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Gedanken

von Assan
KurzgeschichteSchmerz/Trost / P16 / MaleSlash
Inquisitor (weiblich) Sera
07.02.2021
07.02.2021
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Keira Lavellan lag wach. Das war nichts Nues, da sie immerhin die Last der Welt auf ihren schmalen Schultern zu tragen hatte und das nicht erst seit gestern. Doch das, was sie heue Ncht wach hielt, waren nicht etwa Sorgen um von rotem Lyrium verderbte Templer oder wahnsinnige Magier, es ging nicht um Dämonen, die aus der Bresche und den Rissen strömten, nicht um die Ereignisse in Haven. Es ging nicht um die Sorgen ihrer Bgleiter, auch wenn diese ihr schon so manche Nacht den Schlaf gestohlen hatten, Dorians Probleme mit seinem Vater, Varrics zunehmend eskalierende Feindschaft mit Cassandra, Blackwalls Kampf mit seiner eigenen Vergangenheit, Cullens Entzugserscheinungen. Das alles hatte sie nicht zur Ruhe kommen lassen, doch das hatte sich geändert, irgendwann. Sie hatte gelernt, mit all dem zurechtzukommen und sie hatte sich erlaubt, abzuschalten.

Sera regte sich neben ihr. Die Elfin drehte sich im Schlaf um, suchte nach der Wärme von Keiras Körper und fand diese, kuschelte sich fest an sie. Die feinen Muskeln in Seras Körper und ihre sachten Rundungen brachten in Keira eine Saite zum Schwingen. Sera war der Grund gewesen, die Gelegenheit, bei der sie mal abschalten und alles um sich herum vergessen konnte. In den Momenten, in denen sie sich küssten, halb nackt in ihrem Gemach herumtobten oder sich im Bett halb um den Verstand brachten, konnte sie für einen Moment Keira Lavellan sein, die Dalish, die zwar schon immer mehr sein wollte. Doch niemals hatte sie so viel sein wollen.

Sie schloss die Augen und versenkte ihr Gesicht ein wenig in die unsauber abgeraspelten blonden Haare ihrer Freundin. Nicht zum ersten Mal versuchte Keira, einen Duft in ihnen wahrzunehmen, doch sie schaffte es nicht. Es war, als hätte Sera schlichtweg keinen Eigengeruch, an dem sie sich festhalten konnte.

Ganz anders als . . .

Nein, sagte sie sich selbst. Nein, hör auf damit. Sie musste morgen ausgeschlafen sein, wie sie jeden Tag ausgeschlafen sein musste. Sie musste abrufbar sein, in Höchstform, wie immer. Sie war nicht nur eine Dalish, sie war der Herold Andrastes, eine ebenso beunruhigende wie lächerliche Vorstellung. Doch die Leute sahen sie so und ein Herold hatte gefälligst nicht auszusehen als hätte der Tod sie soeben geholt. Sie musste schlafen. Jetzt.

Doch alles zureden half nichts. Sie spürte, wie sich ihr Herzschlag beschleunigte und versuchte, ein paar Mal tief durchzuatmen. Wieder regte sich Sera, offenbar aufgeschreckt durch das rapide Klopfen des Herzens unter ihrer Wange. Zum Glück wachte sie nicht auf. Ein Gespräch hätte Keira jetzt nicht ausgehalten.

Es war ohnehin kaum zu glauben, dass Sera nichts von dem mitbekam. Seit zwei Wochen, seit Keira der unfassbaren Wahrheit ins Auge hatte sehen müssen, dieser Wahrheit von der niemand außer ihr selbst wusste, hatte sie kaum mehr geschlafen. Sie stand neben sich, war fahrig und neigte immer wieder zur Übelkeit und ab und an auch zur Übellaunigkeit. Alles ging ihr plötzlich wieder nahe. Ihre Welt, die seit dem Beginnn ihrer Beziehung zu Sera auf dem Weg der Besserung war, hatte sich aufgelöst, war in Einzelteile zerfallen und ihr auf die Füße gestürzt.

Alles wegen einer Unachtsamkeit. Alles wegen der guten Stimmung auf dieser verdammten Feierlichkeit, als sich alle gegenseitig unter den Tisch getrunken hatten. Alles wegen ihrer verdammten Dummheit.

