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Falsche Nummer

Kurzbeschreibung
GeschichteRomance / P18 / Het
OC (Own Character) Sebastian Stan
11.02.2021
05.07.2022
24
42.995
40
Alle Kapitel
165 Reviews
Dieses Kapitel
5 Reviews
 
 
11.02.2021 2.266
 
#1 – Diamantenversteher


Unbekannte Nummer:
Hi.

Ich starre stirnkräuselnd auf mein Handy. Nicht schon wieder, denke ich augenrollend und will meinem Ex schon eine Antwort schicken, die sich gewaschen hat, als ich durch das laute Lachen von Elli und Leah in meinem Vorhaben unterbrochen werde.
Tja, den Witz scheine ich nicht verstanden zu haben. Trotzdem bemühe ich mich um ein aufrichtiges Lächeln und versuche mich so gut es geht in die Konversation einzuklinken. Schließlich geht es um die Hochzeitsvorbereitungen unserer gemeinsamen Freundin Ava.
Aber schon nach wenigen Sekunden verliere ich das Interesse, weil sich das Thema um überteuerte Kleidung dreht, die ich ohnehin niemals freiwillig anziehen würde. Hauptsache es ist bequem und ich kann mich frei darin bewegen – ob es nun Markenkleidung ist oder nicht, ist mir dabei schlichtweg egal. Dass die Brautjungfernkleider jedoch hauteng geschnitten sind und einen Ausschnitt bis zu den Kniekehlen haben, behagt mir dabei ganz und gar nicht.
In einem Anfall von wieder aufwallender Wut antworte ich ihm.

Mia:
Hi.

Unbekannte Nummer:
Wegen gestern Nacht …

Bitte was?! Meine Mom würde jetzt sagen, dass ich bitte nicht so griesgrämig gucken soll. Schließlich hinterlässt das hässliche Falten und ein schönes Gesicht ist das Aushängeschild schlechthin.

Mia:
Was ist mit letzter Nacht?

Ich weiß wirklich nicht, was mein Ex diesmal für ein bescheuertes Spiel will, denn die letzte Nacht haben wir ganz sicher nicht zusammen verbracht. Daran müsste ich mich erinnern. Außerdem bin ich seine unzähligen Versuche, mich mit diversen Wegwerfhandys und unterdrückten Nummern, zu kontaktieren, allmählich satt.

Unbekannte Nummer:
Ich fand die gemeinsame Zeit mit dir sehr schön, auch wenn ich den Spaß nicht lange aufrechterhalten konnte …

Überrascht weiten sich meine Augen bei der Erkenntnis, dass mir nicht mein Ex schreibt – und überhaupt sind diese Nachrichten gar nicht für mich bestimmt! O Herr im Himmel … erzählt derjenige grad wirklich davon, dass er mit jemandem geschlafen hat, es aber nicht so, wie soll ich sagen, prickelnd gelaufen ist wie erhofft? Ach du meine Güte. Wo bin ich hier nur reingeraten?
Ich räuspere mich und überlege fieberhaft, was ich antworten könnte.

Mia:
Ist schon gut. Das passiert jedem einmal.

Ich habe auch schon mal besser Trost gespendet. Ich nehme den Kaffee zur Hand, da fällt mir noch etwas ein, was ich dazuschreiben kann.

Ich bin mir sicher, dass ich mich nicht nur einmal selbst zur Närrin gemacht habe.

Sofort bekomme ich eine Antwort.

Unbekannte Nummer:
Kann ich so nicht sagen. Du bist graziös auf den Tisch gesprungen und hast ein Tänzchen hingelegt
Bis du runtergefallen bist!


Ich verschlucke mich beinahe an dem winzigen Schluck Kaffee.

Mia:
Das hört sich schwer nach mir an.

Unbekannte Nummer:
Zumindest bist du nicht direkt auf den Boden gefallen, sondern auf Chris.

