Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Decision

OneshotFantasy / P12 / Gen
Azriel Cassian Feyre Archeron Rhysand
09.02.2021
09.02.2021
1
2.343
 
Alle Kapitel
1 Review
Dieses Kapitel
1 Review
 
 
 
09.02.2021 2.343
 
„Ist er da?“, fragte Morrigan Cassian, der ihre Rückkehr an der Tür abpasste. Er nickte: „Noch an der gleichen Stelle wie vorhin.“ Morrigan nickte verstehend. „Ich bin ehrlich, Mor. Er macht mir Angst.“ Die Aussage wiederum verwirrte sie. Keiner von ihnen musste Angst haben vor Rhysand. Er würde ihnen nie etwas tun. Eher würde er sterben als das er zulassen würde, dass seiner Familie etwas passiert. „Er tut uns nichts, Cass.“ „Ich weiß. Das meine ich auch nicht.“ Jetzt war Morrigan nur noch mehr verwirrt. „Ich geh nach ihm sehen.“, erklärte sie nur kurz und trat an Cassian vorbei in die Hütte des High Lords im Camp.

Cassian hatte recht. Rhysand war noch an der gleichen Stelle wie vorhin. Er saß immer noch auf dem Stuhl am Esstisch. Nachschwaden wirbelten unruhig um ihn herum. Das war aber auch die einzige Regung, die von ihm ausging. Er saß sonst ganz still. Nicht ein Muskel schien sich zu bewegen, wie eingefroren. Klein Blinzeln, kein aufsehen, nichts, dass darauf hindeutete, dass er überhaupt mitbekam wie Morrigan vor ihn trat. Jetzt verstand sie, was Cassian Angst machte. „Rhys?“, fragte sie vorsichtig. Keine Reaktion. „Rhys?“, fragte sie nochmals und berührte vorsichtig seinen rechten Arm, der immer noch in Verbänden lag nach dem Angriff vor zwei Tagen. Unter der Berührung zuckte er schlagartig zusammen und sprang auf. Der Stuhl kippte mit einem lauten Scheppern auf den Boden. Cassian, der von dem Krach anscheinend alarmiert wurde, kam augenblicklich zur Tür herein. „Was ist passiert?“, fragte er mit einem wachsamen Blick. Rhysands Augen wanderten nur kurz zu seinem Bruder, dann wandte er sich ab und stieg wortlos die Treppen hinauf. Der Verband am Arm färbte sich währenddessen rot. Die Wunde war wohl wieder aufgerissen, aber keiner wagte sich dazu etwas zu sagen.
Als Rhysand aus ihrem Blickfeld verschwunden war, seufzte Morrigan schwer. „Das ist meine Schuld, Cass.“ „Warum sollte es deine Schuld sein? Damit hätte keiner rechnen können.“ „Ich hätte es ahnen können als sie mich bat sie hierher zu bringen. Sie war so anders als ich sie abholte. Aber ich hab an das Gute geglaubt, weißt du? Ich war blind für alles andere.“, erklärte sie sich. „Warum hättest du auch was anderes erwarten sollen, Mor? Wir waren alle überrascht.“, kam es als Antwort von Azriel, der unbemerkt auch in die Hütte gekommen war. „Hast du sie gefunden?“ Er schüttelte den Kopf: „Ihre Spur verliert sich an der Grenze zum Winterhof. Sie weiß sich unsichtbar zu machen. Sie will nicht gefunden werden.“ „Aber...“, Cassian ließ seinen Widerspruch ausklingen. Sein Blick war nach oben gerichtet. Morrigan drehte sich um. Dort, am oberen Treppenansatz stand Rhysand. Er hatte ihren Worten gelauscht und drehte sich nun wieder stumm um. Die Tür zu seinem Schlafzimmer schloss sich mit einer gefährlichen Ruhe. „Verdammt.“, kommentierte Cassian das Geschehene: „Was tun wir jetzt?“ „Wir können nichts weiter tun. Sie war sehr deutlich. Wir haben ihre Bitte eigentlich schon missachtet.“

