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Die Schöne und das Biest - 30 Jahre später - Kapitel 7 - Eine Entscheidung mit Folgen

GeschichteRomance, Fantasy / P12 / Gen
Catherine Chandler OC (Own Character) Vincent
05.02.2021
05.02.2021
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22.732
 
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05.02.2021 22.732
 
7. Eine Entscheidung mit Folgen


Ich will euch ein neues Herz und einen neuen Geist in euch geben.

(Hesekiel 36,26)


Washington D.C., Jake (Jacob) Chandler; Dennis McGuire; ein halbes Jahr später

Jacob Chandler betrat das Gebäude des FBI wie gewohnt. Zielstrebig fuhr er mit dem Fahrstuhl in die sechste Etage und ging zu seinem Büro. Kaum saß er an seinem Schreibtisch, stand Dennis McGuire in seiner Tür.

 „Wie ist es bei Gericht gelaufen, Chandler?“ fragte sein Kollege.

Jake zog unbehaglich die Schultern nach oben.

 „So schlecht“, folgerte Dennis McGuire.

Während Jake nach den richtigen Worten suchte fuhr der FBI-Mann fort. „Was für haarsträubende Geschichten hat Gerry Fisher diesmal erzählt? Etwa, dass er von Aliens entführt wurde und deshalb zum organisierten Verbrechen übergelaufen ist?“ Die Ironie in Dennis McGuires Stimme war nicht zu überhören.

 „Nicht ganz“, antwortete Jacob Chandler endlich. „Er schiebt es nach wie vor auf seine finanziellen Probleme und die Krankheit seiner Frau.“

 „Und der schlechten Behandlung beim FBI und dem geringen Einkommen und dem Staat und der ganzen Welt“, zählte McGuire weiter auf. „Also das Übliche.“

Jacob wusste nicht, was er dazu sagen sollte. Er war gerade von der Gerichtsverhandlung gekommen, wo er als Zeuge geladen war. In dem Verfahren war sein ehemaliger Chef angeklagt, der mit der Mafia zusammengearbeitet und interne Geheimnisse verraten hatte. Jake hatte inzwischen verstanden, dass Gerry Fisher so gehandelt hatte, weil er private Probleme hatte. Damit wollte er seinen ehemaligen Chef aber in keiner Weise verteidigen. Menschen waren gestorben und Fishers Verrat hätte auch beinahe seiner Mutter das Leben gekostet.

Trotzdem waren die Dinge nicht so einfach, wie McGuire sie darstellte. Unwillkürlich musste Jake an seine Mutter denken, die jetzt glücklich und sicher mit seinem Vater zusammen in den Tunneln lebte. Jedenfalls hoffte Jacob, dass seine Eltern glücklich waren und es ihnen gut ging. Sofort überkamen ihn Schuldgefühle. Er hatte sie seit mehreren Monaten nicht mehr gesehen und keinen Kontakt zu ihnen gehabt. Er wusste, dass sie sich Sorgen machten. Das konnte er spüren, weil er die Gedanken und Gefühle seiner Mutter spüren konnte, wenn er wollte. Tief im Innern waren sie miteinander verbunden, so wie seine Eltern miteinander verbunden waren und er mit seinem Vater. Aber genau deshalb fühlte sich Jake sicherer, wenn er in Washington blieb. Hier war sein Geheimnis sicher und der unbekannte Schrecken verborgen, der ihn umgab und von dem nur seine Mutter etwas wusste. Er vertraute weiterhin darauf, dass sie nichts davon seinem Vater erzählen würde. Auch das war ein Grund, weshalb er ihr nicht unter die Augen treten wollte. Das erinnerte ihn nur daran, dass sie um seinetwillen Dinge vor seinem Vater verschwieg.

McGuire hatte sein Büro schon wieder verlassen, während Jake noch lange vor sich hin grübelte. Nach dem heutigen Verhandlungstag bei Gericht, ließ sich die selbstgewählte Distanz vielleicht nicht mehr einhalten. Jacob hatte McGuire nicht alles erzählt, was passiert war, doch er hatte es genau vor Augen.

Gerry Fisher hatte ihn bei seiner Rückkehr aus dem Zeugenstand angezischt. „Sie denken, der Fall ist erledigt, aber das ist er nicht.“ Dabei hatte Fisher höhnisch gegrinst. „Ihre Mutter wird niemals sicher sein, selbst wenn sie sich tief unter der Erde versteckt.“

Bei diesen Worten hatten sich Jakes Nackenhaare aufgestellt. Was wusste Gerry Fisher wirklich? Er konnte unmöglich über die Tunnel in New York Bescheid wissen. Aber Jake hatte inzwischen gelernt, dass alles möglich war.

Also hatte er spontan zurückgefragt. „Was meinen Sie damit?“

Da hatte Fisher sich nur weggedreht und leise vor sich hingemurmelt. „Es wird nie zu Ende sein.“

Der Richter hatte Jake, der bei diesem verbalen Schlagabtausch stehen geblieben war, aufgefordert, sich zu setzen. Doch seitdem kreisten Jacobs Gedanken nur um eine Sache. War seine Mutter weiter in Gefahr, obwohl sie in den Tunneln lebte? Oder verlor Gerry Fisher langsam aber sicher den Verstand und phantasierte vor sich hin. Es gab nur einen Weg das herauszufinden. Er musste sich vergewissern, dass es seinen Eltern gut ging.


New York; Büros der Sondereinheit zur Verbrechensbekämpfung; Victoria Thompson, Bill Wyman, Richard Sanders

Victoria Thompson balancierte die beiden Kaffeebecher in ihren Händen. Einer war für sie, der andere für ihren Kollegen Bill Wyman. Demonstrativ stellte sie den Becher vor ihm auf den Schreibtisch, doch er schien es gar nicht zu registrieren. Zurückgelehnt in seinen Schreibtischstuhl, die Füße auf den Schreibtisch liegend, nahm er sie nur am Rande wahr, während er wild auf seinem Smartphone herumtippte.

Vicky wartete nur kurz, bis er sie registrierte und ein knappes „Danke“ murmelte. Dann ging sie mit ihrem Getränk langsam zu ihrem Schreibtisch. Zumindest hatte sie einen eigenen Schreibtisch, auch wenn es sonst nicht viele Annehmlichkeiten in der New Yorker Spezialeinheit der Polizei gab. Sie war jetzt seit sechs Monaten dabei, also von Beginn der Gründung dieser Sondereinheit an. Sie waren direkt der New Yorker Staatsanwaltschaft unterstellt und ermittelten in allen Fällen, die mit dem organisierten Verbrechen zu tun hatten. Inzwischen kamen auch besonders knifflige Fälle hinzu, an denen sich die New Yorker Polizei die Zähne ausbiss und nicht weiterkam.

Vicky vermisste das FBI nicht. Sie vermisste Washington nicht und die Leute dort. Einen vielleicht schon, aber das wollte sie sich selbst nicht eingestehen. Sie liebte New York. Sie liebte es, in dieser Stadt zu wohnen und bei ihrer Mutter zu sein. Sie liebte die Menschen, die hier lebten. Oberhalb wie unterhalb.

Das brachte sie dazu, an den bevorstehenden Abend zu denken und unwillkürlich musste sie lächeln. Sie freute sich besonders auf diesen Abend. Sie hatte eine Einladung erhalten und wollte den heutigen Abend um nichts auf der Welt versäumen.

Ein Stapel schwerer Akten landete mit einem Knall mitten auf ihrem Schreibtisch und riss sie aus ihren Gedanken. Sie sah auf den Stapel und dann in das Gesicht ihres Vorgesetzten Richard Sanders. Er war Mitte fünfzig mit schütterem Haar, einer Brille auf der Nase und von mittlerer Statur. Er trug ein blaues Hemd mit Krawatte, die sich im Laufe des Tages immer weiter lockern würde, bis sie irgendwann verschwunden wäre.

Streng musterte Richard Sanders sie. „Träumen Sie, Thompson?“

Diesen Ton kannte Vicky. „Äh, nein Sir“, antwortete sie unterwürfig. Doch ihr Lächeln und das Funkeln in ihren Augen signalisierten, dass sie es nicht ernst meinte.

Jetzt musste auch Richard Sanders grinsen. „Ihre vermeintliche Unterwürfigkeit nimmt Ihnen keiner ab, Thompson.“ Er deutete auf die Akten. „Die haben wir gerade von der Staatsanwaltschaft bekommen. Es geht um Waffenhandel, und die Polizei tappt im Dunkeln. Wühlen Sie sich mal durch die Akten und geben mir morgen Bescheid, um was es eigentlich geht und was wir tun können.“

Beunruhigt blickte Vicky auf ihre Uhr und schätzte ab, wie lange sie für das Sichten der Akten benötigen würde. Ausgerechnet heute wollte sie nicht so spät Feierabend machen.

 „Wann morgen?“ fragte sie ihren Chef deshalb.

Er sah sie irritiert an. „Na morgen früh. Haben Sie damit ein Problem?“

Vicky ersparte sich eine Erklärung. „Nein, Mr. Sanders.“ Beherzt griff sie nach dem Stapel.


New York; Haus von Mona Thompson; Victoria Thompson, Mona Thompson, Luke

 “Bist du verabredet?” Mona Thompson beobachtete neugierig, wie sich ihre Tochter eilig umzog.

Es war doch spät geworden und Vicky musste sich beeilen. Das war klar gewesen, nachdem Sanders ihr die Akten zum Sichten gegeben hatte. Ein Teil davon lag jetzt auf ihrem Bett. Sie würde sie nach ihrer Rückkehr durcharbeiten.

 „Es ist nicht das, was du denkst“, sagte sie zu ihrer Mutter.

 „Bist du sicher? Dafür putzt du dich aber ganz schön raus. In New York gibt es doch genügend Männer in deinem Alter, die…“

 „Mom“, unterbrach Vicky ihre Mutter, musste aber lächeln.

Ihre Mutter hatte die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass Victoria doch irgendwann einen jungen netten Mann fand, verbunden mit der Hoffnung auf Enkelkinder.

 „Was?“ fragte Mona zurück, während sie zusah, wie ihre Tochter in ein Kleid stieg, rasch etwas Lippenstift auftat und ihre Handtasche nahm. „Du siehst gut aus.“

Vicky betrachtete sich kritisch im Spiegel. Hoffentlich war sie nicht zu aufgedonnert, aber es wurde immerhin ein Konzert gegeben. Es war ein besonderer Anlass. Fast hätte sie das Geschenk vergessen, das sie mitnehmen wollte. Hastig nahm sie es aus der Nachttischschublade.

 „Ich muss jetzt los, Mom. Es wird bestimmt spät werden. Du musst nicht auf mich warten.“ Als sie den wissenden Blick ihrer Mutter sah, fügte sie noch hinzu. „Und nein, ich treffe mich nicht mit einem Mann.“

Damit verließ sie das Haus ihrer Mutter und eilte in Richtung Central Park. Wenn ihre Mutter wüsste, wohin sie unterwegs war, hätte sie ihr sicher geraten, sich etwas Wärmeres anzuziehen. Aber seitdem Vicky wieder in New York lebte, genoss sie es, sich außerhalb ihrer Arbeit anders zu kleiden, hübscher und nicht so praktisch, wie es für den Beruf nötig war. Schnell schob sie diese Gedanken zur Seite und achtete stattdessen darauf, von niemandem beobachtet zu werden, als sie sich dem großen Abwasserohr im Central Park näherte. Luke würde sie am Eisengitter erwarten und sie tiefer hinunter in die Tunnel führen. Zwar kannte sie sich inzwischen schon selbst recht gut in einem Teil der Tunnel aus, trotzdem war es besser, jemanden dabei zu haben, der sich hundertprozentig auskannte.

Luke begrüßte sie mit einem Lächeln. „Du siehst toll aus.“

 „Danke.“ Vicky erwiderte das Lächeln. „Es tut mir leid, dass ich so spät bin. Ich hoffe, du wartest noch nicht so lange hier.“

Luke tat es mit einer Handbewegung ab. „Ach was. Das ist nicht schlimm. Aber wir müssen uns jetzt etwas beeilen.“

Damit gingen sie durch das Tor in den abzweigenden Tunnel, den Luke durch einen Mechanismus in der Wand hinter ihnen schloss, so dass kein Außenstehender erkennen konnte, dass dort ein Tunnel weiterführte.


New York; in den Tunneln; Vicky (Victoria), Catherine, Vincent, Luke, weitere Tunnelbewohner

Das Konzert war wundervoll. Die Kinder trugen Schubert vor. Victoria saß mitten zwischen den Tunnelbewohnern, den Kindern und Erwachsenen und musste einmal mehr darüber staunen, wie sehr sich ihr Leben in den letzten Monaten verändert hatte. Nicht nur, dass sie auf einmal ein Faible für klassische Musik entwickelt hatte, wo sie doch sonst nur Pop- und Rockmusik hörte. Während die wundervollen Klänge der Musik durch den Raum drangen, ließ sie den Blick schweifen. Von der Bühne, wo die Kinder musizierten zu den Zuhörern, die aus fast allen Tunnelbewohnern bestanden. Es war etwas Besonderes, von außen dazu eingeladen zu werden, dessen war sich Victoria bewusst. Die Menschen, die hier unten lebten, vertrauten nicht so schnell Fremden. Die meisten hatten ihre Gründe, warum sie hier unten lebten und sich von der normalen Welt oben absonderten. Vicky hatte in den vergangenen Monaten viel gesehen und gehört und konnte die Beweggründe der Menschen verstehen. Vor sich drängte sich die kleine Gwen an ihren Schoss, ein süßes vierjähriges Mädchen mit dunklen Locken. Ihre Mutter war drogenabhängig gewesen und an einer Überdosis gestorben, als die Kleine noch ein Baby war. Ein Helfer hatte das Kind nach unten in die Tunnel gebracht, wo es umsorgt und geliebt wurde. Vicky fühlte eine ungewohnte Rührung in sich und drückte das Mädchen unwillkürlich enger an sich. Auch das gehörte zu den Veränderungen, die sie bei sich selbst festgestellt hatte, dabei hatte sie sich nie zu den mütterlichen Typen gezählt. Sie fing einen Blick von Catherine auf, die sie zusammen mit dem Kind sah und ihr liebevoll zulächelte.

Catherine sah einfach wundervoll aus für ihr Alter. Vicky hatte das Gefühl, sie wäre in den vergangenen Monaten jünger und schöner geworden, aber natürlich blieb Catherine eine Frau über sechzig. Es lag an der unbeschwerten Art, die sie ausstrahlte. Sie war glücklich. Hier unten konnte sie endlich in Frieden leben zusammen mit Vincent, dem seltsamen Löwenmann. Vincent stand neben Catherine, einen Arm um ihre Taille geschlungen und automatisch lehnte sie sich zu ihm, während er aufmerksam die Darbietung der Kinder auf der Bühne beobachtete. Victoria hatte sich an sein merkwürdiges Aussehen gewöhnt. Wie sie Catherine und Vincent so stehen sah, wanderten ihre Gedanken automatisch zu Jacob. Vickys Lächeln verschwand augenblicklich. Sie hatte seit der Willkommensfeier von Catherine vor über sechs Monaten nichts mehr von ihm gehört. Er arbeitete beim FBI in Washington, dem sie den Rücken gekehrt hatte. Vicky schüttelte unwillkürlich den Kopf. ‚Närrin‘, schalt sie sich selbst. Welten trennten sie, auch wenn sie in diesem Moment mit seinen Eltern einem Konzert der Kinder in den Tunneln lauschte. Sie spürte Lukes Blick, der sie neugierig von der Seite ansah. Er saß direkt neben ihr und lächelte sie an. Sie lächelte zurück. Diese Welt hier unten übte eine starke Faszination auf sie aus, der sie sich nicht entziehen konnte.


Später zog Catherine sie beiseite. Sie hatten sich vor dem Konzert nur kurz begrüßen können, da Vicky so spät gekommen war.

 „Du siehst müde aus“, meinte die Ältere besorgt. „Was ist los?“

Unangenehm berührt wehrte Victoria automatisch ab. „Ach, es nichts. Nur die Arbeit.“

 „Du arbeitest zu viel“, stellte Catherine leise fest.

 „Wer tut das oben nicht“, meinte Vicky jetzt mit einem Lächeln. „Ich wollte heute Abend unbedingt dabei sein, und ausgerechnet da kam mein Boss mit einem Stapel Akten an, die ich durchsehen sollte.“

Catherine lächelte belustigt. „Arbeitet ihr immer noch mit Akten? Ich dachte, heutzutage wäre alles digitalisiert.“

 „Normalerweise schon, aber wenn man so spärlich eingerichtet ist, wie in meiner Abteilung und sich die Informationen sonst wo besorgen muss…“ Vicky brach ab.

Catherine runzelte die Stirn. „Ich dachte, Joe hat die Abteilung ganz neu ins Leben gerufen und dementsprechend…“

 „Du meinst, wir müssten neu eingerichtet und auf dem aktuellsten Stand sein.“ Victoria winkte ab. „Das war sicherlich der Plan von Joe Maxwell, aber das Budget für die Spezialeinheit wurde von Anfang an nach unten geschraubt. Es stehen einfach nicht genügend finanzielle Mittel zur Verfügung. Also begnügen wir uns mit alten Computern, die in anderen Abteilungen bereits aussortiert wurden und machen das Beste daraus.“

Sie wurde unterbrochen. „Schön, dass du kommen konntest, Victoria“, sagte Vincent mit seiner tiefen und gleichzeitig sanften Stimme.

 „Ja, es ist auch für mich schön, hier zu sein“, antwortete Vicky jetzt an beide gewandt. „Das lenkt mich wenigstens von der Arbeit ab.“

 „Sie arbeitet zu viel“, sagte Catherine erklärend zu Vincent.

 „Das ist übertrieben“, wehrte Vicky erneut ab, „ich bin es gewohnt, viel zu arbeiten. Das macht mir nichts aus.“ Trotzdem tat es ihr gut, dass es Menschen gab, die sich Gedanken um sie machten.

 „Hast du irgendetwas von Jacob gehört?“ fragte Vincent und sah die junge Frau ernst an.

Vicky schüttelte bedauernd den Kopf. Es tat ihr leid, die beiden Menschen, die ihr inzwischen so sehr ans Herz gewachsen waren, zu enttäuschen. „Ich habe nichts von ihm gehört oder gesehen. Hat er sich denn noch immer nicht bei euch gemeldet?“

 „Nein“, antwortete Vincent und die Niedergeschlagenheit war ihm anzuhören. „Nicht seit der Willkommensfeier damals.“

Catherine verzog schmerzlich das Gesicht und drückte zärtlich Vincents Arm.

Vicky fühlte sich hilflos angesichts des Schmerzes, das Jacobs Fernbleiben auslöste. Gleichzeitig war sie wütend auf ihn. Was fiel ihm nur ein. Wie konnte er die beiden Menschen, die ihm das Leben geschenkt haben, ignorieren und sie so sehr verletzen. Am liebsten hätte sie sich sofort in ein Flugzeug nach Washington gesetzt und ihm die Leviten gelesen. Vicky biss sich unwillkürlich auf die Lippen. Sie würde es nicht tun, und das aus gutem Grund. Sie scheute ein Wiedersehen mit ihm genauso, wie er es anscheinend mit seinen Eltern tat.

 „Es tut mir leid“, sagte sie deshalb einfach nur.

Catherine lächelte sie verständnisvoll an. „Das muss es nicht. Es ist schließlich nicht deine Schuld, dass er uns nicht besucht.“

Doch da war sich Vicky nicht so sicher. Sie ging nicht weiter darauf ein. Stattdessen kramte sie in ihrer Handtasche. „Ich habe etwas mitgebracht. Meine Mutter hat es in einem Buchladen gesehen, und als sie mich darauf hinwies, musste ich sofort an euch denken.“ Sie zog ein Buch hervor und reichte es Catherine, die es neugierig betrachtete. Es war ein Buch über die bekannten Museen in der Welt und ihre Kunstschätze.

Unwillkürlich lächelte Catherine. „Vielen Dank. Das ist sehr lieb von dir.“

 „Ich war mir zunächst unsicher, weil ich dachte, dass du vielleicht gar nicht an diese Zeit erinnert werden möchtest, als du im Zeugenschutzprogramm als Kunstexpertin gearbeitet hast.“ Vicky waren die Zweifel anzuhören.

Catherine blätterte bereits in dem Buch. „Das stimmt nicht. Ich hatte allerdings mehr mit den rechtlichen Dingen zu tun.“

 „Ich dachte, vielleicht interessiert es dich, wo du dich doch so viele Jahre mit Kunst und Kunstgeschichte beschäftigt hast“, meinte Vicky.

 „Die Vergangenheit lässt sich nicht auslöschen“, meinte Catherine neutral und lächelte die Polizistin aufmunternd an. „Und ich habe nach wie vor Interesse an Kunst und an allem, was damit zu tun hat.“ Sie wandte sich Vincent zu, während sie weiter in dem Buch blätterte. „Hier sind Bilder vom Louvre. Dann kann ich dir besser erklären, wie es dort aussieht.“

Vincent sah sie mit einem gutmütigen milden Blick an. Er zwinkerte Victoria verschwörerisch zu. „Catherine hat sich vorgenommen, mir all die Orte zu zeigen, an denen sie in der Zwischenzeit gewesen ist.“

 „Aber das ist doch unmöglich“, meinte Vicky spontan.

 „Alles ist möglich“, antwortete Catherine und klappte das Buch zu. „Manchmal eben nur anders als wie auf dem üblichen Weg. Man muss schon etwas erfinderisch sein.“

Luke kam zu ihnen und zog Vicky am Arm. „Komm. Die Kinder wollen noch ein Stück spielen.“

Stille kehrte ein, und die Menschen lauschten der Musik. Es war sehr spät, als Vicky sich von den Tunnelbewohnern verabschiedete.

 „Du könntest hier übernachten“, bot Catherine der jungen Frau an. „In einem der Gästebetten.“

 „Das ist sehr freundlich, aber zu Hause habe ich noch ein paar Akten liegen, die ich bis morgen durcharbeiten wollte“, antwortete Vicky.

 „Du arbeitest zu viel“, wiederholte Catherine ihre Mahnung.

 „Du bist hier auf jeden Fall immer herzlich Willkommen“, bemerkte Vincent. „Und nicht nur, wenn irgendetwas benötigt wird.“ Damit spielte er darauf an, dass Vicky mehr und mehr zu einer Helferin wurde, indem sie Dinge besorgte, die unten benötigt wurden oder einfach als Kontaktperson nach außen fungierte.

Victoria wehrte ab. „Ich helfe gern.“

Sie umarmte die beiden, auch wenn ihr Vincent immer noch ein wenig fremd war.

 „Und wenn du etwas von Jacob hörst…“, begann Catherine.

 „…dann gebe ich euch natürlich Bescheid“, beendete Vicky den Satz. Dann folgte sie Luke, der sie zurück nach oben führte.

Nachdenklich blickten Catherine und Vincent ihr schweigend nach.

 „Du sorgst dich um Jacob, nicht wahr“, brach Catherine das Schweigen.

 „Hm. Ich schätze, er hat seine Gründe“, antwortete Vincent langsam.

 „Vielleicht bin ich schuld mit meiner Anwesenheit. Vielleicht kann er doch nicht akzeptieren, dass ich lebe und…“

 „Das ist Unsinn“, unterbrach Vincent Catherines Redeschwall. „Ich denke nur, dass wir anstatt unseres Sohnes anscheinend dafür eine Tochter bekommen haben.“

Catherine verstand sofort, auf wen er anspielte. Hand in Hand gingen sie zusammen zu ihrer Kammer.


Washington; Jake (Jacob) Chandler

Jacob packte sorgfältig seine Sachen zusammen. Er war es gewohnt, viel unterwegs zu sein. Es hatte noch einige Tage gedauert, bis er sich dazu hatte entschließen können, sich ein paar Tage frei zu nehmen, um nach New York zu fliegen. Er war nicht scharf darauf, seine Eltern zu sehen. Es war nicht fair von ihm, das wusste er selbst, denn sie konnten beide nichts dafür, dass er so war wie er war. Er wollte sie nicht belasten mit seiner Anwesenheit. Seine Mutter würde daran erinnerte werden, dass sie sein Geheimnis vor seinem Vater verschwieg. Und bei seinem Vater hatte Jacob Angst, dass er eines Tages erkennen würde, wie es um ihn stand und was mit ihm nicht stimmte.

Doch es nutzte nichts. Die Worte von Gerry Fisher ließen ihn nicht los. Er wollte sich zumindest vergewissern, dass es seinen Eltern gut ging. Damit klappte er den Koffer zu. Und auf dem Weg zum Flughafen tauchte ein anderes Bild vor seinem inneren Auge auf. Das Bild einer jungen Frau. Sollte er sie aufsuchen, wenn er in New York war? Er hatte sie seit der Willkommensfeier für seine Mutter in den Tunneln nicht mehr gesehen, und er wollte keine falschen Hoffnungen wecken. Doch das war nicht die ganze Wahrheit, gestand sich Jacob ein. Er wollte auch in sich selbst keine Hoffnungen wecken. So wie es um ihn stand durfte er sich niemals ernsthaft mit einer Frau einlassen. Vicky war zu klug, um nicht irgendwann die Wahrheit zu erkennen, und das wäre einfach furchtbar. Nichtsdestotrotz hatte er wohl keine andere Wahl, als ihrer Einheit einen Besuch abzustatten, um herauszufinden, ob es irgendwelche Aktivitäten in der organisierten Kriminalität gab, die für seine Mutter eine Gefahr darstellten. Es ging schließlich um seine Mutter und die Sicherheit der Leute in den Tunneln. Nichts weiter, redete sich Jacob ein. Ein rein berufliches Gespräch mit Vicky konnte nicht so schwer sein.


New York; Büros der Sondereinheit, Besprechungszimmer; Richard Sanders, Victoria Thompson, Bill Wyman

 „Und? Was haben Sie herausgefunden?“ fragte Richard Sanders seine beste Ermittlerin.

 „Laut den Unterlagen hatten bis vor fünf Jahren zwei Syndikate den illegalen Waffenhandel unter sich aufgeteilt.“ Vicky hatte den Stapel von Akten zu der Besprechung mitgebracht, machte sich aber nicht die Mühe, die Unterlagen auf den Tisch auszubreiten. „Dann starb der führende Kopf des einen Syndikats und die Nachfolger zogen sich aus diesem Geschäftsbereich zurück. Stattdessen schwenkte man auf Drogenhandel und Prostitution um. Seitdem hatte der andere Clan, der ursprünglich aus Mexiko stammt, quasi ein Monopol, bis vor gut einem Jahr ein neuer Clan aus Südamerika auftauchte und den Waffenhandel anscheinend gehörig aufmischte.“

Richard Sanders zog erstaunt die Augenbraue nach oben. „Das haben Sie aber nicht alles aus den alten Akten, die ich Ihnen gegeben habe.“

Vicky schüttelte bestätigend den Kopf. „Ich habe ein wenig im Polizeicomputer recherchiert und mir die Fälle von Raub und Mord mit illegalen Waffen angesehen, sowie die Festnahmen, die es dazu gegeben hat.“

 „Also hat die Polizei schon Leute von diesem neuen Clan aus Südamerika verhaftet?“ fragte Sanders.

 „Ja“, bestätigte Victoria Thompson. „Doch leider wurde jeder, der festgenommen worden war, innerhalb kürzester Zeit wieder auf freien Fuß gesetzt.“

 „Wie ist das möglich?“ fragte Bill Wyman, ihr Kollege aus der Sondereinheit.

 „Tja, leider konnte ihnen nie ernsthaft etwas nachgewiesen werden. Jedenfalls nichts, was mit illegalem Waffenhandel zu tun hat. Oder es gab Formfehler bei der Verhaftung und den Ermittlungen, so dass sie freigelassen werden mussten.“ Damit beendete Vicky ihre Erklärungen.

Richard Sanders nickte ernst zu ihren Ausführungen. „Das wird eine harte Nuss. Wir müssen Beweise sammeln, um beiden Clans den illegalen Waffenhandel nachzuweisen und sie möglichst auf frischer Tat ertappen. Alles muss einwandfrei laufen, so dass sie keine juristische Lücke mehr finden können, um wieder auf freien Fuß zu kommen. Das ist unsere Aufgaben.“

 „Wie sollen wir das anstellen?“ fragte Bill Wyman. „Das ist nahezu unmöglich. Wir wissen ja noch nicht einmal, wo wir ansetzen sollen.“

 „Und was ist mit den Hintermännern hier in New York?“ fragte jetzt Vicky. „Diese Clans arbeiten mit Sicherheit mit Leuten aus unserem Land zusammen.“

 „Das ist vielleicht der Punkt, wo wir ansetzen können“, meinte ihr Boss. „Vielleicht ist jemand bereit, gegen Straffreiheit die Seiten zu wechseln und auszupacken. Klemmt euch an die Typen, die schon mal verhaftet und wieder laufen gelassen wurden.“ Mit diesen Worten stand Richard Sanders auf. „Ich weiß, es wird nicht einfach, aber in New York wird es zukünftig keinen illegalen Waffenhandel mehr geben. Keine Toten mehr, die mit Waffen ermordet wurden, die auf dubiose Weise in die Hände Krimineller gelangt sind.“ Damit ließ er seine beiden Mitarbeiter allein.

Bill Wyman zischte laut durch die Zähne. „Keine Toten mehr durch illegale Waffen in New York“, wiederholte er in verächtlichem Tonfall. „Wie stellt er sich das vor?“

 „Es ist zumindest der Versuch, etwas dagegen zu unternehmen“, rechtfertigte Vicky ihren Boss. „Wir sollten uns absprechen, wie wir vorgehen und uns überlegen, wen wir aus unserer Truppe noch dazu nehmen können.“

Doch ihr Kollege warf genervt seinen Stift auf den Tisch. „Das ist doch nur dumme Theorie. Du kannst gerne einen Plan ausarbeiten, aber dadurch kriegen wir keinen einzigen von diesen Typen hinter Gittern.“

 „Ich glaube doch“, widersprach Vicky. „Wir müssen uns nur gut überlegen, wie wir vorgehen und etwas Zeit investieren. Warum bist du eigentlich hier, wenn du in dieser Arbeit keinen Sinn siehst?“

Jetzt grinste Wyman schief. „Strafversetzt.“

 „Ich dachte, für diese Abteilung wurden nur Freiwillige genommen“, erwiderte die brünette Polizistin.

 „Tja, es gibt solche und solche Freiwilligen. Wenn man sonst nirgendwo mehr eine Chance bekommt“, meinte Wyman resigniert.

Vicky sah ihn interessiert an und zog ihre eigenen Schlussfolgerungen. „Was hast du denn ausgefressen, dass du nirgendwo sonst bei der Polizei erwünscht bist?“

Bill Wyman ließ sich mit seiner Antwort Zeit. „Ich habe ein paar hohen Tieren zu sehr auf die Füße getreten“, meinte er dann. „Also sag mir einfach Bescheid, wenn ich irgendetwas machen soll.“ Mit diesen Worten verließ er das Besprechungszimmer.

Vicky blieb nachdenklich sitzen. Anscheinend lag die Organisation dieser Sache nun ganz bei ihr. Entschlossen nahm sie ihre Notizen und stand auf. Sie hatte eine Idee, der sie erst einmal alleine folgen wollte.


New York; Appartement; in den Tunneln; Jake (Jacob)

Jacob öffnete vorsichtig die Tür des Appartements und sah sich neugierig um, als erwartete er, dass jemand erscheinen würde, um ihn zu begrüßen. Das war natürlich Quatsch. Seine Mutter wohnte hier nicht mehr, sondern lebte mit seinem Vater unten in den Tunneln. Sie hatte das Appartement auch nur wenige Wochen bewohnt, als sie nach dreißig Jahren Abwesenheit wieder in New York aufgetaucht war, weil ihre Identität im Zeugenschutzprogramm aufgeflogen war. Und er selbst war nun seit über sechs Monaten nicht mehr hier gewesen. Nachdem er sich entschlossen hatte, seine Eltern zu besuchen, konnte er genauso gut hier nach dem Rechten sehen. Also stellte er seine Reisetasche im Schlafzimmer ab und inspizierte alle Räume und den Balkon.

Er wusste noch nicht, wie lange er in New York bleiben würde, aber es konnte nicht schaden, ein paar Lebensmittel einzukaufen. Also schnappte er sich seinen Wohnungsschlüssel und machte sich auf zum nächsten Lebensmittelgeschäft. Er kaufte mehr, als er eigentlich benötigte. Er wollte schließlich nicht lange bleiben. Trotzdem erschien es ihm sicherer, genug zu haben. Das Einkaufen und Wegräumen der Lebensmittel in die Schränke und den Kühlschrank beanspruchten mehr als eine Stunde. Jacob packte seine Reisetasche aus. Ansonsten war die Wohnung aufgeräumt und sauber, und es gab nichts mehr für ihn zu tun. Nervös sah er auf die Uhr. Er konnte es nicht länger aufschieben, seinen Eltern gegenüber zu treten. Es war früher Abend, und er begab sich über die Treppe langsam nach unten in den Keller des Appartementhauses. Er ging davon aus, dass die Tunnelbewohner den Zugang zu dem Haus weiter offen gelassen hatten. Auch wenn er nicht unbedingt gebraucht wurde, so war es auch nicht nötig, ihn zu versiegeln. Langsam schritt er durch den Zugang und in den Tunnel hinein. Und Schritt für Schritt fühlte er ein warmes Gefühl in sich aufsteigen, und er fühlte ihre Nähe. Er kam seiner Mutter näher, und er konnte sie fühlen. Und wenn er sich konzentrierte, konnte er spüren, was sie dachte. Sie war von Liebe erfüllt. Unwillkürlich beschleunigte Jacob seine Schritte. Plötzlich konnte er es gar nicht mehr erwarten, seine Eltern wiederzusehen.


New York; eine Lagerhalle in Brooklyn; Victoria Thompson; Hal und Theo Garrett

Victoria Thompson hatte sich allein auf den Weg gemacht. Eigentlich hatte sie schon Feierabend, doch der plötzliche Ruf zu einem Tatort hatte ihren Tagesablauf durcheinander gebracht. Nach der Besprechung mit ihrem Boss und ihrem Kollegen wollte sie sich sofort an die notwendige Recherche nach Mittelsmännern machen. Doch eine Polizeidienststelle hatte von einer Schießerei berichtet, die der organisierten Kriminalität zugeordnet wurde. Vicky war zusammen mit Bill Wyman zum Tatort gefahren, nur um mitgeteilt zu bekommen, dass die Spurensicherung schon alles sichergestellt hatte und die Leichen abtransportiert waren. Also waren sie zur zuständigen Polizeidienststelle gefahren, um heraus zu finden, um wen es sich bei den Toten handelte und welche Hintergründe es für die Schießerei gab. Letztendlich schien es eine Fehde zwischen zwei rivalisierenden Banden zu sein. Also nichts Außergewöhnliches.

Doch das war der Grund, dass sie nun später als geplant ihren Wagen an einem Straßenrand in Brooklyn abstellte. Sie brauchte nur einen kurzen Moment, um sich zu orientieren, doch ihr ausgezeichnetes Gedächtnis half ihr, den Weg zu der Lagerhalle zu finden. An der Seite führte außen eine Eisentreppe nach oben. Victoria stieg die lange Treppe hoch und hoffte, dass jemand da wäre. Sie hatte Glück. Die Tür gab nach, als sie die Klinke drückte. Langsam trat sie in den großen Lagerraum und musste unwillkürlich daran denken, wie sie das erste Mal hier gewesen war zusammen mit Jake. Schnell schob sie diesen Gedanken beiseite. Sie wollte nicht an ihn denken. Das behinderte nur ihre Arbeit.

Sie sah suchend von dem Verkaufstresen in die Reihen der Regale, die über und über mit Waffen bestückt waren.

 „Hallo“, rief sie laut. „Ist jemand hier?“ Sie wartete einen Moment, dann ging sie langsam weiter durch die Reihen und sah aufmerksam in jeden Gang. „Hallo“, rief sie wieder. „Hal. Theo. Seid ihr da?“ Niemand antwortete.

Vicky runzelte irritiert die Stirn. Es musste jemand da sein. Die Tür wäre sonst verschlossen gewesen. Sie näherte sich dem hinteren Bereich, wo eine Tür in einen weiteren Raum führte. Bei ihrem Besuch mit Jake war sie nicht so weit gekommen. Die Tür zu dem Raum stand offen. Nervös zog Vicky ihre Dienstwaffe, dann schielte sie vorsichtig in den Raum. Sofort ließ sie die Waffe sinken. Auf zwei Stühlen saßen Hal Garrett und sein Sohn Theo vor einem Schreibtisch. Sie waren geknebelt und gefesselt und blickten sie aus schreckgeweiteten Augen an.


New York; in den Tunneln; Jake (Jacob), Catherine und Vincent

Sie umarmten sich lange. Catherine mochte sich kaum von ihrem Sohn lösen. Danach umarmte Vincent seinen Sohn und hielt ihn für einen Moment fest an sich gedrückt. Doch schnell lösten sich Vater und Sohn voneinander. Stirnrunzelnd sah Vincent zu Jacob, denn ihm war klar, dass dieser Besuch nicht aus einer spontanen Laune heraus erfolgte.

Doch Catherine verhinderte, dass sie sofort auf den Grund seines Kommens kamen.

 „Wie lange bleibst du?“ fragte sie und sah ihren Sohn erwartungsvoll an.

Jake lächelte unbeholfen. „Das weiß ich noch nicht. Geht es euch beiden gut?“ fragte er, um erst einmal abzulenken. „Pa, was ist mit deinem Bein?“

 „Meinem Bein geht es hervorragend“, erwiderte Vincent.

Catherine hob ironisch eine Augenbraue nach oben, bevor sie in vertraulichem Tonfall zu ihrem Sohn sagte: „Eine andere Antwort wirst du von ihm nicht erhalten, auch wenn er sich häufig lieber beim Gehen auf seinen Stock stützt. Wohnst du im Appartement?“

Jacob nickte. „Ja. Ich dachte, ich kann dort mal sehen, ob alles in Ordnung ist.“

 „Eigentlich sollte ich es auf deinen Namen überschreiben, damit es dir gehört“, meinte Catherine. „Ich werde es schließlich nicht mehr brauchen.“

 „Das ist doch belanglos“, meinte Jake. „Ich weiß, dass ich jederzeit dort übernachten kann.“

 „Du könntest auch hier übernachten“, wandte Vincent ein. „Dies ist immer noch dein Zuhause.“

Jacob nickte abwesend und sah sich in der Kammer seiner Eltern um. „Ihr habt umgeräumt“, stellte er fest. „Wie geht es denn den anderen?“ Dabei war ihm selbst bewusst, dass er versuchte, Zeit zu schinden.

 „Jacob, warum bist du gekommen?“ fragte sein Vater ruhig.

Gespannt blickten Catherine und Vincent ihn an und warteten auf eine Antwort. Also begann er zu erzählen. Über seinen ehemaligen Chef Gerry Fisher, Jakes Zeugenaussage in dem laufenden Prozess und Fishers angedeutete Drohung. Als er geendet hatte, kehrte Stille ein, nur unterbrochen von dem fernen Klopfen an den Rohren, durch die die Menschen in den Tunneln kommunizierten.

 „Denkst du, es ist bekannt, wo ich jetzt bin?“ fragte Catherine ihren Sohn.

 „Laut den Andeutungen Fishers ist es so“, antwortete Jacob und blickte seine Eltern ernst an.

 „Du meinst also, es gibt immer noch Hintermänner, die sogar über die Tunnel Bescheid wissen“, meinte Vincent.

 „Damals, als ich als Baby entführt worden war, hatte dieser Gabriel doch auch einen Killer zu dir in die Tunnel geschickt“, antwortete Jacob. „Also ist es doch gut möglich, dass das Wissen darum in den Mafiakreisen weiterhin bekannt ist.“

Catherine hatte sich nachdenklich von den beiden Männern abgewandt und wanderte in der Kammer umher. Plötzlich blieb sie stehen und sah Vincent und Jacob kopfschüttelnd an. „Das ergibt keinen Sinn. Wenn die Männer, die mich verfolgt hatten, wirklich über die Tunnel Bescheid wüssten, hätten sie längst jemanden her geschickt.“

 „Oder sie ziehen diese Möglichkeit gar nicht in Erwägung“, widersprach ihr Sohn. „Offiziell oder besser gesagt, gemäß den Akten des FBI bist du wieder im Zeugenschutzprogramm.“

Catherine zog verwundert die Augenbrauchen nach oben. „Offiziell besitze ich ein Appartement in New York. Wie kommt das FBI dazu, einfach so etwas in die Akten zu schreiben.“

 „Ich hielt es für das Beste, um mögliche Leute, die nach dir suchen, auf eine falsche Fährte zu locken“, sagte Jake entschieden.

 „Jacob, ich dachte es wäre klar, dass ich dieses Versteckspiel nicht mehr möchte. Von mir aus kann die ganze Welt denken, dass ich spurlos verschwunden bin.“ Entrüstet sah Catherine ihren Sohn an.

Jake öffnete bereits den Mund, um sich zu rechtfertigen, als Vincent eingriff.

 „Das bringt uns nicht weiter“, sagte er bestimmt mit seiner tiefen Stimme. „Catherine, ich bin sicher, dass Jacob gute Absichten hatte, als er das als offizielle Version beim FBI durchsetzte.“

 „Aber…“, meinte Catherine.

 „Mom, glaub mir, es ist besser so“, rechtfertigte Jacob sich nochmals. „Ich möchte einfach, dass du, dass ihr beide sicher seid.“

Ihre Miene wurde weich. „Ich weiß, aber trotzdem…“

 „Die Frage ist doch“, unterbrach Vincent, „ob etwas dran ist an dem, was dieser Mann gesagt hat. Vielleicht will er sich nur wichtig machen?“

Jetzt war es an Jacob, unruhig durch die Kammer zu laufen. „Ich bin mir eben nicht sicher“, versuchte er seine widerstreitenden Gefühle zu erklären.

 „Und das hat dich veranlasst her zu kommen“, stellte Vincent fest. Er wusste nicht, ob er sich darüber freuen sollte, oder nicht. Darum konnte er sich eine weitere Bemerkung nicht verkneifen. „Musste erst eine Drohung ausgesprochen werden, damit du vorbeikommst?“

 „Vincent“, wandte Catherine ein. „Lass ihn. Es ist schön, dass er gekommen ist.“

 „Ich hatte viel zu tun“, antwortete Jacob, blickte seinen Eltern dabei jedoch nicht in die Augen. Jacob widerstand der Versuchung, sich weiter entschuldigen zu wollen.

 „Du kommst einen Tag zu spät“, erzählte Catherine mit einem Lächeln. „Gestern Abend haben die Kinder ein Konzert gegeben. Es war unglaublich schön.“

Unwillkürlich musste Jacob lächeln. „Das war es bestimmt. Aber du weißt doch, klassische Musik ist nichts für mich.“

 „Was machen wir jetzt wegen der Drohung?“ fragte Vincent mit ernster Miene.

Auch Jacob wurde wieder ernst. „Ich werde mich an deinen Freund, den Staatsanwalt, wenden“, sagte er. „Joe Maxwell. Und ich werde mal schauen, was Vicky in ihrer neuen Aufgabe als Polizistin so treibt und ob sie Nachforschungen anstellen kann.“

 „Oh, sie war gestern Abend hier beim Konzert“, sagte Catherine. „Sie schaut regelmäßig vorbei und hilft, wenn nötig.“

Erstaunt sah Jacob seine Eltern einen Moment lang an. Er musste wirklich sehr lange fort gewesen sein.

 „Sie ist uns in den vergangenen Monaten eine gute Freundin geworden“, bestätigte sein Vater nun die Worte seiner Mutter.

 „Tja“, meinte Jacob etwas gekünstelt. „Dann habt ihr mich ja kaum vermisst.“


New York; Lagerhalle in Brooklyn; Victoria Thompson, Hal und Theo Garrett, Polizisten

Die Dunkelheit vor der Lagerhalle wurde vom Blaulicht der Polizeiwagen erleuchtet. Zwei Rettungswagen standen ebenfalls vor Ort, obwohl sie nicht wirklich benötigt wurden.

 „Sie brauchen mir nicht den Blutdruck messen“, herrschte Hal den Sanitäter barsch an. „Mit mir ist alles in Ordnung.“

 „Dad, der Mann möchte nur sicherstellen, dass du nicht verletzt bist.“ Theo, sein Sohn, versuchte beruhigend auf ihn einzureden.

Währenddessen stand Vicky mit einem Polizisten zusammen, den sie von früheren Einsätzen kannte.

 „Du hast die beiden also gefesselt vorgefunden?“ fragte der Mann sie gerade.

Vicky nickte ungeduldig. „Ich habe zuerst den Rettungswagen informiert, weil sich oben auf dem Boden der Lagerhalle mehrere Blutlachen befanden.“

 „Ich habe ein paar von den Mistkerlen erwischt“, rief Hal aus dem Hintergrund.

 „Anscheinend hat er aber nicht gut gezielt, wenn alle entkommen konnten“, meinte der Polizist leise zu Vicky.

Sie zuckte nur ratlos die Schultern.

 „Was wolltest du hier überhaupt?“ fragte ihr Kollege beharrlich weiter.

 „Es geht um Ermittlungen“, erwiderte sie unbestimmt.

 „Wieder so eine geheime Sache, von der keiner wissen darf, was“, mutmaßte ihr Kollege.

 „Hm“, meinte Vicky.

Die neue Sondereinheit der New Yorker Polizei traf bei den Kollegen auf Misstrauen.

 „Die Frage ist, was die Kerle wollten“, sprach der Polizist weiter. „Jedenfalls keine Waffen, sonst hätten sie ja ohne weiteres das ganze Lager leer geräumt.“

Vicky wandte sich zu Hal und Theo, die im offenen Krankenwagen saßen. „Was wollten die Kerle, die euch überfallen haben. Haben sie irgendetwas gesagt?“

Theo schüttelte den Kopf. „Nein, die haben gar nicht mit uns gesprochen. Sie waren schwarz gekleidet und hatten alle Sturmmasken auf, so dass man ihre Gesichter nicht erkennen konnte.“

 „Und sie sind einfach so hereinspaziert und haben euch bedroht“, fragte der andere Polizist.

 „Wir führen ein offenes Geschäft“, widersprach Theo empört. „Wir sind ein seriöser Waffenhandel, keine Hinterhoffirma, die krumme Geschäfte macht. Jeder kann bei uns auf legale Weise Waffen kaufen oder sich zum Schießtraining anmelden.“

 „Schon gut, schon gut“, winkte der Polizist ab.

 „Sie haben uns mit ihren Waffen bedroht“, erzählte Hal jetzt. „Ich dachte, sie wollten unser Geld, also habe ich den Revolver gezogen, den ich immer in der Ladentheke aufbewahre.“

 „Das war lebensmüde, Dad“, sagte Theo zu seinem Vater. „Die hätten uns einfach abknallen können.“

 „Ein Wunder, dass sie es nicht getan haben“, meinte Vicky. „Was ist dann passiert?“

 „Einer der Kerle hat versucht, mir die Waffe aus der Hand zu schlagen. Da hat sich ein Schuss gelöst und einen der Typen ins Bein getroffen. Der schrie wie am Spieß. Danach haben sie uns in das Hinterzimmer gesperrt und uns gefesselt.“

 „Und keiner hat ein Wort zu euch gesagt?“ fragte Vicky.

Theo schüttelte den Kopf. „Bis auf die Schreie des Kerls, den Dad erwischt hat, hat keiner einen Laut von sich gegeben. Der Anführer, so nenne ich ihn mal, hat nur durch Kopfnicken die anderen angewiesen, uns nach hinten zu schaffen.“

 „Sehr merkwürdig“, meinte der Polizist. „Und es fehlt tatsächlich nichts?“

 „Ich weiß nicht…“, begann Theo.

 „Lass uns nochmal nach oben gehen“, schlug Vicky vor.

Gemeinsam gingen sie durch die Lagerhalle, in der Hal und Theo, die Waffen zum Verkauf lagerten und präsentierten. Nichts fehlte. Alles schien an seinem Platz zu sein. Auch das Geld war noch in der Kasse.

Ratlos blickten sich Vicky und der Polizist an.

 „Von der Beschreibung her müssen es Profis gewesen sein“, meinte der Polizist. „Vielleicht haben sie etwas gesucht und nicht gefunden und sind deshalb wieder abgehauen.“

Vicky schüttelte den Kopf. „Wenn es Profis wären, hätten sie Hal und Theo einfach getötet. Da wollte jemand nicht unnötig Blut vergießen.“

 „Die organisierten Banden sind normalerweise nicht so rücksichtsvoll. Da gebe ich dir recht.“

 „Hier“, rief Theo laut, als er in der hintersten Ecke des Lagers angekommen war. „Die letzte Lieferung fehlt.“

Vicky eilte zu ihm und sah ihn fragend an.

 „Ich hatte heute Morgen gebrauchte Ware aus einer Haushaltsauflösung abgeholt. Die Witwe eines Waffennarren, der vor kurzen verstorben war, hatte sich an uns gewandt, und wir haben das Zeug kostenlos mitgenommen. Jetzt ist alles weg.“

 „Sie meinen, es sind nur alte, gebrauchte Waffen weg, die sie heute Morgen abgeholt haben“, fragte der Polizist ungläubig nach.

Theo nickte nachdrücklich. Ratlos sahen sich die drei an.


New York; Haus von Mona Thompson; Mona Thompson, Vicky (Victoria), Jake (Jacob)

Es war spät, als Vicky endlich nach Hause kam. Sie hatte zwischenzeitlich ihre Mutter angerufen, um ihr Bescheid zu geben, dass sie es nicht zum Abendessen schaffen würde. Es war nicht das erste Mal. Doch ihre Mutter war daran gewöhnt. Sie würde wie gewöhnlich auf sie warten und etwas im Kühlschrank haben, was sie ihrer Tochter schnell in der Mikrowelle warm machen konnte.

Müde schloss Victoria die Haustür auf und erwartete, dass ihre Mutter wie üblich aus dem Wohnzimmer käme. Während sie ihre Jacke abstreifte, hörte sie Stimmen. Vielleicht war ihre Mutter vorm Fernseher eingeschlafen.

 „Mom“, rief sie. „Ich bin da.“

Die Stimmen verstummten abrupt.

Mona Thompson erschien im Flur. „Du siehst müde aus“, stellte sie sachlich fest.

 „Ich weiß. Tut mir leid, dass du allein zu Abend essen musstest“, entschuldigte sich Vicky. „Der Zwischenfall heute Abend hat doch mehr Zeit in Anspruch genommen, als gedacht.“ Sie beugte sich vor, um ihrer Mutter einen Kuss auf die Wange zu geben.

 „Was für ein Zwischenfall denn“, fragte eine männliche Stimme aus dem Hintergrund.

Vicky erstarrte im ersten Moment, dann blickte sie hinüber zu dem Mann, der lässig im Türrahmen stand.

Sie räusperte sich. „Hallo Jake.“

 „Hallo Vicky“, erwiderte er leise und betrachtete sie aufmerksam.

Victoria schien für einen Moment lang sprachlos zu sein.

 „Liebes, du hast sicher Hunger. Ich mache schnell etwas warm.“ Mona Thompson wandte sich an ihren Besucher. „Möchten Sie wirklich nichts, Mr. Chandler? Ich habe genug im Haus und…“ Sie hielt inne und stellte fest, wie sich der Mann und ihre Tochter stillschweigend anstarrten, so als würden sie ohne Worte miteinander reden.

Vicky löste sich als Erste aus der Erstarrung. „Es hat keine Eile, Mom. Ich kann auch später noch etwas essen.“

 „Aber…“, wollte Mona Thompson einwenden.

 „Ich nehme sehr gern etwas“, unterbrach Jacob sie, während er Vicky weiterhin unverwandt ansah. „Ich habe heute Abend noch nichts gegessen.“

 „Fein“, meinte Mona mit einem Lächeln. „Dann bereite ich rasch etwas zu.“ Mit diesen Worten verschwand sie durch den Flur in die Küche und ließ die beiden allein zurück.

Vicky wusste nicht, was sie sagen sollte. Sie sah hilfesuchend durch den Flur ihrer Mutter nach und überall hin, nur nicht Jake ins Gesicht.

Aufmerksam betrachtete Jake die Frau vor sich. Vicky hatte sich nicht verändert, und doch schien irgendetwas anders zu sein. Er hatte sie das letzte Mal bei der Willkommensfeier für seine Mutter in den Tunneln gesehen.

 „Du siehst…, du siehst gut aus“, brach er endlich sein Schweigen.

 „Danke“, erwiderte sie leise und sah ihm endlich in die Augen. „Wie geht es dir?“

Jake zuckte unbestimmt mit den Schultern. „Eine Menge Arbeit, aber das weißt du ja.“ Er spielte auf ihre Arbeit beim FBI an.

Langsam nickte Vicky. „Ja, ich weiß. Gibt es…, gibt es etwas Neues zu den Verrätern innerhalb des FBI, die mit der Mafia zusammengearbeitet haben? Was ist mit Gerry Fisher?“

Jake wiegte nachdenklich den Kopf. Es sah Vicky ähnlich, gleich auf den Punkt zu kommen.

 „Warum bist du hier, Jake?“ fragte sie ihn rund heraus. Sein Schweigen hatte ihr verraten, dass sie auf der richtigen Spur war.

 „Ich habe im Zeugenstand ausgesagt und Fisher hat ein paar Bemerkungen fallen lassen.“

Sofort wurden Vickys Augen wachsam. „Erzähl“, forderte sie ihn auf.


Später saßen sie am Küchentisch, nachdem sie gegessen hatten. Sie hatten Monas Angebot abgelehnt, sich ins Wohnzimmer zu setzen. Daraufhin hatte Mona sie alleine gelassen und war selbst ins Wohnzimmer zum Fernseher gegangen.

 „Und du hast keine Ahnung, worauf Fisher angespielt hat“, meinte Vicky sachlich.

 „Vielleicht lege ich wirklich eine zu große Bedeutung in seine Worte, und er wollte sich nur noch ein letztes Mal wichtigmachen und mir Angst einjagen.“ Je länger Jake darüber nachdachte, desto mehr glaubte er, nur einer leeren Drohung aufgesessen zu sein.

 „Das mag schon sein“, bestätigten ihn Vickys Worte, doch sie glaubte nicht an das, was sie sagte.

Sie fühlte sich befangen in Jakes Nähe. Sie war nervös. Keiner von beiden hatte das letzte Mal erwähnt, als sie sich gesehen hatten. Catherines Willkommensfeier in den Tunneln. Jake hatte ihr die Welt gezeigt, in der er aufgewachsen war und sie hatte sich ihm unerwartet nahe gefühlt. Beim Abschied jedoch, als sie ihm mitteilte, dass sie nicht zum FBI zurückkehren würde, hatten sie sich fast gestritten. Beiden hatte es leid getan. Sie hatte ihn kurz auf die Wange geküsst und damit mehr von ihren Gefühlen verraten, als sie eigentlich wollte.

Das Schweigen geriet schon wieder zu lang.

 „Wie läuft es denn in der Sondereinheit des Staatsanwaltes Maxwell“, versuchte Jake von seinen eigenen Problemen abzulenken.

Vicky zuckte unbestimmt mit den Schultern. „Das Übliche.“

 „Und was ist das Übliche?“ hakte Jake nach.