Mein Kichern kann ich zwar mit einem gekünstelten Hüsteln überdecken, werde aber trotz alledem mit bösen Blicken bestraft, die mich schuldbewusst den Kopf einziehen lassen.
»Gibt’s was, was du uns mitteilen willst?« Leah mustert mich scharf.
»Nein, tut mir Leid.« Meine Entschuldigungen sind übrigens auch schon mal besser gewesen. Ich lege das Handy auf meinen Schoß.
»Ernsthaft, Mia?«, zetert Leah munter weiter. »Du kannst dein Handy nicht mal für fünf Minuten aus der Hand legen? Ava heiratet bald, wir müssen noch so viel planen und du hast nichts besseres zu tun als dich mit deinem Handy zu beschäftigen!« Abschätzend wirft sie erst mir einen vorwurfsvollen Blick zu, dann starrt sie mein Handy in Grund und Boden. Sagt gerade diejenige, die ihr Handy mit ins Bett nimmt …
In der High Society, wie es meine Mom so schön betitelt, ist es äußerst wichtig, seinen Reichtum preiszugeben. Mit meinem aus der Steinzeit kommenden iPhone 6 und der Markenkleidung aus der vorletzten Frühjahrskollektion bin ich nicht gerade das typische Aushängeschild eben dieser Gruppierung.
Ich passe hier ohnehin nicht rein, doch der Zufall wollte es so, dass ich Ava auf einer pompös-glamourösen Party kennenlernte, auf der ich Dank meiner Mom hingeschleppt wurde. Kontakte knüpfen hat sie nur auf meinen fragenden und teilweise verstörten Blick gesagt, und diese zwei kleinen Worte ringen immer noch in meinen Ohren. Eine gute Tat habe ich auch gleich noch vollbracht: Ich habe ein Glas Champagner ins Gesicht eines stinkreichen, uralten Schnösels gekippt, nachdem er nicht aufhören wollte, mit mir zu flirten. Bäh!
Wenige Wochen später hat mich Ava unter ihre Fittiche genommen und wir sind so etwas wie Freunde geworden. Wie auch schon damals, kann ich mich aber immer noch nicht mit überteuerten Luxusartikeln der Marken Louis Vuitton, Dolce & Gabbana, Gucci, Prada und Co. identifizieren.
Dabei sehe ich zurzeit nichts mehr anderes und habe schon Albträume. Insgeheim wünsche ich mir mein altes Leben zurück …
Womit ich wieder im Hier und Jetzt angekommen bin.
Ava wollte mich unbedingt bei ihren Hochzeitsvorkehrungen dabei haben, und nun sitze ich schon geschlagene zwei Stunden in diesem Café, was allen Ernstes Cappuccino mit Blattgold serviert – hallo?! – und höre mir zum gefühlten hundertsten Mal an, wie viele Kalorien in einem Stückchen Mandeltorte sind. Ich seufze ungewollt und massiere die Schläfen.
Vielleicht hat Leah recht und ich sollte mich wirklich aktiv am Gespräch beteiligen. Schließlich kann ich ihr und Elli nicht die ganze Vorplanung überlassen. Insgeheim will ich nämlich nicht, dass sie Ava noch Dinge einflößen, die nicht zu bewerkstelligen sind. Nicht, dass noch Unmengen an Geldern dafür fließen, dass Braut und Bräutigam auf pinkcamouflagefarbenen Elefanten mit gigantischen goldschimmernden Flügeln reiten, während ein Knabenchor Carol of the Bells zum Besten gibt. Oder eben so ähnlich. Denn ich weiß selbst, dass das ein Weihnachtslied ist, aber wenn ich sehe, was alles auf der Hochzeit stattfinden soll, kann ich mir gut vorstellen, dass sie erst im Winter zu Ende ist.
»Hat sich der Weddingplaner endlich gemeldet?«, fragt Elli in einem quengelnden Unterton, den ich nur von kleinen Kindern kenne. »Ich sterbe vor Neugier!«
»Hat er«, antwortet Ava mit samtiger Stimme, »aber er wollte mir keine Details am Handy erzählen. Eigentlich sah es so aus, dass er uns Gesellschaft leisten wird, aber etwas dringendes kam dazwischen, was er nicht verschieben konnte.«
Leah verzieht missmutig die Mundwinkel. »Wie dringend kann es schon sein, wenn du deine Traumhochzeit planen willst?« In Gedanken bin ich auf einer einsamen Insel mitten im Nirgendwo, wo ich mich nicht von Leahs Getue stressen lassen kann.
Elli quiekt auf einmal überraschend, als Ava den Verlobungsring – ein weiteres Mal – zeigt.
Ein fetter Klunker, der unter der Deckenbeleuchtung funkelt und glänzt wie ein Bouquet Diamanten. Ein Wunder, dass sie ihre Hand hochheben kann, denn, mal ganz davon abgesehen, dass Avas Finger zierlich und schmal sind, wiegt der Ring bestimmt ein paar Gramm mehr als ein tja … ein normaler Verlobungsring. Aber was ist in der New Yorker High Society schon normal?