Feyre hatte Morrigan gebeten sie zum Camp zurückzubringen. Sie hätte über das Geschehene nachgedacht. Morrigan war außer sich vor Freude gewesen. Feyre würde die Verbindung zu Rhysand annehmen, da war sie sich zu hundert Prozent sicher.
Bevor sie den Wind zu Feyre teilte, teilte sie den anderen drei Feyres Bitte mit. Rhysands Augen hatten zu leuchten angefangen als Morrigan ihre Vermutung geäußert hatte, was es bedeuten würde. Dieses Leuchten hatte sie so vermisst. In der Zeit nach seiner Gefangenschaft Unter dem Berg, war da kein Leuchten gewesen. Als Feyre dann die Wochen am Hof verbrachte, war das hoffnungsvolle Leuchten aber langsam zurückgekehrt. Langsam aber stetig war ihr Cousin wieder zu der Person geworden, die sie so liebte, voller Freude und Glück. Dieses Leuchten, das sich bei ihren Worten gebildet hatte, war aber so viel intensiver gewesen. Es schien fast als würde er für einen Moment das ganze Leid vergessen, das ihm widerfahren war. Morrigan hatte sich mit einem Augenzwinkern verabschiedet und gerade noch sehen können wie Cassian und Azriel beide Rhysand lachend mit einem „Glückwunsch, Bruder.“ auf die Schultern schlugen.
Als Morrigan dann am Versteck von Feyre ankam, hätte ihr die veränderte Atmosphäre auffallen müssen. Irgendwas lastete schwer auf Feyre als sie vor ihre Freundin trat. „Los komm, die anderen warten schon auf dich.“ Morrigan hatte gelacht während Feyre nur ein gezwungenes Lächeln gelungen war. Morrigan hatte Feyres Hand gegriffen und keine Sekunde gezögert den Wind zum Camp zu teilen. Wäre sie nur aufmerksamer gewesen. Hätte sie sich nur eine Minute länger Zeit gelassen, um die Situation besser einzuschätzen.
Im Camp waren sie vor der Hütte „gelandet“. Sie waren beide gleichzeitig durch die hölzerne Tür gegangen. „Könnt ihr uns alleine lassen.“, hatte Feyre nur Sekunden später zu Cassian, Azriel und Morrigan gewandt gesagt. Auch hier hätte Morrigan der fehlende Glanz in ihren Augen auffallen müssen. „Klar, wir warten draußen.“ Cassian war mit dem breitesten Grinsen seit Langem durch die Tür ins Freie gestapft und die anderen waren ihm auf dem Fuß gefolgt. Sie hatten sich nur ein paar Schritte von der Hütte entfernt, um lauschen zu können. Nicht die feinste englische Art, aber sie waren eben neugierige Kindsköpfe. Neugierige Kindsköpfe, wie oft hatte Rhysand sie so schon genannt, die Augen verdreht und danach gelacht? Morrigan wusste es nicht mehr, aber so waren sie eben.
„Wie geht es dir?“, hörten sie Feyre fragen, dann zwei Stühle die über den Boden kratzten als sie zurückgeschoben wurden. Die zwei setzten sich hin. „Besser.“, antwortete Rhysand: „Danke. Dank dir.“ Das Letzte hatte er vorsichtig nachgesetzt, fast so als hätte er Angst das Gespräch in diese Richtung zu lenken. „Kein Problem.“, antwortete Feyre. Sie räusperte sich kurz. „Ich hab nachgedacht. Also über diese Sache, die der Suriel mir eröffnet hat.“ Okay, jetzt geht’s los, dachte sich Morrigan und guckte ihre Jungs voller Vorfreude lächelnd an. Auch von Cassian kam ein kleines Grinsen zurück, Azriel, wie immer die Ruhe selbst, lächelte nicht. „Und zu welchem Schluss bist du gekommen?“ Morrigan hörte, wie Rhysand unruhig auf seinem Stuhl hin und her rutschte. Feyre räusperte sich wieder, dieses Mal klang es ein wenig erstickt. „Wieso weinst du?“ Morrigan hörte Rhysands besorgte Stimme und ihr war plötzlich nicht mehr nach lachen zu Mute. „Ich kann das nicht, Rhys.“, ließ Feyre die Bombe platzen und Morrigan drehte sich abrupt zu der Hütte um. Ihr Mund war vor Schock geöffnet. Das konnte doch nur ein Scherz sein. „Wieso?“, klang Rhysands nüchterne Stimme zu ihnen nach draußen. „Ich will mich nicht wieder einsperren lassen.“ „Ich würde dich aber doch nie einsperren. Du kannst frei entscheiden.“ „Ach kann ich das wirklich? Was war das dann mit dem Ganzen hier? Habe ich frei entschieden es nicht zu wissen?“ Ein Stuhl wurde zurückgeschoben und Morrigan hörte an den darauf folgenden Schritten, dass nun Feyre in der Hütte auf und abging. „Nein.“, antwortete Rhysand auf die Fragen. „Nein. Siehst du.“ Die Schritte waren stehen geblieben und Morrigan konnte sich den vorwurfsvollen Blick von Feyre nahezu vorstellen. „Du hast über mich entschieden. Du hast mich in meiner Entscheidung eingesperrt...nein ausgesperrt. Du hast mir keine Wahl gelassen. Du hast gesagt, dass du anders bist als Tamlin, Rhys. Aber...“ Nein tu das nicht, Feyre, dachte Morrigan, sag das nicht. „Du bist genau wie er. Du bist genau wie Tamlin.“ Morrigan hörte Cassians entsetztes Einatmen. Das hatte sie nicht wirklich gesagt? Doch Feyre war noch nicht fertig. „Vielleicht hatte er Recht, weißt du. Vielleicht seid ihr alle gleich. Du hast gesagt er sei ein Monster. Du hast gesagt er hätte deine Familie abgeschlachtet. Du hast gesagt er lasse mir nie meinen freien Willen. Du hast gesagt, er würde mich vielleicht wieder einsperren wenn ich zu ihm zurückgehe.“ Feyre machte eine kurze Pause. Sie atmete schwer. Von Rhysand war nichts zu hören. „Aber hast du etwas anderes getan? Hast du nicht auch seine Familie abgeschlachtet? Hast du mir nicht auch meinen freien Willen genommen? Warst du nicht auch oft genug ein Monster Unter dem Berg? Hast du mich nicht auch auf eine gewisse Art versucht einzusperren, indem du mir meine Entscheidung abgenommen hast?“ Feyres Worte schlugen Morrigan um die Ohren und ließen sie zischen. Das konnte sie nicht so meinen. Sie würde ihm so etwas niemals an den Kopf werfen. Sie wusste es doch so viel besser. „Ich werde jetzt gehen, Rhys. Such mich nicht. Folge mir nicht.“ Morrigan hörte wie sich Schritte in eine andere Richtung wandten. „Und ihr folgt mir auch nicht, bitte.“ Darauf folgte Stille.

