Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Geheiligt werde dein Name

von Alvadas
GeschichteDrama, Freundschaft / P16 / Gen
07.02.2021
11.05.2021
27
157.465
2
Alle Kapitel
2 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
07.03.2021 5.817
 
Anna: Zwei Wochen später, nordöstlich von Pitesti, zwischen Arges und Targoviste
Ich nahm Maß und konzentrierte mich allein auf meinen nächsten Schlag. Meine Axt schwang ich weit über meinen Kopf hinauf, streckte meinen gesamten Körper und ließ die Klinge dann in einem Bogen hinabfahren. Dabei legte ich mein Gewicht in den Schlag und ließ das Blatt auf mein Ziel treffen. Mit einem intensiven Knacken zerbarst der Holzscheite in zwei Hälften und die Axt glitt weiter nach unten, bis der massive Holzklotz den Hieb abbremste. Zufrieden mit meiner Arbeit ließ ich den Axtstiel los und hob die beiden gespaltenen Hälften auf und warf sie auf den immer größer werdenden Haufen hinter mir. Dann löste ich mit einem Ruck die Axt aus dem Block, platzierte das nächste Scheitholz und holte wieder Schwung. Seit knapp zwei Stunden schon spaltete ich das Brennmaterial und die anstrengende Arbeit forderte mich! Natürlich tat ich dies nicht mit meiner Kriegsaxt, noch war es mit den Übungen zu vergleichen, die man mich für einen Kampf gelehrt hatte, dennoch freute ich mich über diese Ertüchtigung und genoss den Schweißstrom, der von meiner Stirn über mein Gesicht floss und dann von meinem Kinn tropfte. Eine Art der Entspannung!, dachte ich und schlug erneut zu. Wieder benötigte ich nur einen einzigen Schlag, um den Scheit zu spalten! „Meine Liebe! Habt Ihr vor, den gesamten Hain klein zu schlagen?“, fragte mich eine erstaunte Frauenstimme und ich drehte mich überrascht um. Eine bleiche Frau stand hinter mir, gekleidet in der hellblauen Robe einer Nonne. Nur ihr Gesicht war zu erkennen, während alles andere unter dem dichten Stoff verschwand. Sie hielt ihre Hände vor ihrem Bauch gefaltet und in den Ärmeln ihrer Kutte versteckt. Sie lächelte mich gütig an, als sie meinen Blick bemerkte, und leichte Grübchen bildeten sich um ihren Mund. Sie musste sicherlich vierzig Winter kommen gesehen haben und gehörte trotz allem zu den jüngeren Bewohnern der Glaubensgemeinde! „Nein, Schwester Tjara! Ich werde den einen oder anderen Baum noch stehen lassen!“, antwortete ich lachend und legte die Spaltaxt locker über meine Schulter. Anerkennend nickte die Nonne, als sie um meinen großen Haufen herum ging und sich direkt vor mir stellte. „Ihr seid wahrlich hervorragend in dieser Tätigkeit, werte Anna! Euch steht eine glorreiche Karriere als Holzfällerin bevor!“, scherzte die Alte und erwiderte das Lächeln, welches ihre langen Eckzähne entblößte. Wie gruselig so etwas aussehen kann!, zuckte der Gedanke durch meinen Kopf. Ein wenig wie ein Wolf im Schafspelz! „Meint Ihr, dass dieses Holz fürs erste genügt?“, wollte ich wissen. „Fürs erste? Meine Liebe, dieser Haufen wird uns durch den Winter bringen!“, lachte die Nonne erneut und tätschelte mir sanft die Schulter, was relativ einfach für sie war, da sie einen halben Kopf größer als ich war. „Dann werde ich meine Holzfällerkarriere wohl schon an den Nagel hängen!“, offenbarte ich seufzend. „Ich werde Euch einige Scheite abnehmen! Das Essen ist fast fertig und wir sollten zurückkehren!“, meinte die Frau und bückte sich sofort, um einen Stapel Holz auf ihren Armen aufzuschichten. „Das müsst Ihr nicht!“, wollte ich einspringen, aber ein strenger Gesichtsausdruck bremste mich. „Jeder hier in der Gemeinschaft trägt seinen Teil bei, Anna! Nehmt mir diese Last nicht ab!“, tönte sie und drehte sich zu dem kleinen Pfad, der hinaus aus dem lichten Hain führte. „Nun gut...“, murmelte ich und nahm mir ebenfalls einen Stapel Holz und folgte der Nonne. Wir gingen auf dem Weg und schon bald sah man die äußere Mauer des Klosters. Dabei stieg der Pfad stetig an und wir mussten den einen oder anderen Ast oder Stein umschiffen, bevor wir das Tor erreichten. Dort wurden wir von einem männlichen Moroi in Mönchskutte erwartet, der uns den Eingang öffnete und uns passieren ließ. „Reiche Beute, wie mir scheint!“, rief uns zu und hob zum Gruß die Hand. „Ja, Anna war sehr tüchtig!“, erwiderte Schwester Tjara und ich konnte nur breit grinsen. „Ihr solltet für immer hier bleiben, Anna! Dann müssten wir uns deutlich weniger Sorgen machen!“, sprach der Mönch und schloss das Tor wieder. „Ich fürchte, dafür ist es mir hier zu friedlich!“, rief ich zurück und nickte zum Abschied. Der Weg wandelte sich von einem einfachen Trampelpfad zu einer gepflasterten Route, die uns hinauf zu den eigentlichen Klostergebäuden brachte. Wir passierten einen weiten Platz links von uns, bei dem einige der Nonnen und Mönche übten. Das laute Sirren der Pfeile, gefolgt von dem Einschlag in die Strohscheiben erfüllte die Luft und wurde nur von dem unregelmäßigen Aufeinandertreffen zweier Holzstäbe unterbrochen. Egal ob Moroi oder Mensch, die Bewohner der Gemeinde vollführten ihre Übungen mit sehr viel Konzentration und Geduld und ich musste anerkennen, dass sie nicht schlecht im Umgang mit Bogen und Langstock waren! „Ich weiß, der Anblick ist ungewohnt für unser Klientel!“, rief Schwester Tjara zu mir nach hinten. „In der Tat! Kämpfende Mönche und Nonnen sieht man nicht aller Tage!“, stimmte ich ihr zu, während ich weiter die Duelle beobachtete. Ihre Bewegungen mögen langsam und sparsam sein, aber sie sind koordiniert und wohl überlegt!, registrierte ich. „Die Wildnis der Gegends hält uns einiges an Ärger ab und auch die Mauer ist ein Hindernis, doch letztendlich sind wir selbst für unseren Schutz zuständig!“, erklärte die Nonne selbstsicher. „Wahrlich, solch eine Einstellung wäre vielen anderen Moroi zu anstrengend!“, gluckste ich aus Erfahrung. Selbst wenn die königlichen Moroi meist im Kampf geschult sind, schicken sie lieber ihre Wächter vor!, wusste ich nur zu gut. „Nun, Ihr seid der einzige Dhampir, der in unseren Mauern lebt! Was bleibt uns anderes übrig, als selbst für unser Leben und unseren Glauben einzustehen?“, fragte Schwester Tjara und ich konnte ihr darauf keinen Widerspruch geben.
Wir trugen das Holz weiter hinauf, bis eine weitere Mauer kam. Sie war kleiner und dünner als die erste und umschloss lediglich die Hauptgebäude der Klosteranlage. Es gab eine Kapelle mit einem Turm im Osten, weitere Gebetsräume, Werkstätten, Schreibstuben und Schlafräume im Westen und Süden. Im Norden standen die Küche, ein Lager und ein Badehaus. Alles war mit überdachten Wegen verbunden und ermöglichten so eine trockene Verbindung für die Gläubigen. Im Hof zwischen den Gebäuden blühte ein herrlicher Garten auf, der neben diversen Heilkräutern auch einige seltenere Blumen und sogar einige Obstbäume beherbergte! Alles in allem übertrieb ich nicht, wenn ich diesen Flecken Erde als ein irdisches Abbild eines Paradieses bezeichnete! „So viel Frieden, Harmonie und Ruhe!“, stieß ich aus und konnte mich nicht an dem Kloster sattsehen. „Rare Güter in diesen schweren Zeiten! Umso mehr sollte man sie hüten und pflegen!“, antwortete Schwester Tjara weise. „Aber leider ist nicht jedem dieses Schicksal vergönnt!“, meinte ich düster und die schrecklichen Erinnerungen aus Konstantinopel und Arges kehrten für einen Augenblick zu mir zurück. „Leider nein, aber wir können es nur versuchen!“, seufzte die Nonne und ich nickte nur. „Kommt, Anna!“, sprach die ältere Frau dann und beschleunigte ihre Schritte. Sie hielt auf eine Ecke der Gemeinschaft zu, wo es zu der Küche ging. „Liefern wir das Holz ab und gönnen uns dann etwas zu Essen!“, schlug sie vor. „Gerne, ich könnte eine ganze Kuh verspeisen!“, entgegnete ich und erneute ein lautes Lachen. „Mit einer ganzen Kuh können wir nicht dienen, aber wir sollten Euch schon satt bekommen!“ Wie auch in den letzten Tagen!, frohlockte ich und allein bei dem Gedanken an das gute Essen der Gemeinschaft lief mir das Wasser im Munde zusammen!
Seit nun mehr einer Woche waren Vladimir und ich Gäste hier, nachdem wir selbige Zeit benötigt hatten, dieses Refugium unweit von Pitesti zu finden. Trotz des Wissens des Morois darüber, dass es diesen Ort gab, hatten wir anfangs keinen erkennbaren Weg gefunden und waren zwei ganze Tage umhergewandert, bis wir auf einen Bewohner der Gemeinschaft getroffen waren! Und nun sind wir hier und erholen uns oder wie auch immer man das nennen mag..., dachte ich still. Die Glaubensgemeinschaft war freundlich und ich hatte mich gerne eingesetzt, um meinen Beitrag zu leisten, doch langsam keimte eine Unruhe in mir auf, die ich sonst nicht kannte. Vielleicht bekommt mir diese andauernde Ruhe nicht!, schätzte ich. Bisher war mein Leben weniger friedlich gewesen und niemals hätte ich vermutet, dass ich über eine längere Zeit weder Anspannung noch Furcht spüren würde!
Zusammen mit Schwester Tjara ging ich hinüber zum Speisesaal des Klosters. Aufgrund der fortgeschrittenen Stunde war es gut besucht und so reihte ich mich in die Schlange ein, um mein Essen zu erhalten. „Vielen Dank!“, meinte ich artig, nachdem mir eine andere Nonne ein Stück von der Pastete, Brot und eingekochtes Gemüse überreicht hatte. Dann blickte ich auf und suchte bei den vielen Bänken einen freien Platz. Wie viele Leute hier sind!, wunderte ich mich und bestaunte die Moroi und Menschen, die friedvoll und gesprächig beisammen saßen. Ja, es gab außer mir keinen anderen Dhampir, aber in meiner Vorstellung könnten sie unter den anderen als Teil einer Gemeinschaft sitzen! Ein Traum für die Zukunft!, sagte ich mir und schaute weiter. Plötzlich entdeckte ich einen braunen Schopf in einer schwarzen Priesterkutte und meine Mundwinkel zogen sich automatisch in die Höhe. Auch Vladimir war aufgeblüht, seitdem wir hier rasteten und es freute mich, den Moroi so lebhaft zu sehen! Nach der beschwerlichen Flucht aus Arges hat er es sich auch verdient... und ich auch!, entschied ich und schritt auf die Bank zu, an der Vladimir saß. Doch als ich näher kam, endete mein Lächeln und meine Gesichtszüge wurden schwer. Was ist da los?, fragte ich mich stirnrunzelnd. Vladimir saß neben dem Abt, dem Vorsteher des Klosters, und beide Männer hatten ihre Köpfe dicht aneinandergelegt und unterhielten sich angeregt. Es sah nur nicht so aus, als wäre es ein leidenschaftlicher Disput über ihre Religion, sondern ihre Mienen wirkten besorgt, ja fast schon schreckhaft!
„Was ist passiert?“, fragte ich die beiden und nahm gegenüber von ihnen Platz. Ich schob meine Beine über die Bank, legte meinen Teller mit dem Essen auf den Tisch und obwohl mein Magen vor Hunger knurrte, ließ ich es stehen und beugte mich zu Vladimir und dem Abt vor. Der alte, weißhaarige Moroi sah mich aus forschen Augen an, aber es lag keinerlei Ablehnung darin. „Neugierig wie eh und je!“, seufzte er und blickte zu seinem Glaubensbruder. Auch Vladimir wirkte ertappt. Er leckte sich einmal nervös über die Lippen, blickte nach links und rechts, als fürchte er, jemand könnte seine Worte belauschen, aber dann sah er mich direkt an. „Es gab weitere Angriffe!“, flüsterte er mir dann zu. „Was? Wo? Wann?“, hakte ich verwirrt nach. Mein Verstand drehte sich und die heile Welt, die bis eben existiert hatte, drohte zu zerbrechen. „Wir wissen nicht genau wann... die Nachricht ereilte mich eben erst von einem Boten, der in einer nahen Siedlung war“, antwortete der Abt. „Und wo?“ „Bukarest, Pitesti und Targoviste“, sprach Vladimir, seine Stimme war schwer vor lauter Bedauern und ich konnte es ihm nachvollziehen! „Was? So große Städte? Die Osmanen?“, fragte ich stockend. Und dann auch noch so nahe!, schoss es mir aufgeregt durch den Kopf. Die Stadt Pitesti mochte zwar recht nah sein, dennoch glaubte ich, dass das Refugium hier sicher war! Wir befinden uns in der Wildnis! Hier gibt es nichts weit und breit!, dachte ich hoffend. Die beiden Moroi nickten langsam. Wie kann das möglich sein? Nach Arges werden auch noch andere Städte überfallen? Was wollen die Osmanen?, überlegte ich still. „Es gibt Gerüchte über vermehrte Strigoi-Angriffe, auch während der Überfälle! Deine Theorie, dass die Osmanen von den Strigoi unterwandert wurden, scheint sich zu bewahrheiten!“, meinte Vladimir leise und eindringlich. „Auch scheint es eine ähnliche Vorgehensweise wie bei Arges zu sein“, fügte der Abt hinzu. „Also kamen die Truppen aus dem Nichts, öffnen die Stadttore und rücken vor“, schloss ich daraus. „So scheint es gewesen zu sein! Aber es ist auffällig, dass die Osmanen die Städte nicht lange halten!“, erwiderte der Abt und ich blickte verwirrt zu ihm. „Was meint Ihr damit?“, wollte ich wissen. Es war Vladimir, der mir antwortete. Er tauschte einen schnellen Blick mit dem Abt, bevor er zu mir sprach. „Die Osmanen haben Arges verlassen, Anna!“ „Sie haben es verlassen? Einfach so? Nachdem sie es erobert haben?“, wiederholte ich seine Aussage. „Ja, sie blieben nur etwa drei Tage dort!“, stimmte mir Vladimir zu. „Ich habe gehört, dass sie es nicht ganz erobern konnten. Der Woiwode ist mit seinen Mannen geflohen, aber die Bürgerwehren haben die Stadt gehalten und hätten sicherlich die Angreifer vertrieben!“, kam es von dem Abt. „Aber das ergibt doch gar keinen Sinn!“, rief ich aus und legte meine Hände an den Seiten meines Tellers. Plötzlich war mein Hunger vergessen! Warum sollten die Osmanen solche Mühen, ja solch eine Raffinesse aufbringen, und dann die Stadt nicht erobern?, dachte ich und blickte auf zu den beiden Männern. Ihre Mienen spiegelten dieselben Zweifel und Verwirrung, die auch ich verspürte. „Das ist doch Mist!“, sprach ich das Offensichtliche aus. „Anna, bitte!“, zischte Vladimir pikiert. „Was? Das hier ist keine Kirche!“, hielt ich dagegen. „Trotz dessen ein heiliger Ort!“, entschied der Priester engstirnig. Der Abt lächelte amüsiert, aber er mischte sich nicht ein. „Aber es ist doch wahr! Das alles stinkt zum Himmel, wie ein riesiger Haufen frischen Kuhmi...“, begann ich, aber Vladimir hob stoppend die Hand. „Bitte, Anna! Die Bilder in meinem Kopf reichen aus, um deinen Gedanken klarzumachen!“, seufzte er. „Ihr solltet essen, Anna! Auch wenn die Nachrichten schlecht sind, sollten wir uns und unseren Körper nicht vernachlässigen!“, schlug der Abt vor und deutete auf meinen unangerührten Teller. Zögerlich nahm ich mir das Besteck und zog das Essen näher an mich heran. „Ja, Ihr gabt Recht, Vorsteher! Mit leerem Magen ärgert es sich nicht gut!“, sprach ich und macht mich über mein Essen her. Vladimir und der Abt unterhielten sich noch leise, aber dann stand der Vorsteher auf, verneigte sich und ging. „Nun, ich kenne dich lange genug, dass du dir Gedanken machst, Anna“, sprach Vladimir, als wir beide alleine an der Bank saßen. „Es ist auch schwer, sich keine Gedanken darüber zu machen, oder?“ „Ja, mag sein! Die Osmanen ziehen komische Pfade!“, brummte der Priester, aber ich schüttelte den Kopf. „Die Osmanen mögen ein Problem sein, Vladimir, aber sie sind nicht das Problem!“, meinte ich dazu. „Was gibt es denn schlimmeres als die Osmanen, die alle Städte überfallen?“, wunderte sich Vladimir. „Die Strigoi, Vladimir, die Strigoi! Sie streifen durch das Land, jagen die Moroi und Menschen und ziehen eine Schneise der Verwüstung und des Todes durch die Walachei!“, sagte ich nachdenklich. „Vor allem, weil sie sich unter die Osmanen gemischt haben! Das macht es fast unmöglich, sich vor ihnen zu schützen oder sich gegen sie zu verteidigen!“, murmelte Vladimir. „Richtig! Einzig verstecken scheint eine valide Methode zu sein!“, stimmte ich ihm zu. „Die Moroi der königlichen Familien haben Landsitze außerhalb der Städte, dennoch halten sich viele von ihnen lieber in den Städten auf!“, sagte der Prediger. „Natürlich, in den Städten ist die Macht! Dort werden Entscheidungen getroffen und nicht irgendwo in der Wildnis!“, fügte ich hinzu. Immerhin bin ich auf einem dieser Landsitze aufgewachsen!, erinnerte ich mich. Dort blieben meistens die Frauen und Zweigfamilien, die Herrscher aber zog es in ihre Stadtresidenzen! „Das Schlimmste ist das Wissen!“, ächzte Vladimir plötzlich und griff sich mit einer Hand an die Schläfe, als hätte er Kopfschmerzen. „Wir wissen, dass die Strigoi durchs Land marodieren und sich mit den Osmanen verbündet haben, aber wir können nichts damit anfangen!“ „Wieso denn nicht?“, wollte ich wissen. „Was willst du denn machen, Anna? Bevor wir die Nachricht verbreiten könnten, sind die Osmanen längst in die nächste Stadt eingefallen!“, redete Vladimir. „Mag sein, aber...“, wollte ich aufbegehren, aber ich konnte den Sinn seiner Worte nicht außer Kraft setzen! Es ist aussichtslos!, seufzte ich innerlich. „Trotzdem sollten wir etwas tun!“, flüsterte ich vor mir hin. Der Moroi mir gegenüber hob seinen Kopf. Natürlich hatten seine guten Ohren meine Worte vernommen! „Wir können beten und hoffen, Anna! Mehr bleibt uns nicht übrig!“, entgegnete er. „Pah!“, war mein einziger Kommentar dazu. Ich vertiefte mich wieder in mein Essen. Mein Appetit war vergangen und so stocherte ich nur in den Resten meiner Pastete herum. In Gedanken malte ich mir aus, wie hunderte, vielleicht gar tausende an Menschen auf der Flucht waren! Die Osmanen werden auch die kleineren Siedlungen und Dörfer auf ihrem Weg nicht verschonen!, wusste ich, immerhin mussten sie sich irgendwie versorgen! War ich schon von dem Anblick ergriffen gewesen, wie lang der Flüchtlingszug nach Arges gewesen war, konnte ich mir diese Menschenmassen gar nicht vorstellen! „Ich gehe schlafen!“, verkündete ich müde und erhob mich. „Möge Gott deine Träume leiten!“, sprach Vladimir und nickte mir aufmunternd zu. „Sicher doch...“, brummte ich nur und verließ den Speisesaal.
In meiner Kammer blickte ich zu meiner Rüstung und meiner Axt. Beide lehnten an der Wand, poliert und einsatzbereit. Das Licht der Kerze in meiner Hand spiegelte sich in dem glänzenden Metall wieder und wenn ich den Kopf schief hielt, sah es so aus, als würden sie mir zublinzeln! Wie gerne würde ich Euch nehmen und einfach losreiten!, dachte ich sehnsüchtig. „Ja, es mag aussichtslos sein, aber dennoch kämpfe ich lieber, als nur zu beten und zu hoffen!“, knurrte ich betrübt. Die Unruhe in mir nahm zu und selbst als ich auf der Matratze lag, konnte ich einfach nicht einschlafen! Vielleicht wird es Zeit, dem Ruf zu folgen!, überlegte ich still und starrte an die dunkle Decke über mir. Selbst wenn ich nur eine Handvoll Strigoi finden und töten könnte, würde ich damit einen kleinen Beitrag leisten können! Vielleicht wird es wieder Zeit, eigene Wege zu gehen!, schoss es mir durch den Kopf. Ich genoss die Nähe zu dem Priester auf eine gewisse Art und Weise, aber Vladimir wäre mir in einem Kampf nur im Weg!
Vladimir
Es überraschte mich nicht, Anna am nächsten Morgen gerüstet und mit ihrem Gepäck im Speisesaal anzutreffen. Ihre Reaktion gestern war eindeutig!, dachte ich betrübt und ging zu der jungen Frau hinüber. Sie stand bei Schwester Tjara, hielt die Hände der älteren Moroi in ihren und redete mit einem Lächeln um den Lippen mit ihr. Dieses Lächeln werde ich vermissen!, schoss es mir durch den Kopf. Ich schüttelte mich, um diese frevelhaften Gedanken loszuwerden, und näherte mich den beiden Frauen. Als ich neben Anna stand, sah sie mich an. Keine Reue war dort zu entdecken, aber das hatte ich auch nicht erwartet. „Vladimir“, sprach sie mit klarer Stimme. „Anna“, erwiderte ich und grüßte die Nonne mit einer kurzen Verbeugung. „Oh, ich werde euch beide mal alleine lassen! Macht es gut, Anna! Möge Gott Euch auf Eurem Weg leiten!“, sprach Schwester Tjara und befreite ihre Hände aus denen der Wächterin. „Möge er eher meine Axt leiten!“, antwortete diese. Die Nonne ging und ich blieb zurück. „Du brichst also auf!“, meinte ich. „So sieht es wohl aus, ja!“, entgegnete Anna knapp und blickte mich an. Ich wusste nicht, was ich sagen sollte, obwohl mein Herz laut aufschrie vor Kummer. Ich wollte sie packen, sie schütteln und sie anflehen, dass sie bleiben sollte, hier, bei mir! Aber mein Körper befand sich in einer Starre und meine Arme blieben bewegungslos an meiner Seite hängen. „Anna...“, fing ich an und leckte mir nervös über die Lippen. Ich wollte etwas sagen zu ihr, vielleicht etwas Aufmunterndes oder etwas Überzeugendes, aber meine Zunge war in dem Augenblick gelähmt, als ich mich beschloss, weiterzusprechen. „Du kannst mich nicht aufhalten, Vladimir. Ich muss gehen!“, sprach Anna und schluckte. „Ich... ich weiß, Anna, aber...“, meinte ich verzweifelt. „Schon gut!“, flüsterte Anna leise und trat näher an mich heran. Sie musterte mich von unten nach oben und ihre Hand zuckte verräterisch vor. „Du bist hier in Sicherheit!“, sagte sie zu mir. „Ja, aber was ist mit dir? Du könntest doch auch blieben!“, versuchte ich mein Glück mit ihr. Aber die junge Dhampirin schüttelte traurig den Kopf. „Vladimir, ich kann nicht einfach bleiben, verstehst du? Ich bin erzogen worden, zu kämpfen, und auch wenn ich damit nicht einverstanden bin, möchte ich doch die armen Menschen retten, die sich nicht selbst schützen können!“ „Ich... verstehe, auch wenn ich es nicht ganz akzeptieren kann!“, brummte ich wissend. „Das musst du auch nicht! Ich bin es gewohnt, alleine zu sein!“ Ich zuckte unmerklich zusammen, als ich dies hörte. So hatte ich es nicht gemeint!, dachte ich mir gequält, schwieg aber. Der Abschied von der Wächterin war schon schwierig genug, als das ich es noch peinlicher machen musste! „Pass auf dich auf, Anna!“, riet ich ihr leise. „Was? Tut etwa dein Gott das nicht für mich?“, brüskierte sich Anna in gespielter Verwunderung. Sie sah so schnippisch aus, dass ich mir ein Lächeln verkneifen musste, denn es war nicht der Anlass für ein Amüsement! Gott, sie ist so jung und so wunderschön!, seufzte ich in meinen Gedanken und für einen Moment gab es nichts anderes, als das leichte Lächeln auf Annas Gesicht! „Bitte, pass auf dich auf!“, wiederholte ich. Annas Lächeln versiegte und auch meine Trance endete. Nun wirkte sie ernster, gefasster. Sie nickte, blickte zum Boden und dann wieder zu mir. „Du auch, Vladimir!“, antwortete sie, danach drehte sie sich auf dem Absatz um und marschierte davon. Ich sah ihr lange hinterher, bis sie um eine Ecke ging und aus meinem Sichtfeld verschwand. „Warum folgt Ihr ihr nicht?“, hörte ich plötzlich Schwester Tjaras Stimme hinter mir. Erschrocken fuhr ich herum und sah in das grinsende und faltige Gesicht der Nonne. Mit vor dem Bauch gefalteten Händen stand sie da und grinste mich breit an. „Ich... ich... wie lange steht Ihr da schon, Schwester?“, wich ich der Frage aus. „Lange genug, Bruder Vladimir, um dieses Trauerspiel mitbekommen zu haben, fürchte ich!“, seufzte die Alte. „Trauerspiel? Was meint Ihr damit?“, wollte ich wissen. „Nun, Bruder Vladimir, selbst eine alte Vettel wie ich sehe doch die Zuneigung, die zwischen Euch und der Wächterin besteht!“ „Meine einzige Zuneigung gilt unserem Herrn im Himmel, Schwester! Ich bin ein geweihter Priester der christlichen Kirche!“, erinnerte ich sie in einem schärferen Ton, als gewollt. Aber die Nonne nahm es mir nicht übel, sondern steckte die Kritik mit einem milden Lächeln weg. „Seht Ihr diese Gemeinschaft, geweihter Priester?“, fragte sie mich und deutete um sich herum. „Wir sind mehr als nur Geschwister im Glauben! Wir dienen unserem Herrn, aber wir leben auch unsere Leben!“ „Und was wollt Ihr mir damit sagen?“ „Das wir auch lieben dürfen, Bruder Vladimir! Gott fordert von niemandem die bedingungslose Treue, sondern nur Respekt!“ Ich zog meine Augenbrauen hoch und musterte die Moroi plötzlich mit anderen Augen. „Wollt Ihr andeuten, dass hier Unzucht getrieben wird?“ „Unzucht? Ich bitte Euch, Bruder!“, lachte Schwester Tjara auf und klatschte ihre Hände erfreut ineinander. „Bruder, Woher glaubt Ihr, kommen all die Kinder, die hier leben? Die wachsen nicht auf Bäumen, müsst Ihr wissen!“ „Nun, Schwester, ich sage Euch dasselbe, was ich auch Wächterin Anna gesagt habe: ich verstehe, aber ich akzeptiere es nicht!“, entschied ich ruhig, aber betont. „Und das ist Euer Problem! Ihr denkt, dass Ihr es nicht akzeptiert, aber eigentlich wollt ihr genau das, was alle wollen! Liebe und Zuneigung! Niemand sollte allein sein, Bruder Vladimir, selbst Gott wollte das nicht!“, hielt Schwester Tjara dagegen. „Entschuldigt mich, Schwester! Es war mir eine Freude, mit Euch zu disputieren, aber ich bin müde und möchte mich hinlegen!“, sagte ich klar. „Natürlich, Bruder Vladimir!“, antwortete die Nonne und verneigte sich leicht.
In meiner Kammer legte ich mich aufs Bett. „Trauerspiel, das ich nicht lache!“, sprach ich verdrießlich und suchte nach einer guten Position, in der ich leichten Schlaf finden könnte. Wirklich müde war ich nicht, aber nach dem Abschied von Anna und dem kurzen Gespräch mit Schwester Tjara war ich erschöpft. „Ich soll meiner Zuneigung nachgeben, wie unchristlich!“, rief ich aus und rückte mein Kissen zurecht. Ich atmete mehrmals tief ein und aus und suchte nach Entspannung, aber ich fand keine! „Wie kann das sein?“, seufzte ich und legte mich auf die Seite. Warum musstest du gehen, Anna?, fragte ich mich stumm. Innerlich aufgewühlt, fand ich doch irgendwann die Gnade eines tiefen Schlafs. Die Dunkelheit umgab mich, aber trotzdem fühlte ich mich anders... Etwas ist los..., wusste ich sofort. Die Finsternis verschwand und an deren Stelle trat eine Welt aus Feuer. Es war das Abbild der Hölle, so wie ich es im Priester-Magistrat gelernt hatte! Flammen zuckten umher, die Hitze war kaum auszuhalten und der Boden bestand aus flüssiger Lava. Wo bin ich?, fragte ich mich unsicher und sah mich um. Außer Feuer und Fels gab es jedoch nichts, was mir als Anhaltspunkt hätte dienen können. Vorsichtig setzte ich einen Fuß nach vorne. Langsam..., ermahnte ich mich, doch das brauchte ich gar nicht! Mein Fuß setzte auf den Boden auf und obwohl dieser kaum stabil genug für mein Gewicht war, hielt er mich aus! Was ist das für eine Welt?, fragte ich mich erneut. Dann wurde es noch merkwürdiger! Ein plötzlicher Sog erfasste mich und zog mich nach vorne über die höllische Landschaft hinweg. „Was zum...“, konnte ich noch rufen, bevor meine Füße den Boden verließen und ich durch die Gegend flog. Dabei bewegte ich mich wie ein Geist vorwärts und nicht nach den Gesetzen der Welt. Das Flammenmeer schoss unter mir hinweg und das so schnell, das ich kaum etwas ausmachen konnte. So schnell wie der Flug gestartet war, endete er auch wieder und ich stand auf einmal auf einem weiten Felshang. Dieses Mal war ich auch nicht alleine! „Anna!“, schrie ich laut und winkte der Wächterin zu, die wenige Schritte von mir entfernt an der Klippe stand. Sie hatte mir den Rücken zugewandt, aber ich konnte die Dhampirin allein an ihren blonden Haaren und ihrer Haltung erkennen! Sie trug ihre bekannte Rüstung und ihre doppelköpfige Axt hielt sie locker in ihrer linken Hand, das Blatt zum Boden gewandt. „Anna? Hörst du mich?“, fragte ich die Wächterin und rannte los. Wieder konnte ich gehen, als wäre der Untergrund nicht aus zähem Schlamm und rauem Fels gemacht. „Anna, ich bin hier!“, machte ich auf mich aufmerksam, aber Anna bemerkte mich nicht. Sie starrte weiter geradeaus, über die Klippe hinweg. Ich eilte an ihre Seite, denn auch wenn der Ort mich ängstigte, freute ich mich, Anna wiederzusehen! „Anna, welch ein Glück! Wo sind wir hier? Weißt du...“, begann ich und stockte dann. Meine Hand lag auf Annas Schulter, aber trotzdem registrierte sie mich kein Stück. Aber ich stand nahe genug, dass ich in ihr Gesicht blicken konnte, und der Anblick erschrak mich aufs Neue! Ihr ganzes Gesicht war voller Blut! „Ist alles gut?“, fragte ich sie, erhielt aber keine Antwort. „Anna! Rede doch mit mir!“, verlangte ich von ihr und wollte vor sie treten, um sie zu packen und zu schütteln. Als ich jedoch einen Schritt nach vorne machte, konnte ich ebenfalls über die Klippe sehen. „Oh, du Allmächtiger...“, staunte ich geschlagen und hielt in meiner Bewegung inne. Unter dem Hang lag eine Ebene, die der Schauplatz einer gigantischen Schlacht war! Tausende von Gestalten schlugen aufeinander ein! Ich erkannte Moroi, Menschen und Dhampire, die gegen einen Schrecken fochten, der selbst mir einen kalten Schauer in dieser Hölle über den Rücken jagte. „Strigoi! So viele Strigoi!“, flüsterte ich fassungslos. Das ganze Feld war über und über mit diesen Bestien, die sich auf die Verteidiger stürzten. Die Wächter kämpften tapfer, aber immer wenn sie es mit vereinten Kräften schafften, einer der Monster zu Boden zu ringen und zu töten, standen ihnen zwei weitere gegenüber. Noch während ich dem Treiben zusah, gewannen die Strigoi immer mehr die Oberhand, bis die letzten Lebenden an den Rand des Hügels gedrängt wurden. „Wie kann das sein?“, wollte ich wissen. Wie können so viele dieser Bestien sich versammeln?, fragte ich mich in Gedanken. Plötzlich bewegte sich Anna, die ihr Gewicht verlagerte, aber nicht minder interessiert zu dem Gemetzel schaute. „Nicht jeder Kampf wird durch die Waffe entschieden“, sagte sie mit ruhiger, klarer Stimme, als würden nicht tausende an Leben zu unseren Füßen enden. „Nicht jedes Wort muss gesprochen werden, um seine Wirkung zu entfalten.“ „Was willst du mir damit sagen, Anna? Was ist hier los?“, wollte ich von der Wächterin wissen. „Einigkeit allein reicht nicht, um zu siegen. Es kommt auf die Zeit an! Wenn das Ende nahe ist, ist Geschlossenheit nichts! Die Welt muss vereint stehen, die Waffen müssen verteilt werden. Wenn wir das nicht schaffen, wird die Welt brennen!“, redete die junge Frau weiter. „Ich... ich verstehe das nicht!“, gestand ich zögerlich. Was geht hier vor?, dachte ich verwirrt. Auf einmal drehte sich Anna zu mir. Ihre blauen Augen blickten direkt in meine. „Hör mir zu, Vladimir! Die Waffen müssen verteilt werden! Wenn wir nicht zusammen stehen, fallen wir alle, einer nach dem anderen!“, sprach sie mich an. „Ich...“, wollte ich antworten, irgendetwas sagen, aber mir blieb keine Zeit dafür. Ein weiterer Sog saugte mich weg von der Ebene, weg von Anna! Die Flammen verschwanden, auch wenn die Hitze noch lange auf meinem Gesicht nachbrannte, dann schreckte ich aus meinem Schlaf hoch und fand mich schweißgebadet auf meinem Bett wieder. „Was war das?“, keuchte ich erschüttert und legte meine Hand auf meine Brust. Das Pochen meines Herzens war so heftig, dass meine Finger erbebten. „Überall Feuer und Tod!“, fasste ich das Gesehene zusammen und auch wenn mein Verstand mir suggerieren wollte, dass es nur ein Traum hatte sein können, wollte mein Körper dieses nicht glauben! Es hat sich so echt angefühlt!, dachte ich mitgenommen und versuchte, ruhig zu atmen. So sehr ich dieses Drama auch vergessen wollte, so sehr wusste ich auch, dass dort etwas war, das wichtig sein musste! „Anna hat mir etwas gesagt, doch was soll es nur bedeuten?“, fragte ich mich laut. Vor meinen Augen kehrte die blutdurchtränkte Anna auf dem Hügel zurück und sprach erneut ihre kryptischen Warnungen aus. Doch auch jetzt verstand ich nicht, was ihre Worte bedeuten sollten. Hätte ich sie doch nicht gehen lassen sollen?, überlegte ich zweifelnd. Vielleicht... vielleicht hätte ich sie begleiten sollen!
Auch in den nächsten Tagen konnte ich mich nicht beruhigen und mein Traum suchte mich im wachen Zustand heim. Ich war unruhig, getrieben, als laste eine Sorge auf mir, die über das Bestehen der Welt entscheiden würde. Auch die Brüder und Schwestern der Gemeinschaft schafften es nicht, mich zu meiner alten Form zu bekommen, und so beschloss ich, dass es reichte! Es ist genug der Ruhe! Sollte der Traum einen Kern an Wahrheit beinhalten, dann muss ich handeln!, entschied ich. Und sollte dem nicht so sein, finde ich vielleicht meine Ruhe wieder! Ich packte meine Sachen zusammen und machte mich reisebereit. „Ihr zieht aus“, hörte ich Schwester Tjara hinter mir. Es überraschte mich nicht, dass die ältere Nonne bei meiner Kammer war. Sie bekommt mehr mit, als man denken mag!, dachte ich und drehte meinen Kopf über die Schulter, um sie flüchtig anzusehen. „So ist es, Schwester! Ich kann nicht mehr hierbleiben! Es treibt mich hinaus, auf die Straße!“, meinte ich. Die Nonne trat einige Schritte vor, sodass sie neben mir an meiner Bettstatt stand und mir zusehen konnte, wie ich meinen Rucksack packte. „Ich verstehe, Bruder. Ihr seid der Rast überdrüssig und das ist auch gut so!“ „Wie meint Ihr das?“, fragte ich erstaunt. Gerade die Brüder und Schwestern der Gemeinschaft schienen doch ihre selige Ruhe gefunden zu haben! „Nun, Ihr seid nicht für ein einfaches Leben geschaffen, Bruder Vladimir! Großes steht Euch bevor, das spüre ich!“, antwortete die Moroi mit einem schwachen Lächeln. „Ihr seid nicht die Erste, die dieses behauptet...“, brummte ich in Gedanken an Pater Justav. Auch er meinte, dass mir mehr im Leben bevorstehen würde!, erinnerte ich mich. „Bin ich der Einzige, der mein eigenes Leben nicht vorhersehen kann?“, scherzte ich bitter. „Liegt es nicht eher daran, dass Ihr Euer eigenes Leben nicht ansieht, Bruder? Jeder, der Euer Gewahr wird, weiß sofort, dass Ihr nicht einfach nur ein Priester seid! Warum habt Ihr es so schwer, dieses zu akzeptieren?“, wollte Schwester Tjara mich. „Ich weigere mich einfach nur, eine Größe anzuerkennen, die mir andere ansagen, Schwester! Ich strebe nicht nach Ruhm oder Macht! Ich bin nur ein einfacher Priester und das ist auch gut so!“, hielt ich dagegen. „Es ist Euer Leben, Bruder Vladimir! Macht daraus, was Ihr wollt!“, erwiderte die Nonne und ergriff plötzlich meine Hand. Ich hielt in meinem Tun inne und schaute die Moroi an. „Nur wenn das Schicksal sich Euch offenbart, Bruder Vladimir, lehnt es nicht ab! Ihr könntet es sonst schnell bereuen!“ Ich zog meine Hand aus dem Griff der Nonne weg. „Droht Ihr mir, Schwester?“, fragte ich leise. „Mit Nichten! Nennt es den Rat einer weit älteren Person, als Ihr es seid! Ihr werdet die Tragweite meiner Worte verstehen, wenn die Zeit gekommen ist!“, ruderte diese zurück und trat einige Schritte nach hinten. „Ich wünsche Euch alles Gute auf Eurer Reise, Bruder! Denkt an uns, wenn Ihr da draußen seid!“, verabschiedete sich die Moroi. Ich wandte mich ihr ganz zu und verneigte mich knapp vor ihr. Auch wenn ich ihre Worte nicht freundlich aufgefasst hatte, war sie doch bisher immer gütig zu mir gewesen! Und die gesamte Gemeinschaft hat mich und auch Anna gut aufgenommen!, dachte ich und wollte meinen Dank zum Ausdruck bringen. „Ich bin Euch dankbar, Schwester Tjara. Euch und allen anderen in dieser Gemeinschaft! Und ich werde euch alle sicherlich nicht vergessen!“, sprach ich feierlich. „Schön! Ich werde Eure Grüße den anderen ausrichten!“, sagte die Nonne und ging dann weg. Nun, es wird Zeit!, überlegte ich, zog mir den langen Reisemantel über meine Kutte und nahm meinen Rucksack auf. Dann schritt ich hinaus aus meiner Kammer und bahnte mir meinen Weg zum Tor der Gemeinschaft. Dort wartete wie so oft einer der Mönche als Torwache und als er mich entdeckte, hob er zum Gruß die Hand. „Bruder Vladimir!“, rief er mir zu und eilte mir entgegen. „Ihr bricht also auf!“, meinte er und ich nickte. „Das tue ich, Bruder!“, antwortete ich knapp. „Dann wünsche ich Euch alles Gute! Ich soll Euch noch ein kleines Abschiedsgeschenk geben, wenn Ihr es annehmen wollt!“, teilte er mir mit. „Ein Geschenk zum Abschied?“, fragte ich stirnrunzelnd. „Nehmt es und haltet es in Ehren!“, lachte der Mönch und deutete zur Seite. Ich folgte seinem Blick und sah ein gesatteltes Pferd, das mit den Zügeln an einem Pfahl gebunden war. „Das... das ist zu viel, Bruder!“, rief ich gerührt aus. „Nicht für uns, Bruder, nicht für uns! So kommt Ihr schneller an Euer Ziel und das ist es doch, was zählt!“, erwiderte der Mönch. Er ging wieder auf seinen Posten und nahm den schweren Balken vom Tor. Er schob die Flügel auseinander, während ich mich dem Tier mit dem dunklen Fell näherte. Es knabberte ruhig an einigen Grasbüscheln und peitschte mit seinem Schweif hin und her. „Hallo!“, begrüßte ich das Pferd, das langsam seinen Kopf hob, mich mit seinen schwarzen Augen musterte und dann wieder graste. „Es ist mir eine Freude, dass du mich begleitest!“, flüsterte ich ihm dem Pferd zu und tätschelte seinen Hals. Dann band ich seine Zügel los und ging zum Tor. Das Tier trottete hinter mir her und wirkte eher gelangweilt, als wir den Mönch passierten und hinaus auf den ausgetretenen Pfad gingen, der uns von der Gemeinschaft wegführte. Es geht los!, dachte ich angespannt. Jetzt bin ich wieder alleine auf Reisen!
Review schreiben
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast