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Against all odds

von sjoe
Kurzbeschreibung
GeschichteRomance, Erotik / P18 / Het
05.02.2021
22.07.2022
35
88.887
11
Alle Kapitel
46 Reviews
Dieses Kapitel
2 Reviews
 
17.06.2022 3.620
 
Es war schon fast zur Routine geworden, abends noch in der Werkstatt vorbeizuschauen und Fahrrädern zu reparieren.

Sie hatten bis zum gestrigen Mittwochabend schon sechs Stück wieder in Schuss gebracht und verteilt und heute würden zwei weitere folgen.

Zwei rosa Kinderräder von Zwillingen, die jetzt lustiger Weise auch wieder an Zwillingsmädchen aus Eritrea gehen würden.

Die Beiden hatten einen ziemlich weiten Schulweg, der durch die Fortbewegungsmittel um einiges erträglicher werden würde.

Fredrik tauschte gerade noch die Klingeln aus, denn die eine war abgebrochen gewesen und sie hatten aber noch zwei andere identische vorrätig.

Wenn schon Zwillingsräder für Zwillingsmädchen, dann auch richtig, fand er.

Als es klopfte, öffnete Ben die Werkstatttür und ein ziemlich mürrisch dreinschauender dunkelhäutiger Junge im Teenageralter trat ein.

Ihm folgten zwei einheitlich gekleidete, etwa achtjährige Mädchen, die sich schüchtern aneinander drückten.

„Ah, hallo Gebre. Geht es dir gut?“ Ben sah den Jungen freundlich an.

„Ja!“, knurrte der.

„Und das sind deine Schwestern, die die Fahrräder bekommen?“

„Ja. Liah und Makda.“

„Hallo Liah, hallo Makda. Geht mal zu Fredrik rüber, der hat eure Fahrräder!“

Die Mädels rührten sich nicht von der Stelle, bis Gebre etwas zu ihnen sagte.

Dann schlichen sie förmlich zu Fredrik hinüber, immer engen Körperkontakt miteinander haltend.

Fredrik ging in die Knie und sah ihnen lächelnd entgegen: „Hi! Ich bin Fredrik.“

„Hi!“ piepste die eine und die andere fiel ein: „Hi!“

„Bist du Liah?“, fragte er die eine, aber sie schüttelte den Kopf.

„Ah, dann bist du Liah und du Makda. Okay, ich versuche, mir das zu merken!“ Im Moment ging das, denn Makda stand links, Liah rechts.

„Also, das hier sind eure Fahrräder“, er deutete darauf und sie folgten seiner Geste mit den Blicken.

„Eines für dich“, er nickte Liah zu, „und eines für dich!“ er nickte Makda zu.

Die beiden sahen ihn mit ihren großen, dunkelbraunen Augen an und rührten sich nicht.

Okay, dann eben anders.

Er klappte den Ständer des einen Fahrrads ein und schob es der einen zu: „Deins!“

Mit dem Zweiten verfuhr er ebenso: „Deins!“

Mehr oder weniger genötigt, zuzugreifen, hielten die Mädels ihre Räder am Lenker fest, allerdings recht umständlich von vor dem Vorderrad stehend.

Oh weh.

Offenbar hatten die Beiden noch nie ein Fahrrad gehalten.

Was dann wohl außerdem bedeutete, dass sie gar kein Rad fahren konnten.

„Ähm, Ben?“

„Ja?“ Der hatte sich wieder dem Fahrrad gewidmet, das er gerade reparierte und sich dabei Sachen von Gebre anreichen lassen.

Jetzt sah der andere auf und ihn an.

„Kann es sein, dass die gar nicht Rad fahren können?“

„Öh…“

„Nein. Die nicht können“, schüttelte Gebre den Kopf.

„Tja, dann müssen wir es ihnen wohl beibringen!“

„Kannst du das nicht machen??“ Ben sah ihn flehend an. „Ich habe es nicht so mit Kindern…“

„Puh, äh ja, okay, ich bin jetzt auch nicht gerade DER Experte, aber gut…“

Und so kam es, dass Fredrik mit den beiden kleinen Mädchen samt Rädern nach draußen ging, um mit ihnen Radfahren zu üben.

