Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Alleingänge

von Mimmy87
GeschichteAllgemein / P16 / Gen
Kriminalhauptkommissar Frank Thiel Kriminaloberkommissarin Nadeshda Krusenstern Rechtsmediziner Professor Karl Friedrich Boerne Rechtsmedizinerin Silke Haller
07.02.2021
07.02.2021
1
4.675
 
Alle Kapitel
1 Review
Dieses Kapitel
1 Review
 
 
 
07.02.2021 4.675
 
„Wo bleibt Thiel?! Um Himmelswillen, warum dauert das so lange?!“, fragte er genervt und schnaubte.

„Ich weiß es nicht“, sagte sie zitternd.

Schon seit beinahe drei Stunden saßen sie nun in diesem Kühlhaus fest. Warum man sie hier hingebracht hatte, wussten sie nicht.

Grade als sie beide das Institut betreten hatten, war ein Mann mit gezogener Waffe hineingestürmt und hatte sie durch den Hintereingang auf die Ladefläche eines silbernen Lieferwagens gedrängt.

Geistesgegenwärtig hatte Boerne sein Handy unauffällig in die Innentasche seines Mantels gleiten lassen. Ihr hatte man ihre Handtasche abgenommen, bei ihm hatten sie bloß in die Außentaschen geschaut.

Der oder die Entführer schienen unerfahren und hatten sie nicht weiter kontrolliert. Am Zielort angekommen, wurden ihnen von einem maskierten Mann die Augen verbunden, bevor man sie unsanft aus dem Transporter drängte.

„Was fällt ihnen ein?!“, hatte Boerne wütend geschnaubt und anschließend herumlamentiert, was aber nichts half. Der Mann mit der Maske hatte geschwiegen und sie kommentarlos in eben dieses Kühlhaus gesperrt, in dem sie sich nun befanden.

Nach einer Weile hatte der Professor es dann gewagt, die Augenbinde abzunehmen, sein Handy hervorzuholen und Thiel anzurufen.

Dieser war zunächst genervt an sein Telefon gegangen, hatte aber dann scheinbar den Ernst der Lage erkannt. Er wollte die beiden orten lassen, um sie dann zu befreien.

Noch immer hatte sich nichts getan.

„Hallo“, rief er wieder laut und hämmerte mit der Faust gegen die Stahltür des Kühlhauses.

„Es bringt doch nichts, Chef. Ich bin mir sicher, Herr Thiel ist unterwegs und wir sind gleich frei“, kommentierte sie.

„Na, oh, also ich halte hier noch eine Weile aus. Dass sie so ruhig bleiben können, verstehe ich allerdings nicht. Hat die Kälte bereits ihre Sinne getrübt, Alberich?!“, gab er überheblich von sich.

„Nein, aber ich vertraue auf Thiel“, meinte sie.

„Je kleiner der Mensch, umso schneller kühlt er aus“, sagte er mit einem gewissen Hohn in der Stimme.

„Das weiß ich selbst. Vielen Dank für die Aufmunterung, Herr Professor“, sie rollte mit den Augen und wandte sich von ihm ab.

Nun starrten sie jeder in eine andere Richtung. Beide blieben stumm.

Nach einer gefühlten Ewigkeit schielte Boerne dann zu ihr. Sie hatte die Arme verschränkt, zitterte am ganzen Körper und trat von einem Bein auf das andere. Er fragte sich, wie lange sie durchhalten könnte.

„Alberich, kommen sie mal zu mir“, sprach er.

Sie reagierte nicht.

„Warum sind sie denn jetzt bitte beleidigt?! …. Schön, wenn der Prophet nicht zum Berg....“, begann er.

„Halten sie doch einfach ihre Klappe, ja?!“, giftete sie.

Überrascht von ihrer für sie recht schroffen Ansage, zuckte er kurz zusammen. Die Lage war ernst, das war ihm klar. Vielleicht sollte er einfach mal über seinen Schatten springen.

Ohne weitere Worte ging er dicht hinter sie und zog sie an sich. Sie versuchte ihn abzuwehren und stieß ihn von sich.

Er legte ihr eine Hand auf die Schulter. „Kommen sie, Frau Haller“, sprach er, knöpfte seinen Mantel auf und hielt ihn auseinander.

Sie drehte sich nun zu ihm und sah ihn an. Kein Grinsen, kein Spott. Sein Blick war ernst. Zögerlich machte sie einen Schritt und drehte sich in ihn hinein.

Nun stand sie, mit dem Rücken an ihn gelehnt, vor ihm. Boerne hielt seinen Mantel an beiden Seiten fest und versuchte sie damit zu umschließen.

