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Geheiligt werde dein Name

von Alvadas
GeschichteDrama, Freundschaft / P16 / Gen
07.02.2021
11.05.2021
27
157.465
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14.03.2021 3.894
 
Vladimir: Drei Wochen später, südlich von Targoviste
Schon von Weitem sah ich die Rauchsäulen, die unweigerlich eine Siedlung ankündigten. „Wir haben es geschafft!“, rief ich meinem Pferd zu, dass als Erwiderung kurz wieherte und den Kopf nach hinten warf. „Ja, ich verstehe dich! Ich möchte auch endlich wieder ein richtiges Bett haben!“, lachte ich auf und lenkte mein Ross weiter den Weg entlang. Dann kamen die Hütten in Sicht, die sich auf dem freien Feld zusammendrängten. Der Herbst war sichtbar und alle Felder und Weiden um die Ansammlung an Häusern waren abgeerntet und kahl. Das sieht komisch aus!, schoss es mir durch den Kopf. Umso näher ich kam, desto unruhiger wurde ich! Irgendetwas stimmt doch da nicht!, überlegte ich nervös. Es war so leise und ruhig! Nirgends konnte ich Leute sehen, die draußen umher gingen und selbst die Tiere schienen lieber zu schweigen! Merkwürdig!, dachte ich und eine ureigene Angst kam in mir auf. Zögerlich kratzte ich mich am Kinn und dachte darüber nach, was ich tun sollte. Reite ich weiter?, fragte ich mich. Ich sehnte mich nach einer guten Unterkunft und sollte dies tatsächlich eine der besagten Moroi-Siedlung sein, von denen ich in den letzten Tagen gehört hatte, wollte ich die Bewohner dort unbedingt warnen! Aber... vielleicht komme ich zu spät!, keimte in mir die Furcht, dass dieses Dorf bereits Opfer der marodierenden Osmanen und Strigoi geworden war! „Aber das werden wir nur erfahren, wenn wir es uns ansehen, nicht wahr?“, sagte ich zu dem Pferd, welche mir mit einem lauten Schnauben zustimmte. „Na, dann auf deine Verantwortung...“, meinte ich unsicher und drückte meine Hacken in die Flanken des Tiers. Die nächsten Minuten blickte ich bange auf die Hütten, versuchte etwas zu erkennen, aber bis auf den Rauch, der aus einigen der Schornsteine stieg, gab es kein Anzeichen dafür, das dort etwas oder jemand lebte! Der Weg schlängelte sich leicht um einige flache Hügel herum und passierte dann einen kleinen Hain, der fast bis zum Dorf reichte. Ich war so sehr auf die Siedlung fokussiert, dass ich die Gestalten bei den Bäumen gar nicht bemerkte! Erst als einige von ihnen neben mir auf den Pfad traten und sogar einer in die Zügel des Pferdes griff, schreckte ich aus meinen Sorgen hoch. „Was ist Euer Begehr?“, fragte mich der Mann, der mein Ross gestoppt hatte. Er war nicht groß gewachsen, aber auch nicht breit gebaut, weshalb ich anfangs auf einen Menschen tippte. Seine rot-braunen Haare waren zu einem Zopf gebunden, der ihm knapp bis unter den Nacken ging. Sein sonstiges Gesicht war wohl rasiert und offenbarte seine markanten Züge. Mit seinen stahlblauen Augen blickte er mich direkt an. Weder Furcht noch Heimtücke lag in ihnen, lediglich eine natürliche Neugierde. „Mein Name ist Vladimir! Ich bin ein Reisender auf der Suche nach einer Siedlung und ich hoffe, dass ich sie hiermit gefunden habe!“, offenbarte ich einen Teil meines Ziels. „Da Ihr ein Moroi seid, würde ich Euch davon abraten, dieses Dorf zu besuchen, Herr!“, erwiderte der Mann ernst. Ich sah ihn verwirrt an. Woher weiß er..?, fragte ich mich und schaute mich um. Vier weitere Männer standen auf meiner rechten Seite in einem gewissen Abstand und beobachteten unsere Unterhaltung. Diese Männer waren deutlich muskulöser und kompakter in ihrem Körperbau, als mein Gesprächspartner! Sie alle waren bewaffnet und teilweise konnte ich einen silbernen Panzerkragen unter ihrer dicken Kleidung erkennen! „Wächter!“, rief ich aus. Der Mann schräg vor mir nickte. „Ja, wir sind Wächter, Herr!“, antwortete er und verwirrte mich nur umso mehr. Nun musste ich erst einmal meinen Mund schließen und meinen Gegenüber genauer unter die Lupe nehmen! Wie gesagt, sein Körperbau war anders, schmaler, aber er war nicht so bleich wie ein Moroi und als ich seine Ausrüstung begutachtete, sah ich die unmissverständlichen Zeichen eines im Kampf erprobten Dhampirs! „Warum seid ihr alle außerhalb des Dorfes?“, wollte ich von ihm wissen. „Weil wir dort nicht mehr helfen können, nur noch hier draußen!“, entgegnete der schmächtige Wächter. „Wie meint Ihr das? Erklärt Euch!“, forderte ich ihn auf, schwang ein Bein über den Rücken des Pferds und ließ mich dann zu Boden gleiten. Sofort machten die übrigen Wächter einen Schritt zurück und entfernten sich weiter von mir. „Was ist hier los?“, hauchte ich fragend und blickte zu dem einzigen Mann, der mit mir zu reden bereit war. „Ich heiße Tristan, Herr, und einst diente ich der Familie Lazar!“, nannte der Mann seinen Namen und deutete mit seiner Hand auf seine Kollegen. „Wir alle dienten irgendeiner königlichen Familie der Moroi in Targoviste!“ Ich nickte leidlich, denn ich verstand allmählich, was er mir damit sagen wollte! „Dann... dann seid ihr alle Überlebende des Angriffs!“, schloss ich daraus. „Ja, so ist es, Herr! Wir schafften es knapp, einige der Moroi und Menschen und sogar wenige Dhampire zu befreien und hier her zu bringen! Aber damit endete das Leid nicht, dass dieses Land heimsucht!“, meinte er niedergeschlagen. „Wieso?“, fragte ich und schaute an ihm vorbei zum Dorf. „Was ist dort? Strigoi?“, fürchtete ich. Tristan schüttelte langsam den Kopf. „Nein, mit denen hatten wir bisher keine Probleme, auch wenn ich wünschte, es wäre so! So könnten wir uns wenigstens nützlich machen!“, brummte er. „Erklärt Euch, Mann!“, wies ich ihn scharf an. Der Dhampir redete für meinen Geschmack zu viel um den heißen Brei herum! „Sie sind krank, Herr! Einige sind bereits gestorben und der Rest wird folgen, fürchte ich!“, sprach er nun deutlicher und ließ mich dabei nicht aus den Augen. „Wer ist krank? Die Menschen?“ „Nein, Herr, die Moroi! Viele von ihnen habenSymptome, wie bei der Pest, obwohl das nicht möglich sein dürfte!“, erwiderte Tristan. Ungläubig schaute ich zu dem Wächter, aber er scherzte nicht! „Das kann nicht sein...“, flüsterte ich, zweifelte aber nicht an den Worten des Mannes. „Es ist jedoch so, Herr... Die Moroi... ich kann es mir nicht erklären, niemand kann das! Es hatte anfangs einige Menschen getroffen, da haben wir uns aber noch nicht richtig Sorgen gemacht! Aber dann infizierten sich die ersten Moroi und es wurden immer mehr! Allein wir Dhampire scheinen gefeigt zu sein!“, schilderte der Wächter. Deshalb halten sie also Abstand zu mir!, erkannte ich nun und mein Blick schweifte einmal über die übrigen Wächter hinweg. Sie alle sahen mich mit ausdruckslosen Mienen an, als wäre ich bereits tot! „Und deshalb habt Ihr das Dorf verlassen?“, fragte ich erstaunt. „Ich dachte, eure Treue gehe bis zum Tod!“ Bei der Erwähnung dieses Eids zuckte Tristan unwillkürlich zusammen. „Dieses Sprichwort war nie im Sinne des Todes unseres Herren gemeint, Herr!“, sagte er leise und seine Stimme krächzte, als müsste er sich bemühen, nicht emotional zu werden. „Ich werde hineingehen!“, entschied ich und ging weiter, bis ich direkt vor Tristan stand. Der Wächter rührte sich nicht, überließ mir aber die Zügel, als ich danach griff. „Das solltet Ihr nicht tun, Herr! Für.. für Fremde ist es dort nicht sicher!“, teilte mir der Wächter mit. „Wo ist es denn schon sicher in diesen Zeiten?“, rief ich ich zurück, ohne meinen Blick von der Siedlung zu nehmen. Langsam, aber gleichmäßig setzte ich meine Füße vor den jeweils anderen und schritt auf das Dorf zu. Tristan holte mit langen Schritten auf und hielt sich an meiner Seite. Der Rest seiner Truppe schloss sich uns ebenfalls an, hielt aber den Abstand bei. „Es ist unruhig dort, Herr!“, meinte Tristan erneut. „Erzählt mir, was passiert ist!“, forderte ich ihn auf. Der Dhampir nickte. Von Nahem sah er noch nicht sehr alt aus! Vielleicht hat er so viele Winter auf dem Buckel wie ich!, schätzte ich. „Wir haben die Leute hierher gebracht, Herr. Das Dorf war verlassen und schien uns fürs erste sicher genug zu sein!“ „Und dann? Was ist dann geschehen?“ „Nun... die... die ersten Infizierten gab es nur wenige Tage nach unserer Ankunft. Wir wissen nicht, ob die Krankheit noch aus Targoviste stammt oder vielleicht in diesem Dorf wütete, aber eine Familie erwischte es schlimm! Alle verstarben nur drei Tage nach den ersten Symptomen!“, berichtete Tristan. „Wie viele Leute sind hier untergebracht?“ „Zu Beginn waren es sechsundachtzig Moroi, davon leben noch siebzig, vierundfünfzig davon sind krank. Dazu kommen knapp zwanzig Menschen, die bereits in Targoviste zu unserer Gemeinschaft gehörten und fünfundzwanzig Dhampire, davon etwa die Hälfte Frauen und Kinder“, zählte Tristan auf und stoppte kurz meinen Marsch, um mich zu ihm umzudrehen. „Wo ist die andere Hälfte der Wächter?“, fragte ich, denn hier bei mir waren ja nur diese fünf! „Sie sind im Dorf, Herr!“, sprach Tristan und seine Kiefermuskulatur malmte sichtlich. Ich hob nur eine Augenbraue und der Wächter schnaubte verächtlich. „Nun, Herr... wir waren uns uneinig, in wie weit wir unsere Pflicht ausüben sollen!“, teilte er mir dann mit und nickte zum Dorf. „Deinis Conta ist das letzte männliche Mitglied einer der königlichen Familien und er hat das Kommando übernommen! Wir teilen leider nicht dieselben Ansichten, deshalb haben wir uns aus dem Dorf zurückgezogen!“ „Ihr teilt nicht dieselben Ansichten? Wie kann ich das verstehen?“, horchte ich auf, aber Tristan schüttelte nur den Kopf. „Das werdet Ihr sicher gleich erleben, Herr!“, erwiderte er und trat dann einige Schritte zurück. Er und auch die anderen Wächter blieben vor dem Eingang des Dorfes stehen und so musste ich mit meinem Pferd alleine hineingehen.
Der Weg führte an den ersten Hütten vorbei zu einem weiten Dorfplatz, an dessen östliche Seite sich ein langes Haus befand. Es war das Gebäude, aus dem am meisten Rauch aus dem Schornstein quellte, weshalb ich direkt darauf zu hielt. „Haltet ein, Reisender!“, rief mich eine laute Stimme zurück. Von links kam ein Wächter auf mich zu, die rechte Hand warnend erhoben, während die linke auf seinem Schwertknauf ruhte. „Habt Ihr die Absicht, Eure Waffe gegen mich zu erheben?“, fragte ich laut und lüftete meinen Reisemantel ein wenig, sodass man mein Priestergewand sehen konnte. Sofort ließ der Wächter beide Hände sinken und neigte huldvoll sein Haupt. „Verzeiht mir, Herr! Ich wurde angewiesen, niemanden zum Seuchenhaus zu lassen!“, erklärte er sich. „Seuchenhaus?“, wiederholte ich. Der Wächter nickte. „Wartet hier, Herr! Ich werde Lord Conta benachrichtigen!“, meinte der Dhampir und verschwand dann zwischen zwei der Hütten. Da bin ich ja gespannt..., dachte ich nur und wartete. Es dauerte nicht lange und ein Pulk an Männern erschien auf dem Platz. Angeführt wurden sie von einem hochgewachsenen und bleichen Mann mit langen, blonden Haaren. Er trug einen teuren Pelzmantel, jedoch schienen Hose und Stiefel nicht von derselben Qualität zu sein, wie dieser! „Seid Ihr Deinis Conta?“, fragte ich ihn. „Der bin ich gleichwohl! Und mit wem habe ich das Vergnügen?“, antwortete der Moroi mit einer ruhigen, aber auch hochtrabenden Stimme. Bei seinem Namen hatte er stolz sein Kinn gereckt, als würde der Name Conta ihn allein schon schmücken. „Vladimir. Ich bin Priester der heiligen Kirche!“, stellte ich mich vor und verbeugte mich leicht. „Pater Vladimir, Ihr kommt wie gerufen!“, freute sich der Lord und winkte seinen Männern zu. „Nun kümmere sich jemand um das Pferd des Priesters!“ Schon kamen zwei Menschen auf mich zu und nahmen mir Gepäck und Zügel ab. „Seid unbesorgt, um Euer Tier wird man sich kümmern, doch auch Ihr sollt nicht darben, Pater Vladimir!“, verkündete der Moroi und klatschte dann zweimal in die behandschuhten Handflächen. „Bereitet ein Mahl vor, ich wünsche mit dem Pater zu speisen! Und beeilt euch, die Sonne reizt meine Haut!“ Ein anderer Moroi trat unsicher an die Seite seines Herren. „Herr, natürlich kommen wir Eurem Wunsch nach, aber meint Ihr nicht, dass wir jeden Kontakt zu Fremden vermeiden sollten?“, fragte er. „Nun, ein geweihter Priester wird wohl kaum die Verderbtheit der Sünden in sich tragen, oder?“, antwortete der Lord und lachte kurz auf, als hätte er meinen Scherz getätigt. Sein Diener verbeugte sich tief und eilte dann davon, sodass nur noch der Bojar und zwei Wächter bei mir standen. „Nun kommt, Pater! Es ist viel zu kalt hier, um sich richtig zu unterhalten und die Sonne bekommt mir nicht!“, meinte Deinis Conta und winkte mir, ihm zu folgen. „Ich danke Euch, für Eure Gastfreundschaft!“, entgegnete ich und folgte den dreien.
Man führte mich zu dem zweitgrößten Haus der Siedlung, neben dem Seuchenhaus. Eine alte Werkstatt oder Schmiede, dachte ich, bei dem Anblick des zweistöckigen Gebäudes. Unten gab es einen Werkbereich, in dem irgendetwas gefertigt worden war. Nun stand der untere Bereich aber offen und Lagergüter waren dort teilweise bis unter die Decke gestopft worden. Rechts davon gab es eine Tür, die ins Innere führte, und dort gingen wir hinein. Sicher keine geeignete Absteige für einen Lord der königlichen Familie!, schmunzelte ich, als ich Lord Conta mit säuerlichem Gesichtsausdruck an dem groben Holztisch vorbeigehen sah, der in Mitten des großen Raums stand. Man merkte dem Haus an, dass es zwar mit Herzblut, aber wenig baulichem Geschick errichtet worden war. Die Lehmwände waren uneben, die offenliegenden Balken grob behauen und auch der Boden bestand nur aus einer gestampften Schicht Erde und Stroh. Lord Conta marschierte schnurstracks zu einer Treppe und stieg die Stufen hinauf, in den nächsten Stock. Ich folgte ihm und seiner Dienerschaft. Nicht schlecht!, dachte ich anerkennend, als ich den oberen Teil sah. Es war eine ansehnliche Verwandlung und ich vermutete, dass einige der Diener dafür verantwortlich waren! Die Wände waren begradigt, Teppiche lagen auf dem Boden und die Möbel waren feiner als noch unten. „Sicher wollt Ihr Euch frisch machen, bevor wir speisen!“, rief mir Lord Conta zu, ohne anzuhalten. „Sicher, Lord Conta! Ich danke Euch, für Eure Gastfreundschaft!“, antwortete ich dankbar und verneigte mich vor dem Moroi, auch wenn dieser die Geste gar nicht mehr mitbekam. Er verschwand in einem der Zimmer, während einer seiner Diener bei mir zurückblieb. Er zeigte mir eine andere Tür, durch die ich ging, und fand mich dann in einem Gästezimmer wieder. Es war klein, besaß aber alles, was ich benötigte! Ein schmales Bett stand in der Ecke, während eine Kommode an der Wand gegenüber war. Ein Spiegel aus polierter Bronze hing über dem Möbelstück, während eine steinerne Waschschüssel darauf war. Einen Krug Wasser und ein Handtuch gab es auch noch! Ich nahm den Krug, schüttete etwas Wasser in die Schüssel und ließ die Flüssigkeit selig durch meine Hände gleiten. Dann nahm ich zwei hohle Hände davon und warf sie mir ins Gesicht. „Ah!“, seufzte ich, als das Nass über meine Haut rann und die Kühle des Wassers meine einsetzende Müdigkeit vertrieb. Dann machen wir uns mal bereit für ein Mahl mit einem Lord!, dachte ich mir und verließ die Kammer. „Ich wäre so weit!“, verkündete ich dem Diener, dort draußen im Gang vor meinem Zimmer gewartet hatte. „Sehr wohl, Pater!“, erwiderte dieser mit einer leichten Verbeugung und deutete dann den Gang entlang. „Wenn Ihr mir folgen würdet!“ Ich nickte nur und heftete mich dann an seine Fersen.
Weit mussten wir nicht gehen, denn dafür war das Gebäude nicht groß genug! Sicherlich stößt das Lord Conta bitter auf!, schätzte ich mit einem verschmitzten Lächeln. Der Moroi machte eher den Eindruck, als wäre er mehr gewohnt! Tatsächlich zog Lord Conta eine säuerliche Miene, während er am Kopfende des Tisches saß, der in einem anderen Raum stand. Es musste das größte Zimmer des Hauses sein und war bis auf den langen Eichentisch und die dazu passenden Stühle vollkommen leer. Nur vereinzelte Teppiche lagen auf dem Boden und die Fenster waren mit einigen Bahnen Stoff dekoriert, die aber weit entfernt von schicklichen Vorhängen waren. „Wie ich sehe, habt Ihr es Euch hübsch gemacht!“, sagte ich und stellte mich an das andere Ende des Tisches. Lord Conta erhob sich halb und deutete dann auf den Stuhl vor mir. „Man tut alles, um etwas... Anstand und Gemütlichkeit in sein Heim zu bekommen, Pater!“, erwiderte dieser. „Aber... man kann aus einem Haufen Dung kein Gold machen, fürchte ich!“, seufzte er dann und wir setzten uns gleichzeitig hin. Sofort öffnete sich eine weitere Tür und drei Diener traten ein. Zwei hielten einfache Teller in den Händen, die bereits mit einem Mahl bestückt waren. Das sieht nach Braten und etwas Gemüse aus!, vermutete ich bei dem Anblick und wunderte mich, dass sie bereits ein Essen parat hatten. Vielleicht war der Lord sowieso im Inbegriff gewesen, zu speisen, dachte ich. Der dritte Diener dagegen hielt zwei hölzerne Krüge in den Händen, die er vor uns abstellte. „Verzeiht die Barbarei, Pater, aber leider besaßen die ehemaligen Besitzer dieses... Schuppens keine Gläser, sondern nur diese... Humpen!“, ächzte der Moroi angewidert und stupste den Krug mit einer fahrigen Handbewegung an, sodass der Rotwein darin leicht überschwappte und auf den Tisch platschte. „Nun, es befeuchtet die Kehle, oder?“, fragte ich und nahm einen kurzen Schluck. Der Alkohol rann meinen Hals herab und blühte an meinem Gaumen förmlich auf! „Exzellent!“, rief ich bewundert auf. „Nicht wahr? Wenigstens das konnte ich aus Targoviste retten!“, stimmte mir Lord Conta zu und gönnte sich ebenfalls von dem Wein. „Nun, lasst und speisen, Pater, bevor es kalt wird!“, schlug er dann vor und ich nickte ihm zu. „Gerne, Lord Conta!“, entgegnete ich und wir beide machten uns daran, das Essen zu verspeisen. Es schmeckte ausgezeichnet und ich rechnete dem Koch hoch an, dass er aus dem wenigen, was er zur Verfügung gehabt haben mochte, diese Köstlichkeit zubereiten konnte! „Ah, das tat gut!“, seufzte Lord Conta und wischte sich an einem weißen Tuch den Mund ab. „Nun, Pater, da unsere Bäuche gefüllt sind, lasst uns doch etwas unterhalten!“, sprach er und winkte die Diener wieder heran, damit diese den Tisch abräumen konnten. „Eure Flucht aus Targoviste muss hart gewesen sein!“, meinte ich mitfühlend. „Ja, es war der reinste Horror, Pater! All dieses Chaos, die Zerstörung! Die Menschen verfielen in Panik, als die Osmanen plötzlich eindrangen, und konnten kaum einen rechten Schritt machen, ohne zu schreien, zu weinen oder herumzuquaken!“, stöhnte er auf und legte seine Hand an die Stirn, als hätte er Kopfschmerzen bekommen, bei der bloßen Erinnerung daran. „Ja, ich fühle mit Euch, Lord Conta! Ich war in Arges, als es angegriffen wurde! Es war schrecklich! Selbst, als wir in der Kirche waren, waren wir nicht sicher! Dieses Gefühl... es lastet immer noch auf mir!“, gab ich zu und auch mir wurde schwindelig. Diese Strigoi sind schrecklich! Wie sollen wir gegen sie ankommen, wenn sie so zahlreich sind und unter den Osmanen grassieren?, überlegte ich. „Es mussten so viele Moroi sterben, was für eine Verschwendung!“, meinte Lord Conta traurig. „Ja und die Wächter auch!“, stimmte ich ihm zu. „Wie bitte, Pater?“, horchte der Moroi überrascht auf. Ich sah ihn an. „Ich meinte die Wächter, Lord Conta! Auch von denen haben viele ihr Leben gelassen, um und die Flucht zu ermöglichen!“, erinnerte ich ihn. „Oh ja, natürlich... Die Wächter... ja, die sind auch gestorben... Ihr habt Recht, Pater!“, sagte Lord Conta, auch wenn seine Stimme nicht ganz überzeugt klang. „Umso mehr erzürnt es mich, dass Tristan und die anderen verräterischen Hunde sich gegen mich aufgelehnt haben! Ist das denn zu glauben, Pater? Gegen mich! Lord Conta!“, konnte es der Moroi nicht fassen und schüttelte den Kopf. „Wenigstens verrichten sie ihren Dienst außerhalb des Dorfes und verrecken als erstes, sollten die Strigoi kommen! Ich wünschte nur, sie würden an der Pest krepieren, wie es solche Bastarde verdient hätten, die sich gegen ihren Herrn stellen!“, fluchte er. „Aber ich dachte, dass der Herr von Wächter Tristan gestorben ist?“, wollte ich wissen. „Ja, natürlich, aber Ihr wisst doch, wie das läuft, Pater! Ein Wächter kann nicht frei sein, dafür sind sie nicht erschaffen worden! Nein, Dhampire leben, um zu dienen, und genau das hätten sie unter mir tun sollen! Wenn ich könnte, dann würde ich... Aber es geht nicht, noch nicht!“, knurrte Lord Conta aufgebracht. Seine Hand ballte sich zur Faust, aber dann lächelte er entschuldigend und entspannte sich. „Aber was rede ich da? Wir wollen uns doch nicht mit solchen Hunden abgeben, an so einem Abend, Pater! Erzählt mir doch etwas von Euch! Was brachte Euch in dieses gottverlassene Dorf?“, fragte er mich interessiert. „Ich glaube nicht, dass dieser Ort gottverlassen ist, Lord Conta! Nein, der Herr wacht über uns, zu jeder Zeit und an jedem Ort! Und genau deshalb bin ich auch hier! Ich möchte alle daran erinnern, dass es gefährlich ist, in diesen Zeiten alleine zu sein! Wir Moroi müssen uns daran erinnern, dass wir gemeinsam alles erreichen können!“, sprach ich und die Leidenschaft entflammte in mir. „Ich war schon in einigen Siedlungen und habe den Bewohnern dort geraten, dass sie sich lieber aufs Land retten sollen, zu den Herrenhäusern der königlichen Familien! Dort gibt es genug Schutz!“ „Sicher, sicher, ein guter Einfall, Pater! Jedoch müssen wir aufpassen, was wir uns dort einschleppen! Auch ich dachte, wir wären sicher, als wir Targoviste verlassen mussten, aber nun seht, was aus dieser Sicherheit geworden ist! Die Pest hat uns erreicht, Pater, und dieses Mal macht sie nicht einmal vor uns Halt!“, meinte er und deutete mit einer Hand zu der Wand, hinter der in einiger Entfernung das Gebäude liegen musste, das er Seuchenhaus getauft hatte. „Aber wie kam es dazu?“, hakte ich nach. „Was weiß ich, Pater? Vielleicht ist es die Strafe für die Sünden, die diese Seelen auf sich genommen haben? Ich weiß nur, dass ich nun hier festsitze, bis dieses Problem aus der Welt geschaffen wurde! Es obliegt mir, Lord Deinis Conta, die Sicherheit unserer Welt wieder herzustellen und Gottes Gnade denjenigen zu bringen, die nicht mehr gerettet werden können! Danach kann ich mich beruhigt auf den Landsitz meiner Familie zurückziehen!“, verkündete der Lord und atmete erleichtert aus. „Ich bin froh, dass Ihr Euch diesen armen Leuten angenommen habt, Lord Conta! Nicht viele würden sich eine solche Last aufbürden!“, gab ich offen zu und nickte dem Moroi zu. Der nahm das Lob dankend entgegen und gönnte sich dann einen weiteren Schluck aus seinem Weinkrug. „Die Pflicht, die man hat, wenn man einer königlichen Familie angehört, Pater! Es sind nicht nur die Privilegien, die uns Gott gegeben hat, sondern auch die Pflichten, die damit einher gehen! Viele einfache Leute können das leider nicht verstehen!“, erzählte er mir und musste dann ein Gähnen unterdrücken. Plötzlich fühlte auch ich die bleierne Müdigkeit in meinen Knochen. Und das gute Essen macht es nicht besser!, dachte ich und erhob mich von meinem Stuhl. „Verzeiht, Lord Conta, aber ich möchte Euch nicht noch länger aufhalten! Ein langer Tag liegt hinter mir und auch Ihr seid sicher erschöpft! Mit Eurer Erlaubnis würde ich mich gerne zurückziehen!“, bat ich ihn förmlich. Lord Conta nickte eifrig und wedelte gönnerhaft mit seiner Hand. „Natürlich, Pater, natürlich! Ruht Euch aus und schlaft gut! Lasst für eine Nacht Eure Sorgen hinter Euch!“, erwiderte er und stand ebenfalls auf. Wir verneigten uns knapp voreinander und ich wartete, bis der königliche Moroi aus dem Raum verschwunden war, bevor auch ich mich zum Ausgang wandte. „Nicht doch! Ich finde den Weg zurück, danke!“, meinte ich hastig zu dem Diener, der angerannt kam, um mich zu begleiten. Mit einem dankbaren Lächeln nahm dieser meine Anfuhr entgegen und entfernte sich wieder. Die paar Schritte schaffe ich auch ohne einen Diener!, dachte ich müde und schritt den Gang entlang zu der Kammer, die Lord Conta mir zur Verfügung stellte. Dort entledigte ich mich meiner Robe und legte mich ins Bett. Schön, dass es nicht wieder eine Nacht unter freiem Himmel ist!, dachte ich erschöpft und schloss die Augen. Was Anna wohl gerade macht?, fragte ich mich dann und bevor ich einschlief, blitzte das lächelnde Antlitz der jungen Wächterin vor meinen Augen auf. Wo auch immer sie sein mag, ich bin mir sicher, dass sie das macht, was sie am besten kann!
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