Er hatte Gebre gefragt, ob er nicht mitkommen könne, aber der hatte sich rundweg geweigert.

Wahrscheinlich zu kindisch oder so, jedenfalls war er bei Ben geblieben.

Fredrik hatte zuerst befürchtet, dass die Mädels ein Problem damit haben würden, aber sie hatten sich nicht mal nach ihrem Bruder umgedreht.

Vor der Tür bat er die beiden, sich einmal draufzusetzen, dann stellte er die Sättel je noch ein kleines Stück nach unten.

Dann bekamen sie je einen Helm, den sie dann auch stolz wie Bolle aufsetzten.

„Okay, jetzt kann es losgehen! Ihr könnt euch wieder draufsetzen und dann loslaufen.“

Das mit dem Draufsetzen hatten sie verstanden, den Rest offenbar nicht.

Er machte sein Rad, dass er an den Ständer gekettet hatte, los und zeigte ihnen, was er meinte.

Um in Laufradmanier ein Gefühl für das Gefährt und die Lenkung zu bekommen, war der Hof ganz okay, allerdings war das Pflaster relativ grob und es war außerdem auch zu eng für alles weitere.

Fredrik überlegte kurz, ob es sinnvoll wäre, sein eigenes Rad mitzunehmen, entschied sich dann aber dagegen.

Er würde mit den Zweien auch so vermutlich genügend zu tun haben.

Er bedeutete ihnen, mitzukommen.

Als sie den Hof verließen, sagte er: „NICHT auf die Straße, okay?“

Beide nickten einhellig.

Er ging vor ihnen her, zum Glück gab es zwei Straßen weiter einen kleinen Platz rund um einen Brunnen, der einen relativ glatten Belag hatte.

Der war ihr Ziel.

Dort angekommen, ließ er sie erst einmal ein paar Runden um den Brunnen drehen und spornte sie an, dabei immer schneller und mutiger zu werden und auch mal die Beine in die Luft zu nehmen.

Sowohl Makda als auch Liah schafften das recht gut.

Dann winkte er sie zu sich.

Irgendwie mussten sie ja schließlich Treten lernen.

„Eigentlich, müssen die Füße da drauf.“ Er tippte mit dem Fuß gegen die eine Pedale. „Zuerst du, Makda.“

Er griff nach dem Gepäckträger und hielt diesen fest. „Jetzt. Füße auf die Pedalen, Makda.“

Sie hob diese ein wenig unsicher, aber als sie merkte, dass sie nicht kippen konnte, weil er sie stabilisierte, platzierte sie diese auf den Pedalen.

„Sehr gut. Und jetzt treten.“ Er hob das Hinterrad ein wenig an und sie kreischte auf.

Liah lachte.

„Alles gut. Ich halte dich ja fest. Jetzt mal treten. Treten, Makda!“

Nichts geschah. Sie wusste also nicht, was er meinte.

„Okay. Füße noch mal runter. Auf den Boden.“

Das klappte und er setzte das Hinterrad wieder ab, ließ den Gepäckträger los und trat neben sie.

„Also, treten ist so.“ Er machte ihr die Bewegung mit den Händen vor. „Aber mit den Füßen, okay?“

„Okay.“

Allerdings war er sich nicht ganz sicher, ob sie das wirklich kapiert hatte.

Nichts desto trotz nahm er den Gepäckträger wieder, bat sie, die Füße auf die Pedale zu stellen und dann zu treten.

Dabei hob er das Hinterrad leicht an und siehe da, es begann sich zu drehen.

Langsam.

Sehr langsam.

„Ja, super, Makda! Und jetzt ein bisschen schneller.“

Ah, das Wort kannte sie offenbar.

„Gut. Noch schneller! Und jetzt: STOPP.“

Natürlich hatte er nicht daran gedacht, dass sie noch gar nicht wusste, wie man bremste.