„Besser?“, fragte er nach ein paar Minuten.

„Ein bisschen“, sie schlotterte immer noch.

Er ließ seinen Mantel los und bewegte sich von ihr weg. In einer Ecke standen alte Plastikboxen. Er nahm eine davon, stellte sie hochkant vor die Wand und hockte sich darauf.

Sie beobachtete ihn dabei. Er gab ihr ein Zeichen zu ihm zu kommen.

„Setzen sie sich“, meinte er und klopfte sich auf die Oberschenkel. „Mein Oberkörper ist wärmer als meine Beine“, er zwinkerte ihr zu.

Sie befand es für seltsam, nahm sein Angebot aber an.

Boerne lehnte nun mit dem Rücken an der eisigen Wand und Alberich lehnte mit ihrem, gegen seinen Oberkörper.
Sie hatte die beiden Seiten seines Mantels in den Händen und hielt sie zu, so gut es ging.
Er umfasste sie mit seinen Armen um die Taille, damit sie nicht rutschen konnte.

„Nicht einschlafen“, sagte er.

Silke wurde tatsächlich müde. Sie merkte nun den Atem von Boerne in ihrem Nacken und spürte, dass auch er etwas zitterte. Doch sein Oberkörper war warm. Zumindest wärmer als der Ihre.

„Wir müssen hier raus! Nicht einschlafen“, wiederholte er mit Nachdruck und rüttelte sie.

Zum gefühlt hundersten Male, zückte er sein Handy und wählte Thiels Nummer. Wieder nur die Mailbox. Na der könnte sich was anhören, sobald sie hier raus wären.

Entsetzt stellte der Professor fest, dass sich sein Gerät in diesem Moment verabschiedete. Entladung durch Kälte.

Silkes Atem wurde flacher. Boerne selbst zitterte nun auch stärker, er merkte förmlich, wie er selbst langsam aber sicher auskühlte.

„Hab ich ihnen eigentlich schon Mal die Geschichte erzählt, wie ich auf den Malediven quasi im Alleingang einen Mord aufgeklärt habe?“, fragte er mit vor Kälte bebenden Lippen.

„Nein“, antwortete Silke schwach.

„Gut. Stellen sie sich eine kleine Insel vor, mitten im Paradies. Ein schickes Hotel. Die Sonne scheint. Es ist warm – um nicht zu sagen heiß. Ich wollte an diesem Tag schnorcheln gehen, in dem klaren Wasser mit angenehmer Badewannentemperatur. Dazu lief ich über den feinen weißen Sand hin zum Meer. Meine Füße berührten bereits das warme Wasser, als ich plötzlich eine Frau kreischen hörte. Natürlich drehte ich mich herum, um zu sehen, was geschehen war. Ich ging zur Cocktailbar am Strand. Dort hatte sich bereits eine Menschentraube gebildet. Die Sonne schien mir ins Gesicht, sodass ich geblendet wurde und nichts Genaues erkennen konnte. Als ich angekommen war, lag dort ein älterer Herr leblos neben einem Barhocker. Ich drängte mich an den gaffenden Menschen vorbei, sagte, dass ich Arzt bin und überprüfte die Vitalzeichen des Mannes. Da es grade erst passiert war, fühlte er sich noch warm an, aber er war tot. Keiner der Anwesenden vermutete ein Verbrechen, doch dies hat mich nicht davon abgehalten ihn später im Hotel zu begutachten. Die Sache kam mir spanisch vor. Zunächst fand ich nichts, deshalb ging ich zurück an den Strand und legte mich in eine der Liegen. Es war immer noch warm, auch wenn die Sonne langsam unterging, plötzlich hatte ich.......“, eine Stimme von außerhalb unterbrach ihn.

„Professor Boerne?“, rief Nadeshda laut und fragend.

„Alberich! Hören sie das?“, er rüttelte sie. Sie hob schwach den Kopf.

„Hier. Frau Krusenstern. Wir sind hier im Kühlhaus“, rief er so laut zurück wie er nur konnte.

Wenige Sekunden später öffnete Nadeshda die Türe.

„Gott sei Dank. Sind sie ok?“, fragte sie besorgt.

„Wo ist Herr Thiel?“, gab er zurück, ohne ihre Frage zu beantworten.

„Kommen sie erstmal da raus“, sprach Nadeshda.

Da Silke keine Regung zeigte, hob er sie mit letzter Kraft auf seine Arme, stand auf und trug sie hinaus.

Boerne bemerkte erst jetzt die vielen blinkenden blauen Lichter. Da kamen auch schon zwei Sanitäter auf ihn zugestürmt.

Einer der beiden breitete eine Decke auf dem Boden aus. Vorsichtig legte der Professor Silke darauf ab. Die beiden Sanitäter kümmerten sich zunächst um sie, bevor ein wieder anderer zu Boerne kam und ihm ebenfalls eine Decke reichte.

Dankbar nahm er diese und legte sie sich um die Schultern. Er vergewisserte sich, dass Silke sich nicht in Lebensgefahr befand und ließ dann seinen Blick umherschweifen, um Nadeshda, die sich zwischenzeitlich entfernt hatte, zu entdecken.

Als er sie ausgemacht hatte, ging er schnellen Schrittes auf sie zu. Sie stand neben einem Krankenwagen.

„Wo ist Thiel?“, fragte der Professor wieder.

„Im Krankenwagen“, gab Nadeshda sorgenvoll zurück.

„Was?“, entfuhr es Boerne entsetzt.

„Sie. Sie beide und ihre ständigen Alleingänge“, Nadeshda wurde wütend.

Boerne klimperte verdutzt mehrmals mit den Augen.

„So langsam habe ich echt kein Verständnis mehr dafür. Wie oft wollen sie sich noch in Lebensgefahr begeben. Das ist doch Wahnsinn“, pflaumte sie Boerne an.

„Also....Was ist denn überhaupt passiert?“, fragte er.

„Er hat mir wieder nicht Bescheid gesagt. Wenn ich nicht über Umwege erfahren hätte, dass er sie hat orten lassen, dann säßen sie beide wahrscheinlich bis zum Sankt Nimmerleinstag in diesem Kühlhaus fest“, Nadeshda schnaubte. „Und er, er dachte mal wieder, er würde es alleine schaffen. Sehen sie sich doch das Chaos hier an. Zwei Schwerverletzte – sofern es Frau Haller sich erholt, sonst sind es drei, ein Toter, und....“, schimpfte sie aufgebracht, als Boerne sie unterbrach.

„Herr Thiel ist....“, begann er.

„Verletzt. Angeschossen“, sagte sie nun etwas ruhiger.

Erleichtert atmete Boerne etwas auf. „Wer ist die tote Person?“, wollte er wissen.

„Oh nein. Vergessen sie es gleich Herr Professor. Sie halten sich aus meinen Ermittlungen raus“, streng blickte sie ihn an.

Er hob beschwichtigend die Hände.

„Einer der Entführer ist tot. Ich nehme an, der Chef hat ihn erschossen. Der andere hat ebenfalls eine Schussverletzung und ist auch auf dem Weg ins Krankenhaus“, antwortete sie ihm dann doch.

Boerne machte zwei Schritte nach vorne und wollte sich einen Überblick verschaffen. Nadeshda hielt ihm an Handgelenk fest.

„Professor Boerne, bitte kümmern sie sich um Frau Haller. Ich werde die Sache hier abwickeln und dann zu Herrn Thiel ins Krankenhaus fahren“, Nadeshda hatte nun deutlich milder und ruhiger gesprochen als zuvor. Sie appellierte an Boernes Vernunft: „Sie selbst stehen bestimmt auch noch unter Schock, oder?“

Boerne machte eine abwägende Kopfbewegung. Natürlich saß ihm der Schreck noch tief in den Knochen, aber er hätte sich gerne einmal die Leiche des einen Entführers angesehen.

„Bitte, Herr Professor.“, eindringlich sah Nadeshda ihn an.

Er nickte.

„Geht es ihnen denn wirklich einigermaßen gut?“, fragte sie dann einfühlsam.

Er schnaufte tief: „Ja, es geht schon. Ich hoffe nur, dass Alberich und Thiel ebenfalls bald wieder auf den Beinen sind. Mich beschäftigt die Frage nach dem Warum und Weshalb“, gab er zu.

Nadeshda musste grinsen. „Ich weiß“, sagte sie. „Das werde ich aber herausfinden. Los jetzt Herr Professor, wir werden beide gebraucht“, sie sah Boerne in die Augen und nickte dann auffordernd in Richtung Silke.

Boerne hatte nun ein Einsehen und begab sich zurück zu seiner Assistentin. Diese saß nun mittlerweile in Decken gehüllt auf dem Boden. Er ging neben ihr in die Hocke und streichelte ihr über die Schultern. „Alles ok?“, fragte er.

„Ja. Mir ist nur immer noch eisekalt“, meinte sie.

„Sind sie ihr Partner?“, wollte einer der Sanitäter, welcher hinter ihn getreten war wissen.

Abrupt stand Boerne auf und drehte sich zu ihm. „Nein, wieso?“, gab er zurück.

„Die junge Dame lehnt es vehement ab uns ins Krankenhaus zu begleiten“, sprach er.

Boerne nickte und wandte sich wieder Silke zu.

„Alberich, ich denke, es ist besser, wenn“, begann er.

„Nein“, fiel sie ihm ins Wort. „Ich möchte nach Hause.“

„Aber fahren sie doch wenigstens mit um...“, wollte er sie überzeugen.

„Nein“, sagte sie wieder bestimmt.

Boerne seufzte.

Er nahm den Sanitäter zu Seite: „Schon gut. Fahren sie nur. Ich bin Arzt. Ich kümmere mich.“

„Sicher?“, vergewisserte sich der andere.

„Ja“, meinte Boerne.

Die Sanitäter packten zusammen und verabschiedeten sich. Als sie schon im Wagen saßen, fiel Boerne ein, dass sein Handy sich verabschiedet hatte. Schnell trat er an den Krankenwagen heran und klopfte an die Scheibe der Beifahrertür.

„Wäre es vielleicht möglich, dass sie uns ein Taxi rufen?“, fragte er.

Der Sanitäter nickte und wählte mit seinem Privathandy die Nummer der Taxizentrale.

„Die sind in circa zehn Minuten hier“, sagte er nach dem Telefonat und grüßte nochmals, bevor der Krankenwagen losfuhr.

Boerne grüßte ebenfalls und ging dann wieder zu Silke.

Wie angekündigt, traf wenig später das Taxi ein. Der Professor half seiner Assistentin auf. Wackelig stand sie auf ihren Beinen.

„Sie hätten doch mitfahren sollen, Alberich“, kommentierte er dies.

„Das wird schon wieder. Aber danke, dass sie ihm gesagt haben, dass er fahren soll, Chef“, meinte sie.

Boerne nickte.

Langsam gingen die beiden zum Taxi. Er blieb dicht neben ihr. Dann öffnete er die Beifahrertüre und hielt sie auf. „Nach ihnen, Alberich“, sprach er.

Etwas verwundert darüber, dass er sie vorne einsteigen ließ, setzte sie sich. Boerne stieg dann ebenfalls hinten in das Taxi ein. Er sagte dem Taxifahrer seine Adresse und dieser fuhr los.

„Können sie die Sitzheizung einschalten“, bat er kurz darauf.

Der Taxifahrer tat es.

Boerne sah, wie Silkes Kopf sich langsam zur Seite neigte. Seine Assistentin war vor Erschöpfung eingeschlafen.

Angekommen vor seiner Haustüre, bezahlte der Professor, stieg aus und öffnete die Beifahrertür. Er versuchte Silke zu wecken, aber es war nichts zu machen, sie schlief tief und fest.

Mit einem Seufzen, bat er den Taxifahrer darum, ihn ins Haus zu begleiten, um ihm die Türen aufzuschließen.

Nachdem dieser dem zugestimmt hatte, überreichte Boerne ihm seinen Schlüsselbund, schob einen Arm unter Silkes Knie, den anderen hinter ihren Rücken. Der Professor hob sie vorsichtig aus dem Taxi und trug sie dann hinauf in seine Wohnung, wo er sie auf der Couch ablegte.

Dann gab er dem Taxifahrer noch Trinkgeld, nahm seinen Schlüssel wieder entgegen und schloss seine Wohnungstüre.

Boerne ging zurück ins Wohnzimmer und deckte Silke zu. Danach begab er sich ins Bad und duschte heiß. Als er fertig war, sah er wieder nach ihr, sie schlief immer noch. Er ging in sein Arbeitszimmer und griff zu seinem Haustelefon, um sich bei Nadeshda nach Thiel zu erkundigen. Diese sagte ihm, dass sie grade erst im Krankenhaus angekommen sei, und sie sich später melden würde. Es sei aber alles weniger schlimm, als zunächst angenommen, meinte sie.

Der Professor war damit zufrieden und ein Stück weit erleichtert. Er stöpselte sein Handy an das Ladekabel, ging im Anschluss zurück ins Wohnzimmer und setzte sich mit einer Decke in den Sessel. Hier musste er eingenickt sein.

Derweil im Krankenhaus.....................................................

Erwartungsvoll saß Nadeshda im Flur und wartete auf Thiel, der noch im Aufwachraum lag. Sie hatte bereits mit einem Arzt gesprochen, der ihr Auskunft gab, nachdem sie ihm ihren Dienstausweis vorgehalten hatte.

Ein Steckschuss in Thiel´s linker Schulter und eine Gehirnerschütterung, durch einen Schlag mit einem stumpfen Gegenstand auf den Hinterkopf. Die Kugel hatte man ihm in einer Operation entfernt. Es käme alles wieder in Ordnung, hatte der Arzt gesagt.

Nachdem sich so ihre ersten Befürchtungen nicht bestätigt hatten, verspürte Nadeshda wieder Wut, dieselbe Wut, welche sie vorhin verspürt hatte, als sie Boerne gegenübergestanden hatte. Im Bezug auf Herrn Thiel mischte sich aber auch eine gewisse Enttäuschung darunter. Sie kannte ihren Chef nun schon viele Jahre, doch noch immer band er sie nicht vollständig in seine Fälle mit ein. Ganz im Gegensatz zu einem gewissen Rechtsmediziner. Gut, Boerne machte eh was er wollte und manchmal war Nadeshda auch froh, dass er es tat, denn so war Thiel nie ganz alleine, hatte immer irgendwie den Professor als Schatten. Schon oft hatten die beiden sich so das Leben gerettet, welches sie aber auch erst durch diese Alleingänge in Gefahr brachten.
Nadeshda wünschte sich dies auch. Einen Partner, dem man bedingungslos vertrauen konnte, der einem aber ebenso viel Vertrauen entgegenbrachte. Ihr lag sehr viel an ihrem Chef. Mehr als sie es manchmal zugeben mochte. Er konnte sein wie er wollte, sie wusste, dass er ein guter Mensch und ein absoluter Gentleman war. Deshalb ärgerte sie sich nur noch mehr. Thiel hatte bei dieser Aktion deutlich mehr Glück als Verstand gehabt. Hätte der Schuss seines Gegners nur wenige Zentimeter weiter unten getroffen, sähe die Sache jetzt ganz anders aus, wenn Thiel es überhaupt überlebt hätte. Nadeshda schluckte schwer. Diese Vorstellung verbannte sie ganz schnell wieder aus ihrem Kopf.

Am Ende des Ganges konnte sie nun erkennen, dass ein Krankenpfleger ein Bett aus einem der Räume schob. Sie hoffte darauf, dass es der Kommissar war. Nadeshda hatte dringenden Redebedarf.

Als der Pfleger mit dem Bett an ihr vorbei marschierte, erkannte sie ihren Chef, stand auf und folgte sogleich hinterher.

Im Zimmer angekommen, nahm sie sich einen Stuhl und setzte sich nahe an sein Bett. Thiel war noch immer etwas benommen von der Narkose und dem Schlag auf seinen Kopf.

Er sah kurz zu Nadeshda, dann schloss er wieder die Augen und schlief ein. Sie wachte über ihn, bis er nach etwa zwei Stunden wieder erwachte.

Thiel blinzelte: „Moin“, sagte er und zog seine Mundwinkel zu einem kurzen Lächeln nach oben.

Nadeshda hatte sich die ganze Zeit Gedanken gemacht, war aber nun augenblicklich wieder auf Kurs: „Ich bin echt sauer auf sie Chef“, knurrte sie.

„Ich liege hier verletzt im Krankenhaus und sie sind sauer?“, Thiel lachte leicht. „Au“, entfuhr es ihm sogleich, als er beim Lachen seinen Körper involviert hatte.

„Geschieht ihnen ganz recht. Wissen sie eigentlich wie viel Sorgen ich mir um sie gemacht habe? Können sie sich auch nur ansatzweise vorstellen, wie es war über hundert Ecken von der Entführung zu erfahren und davon, dass sie wiedermal alleine unterwegs waren?“, schimpfte Nadeshda.

„Mh“, gab Thiel von sich.

„Was, mh?! Wissen sie wie lange es gedauert hat, bis ich alle Informationen hatte, die ich brauchte? Warum haben sie nicht angerufen? Eine Stunde länger und um Frau Haller hätte es ganz böse gestanden“, machte sie weiter.

„Wie geht es den beiden?“, wollte er wissen.

„Soweit so gut. Der Herr Professor wollte sich natürlich direkt in den Fall einklinken, als er frei war“, sprach Nadeshda nun etwas weniger böse.

Thiel lachte und verzog wieder beinahe zeitgleich sein Gesicht vor Schmerz.

„Ich habe es ihm untersagt. Er kümmert sich jetzt um Frau Haller“, sprach Nadeshda weiter.

„Der hat sich von Ihnen abhalten lassen?! Das muss ich mir merken“, Thiel grinste.

„Ach Chef. Jetzt tun sie mal nicht so, als hätten sie ihn nicht gerne dabei“, sprach Nadeshda.

„Er ist ne Nervensäge“, kommentierte Thiel.

„Trotzdem lassen sie diese Nervensäge mehr teilhaben als mich“, entgegnete sie ernst.

„Ach kommen se, so is das ja auch nich“, wollte sich Thiel rausreden.

„Doch, genauso ist es. Warum sonst haben sie mich heute früh nicht informiert?“, Nadeshda klang vorwurfsvoll.

„Na, ich dachte...... Also wer ist schon so dilettantisch und lässt einer entführten Person das Handy?! Ich hab es eben orten lassen und bin hingefahren“, meinte Thiel.

„Und die zehn Minuten bis zu meinem Dienstbeginn konnten sie nicht warten, was?“, sie wurde wieder gereizter. „Das war gefährlich Chef. Ich möchte nicht, dass sie sich immer wieder durch solche Aktionen in Gefahr bringen. Ich bin doch schließlich ihre Partnerin.“

„Das wäre schön“, meinte Thiel geistesabwesend leise.

Erschrocken sah Nadeshda ihn an: „Was haben sie gesagt da grade gesagt, Chef?!“

Thiel war selbst erschrocken, als er realisierte, was er da eben von sich gegeben hatte. „Nichts. Ich glaube die Narkose wirkt noch nach“, versuchte er diesen Fauxpas wieder zu glätten.

„Ist das so?“, meinte Nadeshda und sah ihn beinahe traurig an. „Na dann lasse ich sie lieber mal jetzt alleine und wir reden morgen weiter, wenn sie wieder im Vollbesitz ihrer geistigen Kräfte sind“.

Sie erhob sich von dem Stuhl und schob ihn an den Tisch in der Ecke.
„Tschüss, Chef“, sagte sie verlegen und schritt zur Tür.

„Nadeshda, warten sie“, sagte Thiel leise.

Sie drehte sich zu ihm und sah ihn auffordernd an.

Thiel überlegte. Wie sollte er es ihr sagen? So lange schon trug er es mit sich rum. Nur mit Boerne hatte er an einem Abend mal darüber geredet, als sie bei ihm in der Wohnung völlig versackt waren. Der Professor hatte erst gelacht und ihn nicht ernst genommen, als er merkte, dass Thiel es sehr wohl ernst gemeint hatte, hatte er ihm dazu geraten, einfach grade heraus zu sagen, was er dachte. `Sie sind kein Mann großer Worte`, hatte Boerne überheblich angefügt und die Augenbrauen nach oben gezogen.

„Chef? Ich gehe dann jetzt“, unterbrach ihn Nadeshda in seinen Gedanken. Sie hatte die ganze Zeit da gestanden und gewartet, dass er etwas sagte.

„Nadeshda, ich.... ich habe mich in sie verliebt“, ließ Thiel es nun heraus.

Vor Schreck, hatte sie ihre Tasche fallen lassen und sah ihn nun fassungslos an.

„Ja, ich wollte es eigentlich für mich behalten, ich weiß, es ist albern, aber...“, stammelte Thiel.

Nadeshda hob ihre Tasche auf und ging nahe ans Bett heran. Sie stütze sich mit den Händen darauf. „Das ist nicht albern Chef. Es kam mir zwar auch lange so vor, aber ich wusste nicht wie ich mit ihnen darüber reden soll“, meinte sie.

Erstaunt sah Thiel sie an. Nadeshda beugte sich nun zu ihm und küsste ihn. Er erwiderte diesen Kuss.

„So, also dann wäre das wohl geklärt“, Thiel lachte verlegen und griff mit der rechten Hand nach seiner verletzten Schulter.

„Sie ruhen sich jetzt besser aus. Ich komme sie jeden Tag besuchen. Wenn sie wieder draußen sind, haben wir einiges nachzuholen“, meinte Nadeshda.

„Du und dich, würd ich sagen“, meinte Thiel grinsend.

Daraufhin küsste Nadeshda in nochmals: „Ok, bis morgen, Frank.“ Damit ging sie aus dem Zimmer. Nadeshda schüttelte, nachdem sie die Tür geschlossen hatte, den Kopf und lächelte. Im Zimmer zurück blieb ein überglücklicher Kommissar Thiel.

Wieder in Boernes Wohnung................

Nachdem Nadeshda das Krankenhaus verlassen hatte und wieder zu Hause war, rief sie wie versprochen bei Boerne an.

Als der Professor das Klingeln vernahm, war er aus seinem Schlaf hochgeschreckt und brauchte einen Moment um im Hier und Jetzt anzukommen. Dann war er aufgestanden und hatte mit der Kommissarin gesprochen. Diese hatte ihm erzählt, Thiel sei operiert worden und sie hätte mit ihm sprechen können. Nachdem er sich die Details zu seiner Verletzung hatte sagen lassen, war Boerne beruhigt, da er sich nun auch sicher war, dass sein Freund wieder vollständig genesen würde. Nadeshda hatte irgendwie seltsam freundlich und glücklich geklungen. Normalerweise hätte Boerne sie dazu ausgefragt, aber heute hatte er einfach nicht die Laune dafür. Er erinnerte sich, dass er ja eigentlich über Alberich wachen wollte und ärgerte sich, dass er eingeschlafen war.

Silke hatte ebenfalls das Klingeln des Telefons wahrgenommen und war nun wach. Zunächst hatte sie einen Moment gebraucht um sich zu orientieren. Als sie registrierte, dass sie sich in Boernes Wohnung befand, musste sie schmunzeln. Ihr Chef hatte sie nicht alleine gelassen. Manchmal war er ja schon ein guter Kerl.

„Ah, Alberich, wieder erwacht?“, sprach Boerne, der ins Wohnzimmer getreten war.

„Ja“, gab sie zurück.

„Wie geht es ihnen?“, fragte der Professor und setzte sich auf die Ecke seiner Couch.

„Ich bin ok. Mir ist nur noch immer kalt“, meinte Silke.

„Soll ich uns einen Grog machen?“, fragte Boerne und sah sie an.

„Ein heißer Kakao wär mir lieber“, meinte Silke.

Boerne zog ob dieser Antwort die Augenbrauen zusammen und schmatzte leicht.

„Wenn sie haben“, fügte Silke an.

„Natürlich habe ich Kakao. Theobroma Cacao, wurde bereits von den Maya verwendet, neh. Ich meine...“, Boerne wollte einen Vortag starten.

„Ach Chef, das ist zwar bestimmt interessant, aber erzählen sie lieber ihre Geschichte aus dem Kühlhaus weiter“, unterbrach ihn Silke.

„Sie haben mir zugehört, Alberich?“, fragte Boerne erstaunt, aber auch ein wenig erfreut und sah Silke an.

„Ich höre ihnen immer zu. Naja, fast“, gab sie zu und zwinkerte.

„Ok. Ich erzähle ihnen gleich wie es dann weiterging, jetzt mache ich uns erstmal ein schokoladiges Heißgetränk“, meinte der Professor und ging in die Küche.

Silke kuschelte sich noch etwas mehr in die Decke ein. Sie hörte, dass er mit metallischen Gegenständen hantierte. Hätte sie sich ja eigentlich denken können, dass Boerne nicht irgendein 0815 Kakaopulver in die Milch einrühren und in der Mikrowelle warm machen würde. Wieder musste sie schmunzeln. Mittlerweile war ihr Chef etwas berechenbar geworden. Oder kam ihr das nur so vor, weil sie sich schon so lange kannten?

„Möchten sie Sahne, Alberich?“, rief er aus der Küche.

„Gerne“, rief sie zurück.

„Ein Schuss Rum auch genehm?“, wollte er dann wissen.

„Ja, auch den nehme ich“, antwortete sie.

Wenig später kam Boerne mit zwei Tassen in den Händen aus der Küche. Er stellte sie auf dem Wohnzimmertisch ab.
Auf den Untertellern lagen Kekse und die Sahnehaube war mit einem Bild aus Kakaopulver verziert.

„Ist ja schöner, als in jedem Café“, lobte Silke.

„Ist auch besser, als in jedem Café“, meinte er selbstbewusst.

Kurz ließen sie ihre Getränke abkühlen und nahmen dann beide einen kräftigen Schluck.

„Lecker“, meinte Silke zufrieden.

Boerne nickte zustimmend.

„Die Geschichte Herr Professor“, erinnerte sie ihn dann.

„Ach so, ja. Wo war ich stehen geblieben?“, fragte er.

„Sie lagen am Strand und hatten plötzlich eine Eingebung“, half Silke aus.

„Stimmt. Naja, ich bin dann in das Arztzimmer des Hotels..., sagen wir gegangen, und habe mir dort Kanülen besorgt, um dem Mann Blut abzunehmen. Das habe ich in meiner Minibar bis zum nächsten Tag gekühlt und bin dann früh morgens mit dem Wasserflugzeug in die Hauptstadt Malé gelogen, um es analysieren zu lassen. Dabei kam raus, dass er vergiftet wurde. Von seiner eigenen Partnerin, wie sich später rausstellte“, erzählte Boerne.

Silke lachte.

„Warum lachen sie, Alberich?“, wollte er wissen.

„Nun, eigentlich dachte ich, die Geschichte wäre frei erfunden gewesen. Das war jetzt ein bisschen sehr nüchtern geendet, Chef, nachdem sie heute Vormittag so schön ausführlich, detailliert erzählt haben“, meinte sie.

„Das war doch nur, weil ich die Kraft der Gedanken nutzen wollte. Ich bin doch kein Märchenonkel“, etwas pikiert zog er die Augenbrauen nach oben.

„Mh, ich wäre jetzt offen dafür, Chef“, sagte Silke und lächelte ihn an.

„Ach wirklich? Wie wäre es mit Rumpelstilzchen? Der kleine Muck, oder lieber Schneewittchen? Ich kann ihnen auch nochmal die Geschichte vom Zwergenkönig...“, Boerne schien belustigt und kam in Fahrt.

Silke wusste, worauf er anspielte, ging aber nicht darauf ein, sondern unterbrach ihn: „Wie wäre es mit dem Froschkönig? Ich habe das Märchen als Kind geliebt“, meinte sie.

Der Professor seufzte und sah sie kopfschüttelnd an. „Entnehme ich ihren Worten da grade, dass sie gedenken heute Nacht auf meiner Couch zu übernachten und ich ihnen jetzt die gute Nacht Geschichte liefern soll?“

„Wenn es ihnen nichts ausmacht“, gab Silke zurück und fügte schnell noch „Also das mit dem Übernachten“, an.

Boerne sah sie lange und eindringlich an. Silke fragte sich, was grade in ihm vorging. Da reichte er ihr ihre Tasse und nahm auch seine in die Hand. Der Professor rutschte etwas näher an sie heran und begann dann tatsächlich zu erzählen. Silke hatte sich in die Decke gekuschelt und an die Lehne der Couch angelehnt. Aufmerksam hörte sie zu, wie Boerne in seinen eigenen Worten das Märchen erzählte und es ausschmückte.

Zwischenzeitlich hatten beide ihren Kakao geleert und die Tassen auf dem Tisch abgestellt.

„.....und die Prinzessin wurde böse, oh, sogar sehr böse. Sie nahm den Frosch und warf ihn gegen eine Wand ihres Gemachs. Das arme Tier fiel zu Boden. Als sie sich nun den vermeintlichen Frosch betrachtete, sah sie, dass er sich in einen schönen Jüngling verwandelt hatte“, erzählte er grade.

Silke war etwas müde und hatte gar nicht gemerkt, wie ihr Kopf immer weiter Richtung Boerne gerutscht war. Nun lehnte sie an seiner Schulter.
Ihn schien das nicht zu stören. Er erzählte einfach munter weiter.
Sie hörte weiter zu, blieb aber an ihm angelehnt.

Irgendwann empfand Boerne den Druck gegen seine Schulter als unangenehm und legte kurzerhand seinen Arm um Silkes Schultern, sodass diese nun mit ihrem Kopf auf seiner Brust lag.

Alles war so vertraut. Silke fühlte sich wohl, in dieser Haltung. Sie hatte beinahe vergessen, dass es sich um ihren Chef handelte, auf dem sie da lag.

Da Boerne noch immer keine Anstalten machte, oder Sprüche klopfte, um sie von sich zu weisen, genoss sie einfach die Nähe eines anderen Menschen.

Ihm ging es da ganz ähnlich. Äußerlich blieb er unbeeindruckt und fuhr mit dem Märchen fort.

„.... und als sie schon eine beträchtliche Strecke des Wegs zurückgelegt hatten, da krachte es plötzlich dreimal schallend. Die Bande um das Herz von Heinrich waren gerissen. Und wenn sie nicht gestorben sind“, wollte Boerne enden und unterbrach sich selbst, durch einen Moment des Schweigens.

„Alberich.... Frau Haller, sie bedeuten mir sehr viel“, sprach er plötzlich nachdenklich.

Silke war nun wieder hellwach. Hatte sie bei der Geschichte zugehört, so tat sie es nun noch aufmerksamer.

„Der heutige Tag hat mir gezeigt, wie viel. Nicht erst seit heute. Schon lange, sehr lange“, Boerne schluckte.

„Chef“, meinte sie gerührt.

„Ich..... ich glaube die Bande sind tatsächlich gerissen“, er sah ihr fest in die Augen und küsste sie vorsichtig. Dann sah er sie etwas verunsichert an.

Silke lächelte, griff in seine dunklen Haare und zog ihn dann in einen sehr langen intensiven Kuss zu sich.

Beide schliefen unter der Decke aneinander gekuschelt ein.






Review schreiben
 
 
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast