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Aus Staubfingers Sicht

KurzgeschichteAllgemein / P12 / Gen
Mo Staubfinger
12.02.2021
12.02.2021
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Der Regen tropfte an meinen Haaren an mir runter, durchnässte meine Klamotten und sickerte kalt bis auf meine Haut. Ich fror. Und das Erste Mal in 10 Jahren hatte ich Hoffnung. Hoffnung wieder zurück zu kommen. Es musste dieses Mal einfach funktionieren. Ich schaute hoch zu dem Fenster wo man nur den Schein einer Kerze sah und fing an die Regentropfen zu zählen, die an die Scheibe trommelten. Erst jetzt viel mir auf, dass Gwin weg war. Verflixt. War ja klar. Dummer Mader. Ich hatte schon oft überlegt ihn beiseite zu schaffen, aber jedes Mal sträubte sich in mir was. Wahrscheinlich, weil er der einzige Freund ist, der aus der anderen Welt, nein meiner Welt mitgekommen ist. „Gwin?“ flüsterte ich und kramte in den Tiefen meines Rucksacks nach irgendwelchen Krümeln. „Gwin?“ wieder nix.
Na gut dann muss ich mich halt alleine meinem Schicksal stellen.

Ich weiß nicht wie lange ich hier draußen noch stand, aber die Angst das auch der letzten Tropfen Hoffnung verlischt hindert mich letztendlich daran an der großen Holztür zu klopfen.
Stattdessen lehnte ich mich an die Steinmauer und beschloss meinen besten Freund zum Leben zu erwecken. Das Feuer. In dieser Welt gehorcht es mir nicht so wie in der alten. Es ist schwerer es tanzen zu lassen, ihm gute Worte zuzuflüstern oder es an meiner Haut lecken zu lassen. In dieser Welt kann ich nicht mit ihm reden. Dennoch rufe ich es herbei, versuche damit den Regen zu verscheuchen, als ich plötzlich eine Gestallt am Fenster sah. Ich konnte zwar nur die Umrisse erkennen, sah aber trotzdem, dass es sich hier um ein Mädchen handeln musste, ein etwa 14 Jahre altes Mädchen was geradewegs mich anschaut. Ein kalter Schauer lief meinen Rücken hinunter. „Staubfinger sei kein Feigling“ sagte ich mir in Gedanken und versuchte die Angst und das Bedürfnis wegzulaufen zu ignorieren.
Ich richtete mich auf und wischte mir die Regentropfen aus dem Gesicht, dabei glitten meine Finger über die Narben, die Erinnerungen die ich schon so lange versuchte zu verdrängen krochen wieder in mir hoch. Jedes mal wenn ich meine Narben berührte, spürte ich wie blanke Angst in mir hochkriecht.

Die Holztür öffnete sich und ich setzte mein „Pokerface“ auf, niemand sollte wissen das ich unsicher bin und mich fürchte.
Ein Mann in mittleren Jahren trat mir entgegen, er hatte braunes Haar was schlaff in seine faltige Stirn fiel und unter seinen Augen zeichneten sich dunkle Schatten. Er hatte sich verändert, auch ihm sah man an das ihm etwas in einer anderen Welt verloren gegangen war. Zauberzunge. Auch er war ein Zauberer, genau wie ich. Seine Freunde waren die Bücher, ich hatte ihn einmal beobachtet, wie er einem Buch ein neues Aussehen verpasste, wie Schätze sind sie für ihn, er hat so vorsichtig den Buchdeckel abgenommen, als würde das Papier zerbrechen sobald es fallen gelassen wird. Bücher. Welcher Narr liest Bücher, das Feuer frisst sie auf, verschling sie und lässt nur ihre Tote Asche übrig.

Es herrscht Stille, sie erdrückte mich fast. Dann: „Du?“
Meine Kehle war plötzlich trocken „Hallo“ ich versuchte weiter zu reden kam aber nicht weit denn Zauberzunge zischte mir zu: „was machst du hier? Ich habe dir schon hundertmal gesagt das ich dich nicht zurückschicken kann. Ich kann meine Gabe nicht kontrollieren, außerdem ist sie gefährlich.“ Er fährt sich mit seinen Fingern übers Gesicht und ich sehe wie erschöpft er ist. Er sieht mich mit seinen traurigen braunen Augen an und versucht die Tür zu schließen. Nein. Nein. Nein. Nicht diese Mal. Schnell schiebe ich meinen Stiefel in den Türspalt und zische genau so leise zurück: „hör zu, was immer du auch willst ich werde es dir besorgen. Ich glaube du weißt ganz genau wie es sich anfühlt etwas für allemal zu verlieren, außerdem handelt es sich hier nicht nur um meinen Wunsch, sondern auch um Capricorn. Denn so magisch deine Worte auch sein mögen, sie rufen nicht nur gutes herbei.“

Anscheinend wirkten auch meine Worte magisch, denn in Zauberzunges Gesicht regte sich etwas, er öffnete die Tür einen Spalt breit und bat mich mit einem Kopfnicken herein. Sofort kroch die Wärme unter meine Haut und ich saugte den Duft ein der mich umgab als ich die Wohnung betrat. Es roch gut. Nach Farbe und Papier nach Filterkaffe und Kerzenwachs. Ich schaute mich um. Überall stapelten sich Bücher, man musste aufpassen das man die Berge von Papier nicht umstoß. Er weist mich mit einer Handgeste in einen etwas kleineren Raum der nach abgegriffenem Leder und Tinte riecht und schiebt mir einen Stuhl hin. Erleichtert ließ ich mich fallen und atme tief durch.
Zauberzunge wirkt nervös und sortiert nun schon zum dritten mal seine Werkzeuge die auf einer Werkbank ordentlich in einer Reihe aufgereiht sind. Ich räuspere mich um auf mich aufmerksam zu machen. Er dreht sich zu mir um und schaut mich aber nicht an. Er starrt auf seine Nägel als ob es dort etwas besonders zu sehen gab und fängt schließlich an zu reden.
„nun…“ er schluckt und schaut mir endlich in die Augen. Man merkt wie zerstreut er ist.
„…warum bist du nun da? Du hast gesagt das es sich um Capricorn handelt?“
Bei dem Namen sträubten sich meine Nackenhaare und da war sie wieder. Die Angst.
„ja. Genau. Damals vor zehn Jahren galt er als verschwunden. Doch er ist wiederaufgetaucht. Ich habe ihn nur selten aus der Ferne beobachtet. Er hat sich Richtung Norden ein Lager mit all seinen Männern aufgebaut. Sie sind im naheliegenden Ort auch als „Brandstifter“ und „Gauner“ bekannt.“ Ich schaue hoch und sehe das Zauberzunge blass geworden ist. Dennoch rede ich weiter. „ich“ ich mache ein Pause um mich zu vergewissern das er mir noch zuhört. „ich würde dir raten von hier weg zu fahren, so schnell wie möglich. Er ist gefährlich, und zu Dingen im Stande die du nur aus deinen Büchern kennst.“
Es entsteht eine lange Pause in der nur das ticken der Wanduhr zu hören ist. Es ist so leise das ich meine die Bücher flüstern zu hören. Dann räuspert sich Zauberzunge wieder. Er lässt sich auf den Sessel am Tischende fallen und verbirgt seinen Kopf in den Händen. Plötzlich steht er ruckartig wieder auf und ich erkenne die Furcht in seinem Gesicht. „hör zu. Du hast recht hier ist es nicht mehr sicher. Wir werden morgen aufbrechen.“ Diese Entschlossenheit verwirrt mich. Trotzdem sagte ich: „Gut. Wohin?“ „Ich denke noch darüber nach aber ich glaube wir werden zu einer Verwanden fahren.“ In mir machte sich plötzlich eine große Leere breit. „Was ist mit dem Buch?“ bei dem Gedanken an diesen Schatz zieht sich alles in mir zusammen. „Ich habe dir doch bereits gesagt, dass ich keine Kontrolle über diese „Gabe“ habe. Ich kann keine Leute zurück lesen.“ In meinem Hals bildet sich ein Kloß. „Aber wenn du Leute rauslesen kannst, kannst du doch sicher auch wieder welche reinlesen.“ Ich merke wie in mir Verzweiflung aufsteigt und ich habe das Bedürfnis Zauberzunge zu packen und zu schütteln. „Nein. Ich lese nicht mehr.“ Plötzlich wirkte er abwesend so als ob er ganz woanders ist. „Es ist besser du gehst wieder.“ Nein. Ich kann nicht gehen. „Gut.“ Ich gehe zur Tür und werfe einen letzten Blick in die Werkstatt, dann drehe ich mich um und bahne mir einen Weg durch die Bücherberge. Plötzlich nehme ich aus dem Augenwinkel ein huschen war. Und als ich in das Zimmer schaue in dem die Kerze brannte sah ich gerade noch wie ein etwa 14 Jahre altes Mädchen unter ihre Denke verschwand. Sie hatte gelauscht.
„Na dann…“ dachte ich- „…dir viel Glück.“

Als ich aus der Haustür trat kroch die Kälte mir wieder den Nacken runter.
Ich stand wieder im Regen. Wenigstens nicht mehr alleine. Gwin war wiedergekommen.
 
 
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