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Life is made by memories (Seit Sept. 2022 - wird überarbeitet)

Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P18 / Het
Arthur Morgan Charles Smith Colm O'Driscoll Dutch van der Linde John Marston Tilly Jackson
08.02.2021
15.04.2021
49
148.199
9
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08.02.2021 1.045
 
Hätte man mir gesagt, dass heute der Tag sein würde, auf den ich so lange gewartet habe, hätte ich lauthals gelacht. Noch weniger hätte ich damit gerechnet, dass dieser jedoch ein vollkommen anderes Ende nehmen würde. Ich habe mal gehört, dass man es spürt, wenn man dem Tod nah ist. Dass man dann sein vergangenes Leben im Schnelldurchlauf vor sich vorbeiziehen sieht. Scheinbar war das gelogen. In diesem Augenblick, in dem die eiskalten Tropfen mein taub gewordenes Gesicht nass werden ließen, war ich mir sicher, dies würden meine letzten Minuten, vielleicht sogar nur noch Sekunden auf dieser Erde sein. Aber von dem Vorbeiziehen meines bisherigen Lebens fehlte jede Spur. Und genau genommen war ich froh darum. Das Leben, welches ich bisher gelebt hatte, wünschte ich nämlich keinem.

Und vielleicht hätte ich mich dem Drang, die Augen einfach zu schließen und loszulassen auch nachgegeben, aber diese Genugtuung wollte ich dem Dreckskerl nicht geben. Ich blieb standhaft, und auch wenn ich mich nicht regen konnte, nicht mehr in der Lage war aufzustehen, und dieses Schwein gerade immer noch auf mir lag, so hielt ich dennoch meinen Geist wach, auch wenn es mich mein letztes Quäntchen Kraft kostete.
Verschwommen nahm ich den schwarzen, von Wolken bedeckten Nachthimmel wahr, welcher sich über mir erstreckte, grub meine zitternden Finger in den schlammigen, nassen Erdboden unter mir und spürte, wie kleine Steine dabei meine Haut schürften. Konzentrierte mich auf die Kälte der Nachtluft, die mich umgab, um nicht das zu spüren, was gerade mit meinem Körper passierte. Der Kerl raunte mir dicht an meinem Ohr etwas zu, doch ich hörte nichts anderes als ein Summen.
Egal, wer dieser widerwärtige Abschaum auch war, und ich hatte bereits eine Vermutung, zu wem er gehörte, ich würde nicht aufgeben. Ich durfte nicht.
Ich sah es nicht kommen, als seine Hand hart mein Gesicht traf.
"Hey, Schlampe", rief er. "Sieh mich gefälligst an!"
Heftig spuckte ich Blut aus und drehte langsam mein Gesicht zu dem unterbelichteten Schrumpfkopf, der nun dabei war, aufzustehen und seine Hose zu schließen. Demütigend blickte er auf mich herab, als wenn ich nicht mehr als Scheiße und seinen Schuhsohlen wäre, dabei ein widerwärtiges Grinsen auf den Lippen, bei dessen Anblick mir bittere Galle hochkam.

"Hast nicht gelogen, Boss, als du sagtest, sie wäre noch Jungfrau", meinte er zu dem anderen Kerl außerhalb meines Blockfeldes. Dieser stellte sich daraufhin jedoch unmittelbar neben meinen Kopf. Vergeblich blinzelte ich zu ihm hoch, versuchte sein Gesicht zu erkennen, aber es war nur der Umriss eines Monsters, vollständig schwarz und in Menschengestalt, was meine Augen vermochten wahrzunehmen.

Ein Wimmern unterdrückend, presste ich meine Schenkel eng zusammen und zog meinen hochgezogenen, zerrissenen Rock so weit es ging wieder herunter. Hoffe, dass er sich jetzt nicht auch noch an mir vergehen würde. Doch für einige lange Momente, die sich für mich beinah wie Stunden anfühlten, verharrte er nur bewegungslos an Ort und Stelle, schien mich bloß anzustarren, während der andere Mistkerl außer Sichtweite war.

Schließlich hielt ich es nicht mehr aus und versuchte, mit meinen Lippen ein Wort zu formen, doch meine Stimmbänder spielten das Spiel nicht mit. Stattdessen verließ ein verzweifeltes Röcheln meine Kehle. Verflucht!

"Die kleine Schlampe versucht doch tatsächlich immer noch ihre Klappe aufzumachen", spuckte dieser Dreckskerl, welcher gerade seinen Spaß mit mir gehabt hatte und trat wieder in mein Sichtfeld, während der andere, der neben meinem Kopf stand, noch immer keinen Ton gesprochen hatte. Bis jetzt.
"Das wird sie nicht mehr, wenn ich ihr das Licht ausknipse."
Beide fingen lauthals an zu lachen. Ein grausames, raues Lachen, welches mir das Blut in den Adern gefrieren ließ.

Meine Sinne vibrierten, mein Gehirn arbeitete wie eine Fabrik auf Hochtouren. Ich war mir sicher, ich kannte diese Stimme! Seine Stimme. Also lag ich mit meiner Vermutung tatsächlich richtig. Und statt dass dieser durchtriebene Bastard mich einfach abknallt, lässt er seinen Handlanger mich erst verprügeln und dann seinen Spaß mit mir haben. Wut stieg aus der Glut empor, die mal ein brennendes Feuer gewesen war, damals, als ich mich entschieden hatte, mich gegen alles und jeden aufzulehnen. Aus den gleichen Gründen, aus denen ich jetzt sterben sollte. Und es wohl auch würde. Finde dich einfach damit ab, zischte meine innere Stimme. Nein!
Die Gestalt neben meinem blutüberströmten Kopf – so stelle ich ihn mir zumindest vor, nach den ganzen Tritten und Schlägen – hockte sich hin und beugte sich über mein Gesicht.
So nah, dass mir der altbekannte Geruch von billigem Tabak in die Nase stieg. Und dann kam er mit sogar so nah, dass ich sein Gesicht erkennen konnte und somit endgültig meine Bestätigung hatte.
"Du …", brachte ich krächzend hervor. Er zog eine Grimasse, die wohl ein schelmisches Grinsen darstellen sollte, aber ehe einem Pferd ähnelte, dem man gerade eine Stute zum Besteigen vor die Nase gesetzt hatte. Das ließ nun doch das Feuer wieder in mir entfachen und die Mischung Adrenalin, die sich klammheimlich darunter mischte, verlieh mir tatsächlich wieder etwas Kraft.

Mit der mir möglichst heftigsten Wucht, die mir aus den letzten Reserven noch zur Verfügung stand, knallte ich ihm einfach eine und erfreulicherweise führte diese hoffentlich für ihn schmerzvolle Berührung zum erzielten Effekt.

Sein Lächeln verschwand abrupt aus seiner Hackfresse. Dafür stahl sich jetzt ein eisiger Ausdruck auf sein Gesicht, der mich noch mehr frösteln ließ, als ich es ohnehin schon tat.

Das war's wirklich jetzt.
Er erhob sich und trat mir brachial in die Seite. Ein zerrissener Schmerzenslaut quetschte sich durch meine kaputten Lippen und ich krümmte mich erneut mit verzerrtem Gesicht. Dieser Wichser!
"Du kleines Miststück! Ich hoffe, du fährst zur Hölle. Ich hätte dich schon vor Jahren ins Jenseits schicken sollen!"

Ich dich auch, du seelenloses Scheusal, wollte ich sagen.
Ein Klicken ertönte.
In seine Richtung schielend sah ich nur noch den Lauf des Revolvers direkt vor mir. Immer noch wartete ich vergeblich auf das Vorbeiziehen meines bisherigen Lebens. Aber das Warten hatte nun ein Ende.
Endlich. Etwas brach in dieser Sekunde in mir, brach auseinander und zersplitterte wie ein Glas, was man fallen ließ. Langsam drehte ich den Kopf wieder von dem Lauf weg. Nahm mein Schicksal an. Der Regen spendete mir Trost. Es war so weit. Meine Augenlider schlossen sich.
Ein Knall.
Stille. Dunkelheit.
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