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Fremdes Land

von Calandraa
KurzgeschichteRomance, Schmerz/Trost / P12 / Gen
Anathema Apparat Newton Läuterer
07.02.2021
07.02.2021
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07.02.2021 801
 
Die deutsche Fassung einer Kurzgeschichte, die ich für einen Discord Server zum Stichwort "Unfamiliar", also "unbekannt/fremdartig" geschrieben habe.

Zum Original: https://archiveofourown.org/works/29241249



Zögerlich spähte Anathema aus dem Fenster. Im Garten von Jasmin Cottage badeten die Blumen in der Spätsommersonne, die Vögel flatterten um die kleine Tränke und ein sanfter Wind fuhr durch das Gras und die Hecken.

Der Tag war wunderschön, aber nicht ungewöhnlich für einen Sommertag in Tadfield.

Für die meisten Leute.

Anathema betrat jedoch Neuland. Sie beging nicht nur einen neuen Tag, sondern auch ein neues Kapitel ihres Lebens. Ein Kapitel voller Ungewissheit.

Die Vergangenheit ist ein fremdes Land.

Zumindest laut des Anfangs eines Romans von LP Hartley. Anathema war geneigt dem zuzustimmen, aber für sie war zum ersten Mal auch die Zukunft ein fremdes Land.

Sie wusste nicht, ob der Tag so schön bleiben würde oder ob eine Katastrophe auf die Welt lauerte.

Zum ersten Mal in ihrem Leben war Anathema aufgewacht ohne dass da ein Buch war, das sie öffnen konnte, um Führung zu erhalten. Natürlich hatte sie es nicht immer benutzt, aber es hatte immer die Möglichkeit gegeben. Es war immer da gewesen und dieses Wissen hatte sie beruhigt und geerdet.

Nun, da sie die Tür öffnete und die Zeitung mit der besorgniserregenden Überschrift aufhob, war sie genauso unsicher wie alle anderen. Würde der erwähnte "Konflikt" gelöst oder zu einer langfristigen Krise werden? Gar einen Krieg auslösen?

Für die bevorstehenden Wahlen musste sie sich wie alle anderen auf Umfragen, Spekulationen und Bauchgefühle verlassen. Nicht früher als jeder andere würde sie einen Sturm kommen sehen und der Tod geliebter Menschen würde sie genauso hart und überraschend treffen wie andere Menschen.

Der Käfig war verschwunden und die Sicherheit, die er bot, auch.

Sie war nun genauso hilflos und verletzlich wie alle anderen. Etwas, das sie nicht gewohnt war. Blind in die Tage, die da kamen, zu gehen, normal für jeden anderen Menschen auf dem Planeten, war für sie eine beängstigende Vorstellung.

Unbekannt.

Anders.

Fremdartig.

Plötzlich fiel es ihr schwer, zu atmen und sie sah alles wie in einem dunklen Tunnel. Sie legte ihre Arme um sich selbst und versuchte vergeblich, das Zittern ihres Körpers zu stoppen.

Sie konnte das nicht tun. Das neue Buch zu verbrennen war ein Fehler gewesen. Ohne Anleitung würde sie das nicht durchstehen. Sie war nicht stark genug. Nicht klug genug. Sie konnte nicht...

Zwei warme Hände fanden ihre zitternden Schultern und jemand drückte einen zärtlichen Kuss auf ihr Haar.

"Hey", klang Newts Stimme hinter ihr. "Ist dir kalt?"

Er verschwand und kehrte einige Sekunden später mit einer Strickjacke zurück.

"Hier ist es eigentlich ziemlich warm", sagte er mit Besorgnis in der Stimme, während er vorsichtig die Jacke um sie legte. "Wirst du krank?"

"Ich... ich weiß es nicht", sagte sie und die Wahrheit, die in diesen Worten lag, trieb ihr fast die Tränen in die Augen.

"Komm schon", sagte er, während er sie mit sanfter Gewalt ins Wohnzimmer und auf die Couch manövrierte.

Er verpasste ihr einen leichten Schubs, sodass sie mit einem "Oof" auf dem Sofa landete, und er kicherte leise.

"Du machst wirklich niedliche Geräusche", sagte er und legte eine Decke über ihre Beine. "Du bleibst hier und ich mach‘ dir einen Tee."

"Ich kann das selbst machen", winkte sie ab und versuchte aufzustehen.

Aber Newt ließ sie nicht.

"Ich weiß, dass du Tee machen kannst", lachte er und hielt sie fest. "Aber ich kann das auch, weißt du? Es sei denn, bei dir im Haus ist ein Computer dafür zuständig.“

"Nein, keine Computer", lächelte Anathema.

Er setzte sich neben sie und streichelte ihre Wange. Während er durch ihre Haare streichelte, küsste er sie zärtlich.

"Ruh‘ dich ein bisschen aus", sagte er und schlug vor, „Sieh fern oder lies. Du hattest eine sehr harte Woche. Ich werde mich um dich kümmern. Wenn du mich lässt.“

Anathema biss sich nachdenklich auf die Lippe, aber dann nickte sie.

"Okay", sagte sie.

Nach einem weiteren sanften Kuss stand er auf und ging, um Tee zu kochen.

Anathema hielt ihre Fingerspitzen gegen ihre Lippen und lächelte. Mit der Erinnerung an Newts Berührung, seinem Aftershave in der Nase und den geschäftigen Geräuschen aus der Küche wirkten die Schatten einer unbekannten Zukunft plötzlich weniger beängstigend. Seufzend lehnte Anathema sich zurück und erlaubte sich, für einen Moment die Augen zu schließen.

Auch das war fremdartig. Jemand, der sich um sie kümmerte. Jemand, der mehr in ihr sah als einen Wissenslieferanten. Jemand, der bereit war, jede Last zu teilen, die sie trug.

Fremdartig, aber nicht beängstigend.

Die Zukunft war ein fremdes Land. Aber sie musste es nicht alleine entdecken.



Ende
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