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Geheiligt werde dein Name

von Alvadas
GeschichteDrama, Freundschaft / P16 / Gen
07.02.2021
11.05.2021
27
157.465
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07.02.2021 7.383
 
Anna: Walachei, im Jahre 1455
Still wie die Nacht selbst lag ich in der Dunkelheit und versuchte, mit den Ästen der ausladenden Tanne zu verschmelzen, in der ich hockte. Meine Atmung ging flach und gleichmäßig, während ich jede unnötige Bewegung eingestellt hatte. Meine ganze Konzentration steckte in meinem Gehör und in meinem Geruch! Ich hatte mich entgegen des Winds positioniert, sodass nun seit geraumer Zeit der Rauch des nahenden Lagerfeuers zu mir wehte und mir den süßen Hauch eines köchelnden Eintopfs vorgaukelte. Ich würde töten für einen richtigen Eintopf!, schoss es mir durch den Kopf. Es war die einzige Schwäche, die ich mir zur Zeit gönnte, bevor ich mich wieder auf meine Jagd konzentrierte. Seit einer Woche schon hetzte ich hinter meiner Beute hinterher und hatte mich nur von meinen trockenen Vorräten und dem ernährt, was ich unterwegs aufgelesen hatte! Und viel war das nicht, geschweige denn lecker!, überlegte ich. Doch etwas Gutes hatte meine enthaltsame Hatz gehabt! Genauso wie ich hungrig war, musste es auch meiner Beute nach Nahrung dürsten! Womit wir wieder beim Lagerfeuer angelangt waren! Nur wenig Geräusche drangen über die knapp fünfzig Schritt, die ich von dem Rastplatz entfernt war, zu mir und auch der Schein des Feuers verebbte schon nach wenigen Schritten! Ich schätzte, dass zu mindestens einer der beiden Familienväter eine Zeit beim Militär verbracht hatte oder ein erfahrener Jäger sein musste! Nur schemenhaft erkannte ich die Umrisse des Pritschenwagens, der auf der gegenüberliegenden Seite des Feuers stand, da ich mich bemühte, nicht direkt in die Flammen zu blicken. Man hatte eine der länglichen Seitenwände heruntergeklappt und eine Plane über die Fläche gespannt, sodass dort die Weiber und Kinder der beiden Familien trocken ruhen konnten. Wirklich einfallsreich, aber es wird ihnen nicht helfen!, dachte ich bekümmert. Die beiden reisenden Familien hatten alles getan, um den Schutz ihrer Rast zu erhöhen! Sie hatten das Feuer in einer kleinen Kuhle angezündet und den Wagen zwischen es und den Weg gestellt, auf dem sie gekommen waren. Auch hatten sie sich mehrere Schritte tief ins Dickicht gewagt, nachdem sie den Pfad verlassen hatten. Woher sie kamen, wusste ich nicht, genauso wenig was ihr Ziel sein mochte. Sie waren hier, das war es, was zählte! Kurz keimte ein Anflug von schlechtem Gewissen in mir auf, aber ich unterdrückte den sentimentalen Ausbruch und klammerte mich lieber fester an den Schaft meiner Armbrust. Wenn ich sie nicht benutzen würde, dann wären sie nicht unbedingt sicherer! Denn umso schneller ich die Bestien töte, desto besser für alle auf diesen Weg!, entschied ich. Die Geräusche aus dem Lager wurden leiser, vermutlich legten sich die meisten Mitglieder Schlafen, während ein Unglücklicher die erste Wache übernehmen musste! Auch das zeigte mir, wie vorsichtig die Reisenden waren, eine Notwendigkeit, wollte man hier draußen überleben!
Es dauerte noch ein wenig, bis ich das erste Knacken aus dem Unterholz vernahm. Es war leise gewesen, kaum hörbar, und doch reichte es aus, um mich hochschrecken zu lassen! Die Wache, ein älterer Bub um die vierzehn Winter hatte den Warnruf nicht vernommen, sondern saß an einem großen Stein gelehnt, den Federspieß seines Vaters in beiden Händen, vor dem Feuer. Anfänger!, dachte ich seufzend. Wachehalten war eine undankbare Aufgabe! Man stand dort, wartete auf etwas, von dem man hoffte, dass es nie kommen würde, und kämpfte gegen die erstarkende Müdigkeit! Machte man es richtig, war man am Ende der Schicht vollkommen erschöpft und doch so fahrig, dass man kaum einschlafen konnte. Tat man es falsch, lag das Leben all derer, die man zu beschützen versuchte, in Gottes Händen! Und diese sind nicht über euch gefaltet, nur meine!, dachte ich und achtete auf die linke Seite des Lagers. Mit vorsichtigen Bewegungen nahm ich den Bolzen mit der verstärkten Spitze von meiner Seite und legte ihn auf den Führungsschlitten der gespannten Armbrust. Wieder ein Knacken! Wieder keine Reaktion der Wache! Dann sah ich den Schatten! Geduckt schlich er durch die Büsche am Rande des Platzes und näherte sich schräg von hinten. Er umging das schmale Sichtfeld des Buben, als wüsste er genau, was dieser noch sah. Oder es ist das Feuer!, schätzte ich, denn ich wusste ja, um den Schrecken, den die brennende Glut meiner Beute einjagte! Kurz darauf löste sich auf ein zweiter Flecken aus der tiefen Finsternis und glitt lautlos in Richtung Pritschenwagen. Einer übernimmt die Wache, der andere begutachtet das Essen!, schoss es mir durch den Kopf. Mein Körper spannt sich an, wartend auf seinen Einsatz! Nur noch ein wenig! Ein kleines bisschen noch!, betete ich still und richtete meine Armbrust aus. Die erste Kreatur näherte sich auf den beiden schnellen Beinen dem Buben und umrundete den Stein. „Was zur...“, mehr konnte der Junge nicht mehr ausstoßen, als er erstaunt seinen Gegner wahrnahm. Es war zu spät für ihn, seine Waffe, die ohnehin schon viel zu lang für diese Kampfdistanz war, noch anzulegen oder gar aufzustehen! Ein unmenschlicher Schlag traf ihn und schleuderte ihn gut vier Schritt durch die Luft. Mit etwas Glück hatte er diesen Angriff überlebt, aber gerettet war er dennoch nicht! Der Tumult hatte die beiden erwachsenen Männer aufgeweckt, die an der Seite des Lagerfeuers gelegen hatten. Sie schreckten hoch, sahen sich um und registrierten im Bruchteil einer Sekunde die Gefahr, die sich auf sie geworfen hatte! „Auf!“, schrie der Mann mit dem längeren, grauen Bart, aber da hatte der zweite Schatten schon in den überdeckten Bereich des Wagens gegriffen und zog nun ein schreiendes Gör heraus. Mit seiner freien Hand wischte er die kreischende Frau zur Seite, die ihr Kind retten wollte, und beugte sich dann über das junge Mädchen. Es hatte nicht die Kraft, den unnatürlichen Klauen des Wesens zu entkommen, und das wusste das Mädchen! Ich sah ihre Augen nicht, doch ich kannte den Blick der einsetzenden Gewissheit, nun sterben zu müssen! Es war dieser Moment, wo sich meine Hand anspannte und den Riegel der Armbrust löste. Ein KLACK hallte über den Platz und wurde von dem Bolzen verfolgt. Die stählerne Spitze durchschlug die Schläfe des ersten Schattens und selbst der Schaft drang bis fast zur Gefiederung in dessen Schädel ein. Wie vom Schlag getroffen fiel das Monster um und das Mädchen krabbelte wimmernd unter ihm hervor. Sofort ließ ich meine Fernwaffe los, die an der Lederkordel baumelte, mit der ich sie an den Ast gebunden hatte. Auch mein übriges Gepäck hatte ich so befestigt, sodass ich mich ohne viel Ballast zur Seite rollen und von der Tanne fallen lassen konnte. Mit angewinkelten Armen fing ich meinen Sturz ab, auch wenn mir die starken Äste schmerzhaft gegen meine Rippen prellten. Auf allen vieren landete ich auf dem weichen Boden und spurtete gleich los. Meine Schritte genügten, um meinen Ansturm der zweiten Bestie anzukündigen, der sich bis eben um die beiden Männer gekümmert hatte. Er ließ von ihnen ab, schaute kurz zu seinem Gesellen, der am Boden lag, und ruckte mit seinem Blick dann in meine Richtung. Seine roten Augen verengten sich hasserfüllt zu Schlitzen, während ein leises Fauchen aus seinem Rachen drang. Derweil preschte ich durch das Unterholz und erreichte den freien Platz nahe des Feuers. Nun reichte das Licht aus, um die komplette Szenerie zu beleuchten, und ich musterte angespannt das Wesen, welches sich mit einem kräftigen Sprung auf mich warf. Es sah menschenähnlich aus, hatte langes, filziges Haar und war hochgewachsen. Doch auf dem zweiten Blick fielen einem die markanten Punkte auf, die diese Kreatur von den Lebenden unterschied. Da war die viel zu bleiche Haut, die sich kalkweiß über das tote Fleisch spannte, welches mit unheiliger Kraft beseelt war! Die roten, gierigen Augen, die langen Reißzähne und die Klauen vervollständigten das Bild des Raubtiers, dessen Hunger nur von Blut gestillt werden konnte! Strigoi!, düsterte es in meinem Verstand herum, während ich reflexartig meinen rechten Arm hob. Kreischend schrammten die Krallen des Strigois über den Rücken meiner Armschiene. Dennoch war die Wucht allein schon genug, um mich auf mein rechtes Knie zu zwingen. Schnell stieß ich meine linke Faust vor und zielte auf den unteren Bauch. Doch mein Gegner war viel zu schnell, sprang aus meiner Reichweite, nur um direkt nachzusetzen! Mit meinem linken Arm blockte ich den Tritt, der auf mein Gesicht gezielt hatte. Dann hechtete ich nach links, rollte mich ab, um dem nächsten Hieb zu entkommen, und stemmte mich wieder hoch. Mit links griff ich auf meinen Rücken und umfasste den lederumwickelten Griff meiner Axt. Zwei schnelle, ausladende Hiebe später hatte ich den Strigoi auf Abstand gebracht, damit ich wieder auf die Füße kommen konnte. Meine doppelköpfige Waffe ruhte in beiden Händen, als wir uns umkreisten. Nur unsere Schritte, mein keuchender Atem und das Knarzen meiner Rüstung war zu hören, während der Rest der Welt schwieg. Ohne Vorwarnung stürzte der Strigoi vorwärts und schlug in einer schnellen Kombination auf mich ein. Mit dem Axtblatt parierte ich den ersten Schlag, mit dem Schaft den zweiten. Dann drehte ich mich halb und hieb mit dem Knauf meiner Waffe nach seinem Kopf, der rasch zurückgezogen wurde. Doch mit diesem Manöver hatte ich gerechnet und ich ließ mich wieder auf ein Knie herab, duckte mich weit und schlitzte mit der scharfen Klinge meiner Axt den rechten Oberschenkel der Kreatur auf. Ein erstickter Schrei brach aus seinem Mund hervor und er bleckte seine gelblichen Zähne, als er mich anfunkelte. Meine Geste würde jedoch nicht lange vorhalten, schon bemerkte ich die Wallungen in dem rötlichen Fleisch der Wunde, die sich anschickte, die Verletzung ungeschehen zu machen. Auch die anderen Menschen sahen dieses unheilige Wunder. Ausrufe der Gottesfurcht, hastige Bekreuzigungen und stumme Gebete waren die Folge, aber keine dieser Handlungen hatte die Macht, dieses Wesen zu stoppen! Nur guter, alter Stahl hatte das! Oder Feuer oder Silber!, zählte ich in Gedanken der Vollständigkeit auf, aber als Erstes würde es der Stahl versuchen! Wir umkreisten uns in einem tödlichen Spiel aus Schlägen, Finten und Paraden, suchten jeder für uns nach einer Schwachstelle, an der wir ansetzen konnten, und tänzelten herum. Ich muss mich beeilen!, wusste ich, denn der zweite Gegner würde nicht lange so tot am Boden bleiben! Also trieb ich den Strigoi weiter vor mir her, zwang ihn zu hastigen Bewegungen und stellte ihn so, wie ich ihn haben wollte! Dann kam meine Gelegenheit! Nach einem wuchtigen Angriff des Monsters öffnete sich eine Lücke, in der ich mit meiner Axt fuhr. Die Kreatur war schnell und schaffte es irgendwie, meiner Klinge zu entkommen, dafür aber trat es unbedacht nach hinten, mitten in die Feuerkuhle! Es zischte laut und das Wesen schrie quiekend auf. Für einen Moment war seine Aufmerksamkeit gebrochen! Plötzlich schwang ich meine Axt schneller, zielsicherer und kräftiger! Die Waffe traf den Oberkörper des Strigois zweimal in Folge, dann zertrümmerte ich ihm sein Knie, sodass er zusammenklappte. Einer flüchtigen Attacke seiner Klauen wich ich behände aus und trieb ihm meine Waffe in die Stelle zwischen Schulter und Hals. Dunkles Blut blubberte hervor und verteilte sich zähflüssig. Doch auch das tötete dieses Monster nicht! Mit einem Ruck befreite ich die Axt, drehte mich um meine eigene Achse und hob die Waffe über meinen Kopf. „Argh!“, knurrte ich vor Anstrengung und trennte dann mit einem mächtigen Schlag den Schädel des Strigois von dessen Rumpf. Plötzlich tat sich eine Stille auf, in der ich nur meine eigene Atmung hören konnte! Es war vorbei! Der Kampf gewonnen, die Bestie erlegt! „Gott dankt Euch, Ser!“, stammelte einer der Männer, aber ich ignorierte seine Aussage, ging zu dem zweiten Strigoi, hielt seinen Kopf an dem Bolzen fest, der noch daraus ragte und enthauptete auch ihn. „Frevel!“, musste ich mir anhören, aber auch das überhörte ich einfach! „Frevel!“, wurde der Ruf aufgenommen und nun endlich drehte ich mich seufzend um. „Es war nicht Gott, der euch gerettet hat, sondern ich! Dankt ihr mir so etwa, dass ich euch geholfen habe?“, fragte ich in die Runde. Die Gesichter der Reisenden wurden länger, als sie bemerkten, dass ich kein Ser, kein Ritter oder Edelsmann war! Ja nicht einmal ein Söldner, sondern nur ein Weib in Rüstung mit Axt! „Wer seid ihr?“, fragte mich der Bärtige und wich einen Schritt zurück. Er musterte meine Aufmachung, die mit Nieten verstärkte Lederrüstung, den
Panzerkragen, den ich darüber trug und der feine, geätzte Verzierungen besaß. Sein Blick glitt über meine Axt, zu meinen Armschienen und dann endlich zu meinem Gesicht. „Was für ein Mannsweib seit ihr?“, verlangte er zu wissen. Ich zog nur eine Augenbraue hoch, denn Mannsweib war sicherlich keine Beschreibung, die meiner würdig war! Ich war knapp zwei Schritt groß, wog ohne Ausrüstung kaum mehr als ein Zentner! Mein Gesicht war fein und sinnlich, während mein aschblondes Haar mit einem dicke Knoten in meinem Nacken gebunden war. Durch den Kampf mit dem Strigoi hatte sich die eine oder andere Strähne gelöst und fiel mir nun in mein Gesicht. Lässig pustete ich sie aus meinem Blick und erwiderte das Staunen der Reisenden. Wäre ich nicht gerüstet, hätten sie mich für eine Edeldame halten können, doch so war ich nur das Abbild eine Groteske, die nach ihrer einfachen Vorstellung nicht existieren durfte! „Ihr solltet für diese Nacht sicher sein, aber beeilt euch, wo immer es euch auch hin verschlägt!“, antwortete ich und sammelte meinen Bolzen wieder ein und plünderte die Taschen der beiden Toten. Dabei kamen zwei schmale Geldbörsen zum Vorschein, die ich mir mit einem zufriedenen Grunzen einsteckte. Das könnte mir einige Nächte in warmen Betten spendieren!, überlegte ich und freute mich bereits auf eine Siedlung, die ich besuchen könnte. Ich ging an dem Feuer vorbei auf die Tanne zu, wo mein restliches Gepäck noch hing. „Wer... wer seid ...ihr? Wie... wie ist euer....euer Name?“, rief mir das Mädchen stotternd zu. Ich blieb stehen, drehte mich kurz zu dem Gör um, das bibbernd am Rock ihrer Mutter hing und mich mit tränenverschmierten Augen anblickte. Ein Grad an Dankbarkeit lag in ihrem Blick, der mich stutzen ließ. Im Gegensatz zu ihrer Familie wusste sie, dass sie mir ihr Leben zu verdanken hatte! „Anna. Meine Name ist Anna!“, erwiderte ich und ging von dannen.

Zwei Tage später, 150 Meilen südlich von Arges, Walachei
Mit meinem Rucksack und meinem Packen auf dem Rücken marschierte ich auf dem stumpfen Pfad entlang in Richtung der kleinen Siedlung vor mir. Es war kurz nach Mittag und die Sonne brannte noch warm hinab, obwohl es schon kein Sommer mehr war. Ich war nicht die Einzige, die den beschwerlichen Weg auf sich genommen hatte, um irgendwo anders in Sicherheit zu sein. Auch wenn es bei mir nicht um die Sicherheit geht!, dachte ich und trottete nach links, runter von dem Pfad, um die vielen Bauern zu überholen, die sich vor mir abkämpften. Viele von ihnen waren dreckig und abgehungert, doch sie nahmen all ihre Kraft, um das Wenige, das sie noch ihr eigen nennen konnten, vorwärts zu schieben. Als ich abseits der Kolonne ging, blieb ich stehen und sah mir den Tross an, der sich hier entlang schlängelte. So viele!, staunte ich. Es mussten Hunderte sein, die ihre Heimat im Krieg gegen die Osmanen verloren hatten und weiterziehen mussten! Und ich war nun eine von ihnen! Ich setzte mich wieder in Bewegung, denn ich wollte vor denen in der Siedlung ankommen. Vielleicht finde ich noch einen Platz, an dem ich rasten kann!, überlegte ich und sofort beschleunigten sich meine Schritte. Seit mehr als einer Woche hatte ich in Freien genächtigt und die Aussicht auf ein halbwegs vernünftiges Nachtlager motivierte mich. Immer weiter lief ich an dem Tross aus Karren, Maultieren und Menschen vorbei. Der Weg durch das gelbe, harte Gras war sogar angenehmer als der matschige, ausgetretene Pfad, auf dem sich die anderen abmühten! Plötzlich hörte ich eine klare Stimme, die sich durch das Ächzen und Stöhnen der Leute kämpfte. Ich sah mich um und entdeckte eine Gruppe an Bauern, die sich um eine hochgewachsene Gestalt drängte. Es war ein Mann mit langen, braunen Haaren und er stand in ihrer Mitte mit ausgebreiteten Armen. Er trug eine schwarze Kutte, gleich eines Priesters, die aber schon ihre besten Tage hinter sich hatte! An dem starrenden Schmutzrand am unteren Ende seiner Kleidung, die ausgefransten Ärmel und die aufgeschürften Ellenbogen erkannte man, dass dieser Gläubiger einen langen Marsch bewältigt hatte. „Gott sieht auf euch herab! Auf jeden einzelnen von euch! Er ist froh und stolz, dass ihr diesen Weg auf euch genommen habt, um seinen Glauben zu bewahren! Seht auf und fasst Mut, denn Gott wacht über euren Weg!“, sagte er und lächelte gültig, als würde er tatsächlich seine Worte glauben, die er da sprach! Mit einem Kopfschütteln überholte ich auch diese Gruppe und setzte mich an die Spitze der Kolonne. Das Dorf rückte näher und ich besah mir die Ansammlung an Hütten, die sich dort um den Weg zusammenstauchten. Rechts und links gab es einige Felder und Weiden, die teilweise umzäunt waren. Aber nur rechts gab es noch Feldfrüchte, die man hätte abernten können. Links der Siedlung lagen die Felder brach, zertrampelt und voller Matsch. Schon einige Dutzend Zelte und Karren hatten dort ihren Platz gefunden. Es sind schon so viele Flüchtlinge hier!, staunte ich nicht schlecht. Es überraschte mich nicht, dass hier die ganzen Menschen vorbeikamen, immerhin trafen sich an diesem Ort zwei Routen, die viel befahren waren! Dennoch... die bloße Masse an Menschen, die ihre Heimat verloren hatten und um ihr Leben fürchteten, traf mich schwer! Ich ging weiter und sah dann das Empfangskomitee, dass mich erwartete. Es waren fünf gerüstete Männer mit Hellebarden und Spießen. Sie wirkten nicht bedrohlich, sondern eher gelangweilt, aber dennoch waren sie eine bewaffnete Gruppe! Der vorderste Mann war schon alt, vielleicht vierzig Winter hatte er schon kommen und gehen sehen, und hatte bereits graue Strähnen in seinem buschigen Bart. Wie der Rest seiner Gruppe trug er einen Helm mit langem Nackenschutz und einen Gambeson. Aber er schien der Anführer zu sein, denn als ich näher kam, hob er gebieterisch seine Hand, während seine andere auf dem Knauf seines Schwerts lang. „Halt! Flüchtlinge rechts lang aufs Feld!“, rief er mir zu. Ich ging ungeniert weiter und blieb erst vor seiner ausgestreckten Hand stehen. „Ich gehöre nicht zu diesem Tross!“, erwiderte ich ruhig. Der Mann musterte mich brummend. Meine Rüstung war unter meinem langen Lederumhang versteckt, aber der Griff meiner Axt auf meinem Rücken und der Köcher mitsamt Armbrust an meiner Seite sprachen Bände. „Bist du eine Söldnerin?“, fragte er mich dann. Ich zuckte mit den Schultern. „So in etwa! Ich habe nur seit einigen Tagen kein Bett mehr gesehen und würde das gerne ändern!“, meinte ich nur. „Hmm... hier in Garskon gibt es nicht mehr viele freie Bett, fürchte ich!“, antwortete der Mann. „Mir egal, es reicht mir schon, wenn es einfach nur ein Dach ist und ein trockener Platz!“, seufzte ich. Der Mann vor mir nickte verständlich, als wüsste er von meinen Problemen. „Nun gut, wenn du willst, kannst du gerne ins Dorf gehen! Es gibt dort eine Schenke, aber wie gesagt, es sind sicher nicht mehr viele Betten frei!“ „Danke, das Angebot nehme ich gerne an!“, entgegnete ich dankbar. „Aber wenn Ihr eine Frage erlaubt, wie kann sich eine Siedlung wie Garskon eine Truppe wie euch leisten?“, wollte ich wissen. Diese Gruppe sah weniger aus, als wäre sie eine eigene Bürgerwehr, sondern wirkte mehr wie eine routinierte Truppe! „Wir sind im Auftrag des Bojarens Basarak hier und sollen die Handelsroute sichern!“, sprach der bärtige Mann und deutete dann mit einem Finger auf sich. „Ich bin Obmann Mika, zu deinen Diensten!“ Ich neigte mein Haupt und begrüßte den Obmann, den Anführer dieser Truppe. „Ist mir eine Ehre! Ich bin Anna! Ich hätte nicht gedacht, dass sich ein Bojar um so eine Siedlung schert!“, gab ich offen zu. Mika strich sich durch seinen grauen Bart, bevor er mir antwortete. „Die Siedlung ist nicht so wichtig, aber die Route an sich schon! Garskon ist besser als viele andere hier, deshalb sind wir hier!“ Ich nickte zustimmend. Das Dorf war nicht befestigt, aber es war größer als viele andere Siedlungen im Umkreis von vielen Meilen! „Hattet ihr bisher Probleme?“, fragte ich Mika. Der schüttelte den Kopf. „Nein, wir hatten zwar ein, zweimal eine berittene Gruppe Osmanen, aber sie verschwanden, als sie uns sahen!“, antwortete er ehrlich. „Dann hattet ihr Glück!“, sagte ich und verabschiedete mich. Ich ging weiter auf dem Weg und passierte die erste Hütte. Sie standen in unregelmäßigen Abständen auf beiden Seiten der Straße und führten so als eine Art Gasse zur Mitte der Siedlung. Dort verband sich die Straße, auf der ich ging, mit der, die von Osten kam. Sie kreuzten sich zweimal und bildeten ein Dreieck. Dort drin befand sich das größte Gebäude dieses Dorfes. Es war eine Kirche aus Holzplanken und dunklen Schindeln. Der Turm war schmal, aber hoch genug, dass man einen guten Überblick hatte. Bestimmt ist dort auch eine Wache!, überlegte ich, als ich hochblickte. Rechts der Kirche befand sich ein weiteres Gebäude und das Schild, welches davor hing, verkündete, dass es sich um besagte Schenke handeln musste. Es war zweistöckig, hatte einen Stall nebenan und wirkte gut besucht. Die Stallungen waren voller Pferde und zwei Kutschen standen hinter dem Haus. Dennoch wollte ich mein Glück versuchen und betrat die Kneipe. Unterschwelliger Lärm begrüßte mich und der Geruch nach Schweiß, Essen und vergossenem Bier wallte mir entgegen. Der Schankraum war groß und wurde von einem Tresen im rechten Teil beherrscht. Der übrige Teil hatte mehrere unförmige Tische. Mal waren sie lang und rechteckig, dann klein und rund. An manchen standen Banken, an anderen nur Stühle oder einfach Schemel. Ich war überrascht, wie viele Leute hier bereits saßen, tranken und aßen. Die Klientel war recht unterschiedlich. In einer Ecke hockten einige gut gekleidete Kaufleute, in einer anderen ehrbare Handwerker. Aber auch zwei Edelleute konnte ich ausmachen, die sich abseits des restlichen Pöbels niedergelassen hatten. Aber am lautesten waren die sechs bewaffneten Männer in der Mitte des Raums. Ihre Stangenwaffen lehnten an einem senkrechten Balken, während sie halb auf den Bänken standen und sangen. Ihre Ausrüstung war abgenutzt, aber gepflegt, weshalb ich vermutete, dass es Söldner waren. Sie hatten viel Spaß, wie es wirkte, auch wenn die Übrigen nicht mit einstimmten. Ich kämpfte mich an den anderen vorbei zum Tresen. Ein älterer Wirt stand dort und wischte mit dem Lappen über die hölzerne Platte. „Tag, ich suche nach einem Zimmer!“, rief ich. Der Wirt sah von seiner Tätigkeit auf und musterte mich still. „Wir sind belegt!“, brummte er zu mir herüber. „Sicher seid Ihr das, mein Herr! Aber vielleicht könnten das ein paar Münzen ändern?“, lockte ich ihn und kramte zwei Silbermünzen aus meinem Beutel hervor. „Ich glaube nicht...“, kam es von dem Mann, als er die Bezahlung bemerkte. Ich seufzte, griff erneut in den Beutel und holte zwei weitere Münzen hervor. Ich bin mir sicher, dass er noch das eine oder andere Zimmer frei hat!, dachte ich mir und hielt dem Blick des Wirts stand. Bei den Leuten, die schon hier sind, will er einen möglichst hohen Gewinn erzielen! „Eventuell...“, begann der Wirt, aber ich unterbrach ihn mit erhobener Hand. „Gut, bevor wir so weitermachen, machen wir doch einen Gesamtpreis!“, schlug ich vor und kramte vier weitere Silbermünzen heraus. Es war eine stattliche Summe für ein Zimmer und ein Essen, aber nach der Woche in der Wildnis war es mir das wert! „Ein Zimmer, ein Essen, etwas wie ein Eintopf mit etwas Brot und Käse, und einen guten Humpen Bier!“ „Ein kleines Zimmer!“, erwiderte der Wirt
und ich nickte. „Solange es ein Bett hat, bin ich einverstanden!“ Der Wirt langte über den Tresen hinüber und hielt mir seine grobe Hand hin. Ich legte die Münzen auf den Tisch, schob sie ihm hin und schlug dann ein. „Gut, ich bringe Euch gleich hoch!“, teilte mir der Wirt mit, bevor er seinen Lohn einstrich. Er ließ den Lappen auf dem Tresen liegen, bückte sich unter der Theke und kam dann mit einem Schlüssel in seinen Pranken wieder. Er nickte in die Richtung der Treppe, die weiter hinten zu sehen war, und ging dann darauf zu. Ich folgte ihm mit Sack und Pack und gemeinsam erklommen wir die dunklen Holzstufen, die in den nächsten Stock führten. Es war finster hier oben, da es kein Fenster gab, durch das Licht hätte hereinfallen können. Nur zwei Öllampen an den Wänden erhellten den schmalen Flur etwas, von dem zu beiden Seiten mehrere Türen abgingen. Auf der linken Seite gab es nur vier Türen, weshalb ich vermutete, dass dort die größeren Zimmer waren. Also bekomme ich bestimmt eins auf der rechten Seite!, schätzte ich und behielt recht. Der Wirt schlurfte langsam bis ganz nach hinten und schob dann den Schlüssel in das entsprechende Loch der letzten Tür. Er stieß die Tür auf, deutete hinein und verschwand dann wieder, ohne etwas zu sagen. Ich nahm den Schlüssel an mich, begab mich dann in das Zimmer und sah mich um. Es ist wirklich klein!, seufzte ich innerlich. Der Raum mochte vielleicht zwei Schritt in der Tiefe und drei Schritt in der Länge sein und wurde auf der mir gegenüberliegenden Seite auch noch von der Dachschräge in seiner Höhe eingeschränkt! Als einziges Möbelstück gab es ein Bett in der hinteren Ecke des Zimmers, welches mit einer Strohmatratze belegt war. Ein Kissen oder eine Decke suchte man vergeblich, aber auch das würde mir nichts ausmachen! Ansonsten war das Zimmer leer, dafür hatte ich ein eigenes, kleines Fenster links von mir. „Besser als ein Busch ist es alle Male!“, murmelte ich und begann damit, mein Gepäck abzustellen. Mein Rucksack und der Beutel kamen in eine Ecke, danach kümmerte ich mir ausgiebig um meine Ausrüstung. Meine Waffen und Rüstungen waren dreckig und so bürstete ich sie geduldig ab, ölte und stellte sie dann ebenfalls an die Wand. Nur noch mit meinem Lederwams und einigen Messern gerüstet, erhob ich mich, warf mir meinen Umhang über die Schultern und verließ mein Zimmer. Bis zum Abend waren es noch einige Stunden, die ich nutzen konnte, um Informationen über ein nächstes Ziel zu erlangen! Es gab hier immerhin genug Leute, die mir die schrecklichsten Geschichten erzählen konnten! Und wer wusste schon, welche davon einen mehr als wahren Kern hatte?
Es gab zwei Möglichkeiten für mich, als ich vor der Schenke stand. Ich könnte zum Lager der Flüchtlinge auf dem Feld abseits der Siedlung gehen oder mich hier bei den Dorfbewohnern umhören! „Vielleicht beginne ich mit den Dorfbewohnern!“, entschied ich dann. Immerhin wollte ich morgen wieder aufbrechen und könnte dann immer noch irgendwelche Reisende befragen! Also trugen mich meine Füße durch das Dorf und erst jetzt achtete ich überhaupt auf all die Hütten, die hier gebaut waren. Sieht so aus, als wäre diese Siedlung einzig und allein zum Zwecke des Pferdewechsels und der Durchreise geschaffen worden!, staunte ich. Neben dem großen Stall bei der Schenke gab es weitere Stallungen, in denen eine Menge Pferde hausten! Einige der Bauersleute hier mussten sich auf die Pferdezucht spezialisiert haben! Ich entdeckte eine Meldestation hinter der Kirche, wo die Boten des Bojaren und anderer, wichtigerer Leute rasten und ihre Pferde wechseln konnten. Dort war auch eine weitere Wache des Bojaren postiert, die ich nur mit einem Nicken grüßte. Ich hatte keine Angst vor den bewaffneten Männern, aber ich wollte mich auch nicht mit den Truppen des hiesigen Herrschers anlegen! Immer wenn ich einen der Dorfbewohner entdeckte, fragte ich ihn höflich nach Besonderheiten, die es in den letzten Tagen und Wochen hier gegeben haben mochte, aber sie alle berichteten mir nur von den vielen Flüchtlingen und den Osmanen, die man selbst hier schon zu Gesicht bekommen hatte! Aber keine Vermissten oder blutleeren Leichen!, dachte ich und ging weiter. Mein Weg führte mich an der Schmiede vorbei, ein weiteres Zeichen für die Wichtigkeit dieser Siedlung! Aber so sehr ich auch fragte, ich erhielt an diesem Tag keine Informationen, die mich auf die Fährte eines weiteren Strigois gebracht hätten! „Dann wird es Zeit fürs Essen!“, beschloss ich und kehrte zur Schenke zurück. Einen Krug Wasser und eine Waschschüssel besorgte ich mir und oben in meinem Zimmer begann ich dann, mich zu waschen. Vorsichtig löste ich den Knoten aus meinem blonden Haar, welches mir gleich lang auf die Schultern fiel. Aus meinem Beutel holte ich einen kleinen Sack aus gutem, roten Stoff hervor, den ich mit zur Waschschüssel nahm. Dort drin waren meine beiden einzigen Heiligtümer, neben meinen Waffen natürlich, die ich auf meine Reise mitgenommen hatte. Aus dem Sack holte ich zwei in Öltüchern gewickelte Gegenstände hervor, die ich auspackte. Der Duft von Rosen und Thymian erfüllte das kleine Zimmer, als das leicht rosafarbene Stück Seife zum Vorschein kam. Ich nahm es an mich, als wäre es ein rohes Ei und wusch damit mein Gesicht und meine Haare. Was würde ich für einen Zuber heißes Wasser geben!, schoss es mir durch den Kopf, aber ein Bad musste ich noch auf einen späteren Zeitpunkt verschieben! Meine nassen Haare wrang ich behutsam aus, dann trocknete ich sie und holte den zweiten Gegenstand hervor. Es war ein feiner Kamm, denn ich einst von der Frau meines Herren erhalten hatte! Es war ein schlichter, aber gut verarbeiteter Kamm aus Knochen. Das Schöne an ihm waren die kleinen, goldenen Perlen, die auf den Spitzen der Zinken saßen. Damit fuhr ich mir mehrmals durch mein Haar und schloss genüsslich die Augen. In meiner Vorstellung war es nicht der Kamm, sondern die Finger eines Geliebten, die mich so massierten. Nicht das ich je die Erfahrung eines Geliebten geteilt hätte, aber in meiner Fantasie müsste es sich so anfühlen!
Nach der Pflege band ich mir einen losen Zopf, dann ging ich hinab in die Schankstube. Die fortgeschrittene Zeit und die einsetzende Dunkelheit draußen hatten die Taverne weiter gefüllt und es gab nur wenige freie Plätze noch. Schnell suchte ich mir einen kleinen Tisch in einer der Ecken, an dem nur ein grober Schemel zum Sitzen stand. Die Fläche des Tisches reicht gerade so, dass man alleine dort sitzen und etwas essen konnte! Dort ließ ich mich nieder und mein Blick streifte automatisch durch den Raum. Wieder oder immer noch feierten die Söldner in der Mitte der Schenke. Ihr Tisch war reich gedeckt, auch wenn sie dem Alkohol eher zusprachen als einer festen Mahlzeit. Auch die Edelleute von heute Mittag entdeckte ich wieder. Dieses Mal aber sah ich auch die beiden Wachen, die mit nervösem Blick und der Faust um ihre Schwerter hin und her sahen. Weitere Kaufleute hatten sich eingefunden und hatten sich zu ihren Berufsgenossen gesetzte. Auch dort entdeckte ich den einen oder anderen gerüsteten Mann. Es sind ja auch gefährliche Zeiten zum Reisen! Kein Wunder, dass sich so viele Begleitschutz gönnen!, dachte ich und schaute weiter. Drei junge Mädels taten ihr Bestes, um den Bestellungen der vielen Gäste nach zu kommen. Zwei von ihnen mochten vierzehn oder fünfzehn Winter gesehen haben, aber die Letzte war deutlich jünger, vielleicht zwölf Winter alt! Da sie neben mir die einzigen Weiber in der Schenke waren, erfreuten sich die drei großer Aufmerksamkeit und Beliebtheit und ich sah mehr als einmal eine männliche Hand aus Versehen auf den Hintern der Bedienungen klatschen. Die beiden älteren Frauen steckten das gut weg, aber die jüngste wurde sichtlich rot im Gesicht! Als sie in meiner Nähe war, winkte ich sie zu mir heran. „Ich möchte mein Essen haben!“, stellte ich klar und nickte in Richtung des Tresens. Das Mädchen sah mich mit großen Augen an. Anders als bei meiner Ankunft trug ich weder Axt noch Rüstung und mein sauberes Gesicht mitsamt des blonden Zopfs vervollständigten das Bild einer Dame! „Sofort, Mylady!“, rief die Kleine aus und wäre fast über ihre eigene Schürze gestolpert, als sie zum Tresen hasten wollte. Schnell lehnte ich mich nach vorne und hielt sie am Ellenbogen fest, bevor sie stürzen konnte. „Da... Danke, Mylady!“, keuchte sie, aber ich schüttelte den Kopf. „Ich bin keine Lady, also nenn mich auch nicht so! Und mach lieber langsam, ja? Dein Vater kann es sich weniger leisten, wenn du mit einem verstauchten Knöchel nicht arbeiten kannst, als wenn du nicht rechtzeitig alles hinbekommst!“, sagte ich zu mir. Ihre braunen Augen wurden noch größer, als sie meine Worte hörte und sie spielte gedankenverloren mit einer Locke ihres schwarzen Haars, die unter ihrem Kopftuch hervorlugte. „Woher wisst Ihr, dass der Wirt mein Vater ist?“ „Na, sonst würde kein Vater seine junge Tochter hier arbeiten lassen, meinst du nicht auch?“, erwiderte ich und zeigte auf eine der anderen Bedienungen. „Die dort ist sicherlich deine Schwester, nicht wahr? Und diese dort vielleicht deine Cousine!“, vermutete ich und erntete zweimal Kopfnicken von dem Mädchen. „Seid Ihr eine Hellseherin, My...“, begann die Kleine, verschluckte aber die höfliche Anrede und starrte mich nur an. „Nein, sicher nicht! Ich beobachte einfach nur! Und jetzt denk an mein Essen!“, erinnerte ich sie an ihre Pflicht und entließ sie.
Die Bedienung ging, nun etwas langsamer als zuvor. Die Tür der Schenke schwang in unregelmäßigen Abständen auf und mal gingen Gäste oder es kamen neue. Aber als eine hochgewachsene Gestalt eintrat und zum Tresen ging, schaute ich neugierig auf. Was will der denn hier?, fragte ich mich, als ich den Priester von heute Morgen wiedererkannte. Er redete intensiv mit dem Wirt und gestikulierte immer wieder nach draußen. Anfangs weigerte sich er Wirt, das sah ich an den beiden verschränken Armen vor seiner massigen Brust, aber umso länger er dem Geweihten zuhörte, desto milder wurde sein Ausdruck! Irgendwann nickte der Wirt nur noch und verschwand in der Küche. Der Priester lehnte sich zufrieden an die Theke, bis der Wirt wiederkam. Er trug einen Topf bei sich, der mit einem Eisenring an einer Holzstange befestigt war. Mit der man den Topf tragen konnte, ohne sich an dem heißen Metall die Finger zu verbrennen. Der Wirt reichte dem Priester den Topf, welcher das große Gefäß schwankend entgegennahm. Dazu kamen noch einige Laibe Brot und etwas Käse, dann ging der Priester wieder. Verwirrt sah ich zum Wirt, denn ich hatte nicht bemerkt, wie der Priester den Mann für das Essen entlohnt hatte! Als die Kleine mit einer Schüssel voll Eintopf, einen Kanten Brot, ein Stück Käse und einem Humpen Bier zu mir kam, hielt ich sie wieder zurück. „Was wollte der Priester von deinem Vater?“, fragte ich sie und schob ihr so gleich unauffällig ein Kupferstück hin. „Er fragte, ob wir etwas Nahrung erübrigen könnten, für die Flüchtlinge!“, antwortete sie, ohne das Geldstück an sich zu nehmen. „Und ihr habt ihm einfach so etwas gegeben? Bei der Masse an Gästen?“, war ich erstaunt. Die Kleine zuckte mit den Schultern. „Der Mann sagte etwas von Nächstenliebe oder so! Normalerweise macht mein Papa das nicht, aber...“ Wieder zuckte sie mit den Schultern, als wüsste sie auch nicht, was sie von dieser Geste ihres Vaters halten sollte. „Nun gut...“, brummte ich und tippte auf das Kupferstück. „Hier, nimm es! Für deine Ehrlichkeit!“ „Danke, My... Ich meinte, danke!“, stammelte die Kleine und steckte das Geld endlich weg. Nun zum Hauptthema!, dachte ich hungrig und rieb mir die Hände. Der Eintopf duftete herrlich und selbst das Brot war nicht allzu alt, dass es noch gut schmeckte! Schnell machte ich mich über mein Essen her und spülte alles dann mit großen Schlucken Bier herunter. „Ah! Wie lange ist es nur her?“, fragte ich mich laut und gluckste zufrieden, als der Alkohol durch mein Blut fuhr. Der wollige Schauer der einsetzenden Benommenheit entspannte mich und so lehnte ich mich zurück, bis ich mit dem Rücken gegen die Wand schlug, streckte meine Beine aus und genoss meinen Humpen Bier.
Doch eine Aufregung im Schankraum verdarb mir meinen Genuss und ich sah missmutig auf, als lautes Gejohle durch den Raum schallte. Einer der Söldner am mittleren Tisch hatte die kleine Bedienung gepackt und sich rittlings auf den Schoß gesetzt. Seine stoßenden Bewegungen sollten andeuten, was er gerne mit dem Mädchen machen würde, die das aber gar nicht lustig fand. Oder vielleicht war es auch die grabschende Hand des Mannes, die sich unaufhaltsam ihren Weg unter ihren Rock bahnte. „Lasst das, Herr! Bitte nicht!“, flehte die Kleine, doch angestachelt durch seine Kameraden steigerte sich der junge Mann immer weiter hinein. Ich musterte ihn knapp, bemerkte, dass er nicht viel älter sein durfte als ich, denn der Flaum um sein Kinn war weder dicht noch üppig! Wahrscheinlich hat er so etwas generell noch nie getan und will sich vor seinen Freunden rühmen!, schätzte ich. Kurz schweifte mein Blick zum Tresen, aber der Wirt und Vater der Kleinen war in der Küche und sah so die Bedrängnis seiner Tochter nicht! „Lasst sie los, Herr!“, rief dafür eine der älteren Bedienungen, die das gleiche schwarze Haar hatte wie die Kleine. Sie trat resolut auf den Tisch zu und wollte ihre Schwester von dem Schoß des Söldners ziehen, aber ein anderer Mann schnappte sie. „Warum gibst du mir nicht ein Küsschen? Vielleicht helfe ich dir dann auch?“, fragte er und griff der Frau in den Nacken, um ihren Kopf an seine Lippen zu führen. Alle Blicke waren auf diese Szene gerichtet, doch niemand in dem Raum unternahm etwas! Sie haben Angst!, bemerkte ich, als ich erst zu den Kaufleuten und dann zu den Edelmännern blickte. Sie hatten Wachen und Waffen und dennoch fürchteten sie die sechs Söldner, deren Lebensunterhalt darin bestand, zu töten! „He da, Bedienung!“, sprach ich laut und deutlich und zeigte erst auf die Kleine und dann auf mich. „Schenk mir nach!“, verlangte ich laut genug, damit es auch die Söldner hören konnten. Der junge Bursche mit dem noch jüngeren Mädel auf den Beinen schaute zu mir und grinste. Dabei entblößte er die gelben Stummel, die wohl einst Zähne gewesen waren! „Sie kann nicht, warte einfach, bis ich fertig bin!“, gackerte er und schob seine Hand noch etwas tiefer unter den Rock des Mädchens. Dieses fing an zu wimmern und dicke Tränen kullerten über ihre Wangen. Einen kurzen Moment schloss ich die Augen und fragte mich, was ich damit zu tun hatte! Nichts! Das geht mich nichts an! Ich sollte einfach aufstehen und auf mein Zimmer gehen!, überlegte ich. Dann aber öffnete ich meine Augen wieder und ein Anflug tiefen Zorns erfüllte mein Herz. Ich blieb beherrscht, so wie man mich es gelehrt hatte, aber ich konnte nicht einfach wegsehen, wie der Rest der schwanzlosen Brigade hier im Schankraum! „Du warst doch schon fertig, als du die Kleine angesehen hast! Das merkt man doch am Fleck an der Hose!“, erwiderte ich bissig. Das Lachen der Söldner verebbte, als ihre kleinen Hirne meinen Witz verarbeiteten. Dann begann der erste, zu lachen, und der Rest fiel mit ein. Alle, bis auf denjenigen, auf dessen Kosten ich gescherzt hatte! „Was sagst du da, du Fotze?“, brüllte er los und warf die Kleine von sich. Diese fiel auf den Boden, kroch aber sofort aus seiner Reichweite. Der Bursche erhob sich breitbeinig, als wäre sein Gehänge so groß wie ein gutes Butterfass! Er steckte seine Daumen in seinen Gürtel, an dem ein langes Messer und ein breiter Parierdolch steckten. „Wenn ich mit dir fertig bin, dann siehst du, wie lange ich durchhalte!“, prahlte er und entblößte wieder sein schimmeliges Grinsen. „Dann komm doch!“, forderte ich ihn auf und erhob mich. Mit einer fließenden Bewegung streifte ich meinen Ledermantel ab, sodass man meine ungerüsteten Kurven bestaunen konnte. Erst jetzt schienen die Söldner zu registrieren, dass ich eine junge und recht schöne Frau war, die sich mit einem der ihren angelegt hatte! Der Bursche leckte sich über seine spröden Lippen, eine Geste der unmenschlichen Begierde, die er gerade empfand. „Los, Stevens! Besorg es dem Weib!“, lachte ein älterer Söldner, den ich für den Anführer der Truppe hielt. Mit Hilfe habe ich also nicht zu rechnen!, schloss ich daraus.„Ja, der besorg ich es richtig!“, stimmte der Bursche namens Stevens zu und machte zwei entschlossene Schritte auf mich zu. Er nahm seine Daumen aus seinem Gürtel, griff sich mit einer Hand in seinen Schritt und schaukelte seine Kronjuwelen. „Mein pralles Glied wartet schon auf dich, du Fotze!“, grölte er und erntete einige Lacher seiner Kameraden. „Ich sehe nur ein schlaffes Stück Scheiße! Zu klein, um es genauer zu betrachten!“, antwortete ich ruhig. Wieder verzog sich das Gesicht des Burschen und Wut stieg rot in ihm auf. Seine Lippen zitterten, dann sprang er vor und griff nach mir. Mit einem knappen Schritt weg von meinem Tisch entging ich seinem stürmischen Angriff. Meine rechte Faust zuckte nach vorne und traf ihm mit einem satten Haken im Bauch. Stevens krümmte sich keuchend und hielt sich seinen schmerzenden Magen. Ich nutzte diese Position aus, um ihm erst meinen Fuß in seine Eier zu rammen und ihn dann mit einem wuchtigen Hieb meiner linken Faust an der Schläfe zu treffen. Der Söldner quietschte auf, dann ruckte sein Kopf durch meinen Schlag zur Seite, seine Augen drehten sich nach hinten, sodass man nur noch das Weiße sehen konnte, dann kippte er wie eine gefällte Eiche zu Boden. Der Anführer des Trupps wurde fast schon purpurn im Gesicht und zuckte, als wollte er in den Kampf eingreifen. Aber mit einer schon übermenschlichen Geschwindigkeit zog ich eines der Messer, welches ich versteckt am Rücken trug, und warf es nach ihm. Sirrend blieb es in der Bank stecken, keine Handbreit von seinen eigenen Eiern entfernt. Mit Augen, die ihm fast aus dem Schädel purzelten, starrte er mich an, während ich gemächlichen Schrittes auf ihn zu kam. „Ihr solltet Eure Truppe besser im Griff haben! Ihr mögt vielleicht viele sein und erfahren, aber in diesen Dörfern gibt es genug Männer des Bojaren und Freiwillige, die Euch und Eure Leute fertig machen würden, wenn Ihr es darauf anlegt!“, zischte ich ihm zu, bevor ich nach meinem Messer griff und es aus dem Holz zog. Ruhe herrschte in dem großen Raum, während alle gebannt zu mir und dem Söldner blickten. Ich war mir nicht sicher, ob es gleich zu einer handfesten Auseinandersetzung kommen würde, in der ich den Kürzeren ziehen würde, sollten sich die restlichen fünf Söldner auf mich stürzen. Deshalb nickte ich zu dem Burschen, der ohnmächtig neben meinem Tisch lag. „Ihr solltet Euren Grünschnabel hier raus schaffen!“, empfahl ich ihm. Der Anführer schluckte und blickte sich kurz um. Meine kleine Ansprache hatte offensichtlich ihre Wirkung getan und er schien sich unsicher, ob die anderen Gäste sich nicht gegen ihn verbünden würden, wenn er mich angriff. Also befahl er zwei seiner Mannen, den Burschen herauszutragen, während er sich mit dem Rest erhob. Sie packten ruhig ihre Sachen, aber zum Schluss drehte sich der ältere Mann noch einmal zu mir um. „Das wird nicht ungesühnt bleiben!“, schwor er mir und verließ dann die Schenke. Langsam kehrte die alte Atmosphäre des Wirtshauses wieder und die Gäste verfielen in ihren eigenen Gesprächen. Ich derweil ging zurück zu meinem Platz. „Danke, My... Danke, wirklich danke!“, sagte die Kleine, deren Hände immer noch zitterten. „Keine Ursache!“, erwiderte ich nur. Dann stellte sich die ältere Bedienung neben ihre Schwester und nickte mir zu. „Wir sind euch dankbar, werte Dame! Ohne Euer Eingreifen...“, sprach sie, aber ich schüttelte nur den Kopf. „Schon gut! Passt einfach auf euch auf, ja?“, meinte ich und die beiden Mädel nickten eifrig. „Masha, hol noch ein Bier für die Dame!“, sagte die Ältere zu der Jüngeren, die eilig zum Tresen lief. „Ich hatte keines bestellt!“, teilte ich mit. „Doch hattet Ihr! Ihr habt doch eben gerufen, dass man Euch nachschenken sollte!“, erwiderte die Bedienung, lächelte aber. „Nehmt es als Dank an, bitte!“ Ich grummelte kurz vor mir her, nickte aber. Wer konnte schon zu einem Freibier nein sagen? „Verzeiht mir meine Neugier, aber wie viele Winter habt Ihr bereits erlebt?“, wollte sie von mir wissen, während wir zusammen auf mein Bier warteten. „Diesen Winter werden es achtzehn!“, antwortete ich knapp. „Achtzehn also... Ihr seht älter aus!“, staunte die Bedienung mit den schwarzen Haaren nicht schlecht. Ich zuckte mit den Schultern, denn das bekam ich leider zu oft zu hören! „Und dennoch habt ihr ihn so leicht besiegt!“ „Seitdem ich laufen kann, habe ich mich im Kampf geübt! Ich hatte strenge, aber gute Lehrer!“, erklärte ich und die Frau nickte nur. Dann kam ihre Schwester und stellte mir einen zweiten Humpen auf den Tisch. „Bitte schön!“, lächelte sie und ich dankte ihr mit einem Kopfnicken. Dann endlich bekam ich meine Ruhe, um dieses Bier auch ordentlich zu würdigen! Danach beeilte ich mich, auf mein Zimmer zu gehen, die Tür von innen zu verriegeln und mich in das Bett zu legen. „Himmlisch!“, seufzte ich, als ich auf der Matratze aus Stroh lag. Mein Umhang diente mir als Decke, während mein Ersatzwams zusammengeknüllt als Kissen fungierte. Es war nicht das beste Bett, ehrlich nicht, aber es war um Längen besser als der Erdboden mit etwas feuchtem Laub!
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