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Against all odds

von sjoe
Kurzbeschreibung
GeschichteRomance, Erotik / P18 / Het
05.02.2021
30.06.2022
33
82.420
11
Alle Kapitel
44 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
23.06.2022 4.099
 
Es war eigentlich ein ganz normaler Trainingssamstag.

Sie machten ihren üblichen Turnus, flachsten, ermutigten sich gegenseitig, so als sei nie etwas gewesen.

Fredrik fühlte sich jedoch nur halb wohl dabei, denn schließlich hing dieser Streit ja wie ein Damoklesschwert zwischen Hamid und ihm.

Ob der andere das nicht so sah und versuchte, jetzt wirklich einfach darüber hinwegzugehen?

Oder war das nur aufgeschoben?

In der Sauna lagen sie natürlich auch schweigend wie immer, genauso im Ruhebereich.

Als sie sich dann im Anschluss umzogen, um nach oben an die Bar zu wechseln, wuchs das ungute Gefühl.

Er wollte sich nicht wieder mit Hamid in die Haare kriegen.

Aber einfach so stehen lassen konnte er es eigentlich auch nicht.

Als sie die Treppe nach oben gingen, Tobi ging voran, dann kam Hamid, dann er als letztes, sah sich der Türke kurz um, ihn an und fragte leise: „Können wir danach noch kurz miteinander reden oder musst du direkt im Anschluss weg?“

„Nein, muss ich nicht.“

„Gut. Dann reden wir!“

Er nickte und fühlte sich gleich ein wenig besser, auch wenn das natürlich Blödsinn war, schließlich hatte er ja gar keine Ahnung, was sein Kumpel ihm sagen würde.

Aber es war gut, dass der das von sich aus wollte und dass sie Tobi damit sozusagen raushalten konnten.

Sie bestellten ihre üblichen Getränke und Tina, die wie immer hinter der Theke stand, lachte: „Schon längst in Arbeit, Jungs!“

Wenig später bekamen sie die Sachen serviert.

Sie plauderten über mehr oder minder belangloses, erzählten von ihrer Arbeitswoche, Tobi jammerte ein wenig, dass Dana ein Auswärtsspiel hatte und wahrscheinlich erst mitten in der Nacht nach Hause kommen würde.

Allerdings hatte er sich schon Ersatzprogramm an Land gezogen, er würde nämlich seinem Cousin bei einem Umzug helfen.

Wirklich begeistert war er darüber nicht.

Trotzdem musste er als erstes los und verabschiedete sich demnach auch relativ bald.

Eigentlich hatte Fredrik gedacht, sie würden jetzt einfach sitzen bleiben, aber dann kamen noch andere Kunden dazu und die Plätze neben ihnen füllten sich.

So war es quasi eine stumme Übereinkunft, lieber nach Draußen auf den Parkplatz zu gehen, um in Ruhe miteinander sprechen zu können.

„Es tut mir leid, Fredrik! Meine Reaktion war absolut nicht in Ordnung!“, fing Hamid direkt an, kaum, dass sie neben seinem Auto standen.

„Es hat mich ein wenig erschreckt, dass du dich von Anna getrennt hast und dann auch noch, zumindest unter anderem, wegen einer anderen Frau. Aber das rechtfertigt solche Aussagen nicht im Geringsten.“

Fredrik nickte und sah ihn dabei dankbar an.

„Allerdings komme ich trotzdem nicht so damit klar, dass… nein, das ist nicht gut. Es macht mir Sorgen, dass du so auf Elodie abfährst. Nein, natürlich kenne ich sie nicht, ich meine auch viel mehr das, für was sie steht. Wenn ich das richtig verstanden habe, kleidet sie sich nicht nur wie ein Punk, sondern lebt das auch?“

„Ja.“

„Okay. Und das stört dich nicht? Ich meine, Anarchie, Anti-Kommerziell, Anti-Bürgerlich, man könnte auch sagen, das geht genau gegen dich.“

Fredrik hob die Schultern: „Bisher hatten wir diesbezüglich eher wenig Reibungspunkte, aber wir kennen uns auch noch nicht wirklich gut. Aber natürlich ist mir klar, dass das zu Problemen führen wird.“

„Ich will dich jetzt nicht als spießig bezeichnen, das würde dir nicht gerecht werden, aber muss es nicht genau das für sie sein, wie du lebst? Wie soll das denn funktionieren?“ Hamid lehnte sich mit dem Rücken gegen die Fahrertür und sah ihn fragend an.

„Im Moment funktioniert da gar nichts. Ich habe sie seit zwei Wochen nicht mehr gesehen und auch nichts von ihr gehört. Vielleicht ist also deine Sorge vollkommen umsonst, weil eh nie was aus uns wird.“

„Oh. Aber wenn doch, dann würdest du das wollen?“

„Ja.“

„Warum? WAS genau ist es, dass dich so anzieht?“

Fredrik runzelte die Stirn.

Das war ihm zwar auch schon ein paar Mal durch den Kopf geschossen, aber beantwortet hatte er sich die Frage nie.

„Es ist nicht, dass sie Punk ist, aber es ist jetzt auch nicht so, dass mich ihre gefärbten Haare, die schwarz umrandeten Augen, die Piercings und alles abstoßen. Das passt zu ihr und ich würde sie gar nicht anders haben wollen. Ich denke, es ist zum einen diese wahnsinnige Chemie zwischen uns, so etwas habe ich vorher noch nicht erlebt. Die würde ich gern ausloten, ergreifen, sehen, wohin sie führen kann. Außerdem gefällt mir das, was ich von ihr kenne. Sie hat eine erfrischend offene Art, unkonventionell, natürlich, aber nicht… mh… unangenehm. Und wir liegen teilweise schon auf einer Wellenlänge, so unglaublich das vielleicht sein mag.“

„Das heißt, es würde sich vielleicht lösen lassen, wenn du sie einfach mal knallst?? Von wegen unglaubliche Chemie?“

Irgendwie kam ihm das bekannt vor.

Ach ja, Jaroslav hatte das auch schon mal vorgeschlagen.

„Keine Ahnung, vielleicht. Aber ich glaube nicht, dass das mir reichen würde oder dass die Chemie sich dadurch sozusagen ein für alle Mal entlädt. Natürlich weiß ich das nicht sicher, woher auch, aber was ich sagen kann, ist, dass wir einmal ziemlich heftig geknutscht und rumgemacht haben und die Anziehung ist dadurch nicht weniger geworden.“

„Ja, logo! Weil du nicht zum Schuss kamst.“

„Klar, das spielt sicher auch mit rein. Trotzdem kann ich mir nicht vorstellen, dass das alles ist. Es gibt schon so etwas wie eine Verbindung, irgendwie.“

Hamid sah ihn an, als hätte er nicht mehr alle Tassen im Schrank: „Was ist denn das für ein Eso-Scheiss?“

„Man, du weißt genau, dass ich auch nicht an sowas glaube, das ist es also nicht. WAS es ist, kann ich dir aber auch nicht beantworten. Vielleicht finde ich es ja heraus, wenn wir uns besser kennenlernen.“

„Und was hält sie von dem Ganzen?“

„Tja, drei Mal darfst du raten! Nicht viel, sie hat so ähnliche Bedenken wie du, nur von der umgekehrten Warte. Deswegen ja die Funkstille.“

„Okay. Ich weiß, ich sollte nicht froh drüber sein, weil ich sehe, dass es dich quält, aber ehrlich: ich bin es trotzdem. Ich kann mir dich nicht mit einer Punkerin vorstellen, sorry. Oder wenn dann hat das fast sowas… Teenie mäßiges, a la ich finde jetzt gerade etwas Verbotenes geil.“

Fredrik lachte auf.

Irgendwie hatte der Vergleich ja fast schon was.

Hamid legte ihm die Hand an den Arm: „Ich will nicht, dass du dich in irgendwas verrennst, Fredrik, was dir nachher nur schadet. Stell dir doch nur mal vor, ihr habt eine Firmenfeier mit Anhang, würdest du da wirklich eine Punkerin mitbringen wollen?“

„Ja, klar. Wieso denn nicht?“

Sein Kumpel schüttelte den Kopf: „Damit kannst du deine Karriere auch gleich in den Sack stecken!“

„Quatsch! Mein Chef würde zwar vielleicht die Augenbrauen hochziehen und es gäbe ein wenig Gerede, aber mit meinem Job hat das doch an sich nichts zu tun.“

„Ich fürchte, du überschätzt die Toleranz von solchen Leuten gewaltig, mein Lieber!“

„DAS müsste und WÜRDE ich dann halt in Kauf nehmen!“, er hob angriffslustig das Kinn. „Entweder ganz oder gar nicht!“

„Ich bin immer noch für gar nicht, aber ich kann dir nur raten, nicht befehlen. Ich bitte dich nur: sei vorsichtig, ja?“

Fredrik sah ihn mit gerunzelter Stirn an: „Du klingst, als ob es um eine gemeingefährliche Terroristin ginge, echt mal!“

Hamid seufzte, hob die Schultern und sagte dann: „Ich habe das gesagt, was ich dir als dein Freund unbedingt sagen wollte. Mehr kann ich nicht tun.“

Das fand er jetzt ein wenig melodramatisch, aber manchmal hatte sein Kumpel einen Hang dazu.

***

Nachdem auch am Montag nach der Arbeit weit und breit nichts im Park von Elodie zu sehen gewesen war, hatte er sich noch am Abend ihre Pflichtveranstaltungen für den Dienstag herausgesucht.

Leider kollidierte die erste mit einer von seinen, aber wenn er sich beeilte, konnte er sie vielleicht in der Pause zwischen dieser und der nächsten erwischen.

Er hatte Jaroslav bereits darüber informiert, dass er direkt nach Veranstaltungsende kurz verschwinden und dann vermutlich direkt oder vielleicht sogar ein wenig zu spät zur nächsten kommen würde.

Natürlich hatte sein Kumpel direkt angeboten, ihm einen Platz freizuhalten, was er gern angenommen hatte.

Jetzt lief er durch die Gänge, natürlich lagen die Räume, in denen sie jeweils Vorlesungen oder Seminare hatten möglichst weit auseinander, wie könnte es auch anders sein?

Kleine Grüppchen, die es nicht halb so eilig hatten wie er, blockierten immer wieder sein Vorankommen und mehr als einmal musste er sich durch zusammenstehende Leute, die sich mitten auf dem Gang unterhielten, als seien sie im Café, hindurchschlängeln.

Endlich kamen die Ziffern auf den Schildern der Räume dem näher, wo er hinmusste.

Vorsichtshalber sah er sich schon mal um, vielleicht war Elodie ja gerade auch erst auf dem Weg dorthin?

Aber nirgendwo waren graublaue Haare zu sehen.

Da, endlich hatte er den Raum gefunden.

Er schaute vorsichtig zur Tür hinein, in Reihen gestellte Stühle, nur zwei Tische, nämlich vorn, vor der Tafel.

Die Reihen waren teilweise besetzt, aber niemand schien Notiz von ihm zu nehmen, aber gut, das wäre bei ihnen auch nicht anders.

Wenn nicht jemand grob zu spät kam oder sich sonst irgendwie auffällig verhielt, wurde alles andere in der Regel einfach ignoriert beziehungsweise hingenommen.

So konnte er immerhin die Reihen mit seinem Blick scannen, ohne dass sich jemand auf den Schlips getreten fühlte.

Elodie war nicht darunter.

Noch nicht.

Also zog er sich wieder ein wenig zurück und trat von der Tür weg auf die gegenüberliegende Seite des Ganges, wo er sich mit dem Rücken gegen die Wand lehnte und wartete.

Es kamen Leute, die in den Raum verschwanden, andere liefen einfach vorbei und das aus jeglicher Richtung.

Eine junge Frau hatte sogar einen unterschenkelhohen, schwarz-weißen Hund dabei, den das ganze Drumherum aber null zu interessieren schien, er lief einfach neben ihr, ohne nach links oder rechts zu schauen.

Aber gut, anders wäre es wohl auch eher schwierig, den an die FH mitzubringen.

Eine Frau mit einem Baby in der Trage vor der Brust betrat ebenfalls den Raum, in den Elodie musste.

Krass. Studieren mit Baby.

Das stellte er sich ja auch echt anstrengend vor.

Ironischer Weise kam ihm in diesem Zusammenhang wieder in den Sinn, dass er in den letzten Tagen zweimal gefragt worden war, ob Makda und Liah seine Kinder waren.

Darauf kam er irgendwie immer noch nicht klar.

Sicher, die beiden waren wirklich total schnuffig, aber würden Kinder von einer dunkelhäutigen Mutter und einem doch eher sehr hellhäutigen Vater wie ihm nicht eher… farblich gemischter aussehen?

Die Frage stellte er so besser niemals laut, denn garantiert war das politisch absolut unkorrekt so zu denken und gar noch zu reden.

Und wie wahrscheinlich war es, dass er mit 15 schon irgendwen geschwängert hatte?

Sicher, das kam vermutlich häufiger vor, als man dachte, aber trotzdem!

Außerdem war er gar nicht sicher, ob er überhaupt Kinder wollte.

Obwohl nein, so stimmte das nicht.

Generell wollte er schon irgendwann mal Kinder haben, aber eben mit der Betonung auf irgendwann.

Das lag in ungefähr gleich weiter Ferne wie die Sache mit dem ‚ich entwerfe mein eigenes Haus und baue es auch‘.

Alles andere wäre ja auch nur wenig logisch, denn was sollte er allein mit einem Haus?

So größenwahnsinnig war er dann auch wieder nicht.

Außerdem brauchte er ja auch erst mal die passende Frau dazu!

Elodie war übrigens immer noch nicht aufgetaucht.

Ob sie Kinder mochte?

Später mal welche wollte?

Er hatte keine Ahnung.

Fredrik blickte auf die Uhr.

Noch drei Minuten, dann begann das Seminar, das Elodie eigentlich besuchten musste.

Genau wie seines.

Tja, er würde bei seinem also auf jeden Fall zu spät kommen, denn er würde hier noch mindestens warten, bis fünf Minuten nach dem Beginn.

Und dann musste er ja noch ans gefühlt andere Ende der FH.

Also wäre ihm dann die Aufmerksamkeit des gesammelten Seminars sicher, juhu.

Aber das war es ihm absolut wert.

Vorausgesetzt, sie würde endlich auftauchen!

Wahrscheinlich wäre nicht mal mehr als ein ‚hallo‘ drin, weil sie ja dann reinwollen würde, aber auch das wäre besser als nichts.

Ein Mann, vielleicht Ende 40, betrat den Raum und schloss die Tür hinter sich.

Das war dann wohl der Dozent gewesen.

Fredrik sah noch mal auf die Uhr.

Pünktlich.

Also gut, fünf Minuten würde er ihr noch geben.

Ob sie generell eher unpünktlich war?

Auch das konnte er nicht sagen, da es bisher nur einmal so gewesen war, dass sie sich zu einem festgelegten Zeitpunkt hatten treffen wollen.

Und da war sie pünktlich gewesen.

Die Minuten verstrichen, der Gang wurde immer leerer, aber keine Spur von Elodie.

Mit einem Seufzen musste er sich eingestehen, dass sein Plan gescheitert war.

Also eilte er in die Richtung zurück, aus der er gekommen war, in der Hoffnung, noch möglichst viel von ‚Gebäudelehre‘ mitzubekommen.

Jaroslav hatte ihm, wie versprochen, einen Platz freigehalten.

Nachdem er sich so leise wie möglich gesetzt hatte, natürlich unter den Blicken diverser Kommilitonen und auch des Professors, wollte sein Kumpel wissen, ob er erfolgreich gewesen war.

Fredrik schüttelte den Kopf.

Ob sie wohl krank war?

Oder hatte sie einfach beschlossen, dieses Seminar sausen zu lassen?

War der Dozent langweilig?

Fredrik hatte wirklich damit zu kämpfen, sich auf den Stoff zu konzentrieren, weil seine Gedanken die ganze Zeit um Elodie kreisten.

Und das auf ungute Weise.

Er machte sich Sorgen.

Was, wenn ihr diese Kombination aus Joint und Alkohol doch noch richtig üble Probleme bereitet hatte?

Nachdem seine Gedanken den ganzen Nachmittag immer noch um diese Frage gekreist waren, tippte er auf dem Heimweg im Bus eine Nachricht an Rosa, in der Hoffnung, dass sie das nicht nerven würde.

„Ähm, hi Rosa. Sag mal, geht es Elodie gut? Ich habe sie schon länger nicht mehr gesehen, weder im Park noch in der FH. Ich weiß, im Prinzip geht es mich ja nichts an, aber ich mache mir ein wenig Sorgen um sie. Du brauchst mir keine Details nennen oder so, ich würde es einfach nur gern wissen. Fredrik.“

Nachdem er gefühlte 30 Mal diverses gelöscht, neu geschrieben und wieder geändert hatte, gab er sich einen Ruck und tippte einfach auf ‚senden‘.

Schließlich war es egal, wie vorsichtig er es formulierte, die entscheidende Frage stellte er ja trotzdem.

Hoffentlich würde sie auch antworten!

Obwohl sein Heimweg ja eine Weile dauerte, hatte sein Smartphone geschwiegen und seine Hoffnung sank mit jeder Minute, die verstrich.

Angekommen war der Text, aber das war auch schon alles.



Der Status war immer noch der Gleiche, als er von der Arbeit den Bus nach Hause nahm.

Natürlich war im Park keine Spur von Elodie zu sehen gewesen, was nicht gerade zu seiner Entspannung beigetragen hatte.

Als er die Haustür aufschloss, roch es verführerisch nach Kuchen und ihm lief das Wasser im Mund zusammen.

Vielleicht würde er noch schnell ein Stück essen, ehe er zum Verein fuhr.

Vorausgesetzt, seine Mutter hielt sich nicht in der Küche auf, denn da sich nichts an ihrem Status quo geändert hatte, ging er ihr immer noch aus dem Weg.

Ohne sich umzuschauen lief er die Treppe nach oben, ging kurz ins Bad, zog sich dann um und legte sich für fünf Minuten auf sein Bett.

Eigentlich um sich ein wenig zu entspannen, aber dann nahm er doch wieder das Smartphone zur Hand und sah nach, ob Rosa ihm vielleicht inzwischen geantwortet hatte.

Was extrem unwahrscheinlich war, da es keinen Nachrichtenton gegeben hatte.

Nein, natürlich keine Antwort.

Aber offenbar hatte sie seinen Text inzwischen gelesen, jedenfalls, wenn man den blau markierten Häkchen glauben konnte.

Super.

Und warum antwortete sie dann nicht???

Wenig später erhob er sich mit einem Seufzen und ging dann nach unten.

Er hatte sich gerade ein Stück Kuchen auf einen Teller getan, als seine Mutter dazukam.

„Fredrik!“

„Es war doch okay, dass ich mir ein Stück genommen habe, oder?“ Zwar war es nicht das erste gewesen, es hatten schon ein paar gefehlt, aber trotzdem…

„Selbstverständlich. Ich habe gebacken, weil Inga und Judith heute zum Kaffee da waren. Geht es dir gut?“

Fast schon überrascht über diese Frage, drehte er sich zu ihr herum.

„Geht“, entgegnete er ein wenig unbestimmt.

„Wir haben so wenig miteinander geredet in letzter Zeit.“

„Ja und woran DAS wohl lag?“, dachte er bissig, sagte aber nichts dazu.

„Ich wusste zum Beispiel gar nicht, dass du dich in diesem Verein mit den Fahrrädern für Flüchtlinge engagierst.“

„Stand doch in der Zeitung!“

„Das muss ich irgendwie übersehen haben. Finde ich toll, dass du das machst!“ Sie lächelte ihn an, aber er nickte nur.

„Fredrik…“ Sie kam zu ihm und legte ihm mit bittendem Gesichtsausdruck die Hand auf den Arm.

„Ja?“

„Ich möchte nicht, dass das zwischen uns steht.“

„Tja, das tut es aber. Es ist vollkommen legitim, dass du meine Trennung von Anna nicht gut findest, ich weiß ja schließlich, dass du sie sehr magst. Von mir aus kannst du auch deshalb sauer auf mich sein, damit kann ich umgehen. Aber du kannst einen anderen Menschen, den du noch nicht mal kennst, nicht einfach deswegen und irgendwelchen bescheuerten Vorurteilen noch obendrauf ablehnen!“

Sie presste die Lippen aufeinander und sah zu Boden.

Er wartete einen Moment, in der Hoffnung, dass jetzt gleich eine Rücknahme ihres Verbotes erfolgen würde, aber nichts geschah.

Also stellte er den Teller mit dem noch unberührten Kuchen auf den Tresen, entzog ihr mit einem Ruck seinen Arm und verließ mit einem bitteren Gefühl im Magen das Haus.



Da war der herzliche Empfang, den Rachids Mutter ihm bereitete, das krasse Gegenteil zu.

Sie hatte mal wieder Abendessen vorbeigebracht und auch gleich noch ein wenig aufgeräumt.

„Hi, cool, dass du kommst!“, freute sich auch Ben. „Vielleicht haben wir demnächst einen neuen Teilzeit Schrauber.“

„Echt? Das wäre ja toll.“

„Mhm. Gebre war heute Nachmittag da. Er hatte eine Frage wegen Hausaufgaben, die ich ihm beantworten konnte, aber dann ist er gleich dageblieben und hat mitgeholfen. Es macht ihm Spaß und er scheint ein Gespür dafür zu haben, was das Problem sein könnte.“

„Super, so können wir ihm in schulischen Fragen helfen, er hilft uns und ist außerdem auch noch von der Straße runter!“

„Richtig!“

„Aber seine Schwestern waren nicht dabei?“

„Nein, zum Glück nicht!“

„Wieso zum Glück? Die Zwei sind total knuffig!“

„Das mag ja sein, aber wie du weißt habe ich es nicht so mit Kindern!“

„Also lebst du total enthaltsam?“

„Äh? Nein?“

„Und was machst du, wenn mal was schiefgeht? Dann musst du dich ja schließlich auch mit einem Kind abgeben.“

Ben gab ein ersticktes Geräusch von sich und Rachid lachte: „Über sowas brauchst du mit unserem Kinderphobiker nicht sprechen! Der weiß einfach nicht, was ihm da entgeht. Ich liebe zum Beispiel meine Nichten und Neffen abgöttisch und hoffe immer drauf, dass meine Freundin sich mal dazu durchringen kann, schwanger werden zu wollen.“

„Ja, gut, so eilig habe ich es nicht, unter anderem auch mangels Freundin, aber auch so. Liah und Makda sind aber wirklich total niedlich. Und so stolz auf ihre Räder und ihre Radfahrkünste.“

„Die sie dank dir haben!“

„Das war ungelogen einer der schönsten Nachmittage in der letzten Zeit!“

Rachid grinste: „Hat sich da jemand in zwei süße kleine Mädchen verknallt?“

„Boah, hör auf!“ Fredrik schüttelte sich. „Ich habe die Beiden am Freitag im Park getroffen und dann kam der Eiswagen und ich habe ihnen spontan ein Eis ausgegeben. Hat mich nicht eine Frau verdächtigt, dass ich denen an die Wäsche wollen würde??“

„Nicht dein Ernst?“ Ben starrte ihn an.

„Doch. Leider schon. Ich meine, eigentlich ja gut, wenn die Leute eher ein Auge zu viel drauf haben, als zu wenig. Aber wenn man plötzlich selbst der Verdächtige ist…“

„Nicht, dass ich denke, dass Kinderschänder irgendwie auch danach aussehen, aber… hat die DICH mal angeschaut? Du bist doch wohl der Prototyp eines… äh…“

„Klassensprechers?“, half Fredrik ironisch aus, weil ihm gerade in den Sinn gekommen war, dass Anna ihn bei ihrer Trennung so bezeichnet hatte.

„Ja, genau!!!“

Vielen Dank!

Vielleicht sollte er auch Punk werden oder mal etwas radikal verändern?

Denn irgendwie ging ihm dieses Image gerade sowas von auf den Zeiger!

Das war so… eindimensional.

Stereotyp. Langweilig. Und brav.

Wahrscheinlich war er das von einem gewissen Standpunkt aus betrachtet auch.

Aber er wollte es nicht sein, verdammt!

Wenn er das Hamid erzählte, würde der wahrscheinlich wieder sagen, er wäre wohl wirklich auf dem Trip, seine rebellische Teenagerphase nachzuholen oder so.

Sein Smartphone vibrierte und er zog es aus der Hosentasche.

Rosa!

Sofort machte sich Aufregung in ihm breit.

„Tz, dann solltest du wohl ein wenig Aufmerksamer sein. SIE hat dich jedenfalls gesehen.“

Fredrik runzelte die Stirn und las ihre Antwort auf seine Frage noch einmal.

Und noch einmal.

Und verstand trotzdem nur Bahnhof.

Elodie hatte ihn gesehen?

Und offenbar Rosa davon erzählt.

Aber wann und wo?

Und was sollte das mit dem Aufmerksamer sein bedeuten?

War Elodie sauer, dass er sie nicht bemerkt hatte?

Er knirschte mit den Zähnen.

Fuhr sich durch die Haare.

Beschloss dann kurzerhand, dass er rückfragen würde.

„Was? Wann? Wo?“  

Die Frage, ob Elodie jetzt sauer war, verkniff er sich lieber, auch wenn es ihn natürlich brennend interessierte.

Aber das klang irgendwie so nach Jammerlappen.

„Schlechte Nachrichten?“ Rachid sah ihn fragend an.

„Verwirrend eher. Nein, alles gut. - Was liegt an, welches Rad soll ich mir vornehmen?“ Fredrik sah sich bemüht enthusiastisch um.

„Lasst uns erst was essen, oder habt ihr noch keinen Appetit? Wäre schade, wenn es kalt wird!“

Da die Gerichte, die die Mutter des anderen zubereitete, immer ausnehmend lecker waren, ließen sie sich nicht lange bitten.
Währenddessen unterhielten sie sich über die bereits eingegangenen Spenden, die Überlegung, wie sie die Mittel verteilen sollten, denn natürlich brauchten sie vor allem Material, um die Räder überhaupt reparieren zu können, andererseits machte es wenig Sinn, diese dann ohne Schloss und Helm an die Flüchtlinge weiterzugeben.

Fredrik schlug vor, dass er Jaroslav bitten würde, bei den lokalen Fahrradhändlern um Spenden in allen drei Kategorien zu bitten und dann je nach dem, was noch fehlte, nachzukaufen.

Das sorgte für Zustimmung.

Er hatte seinen Teller fast schon leergegessen, als eine neue Nachricht einging, aber er zwang sich, die letzten Bissen auch noch zu nehmen, ehe er auf sein Smartphone schaute.

Rosa hatte ihm ein Foto geschickt.

Zum Glück war das Netz hier relativ gut, so dass es nur Sekundenbruchteile dauerte, bis es geladen war.

Sie hatte ein anderes Smartphone, das auf einer Holzplatte lag, geknipst.

Das Display war eingeschaltet und auf dem Hintergrundbild war ein blonder Typ in blauem T-Shirt und kurzer Jeans zu sehen, der irgendwo draußen vor einer Hecke stand und etwas mit seinen Händen machte.

Aha.

Und was sollte das jetzt?

Doch dann keimte ein Verdacht in ihm auf.

Er tippte auf das Foto und zog es dann mit Daumen und Zeigefinger größer, so dass er das Hintergrundbild auf dem Display des Telefons besser erkennen konnte.

Natürlich wurde es damit auch deutlich unschärfer, aber dennoch blieb kein Zweifel: Wer auch immer der Besitzer des Smartphones auf dem Bild war, höchstwahrscheinlich Elodie, hatte ein Foto von ihm als Hintergrundbild.

Und zwar ein Foto von ihm, wie er begeistert lachte und dabei in die Hände klatschte.

Jetzt wusste er auch, wann und wo das Foto entstanden war.

Nämlich als er Liah und Makda das Radfahren beigebracht hatte.

Kein Wunder, dass er Elodie nicht bemerkt hatte, er war da so konzentriert auf die beiden Mädels gewesen, dass die Umgebung und etwaige Zuschauer vollkommen an ihm vorbeigegangen waren.

Fredrik starrte verblüfft auf das, was sein Smartphone ihm da anzeigte.

Elodie hatte ihn als Hintergrundbild.

Elodie hatte IHN als Hintergrundbild?

Elodie hatte…



Auch als er dann viel später in seinem Bett lag, war er immer noch gleichermaßen überrascht wie fasziniert von dieser Tatsache.

Er hatte schon, während er einen ziemlich zerbröselten Fahrradschlauch, sowie zwei Mäntel und Ventile ausgetauscht, eine Kette gespannt und geölt und die Bremsen eines gespendeten Herrenrades überprüft hatte, die ganze Zeit darüber nachgedacht, was das wohl bedeuten mochte.

Okay, man machte ein Foto, weil einem das Motiv oder vielleicht in diesem Fall auch die Situation, gefiel.

Aber dieses Bild dann auch als Hintergrund auf dem Smartphone zu verwenden, war doch noch mal eine Stufe drüber, oder?

Dann durfte er sich doch wohl berechtigte Hoffnungen machen.

Plus Rosa wollte, dass er das wusste, was ja implizierte, dass sie auf seiner Seite war.

Allerdings zwang er sich, die Glücksgefühle, die das in ihm auslöste, nicht allzu groß werden zu lassen.

Irgendwie fürchtete er immer noch, dass das Ganze einen Haken hatte, den er jetzt nicht sah.

Denn warum war sie nicht einfach dazugekommen?

Er hätte sie gern mit den Mädels bekannt gemacht.

Oder falls ihr das zu… ja, keine Ahnung was, gewesen war, hätte sie sich ja auch so bei ihm melden können?

Später oder auch in den letzten Tagen.

Aber das hatte sie nicht getan.  


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vielen Dank für die Reviews, KatieBell und Kylja :D :D :D
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