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Against all odds

von sjoe
Kurzbeschreibung
GeschichteRomance, Erotik / P18 / Het
05.02.2021
22.07.2022
35
88.887
11
Alle Kapitel
46 Reviews
Dieses Kapitel
2 Reviews
 
30.06.2022 3.733
 
„Sag mal, hast du morgen Abend schon etwas vor?“ Jaroslav sah ihn fragend an und trank dann einen Schluck Kaffee.

Sie machten ihre übliche Pause zwischen zwei Seminaren.

Fredrik, der mit dem Rücken gegen die Wand gelehnt an seinem Heißgetränk genippt hatte, überlegte kurz, dann schüttelte er den Kopf: „Nicht wirklich. Ich bin den Nachmittag über wahrscheinlich nicht auf der Bahn, sondern in der Werkstatt, soll ja regnen, also könnte ich am Abend auch etwas Anderes machen. Wieso?“

„Echt? Es soll regnen? Dann weiß ich nicht, ob das was wird.“

„Wird? Jetzt machst du mich aber neugierig. Was hast du denn vor?“

„Ich bin da eher nur Statist. Es geht um meine Cousine, also, meine Cousine Tereza genauer gesagt, dass ist die, die Fotos macht.“

„Ah, okay.“  Fredrik kannte diese von Geburtstagsfeiern seines Kumpels.

Sie war eher introvertiert, machte aber verdammt geile Fotos und er hatte auch schon mal geholfen, zum Beispiel als Tereza die Hochzeitsfotos für eine der zahlreichen weiteren Cousinen des Halbtschechen gemacht hatten.

Da war er zusammen mit Jaroslav für die Beleuchtung zuständig gewesen.

„Ja, sie macht wohl bei einem Wettbewerb oder so mit und da braucht sie jetzt urbane Nacht- oder Abendfotos. Düstere Gestalten oder was weiß ich, so genau hat sie mir das gar nicht gesagt. Dafür hat sie explizit gefragt, ob ich Dich auch fragen kann.“

„Okay“, Fredrik schnaubte. „Weil ich ja auch so besonders düster rüberkomme!“ Das erinnerte ihn wieder an seine Gedanken vom gestrigen Abend, bezüglich seines Klassensprecher-Images. „Aber klingt auf jeden Fall gut, ich bin dabei!“

„Echt? Das ist ja geil! Vielleicht können wir sie danach noch überreden auf ein Bier zu gehen oder so. Wenn nicht gehen wir halt allein.“

„Klar, gern.“

„Also, dann solltest du halt eine dunkle Hose tragen, möglichst dunkle Schuhe, aber jetzt keine schwarzen Lackschuhe oder so. Urban und düster, denk dran. Einen schwarzen Pulli oder so hast du nicht, oder? Also, keinen Strickpulli, mehr so in Richtung Hoodie?“

„Mh, doch, sollte ich haben. Fürs Skifahren oder so.“

„Ah, okay. Ja, dann bring den mal mit, sie meinte zwar, sie guckt, was sie da für Accessoires besorgen kann, aber trotzdem.“

„Klar, kann ich machen. Sag mal, sie ist doch auch so Styling mäßig ganz gut, oder?“ Schließlich erinnerte er sich daran, dass sie mal eben quasi neben den Fotos und allem auch noch das Make-up und die Haare der Braut wieder in Ordnung gebracht hatte.

„Schon. Wieso?“

„Naja, vielleicht könnte man ja auch noch was mit meinen Haaren machen?“

Jaroslav betrachtete die blonden, nicht allzu langen Haare seines Kumpels mit einem zweifelnden Blick: „Und was?“

„Ja, keine Ahnung? Schwarz? Wild zerrupft, ich bin da jetzt nicht so der Experte.“

Jaroslav lachte: „Nope. Aber SCHWARZ?? Ich glaube, das wäre ein wenig heavy. Außerdem, wie soll sie das denn irgendwo unterwegs machen? Mit einer Spraydose, oder wie? Normal muss man das färben oder tönen und da braucht man ein Waschbecken und Shampoo. Hat deine Schwester nie sowas gemacht, dass du das gar nicht weißt?“

„Nö. Die fand ihre blonden Haare schon immer gut, so wie die waren.“

„Ja, okay, die sind aber auch toll.“, musste Jaroslav zugeben. „Und wie kommst du auf schwarz? Willst du Elodie beeindrucken?“

Auf den Gedanken war Fredrik noch gar nicht gekommen, es war ihm eher irgendwie um das ‚Düster‘ gegangen.

Er hob die Achseln: „Ich weiß nicht, ob die beeindruckt wäre. Nee, war einfach nur so ein Gedanke. Außerdem nervt mich das Klassensprecher-Image irgendwie ein bisschen.“

Jaroslav sah ihn an, blinzelte und fing dann an zu lachen: „So habe ich das noch nie betrachtet. Aber ja irgendwie ist da schon was dran. Nur… wie willst du das ändern? Andere Klamotten? Klar, das wirkt dann nach außen vielleicht ein wenig, aber du bist doch nun mal, wer und wie du bist und daran ist ja wohl mal gar nichts verkehrt!!!“

Fredrik grinste ein wenig schief: „Danke! Ach, ich weiß auch nicht. Vielleicht ja schon auch, wegen Elodies Punkdasein. Ich… SO brav und langweilig bin ich auch wieder nicht!“

„Natürlich nicht. Aber das weiß auch jeder, der dich näher kennt, also brauchst du da nichts ändern. Also ich meine, klar, mach, wenn du willst. Ein paar neue Klamotten haben noch niemandem geschadet. Trotzdem bist du genau richtig so.“

„Ey, das klingt, als müsste ich zum Therapeuten, oder?“

„Quatsch! Es ist glaube ich ganz normal, dass man sich ab und an mal selbst in Frage stellt und neu überdenkt. Überleg mal, du bist frisch getrennt, hast Zeit für dich und das, was du willst. Du bist seit kurzem bei der Flüchtlingsfahrradwerkstatt tätig, hast neuen Input. Ich finde das ganz normal. Nur solltest du nichts überstürzen. Außerdem glaube ich, Elodie mag dich schon ganz genau so, wie du bist.“

„Mh. Vielleicht.“

„Ach komm, natürlich! Sie tut sich vielleicht schwer damit, weil das auch für sie unerwartet und ungewohnt ist, aber wenn das nicht der Fall wäre, glaube ich kaum, dass sie sich überhaupt auch nur im Geringsten mit dir abgeben würde.“

Fredrik nickte nachdenklich.

Das klang logisch.

Außerdem war da ja immer noch die Sache mit dem Wallpaper…

Jaroslavs Smartphone erinnerte daran, dass es Zeit war, sich für die nächste Veranstaltung aufzumachen.



Es hatte tatsächlich kräftig geregnet, so dass Fredrik trotz Regenschirm nicht ganz trocken bei der Werkstatt angekommen war.

Er schloss die Tür auf, anscheinend war er heute der Erste.

Ironischer Weise hörte es wenig später auf und die ersten Wolkenlücken zeigten sich.

Hätte er das gewusst, hätte er auch einfach noch 15 Minuten in der FH rumhängen, einen Kaffee trinken und nach Elodie Ausschau halten können und wäre als Bonus obendrauf nicht nass geworden.

Aber es war so, wie es war und es wartete mehr als genug Arbeit auf ihn, so dass er sich solche überflüssigen Gedankenspiele sparen konnte.

Abgesehen davon freute er sich auf den Abend mit Tereza und ihren Fotos.

Das war einfach mal etwas anderes!

Er legte seinen Rucksack auf einen der Stühle, die am Rand standen, zog den Pullover aus und legte ihn dazu und widmete sich dann dem Fahrrad, mit dem er gestern begonnen hatte.

Anscheinend hatte es einen Unfall gehabt, jedenfalls waren beide Vorderbremsen derart verbogen, dass sie nicht mehr reparabel waren, dazu hatte das Vorderrad einen heftigen Achter.

Es musste zudem längere Zeit draußen gestanden haben, denn gerade die Schrauben waren stark angerostet.

Er hatte diese am Abend zuvor mit Rostlöser behandelt und siehe da, jetzt ließen sie sich mit nur relativ wenig Kraftaufwand aufdrehen, etwas, das am gestrigen Tag noch vollkommen undenkbar gewesen war.

Er hatte die Tür offenstehen lassen, weil es drinnen immer stark nach Öl und Gummi roch.

„Klopf, klopf!“, sagte jemand und er schaute auf.

Ein Mann, vielleicht Mitte, Ende Dreißig sah ihn an und fragte: „Ähm, bin ich hier richtig, wenn ich ein Rad für Flüchtlinge spenden möchte?“

„Ja, goldrichtig!“ Fredrik nickte ihm lächelnd zu, legte den Schraubendreher beiseite und kam um das Fahrrad herum.

„Auch wenn das Fahrrad eigentlich noch ganz gut in Schuss ist?“

„Klar. Wir nehmen alles und wir sind auch nicht böse, wenn wir keine stundenlange Arbeit reinstecken müssen.“

„Ah, gut. Ich war nicht ganz sicher…“ Er machte einen Schritt zurück, wieder nach draußen und Fredrik folgte ihm.

„Ja, das ist es.“ Der Mann deutete auf ein weißes Rad mit tiefem Einstieg und hübschem Frontkorb, das aussah, als wäre es kaum benutzt worden.

„Wow, wollen Sie das nicht lieber verkaufen?“

Kopfschütteln.

„Natürlich nehmen wir es gern, das ist es nicht, aber… das sieht ja fast aus wie neu!“

„Es…“, der Ältere räusperte sich. „Es ist das Rad meiner Mutter. Sie ist kürzlich verstorben und… sie würde wollen, dass es einem guten Zweck dient.“

„Oh!“, machte Fredrik betroffen. „Das tut mir leid!“

Der Mann presste die Lippen aufeinander und nickte.

Fredrik überlegte fieberhaft, was er jetzt sagen sollte.

Er konnte den Mann doch nicht einfach mit einem ‚Dankeschön‘ abspeisen!

„Ich versichere Ihnen, dass wir jemanden finden werden, der genau so ein Rad braucht. Vielleicht ja auch eine ältere Dame.“

„Das… wäre schön!“

„Dafür werde ich sorgen, versprochen!“

„Danke!“

„Sehr gern. Außerdem, WIR haben zu danken!“

Der Mann nickte ihm noch einmal zu, drehte sich dann um und ging.

Fredrik sah ihm nachdenklich hinterher.

Er konnte sich nicht vorstellen, wie das war, wenn man einen geliebten Menschen verlor.

Als seine Großmutter gestorben war, war er noch zu klein gewesen, um das wirklich zu verstehen.

Aber irgendwie ließ das jetzt ein ungutes Gefühl zurück bei ihm, eine Erinnerung daran, wie endlich das Leben war.

Er musste unbedingt noch mal mit seiner Mutter sprechen und versuchen, den Streit aus der Welt zu bekommen.

Und mit Elodie.

Verdammt, er vermisste sie!

Fröhliche Stimmen näherten sich auf der Straße und schallten in den Hof hinein, aber er ging wieder in die Werkstatt.

Das Fahrrad der Verstorbenen nahm er gleich mit und als er nach dem Lenker griff, fiel ihm auf, dass noch etwas in dem Korb lag.

Nämlich ein Helm und ein richtig gutes Schloss, in dem der Schlüssel steckte und der Ersatzschlüssel an einem dieser kleinen Ringe hing.

Oh Mann.

Er musste trocken schlucken.

Er schob es ganz nach hinten und beschloss, gleich als erstes bei Ben oder Rachid zu fragen, ob es eine ältere Dame auf der Warteliste gab.

Und dann war es ihm auch egal, ob die vielleicht weiter hinten stand, sie würde genau dieses Rad bekommen und kein anderes!

„Hallo?“

Fredrik ging eilig wieder nach vorn.

Heute war ja was los!

Dunkle Augen sahen ihn aus einem dunklen Gesicht entgegen.

„Ah, hallo Gebre! Schön, dass du kommst. Ben ist noch nicht hier, aber du kannst auch mir helfen, wenn du möchtest.“

Begeisterung sah anders aus, aber immerhin machte der Teenager einen Schritt in die Werkstatt.

Direkt auf seinem Fuße folgten zwei rosa gekleidete Gestalten, deren Haare in viele kleine kunstvolle Zöpfchen geflochten waren und die, als sie seiner ansichtig wurden, in ein glückliches Lachen ausbrachen: „Fredrik! Hallo, Fredrik! Doch da!“

„Ja, ich bin hier!“, nickte er lächelnd. „Hallo Liah, hallo Makda. Schön dass ihr auch da seid!“

„DU helfen?“

„Ich soll euch etwas helfen?“

Eifriges zweifaches Nicken.

„Brief von Schule. Nicht verstehen!“, wusste Gebre offenbar auch Bescheid.

„Die Mädels haben einen Brief von der Schule bekommen? Und eure Mutter versteht ihn nicht?“

„Ja.“

„Hm. Spricht sie Englisch?“

„Ja. Gut Englisch.“

„Okay. Und sie kann auch lesen und schreiben?“

„Ja.“

„Super. Dann kann ich den Brief lesen und übersetze ihn ihr auf Englisch, okay?“

„Du Englisch?“ Gebre sah ihn fragend an.

„Ja, ich kann auch englisch.“

„That’s great! Thank you!“

„So you do also speak English?“

„Not as good like my mother, but better than German!“

„Ah. Okay.“ Fredrik wandte sich wieder an die beiden Mädchen. „Wo ist denn der Brief?“

„Ich holen!“ Makda, sie hatte mal wieder ein appliziertes M auf dem Oberteil, anscheinend hatte ihre Mutter erkannt, dass das sonst immer für Verwechselungen sorgen würde, verschwand nach draußen.

„Alles gut mit den Fahrrädern, Liah?“

„Ja. Super gut!“, nickte die Kleine strahlend.

„Fein. Willst du so lange mal nach der Luft gucken, Gebre?“

Fragender Blick, also versuchte er es anders: „Pump it up for testing? Both, backwheel and frontwheel?“

„Ah. Ja.“

„Vorderrad ist frontwheel. Hinterrad ist backwheel.“

„Vror… Worder…“

„Vorder-Rad!“, wiederholte Fredrik extra langsam und betont.

„Vorder-Rad.“

„Sehr gut. Und Hinter-Rad. Hinter means back und Rad means wheel.“

„Ah, okay. So Vorder is Front?“

Er zeigte dem Jungen den erhobenen Daumen und der hob immerhin die Mundwinkel.

Das war das einem Lächeln am nächsten kommende, was er bisher von ihm gesehen hatte.

Makda kam mit einem Zettel zurück und reichte diesen Fredrik.

Er las sich diesen kurz durch.

Es ging um einen Ausflug in einen Park mit Spielplatz in der nächsten Woche.

Alle sollten etwas zu essen und zu trinken mitbringen, dem Wetter entsprechende Kleidung und 3 Euro für den Bus, da der Park ein wenig außerhalb lag.

„Okay, das kann ich locker übersetzen, jetzt brauche ich nur noch ein Blatt dafür.“

Er suchte eine Weile in der Werkstatt, wurde aber nicht fündig und überlegte fieberhaft, wo er denn jetzt bitte in Blatt herbekommen könnte.

Natürlich würde auch die Rückseite von dem Brief gehen, aber das wäre natürlich etwas mühselig.

Dann fiel ihm ein, dass er ja direkt von der FH hergekommen war…

Er schob seinen Pulli beiseite, öffnete den Rucksack und zog seinen Block hervor.

Dann setzte er sich an den Tisch und begann zu übersetzen.

Liah und Makda gesellten sich zu ihm, eine links, eine rechts und er musste schmunzeln.

Er bemühte sich extra, ordentlich zu schreiben, damit die Mutter der Kinder es auch würde lesen konnte.

Außerdem faltete er, als er fertig war, so etwas wie einen Umschlag zurecht, und steckte einen fünf Euro-Schein und ein 1 Eurostück hinein.

„Ähm, Gebre?“

Der Junge sah auf und ihn an.

„It’s about a daytrip with their class. They have to take the bus which will cost some money. I put it in the envelope, okay?“

„The money??“

„Ja.“

„You pay for them?“

„Ja.“

„Warum?“

„Weil ich das Geld habe. I want them to be able to go. Please tell your mother, okay?“

„Okay!“

Dann reichte er den Umschlag an Liah und sagte: „Gut darauf aufpassen, ja? Und dann eurer Mama geben.“

Sie nickte eifrig und Makda piepste: „Ich auch aufpassen.“

„Super! Und was machen wir jetzt mit euch? Gebre und ich müssen ja weiterreparieren…“

„Helfen?“ Liah sah ihn fragend an.

„Oh, hm, das ist schwierig. Obwohl. Ihr könntet die Fahrräder putzen, mh? Mit Wasser?“

„Ja ja!“ nickten die beiden eifrig und er musste lächeln.

Er ging einen der kleinen Eimer holen, füllte lauwarmes Waser und Spüli hinein, dazu zwei Lappen.

Dann stellte er ihnen ein Fahrrad auf den Hof und zeigte ihnen, welche Teile sie abwischen sollten und welche nicht.

Gut, dass es warm war, denn dass die beiden dabei trocken bleiben würden, wagte er zu bezweifeln.

Er sah noch einen Moment zu, wie die beiden sich direkt mit Feuereifer daran machten, dann ging er wieder nach drinnen, wo ihr großer Bruder schon auf ihn wartete.


Einige Zeit später kam Ben dazu.

Als er Fredrik und Gebre entdeckte, sah er richtig erleichtert aus.

„Ah, ihr seid da!“

„Naja, wenn niemand da wäre, könnten die Mädels wohl kaum ein Rad putzen, oder?“ Fredrik zwinkerte ihm zu.

„Dein Fanclub, mh?“

„Jep. Und ich bin ihrer.“

„Lass das mal nicht die Frau aus dem Park hören!“

„Nein, lieber nicht!“

Dummerweise rutschte ihm jetzt der Schraubendreher mit dem er gerade mit viel Druck die Schraube hatte herausdrehen wollen, aus der Hand, natürlich nicht ohne, ihm dabei so halb die Hautfalte zwischen Daumen und Zeigefinger aufzureißen.

„Autsch! Ahhhh! Ach shit!“, fluchte er laut und schüttelte dann mit gequält verzogenem Gesicht die verletzte Hand.

Sofort erschienen zwei kleine, besorgt dreinblickende Gesichter in der Tür.

„Fredrik Aua?“, fragte eine von beiden besorgt.

„Ja.“ Er besah sich die Verletzung.

Sie blutete ein wenig und fühlte sich deutlich fieser an, als sie aussah. „Nicht so schlimm. – Haben wir irgendwo Pflaster, Ben?“

„Ja, klar, hier!“ Dieser hielt einen erste Hilfe-Kasten hoch und er ging hinüber.

Sofort kamen die Zwillinge hinterher, stellten sich rechts neben Fredrik auf Zehenspitzen und sahen genau zu, was jetzt passierte.

Wenig später konnte er ihnen das aufgeklebte Pflaster präsentieren.

Sie pusteten unisono darauf und er musste lächeln, während sich ein warmes Gefühl in seinem Magen ausbreitete: „Danke, das ist lieb! Ist schon gleich viel besser!“


Jaroslav sah ihm am verabredeten Treffpunkt bereits entgegen.

„Wo ist Tereza?“ Fredrik sah sich suchend um.

„Die kommt gleich. Ihr ist wohl unterwegs noch etwas eingefallen, was sie vergessen hat. Deshalb hat sie noch einmal umgedreht, um es zu holen.“

„Ah, okay.“

„Auf jeden Fall sieht das hier schon mal verdammt düster und urban aus, oder?“ Der Halbtscheche deutete mit dem Finger hinter sich, wo eine alte und etwas heruntergekommene Industriehalle mit gekachelten Wänden stand.

Sie wurde offenbar noch genutzt, denn die Wände wurden teilweise von runden Lampen beleuchtet, aber der Boden war uneben und nach dem Regen mit Pfützen übersät, es lag Müll herum und der dazugehörige Parkplatz war um diese Uhrzeit verlassen.

„Jep. Die perfekte Location sozusagen und das sogar ganz ohne illegal zu sein. Ich dachte ja eher, wir gehen in irgendeinen dieser lost places.“

„Das wäre geil! So einen wollte ich schon immer mal anschauen.“

„Ja, ich eigentlich auch. Die Fotos, die man da so sieht, haben schon verdammt viel Atmosphäre.“

„Mhm. Total. Aber da kriegst du halt abends keine gescheiten Fotos mehr hin. Oder jedenfalls nicht, ohne tonnenweise Zeug mitzuschleppen.“

„Stimmt. Dann schreiben wir es halt auf die to-do-Liste, oder?“ Fredrik sah seinen Kumpel fragend an.

„Wird gemacht! - Ach ja, ich habe noch was mitgebracht, extra für dich. Von meiner Schwester gestohlen.“ Jaroslav grinste derart breit, dass Fredrik misstrauisch wurde.

„Was denn?“

„Haarkreide. Für deinen inneren Punk!“

Er streckte seinem Kumpel die Zunge heraus, fragte dann aber: „Aha. Und was muss ich mir darunter vorstellen?“

„Kreide für die Haare.“ Jaroslav feixte. „Nee, echt jetzt. Das ist so Zeug, das kann man sich reinstreichen und das färbt die oberflächlich, aber man kann es ganz leicht wieder rauswaschen. Sie hat da so ein Set mit einer ganzen Farbpalette, ich dachte, das bringe ich mal mit.“
„Ich bin für alles offen.“

„Und DEN Satz hätte es vor Elodie vermutlich eher nicht gegeben! Oder jedenfalls nicht in diesem Zusammenhang!“

„Meinst du das ernst?“ Fredrik sah ihn überrascht an.

„Jep. Aber sowas von. Hast du jetzt eigentlich mal etwas von ihr gehört?“

„Nein. Gehört nicht… Warte kurz!“ Er zog sein Mobiltelefon hervor und rief das Foto auf, welches Rosa ihm geschickt hatte und vergrößerte es so, dass es gerade noch halbwegs scharf war.

Dann hielte er es Jaroslav hin. „Das ist wohl ihr aktuelles Wallpaper auf dem Handy.“

Der schaute einen Moment, dann pfiff er durch die Zähne: „Sie hat ein Bild von dir als Wallpaper??“

„Anscheinend. Sag mir mal bitte, wie du das verstehst. Also, was das bedeutet!“

„Naja, abgesehen davon, dass es echt ein schönes Foto von dir zu sein scheint – wann und wo war das by the way? - , nimmt man SOWAS doch nicht als Hintergrundbild, wenn man nichts für den anderen empfindet.“

„Okay. Danke!“ Fredrik war erleichtert, dass sich das mit seiner Annahme deckte. „Und das war, als die beiden Flüchtlingsmädels Radfahren gelernt haben.“

„Ah! Bleibt nur die Frage, warum sie es zwar hat, sich aber trotzdem nicht bei dir meldet? Hat sie sich jetzt darauf verlegt, aus der Ferne zu schmachten? Schafft sie es zwar, sich selbst ihre Gefühle einzugestehen, aber eben auch nicht mehr?“

„Ich habe keinen blassen Schimmer.“

„Woher hast du das? Doch nicht von ihr selbst, oder? Von Rosa?“

„Ja, von Rosa. Hat sie mir gestern Abend geschickt, weil ich gefragt habe, ob es Elodie gut geht. Ich meine, sie war ja offenbar nicht in der FH und so. Ihre Antwort war, dass ich wohl nicht gut genug hingeschaut hätte, denn Elodie hätte MICH ja offensichtlich gesehen. Und auf mein ‚what??‘ kam dann das Foto.“

„Die hat dann wohl auch ein Interesse daran, etwas in eine gewisse Richtung zu schieben, mh?“

„So habe ich das auch verstanden, ja.“

„Man darf also gespannt sein! – Ah, da ist Tereza ja!“



Fredrik schloss leise die Haustür hinter sich.

Es war schon spät.

Seine Eltern gehörten zwar nicht unbedingt zu den Leuten, die in der Regel früh ins Bett gingen, aber man konnte ja nie wissen.

Er beugte sich hinunter, um die Schnürsenkel seiner schwarzen hohen Turnschuhe, die er nach einigem Suchen ganz hinten in seinem Kleiderschrank gefunden hatte, zu öffnen.

„Fredrik? Mach dir doch Licht an, du siehst ja gar nichts!“

Seine Mutter tauchte in der Tür auf und knipste dann auch gleich das Licht im Windfang an.

„Danke!“ Wäre zwar auch ohne gegangen, aber…

Dann hörte er sie nach Luft schnappen und sah auf.

Entsetzen zierte den Blick, mit dem sie ihn anschaute.

Oh. Ach ja.

Er öffnete den Mund, um etwas zu sagen, aber sie kam ihm zuvor: „Das ist jetzt nicht dein Ernst?!“

„Mor…“

„Muss das denn wirklich sein? Ich finde das ziemlich…“

„MOR!!!“, unterbrach er sie jetzt mit erhobener Stimme und richtete sich dabei wieder auf. „Das war für ein Fotoshooting mit Jaroslavs Cousine Tereza.“

„Soll heißen, du wirst jetzt nicht immer so herumlaufen?“

„Nein.“ Er warf einen Blick in den Spiegel, der über dem Schuhschrank hing und grinste: „Obwohl ich es gar nicht so übel finde!“

Seine Haare waren in einer Art angedeuteten Irokesen-Kamm mit Gel nach oben gestylt, dieser war im unteren Bereich geschwärzt und ging dann oben an den Spitzen in Grün über.

„Haha!“, machte seine Mutter humorlos.

„Nicht die Farbe. Eher die Frisur.“

Wirkliche Begeisterung stellte sich auch daraufhin nicht bei ihr ein: „Wenn du meinst…“

Sie wollte sich schon wieder abwenden, aber er griff nach ihrem Arm: „Können wir bitte miteinander reden?“

Er ließ die Hand sofort wieder sinken, aber zu seiner Erleichterung blieb sie trotzdem stehen.

„Ich würde unseren Streit wirklich gern aus der Welt schaffen, ich weiß zwar nicht wie, aber ich hatte heute eine Begegnung, die mir mal wieder gezeigt hat, wie begrenzt unsere Lebenszeit sein kann. Die möchte ich ehrlich gesagt nicht in einem Zerwürfnis mit dir verbringen.“

Christine Lauridsen sah ihn abwartend an.

„Es tut mir leid, dass dich meine Trennung von Anna so schmerzt. Ich hätte überhaupt kein Problem damit, wenn du sie weiterhin triffst, ganz im Gegenteil. Aber bitte mach dir keine Hoffnungen auf eine Neuauflage. Die letzten Wochen haben mir sehr deutlich gezeigt, dass das die richtige Entscheidung war, vielleicht gar nicht mal so sehr gegen Anna, sondern viel mehr FÜR mich. Und was Elodie angeht… im Moment sehen wir uns nicht und ich weiß auch nicht, ob sich das noch mal ändert. Ich hoffe es zwar, aber…“, er hob die Schultern.
„Wenn ja, erwarte ich nicht, dass du sie gleich in die Arme schließt oder irgendetwas in der Art, aber definitiv eine gewisse Toleranz und Offenheit. UND dass sie zu mir kommen darf, auch wenn sie dafür DEIN Haus betreten muss.“

„Dass mir das alles gar nicht in den Kram passt und ich eure Trennung für einen großen Fehler halte, habe ich ja schon zum Ausdruck gebracht. Aber du bist erwachsen und musst selbst wissen, was du tust. Und was diese… was Elodie betrifft. Von mir aus kann sie dich besuchen kommen.“

Auch wenn Fredrik über die letzten beiden Sätze innerlich seufzen musste, war das doch der erhoffte Fortschritt.

„Danke!“, sagte er deshalb ehrlich und auch mit Nachdruck.



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vielen Dank für das Review, Kylja! :D :D :D
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