Also zeigte er auch das mit den Händen und ließ sie dann mit angehobenem Hinterrad sowohl treten als auch Bremsen auf Zuruf üben.
Irgendwann war er zufrieden und lobte sie ausgiebig, ehe er sie wieder bat, die Füße auf den Boden zu stellen.

Natürlich hatte Liah jetzt den Vorteil, dass sie schon zugesehen hatte, es ging bei ihr also ohne zusätzliche Erklärungen und vollkommen problemlos.

„Sehr gut, Liah. Und jetzt fährst du mal richtig! Also: treten!!“

Sie trat kräftig in die Pedale, war aber im nächsten Moment überrascht darüber, dass sie sich dadurch plötzlich fortbewegte und ging direkt in die Eisen.

„Super, du hast gut gebremst. Aber jetzt sollst du fahren. Also noch mal treten.“

Also lief er ein paar Runden um den Brunnen, ihren Gepäckträger dabei haltend.

„Prima. Und jetzt bremsen. Gleich ist Makda dran. Nach einer kleinen Pause!“, erklärte er leicht angestrengt atmend und ließ sich auf eine der Bänke am Rande des Platzes fallen.

„Ah. Müde!“ Liah deutete grinsend mit dem Finger auf ihn.

„Jaa. Weil ich DIR hinterherrennen musste!“, deutete er ebenso zurück und sie lachte.

Makda kam zu ihnen herüber gelaufradelt und sah ihn fragend an: „Ich? Auch?“

„Ja, du kannst auch gleich, ich brauche nur eine kurze Pause.“

„Pause. Sitzen“, nickte sie verstehend.

„Genau.“

Sobald sein Atem sich beruhigt hatte, erhob er sich wieder und machte das gleiche Spiel noch einmal mit der anderen Zwillingsschwester.

Irgendwann spornte er sie an, noch schneller zu fahren und ließ dann einfach den Gepäckträger los, dabei rufend: „Super, einfach weiter! Treten, treten, treten!“

Makda war offenbar gar nicht aufgefallen, dass sie nun alleine fuhr, denn erst als Liah begeistert zu rufen begann, sah sie sich um, erschrak und bremste abrupt.

„Hey, das war toll! Du bist gefahren! Ganz allein!“, war Fredrik begeistert.

„Jetzt ich!!! Auch fahren!!!“, drängelte Liah.

„Jaja, du kommst jetzt auch dran. Los geht es!“

Sie gab gleich richtig Gas und so konnte er sie nach wenigen Metern loslassen.

Da sie ja schon damit gerechnet hatte, erschrak sie nicht, sondern fuhr einfach weiter!

„Yeeeah, Liah! Super! Du kannst es!“, jubelte er und klatschte begeistert in die Hände.

Sie radelte mit einem stolzen Grinsen weiter.

„Komm, Makda, das kriegst du auch hin! Los! Treten!“

Und tatsächlich konnte er sich nach wenigen Metern zurückziehen.

„Jaa, super, Makda!!! Ganz toll!!“ freute er sich und zeigte ihr seinen erhobenen Daumen.

Sie strahlte.

Dann setzte er sich wenig später wieder auf die Bank, um den beiden zuzuschauen, wie sie Runde um Runde um den Brunnen drehten.

„Kriegt ihr keinen Drehwurm?“, wollte er dann irgendwann wissen, aber natürlich kannten sie dieses Wort nicht. „Fahrt mal anders herum!“ Er deutete mit der Hand die gegensätzliche Richtung an.

Makda war die erste, die ein wenig abbremste und dann einen Bogen fuhr, um seiner Anweisung Folge zu leisten.

„Cool, das war richtig gut! Komm, du auch Liah! Langsamer werden und dann drehen. Jaa, genau!“

Wieder fuhren sie zahlreiche Runden, dann wurde es Zeit, ihnen auch das Anfahren beizubringen.

Allerdings würde das wohl besser funktionieren, wenn er es ihnen nicht erklärte, sondern vormachte.

Und das war dann der Punkt, wo er doch gern sein eigenes Rad gehabt hätte.

Denn zunächst wollten sich die beiden Mädchen ausschütten vor Lachen, als er sich auf eines der Fahrräder setzte.

Er wartete grinsend, bis sie sich halbwegs wieder eingekriegt hatten, dann sagte er: „Erst loslaufen, schnell. Dann Füße drauf und schnell treten.“

Er versuchte, die jeweiligen Bewegungen dabei auszuführen, aber gerade das schnelle Treten wollte bei ihm so gar nicht funktionieren, weil seine Beine einfach viel zu lang für die geringe Größe waren.

Aber die beiden waren offenbar ziemlich clever, denn das Prinzip hatten sie verstanden und übten wieder und wieder bis es ihnen schließlich nach einer ganzen Weile gelang.

„Ihr seid SUUUPER!!!“, rief er begeistert und riss die Arme nach oben. „Ihr könnt es!!“  

Er ließ sie noch ein wenig ihr neu erworbenes Können genießen, dann war es an der Zeit noch ein bisschen Verkehrserziehung mit ins Spiel zu bringen.

Sie mussten an der Straße anhalten, absteigen und sich umschauen.

„Kommt ein Auto?“, fragte er dann.

„Nein Auto.“

„Okay, es kommt also kein Auto. Dann rüberschieben. – Nein, Liah. Nicht fahren. Schieben!“

Auf der anderen Straßenseite sollten sie dann wieder aufsteigen und losfahren.

Er joggte hinterher.

Nach einigen Metern kam ihnen der erhoffte Fußgänger entgegen, sogar eine junge Frau mit Kinderwagen. Perfekt.

„STOPP!“, rief er und sofort gingen die Mädels in die Bremse.

„Sehr gut!“, lobte er sie. „Man muss anhalten, wenn jemand kommt. Und jetzt nach rechts an den Rand rüber.“

Dafür erntete er allerdings verständnislose Blicke.

Fredrik war für einen Moment ratlos, dann machte er mit der Hand eine schiebende Bewegung nach rechts: „Rübergehen, nach da. Nach rechts.“

Zum Glück wartete die Frau geduldig und mit einem Lächeln auf den Lippen, bis die Mädchen verstanden hatten, was sie machen sollten.

„Danke!“, nickte er ihr erleichtert zu, als sie dann den Wagen an ihm vorbeischob.  

„Kein Problem. So süß, die Beiden. Ihre?“

„Was?? Äh nein! Ich bringe ihnen nur Radfahren und ein paar Verkehrsregeln bei.“ Ey, bei der hatten wohl die Mutterhormone voll durchgeschlagen!

Wie sollten denn bitte zwei so dunkle Mädels von ihm sein?

Abgesehen davon, dass er da verdammt früh hätte angefangen haben müssen?!?

„Ja dann viel Erfolg noch!“

„Danke!“ Damit joggte er den beiden, die natürlich weitergefahren waren, kaum, dass die Frau an ihnen vorbeigegangen war, wieder hinterher.

***

Fredrik hatte sehr darauf gehofft, Elodie am Freitagabend nach der Arbeit im Park anzutreffen, aber Fehlanzeige.

Weit und breit war nichts von ihr zu sehen.

Er seufzte unhörbar und versuchte, die Enttäuschung nicht zu nah an sich heran zu lassen.

Natürlich vergeblich.

Was, wenn es das jetzt wirklich gewesen war, ihr: ‚lass mich in Ruhe‘?

Das endgültige Ende, bevor jemals wirklich etwas zwischen ihnen gewesen war, von einer verdammt heißen Knutscherei, vielen Blicken und ein paar tiefgründigen Gesprächen mal abgesehen?

Ihm wurde kalt bei dem Gedanken.

Aber wie anders sollte er das interpretieren?

Sie ging ihm ganz offensichtlich aus dem Weg, was ja auch nicht sonderlich schwierig war.

Sie wusste, dass er montags und freitags arbeitete und im Anschluss durch den Park ging.

Und genau wie er die Zeiten ihrer Veranstaltungen im Vorlesungsverzeichnis nachgeschaut hatte, konnte sie das mit seinen ebenfalls tun, um ihn meiden zu können.

Es war keine Reaktion auf die Theaterkarten erfolgt, auch so ein Tiefschlag.

Nicht, dass er jetzt damit gerechnet hatte, dass sie ihm deshalb um den Hals fallen würde, aber nichts?

GAR nichts?

Nicht mal ein wütendes ‚du spinnst wohl, ich lasse mich nicht kaufen‘ oder dergleichen?

Das sprach doch seiner Meinung nach sehr für die Theorie, dass sie ihn und alle seine Versuche einfach ignorierte.

Er ließ sich auf ebenjene Bank sinken, auf der er mit Elodie gesessen und sie wegen Atze getröstet hatte.

Wie lange war das jetzt her?

Drei Wochen?

Es kam ihm vor, wie eine Ewigkeit.

Einerseits.

Andererseits war es ihm noch so verdammt präsent, wie sie sich an ihn klammernd und dabei sein Hemd vollheulend von ihm hatte trösten lassen.

Aber eigentlich war auch da schon klar gewesen, dass sie das Ganze gar nicht wollte.

Er hatte nur gerade zur Verfügung gestanden, als sie eine Schulter zum Anlehnen gebraucht hatte, und als das durch war, war sie gegangen.

Bloß hatte er da und auch die ganze Zeit jetzt immer noch gehofft, sie irgendwie umstimmen oder besser gesagt von sich überzeugen zu können.

Diese Hoffnung musste er dann wohl langsam mal begraben.

Er stützte die Ellenbogen auf den Knien ab und vergrub das Gesicht in den Händen.

So saß er geraume Zeit einfach nur da und fühlte sich, als würde er in ein bodenloses schwarzes Loch fallen.

Der Kies des Weges knirschte immer mal wieder, wenn jemand vorbei ging, glücklich plaudernde Kinderstimmen näherten sich und entfernten sich wieder, dumpfe Bässe von jemandem, der Musik hörte… alles ganz normales Alltagsgeschehen, aber für ihn war das meilenweit weg, eine vage Verbindung zur Normalität.

Es dauerte eine ganze Weile, bis bei ihm ankam, dass die hellen Stimmen, die in einer ihm unverständlichen Sprache etwas zu beraten schienen, sich nicht wegbewegten, weil die Leute – Mädchen? - die sich da unterhielten, direkt vor ihm standen.

Er presste genervt die Kiefer aufeinander.

Sahen die denn nicht, dass es ihm schlecht ging und er seine Ruhe haben wollte?

Aber nein, das Geplapper ging weiter, bis er dann irgendwann resigniert den Kopf hob.

„Fredrik!!“ Liah, oder war es Makda strahlte ihn, auf ihrem Fahrrad sitzend an, um dann ihrer Schwester einen Blick zuzuwerfen und mit dem eindeutig zu interpretierendem Tonfall, ‚siehst du, habe ich dir doch gesagt!‘ zu sagen: „Ja. Fredrik!!!“

„Na sowas. Hallo ihr beiden!“, er zwang sich zu einem Lächeln, das sicherlich mehr gequält als sonst was war, aber das schien die Zwillinge nicht zu stören.

Dann sah er, dass sie diesmal T-Shirts trugen, die mit einem Buchstaben verziert worden waren.

Ein M und ein L.

„Wir. Radfahren“, sagte demnach Liah.

„Ja, das sehe ich. Und? Klappt es gut?“

„Jaja. Gut, gut.“

„Das ist toll! Seid ihr ganz allein hier? Ohne Gebre oder so?“

Makda, anscheinend war es unter ihnen üblich, sich beim Antworten abzuwechseln, winkte mit verächtlichem Gesichtsausdruck ab: „Gebre. Faul. Nicht Radfahren!“

Nun musste er doch schmunzeln.

Schon interessant, welche deutschen Wörter so hängenblieben.

„Soso, Gebre ist also faul, weil er nicht Radfahren will. Aber in die Schule geht er?“

„Schule ja. Muss Schule.“

Fredrik nickte nachdrücklich: „Unbedingt. Schule ist wichtig. Lernen ist wichtig.“

Beide Mädchen nickten heftig: „Mama sagen.“

„Ja, da hat sie recht. Auch wenn es natürlich schwer ist, wenn man nicht so gut Deutsch spricht.“

Liah sah bekümmert drein: „Nein. Nicht gut Deutsch.“, während Makda eifrig sagte: „Deutsch lernen. Ja!“

„Ich bin mir sicher, ihr lernt das noch. Hey, ihr habt an einem Nachmittag Radfahren gelernt, das ist auch nicht so leicht!“

Wahrscheinlich hatten sie ihn nicht wortwörtlich verstanden, aber die Bedeutung war ihrem Strahlen nach angekommen.

Dann erklang ein scheppernder Klingelton aus der Richtung, in die er eigentlich musste und obwohl er diesen Ton schon ewig nicht mehr vernommen hatte, wusste er sofort, was dieser bedeutete.

Er stand auf und sagte: „Los, kommt mal mit!“

Die Mädchen tauschten einen überraschten Blick, fuhren dann aber los, als hätten sie noch nie etwas anderes gemacht und blieben dann je rechts und links von ihm auf seiner Höhe.

„Man, ihr macht das wirklich super! Ich bin total stolz auf euch!“, lobte er sie.

Es dauerte nicht allzu lange, bis der Weg, den sie nahmen, an der nächsten Straße endete und genau dort stand, wie er es erhofft hatte, ein Eiswagen.

„So. Und jetzt kaufe ich euch ein Eis, schließlich habt ihr bisher gar keine Belohnung bekommen!“

„Eis?“ Makda sah ihn fragend an.

„Ja, da in dem Wagen“, er deutete darauf, „gibt es Eis. Ihr esst doch Eis, oder?“

Einhelliges Nicken.

„Gut. Was für eine Sorte wollt ihr denn?“

Ratlose Blicke.

„Hm. Wie machen wir das denn jetzt?“, überlegte er laut. „Schokolade, Vanille, Erdbeere, Banane?“, zählte er dann einfach ein paar Sorten auf.

„Schokolade!“ bestellte Makda, während Liah „Banane“ wählte.  

Also kaufte Fredrik drei Waffeln mit je einem Bällchen, für sich wählte er Aprikose, weil er spontan Lust darauf hatte.

Nachdem er bezahlt hatte und sich mit vollen Händen zu den Zwillingen herumdrehte, sahen sie ihn begeistert an.

„Mh, vielleicht lieber mal die Fahrräder parken?“

Liah stieg sofort ab und klappte den Ständer aus, Makda folgte ihr ein wenig zögerlicher.

Offenbar hing sie sehr an ihrem Fahrrad.

Er reichte den beiden ihre Eiswaffeln: „So, hier, bitteschön! Lasst es euch schmecken!“

„Danke!“, piepste Liah und Makda nickte: „Danke, Fredrik“

„Sehr gern.“

Eine ältere Frau, die ebenfalls kam, um sich ein Eis zu kaufen, sah mit gerunzelter Stirn zwischen den beiden kleinen Mädchen und ihm hin und her.

Ob die ihn wohl auch gleich fragen würde, ob das seine Kinder waren, so wie die junge Mutter gestern?

„Sind das ihre Kinder?“ Okay, gleiche Frage, anderer Tonfall.

„Nein.“

„Sind Sie der Babysitter oder sowas?“

„Nein, auch nicht. Aber wir kennen uns.“

Anscheinend auch nicht die richtige Antwort, denn ihr Gesicht verfinsterte sich, ehe sie ihn anfunkelte: „Ich habe Sie genau im Blick, junger Mann! Glauben sie ja nicht, sie könnten sich an die beiden Kleinen ranmachen, nur weil die eine andere Hautfarbe haben!“

Fredrik fiel alles aus dem Gesicht.

Die glaubte, er wäre ein Kinderschänder?

Wow!

Das war ja dann wohl der ultimative Tiefpunkt des Tages und das, obwohl er vorhin schon geglaubt hatte, dort angekommen zu sein.

Nur gut, dass die Mädels das nicht verstanden!

Den unfreundlichen Tonfall der Frau hatten sie jedoch mitbekommen, jedenfalls ihren ängstlichen Minen nach.

Die Frau verstand das natürlich vollkommen falsch: „Habt ihr Angst vor dem Kerl? Hat er euch etwas getan? Ich kann euch helfen!“

Unisono machten Makda und Liah einen Schritt rückwärts für jeden, den die Frau auf sie zuging.

Dann fasste sich Makda ein Herz, blieb stehen, stützte die Hände in die Seiten und sagte in festem Tonfall: „Du nein helfen. Fredrik helfen. Radfahren!“

Das war so süß, dass er ihr am liebsten Beifall geklatscht hätte.

Nun offenbar ein wenig verunsichert, wandte die Frau sich ab, um sich dann gleich wieder zu ihm herumzudrehen und mit ausgestrecktem Zeigefinger zu ihm zu sagen: „Wie gesagt, ich behalte das im Auge!“

„Nur zu!“, entgegnete er ruhig, ehe er genüsslich in seine Kugel Aprikoseneis biss.

Den Mädels war das offenbar immer noch nicht geheuer, denn sie gingen zu ihren Fahrrädern zurück und schwangen sich trotz Eiswaffel in der Hand darauf.

Wahrscheinlich um schnell abhauen zu können, wenn ihnen die Frau zu nahe käme.

Dabei hatte sie es ja nur gut gemeint und eigentlich sollte er froh darüber sein, dass sich jemand Gedanken machte.

Schließlich gab es genügend miese Typen.

Es war nur irgendwie nicht ganz so einfach, das zu würdigen, wenn man selbst für einen solchen gehalten wurde.

Zum Glück hielt sie sich jetzt zurück, aß in einigem Abstand ihr Eis, natürlich mit auf ihn gerichtetem Blick, aber damit konnte er leben.

Die beiden Mädels verspeisten Eis und Waffel in Rekordgeschwindigkeit, Liah sogar noch einen Tick schneller als ihre Schwester.

Dann fuhren sie sofort wieder mit ihren Rädern los, zogen Kreise um ihn und er lachte.

Als er sein Eis ebenfalls aufgegessen hatte, sagte er: „Okay, ich muss los. Tschüs!“

Beide bremsten abrupt ab und sahen ihn betroffen an.

Er deutete über seine Schulter nach hinten, in Richtung Straße: „Ich muss da lang, nach Hause.“

„Oh. Tschüs!“

„Ja. Tschüs, ihr Zwei! Und schön vorsichtig fahren, ja?“

„Ja. Gut aufpassen!“

„Genau. Gut aufpassen!“ Er lächelte ihnen noch einmal zu, winkte und drehte sich um und ging.

Den ganzen Weg spürte er noch den misstrauischen Blick der Frau auf sich, nichts desto trotz war seine Laune inzwischen um Klassen besser, als noch kurze Zeit zuvor, zwei süßen kleinen dunkelhäutigen Mädchen sei Dank.

Vielleicht hätte er der Frau sagen sollen, dass er die Beiden zum Niederknutschen fand?

Rein platonisch natürlich, er stand nicht auf Kinder.

Aber das wäre wohl eher nach hinten losgegangen.

Wobei… ob so ein Anruf an Elodie, nach dem Motto: „Kannst du bitte auf die Polizeiwache kommen, die denken, ich stehe auf kleine Mädchen?“ sie nicht vielleicht wachrütteln würde?

Ach halt!

Er hatte ihre Nummer ja immer noch nicht.

Und würde sie wahrscheinlich auch nie …

Nein. Stopp!

Nicht schon wieder!

Es konnte doch wohl nicht sein, dass er sich jetzt wieder in dieses Loch begab, wo Liah und Makda es mit ihrer fröhlichen Art doch gerade erst geschafft hatten, ihn da rauszuholen?

Das wäre einfach…

Und überhaupt.

Er war doch sonst eigentlich gar nicht so pessimistisch und depressiv, das würde er jetzt gar nicht erst anfangen.

Auch wenn er vielleicht gefühlt allen Grund dazu…

Er seufzte laut.

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vielen Dank für das Review, Kylja :D :D :D
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