Lautes Quietschen ertönt, während die Tür zum Café geöffnet wird und mir lauwarme Luft um die Nase weht. Danach folgt eine Reihe von Ahhs und Ohhs über die Schönheit des Rings.
Ich muss gestehen: Er ist wirklich schön und kein bisschen too much, denn er passt zu Ava. Ich muss schmunzeln bei der Erinnerung daran, dass mich Will geradezu genötigt hat, mit ihm den Verlobungsring auszusuchen. Von Avas vielen Freundinnen mag mich Will wohl am meisten, was sicherlich daran liegt, dass ich nicht aus der High Society komme und ganz andere Werte und Anschauungen habe.
»Ich kann kaum abwarten zu heiraten!« Leahs viel zu hohe Stimme reißt mich endgültig aus den Gedanken. Meine einsame Insel verschwindet in weite Ferne.
Mein Stirnrunzeln kann ich nicht verhindern. Der Mann muss Nerven aus Drahtseilen besitzen, wenn er tatsächlich in Erwägung zieht, Leah zu heiraten. »Ich muss unbedingt den Hochzeitsstrauß fangen!«
Oh ha … Das ist noch so ein Brauch, dem ich eher kritisch gegenüberstehe. Ich habe nichts gegen Hochzeitsrituale und all diesen Mist, aber gerade das Fangen des Brautstraußes veranlasst mich dazu, immer wieder an meine letzte gescheiterte Beziehung zu denken.
Ich greife mir in den Nacken, weil ich ein seichtes Prickeln merke, dass ich nicht loswerde. Ich schaue nach vorne. Fehlanzeige. Niemand schaut mich direkt an – und wenn wirklich jemand zu uns schaut, ist meist Leah der Grund, die im Moment gar nicht aufhören kann, den Ring zu loben. Ich gebe mir einen imaginären Klaps auf die Schulter. Gut gemacht. Wenn sie wüsste, dass ich am Kauf beteiligt war, würde sie ihn womöglich nicht mehr so schön und brillant finden, aber gut, lassen wir sie einfach in dem Glauben, dass Will von solchen Dingen Ahnung hat.
Das Prickeln wird in jenem Moment stärker, als die Klingel an der Tür einen weiteren Kunden ankündigt. Neugierig drehe ich den Kopf. Ein älteres Ehepärchen betritt das Café in kleinen, vorsichtigen Schritten. Die können es bestimmt nicht sein, denke ich trocken. Das dumpfe Gefühl schamlos abgescannt zu werden, wird enormer, als ich den Blick über die Tische schweifen lasse.
Da!
Da hinten steht jemand an der Wad gelehnt!
Mit einer Tasse in der einen Hand und der Untertasse in der anderen gleitet sein Blick forschend durch den Raum und kommt nach seiner Runde wieder zu mir. Er trägt eine Sonnenbrille, weswegen ich seinen Blick nicht zu hundert Prozent deuten kann und mir nicht sicher bin, dass er tatsächlich derjenige ist, der mich hier so ungeniert beobachtet. Automatisch gleitet mein Blick auf die gegenüberliegende Straßenseite. Kein Paparazzo. Keine Schaulustigen. Und – vor allem – keine Sonne. Warum trägt der Kerl dann eine Sonnenbrille?
Mein Kopf ruckt zurück.
Ein korpulenter Kerl schiebt sich vor meinen nicht mehr so heimlichen Beobachter und als dieser sich an einen Tisch gesetzt hat, habe ich freie Sicht – und was für eine.
Süffisant grinsend prostet er mir zu. Mein Mund klappt auf. Das kann nicht sein! Niemals im Leben meint er mich! Ich bin eine viel zu große graue Maus, als dass ich mich von Elli, Ava oder gar Leah, die heute übrigens eine aufwendige Steckfrisur hat, ein hautenges, rosafarbenes Paillettenkleid und viel zu hohe Schuhe trägt, abzuheben. Ohnehin komme ich nicht dazu, darüber nachzudenken.
»So …«, erklingt die honigsüße Stimme von Elli, »datest du im Moment jemanden, den du als Begleitung mit zur Hochzeit bringst?« Erwartungsvoll mustert mich nicht nur Elli, sondern auch die anderen beiden Frauen am Tisch. Ich merke, wie mir die Hitze in die Wangen steigt, und blicke zurück auf die Tischplatte, damit niemand merkt, dass ich komplett irritiert bin. Eigentlich bin ich der Überzeugung gewesen, heute keine Frage mehr beantworten zu können, doch Elli ist nicht ganz so schlimm wie Leah und hat wenigstens mitbekommen, dass ich noch mit ihnen am Tisch sitze.
»Nope«, verneine ich und untermale meine Aussage mit einem kräftigen Kopfschütteln. »Ich bin glücklich Single zu sein.« Während ich Elli antworte, vibriert mein Handy in meinem Schoß. »Wenn ihr mich kurz entschuldigt.« Schnell stehe ich auf und bahne mir einen Weg zu den Toiletten.
Während ich mein Handy entsperre, hat mich die Neugier gepackt.

Unbekannte Nummer:
Wie auch immer … wie geht’s dir heute? Du hast ziemlich viel intus gehabt.

Unbekannte Nummer:
Ich hoffe, ich habe dich nicht verschreckt, weil du dich nicht mehr meldest.

Mia:
Keine Sorge. Ich bin mit ein paar Freunden zum Kaffee verabredet. Wobei, du hast mich in Schwierigkeiten gebracht.

Ich bleibe am Spiegel stehen, der die gesamte Wand einnimmt. Wie nicht anders zu erwarten - schließlich sind wir hier nicht in irgendeinem Café –, ist das Bad genauso glamourös wie das Blattgold auf dem Cappuccino.
Als sich die Tür öffnet, merke ich erst, dass ich im Weg stehe und ein Waschbecken blockiere. Aus diesem Grund husche ich in eine Kabine und schließe mich dort ein.

Unbekannte Nummer:
Ich? Wie habe ich dich in Schwierigkeiten gebracht? Deine Freunde waren die treibende Kraft, die sagten, dass es eine exzellente Idee sei, dass du auf dem Tisch tanzt.

Ich gluckse bei dem Kopfkino. Obwohl ich nicht diejenige bin, die er meint, kann ich mich sehr gut mit der Frau identifizieren. Bei mir brauchen noch nicht einmal Unmengen an Alkohol fließen, um auf eine so bescheuerte Idee zu kommen.

Mia:
Das sind andere Freunde, mit denen ich grad unterwegs bin. Die sind Feuer und Flamme für den Verlobungsring meiner besten Freundin. Dabei wollten wir uns in erster Linie über die anstehende Hochzeit unterhalten.

Unbekannte Nummer:
Das hört sich doch nach Spaß an? Hochzeiten sind etwas schönes.

Mia:
Ungefähr so viel Spaß, wenn ich Daumen und Zeigefinger zusammenpresse. Ich habe etliche tödliche Blicke zugeworfen bekommen, weil ich mich lieber mit meinem Handy beschäftigt habe. Oh, das ist übrigens die Erklärung, wie du mich in Schwierigkeiten gebracht hast.

Es dauert eine kleine Ewigkeit, bis sich die unbekannte Nummer nochmal meldet und ich bin drauf und dran, die Toilette zu verlassen, als mir mein Handy doch noch eine heiß ersehnte Nachricht anzeigt.

Unbekannte Nummer:
Wenigstens musst du nicht arbeiten. Apropos arbeiten: Ich muss los. Ich schreibe dir später.

Bei der Aussicht hüpft mein Herz fast aus meinem Körper.

Mia:
Viel Spaß!

Mit meinem viel zu schnell klopfendem Herzen und warmen Wangen stehe ich schlussendlich vor dem Spiegel und richte mein Outfit: Eine weiße Bluse von Louis Vuitton. Die Hose ist von Yves Saint Lauren, die ich im Sale ergattern konnte und die Schuhe sind von Nike, da ich keinen Wert auf ausgefallene High Heels lege, in denen ich mehr stolpere als graziös laufe.
Als ich mir sicher bin, dass keine meiner hellbraunen Haarsträhnen verrutscht sind – und ich so Futter für Leah werden kann –, straffe ich meine Schultern und gehe zurück.
Schon als ich die Tür öffne, schweift mein Blick in eine ganz bestimmte Richtung.
Enttäuschung breitet sich in mir aus. Der Typ steht nicht mehr an der Wand. Vielleicht hat er ja gar nicht mich gemeint, sondern irgendeine Person hinter mir.

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A/N: Die Story habe ich zum Camp Nanowrimo 2020 angefangen, dann zu den Akten gelegt und jetzt erst wieder hervorgekramt. Mal schauen, wohin sie führt. :-)
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