Morrigan und die anderen zwei waren sofort in die Hütte gelaufen. Feyre war verschwunden. Natürlich, sie konnte ja den Wind teilen. Morrigans Blick war auf Rhysand gefallen, der wie angewurzelt auf seinem Stuhl saß und Löcher in den Tisch starrte. Das Leuchten in seinen Augen war vollkommener Schwärze gewichen, die das Violett, das zuvor noch so gestrahlt hatte, vollkommen verschlang. „Du kannst doch hier nicht so sitzen bleiben. Sie meinte das nicht so. Wir müssen sie suchen!“ Als von Rhysand darauf keine Antwort kam, hatte sie Cassian und Azriel angeblickt. Stumm hatten sie sich verständigt und waren wieder nach draußen getreten. „Ich bleibe hier. Einer muss das Camp im Blick behalten.“, hatte Cassian mit einem Blick zur Tür gesagt. Morrigan verstand. Er wollte auf Rhysand achten, was auch immer nun passieren würde. „Ich gucke in Velaris und verständige Amren.“ „Ich werde mich ein paar Höfe weiter umsehen.“ Morrigan hatte Azriel zugenickt und er war verschwunden. Mit einem weiteren nicken hatte sie sich von Cassian verabschiedet und den Wind geteilt, um sich in Velaris umzusehen.

Doch so sehr Morrigan auch suchte, Feyre war nicht dort. Im Haus des Windes, war sie nur auf Amren getroffen. Morrigans aufgewühltes Auftreten hatte sie direkt alamiert. Als Morrigan ihr erklärt hatte was die letzten Tage passiert war, der Pfeilangriff, Rhysands Rettung durch Feyre, die Mitteilung des Suriels, Feyres anschließende Flucht in ein Versteck, die zwei Tage die sie Rhysand im Ungewissen ließ und schließlich die Vorkommnisse, die alles verändert hatten, waren zum Ende Amrens Augen riesengroß geworden. Also hatte auch sie einen anderen Ausgang erwartet. „Sie ist nicht hier gewesen.“ Amren hatte den Kopf geschüttelt. „Achtet auf Rhysand. Sie hat ihm viel an den Kopf geworfen. Ich warte hier, falls sie doch noch zurückkommt.“ Morrigan hatte genickt und den Wind geteilt, um zum Camp zurückzukehren.


Durch ein Krachen wurde Morrigan aus ihren Gedanken gerissen. Verdammt, sie hatte vergessen, dass ihre Barrieren nicht sehr stark waren, wenn sie so aufgewühlt war wie jetzt. „Entschuldige, Rhys.“ Sie schaute zu Boden. „Was ist passiert?“, fragte Azriel. „Ich hab alles nochmal in Gedanken ablaufen lassen...und...naja ich glaub meine Barriere war unten.“ Sowohl Cassian als auch Azriel verzogen das Gesicht, weil ihnen klar wurde, dass Rhysand alles auch nochmal gesehen haben musste. „Scheiße.“, kommentierte Cassian. Oben war es währenddessen wieder still. Zu still.
„Ich geh mal nachsehen.“ Cassian stand auf und lief unter den wachsamen Blicken der anderen die Treppe nach oben. Die Tür zu dem Zimmer in das er wollte, war von unten zu sehen. „Rhys?“ Er klopfte an die Tür, bekam aber keine Antwort. Er klopfte kein weiteres Mal, sondern drückte einfach die Türklinke nach unten und zog die Tür zu sich hin auf. Was die drei erblickten war Schwärze. Eine tiefe Schwärze, die nur ihr High Lord heraufbeschwören konnte. „Rhys?“, fragte Cassian, der unschlüssig vor der Dunkelheit stehen geblieben war. Auch Morrigan und Azriel gingen nun die Treppe hinauf, stellten sich neben ihn. Cassian machte einen Schritt vorwärts als er sich mit einem kurzen Blick zur Seite bei den anderen abgesichert hatte. Aber er kam nicht weit. An der Türschwelle wurde er abrupt gestoppt. Eine unsichtbare Barriere schien den Raum abzugrenzen. „Rhys, komm lass den Scheiß und lass mich rein.“, forderte Cassian, der eine solche Reaktion seines Bruders nicht gewohnt war. Von drinnen erklang eine Art Knurren, dann ein erneutes Krachen. „Rhys?“, fragte Morrigan sofort besorgt. Wieder das Knurren und die Dunkelheit schien noch schwärzer zu werden. „Lassen wir ihn in Ruhe.“, reagierte Azriel daraufhin und griff beide am Arm, um sie von der Tür wegzuziehen. „Nein, Az. Ich geh da rein. Ob er will oder nicht.“, trotzte ihm Cassian und entzog dem Schattensänger seinen Arm. Ein noch heftigeres Knurren folgte und die Tür flog krachend ins Schloss. „Alter. Ich stand da noch vor drei Sekunden.“, beschwerte sich Cassian direkt, der mit zusammengekniffenen Augen die Tür anstarrte. „Er will nicht reden.“ Azriel packte ihn erneut am Arm. „Aber wir müssen doch etwas tun.“, meckerte dieser weiter. „Wir müssen ihm jetzt erst einmal Zeit für sich lassen, Cass. Das ist für uns schon nicht leicht, aber mal überlegt wie es ihm jetzt geht.“ „Ja und deshalb müssen wir reden.“ „Nein, Cass. Az hat Recht. Lassen wir ihm ein bisschen Freiraum. Er muss das erst für sich verarbeiten.“ „Wieso muss er immer alles für sich alleine verarbeiten. Er kann uns nicht immer aus allem aussperren, wenn es brenzlig wird.“ Auf diese Worte folgt wieder ein ohrenbetäubendes Krachen. Cassian verstummte sofort und sein Blick zeigte, dass er bereute was er gesagt hatte. So ähnliche Worte hatte Feyre noch kurz zuvor genutzt. „Sorry, Rhys.“, flüsterte er und ließ sich dann endlich von Azriel mit Morrigan nach unten ziehen.

Sie mussten ihm Zeit geben. Wie viel Zeit, wussten sie zu dem Zeitpunkt noch nicht. Aber irgendwann würde er aus diesem Zimmer wieder herauskommen. Eventuell war dann von dem Zimmer noch etwas übrig, eventuell war es aber auch nur noch Schutt und Asche so wie es sich da oben anhörte. Aber er hatte jedes Recht alles aus sich rauszulassen.
So setzten die drei sich leise an den Tisch an dem das ganze Drama seinen Anfang gefunden hatte. Sie lauschten auf jedes noch so kleine Geräusch, das aus dem Zimmer im Stock über ihnen drang. Jeder von ihnen war bereit sofort hinauf zu stürmen, sollte ihnen etwas komisch vorkommen. Sie alle hatten Angst. Aber sie alle hatten Rhysand auch schon in seiner größten Trauer erlebt, sie hatten Kriege mit ihm durchgestanden. Sie wussten, er brauchte die Zeit jetzt. Aber sie würden auf ihn aufpassen. Im Stillen würden sie wachen und warten. Er würde wieder kommen, wie immer. Nur wann und wie, wusste keiner. Und das machte ihnen verdammt nochmal Angst.
Review schreiben
 
 
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast