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Die Freiheit eines Narren

GeschichteMystery, Thriller / P18 / MaleSlash
Ango Sakaguchi Chuya Nakahara Fyodor Dostoevsky Osamu Dazai Sakunosuke Oda
07.02.2021
27.06.2021
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36.502
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07.02.2021 3.548
 
Über das karge Land wehte ein eisiger Wind, der selbst die dürren Äste der alten Bäume bog, als die beiden Beamten vor der hohen, mit Stacheldraht gekrönten Ziegelmauer zum Stehen kamen. Durch die Gitterstäbe des Tors warfen sie gleichzeitig einen Blick in den trostlosen Hof, bevor der größere der Männer kräftig an der rostigen Glocke läutete.
Ihr dumpfes, lautes Klingeln schien jedoch im Heulen und Peitschen des Windes unterzugehen, denn der größere Beamte musste sie so oft zum Läuten bringen, dass seine Hände von dem rauen Strick schon gereizt waren, als sich endlich die Pforte des Gebäudes öffnete und zwei Männer hinaus in die ungemütliche Natur traten.
Sie beide trugen die weiße Uniform des Pflegepersonals und durchquerten mit schnellen Schritten den betonierten, leeren Hof, bis sie endlich vor dem vergitterten Tor standen und die Beamten misstrauisch musterten.
»Ja, bitte?«, fragte der kleinere der beiden Männer, der sein längeres, rostrotes Haar zu einem lockeren Zopf gebunden hatte.
»Mein Name ist Ango Sakaguchi und das ist mein Kollege Sakunosuke Oda. Wir kommen vom Gesundheitsministerium, Sektion neun, Abteilung elf, um eine routinemäßige Inspektion in dieser… äh… diesem Irrenhaus durchzuführen. Unser Erscheinen wurde vor vier Wochen schriftlich angekündigt.«
»Haben Sie auch einen Ausweis? Den muss ich leider verlangen«, erwiderte der Rothaarige und musterte die beiden Männer argwöhnisch.
Während Ango in die Hosentasche seines Anzugs griff, hatte sein Kollege den Ausweis bereits hervorgezogen und dem Angestellten der Nervenheilanstalt durch die Gitterstäbe hindurch gereicht.
Die tiefblauen Augen des jungen Mannes überflogen kurz die ordentlichen Zeilen auf dem Ausweis und verglichen den Mann auf der körnigen Schwarz-Weiß-Fotografie mit dem Mann, der vor ihm stand. Im nächsten Moment reichte er dem Beamten den dicken Bogen gelben Papiers schließlich zurück.
»In Ordnung. Die Anstaltsleitung erwartet Sie bereits«, sagte der Rothaarige schließlich ruhig, »Mein Name ist übrigens Chuuya Nakahara, ich bin der Leiter der medizinischen Pflegekräfte.«
»Sie meinen wohl ›der fachkundigen Wärter‹, nicht wahr?«, fragte Oda tonlos nach.
»Wir mögen dieses Wort nicht«, erwiderte Chuuya barsch, »Entgegen der gängigen Praxis betrachtet die Leitung dieser Anstalt ihre Patienten nicht als ›Insassen‹, die von Wärtern beaufsichtigt werden müssen. Sondern als Kranke, die die Hilfe ihrer Ärzte und Pfleger brauchen und auch verdienen.«
Die beiden Beamten tauschten einen Blick, den der Rothaarige nicht deuten konnte. Er zog von seinem Gürtel einen großen Bund Schlüsseln, suchte kurz einen besonders großen heraus und sperrte mit ihm das Schloss des Tores auf. Die Scharniere quietschten laut, als der Rothaarige und sein Kollege gleichzeitig die beiden Flügeln des Tores auseinanderklappten und damit den Weg für die beiden Beamten freimachten, die mit festen Schritten über die Schwelle und in den Hof traten. Sie warteten geduldig darauf, dass die Angestellten das Tor schlossen, wieder versperrten und schließlich wieder zu ihnen stießen.
»Ich bringe Sie zur Anstaltsleitung. Bleiben Sie bitte dicht bei mir«, wies Chuuya die Beamten an und wandte sich zu seinem Kollegen, der bereits die schwere Tür aufhielt.
»In Ordnung«, antwortete Ango, bevor er dem Rothaarigen ins Innere der Anstalt folgte.
Es handelte sich um einen ringförmigen Bau, der in der Mitte durch einen Trakt für die Angestellten in zwei Hälften geteilt war. So führte der Weg die beiden Beamten und den leitenden Angestellten über den schachbrettartig gefliesten Boden vorbei an dicken, mit Metallriegeln versehenen, verschlossenen Holztüren, die mit Namensschildern beschriftet waren. Ango versuchte, die Namen zu lesen und sich einzuprägen, auch ohne seine Brille, die er abgenommen hatte, weil die Gläser ständig beschlugen, tat er sich schwer.

Nakajima, Atsushi.
Fitzgerald, Francis Scott.
Gogol, Nikolai.
Dazai, Osamu.
Akutagawa, Ryuunosuke.


Neben ihren Schritten hallten gelegentlich auch menschliche Schreie und undefinierbares Poltern durch den Flur.
Als die Drei nach einer halben Runde im ringförmigen Bau eine Abzweigung erreichten, kramte Chuuya erneut nach seinem Schlüsselbund, um die vergitterte Tür, die in den Trakt der Angestellten führte, zu öffnen und hinter ihnen wieder zu versperren.
In Chuuyas Schlepptau erklommen Ango und Oda Stufe um Stufe, bis sie schließlich den zweiten Stock erreicht hatten und inmitten des langen Flures vor einer schön geschnitzten Mahagonitür standen. Obwohl Chuuya mit seinen Fingerknöcheln nur sacht gegen das dunkle Holz pochte, hallte das Geräusch laut wider.
»Herein.«
Der Rothaarige zog die Tür auf, ließ die Beamten in das Zimmer dahinter treten und die Tür danach wortlos wieder ins Schloss fallen. Das Geräusch hatte etwas seltsam Endgültiges an sich. Während Ango sich beunruhigt in dem riesigen Arbeitszimmer mit hohen Bücherregalen und großzügigem Ausblick über die Anstalt umsah, verfolgte Odas Blick die Bewegungen des jungen Mannes, der sich ihnen lächelnd näherte.
Er trug einen gutsitzenden Anzug und sein lockiges, brünettes Haar ein wenig länger.
»Guten Tag, die Herren Staatsbeamte!«, begrüßte er sie heiter, »Ich bin Doktor Mori, der Leiter dieser hübschen, kleinen Anstalt für Geisteskranke. Und Sie sind Herr Oda und Herr – … äh…«
»Sakaguchi, richtig«, bestätigte Ango und machte eine Verbeugung, »Es freut uns, Ihre Bekanntschaft zu machen.«
»Ganz meinerseits. Herzlich Willkommen!«, sagte der Arzt und verbeugte sich ebenfalls, »Bitte, nehmen Sie Platz! Plaudern wir ein bisschen…«
Mit einer ausladenden Geste deutete er zu einer bequemen Sitzgruppe, die sich nahe den großen Fenstern befand. Ango und Oda zogen Ihre Mäntel aus und hängten sie zu einem langen, beigen Mantel auf den Garderobenständer an die Tür, bevor sie auf die Sitzgruppe zusteuerten. Die beiden Beamten, die nach der langen Anreise etwas erschöpft waren, ließen sich dankbar auf den weichen, etwas verstaubten Polstermöbel nieder. Zwischen ihnen, mit dem Rücken zum Fenster, saß der Anstaltsleiter.
»Möchten Sie Tee? Kaffee? Gebäck?«, fragte er sanft.
»Tee wäre nett«, antwortete Ango.
»Für mich nichts, danke«, lehnte sein Kollege ab.
Doktor Mori griff nach der warmen Teekanne, die in der Mitte des kleinen Tisches stand und begann fröhlich summend in zwei Tassen einzuschenken.
»Sie sind wirklich gut vorbereitet… Trotz unserer wetterbedingten Verspätung ist der Tee noch warm«, bemerkte Oda mit einem misstrauischen Unterton in seiner Stimme.
»Mit Ihrer Verspätung hat das nichts zu tun. Um diese Zeit etwa wird mein Stellvertreter mit seiner morgendlichen Visite fertig und unterrichtet mich dann immer bei einer Tasse Tee über Neuigkeiten… Er wird jeden Moment hereinschneien, aber wir können schon mal ohne ihn anfangen.«
Der Anstaltsleiter lächelte geheimnisvoll, bevor er an seiner Teetasse nippte. Ango öffnete unterdessen seine lederne Tasche und holte ein dünnes Buch, sowie ein kleines Tintenfass und einen Füller hervor. Das aufgeschraubte Tintenfass stellte er auf dem Tisch ab, das dünne Buch legte er auf das Knie seines überschlagenen Beines, die Hand mit dem Füller ruhte darauf.
»Sie sehen recht jung aus, dafür, dass Sie eigentlich um die Vierzig Jahre alt sind, Doktor Mori. Ich hätte Sie auf höchstens achtundzwanzig geschätzt«, bemerkte der schwarzhaarige Brillenträger ruhig.
»Tja, das muss die gute Landluft machen. Oder auch meine Patienten, die halten mich wohl jung…«, erwiderte der junge Mann freundlich.
»Warum tragen Sie eigentlich einen Verband um Ihren linken Unterarm, Doktor Mori?«, wollte Oda wissen. Ango sah erst zu seinem Kollegen und schließlich zu dem Anstaltsleiter und entdeckte jetzt ebenfalls die weißen Bandagen, die knapp unter dem Handgelenk aus dem Ärmel hervorblitzten.
»Die meisten unserer Patienten sind harmlos… aber sie sind eben auch geisteskrank und wissen manchmal nicht, was sie tun… oder, dass man ihnen nur helfen will. Bitte vergessen Sie beide das nicht, solange Sie hier sind«, erwiderte Doktor Mori warnend, anstatt eine konkrete Erklärung für seinen verbundenen Unterarm zu liefern. Jedoch erschien die Andeutung, dass er von einem Patienten verletzt worden war, den beiden Beamten absolut ausreichend, denn sie stellten keine weiteren Fragen dazu.
»Herr Doktor Mori, warum erzählen Sie uns nicht ein bisschen etwas über Ihre Anstalt? Wie dürfen wir uns den Alltag hier vorstellen?«, wollte Ango stattdessen wissen. Er zog die Kappe von seinem Füller, tauchte die goldene Spitze in das Tintenfässchen und wischte sie dann vorsichtig in seinem Taschentuch ab. Bereit, die Antwort des Anstaltsleiters gleich aufzuschreiben, hielt er die Spitze des Füllers dicht über dem Papier.
»Nun, wir haben hier nur männliche Patienten und sind momentan nur zu Hälfe belegt. Die Pfleger beginnen jeden Morgen um sechs Uhr, das Frühstück zu bringen. Ab sieben Uhr beginnt die Visite der Ärzte. Wir besuchen die Patienten in ihren Zimmern, erkundigen uns nach ihrem Befinden und ordnen, wenn nötig, Behandlungen an. Später besprechen wir uns und beginnen anschließend mit den Therapien. Von 12 bis 13 Uhr gibt es Mittagessen. Die Patienten, die an dem Tag keine Behandlung haben, dürfen sich in ihren Zimmern, im Aufenthaltsraum oder im Hof frei beschäftigen. Wenn die Zimmer frei sind, werden diese vom Personal gereinigt. Abendessen gibt es dann um 18 Uhr. Ab 20 Uhr herrscht Nachtruhe.«
»Sie sagten, dass die Patienten sich im Aufenthaltsraum oder im Hof frei beschäftigen dürfen. Soll das etwa heißen, Sie lassen diese Menschen frei im Gebäude herumlaufen?«, fragte Oda über das Kratzen von Angos Füller auf dem Papier hinweg. In seiner Stimme lag Entsetzen, als hätte der Mann neben ihm gerade verkündet, auf der Zehenspitze über einem tödlichen Abgrund zu balancieren.
»Sie sagen das ja so, als wäre es fahrlässig von mir«, bemerkte Doktor Mori etwas beleidigt, »Es gibt Patienten, deren Störungen zu gravierend sind, um sie aus ihren Zimmern zu lassen. Sie wären eine Gefahr für sich und andere. Darum sind sie im obersten Stockwerk sicher verwahrt. Aber den anderen Patienten ist es gestattet, sich auf den Fluren und in gesicherten Bereichen frei zu bewegen. Und warum auch nicht? Es trägt zur Besserung ihres Zustandes bei.«
»Herr Doktor Mori, darf ich Sie fragen, wie es dazu gekommen ist, dass die Insassen in Ihrer Anstalt derart viele Freiheiten genießen?«
Der Arzt neigte den Kopf zur Seite, sodass seine brünetten Locken ihm sacht ins Gesicht fielen. Sein Lächeln mutete scheinheilig an.
»Könnten Sie dieses Wort bitte nicht mehr verwenden? Ich mag es nicht besonders, wenn meine Patienten als ›Insassen‹ bezeichnet werden. Wären sie Insassen, die einfach nur weggesperrt werden sollen, wie Straftäter, dann wäre ich auch kein richtiger Arzt, sondern ein einfacher Kerkermeister. Und das wäre eine Beleidigung für meinen Berufsstand und die Arbeit, die wir hier leisten! Dann hätte ich mir die Mühen des Medizinstudiums gleich ersparen und im Gefängnis arbeiten können! Aber stattdessen habe ich Menschen studiert, um Menschen zu helfen, sind sie nun krank am Leib oder krank im Geiste!«
»Gut, das verstehen wir natürlich, Herr Doktor…«, beschwichtigte Ango.
Die beiden Beamten tauschten erneut einen beunruhigten Blick über den plötzlichen Zorn des Anstaltsleiters. Als dieser schwer durchatmete, von seinem Tee trank und schließlich wieder lächelte, bemühte sich Oda, das Gespräch wieder in die rechte Bahn zu lenken.
»Sie bemühen sich, Ihren Patienten einen möglichst normalen Alltag zu bieten, wenn ich richtig verstehe?«
»Allerdings.«
»Wie viele Angestellte arbeiten hier?«
»Wir sind eine kleine Anstalt mit leider bescheidenen finanziellen Mitteln. Doktor Dostojewski, Doktor Hirotsu und ich sind momentan die einzigen Ärzte, die hier arbeiten. Um den Papierkram kümmert sich mein Sekretär Kunikida. Ansonsten haben wir noch fünf Pfleger, eine Köchin, eine Küchenhilfe und ein Mädchen, das die Wäsche macht.«
»Wie viele Patienten sind momentan hier untergebracht?«
»Dreiundvierzig… Nein, zweiundvierzig sind es momentan.«
»Hat es schon Vorfälle gegeben, bei denen sich Ihre Patienten gegenseitig verletzt haben?«, fragte der rothaarige Beamte weiter.
»Selbstverständlich gibt es immer wieder Verletzungen. Es ist eine Irrenanstalt.«
»Es gibt auch Todesfälle, richtig?«, fragte dieses Mal Ango nach, ohne jedoch den Blick von seinen Notizen zu heben.
»Ja. Leider gibt es auch Todesfälle.«
»Wie viele?«
»Seit Öffnung der Klinik? Insgesamt hat es acht gegeben, wenn ich mich nicht irre.«
»Wann war der letzte?«
»Das ist noch nicht allzu lange her… Es war kurz, bevor ich Ihren Brief erhalten habe.«
Ango legte seinen Füller zur Seite, um einen Schluck von seinem Tee zu nehmen.
»Und wie hieß der Tote? Unter welchen Umständen ist er ums Leben gekommen?«
Der Anstaltsleiter stand seufzend auf und ging ans Fenster, aus dem er nachdenklich hinunter in den Innenhof blicke, in dem um diese Jahreszeit nur braunes Gras wuchs. Er beobachtete zwei junge Männer, die dort Ball spielten.
»Sein Name war Osamu Dazai«, begann Doktor Mori zu erzählen, »Er wurde eingeliefert, weil er mehrmals versucht hatte, sich das Leben zu nehmen. Mein Stellvertreter schien zunächst Erfolge bei ihm zu erzielen, doch letztendlich ist es dem Mann trotz unserer Vorsichtsmaßnahmen gelungen, sich selbst zu töten. Er hat unbemerkt in der ganzen Anstalt kleine spitze Gegenstände, wie winzige Glassplitter, scharfkantige Steine, Nähnadeln und dergleichen mitgehenlassen und gesammelt, um sie eines Tages zu schlucken. Sodass er innerlich verblutet ist.«
»Wie konnten Sie die Todesursache so genau feststellen? Haben Sie den Leichnam untersucht?«
»Ja, gemeinsam mit meinem Stellvertreter. Der Magen des bedauernswerten Mannes war quasi durchlöchert.«
»Schrecklich«, meinte Oda schaudernd.
»Ja, sehr tragisch. Aber leider gibt es auch Menschen, denen die Medizin nicht helfen kann…«
Als der Anstaltsleiter sich wieder zu ihnen umdrehte, schenkte er den beiden Beamten ein ausdrucksloses Lächeln, das ihnen das Blut in den Adern gefrieren ließ.
Ango konnte sich dem Gefühl nicht erwehren, dass etwas in dieser Anstalt nicht mit rechten Dingen zuging.
»Dürfen wir die Krankenakten einsehen?«, fragte Oda.
»Nein, die werden im Interesse der Patienten unter Verschluss gehalten. Ich kann sie nicht einfach hergeben, nicht ohne eine bindende, rechtliche Verfügung…«
»Herr Doktor Mori, selbstverständlich sind wir aber gezwungen, die Bücher und Bilanzen zu prüfen«, wechselte Ango das Thema, nachdem er sich geräuspert hatte.
»Selbstverständlich. Die Unterlagen hat mein Sekretär. Fragen Sie ihn einfach, wenn Sie etwas brauchen«, lächelte der brünette Arzt sanft.
Der Beamte wollte bereits etwas erwidern, als unvermittelt die schwere Tür zur Seite schwang und ein junger, dunkelhaariger Mann eintrat. Neben einer weißen Hose und einem weißen Oberteil mit hellviolettem Saum trug er einen weißen Kittel, den er nun im Gehen abstreifte und unter seinem Arm hielt. Doch kaum hatten seine amethystfarbenen Augen die beiden fremden Männer erblickt, blieb er mitten auf dem schweren Perserteppich stehen.
»Guten Tag…«, sagte er sichtlich verwirrt.
»Ah, Fjodor, du kommst gerade recht«, sprach der Anstaltsleiter ihn freundlich an und deutete mit beiden Armen auf die links und rechts neben ihm sitzende Beamten, »Darf ich vorstellen, das sind Herr Oda und Herr Sakamichi, die Inspektoren vom Ministerium.«
»Sakaguchi«, korrigierte Ango tonlos.
»Verzeihung«, lächelte Doktor Mori freudlos, »Also, Herr Sakaguchi und Herr Oda, das ist der stellvertretende Anstaltsleiter, Doktor Fjodor Dostojewski.«
»Es ist mir eine Ehre«, beteuerte der Schwarzhaarige und deutete eine Verbeugung an.
»Setz dich zu unserer netten Runde«, forderte der Anstaltsleiter seinen Stellvertreter auf, »Selbstverständlich nur, wenn du Zeit hast…«
Unter den misstrauischen Blicken der beiden Beamten setzte sich der Russe seinem Vorgesetzten gegenüber in einen grünen Ohrensessel an den kleinen Tisch und begann sich Tee einzuschenken.
»Die Luft hier und die Patienten scheinen ja ein wahrer Jungbrunnen zu sein«, bemerkte Ango etwas missmutig.
»Nein, mein Kollege ist tatsächlich noch sehr jung«, erwiderte Doktor Mori gut gelaunt, »Aber trotz seines zarten Alters ist er ein brillanter Arzt. Der beste Schüler eines weltberühmten Wiener Psychiaters und Universitätsprofessors…«
»Soso, also kommen Sie aus Wien?«, hakte Oda nach.
»Geboren und aufgewachsen bin ich in Russland«, antwortete Dostojewski ruhig. Er hielt die Teetasse fast auf Höhe seines Gesichts, zögerte jedoch, von dem Tee zu trinken, solange die beiden Beamten ihn so argwöhnisch musterten.
»Sie sprechen also nicht nur Russisch und Japanisch, sondern auch Französisch?«
»In Wien spricht man Deutsch, also beherrsche ich Deutsch, nicht Französisch«, verbesserte der Russe ohne mit der Wimper zu zucken, »Ach ja. Und selbstverständlich noch Latein, die Sprache der Medizin…«
Wieder teilten sich die Beamten mit einem kurzen Blick schweigend mit, dass sie kein gutes Gefühl in dieser Anstalt hatten.
»Wo waren wir stehen geblieben?«, schaltete sich nun der Anstaltsleiter wieder mit freundlichem Nachdruck in das Gespräch ein.
Oda räusperte sich, während Ango versuchte, den Faden wieder aufzunehmen.
»Nun, Herr Doktor, der Anstaltsleiter hat vorhin gesagt, dass auch Sie Therapien und Behandlungen anordnen würden«, leitete er ein, während er von seiner Mitschrift ablas, »Damit sind die gängigen Verfahren gemeint, nicht wahr? Also Sturzbäder, Schocktherapien und dergleichen?«
»Tatsächlich greife ich nicht gerne auf diese Methoden zurück«, antwortete Dostojewski, der so tat, als ob er den warnenden Blick seines Vorgesetzten nicht bemerkt hätte.
»Warum nicht?« Die beiden Beamten waren misstrauischer denn je.
»Sie erscheinen mir veraltet und grausam. Haben Sie schon mal ein Sturzbad gemacht? Nicht sehr angenehm. Sie können es ja gerne einmal versuchen, ich lade Sie herzlich ein…«, lächelte der Russe.
»Haben Sie es etwa gemacht?«, ließ sich Oda darauf ein.
»Natürlich. Für gesunde Menschen ist es zwar völlig ungeeignet, doch als Arzt sollte man schon wissen, was man seinen Patienten verordnet. Sehen Sie das nicht so?«
»Tatsächlich bin ich da anderer Meinung. Schließlich kann man auch nicht jedes Medikament durchprobieren, die Nebenwirkungen wären verheerend…«, warf Ango ein.
»Lass die Scherze, Fjodor. Spaß beiseite, wir führen nur in seltenen Fällen Sturzbäder durch. Tja, beim Studium im Ausland hat man eben andere Zugänge, aber der Erfolg gibt ihm recht…«, warf sein Kollege heiter ein, »Äh… Will jemand vielleicht süßes Gebäck? Ist mit Marmelade gefüllt, sehr köstlich.«
Oda winkte genervt ab und fixierte mit seinem Blick den dunkelhaarigen Russen.
»Welche Therapien ordnen Sie dann an?«, wollte er wissen.
»Das kommt immer auf den Patienten an. Wir haben beispielsweise einen Mann, der glaubt, in einem Vogelkäfig gefangen zu sein. Gelegentlich wurde er ganz hysterisch und wehrte sich gegen unsichtbare Fesseln. Ich gehe mit ihm im Hof spazieren, damit er sieht, dass ihn keine Gitterstäbe zurückhalten.«
»Funktioniert das denn?«, wollte Oda skeptisch wissen, während Ango hektisch den Füller ins Tintenfässchen tauchte, und rasch weiterschrieb, um die Antwort des Arztes sofort festzuhalten.
»Die Fortschritte sind schleppend, aber jedenfalls größer als nach einer Schocktherapie«, antwortete der Russe selbstsicher.
»Was ist mit dem schwierigeren Patienten, die, die in diesem Stockwerk leben? Wie werden die behandelt?«
Dostojewski sah aus dem Augenwinkel kurz zu seinem Vorgesetzten, der scheinbar desinteressiert an die Decke blickte, während er von einem gefüllten Keks aß.
»Auch da kommt es auf den Patienten an«, antwortete der russische Arzt ausweichend, »Zum Beispiel haben wir einen Mann, der sich für den Kaiser hält. Und einen, der sich einbildet, selbst ein berühmter Arzt zu sein. Darum verweigert der Mann jede Behandlung, jede Kooperation mit uns. Er hält uns für die Irren. Der Umgang mit ihm ist schwierig und jeder Kontakt erzwungen, keine Behandlung konnte seinen Wahn bisher lindern…«
»Bei ihm haben wir auch Schocktherapien und Sturzbäder versucht«, warf Doktor Mori gut gelaunt ein.
»Ohne Erfolg«, fügte sein Kollege hinzu.
»Wie verfahren Sie dann mit dem Mann?«
»Wir behandeln ihn mit leichten Beruhigungsmitteln, damit er nicht so sehr tobt, schließlich könnte er sich dabei verletzen. Ansonsten sorgen wir für Hygiene und Nahrungsaufnahme.«
Ango und Oda nickten gleichzeitig.
»Wäre es möglich, dass mein Kollege und ich uns bei einer kurzen Führung durch die Anstalt selbst ein Bild machen können?«, fragte der rothaarige Beamte schließlich. Dostojewski blickte zu dem Anstaltsleiter, als ob er um Erlaubnis fragen wollte. Der brünette Arzt schlug daraufhin tatkräftig seine Hände zusammen und lächelte breit.
»Ich habe selbstverständlich nichts dagegen«, beteuerte er freundlich, »Zu den ganz schwierigen Patienten kann ich Sie beide natürlich nicht lassen. Das wäre viel zu gefährlich für Sie. Aber bei den harmloseren Patienten sehe ich kein Problem… Du doch auch nicht, Fjodor?«
»Nein, absolut nicht«, antwortete der russische Arzt. Er stellte seine Tasse auf dem Tisch ab und legte seine Hände in den Schoß.
»Ich zeige Ihnen gerne die Klinik. Aber vermeiden Sie es während Ihres gesamten Aufenthaltes, laute Geräusche zu machen, oder unsere Patienten anzustarren und anzusprechen. Manche von ihnen können damit nicht umgehen und reagieren mit Panik oder Wut.«
»Selbstverständlich, Herr Doktor«, nickte Ango ernst, »Mein Kollege und ich werden uns selbstverständlich im Hintergrund halten. Wir möchten uns nur ein Bild von ihrer Anstalt machen.«
Oda war der erste, der aufstand. Ango brauchte etwas länger, um seine Schreibmaterialien in seine lederne Tasche zurückzupacken und sich danach seine Brille noch mit einem Samttuch zu putzen.
»Chuuya soll euch sicherheitshalber begleiten«, meinte der Anstaltsleiter, woraufhin sein Stellvertreter nickte und danach den Raum verließ.
»Herr Doktor Mori, ich hätte vorerst noch eine letzte Frage«, kündigte Oda an und zog somit die Aufmerksamkeit des brünetten Arztes wieder auf sich, »Was ist eigentlich aus Ihrem letzten Stellvertreter geworden?«
»Doktor Ace hat gekündigt, weil er eine besser bezahlte Stelle im Ausland angenommen hat.«
»Herzlichen Dank.«
Doktor Mori atmete ein wenig auf, als in diesem Moment die Tür zur Seite schwang und sein Stellvertreter mitsamt des rothaarigen Chefpfleger ins Zimmer kam.
»Die Herrschaften, darf ich Sie bitten, diese Ärztekittel überzuziehen? Damit verschrecken Sie die Patienten weniger als in ihren Anzügen…«
Während Doktor Dostojewski mit den Ministeriumsbeamten sprach und jedem von ihnen einen seiner eigenen weißen Kittel reichte, blickte Chuuya sehnsüchtig zu dem Anstaltsleiter, der hinter seinem großen, mit Schriftstücken beladenen Schreibtisch stand. Der brünette Arzt erwiderte den Blick warmherzig und formte mit seinen Lippen einen Kuss, doch als sich die Ministeriumsbeamten unvermittelt zu ihm umdrehten, war seine Miene wieder so unergründlich wie zuvor.
»Seien Sie so freundlich und bereiten die Bücher und Bilanzen schon einmal vor. Dann ist die Inspektion schneller beendet«, ersuchte der schwarzhaarige Brillenträger.
Der Anstaltsleiter nickte scheinheilig lächelnd.
»Die Tasche lassen Sie am besten hier. Nehmen Sie bitte nur das nötigste mit«, meinte Doktor Dostojewski mit einem kritischen Blick auf die schwere Ledertasche, die Ango in seiner Hand hielt.
»Aber, meine gesamten Aufzeichnungen…«, setzte der Beamte verunsichert an.
»Wir sind doch gleich wieder zurück«, entgegnete sein Kollege so nachdrücklich, dass Ango seine Tasche schließlich widerwillig an der Wand abstellte, bevor er zusammen mit Oda dem Russen aus dem Raum folgte. Chuuya bildete das Schlusslicht.
»Ich wünsche Ihnen viel Vergnügen beim Erforschen meiner Anstalt. Nichts Menschliches sollte einem Menschen fremd sein!«
 
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