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Low On Love

KurzgeschichteAngst, Schmerz/Trost / P16 / MaleSlash
Izaya Orihara Shizuo Heiwajima
13.02.2021
13.02.2021
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Low On Love


youllbejustfine




Im Nachhinein frage ich mich, was ich tatsächlich in dieser Nacht gesehen habe.

Eine verlorene Seele, denke ich. Jemanden, der kein Ziel hatte. Einen Verstand, so benebelt und doch so klar, so selbstbewusst und dennoch so zerbrochen. Ich hätte eigentlich direkt erkennen sollen, was er für ein Mensch war. Aber das tat ich nicht und ich sah nichts von dem, was ich nun so klar erkenne. Ich sah nicht die tickende Zeitbombe, die er war. Nein, wie er dort stand… Er wirkte wie ein

Engel.

Es war spät. Sehr spät. Wahrscheinlich um die 3 Uhr nachts. Eigentlich war ich auf dem Weg Nachhause. Eigentlich war ich so spät nicht mehr unterwegs. Eigentlich wäre ich nie diese Abkürzung gegangen.

Aber daran dachte ich nicht, als ich ihn erblickte.

Sorgsam balancierte er auf dem Rand des Beckens des Springbrunnens im Park, die Hände in den Jackentaschen, der Oberkörper nach rechts und links schwankend bei dem mühseligen Versuch ihn im Gleichgewicht zu halten. Der Mond schien auf ihn herab, ließ sein dunkles Haar glänzen und mit einem Mal drehte er sich um, so schnell und so plötzlich, dass ich dachte, nun würde er ins Becken stürzen. Aber er fing sich ohne Probleme, richtete seinen Blick auf mich und ließ den Mond nun seine helle Haut bestrahlen.

Er sah aus wie ein Engel.

„H-Hey.“, brachte ich überrumpelt heraus. Wie hatte er mich bemerkt? Er hatte sich mit solch einer Sicherheit umgedreht, seine Augen direkt auf mich geheftet. Fast, als hätte er nur auf mich gewartet.

Wortlos wand er sich wieder ab, schwungvoll, als würde er tanzen und balancierte weiter über den Rand.

Perplex blieb ich stehen und beobachtete ihn, bis er seine Runde gedreht hatte. Seine Schritte waren so vorsichtig, als könnte der Stein unter seinen Füßen zerbrechen, und dabei so zügig, als wäre er es tatsächlich und er müsste schnell weitergehen, um nicht abzustürzen.

Nachdem er seine Runde vollendet hatte, sprang er elanvoll vom Rand und blieb nur einige Schritte vor mir stehen. „Hey.“, erwiderte er meinen Gruß, sehr verspätet.

„Ich…“, fing ich an, doch er unterbrach mich. „Wir sollten tanzen.“, sagte er ganz plötzlich. Etwas verwirrt blickte ich ihn an. Er war kleiner als ich, schmaler, sein Gesichtsausdruck neutral, so … gleichgültig. Ich antwortete nicht und er zuckte nur mit den Schultern, zog die Hände aus den Taschen und streckte die Arme zu den Seiten aus, drehte sich einige Male um die eigene Achse und blickte dabei in den Himmel. Seine Augen funkelten in einem Mix aus Braun und Rot als der Schimmer des Mondes sie traf.

Nach drei Umdrehungen blieb er stehen und steckte die Hände wieder in die Taschen, richtete seine Augen auf mich. „Wollen wir Nachhause gehen?“, fragte er.

„K-Klar, ja.“, erwiderte ich schnell. Ohne ein weiteres Wort drehte er mir den Rücken zu, erneut mit solch einem Schwung, dass seine Jacke sich mitdrehte und einen kleinen Windstoß erzeugte. Er ging einige Schritte vor und eilig schloss ich zu ihm auf.

„Hey.“, sagte ich, als ich neben ihm angekommen war. Seine Schritte waren langsam, bedacht. „Das hatten wir schon.“, merkte er an, schien kurz nachdenklich. „Aber Hey, nochmal.“ Ein leichtes, kaum sichtbares Lächeln schlich sich in sein Gesicht.

„Wohin gehen wir?“, wollte ich wissen. Leise lachte er. „Nachhause, du Dummerchen.“

„Ich… Was meinst du damit?“

Er warf mir einen Seitenblick zu, als würde er meine Intelligenz abschätzen wollen. „Vier Wände und ein Dach drauf.“, erklärte er, zog eine Hand aus der Tasche und malte ein Dach in die Luft.

„Dein Zuhause?“, bohrte ich.

Erneut wirkte er kurz nachdenklich. Schließlich nickte er.

„Oh okay…“

„An welches Zuhause hast du denn gedacht?“, fragte er nach.

„Ich weiß nicht.“, gab ich zu. „Ich dachte, du meinst vielleicht meines, aber du kannst ja unmöglich wissen, wo ich wohne, also kann das gar nicht sein und…“ Ich stoppte mich selbst. „Tut mir leid, ich rede zu viel.“

Er sprang einen Satz nach vorne, drehte sich zu mir und blieb vor mir stehen. „Mache ich dich nervös?“, wollte er wissen.

Überrumpelt starrte ich ihn an. „Wer bist du?“, schoss es aus mir heraus. Wieder lachte er, diesmal etwas lauter.

„Mein Name ist Izaya. Orihara Izaya. Beantwortet das deine Frage?“ Es war eine Trickfrage, das spürte ich. Ich hatte gefragt, wer er war und nicht wie er hieß. Nur welche Antwort erwartete er jetzt? Ich schluckte.

Er grinste mich an, fast schon überheblich und wartete auf meine Reaktion.

„Es beantwortet nicht meine Frage,“, antwortete ich schließlich. „Aber es reicht mir erstmal als Information.“

Sein Grinsen verschwand, er seufzte und setzte anschließend ein leichtes Lächeln auf. „Okay.“ Er drehte mir wieder den Rücken zu und lief weiter, ich beschleunigte erneut, um neben ihm laufen zu können.

„Ich bin Shizuo.“, stellte ich mich vor, der Höflichkeit halber.

„Aaahhh…“, huschte es zwischen seinen Lippen hervor, es klang fast als würde er zu einem Lied ansetzen. „Dann bist du jetzt Shizu-chan.“, beschloss er, sein Lächeln wachsend.

„Was machst du hier im Park in der Nacht?“ Ich ignorierte den Spitznamen.

„Hmmm…“ Er hob eine Hand zum Kinn und dachte nach. „Vieles. Und eigentlich auch nichts.“, antwortete er nach einer Weile.

„Das versteh ich nicht.“, gestand ich zögernd und er kicherte.

„Ist okay, Shizu-chan.“, erwiderte er und winkte ab. „Nicht jeder ist ein Streichholz.“

Verwirrt kratzte ich mich am Hinterkopf. „Auch das… verstehe ich nicht.“

Er nickte verständnisvoll. „Und auch das ist okay.“ Sein Gesichtsausdruck wurde weich. „Ein Streichholz ist nicht gleich ein Streichholz.“



Ich weiß nicht, wie das Ganze so ausgeartet ist.

In einem Moment stand ich noch neben ihm im Park, im nächsten lag er vor mir, die eine Hand über den Mund geschlagen, locker, nutzlos, sein leises Stöhnen widerstandlos entweichend.

Ich weiß wirklich nicht, wie das passieren konnte.

Müde ließ ich mich neben ihn in die Kissen fallen. Es war inzwischen 5 Uhr, der Himmel noch dunkel, die Nacht jedoch schon vorbei. Eine komische Uhrzeit. Surreal. Zeit schien nicht zu existieren in dem Vakuum, das uns umgab.

Erschöpft griff ich nach meiner Jacke, die halb vom Bett hing und fummelte meine Zigaretten aus der Tasche. Unwillkürlich spürte ich seinen Blick auf mir und drehte meinen Kopf in seine Richtung. Verlegen hielt ich die kleine Schachtel hoch. „Ist okay?“, fragte ich nur und er nickte kaum merklich, sein gerade noch so ekstatisches Gesicht wieder leblos.

Meine Augenlider kämpften gegen die unbändige Müdigkeit, die sie runterzogen an, und ich führte eine Kippe zu meinem Mund und entzündete sie mit meinem Feuerzeug.

Erneut spürte ich seinen Blick auf mir ruhen und ließ meine trägen Augen zu ihm schweifen. Er lächelte sanft. „Alles okay?“, nuschelte ich durch die Zigarette.

Stumm nickte er, streckte die Hand aus und nahm mir das Feuerzeug aus der Hand. Kurz drehte er es in seinen Händen, entzündete die kleine Flamme mit seinem Daumen und pustete sie anschließend wieder aus.

„Faszinierend, nicht wahr?“ Irritiert nahm ich einen Zug von der Zigarette, pustete den Rauch gegen die Decke und fragte: „Was genau?“

„Das Feuerzeug.“, antwortete er stumpf, betrachtete es, als ständen dunkle Geheimnisse darauf eingraviert. Ich schwieg, unsicher, was er von mir erwartete.

„Du kannst es so oft entzünden, wie du möchtest und es wird niemals müde eine Flamme zu produzieren. Man kann es sogar wieder auffüllen, wenn es leer ist. Wenn man sich gut um es kümmert, hält es ein Leben lang.“

Ich war zu müde, um seinen Ausführungen zu folgen und schwieg erneut, rauchte weiter, starrte an die Decke.

„Streichhölzer sind anders.“, fügte er an und ich horchte auf – Streichhölzer?

„Wenn du sie einmal anzündest, brennen sie ab. Selbst wenn du die Flamme auspustet, kannst du es danach nie wieder neu entzünden. Du hast nur eine Chance.“

„Kann ich die irgendwo ausdrücken?“, fragte ich und hielt meine Zigarette in seine Richtung.

„Waschbecken.“, entgegnete er nüchtern und nickte in Richtung der Türe neben seinem Kleiderschrank. Ich dachte darüber nach, was er gesagt hatte. Ich wollte es nicht so im Raum stehen lassen.

Schwerfällig schleppte ich mich ins Bad und drückte die Zigarette im Waschbecken aus und warf sie anschließend in den kleinen Mülleimer darunter. Als ich zurück ins Schlafzimmer schritt, sah ich ihn wieder mit dem Feuerzeug spielen. Die Flamme des kleinen Geräts spiegelte sich in seinen Augen bevor er sie ausblies. Wenn sie flackerte, glänzten seine Augen. Wenn sie erlosch, wirkten sie leer. Es war ein seltsam makabres Schauspiel.

Unsicher blieb ich im Türrahmen stehen, lehnte mich gegen ihn, beobachtete ihn, bis er mein Starren bemerkte und den Blick in meine Richtung hob. Er lächelte. Es wirkte irgendwie selbstgefällig. Als hätte er einen Code geknackt.

„Du hast vorhin gesagt, dass nicht jeder ein Streichholz ist.“, merkte ich an, er legte den Kopf schief, wartete ab. „Ist das ne Art Metapher? Für…“ – „Für Menschen?“ Ich nickte.

Leise kicherte er und legte das Feuerzeug nieder. „Höchstwahrscheinlich ist es das.“

Langsam schritt ich zurück zum Bett, ließ mich auf der weichen Matratze nieder. Ein seltsamer Geruch empfing mich. Ich konnte ihn nicht beschreiben. Es war kein Parfüm. Aber irgendetwas war es… irgendetwas Hypnotisierendes.

„Was bin ich?“, fragte ich, den Gedanken abschüttelnd, während ich mich auf die Seite drehte, um ihn ansehen zu können. Er blieb auf dem Rücken liegen, den Blick ziellos in die Luft gerichtet.

„Gute Frage.“, antwortete er, nachdenklich. Ich wartete ab, doch er schien zu keiner Antwort zu kommen.

„Bist du ein Streichholz?“, hakte ich stattdessen nach. Er lächelte wieder, jedoch nur für den Bruchteil einer Sekunde, es wirkte gezwungen. Als hielte er das für die angebrachte Reaktion – ein Lächeln, das ihm jedoch so in seiner Einstellung widersprach, dass er es nicht über sich brachte, es aufrechtzuerhalten.

„Ja.“ Seine Antwort war nicht mehr als ein Flüstern.

Vorsichtig ließ ich meine Hand über die weichen Bettlaken streichen, bis sie seine erreichte. Erschrocken zuckten seine Finger zurück, hielten dann jedoch inne und meine fädelten sich zwischen seine.

„Und brennst du gerade?“, wollte ich wissen.

Nun kam das Lächeln doch, breit und … manisch, sinnlos, leer. Er sah aus, als hätte er seinen Verstand verloren. Während ich ihn beobachtete, merkte ich, wie sich meine Augen gegen meinen Willen schlossen. „Izaya…“, flüsterte ich noch, schaffte es jedoch nicht meine kiloschweren Lider wieder zu öffnen. „Brennst du?“



Als ich am nächsten Morgen erwachte, hatte ich meine Frage bereits wieder vergessen, vergessen, dass ich keine Antwort erhalten hatte.

Mein Kopf dröhnte und ich tastete nach meinem Handy auf dem Nachttisch, griff ins Leere, verstand, dass sich dort kein Nachttisch befand und öffnete meine Augen widerwillig. Verwirrt versuchte ich zu verstehen, wo ich mich befand. Es dauerte einen Moment, bis ich mich erinnerte. Richtig, Izaya.

Eine gewisse Art von Scham überfiel mich. Hatte ich wirklich letzte Nacht mit einem Typen geschlafen, den ich nicht mal kannte? Plötzlich fühlte sich alles so unwirklich an. Seine gesamte Person, wie er sich verhalten hatte, wie er aussah, was er gesagt hatte. War das alles wirklich passiert?

Ich setzte mich auf, blickte neben mich und das Bett war leer. Es war zerwühlt, die Kissen zerdrückt und durcheinander, als hätte er etwas zwischen ihnen gesucht.

Umständlich erhob ich mich aus dem Bett, leise quietschten die Federn unter mir. Ich griff nach meinem T-Shirt vom Boden und zog es mir über den Kopf, fand meine Boxershorts etwas abseits, die ich mir ebenfalls anzog. Dann verließ ich das Schlafzimmer, schritt in den Flur und von dort aus ins Wohnzimmer, das ich gestern nur kurz gesehen hatte, als ich durch die Wohnungstüre hereingekommen war.

Es war ein großer, offener Raum mit einer Couch in der Mitte. Dort saß er. Im Schneidersitz, den Kopf leicht schief gelegt, an die Wand starrend. Irritiert blieb ich stehen. Er schien mich nicht zu bemerken. „Izaya?“, fragte ich und er reagierte nicht.

Unsicher verlagerte ich mein Gewicht von einem Bein aufs andere, kämpfte einige Sekunden mit mir, fragte mich, was ich tun sollte. Schließlich schritt ich vor ihn, direkt in sein Blickfeld, räusperte mich: „Izaya?“ Wieder, nichts.

Vorsichtig legte ich eine Hand auf seine Schulter und plötzlich fokussierte sein Blick auf meinen Bauch, wanderte nach oben über meinen Oberkörper in mein Gesicht. Ein Lächeln schlich sich auf seine Lippen. „Shizu-chan, du bist wach.“, sagte er, als wäre nichts geschehen.

„Ist alles okay?“, fragte ich und er kicherte nur leise und stand auf, stellte sich vor mich, schaute in meine Augen, irritierte mich. „Natürlich.“, flötete er und wirkte zufrieden. Ein komisches Gefühl überkam mich. Auf einmal fühlte ich mich so klein, obwohl ich ein ganzes Stück größer war, als er. Aber die Energie, die er wiedergab, sein Lächeln, sein Ton – Ich fühlte mich wie ein Kind.

Ertappt trat ich einen Schritt zurück und er schritt an mir vorbei zur offenen Küchenzeile, die sich an der hinteren Wand befand. „Kaffee?“, fragte er, während er dorthin schritt. Beschämt folgten meine Augen seinem zierlichen Körper, der sich nach oben streckte und zwei Tassen aus einem Schrank holten. Schwungvoll drehte er sich zu mir um, grinste überheblich. „Shizu-chan, hat es dir die Sprache verschlagen?“, neckte er.

Nervös räusperte ich mich. „Äh, Kaffee, ja, danke.“, sagte ich schnell, obwohl ich Kaffee nicht wirklich mochte. Er war mir zu bitter, zu säuerlich.

„Setz dich.“, forderte er mich auf und eilig nahm ich platz auf dem Sofa, hörte ihn hinter mir kichern. Unruhig fuhr ich mir durch die Haare. Was war das hier? Ein One-Night-Stand? Würde ich gleich durch seine Türe verschwinden und ihn nie wiedersehen? Der Gedanke fühlte sich falsch an. Er hatte irgendetwas in mir eingepflanzt, Samen in meinen Körper gestreut, die sich in meinen Organen festsetzten und anfingen zu sprießen. Irgendetwas war mit mir geschehen. Ich wusste nur nicht, was es war.

„Das ist nicht mein Ding, falls du dich das fragst.“, meinte er plötzlich, während ich den Kaffee aus der Maschine sprudeln hörte. „Heh?“, fragte ich etwas dümmlich und drehte meinen Oberkörper in seine Richtung. Er lehnte gegen den Tresen, die Arme verschränkt.

„Ich schleppe für gewöhnlich nicht Fremde in meine Wohnung und schlafe mit ihnen.“, erläuterte er, sein Gesichtsausdruck seltsam gleichgültig.

„O-Okay.“, erwiderte ich. „Eh, ich gehe für gewöhnlich auch nicht mit komischen Typen aus dem Park, die ich nachts treffe, mit Nachhause.“, fügte ich schnell an. Das brachte ihn zum Lachen. „Du findest mich also komisch, Shizu-chan?“, bohrte er, sein Ton so getränkt in Kränkung, dass es offensichtlich war, dass er sich über mich lustig machte.

„So habe ich das nicht gemeint.“, verteidigte ich mich eilig, doch er winkte ab mit einer wegwerfenden Handbewegung, griff nach den beiden Tassen, die nun mit Kaffee gefüllt waren und kam zurück zu mir ans Sofa, stellte die dampfenden Getränke auf den Sofatisch ab und setzte sich neben mich.

„Wie läuft das jetzt?“, fragte ich, nachdem er sich niedergelassen hatte. „Mit uns?“, hängte ich an, um meine Frage etwas zu konkretisieren.

Dies brachte ihm, aus welchem Grund auch immer, erneut unfassbare Freude, denn wieder lachte er. „Ich würde vorschlagen, dass du das ‚uns‘ fallen lässt, Shizu-chan.“, antwortete er, als er sich halbwegs gefangen hatte. „Und dann steht es dir frei zu gehen. Die Türe solltest du ja finden.“

Ich schluckte. „Und wenn ich nicht gehen will?“ Das war eine Lüge. Ich wollte gehen. Aber ich konnte nicht. Was immer er da in mir gepflanzt hatte, schlug bereits Wurzeln und ich wusste nicht, ob ich es einfach so herausreißen konnte.

„Anhänglich, was?“, scherzte er und wieder war da dieses selbstgefällige Grinsen, als wäre er zufrieden mit sich selbst, mit der Welt, mit dem, was er getan hatte – Was auch immer das war.

„Ich weiß nicht, was du denkst, was du für mich bist.“, sprach er dann, eine Hand in der Luft, seine Worte untermalend. „Aber es ist nicht genug.“

„Was?“ Verwirrung flutete mein Hirn. Ich verstand die Worte, die er sprach, aber sie schienen keinen Sinn zu ergeben in dieser Aneinanderreihung.

Er wirkte aufgeregt, begeistert, als er sich vorbeugte, mich mit seinem Blick festhielt und flüsterte. „Du bist nicht genug.“



Ich verließ seine Wohnung an jenem Morgen ohne einen Schluck des Kaffees getrunken zu haben. Das bereue ich. Ich bereue gegangen zu sein und ich bereue nichts getrunken zu haben, denn ich verließ ihn ohne eine Spur seiner Existenz. Wie sehr ich mir den bitteren Kaffeegeschmack auf meinen Zähnen wünschte, den ich so verabscheute – es war zum Schreien. Aber es wäre immerhin ein Beweis gewesen. Ein Beweis, dafür, dass ich ihn getroffen hatte. Ich wünschte mir, ich würde brennen. Dann könnte ich vor meine Freunde treten und ihnen erklären, was geschehen war. Ich könnte erklären, weshalb ich nicht mehr der Gleiche war. Aber nichts an mir hatte sich verändert und die Pflanzen in meinem Körper wuchsen ohne dass jemand sie bemerkte.

Zuerst machten mich diese kleinen Geschöpfe in mir glücklich. Sie erinnerten mich an diesen jungen Mann, der auf dem Brunnen balancierte und dessen Haut wie Silber unter dem Mondlicht strahlte. Es war ein warmes Gefühl in meinem Bauch. Doch je großer die Blumen in mir wuchsen, desto schwerer wurde es zu leben. Sie nahmen mir den Raum zum Atmen, verwucherten meine Lungen, blühten in den schönsten Farben und brachten mich langsam um. Je mehr Abstand ich zu Izaya gewann, desto mehr verstand ich, dass er krank war, verrückt, manisch. Nichts an ihm sollte mich faszinieren. Wut wuchs in mir heran. Und nur diese Wut vermochte es die Blumen eingehen zu lassen. Also hielt ich an ihr fest, als hinge mein Leben davon ab. Ich war wütend.

Drei Wochen später traf ich ihn zum ersten Mal. Das war zumindest das, was ich allen sagte und es war auch das, was er allen sagte. Wir trafen uns zum ersten Mal.

Ich hörte dieses Klatschen hinter mir, nachdem ich gerade den Sportplatz in Schutt und Asche gelegt hatte. Ich hörte dieses Klatschen und ich hörte die Selbstgefälligkeit darin, den Sarkasmus darin. Noch voller Energie, voller Wut, drehte ich mich um, gefasst – das dachte ich zumindest -, doch nicht gefasst genug für das, was mich dort erwartete.

Es war Izaya. Die Augen halb geschlossen, auf mich herabblickend, klatschte er. Es wirkte wie eine Illusion. Wie ein Traum. Wie ein schlechter Scherz. Augenblicklich spürte ich die Blumen in mir aufblühen und schob eine Fuhre Hass durch meinen Körper, zwang sie nieder, zurück, weg von mir. Das konnte nicht wahr sein.

„Hey, Shizuo, das ist Orihara Izaya von meiner Mittelschule!“, rief Shinra freudig. Erst jetzt bemerkte ich ihn neben ihm, achtete ihn jedoch keines Blickes, zu fokussiert auf diese Person von mir, nein, dieses… Tier, dieses lästige Tier, diesen dreckigen Floh, der erneut dieses zufriedene Lächeln trug, das mich vor drei Wochen noch fasziniert hatte und nun in den Wahnsinn trieb. Ich wollte es aus seinem dummen Gesicht schlagen.

„Er ist echt nett.“, trällerte Shinra vor sich dahin, sich der Lage nicht bewusst, sich der Emotionen, die zwischen mir und Izaya umherschossen, nicht bewusst. „Wobei er kein guter Mensch ist… Er ist sogar ein ziemlich schrecklicher Mensch.“, fuhr Shinra fort.

Zum ersten Mal sprach Izaya nun auch, seine Stimme irgendwie verändert, nicht mehr weich und mystisch, sondern arrogant und überlegen. „Ayyy, das ist wirklich nicht nett von dir, das zu sagen, Shinra.“, beschwerte er sich, gespielt gekränkt, und der Wunsch seinen Schädel einzuschlagen stieg nur noch weiter an. Für einen Moment fragte ich mich, ob das wirklich die gleiche Person war. Ob er wirklich Izaya war. Aber das waren die dämlichen Pflanzen, die aus mir sprachen, die mich verwirrten. Natürlich war er das. Er war von Beginn an so gewesen. Ich war nur zu blind gewesen, das einzusehen.

„Ach, das meine ich doch nicht böse!“, erwiderte Shinra fröhlich.

„Ich mag ihn nicht.“, rief ich dazwischen, Izaya bewusst nicht direkt ansprechend. „Huh?“ Erstaunt drehte sich Shinra zu mir.

Izaya dagegen schien kein bisschen überrascht. Die Arroganz in seinem Grinsen stieg hinauf in seine Augen und er blickte mich an, als wäre er mir überlegen, nein, als wäre er etwas Besseres als ich. „Oh.“, murmelte er nur, ein Ton der überrumpelt wirken sollte, es jedoch nicht war. Ich erwiderte nichts und er seufzte, ließ seinen Körper etwas entspannen. „Das ist ja wirklich zu schade.“, säuselte er vor sich dahin. „Ich glaube, ich hätte wirklich etwas Spaß mit dir haben können.“, fügte er an, seine Haltung Enttäuschung repräsentierend, sein Ton Hohn widerstrahlend.

„Halt die Klappe.“, erwiderte ich nur und wollte mich gerade abwenden, als er weitersprach: „Och, sag das doch nicht, Shizuo.“, meckerte er, die Worte von beschwerendem Charakter, seine Stimmlage jedoch provozierend. Nichts an ihm passte zusammen. Als würde sein Mund eigenständig handeln, seine Stimmbänder eigenständig handeln, ebenso seine Gestik und Mimik, nichts war verbunden, alles widersprach sich.

Was danach geschah ist Geschichte. Von diesem Moment an, wollte ich ihn töten. Und bis heute ist es mir nicht gelungen. Bis heute, renne ich ihm nach. Bis heute, bis zu diesem Moment, bis zu dieser Sekunde, in der er gerade vor mir steht.

Es ist ein seltsames Bild, das Blut in seinem Mundwinkel, in seinen Haaren, die Kratzer im Gesicht, die unsichere Haltung, wacklig auf den Beinen. Fest pressen beide seine Hände gegen eine Wunde in seinem Bauch, doch das Blut sprudelt zwischen den Fingern hindurch.

Das ist nicht mein Werk. Ich habe ihn nur so gefunden. Und obwohl er am Rande seines Abgrunds steht, wirkt er gefasst. Als habe er das erwartet. Als wäre dies sein Plan.

„Shizu-chan…“, flötet er, trifft jedoch nicht die fröhliche Note, die er angepeilt hat. Seine Stimme bricht, er hustet und noch mehr Blut fließt aus seinem Mundwinkel.

„Das ist ja lästig.“, murmele ich nur und ernte einen irritierten Blick. „Mir ist wohl jemand zuvorgekommen.“, erkläre ich und er lacht, aber es klingt schwach.

„Glaub mir, das war unvermeidbar.“, erwidert er nur und ich zucke mit den Schultern. „Natürlich war es das. Früher oder später musste dich jemand kriegen.“

Erschöpft lehnt er sich mit dem Rücken gegen die Wand hinter ihm und zieht angestrengt Luft in seine Lunge. „Ich werde hier sterben und es missfällt mir, dass du der derjenige bist, der sehen wird, wie meine Flamme erlischt.“

Verwirrt blicke ich ihn an. Er bemerkt es nicht. „Aber das ist vielleicht ganz passend, immerhin warst du auch da, als sie entflammt ist.“

„Was laberst du da?“, frage ich genervt und er grinst. Immer noch so überheblich, immer noch so selbstgefällig. Am liebsten würde ich sein Gesicht eintreten.

„Nicht jeder ist ein Streichholz.“, antwortet er schlicht und ein Schalter in meinem Kopf legt sich um. Streichholz. Erschöpft schließt er seine Augen und seufzt. „Ich brenne nieder.“, flüstert er, mehr zu sich selbst als zu mir. „Das ist mein Schicksal.“

Wütend kicke ich einen Stein von mir weg, er poltert über den Asphalt und Izaya öffnet seine Augen erneut. Sie sind leer. So leblos. Als wäre er bereits tot.

„Schicksal am Arsch.“, fluche ich. „Das hast du dir selbst zu verdanken und nicht irgendeinem Schicksal.“

Langsam nickt er. „Vielleicht.“ Vorsichtig nimmt er die Hände vom Bauch und sofort schießt das Blut aus ihm. Schnell drückt er seine schwachen Handflächen wieder dagegen, doch sie helfen nicht viel. „Ich hab nicht mehr viel Zeit.“, haucht er. Seine leblosen Augen wandern zu meinen hinauf, heften sich an mich und ich habe das Gefühl. ich spreche mit einer Leiche. Mit einem Geist. Das ist nicht Izaya. Das ist ein Dämon, ein Monster, irgendetwas aus der Hölle, aber nicht Izaya.

„Ich habe noch eine Frage, Shizu-chan.“ Seine Stimme zittert, schwach, brüchig. Es macht mich wütend, wie kaputt er ist, wie tot er ist, obwohl er noch lebt.

„Wieso bist du gegangen?“

„Heh?“

Er probiert sich an einem Lächeln, aber es gelingt nicht. „An diesem Morgen nach unserer Nacht… Wieso bist du gegangen?“

Eine Welle aus Verwirrung und Wut trifft mich mit voller Kraft. „Du… Du hast mich doch weggeschickt!“, rufe ich empört.

„Ja…“, gibt er langsam zu, seine Augenlider halb geschlossen. „Ich schätze, ich hatte einfach…“ Er bricht mitten im Satz ab, wirkt verwirrt.

„Was hattest du?!“, schreie ich, nicht bereit ihn sterben zu lassen, bevor ich die Antwort gehört habe.

„Richtig… Ich hatte einfach zu wenig Liebe übrig.“

„Was soll das bedeuten?!“

Keine Antwort, seine Augen sind zu, seine Hände rutschen von seiner Wunde, hindern den Blutfluss nicht länger. Ich überlege keine Sekunde bevor ich zu ihm eile, ihn von der Wand zerre und auf den Boden lege. Fest drücke ich meine Hände auf seinen Bauch und die Blutung stoppt fast komplett. Aber er hat bereits zu viel Blut verloren. „Izaya!“, schreie ich.

Nur langsam öffnen sich seine Augen.

„Was soll das bedeuten?!“, hake ich nach.

„Huh?“ Desorientiert wandert sein Blick durch die Luft. „Shizu-chan?“

„Was soll das bedeuten, dass du wenig Liebe übrighattest?!“

Erneut fallen seine Augen zu. Ich will wieder schreien, doch bevor ich den Mund öffnen kann, fängt er an zu sprechen, leise und bedacht.

„Du warst so warm…“, murmelt er, offensichtlich verfallen in ein Delirium. „Ich hatte solche Angst…“

Erschrocken zucke ich zusammen. Angst?

„Ich war so verliebt in dich.“ Ein leises Lachen kämpft sich zwischen seinen blutigen Lippen hervor. „Aber ich war nicht genug.“

„Ich bin nicht genug.“

Verdammter Floh.

*;*;*;*

Das war

Low On Love

von meiner Wenigkeit.

Inspiriert von: Niko Santos – Low On Love

Es ist gerade 00:37 Uhr und das ist eine gute Uhrzeit. Keine Garantie für vollständige Hirnfunktionen though, also verzeiht etwaige Fehler in Grammatik/Rechtschreibung/Sinn.

Ich werde höchstwahrscheinlich eine Fortsetzung hierzu schreiben, weil ich mich einfach in das Szenario verliebt habe bzw. vielleicht auch einen OS aus Izayas Sicht. Aber mal schauen, was die Zukunft bringt.

Bisschen off topic, aber ich bin krank. Nicht Grippe krank, sondern Mein Körper Versucht Mich Zu Zerstören krank. Meine letzte Woche war Krankenhaus Rein – Raus. Montag geht’s weiter mit mehr Tests. Ist schon lustig, wenn du es selbst nie geschafft hast dich zu beenden und es nun dein Körper für dich tut. Fast schon ironisch. Vielleicht ist das mein Schicksal. Ich war sowieso nie der Ansicht, dass das Leben für mich gemacht war. Das macht mir das alles ein bisschen leichter, auch wenn die ständigen Schmerzen echt nervig sind. Aber okay, done with that vent. Sorry for bothering you guys.

Bis zum nächsten Mal, wahrscheinlich.

youllbejustfine
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