Sie wollte gar nicht wissen, was geschehen würde, sobald jemand anderes davon erfuhr.

Vielleicht war es schon fast soweit? Leliana hatte doch ihre Nase überall. Und allen anderen musste doch auch bald auffallen, dass etwas nicht stimmte . . .

Bei dem Gedanken daran wurde ihr schlecht.

Rasch aber vorsichtig schob sie Sera unter sich weg, griff sich einen langen Mantel, den sie beim Auskleiden heute Abend übers Geländer gehängt hatte, und lief die Treppe hinunter. Inzwischen kannte sie sich in der Feste gut genug aus, um den schnellsten Weg zu dem Stück der Mauer zu kennen, dass sie gern als Rückzugsort verwendete. Es war kaum einsehbar und lag außerdem meist im Dunkeln. Wachen waren dort auch keine postiert, da von dieser Stelle der Feste keinerlei Möglichkeit zum Angriff bestand.

Sie erreichte die Stelle gerade noch rechtzeitig und erbrach sich heftig über den Mauerrand. Einige Sekunden lang hing sie noch halb in den Zinnen und starrte in die Tiefe. Wie so oft spürte sie jenes unangenehme Kribbeln in den Füßen. Den Drang, die Kontrolle aus der Hand zu geben. Der Herlod Andrastes? Pustekuchen. Ein beherzter Sprung und sie war nicht mehr als ein Fettfleck im Fels.

Doch wie jedes Mal kam es nicht soweit. Wie jedes Mal trat sie vom Abgrund zurück und atmete tief durch. Und wie jedes mal half es nichts.

Zitternd ließ sie sich an den Zinnen herabsinken, legte den Hinterkopf an den eiskalten Stein und starrte mit tränenverschleierten Augen in die Sterne. Eisiger Wind fuhr ihr in die Knochen und sie wurde sich bewusst, dass sie unter dem Mantel völlig nackt war. Frierend zog sie die Beine an. Die Magie in ihrem Blut wärmte sie ein wenig, doch selbst ihr Herz fühlte sich kalt und starr an.

Nicht kalt und starr genug, denn sonst hätte sie wohl keine Bedenken, dass Problem zu lösen und somit alle ihre Sorgen zu beseitigen. Gut, nicht alle, aber doch diejenigen, die sie seit neustem wieder wachhielten. Ihr schauderte. Nein, das kam definitiv nicht infrage. So weit würde sie es nicht kommen lassen.

Ein neuer Gedanke durchzuckte sie, heiß und schmerzhaft wie ein Blitz. Was wenn ihr diese Entscheidung abgenommen wurde, sobald andere davon erfuhren? Sofort war sie auf den Beinen, streifte ruhelos herum. Was, wenn sie einen nicht vertretbaren Fehler gemacht hatte? Würden sie soweit gehen? Sie erinnerte sich an jene Szenerie in Haven, als Leliana einem ihrer Spione befahl, einen verräterischen Spion umzubringen. Er war einmal ein Freund, hatte sie gesagt und Keira hatte an jenem Stützpfeiler des Zeltes gelehnt und sich nicht getraut, sich enzumischen. Diesmal wäre es anders, beschloss sie. Diesmal hatte sie einen Fehler gemacht, ja, aber sie würde nicht zulassen, dass andere ihn für sie ausbügeln würden.

Durch diese Erkenntnis bestärkt, setzte sie sich wieder hin und legte sich, in der klischeehaften Geste, die Hand auf den Bauch.

Oh, Keira, dachte sie und hielt die neuen Tränen nicht zurück. O Keira, wie kannst du nur so dumm sein.

Die Müdigkeit fasste nach ihr und Keira ließ sich treiben. Sie ging nicht so weit, einzuschlafen, doch sie erlaubte es sich, nach Erinnerungen zu greifen, die so weit zurück lagen, dass sie nicht mehr in diese Welt zu passen schienen.

Sie war sechzehn gewesen, als sie den Mitgliederin ihres Clans mitteilte, dass sie an Frauen statt an Männern interessiert war. Sie hatte diese Erkenntnis einige Wochen mit sich herumgetragen, hatte daran gekaut wie an einem zähen Stück Fleisch und hatte es schließlich einfach ausspucken müssen. Niemand sonst in ihrem Clan teilte dieses Interesse und sie befürchtete das schlimmste. Enige der Alten rümpften die Nase, doch die Hüterin hatte nichts daran auszusetzen.

"Das ändert nichts an dem, was du bist", hatte sie gesagt und ihr den Arm um die Schultern gelegt. "Es ist nicht wichtig, wen du liebst, solange du es von Herzen tust. Und uns andere hat es ebenso wenig zu stören, ob du nun mit einem Mann oder einer Frau zusammen bist, wie es uns zu stören hat, ob deine Liebe rote oder blonde Haare hat. Die Seele ist wichtig und deine Seele, Kind, ist gut." Damit war die Sache vom Tisch, denn niemand, der bei Verstand war, konnte diesem Argument widersprechen.

Und dann hatte ihre Mutter ihr an jenem Abend etwas ähnliches gesagt, in der Geborgenheit einer mütterlichen Umarmung und ihr Vater hatte in seinem unnachahmlichen Humor seinen Teil dazu beigetragen: "Nun müssen wir uns wenigstens keine Sorgen machen, dass du uns zur Unzeit schwanger wirst."

Die Tränen flossen frei über ihr Gesicht, in der Kälte der Himmelsfeste, als sie an jene Nacht dachte. Tut mir leid, Vater, dachte sie und zog die Beine an. Nun bin ich hier und jetzt ist es wohl so sehr zur Unzeit, wie es nur sein kann.

Es war Cullen gewesen, der sanfte, gut riechende, an jenem Abend so sturzbetrunkene Cullen, der sie in diese Bredoullie gebracht hatte. Natürlich war es selbstsüchtig, das zu sagen. Eigentlich war es ebenso ihre eigene Schuld, denn selbst in jenem Zustand hätte er sich ihr nie aufgedrängt. Sie hätte nur nein zu sagen brauchen.

Nein. Ein sehr einfaches Wort, geradezu lächerlich einfach und doch hatte sie es nicht über die Lippen bekommen, als es darauf ankam. Stattdessen hatte sie sich von ihm bezirzen lassen und hatte zurückgeflirtet. Sie hatte Sera unter dem Tisch liegen lassen, ihren Rausch ausschlafend, und hatte sich mit dem Hauptmann zurückgezogen, in der seligen Gewissheit, dass es ihnen beiden um nicht mehr ging als eine einzige Nacht. Es war nicht ihr erstes  Mal mit einem Mann, denn anders als ihr sechzehnjähriges Ich geglaubt hatte, hatte sie durchaus Interesse an beiden Seiten der Schöpfung - wenn auch durchaus weniger an der männlichen.

Und in dieser eine verdammten Nacht war also alles schiefgegangen. Und nun war der Herold Andrastes, eine Magierin der Dalish, schwanger vom ehemaligen Templer und dem Kommandanten der Inquiaitionstruppen.

Wie jedes Mal, wenn ihr die Situation auf diese Weise deutlich wurde, drohte die Verzweiflung sie schier zu überwältigen. Nicht allein, dass sie Sera betrogen hatte und dem Haputmann nun nicht mehr gerade in die Augen schauen konnte. Nein, nun wuchs in diesem Chaos auch noch ein Kind in ihr heran, inmitten eines Krieges. Jede Frau, die in einer solchen Zeit schwanger wurde, hatte ähnliche Gedanken - ist es nicht verantwortungslos, ein junges, schutzloses Leben in eine solche Welt zu werfen? Doch bei Keira war es noch sehr viel schlimmer. Sie war eine Zielscheibe, kein Tag verging, an dem nicht jemand oder etwas versuchte, sie zu töten und außerdem hatte sie nicht den Hauch einer Vorstellung, inwiefern die Eriegnisse im Tempel der Heiligen Asche mehr in ihr verändert hatten als nur das Mal zu hinterlassen. Was, wenn sie anderweitig verändert worden war? Sie könnte der Erbauer weiß was gebären.

Wenn es denn überhaupt so weit kommt. Da war sie wieder, die böse kleine Stimme, die sie vorhin schon verdrängt hatte. Das muss es nicht. Die Feste ist voller Magier, die ihr helfen könnten. Mit Sicherheit würden bereits die Kenntnisse von Vivienne allein ausreichen.

Nein. Nein, das kam ganz eindeutig nicht in Frage. Sie würde nicht, unter keinen Umständen, diesen Weg einschlagen. Keine Diskussion.

Welchen würde sie aber gehen? Konnte sie das wirklich vertreten? Was wäre ein schwangerer Inquisitor, wenn nicht eine Einladung an all ihre Feinde, sich die Himmelsfeste unter den Nagel zu reißen?

Steht am Ende ein ungeborenes Leben gegen alle anderen?

Hör dich doch an, dachte sie wütend. Genau dasselbe könnte auch Cassandra sagen. Genau das wird sie sagen wenn sie davon erfährt. Und Josephine wird die Augen aufreißen und es gar nicht fassen können. Und Leliana - nun, sie wird wie immer die Fassade bewahren und letzten Endes würde sie vermutlich dafür sorgen, dass jemand rasch die nötigen Kräuter besorgte, die man jemandem in einer solchen Situation in den Tee mischte.

Keira wusste nicht, ob sie sich das selbst glaubte. Sie wusste nicht, ob ihre Berater, ihre Freunde, so weit gehen würden. Und genau das war das Problem - dass sie es eben nicht wusste.

Das schlimmste wäre jedoch Sera, wenn ihr klar wurde, was das für sie bedeutete. Anders als einem gehörnten Ehemann konnte man ihr keine Lügen erzählen, was die Abstammung dieses Kindes anging. Ihr Herz wäre gebrochen und alles nur wegen eines Fehlers.
Wenn sie ihn doch nur rückgängig machen könnte!

Kurz dachte sie ernsthaft darüber nach. Theoretisch hatte Alexius ja bewiesen, dass so etwas möglich war. Und theoretisch wäre es vielleicht auch möglich, dass Dorian ihr . . .

Das ist doch alles Unsinn, unterbrach sie sich selbst und biss die Zähne ob der nahenden Erkenntnis zusammen. Sie konnte es nicht rückgängig machen und da sie das Kind nicht verlieren wollte, musste sie es zumindest einem ihrer Berater sagen.

Mit schmerzendem Rücken und eiskalten Gliedern stand sie auf, warf einen Blick in den funkelnden Sternenhimmel. Cassandra war keine Option, ebenso wenig Cullen. Josephine also, oder Leliana. Es war eine schwierige Entscheidung und darüber hinaus eine, die sie bald treffen müsste.

Eine neue Welle Energie durchfloss sie, wie immer, wenn sie drauf und dran war, einer Idee impulsiv nachzugehen. Nicht bald. Jetzt. Sie würde nicht noch länger warten, sie würde es sich nicht noch länger antun, neben Sera zu liegen und zu wissen, dass die Frucht ihrer Untreue langsam aber stetig wuchs. Sie würde es jemandem sagen, wenn auch nicht gleich Sera, dafür war sie eindeutig noch nicht bereit.

Josie. Leliana.

Leliana?

Nein. Auch wenn sie ihrer Meisterspionin nicht wirklich zutraute, derart gegen ihren Willen zu handeln, aber Josephine hatte sich in der Vergangenehit als gute Freundin entpuppt, vor allem seit die Angelegenheit mit dem Haus der Ruhe geklärt worden war. Sie verbrachten regelmäßig Abende zusammen und plauderten über dies und das.

Keira warf einen Blick in den Himmel. Es war wirklich mitten in der Nacht, aber wenn sie dieses Gespräch auf morgen verschob, würde sie vielleicht nie wieder jenen aus der Verzweiflung geborenen Mut finden. Also jetzt.

Entschlossen knöpfte sie den Mantel zu und machte sich direkt auf den Weg in Josephines Schlafgemach.

Noch auf dem Weg dorthin spürte sie, wie ihr Herz ruhiger schlug. Was auch immer jetzt passierte - diese eine Entscheidung war richtig gewesen.
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