann sie bedrängte. Er rettete sie mit seiner verbliebenen Kraft. Die Bauerstochter war ihm zutiefst dankbar. Als sie bemerkte, wie verkümmert er aussah, nahm sie sich seiner an, trug ihn zu seiner Hütte und kümmerte sich um ihn. Als sie wieder gehen wollte, bat er sie zumindest solange zu bleiben, bis er wieder zu Kräften kam. Die Bauerstochter willigte ein. Obwohl er schwach war, half er ihr aus und als er schließlich wieder zu Kräften gelangt war, erzählte er ihr über seinen Fluch. Die Bauerstochter hatte sich trotz seiner Gefühlskälte in ihn verliebt und schwor ihn nie mehr zu verlassen. Allerdings, sagte sie, müsse sie zuerst wieder nach Hause zu ihrer Familie und Abschied von ihr nehmen. Sie erklärte, sie würde nicht mehr als ein Tag brauchen. Der Prinz willigte ein. Am nächsten Tag machte sich die Bauerstochter auf den Weg. Er spürte sofort die Auswirkungen ihres Wegbleibens, sprach sich aber Mut zu, sie würde jeden Moment sicher wiederkommen. Aber auch am Tag darauf kam sie nicht wieder. Der Prinz wurde zornig über ihren Schwurbruch und fühlte sich hintergangen. Gleichzeitig verspürte er tiefste Verzweiflung, würde er es nun nicht mehr rechtzeitig zur Stadt schaffen, um sich eine neue Gesellschaft zu holen. Sein Schicksal in Einsamkeit zu sterben war besiegelt.
Da kletterte durch sein Fenster eine schwarze Katze.
„Bist du nicht ein Prinz? Weißt du nicht, dass ein grässliches, schwarzes Monster im Wald sein Unwesen treibt? Tu deine Pflicht als Prinz und töte es.“
„Ach Katze, was weißt du schon? Lass mich einsam sterben. Das Monster soll mich wenig kümmern. Alle verlassen mich. Meine Mutter und jetzt auch noch diese lügnerische Bauerstochter, die sich um mich gekümmert hat.“
„Das Monster hat deine liebe Mutter aufgefressen. Und was die Bauerstochter betrifft, so tust du ihr Unrecht. Sie kämpft immer noch gegen das grauenhafte Ungetüm, aber sie kann ihm nichts anhaben. Also zieh los und eile ihr zur Hilfe, damit du wenigstens nicht einsam sterben musst.“
„Aber wie soll ich das anstellen? Ich bin ein liebloser Prinz, der nur etwas von Jagen und Sammeln weiß. Gegen Monster habe ich noch nie gekämpft und schwach bin ich auch. Ich habe nicht einmal ein Schwert.“
„Woher soll ich wissen, wie du das anstellst? Ich bin eine Katze. Auch ich weiß nur zu jagen. Aber würde jemand meinen Jungen zu leide tun, so wüsste ich demjenigen selbst halbtot Leid zu tun mit meinen Krallen.“
Das gab dem Prinzen die Kraft aufzustehen. Er holte Pfeil und Bogen heraus. Die Katze zeigte ihm den Weg zur Höhle, wo die Bauerstochter bewaffnet mit nur einem Messer gegen das Monster ankämpfte. Sie war ganz zerzaust und übersät mit Kratzern. Der Prinz war von ihrer Beflissenheit beeindruckt und wollte ihr zur Seite eilen, da stellte sich das Monster sich ihm in den Weg. Es öffnete weit seinen Rachen und sagte zu der Bauerstochter: „Du kämpfst gut und bewahrheitest dich. Ich bin so beeindruckt, ich bin gewillt dich gehen zu lassen.“
Der Prinz war überrascht und erleichtert zugleich, als er diese Worte hörte.
„Aber dafür musst du mir schwören, den Prinzen zu verlassen und ihn nie wieder zusehen. Ansonsten habe ich keine andere Wahl als dich zu Fressen.“
Da verließ den Prinzen allen Mut, wusste er doch, dass er der Bauerstochter nichts zu bieten hatte, außer seiner Hütte. Denn Gefühle für einen anderen Menschen zu hegen, konnte er nicht.
„Niemals werde ich das!“
Mit diesen Worten stürzte sich die Bauerstochter mit dem Messer voran auf das Monster. Als das Messer gegen die Haut des Monsters stieß, prallte es ab.
„Dann bist du für heute mein Mahl.“
Das Monster verschlang die Bauerstochter mit Haut und Haar. Der Prinz sah geschockt zu. In seinem Inneren machte sich eine Leer breit, wie er sie zuvor noch nie gefühlt hatte. Das Monster drehte sich zum ihm um und entblößte seine großen, scharfen Zähne.
Jetzt werde ich sterben, dachte der Prinz.
Aber statt ihn anzugreifen, sagte das Monster:
„Habt keine Sorge mein Prinz. Ab jetzt werde ich jeden von euch fernhalten, der sich euch nähern möchte. Schließlich sind die Menschen doch nur darauf aus aneinander zu schaden. Ihr werdet glücklich und ungestört in eurer Hütte leben können bis an euer Lebensende.“
Diese Worte bohrten sich tief in den Prinzen hinein. Er dachte an die Fürsorglichkeit der Bauerstochter und an die Tage danach ohne sie, in denen er kraftlos in seinem Bett gelegen hatte.
So würde sein Leben heute enden. Mit einem Abgrund in seinem Inneren in dieser dunklen Höhle. Er fühlte sich furchtbar alleine in dieser Endlosigkeit der Schwärze. Plötzlich bäumte sich das Monster vor ihm auf und der Prinz sah überrascht auf. Es schrie und riss weit seinen Rachen auf. Ein Lichtstrahl schoss aus ihm hinaus. Das Monster versuchte sein Maul wieder zu schließen, aber es gelang ihm kaum.
„Gebt nicht auf Prinz! Noch ist Hoffnung, noch lebe ich und ich werde nicht zulassen, dass Ihr in Einsamkeit sterbt.“
Es war die Stimme der Bauerstochter. Sie lebte noch! Hoffnung machte sich in dem Prinzen breit. Das Monster schüttelte sich und versuchte weiter mit größter Anstrengung sein Maul zu schließen. Das Herz des Prinzen klopfte wild, wusste er mit einem Mal, was er zu tun hatte. Er spannte Pfeil und Bogen und rannte auf eine Wand nahe des Monsters zu. Dabei rannte er so schnell, dass er einen Teil der Wand hochklettern konnte und anschließend davon absprang. In der Luft drehte er sich, sodass er den Pfeil direkt in den Schlund des Monsters schießen konnte. Das Monster jaulte auf und schlug mit beiden Tatzen über sein Maul. Der Lichtstrahl selbst wurde breiter und erleuchtete kurz den ganzen Raum, als das Monster in tausend Stücke zerfiel. Mitten im Licht stand die Bauerstochter. In ihren Armen lag ein Herz aus Glas. Sein Herz. Eine wohlige Welle durchflutete ihn. Er trat auf sie zu und legte seine Hände über ihre Arme, die sein Herz schützend hielten. Das Glas verflüssigte sich und darunter kam ein blutrotes, pochendes Herz hervor. Er presste es gegen seine Brust und es wurde eins mit ihm. Eine Welle an Gefühlen überwältigte ihn. Trauer, Wut, Verzweiflung, aber vor allem verspürte er eine tiefe Verbundenheit und Zuneigung zu der Bauerstochter. Er kniete vor ihr nieder, küsste ihre Hände und versprach ihr für immer an ihrer Seite zu sein.
 
 
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