 „Viele Probleme, schlechte Ausstattung“, listete Vicky auf. „Man hat das Gefühl, gegen Windmühlenflügel zu kämpfen. Wir kämpfen gegen Bürokratie, mit neidischen Polizisten, mit fehlenden Kommunikationsmitteln und hin und wieder auch gegen das organisierte Verbrechen.“ Das hörte sich ironisch an.

 „Du könntest immer noch zurückkommen“, kam es prompt von Jake. „Zurück zum FBI.“

Überrascht sah Vicky ihn an. Dann schüttelte sie energisch den Kopf. „Nein.“

Er wollte schon etwas einwenden, als sie beide Hände abwehrend hob. „Nein, ich gehe nicht zurück. Hier ist mein Zuhause, hier ist meine Familie.“

 „Deine Mutter macht auf mich noch einen sehr rüstigen Eindruck“, entgegnete Jake.

 „Es ist nicht nur meine Mutter“, widersprach Vicky weich. „Es gibt noch mehr.“

Er runzelte irritiert die Stirn, als wüsste er nicht, wovon sie sprach. Krampfhaft suchte Vicky nach Worten. Wie sollte sie ihm erklären, dass sie unten in den Tunneln ein zweites Zuhause gefunden hatte. Sie fühlte sich hingezogen zu den Menschen dort, allen voran seine Eltern. Sie fühlte sich dort geborgen und wollte diese Verbindung nicht mehr missen.

Endlich fiel der Groschen bei ihm. „Ich habe schon gehört, dass du hin und wieder den Leuten unten hilfst.“ Seine Stimme klang irgendwie ungläubig dabei.

 „Ja“, antwortete sie nur. „Hin und wieder.“ Das war untertrieben, aber mehr wollte sie nicht sagen.

Eine Zeitlang schwiegen beide. Keiner schien zu wissen, was er sagen sollte. Jake grübelte still in sich gekehrt. Vicky tat das, was eigentlich seine Aufgabe wäre. Er müsste den Menschen unten helfen. Er sollte für seine Eltern da sein. Und er wusste nicht, ob er Vicky deswegen grollen oder ihr dankbar sein sollte.

 „Was hast du jetzt vor?“ brach sie endlich das Schweigen.

Er schreckte aus seinen trüben Gedanken hervor und sah sie wieder an. „Ich weiß nicht. Solange ich keine konkreten Anhaltspunkte dafür habe, dass Mom in Gefahr ist, habe ich keine Chance, irgendetwas zu unternehmen.“

 „Ich kann mich ja mal bei unseren Kontaktleuten erkundigen, ob irgendetwas Ungewöhnlichen vor sich geht“, bot Vicky an.

Jake nickte dankbar. „Aber sei bitte vorsichtig dabei. Ich möchte keine schlafenden Hunde wecken. Sollte wirklich etwas an Fishers Bemerkung dran sein, ist es besser, wenn niemand weiß, dass wir etwas wissen.“

 „Wir wissen nichts, deshalb sitzt du doch hier“, bemerkte Vicky. „Deine Eltern haben sich sicherlich gefreut, dich zu sehen.“

Doch Jake wollte nicht über seine Eltern reden, was ihm nur wieder ein schlechtes Gewissen verursachen würde. Stattdessen griff er unwillkürlich über den Tisch und nahm Vickys Hand. „Wie geht es dir wirklich. Du bist spät nach Hause gekommen.“

Das brachte Vicky dazu, an ihre aktuelle Aufgabe und die Ereignisse von heute Abend zu denken. Hal und Theo waren Jakes Freunde. Erst durch Jake hatte sie den Waffenladen in einer abseits gelegenen Lagerhalle kennen gelernt. Deshalb war es nur konsequent, ihm alles zu erzählen. Also begann Vicky zu berichten.


New York; irgendwo in einem Keller und in einem Polizeidezernat; Steve Sinclair, Dick Spencer und andere Polizisten

Steve Sinclair schüttelte resigniert den Kopf. Sie waren früh am Morgen zu einem Einsatzort gerufen worden. Das Bild, das sich der Polizei bot, war grauenvoll. Anwohner hatten Schüsse gemeldet. Sie hatten deshalb den Keller schwer bewaffnet gestürmt, doch das war gar nicht notwendig gewesen. Der Anblick, der sich ihnen bot, sagte alles aus. In mehreren Räumen waren Spieltische verteilt. Doch von den anwesenden Männern, die hier unten offenbar ihrer Spielsucht nachgegangen waren, lebte keiner mehr. Die Toten waren teilweise von den Stühlen gesackt. Andere lagen vornüber auf den Spieltischen. Alle waren durch Schüsse in den Kopf und Körper ums Leben gekommen. Eine schwer bewaffnete Spezialeinheit sicherte die nähere Umgebung. Die Spurensicherung war mit einem Großaufgebot im Anmarsch. Bei den vielen Leichen war das nötig. Es würde die ganze Nacht dauern, bis dieses Massaker fotografiert, untersucht und abtransportiert war.

Steve Sinclair seufzte schwer. Sein Feierabend war im Arsch. Im Gegenteil, so wie das hier aussah würden sich tagelange, wenn nicht gar wochenlange Ermittlungen anschließen. Ein verdammter Mist war das. Dabei hatte er seiner Frau versprochen, kürzer zu treten und nicht mehr so lange zu arbeiten. Ein Kollege vom zuständigen Dezernat kam die Treppe herunter. Dick Spencer sah sich suchend um. Als er Steve erblickte, kam er zielstrebig auf ihn zu.

 „Sieht schlimm aus“, meinte Dick. „Schon ‚ne Idee, was hier passiert ist?“

Steve Sinclair schüttelte resigniert den Kopf. „Wir haben keinen blassen Schimmer. Anscheinend wollte jemand ein Exempel statuieren.“

Dick nickte bestätigend. „Könnte sein. Ist denn irgendetwas bekannt von den Gruppen, die illegale Spielstätten betreiben? War der Keller hier bei uns aktenkundig?“

 „Nee. Das ist so gar nicht der Ort, wo wir illegale Spieltische vermutet hätten“, antwortete Steve. „Wir lassen erstmal die Spurensicherung ihre Arbeit machen. Im besten Falle haben wir danach schon die Identitäten der meisten Opfer.“

Dick nickte zustimmend. „Dann wissen wir auch, in welche Richtung die Ermittlungen gehen müssen.“


Die anfängliche Zuversicht schwand jedoch im Laufe der Nacht. Stattdessen machte sich eine neue Besorgnis unter den ermittelnden Polizisten breit.

 „Sechs von zehn sind einwandfrei identifizierbar“, resümierte Steve Sinclair in den frühen Morgenstunden. Um ihn herum hatten sich Kollegen des Nachtdienstes versammelt, sowie Kriminalexperten, die durch einen Anruf alarmiert, sofort ins Dezernat gekommen waren.

 „Ganoven, die durch Einbruch und Diebstahl hinlänglich aktenkundig sind“, fuhr er fort. „Von zwei Typen wissen wir die Identität nicht.“

 „Wie sieht es mit DNA-Tests aus?“ fragte einer aus der Runde.

 „Sind schon im Labor“, warf Dick Spencer ein. „Aber das wird etwas dauern.“ Müde rieb er sich die Augen und machte ein ernstes Gesicht.

Auch Steve Sinclair blickte ernst in die Gesichter aller Anwesenden. „Die letzten beiden …“, er zögerte sichtlich.  „Die letzten beiden“, begann er nochmal, „sind Kollegen aus unserem Dezernat. Bush und Miller.“

Entsetztes Schweigen breitete sich aus. Dick Spencer nickte bestätigend. Es schien, als würden alle die Luft anhalten.

 „Ist das sicher?“ fragte ein anderer. „Ich meine, vielleicht waren sie undercover unterwegs und verfolgten eine Spur.“

Zustimmend nickten einige Kollegen im Raum.

 „Nein.“ Steve Sinclair schüttelte traurig den Kopf. „Um ehrlich zu sein, beide waren seit letzter Woche suspendiert, weil sie im Verdacht standen, Geld für Gefälligkeiten von einigen Drogenclans angenommen zu haben. Wir wollten das nur nicht an die große Glocke hängen.“

Nach diesen Worten breitete sich wieder Schweigen aus.

 „Ganz offensichtlich sind alle mitten beim Poker getötet worden. Es versteht sich, dass die Spieltische dort unten im Keller illegal waren.“ Dick Spencer übernahm jetzt die weiteren Erklärungen. „Was die getöteten Kollegen angeht, es ist nicht bewiesen, dass sie wirklich in Korruption verstrickt oder dass sie der Grund für die Schießerei waren.“

 „Weiß man schon etwas über die Waffen?“ fragte jemand aus der Runde.

Steve Sinclair schüttelte den Kopf. „Nein. Vermutlich illegal oder gestohlen. Die Obduktion muss erst noch ergeben, mit welcher Art Waffe die Männer erschossen wurden. Und da wir gerade so vollständig versammelt sind, möchte ich darauf hinweisen, dass über die Ermittlungen vorerst nichts an die Öffentlichkeit dringt.“

Das war eine deutliche Ermahnung. Die meisten nickten zu Sinclairs Ansage.

Dick Spencer zuckte unbehaglich mit den Schultern. „Wäre es nicht besser, wir würden die neue Spezialeinheit einschalten?“ Als er in die abweisenden Gesichter seiner Kollegen und seines Chefs sah, wurde er unvermittelt still. Trotzdem wagte er es, noch etwas hinzu zu fügen. „Ich meine, weil die Tat doch in das Milieu des organisierten Verbrechens hindeutet.“

 „Nein“, sagte Steve Sinclair bestimmt und verschwand in sein Büro.

Dick Spencer schüttelte resigniert den Kopf. Sein Freund und Kollege Dale klopfte ihm aufmunternd auf die Schultern. „Du weißt doch, was alle von dieser neuen Sondereinheit halten. Wir können unsere Fälle schon selbst lösen.“

 „Darum geht es doch“, widersprach Dick Spencer. „Anstatt das jedes Dezernat seine Fälle alleine löst, könnten wir uns über diese Sonderabteilung vernetzen und die Daten viel schneller abstimmen. Das ist eine Chance, den Dealern schneller und effektiver zuvor zu kommen.“

 „Du hast im Prinzip recht, aber es ist zwecklos, etwas verändern zu wollen, was schon seit Jahrzehnten Bestand hat“, meinte Dale.

Noch immer kopfschüttelnd ging Dick Spencer in sein Büro. Er fühlte sich frustriert und war übermüdet wegen der schlaflosen Nacht. In letzter Zeit passierten einfach zu viele Sachen. Vor gut sechs Monaten hatte ein Großaufgebot an Einsatzkräften einen weit verzweigten Mafiaclan in New York kalt gestellt. Doch die Lücken, die die Festnahmen im Verbrechermilieu hinterlassen hatten, waren schnell wieder geschlossen worden. Jetzt gab es mexikanische Clans, die das Drogengeschäft beherrschten und den illegalen Waffenhandel unter sich hatten. Sie gingen mit äußerster Brutalität vor und waren auch noch untereinander verfeindet, so dass es an den Brennpunkten oft zu Schießereien mit Toten kam.

Eigentlich hatte die neue Sondereinheit das verhindern sollen, aber wenn jedes Dezernat sein eigenes Süppchen kochte und für sich alleine ermittelte, ohne andere ausreichend zu informieren, dann konnten auch die Leute in der Spezialeinheit nichts ausrichten. Dick seufzte tief auf. Wie immer ging es um Zuständigkeiten und darum, dass jeder etwas zu sagen haben wollte. Er sollte sich besser einen anderen Job suchen.


New York; in einem Krankenhaus; Jake (Jacob Chandler), Hal und Theo Garrett und deren Familien

Jake Chandler hasste Krankenhäuser. Woran das lag, konnte er nicht genau sagen. Vielleicht am Geruch von Krankheit und Desinfektionsmitteln, oder weil Menschen hier starben. Er hatte seinen Urlaub verlängert.

Nachdem Vicky ihm erzählt hatte, was mit Hal und Theo passiert war, musste er sich selbst vergewissern, dass mit ihnen alles in Ordnung war. Irgendein krummes Ding lief da ab, und Vicky und ihre Kollegen tappten im Dunkeln. Als er die Tür zum Krankenzimmer aufschob, sah er, wie Hal und Theo in ihren Betten lagen, umringt von ihrer Familie. Hals Frau Edith saß neben dem Bett ihres Mannes und hielt seine Hand.

 „Ich sage dir doch, mit mir ist alles in Ordnung. Es ist völliger Blödsinn, dass sie uns ins Krankenhaus eingeliefert haben.“ Hals Stimme klang dröhnend durch den Raum.

 „Vielleicht war es ganz gut so“, widersprach Edith. „Der Arzt hat gesagt, dass die Gefahr eines Herzinfarktes bestünde.“

 „Dad, es ist schon ganz gut, dass sie uns durchchecken. Das ist nur zur Sicherheit und reine Routine“, meinte Theo.

Die beiden waren umringt von Theos drei kleinen Kindern und dessen Frau Emma.

Endlich räusperte Jake sich, um sich bemerkbar zu machen.


"Ihr wisst also nicht, wer euch überfallen hat“, fasste Jake den Bericht von Hal und Theo zusammen. „Ihr seid nur sicher, dass ihr einen erwischt habt, der viel Blut verloren hat. Trotzdem haben euch die Kerle am Leben gelassen.“

Theo nickte. „Ja. Deine Freundin Miss Thompson hat uns schon zu verstehen gegeben, dass wir wohl riesiges Glück hatten.“

Jake nickte abwesend und dachte nach. Die Frauen waren mit den Kindern kurz hinausgegangen, damit die Männer sich ungestört unterhalten konnten. Sie kannten Jake von früher.

 „Wir haben das mehrfach der Polizei erzählt“, murrte Hal. „Alle haben so ungläubig reagiert wie du. Vielleicht glauben sie uns nicht, weil wir schwarz sind.“

 „Dad“, widersprach Theo sofort. „Die Leute haben uns befreit und versuchen nur, uns zu helfen. Denk doch mal daran, was passieren könnte, wenn die Kerle wiederkommen.“

 „Nachdem ich einen erwischt habe, werden sie sich hüten“, meinte Hal barsch.

Jake musste über den Disput zwischen Vater und Sohn lächeln. Doch die Situation ließ ihn schnell wieder ernst werden. „Theo hat Recht. Es könnte sein, dass die Männer zurückkommen. Vielleicht wollten sie nur wissen, was bei euch zu holen ist und haben in dem Augenblick nur die erstbeste Ware gegriffen, die dort stand.“

 „Du meinst, weil sich die Waffen noch in den Kartons befanden, in denen ich sie abgeholt habe“, meinte Theo.

Jake nickte.

Doch Hal schüttelte den Kopf. „Das ist Quatsch. Sie haben uns gefesselt und geknebelt und hätten danach alle Zeit der Welt gehabt, das ganze Lager leer zu räumen. Das haben sie nicht gemacht.“

 „Dann haben sie womöglich wirklich etwas Bestimmtes gesucht, so wie Vicky es vermutet“, meinte Jake nachdenklich. Er wandte sich Theo zu. „War unter diesen gebrauchten Waffen, irgendetwas Besonderes dabei? Du hast sie doch abgeholt und sie dir vorher angesehen.“

 „Es war der Nachlass eines verstorbenen Waffennarren. Die Witwe hatte uns angerufen. Du weißt, wir inserieren hin und wieder, dass wir alte Waffen abholen und so. Jedenfalls wollte sie das Zeug einfach nur loswerden. So genau habe ich mir das gar nicht angesehen. Es waren moderne Schusswaffen dabei, aber auch ziemlich altes Zeug. Zum Teil schien es aus dem 19. Jahrhundert zu sein, aber noch gut in Schuss und…“ Jetzt stutzte Theo, während Jake ihn gespannt ansah. „Das ist es vielleicht“, fuhr Theo fort. „Da waren mehrere Säbel und Degen. Ich habe der Alten gesagt, dass ich nur Schusswaffen nehme, aber sie meinte, sie möchte die Dinger nicht haben. Sie wollte kein Geld dafür. Also habe ich sie in einen Karton gepackt und mitgenommen, obwohl ich nicht wusste, was ich damit anfangen sollte.“

Jacob runzelte die Stirn. „Schienen diese Säbel alt zu sein?“

Theo schüttelte ratlos den Kopf. „Das weiß ich nicht. Ich kenne mich damit nicht aus. Aber sie waren auf Hochglanz poliert.“

Jacob stand auf, als die Frauen mit den Kindern in das Zimmer zurückkamen. „Danke, dass ihr mir das erzählt habt.“

 „Denkst du, ihr findet die Mistkerle?“ fragte Hal.

Jake verzog das Gesicht. „Das kann ich nicht sagen. Der Fall liegt bei der Sondereinheit für organisierte Kriminalität. Vicky ist dran, und solange das FBI nicht betroffen ist…“

Er verabschiedete sich, versprach aber, dass entweder er oder Vicky sie auf dem Laufenden halten würden. Nachdenklich verließ er das Krankenhaus. Er war wegen der vermeintlichen Gefahr für seine Mutter nach New York gekommen und hatte plötzlich das Gefühl, in einer ganz anderen Sache zu stecken. Es ging ihn ja eigentlich alles nichts an. Doch Hal und Theo waren seine Freunde und die Freunde von Diana gewesen. Und Vicky arbeitete an dem Fall, und es konnte gefährlich werden. Er schüttelte innerlich den Kopf. Vicky arbeitete in der Spezialeinheit zur Bekämpfung des organisierten Verbrechens. Natürlich war das gefährlich. Sie war freiwillig dort, weil sie lieber in New York bei ihrer Mutter sein wollte. Das alles sollte ihn nicht belasten, und doch störte es ihn. Die Vorstellung, es könne ihr etwas zustoßen und er wäre nicht in der Nähe, hatte ihn schon das eine oder andere Mal den Telefonhörer in die Hand nehmen lassen, nur um sich zu vergewissern, dass mit ihr alles in Ordnung war. Aber er hatte sie nie angerufen. Er konnte es nicht, denn es gab so vieles, was er ihr nicht sagen konnte. Es war besser, den Sicherheitsabstand zwischen ihnen beizubehalten.


New York; in den Tunneln; Catherine und Vincent

Catherine studierte aufmerksam die Zeitung. Helfer schickten jeden Tag ein paar Exemplare nach unten in die Tunnel. Es war die Möglichkeit, den Kontakt nach oben nicht abreißen zu lassen. So sehr sie das Leben mit Vincent genoss, so saugte sie doch weiterhin die Neuigkeiten aus der Welt oben auf. Sie wollte den Kontakt nach oben nicht verlieren und wissen, was die Menschen bewegte. Ihr Sohn lebte dort oben, und sie fühlte sich ihm näher, wenn sie wusste, was in der Welt vor sich ging. Vincent verstand das, auch wenn er anfangs noch häufig die Angst geäußert hatte, sie könnte die Welt oben vermissen. Sie beabsichtigte nicht, wieder zurück nach oben zu gehen. Jedenfalls nicht, wenn nicht irgendein dringender Anlass bestünde. Sie führte endlich das Leben, von dem sie so lange geträumt hatte, und sie würde sich das nie mehr nehmen lassen.

Vincent fand sie in Vaters alter Kammer sitzend in die Zeitung vertieft und lächelte sie zärtlich bei seinem Eintreten an.

Catherine spürte seine Gegenwart, schaute aber nicht auf, weil ein Bericht über Berlin ihre Aufmerksamkeit gefangen nahm.

Vincent hielt einen Moment inne und wartete geduldig. Er konnte beobachten, wie ein Stirnrunzeln auf ihrem Gesicht erschien und ihre Mimik sich um eine Nuance veränderte.

 „Was ist los, Catherine?“ fragte er. „Was nimmt dich so gefangen?“

Noch immer schaute sie nicht zu ihm auf und schüttelte stattdessen nur leicht den Kopf. Jetzt begann Vincent unruhig zu werden.

Endlich hob sich den Kopf und blickte ihn nachdenklich an. „Hier ist ein Bericht aus Berlin. Es geht um Kunstfälschungen.“

 „Du denkst an deinen Freund, den Künstler“, erriet Vincent sofort.

Catherine nickte bestätigend. „Ich habe Jacob gar nicht gefragt, wie es ihm geht oder ob er sich nach dem Stand des Verfahrens erkundigen kann.“ Ein Schatten huschte über ihr Gesicht.

 „Du machst dir Sorgen, wie es ihm geht“, stellte Vincent fest.

Catherine schüttelte traurig den Kopf. „David Schmidt war über viele Jahre mein Nachbar. Jetzt sitzt er wegen Betrugs im Gefängnis und kann nur darauf hoffen, dass er wegen seiner Hilfe bei der Aufklärung Strafmilderung bekommt. Ich fühle mich auf irrationale Weise für ihn verantwortlich. Ich weiß, das ist nicht logisch“, fügte sie entschuldigend hinzu.

 „Du solltest Victoria bitten, sich zu erkundigen“, meinte Vincent.

Catherine stutzte einen Moment, doch dann nickte sie. „Du hast Recht. Warum habe ich nicht schon selbst daran gedacht. In dem Bericht steht, dass weitere Hintermänner zu den Kunstfälschungen festgenommen wurden und der entscheidende Tipp dazu aus den USA gekommen ist. Vielleicht kann sie sich nach den Hintergründen erkundigen.“

Im ersten Moment wollte Vincent einwenden, dass sie sich um solche Dinge nicht mehr zu kümmern brauchte. Sie war in den Tunneln sicher und weit weg von all dem, doch dann besann er sich. Aus einem Grund, den sie vielleicht selbst nicht erklären konnte, brauchte Catherine das Gefühl, den Kontakt zu halten. Den Kontakt nach oben und zu all den Menschen, die ihr wohlgesonnen waren und ihr beigestanden hatten in ihrem Leben. Inzwischen verstand er sie mehr und mehr. Sie hatte so lange im Zeugenschutzprogramm gelebt. Versteckt und allein.

Er beobachtete, wie Catherine einen Bogen Papier nahm und eine Nachricht darauf schrieb. Sorgfältig faltete sie das Blatt Papier zusammen und steckte ihn in einen Umschlag.

 „Meinst du, eines der Kinder könnte die Nachricht nach oben bringen?“

 „Du meinst jetzt sofort?“ fragte Vincent zurück.

Catherine nickte. „Ja. Bitte. Ich habe mich nicht mal danach erkundigt, wie es David im Gefängnis geht.“ Bittend sah sie Vincent an.

 „Ich kann verstehen, dass du dich um deinen Freund sorgst“, meinte Vincent, während er den Briefumschlag entgegen nahm. „Aber warum hast du es jetzt so eilig damit?“

Unruhig sah Catherine ihn an. „Ich weiß nicht. Es ist so en Gefühl, dass es wichtig sein könnte.“

 „Es hat nichts mit Jacobs Besuch zu tun und dem, was er uns von den Drohungen erzählt hat?“ fragte Vincent.

Catherine dachte einen Moment nach, dann schüttelte sie den Kopf. „Nein, ich glaube nicht.“

 „Gut. Ich lasse es sofort nach oben bringen“, versprach Vincent und verschwand.

Catherine blickte ihm nachdenklich nach. Sie wusste, dass Vincent immer noch Angst hatte, sie könne sich hier unten in den Tunneln eingesperrt vorkommen und würde das Leben oben in der Welt vermissen.

Sie vermisste natürlich ihren Sohn. Nachdem sie ihn nun kannte, fehlte er ihr mehr, als zu der Zeit, wo sie anonym und unerkannt gelebt und gehofft hatte, dass er ein behütetes und glückliches Leben führte und geliebt wurde. Aber sonst vermisste sie nichts. Sie hatte hier unten alles, was sie brauchte. Trotzdem hatte sie der Zeitungsbericht daran erinnert, nicht die Menschen zu vergessen, die ihr geholfen und beigestanden hatten. Denn davon gab es nicht viele.


New York; Büros der Spezialeinheit; Jake (Jacob) Chandler, Victoria Thompson, Dick Spencer, Bill Wyman, Richard Sanders

Jake Chandler sah sich überrascht in den Büros um. Eine moderne Ausstattung sah anders aus, als das, was er hier vorfand. Jedenfalls schien für die Sondereinheit zur Verbrechensbekämpfung nicht viel Geld locker gemacht worden zu sein. In dem großen Raum standen mehrere Schreibtische dicht nebeneinander. Die meisten waren mit Akten überfüllt und nicht auf jedem stand ein Computer. Suchend sah er sich um.

 „Wen suchen Sie denn?“ wurde er von hinten angesprochen.

Jake wandte sich um. Vor ihm stand ein großer, schlanker Mann, der ihn neugierig, aber auch wachsam musterte. „Ich wollte mit Victoria Thompson sprechen. Wo kann ich sie finden?“

Der Typ antwortete nicht sofort. „So, so. Zu Miss Thompson. Sind Sie ihr Freund?“

 „Ich bin…“, abrupt hielt Jake inne. Spontan hatte er sagen wollen, dass er Vickys Kollege war, aber das war er ja gar nicht mehr. Aber was war er dann, wenn es um Vicky ging.

Er holte tief Luft. „Mein Name ist Jacob Chandler. Ich bin FBI-Agent und habe früher mit Vicky zusammengearbeitet.“

Der Typ sah ihn wieder aufmerksam an. „Vielleicht sollte ich mir ein paar Tipps von Ihnen geben lassen, wie man mit ihr am besten umgeht“, meinte er dann. „Übrigens, sie steht da hinten und hat schon Herrenbesuch.“ Mit ausgestrecktem Zeigefinger deutete Bill Wyman in die Richtung hinter Jake.

Der sah sich um. Tatsächlich, da stand sie in ein lebhaftes Gespräch mit einem Mann vertieft, der ihm den Rücken zugewandt hatte. Jake wollte sich kurz bedanken, doch der misstrauische Typ war verschwunden. Er nahm es mit einem Achselzucken hin und ging zielstrebig auf den Grund seines Kommens zu. Sie sah ihn kommen. Jake sah ihre Reaktion, als sie ihn über die Schulter ihres Gesprächspartners hinweg erblickte. Ihre Augenbrauen hoben sich vor Überraschung. Ihre Blicke hefteten sich ineinander. Unvermittelt dachte er an das Gespräch mit ihr am gestrigen Abend zurück. Sie hatten sich offen über alles ausgetauscht. Sowohl den Grund, weshalb er nach New York gekommen war, wie auch ihre Probleme mit dem Einbruch bei Hal und Theo. Es tat gut, jemandem absolut vertrauen zu können.

Dann war er bei ihr angekommen. „Hallo Vicky.“

 „Hi. Ich hatte dich hier nicht erwartet“, erwiderte sie.

Ihr Gesprächspartner wandte sich um. „Jake Chandler? Bist du mal wieder in New York.“ Der große untersetzte Mann lächelte Jake freundlich an und gab ihm die Hand.

 „Dick Spencer“, erinnerte sich Jake sofort an den Mann, mit dem er zusammen vor einigen Monaten einen Amokläufer gestellt hatte. Das war kurz nach dem Auftauchen seiner Mutter in New York gewesen.

 „Ich gehe mal davon aus, dass ihr euch kennt“, meinte Vicky und wartete in Ruhe die freundschaftliche Umarmung der beiden Männer ab.


Einige Zeit später saßen sie zu dritt in einem spärlich möblierten Besprechungsraum ohne Fenster, der auch noch als Aufbewahrungsort alter Aktenordner diente, wie die Berge an Ordnern zeigten, die sich an einer Wand auftürmten.

 „Dann habt ihr also zusammen diesen irren Amokläufer gestellt“, stellte Vicky zusammenfassend fest, nachdem die Männer ihr wechselweise erzählt hatten, woher sie sich kannten.

 „Es waren noch andere Kollegen dabei“, meinte Dick bescheiden.

 „Und was machst du hier bei der Sondereinheit?“ fragte Jake. „Ich habe dich nicht für jemanden gehalten, der sich gerne auf Spezialeinsätze einlässt.“

Unsicher sah Dick Spencer zu Vicky hinüber. „Ich weiß nicht, ob…“

 „Es hat vielleicht mit dem Zwischenfall bei Hal und Theo zu tun“, unterbrach Vicky den Polizisten direkt. „Letzte Nacht wurden bei einem illegalen Glücksspiel in einem Keller mehrere Männer ermordet.“

 „Ich bin nicht sicher, ob Jake das wissen sollte“, wandte Dick nun ein. „Er ist beim FBI.“

Jake sah Vicky an. „Was hat das zu tun mit…“

 „Die Waffen, mit denen das Blutbad angerichtet wurde, hat man ein paar Meter weiter im Straßengraben gefunden. Es sind die, die Theo bei dieser Witwe abgeholt hatte, und…“

  „…und die bei dem Überfall in Hals und Theos Laden gestohlen wurden“, beendete Jake den Satz.

 „Eigentlich darfst du das gar nicht wissen“, wandte Dick Spencer nochmals ein. „Ich habe schon meine Befugnisse überschritten, indem ich hierhergekommen bin und alles erzählt habe. Mein Boss wird vor Wut schäumen, wenn er es herausfindet.“

Währenddessen sahen sich Vicky und Jake unverwandt an. Beide überlegten.

Endlich löste sich Vicky aus dem Blick und sah Dick Spencer an. „Vermutlich wird er es herausfinden. Dein Boss, meine ich. Ich kann das nicht für mich behalten. Ich werde meinen Vorgesetzten informieren. Dann sehen wir weiter. Es wäre wirklich hilfreich, wenn die Polizeidienststellen mit uns zusammenarbeiten würden, anstatt ihr eigenes Ding zu machen.“

Dick Spencer zuckte resigniert die Schultern. „An mir liegt es nicht. Ich weiß, dass wir viel mehr erreichen könnten, wenn wir uns vernetzen würden. Deshalb bin ich hier.“

 „Also wie gehen wir jetzt weiter vor?“ fragte Jake in Richtung Vicky und kam auf die aktuelle Lage zurück.

 „Du meinst, was ich jetzt weiter unternehmen werde“, korrigierte Vicky ihn. „Du hattest doch vor, so schnell wie möglich zurück nach Washington zu fliegen, sobald du sicher bist, dass…“

Sie ließ den Satz unvollendet, aber Jake verstand sie auch so. Das war nicht sein Fall. Es ging ihn eigentlich nichts an. Trotzdem fühlte er sich irgendwie verantwortlich. Er kannte Hal und Theo und wollte nicht, dass ihnen oder ihren Familien etwas geschah. So wie er das sah, waren sie nur knapp dem Tod von der Schippe gesprungen und hatten riesiges Glück gehabt. Das nächste Mal konnte es ganz anders aussehen. Auch wenn seine Mutter ganz offensichtlich nicht in Gefahr war, konnte er jetzt nicht einfach nach Washington zurück.

 „Entschuldigt ihr mich kurz“, sagte er zu den beiden und zückte schon im Hinausgehen sein Handy. Es dauerte nicht lange, bis er den Besprechungsraum wieder betrat. „Es ist alles geregelt“, teilte er der verblüfften Vicky mit.

 „Was ist geregelt?“ fragte sie verständnislos.

Jake grinste über ihren Gesichtsausdruck. „Ich bin dabei. Also wie geht es jetzt weiter.“

 „Das kannst du nicht machen“, widersprach Vicky. „Das FBI hat mit dem Fall nichts zu tun.“

 „Noch nicht. Offiziell habe ich Urlaub, aber der FBI-Agent Jacob Chandler hat die Befugnis, sich jederzeit in Angelegenheiten einzuschalten, die die nationale Sicherheit gefährden. Und das scheint hier der Fall zu sein.“

Spontan wollte Vicky etwas erwidern, doch Jake hob provozierend seine Augenbrauen nach oben. Daraufhin sah sie ihn nur sprachlos an.

Es klopfte an der Tür und der Kopf von Bill Wyman schob sich durch die Tür. „Hey Vicky. Da ist eine Nachricht für dich gekommen. Ich dachte, vielleicht ist es wichtig.“

Vicky erhob sich und nahm den Umschlag entgegen. „Danke Billy.“

Die Tür schloss sich wieder, während Vicky die Nachricht überflog. Geduldig warteten die beiden Männer.

 „Hat es mit dem Fall zu tun?“ fragte Dick Spencer vertraulich.

Doch Jake merkte an Vickys Stirnrunzeln, dass dem nicht so war. Er wollte schon fragen, als sie ihn direkt ansah. „Die Nachricht ist von deiner Mutter.“


New York; Tiefgarage unter den Büros der Spezialeinheit; Dick Spencer, Unbekannte(r)

Dick Spencer hatte ein mulmiges Gefühl, als er die Büros der Spezialeinheit verließ. Nicht nur, dass sie nach wie vor im Dunkeln tappten, was die Hintergründe der Schießerei betraf. Er war ohne Absprache mit seinem Vorgesetzten zu Victoria Thompson gegangen, mit der er das eine und andere Mal bereits Kontakt gehabt hatte, und hatte sie in die laufenden Ermittlungen seines Dezernats eingeweiht. Auch wenn es durch das Auffinden der Waffen einen Volltreffer gab, der beide Fälle miteinander verband, wäre sein Boss alles andere als erfreut. Doch es nutzte nichts, sie mussten alle zusammenarbeiten, sonst erreichten sie gar nichts bei dem Versuch, New York von Kriminellen zu befreien.

Mit diesen Gedanken betrat er die Tiefgarage und ging zielstrebig auf sein Auto zu. Im Dezernat würde er sofort das Gespräch mit Steve Sinclair suchen und ihm die Tatsachen darlegen, beschloss er bei sich. Sein Boss würde einsehen, dass beide Fälle zusammenhingen und die Abteilungen zusammenarbeiten mussten. Daran führte kein Weg vorbei. Außerdem freute er sich darauf, enger mit der hübschen Polizistin der Spezialeinheit zusammen arbeiten zu können. Er hatte sie sogar heute zum Essen einladen wollen. Nur das Auftauchen von Jake Chandler hatte jeden Versuch in dieser Richtung unterbunden. In Gedanken versunken hatte Dick Spencer fast sein Auto erreicht, als plötzlich ein Motor laut aufheulte. Er blieb stehen und schaute in die Richtung, aus der das Geräusch kam. Helle Scheinwerfer blendeten ihn. Nur Sekunden später wurde er von der Motorhaube des Wagens erfasst und schleuderte durch die Luft. Beim Aufprall verlor Dick Spencer sofort das Bewusstsein, während das Auto mit quietschenden Reifen zur Ausfahrt der Tiefgarage raste und verschwand.

Man fand ihn erst eine halbe Stunde später, und der schnell herbei gerufene Notarztwagen brachte ihn verletzt in ein Krankenhaus.


New York; Büros der Spezialeinheit und im Auto; Vicky (Victoria) Thompson, Jake (Jacob) Chandler, Richard Sanders

Es wurde ein langer Tag. Die Spurensicherung arbeitete gewissenhaft, doch Vicky und Jake hatten das Gefühl, dass es endlos dauerte.

 „Die Reifenabdrücke stammen von einem Mercedes“, sagte einer der in weiß verhüllten Männer von der Spurensicherung.

Jacob nickte düster. Er sah zu Victoria hinüber, die mit Richard Sanders zusammenstand und auf ihn einredete. Vermutlich brachte sie ihn gerade auf den aktuellen Stand. Er nickte mehrmals zu ihren Ausführungen und sah dann zu Jake hinüber. Der nahm das zum Anlass, sich zu den beiden zu gesellen.

Unbefangen streckte er Richard Sanders die Hand zur Begrüßung entgegen. „Mein Name ist Jacob Chandler.“

Sanders nahm seine Hand und schüttelte sie. „Ich höre, Sie sind vom FBI.“

 „Ja“, erwiderte Jake. „Falls Sie ein Problem damit haben, kann ich mir Rückendeckung aus Washington holen.“

Doch Richard Sanders schüttelte den Kopf. „Nein. Ich bin dankbar für jeden Mann, der uns unterstützen kann. Sie kannten den Verletzten von früher?“

Jake nickte. „Ja, wir waren schon einmal bei einem nicht geplanten Einsatz zusammen.“

Victoria mischte sich ein. „Wir sollten zu der Dienststelle von Dick Spencer fahren und die Leute dort informieren.“

Richard Sanders runzelte die Stirn. „Ein Anruf würde auch genügen. Wollen Sie sich das wirklich freiwillig antun?“

 „Es ist der beste Weg, eventuell noch weitere Informationen zu dem Fall zu bekommen“, erwiderte Vicky.

 „Seien Sie vorsichtig“, mahnte Sanders. „Nach der Geschichte hier im Parkhaus wissen wir nicht, wem zu trauen ist.“

 „Ich werde dich begleiten“, sagte Jake und nickte dem Leiter der Sondereinheit zu.

Er teilte zwar die Bedenken von Richard Sanders, gab aber auch Vicky recht, dass es die beste Möglichkeit war, die Kollegen von Dick Spencer unter die Lupe zu nehmen. Das sagte er ihr auch auf der Fahrt zu der Polizeidienststelle.

 „Du denkst, dass einer von Dicks Kollegen dahinter steckt?“ fragte sie überrascht.

 „Einer oder mehrere“, meinte Jake. „Die Männer, die Hal und Theo überfallen haben, wollten keine Unschuldigen töten.“

 „Deshalb denkst du, waren es Polizisten?“ fragte Vicky.

 „Vielleicht nicht alle, aber…“ Vicky nickte düster, als Jake nicht weitersprach.


Stunden später verließen sie das Dezernat in dem Wissen, sich keine Freunde gemacht zu haben. Wenn Blicke töten könnten, hätten sie beim Verlassen des Gebäudes tot umfallen müssen. Steve Sinclair hatte vor Wut geschäumt, als Vicky ihm eröffnet hatte, dass Dick Spencer mit seinen Ermittlungsergebnissen bei ihr gewesen war. Da half es erst recht nicht, dass sie ihm mitteilen mussten, dass sein Mann in der Tiefgarage von einem Auto angefahren und schwer verletzt worden war.

 „Die verschweigen uns etwas“, meinte Jake sicher, als sie in Vickys Auto einstiegen.

Vicky zögerte, etwas darauf zu erwidern.

Jake, der auf einer Bestätigung gewartet hatte, sah sie irritiert von der Seite an. „Denkst du das nicht auch?“

Victoria startete den Wagen und fuhr los, ehe sie antwortete. „Ich weiß nicht genau. Ich glaube, sie wissen wirklich nicht mehr. Seine Kollegen konnten uns jedenfalls auch nicht mehr sagen, als das, was Dick uns schon zu dem Fall mitgeteilt hatte.“

 „Irgendeiner spielt hier falsch“, grummelte Jake. „Wir müssen nur herausfinden wer.“

 „Vielleicht war es gar kein Polizist, der bei dem Überfall auf Theo und Hal dabei war.“

 „Aber du hast mir doch zugestimmt, dass…“ widersprach Jake.

 „Ich weiß, ich weiß. Nur können wir nicht jeden Polizisten verdächtigen. Ich weiß, du hast durch deinen Chef, oder ehemaligen Chef, schlechte Erfahrungen gemacht und machst dir Sorgen wegen deiner Mutter.“

 „Worauf willst du hinaus?“ fragte Jake barsch.

 „Du bist jedenfalls schnell damit, die Schuld in den eigenen Reihen zu suchen“, verteidigte sich Vicky.

Wütend wollte Jake entgegnen, dass das nicht wahr sei, doch Vicky hob die Hand. „Ich gebe dir Recht, dass alles darauf hindeutet, allerdings vermute ich eher einen ehemaligen Cop. Jemand, der aus dem aktiven Dienst ausgeschieden ist.“

Schweigen breitete sich nach ihren Worten aus. Jake musste einsehen, dass er voreilig eigene Schlüsse gezogen hatte. Hatte Vicky womöglich Recht, dass er durch seine persönlichen Erlebnisse voreingenommen war, was dazu führte, dass er leichtfertig eine bestimmte Gruppe als verdächtig einstufte? Er versank ins Grübeln.

Vicky sah nervös zu ihm hinüber. „Bist du sicher, dass du wirklich hierbleiben und an diesem Fall mitarbeiten willst?“ fragte sie. „Ich weiß, du fühlst dich gegenüber Theo und Hal verpflichtet, aber ich könnte dich über die Ermittlungen auf dem Laufenden halten. Du kannst dich darauf verlassen, dass ich alles tun werde, um die Schuldigen zu finden.“

Jake nickte abwesend. Selbstzweifel nagten an ihm. Er müsste nicht hier sein. Er könnte einfach wieder nach Washington verschwinden. Er sah auf die Uhr. Es war schon spät. Heute würden sie vermutlich nichts mehr erreichen.

  „Kannst du zu dem Krankenhaus fahren, in das Dick eingeliefert wurde?“ fragte er. „Ich will wissen, wie es ihm geht.“

Vicky nickte sofort. „Natürlich. Wir können unterwegs kurz anhalten. Ich habe einen Mordshunger.“

Jake stimmte zu. Er selbst stellte jetzt fest, dass sein Magen vernehmlich knurrte.


New York; in den Tunneln; Catherine und Vincent

 „Vicky hat sich nicht gemeldet.“ Catherine runzelte besorgt die Stirn.

Es war schon spät, und sie hatte sich zusammen mit Vincent in ihre Kammer zurückgezogen.

 „Vermutlich hat sie viel zu tun“, meinte Vincent. „Sonst hätte sie mit Sicherheit schon auf deine Nachricht geantwortet.“

 „Das ist es ja“, erwiderte Catherine. „Sie hätte mit absoluter Sicherheit geantwortet. Selbst wenn sie beschäftigt ist, hätte sie zumindest eine kurze Mitteilung geschickt, dass sie sich darum kümmern wird. Es muss etwas passiert sein.“

Sie starrte beunruhigt in ihr Spiegelbild. Der große Spiegel war ein Zugeständnis von Vincent gewesen, nachdem Catherine in die Tunnel gekommen war und hier mit ihm lebte. Vincent trat von hinten zu ihr und umfasste sie. Bereitwillig lehnte sie sich mit dem Rücken an seine Brust.

 „Sie wird sich schon melden, wenn sie Zeit hat“, meinte er beruhigend. „Außerdem ist es schon spät, und wir können von hier aus sowieso nichts unternehmen. Komm, lass uns zu Bett gehen.“ Mit diesen Worten zog er sie noch ein Stück enger an sich und beugte sich zu ihr hinab, um sein Gesicht an ihre Halsbeuge zu pressen.

Doch Catherine war nicht zufrieden gestellt. „Es ist einfach nicht ihre Art“, meinte sie. Sie löste sich aus Vincents Umarmung und drehte sich um. „Oder weißt du irgendetwas, dass du mir bis jetzt verschwiegen hast?“

Vincent seufzte leise und zögerte einen Moment, bevor er antwortete. „Du weißt, ich kann Jacob nicht mehr so fühlen wie früher, weil er sich die meiste Zeit vor mir verschließt.“

 „Aber jetzt kannst du ihn spüren“, stellte Catherine fest.

Vincent nickte bestätigend. „Er ist noch in der Stadt.“

 „Also forscht er nach, was es mit diesen ominösen Drohungen auf sich hat?“ fragte Catherine weiter.

Vincent wiegte unsicher den Kopf. „Ich bin nicht ganz sicher, aber ich glaube, er ist mit Victoria zusammen wegen irgendeines Vorfalles von heute.“

 „Sind sie in Gefahr?“ fragte Catherine alarmiert.

Vincent horchte einen Moment in sich hinein. „Ich glaube, im Moment nicht. Komm, Liebste. Es ist spät.“ Sacht zog er Catherine wieder an sich und begann, sie langsam auszuziehen.

Catherine zögerte nur kurz und ließ ihn dann gewähren. Es gab Fragen, die bis morgen warten konnten.


New York; in Victorias Auto; Vicky (Victoria) und Jake (Jacob)

 “Ich fahre dich noch zum Appartement deiner Mutter”, sagte Victoria leise, nachdem sie das Krankenhaus verlassen hatten.

Dick Spencer ging es den Umständen entsprechend gut. Er hatte riesiges Glück gehabt und war mit ein paar Knochenbrüchen und einer Gehirnerschütterung davon gekommen. Er hatte sogar ein paar Worte mit Jake und Vicky wechseln können. Doch er war so schwach gewesen, dass sie es nicht gewagt hatten, ihn zu fragen, wie das passiert war und ob er jemanden gesehen hatte. Das musste warten. Jake war in nachdenklicher Stimmung. Automatisch setzte er sich auf den Beifahrersitz von Vickys Auto. Sie sah ihn fragend von der Seite an.

 „Er kommt wieder in Ordnung“, meinte sie aufmunternd.

Jacob nickte. „Ich weiß. Aber wir sind uns beide einig, dass das kein Zufall war.“

Victoria nickte zur Bestätigung und fuhr los. Vor dem Appartementhaus hielt sie an. Sie hatten die Fahrt über geschwiegen. Jetzt sah Jacob nach draußen, als nähme er erst jetzt seine Umgebung wahr.

 „Wo sind wir?“ fragte er überrascht.

 „Vor dem Appartement deiner Mutter“, sagte Vicky. „Ich hatte dir gesagt, dass ich dich vorbeifahre.“

 „Entschuldige bitte. Ich war mit meinen Gedanken woanders“, sagte Jacob.

Er schnallte sich ab. Vicky fragte sich unwillkürlich, ob er wohl jemals seine Gedanken mit ihr teilen würde, wenn sie nicht gerade um Verbrechensbekämpfung kreisten.

 „Ich bin immer noch unsicher, was meine Mutter angeht, ob sie in Gefahr ist oder nicht“, sagte er dann spontan zu ihr.

Vicky fiel siedend heiß die Nachricht ein. „Deine Mutter“, rief sie aus. „Ihre Nachricht von heute Mittag. Das habe ich total vergessen.“ Sie tippte sich an die Stirn.

 „Das ist verständlich“, meinte Jake ruhig. „Meinst du, es ist etwas Wichtiges?“

 „Sie hat mir noch nie eine Nachricht aus den Tunneln geschickt, außer um mich einzuladen. Es muss wichtig sein. Vielleicht ist ihr nach deinem Besuch in den Tunneln noch etwas eingefallen“, antwortete Vicky.

Jacob nickte ernst und sah auf die Uhr. „Mag sein, aber jetzt ist es zu spät, um noch nach unten zu gehen. Sie werden sicher schon schlafen.“

 „Aber vielleicht wartet sie auf mich, oder…“ widersprach Vicky, doch Jacob schüttelte den Kopf. „Sie sind am Schlafen, glaub mir.“

Vicky sah ihn fragend an. „Woher willst du das so genau wissen?“

 „Ich weiß es eben“, antwortete Jake. „Lass uns morgen früh zusammen in die Tunnel gehen und herausfinden, was sie wollte.“ Damit öffnete er die Autotür und stieg aus. Er beugte sich noch einmal zu Vicky im Auto hinunter. „Danke fürs Fahren. Gute Nacht und schlaf gut.“ Damit schob er die Tür zu und verschwand unter Vickys Blicken im Gebäude.

Victoria startete den Wagen. „Dir auch eine gute Nacht“, murmelte sie leise.


New York; Catherines Appartement; Jake (Jacob)

Die Nacht war kurz. Jake konnte nicht schlafen. Er dachte nach. War seiner Mutter wirklich etwas zu Gerry Fishers Drohungen eingefallen? Und was hatte es mit dem Überfall auf Hal und Theos Waffenladen auf sich, der Schießerei im Keller und dem Anschlag auf Dick Spencer?

Er wälzte sich unruhig herum. Es gab viel zu tun in den nächsten Tagen. Dann fiel ihm ein, dass das meiste eigentlich nicht ihn betraf und nicht seine Aufgabe war. Er hatte selber ungeklärte Fälle beim FBI, also sollte er schleunigst zurück nach Washington fliegen. Vicky würde mit den Dingen schon fertig, das wusste er. Sie würde ihn über die Ermittlungen auf dem Laufenden halten. Dann wäre er auch wieder in einem sicheren Abstand zu seinem Vater, und alles wäre gut.

Erneut drehte Jake sich auf die andere Seite. Er musste unbedingt morgen früh gleich in die Tunnel. Vielleicht hatte sein Vater wahrgenommen, dass er New York noch nicht verlassen hatte. Er würde mit Vicky klären, was los war und dann nach Washington zurückkehren.

Jake warf sich auf die andere Seite. Andererseits hatte er Vicky zugesagt, bei dem Fall zu helfen. Auch wenn sie zunächst abgelehnt hatte, wollte Jake sein Wort nicht brechen.

Früh am Morgen lag er im Bett auf dem Rücken und starrte an die Decke. Er musste sich endlich eingestehen, dass er New York nicht verlassen wollte.

Und irgendwann schlief er erschöpft von seinen vielen Gedanken ein.


New York; Catherines Appartement; Jake (Jacob); Vicky (Victoria)

Hämmerndes Klopfen an der Tür weckte ihn nur zwei Stunden später. Stöhnend drehte er sich um und zog dabei das Kopfkissen über sein Gesicht.

Wieder klopfte es laut und vernehmlich.

 „Jake, mach auf.“ Vickys Stimme klang dumpf zu ihm.

Jacob stöhnte noch einmal. Für einen Moment trat herrliche Stille ein, und Jake ließ sich erleichtert zurück in die Kissen sinken, doch vergebens.

Das Klopfen wurde zu einem regelrechten Hämmern. „Wir müssen uns beeilen. Es gibt Neuigkeiten.“

 „Shit!“ Abrupt setzte er sich auf. Es gab einen Fall, der gelöst werden musste.

Er wollte sich schnell etwas überwerfen und die Tür öffnen, als er mit einem Blick an seinem nackten Körper hinunter feststellte, dass er sich momentan nicht in einer vorzeigbaren Verfassung befand. Gott, wovon hatte er nur geträumt? Da half nur eine kalte Dusche, aber dafür reichte die Zeit nicht.

Jake räusperte sich. „Ich komme gleich“, rief er, so laut er konnte. Dann rannte er ins Bad und warf sich kaltes Wasser ins Gesicht.

Fünf Minuten später war er angezogen und öffnete schwungvoll die Eingangstür. Vor ihm stand Victoria mit zwei Kaffeebechern in den Händen.

Sie reichte ihm einen. „Hier, es könnte sein, dass er nur noch lauwarm ist, solange wie du mich hast warten lassen.“

Jake nahm ihn entgegen. „Danke“, sagte er rau, denn ihm fiel plötzlich ein, wovon er geträumt hatte, oder besser gesagt, von wem.


New York; in den Tunneln; Jake (Jacob), Vincent, Vicky (Victoria)


 “Was soll das heißen, sie ist nicht da?” Aufgebracht lief Jake in der Kammer seines Vaters auf und ab.

 „Sie ist heute früh aufgestanden und sagte, sie wolle zu Joe Maxwell“, antwortete Vincent.

 „Und das hast du einfach so zugelassen? Ich dachte, du lässt sie nie wieder aus den Augen, nachdem ihr jetzt zusammen seid.“ Vorwurfsvoll sah Jake seinen Vater an.

Vicky stand stumm dabei und beobachtete den Disput mit einer gewissen Ruhe. Sie war sich sicher, dass mit Catherine alles in Ordnung war.

 „Jacob“, sagte Vincent ruhig. „Sie macht sich Sorgen um ihren Freund im Gefängnis. Deswegen hat sie eine Nachricht an Victoria geschickt.“

Vicky nickte bestätigend. „Ich konnte leider nicht so schnell reagieren, weil wir… beschäftigt waren.“ Sie wusste nicht, ob Jake wollte, dass sie seinem Vater von dem Fall erzählte, an dem sie zusammenarbeiteten.

Vincent nickte ruhig. „Sie wird bestimmt bald zurück sein. Es ist ja nicht das erste Mal, dass…“ Er verstummte abrupt.

 „Was ist nicht das erste Mal?“ fragte Jake sofort. „Heißt das, sie ist schon öfters wieder nach oben gegangen, seitdem sie hier in den Tunneln lebt?“ Er drehte sich zu Vicky um. „Wusstest du das?“

Ihr Schweigen war Antwort genug.

 „Jacob“, versuchte Vincent ihn zu beruhigen. „Sie braucht einfach hin und wieder die Welt oben und den Kontakt zu anderen. Das will ich ihr nicht nehmen.“

 „Und wann wolltet ihr mir das sagen?“ fragte Jacob fassungslos.

 „Du warst die letzten Monate nicht da“, mischte sich Vicky ein. „Da war es dir doch auch egal.“

 „Ihr hättet es mir vorgestern sagen können, als ich da war und euch von Fishers Drohungen erzählt habe. Ich fasse es einfach nicht, dass du sie trotzdem nach oben gehen lässt.“ Jake sah seinen Vater weiter vorwurfsvoll an. „Und du hast mir nichts davon gesagt, was hier abläuft“, fügte er noch an Vicky gewandt hinzu.

 „Deiner Mutter geht es gut und sie besucht jetzt ihren alten Freund im Gefängnis. Ich würde es spüren, wenn es anders wäre. So wie du es könntest, wenn du nur wolltest.“ Den letzten Satz betonte Vincent überdeutlich.

Schweigend sah sein Sohn ihn an. Er wusste, dass sein Vater auf ihrer beider Gabe anspielte. Sie konnten Catherines Gefühle spüren. Doch Jacob vermied es ganz bewusst. Einerseits würde er sich wie ein Eindringling vorkommen, der die Gedanken seiner Mutter durchleuchtet. Andererseits war er bewusst zu seinen Eltern auf Abstand gegangen, damit niemand etwas über ihn herausfinden könnte. Es reichte, dass seine Mutter um sein Geheimnis Bescheid wusste, aber sonst durfte es niemand erfahren.

 „Wenn Catherine das jetzt selbst in die Hand genommen hat, sind wir hier, glaube ich, fertig und können uns um den Fall kümmern“, sprach Vicky in das Schweigen hinein. Sie ging mit keinem Wort auf das Gehörte ein, das jedem normalen Menschen merkwürdig vorkommen musste. Sie war eine gute Ermittlerin und konnte Eins und Eins zusammenzählen. Und sie hatte in den letzten Monaten so viel Merkwürdiges kennengelernt, dass sie sich über nichts mehr wunderte.

Jake nickte automatisch und wirkte völlig abwesend.

 „Was für ein Fall?“ fragte Vincent aufmerksam.


New York; im Krankenhaus; Dick Spencer, Steve Sinclair, Vicky (Victoria), Jake (Jacob)

Dick Spencer ging es besser. Er war wach und konnte sprechen. Sein Gegenüber musterte ihn jedoch mit finsterer Miene.

Steve Sinclair war alles andere als begeistert über die jüngste Entwicklung. „Was haben Sie sich nur dabei gedacht, Dick? Sie haben eigenmächtig und ohne Rücksprache mit mir, Details zu dem Fall weitergegeben.“

Hilflos sah Dick Spencer seinen Vorgesetzten an. „Ich hatte meine Gründe“, sagte er mit schwacher Stimme.

 „Gründe? Was für Gründe können das wohl gewesen sein? Der Fall wurde uns komplett aus der Hand genommen von dieser sogenannten Spezialeinheit. Und wenn Sie denken, dass ich übertrieben reagiere, dann warten sie mal, wenn Sie den anderen aus unserem Team unter die Augen treten müssen. Die sind alle stinksauer. Ich frage mich, ob Sie unter diesen Umständen noch weiter bei uns arbeiten können.“

 „Es gab eine Verbindung“, murmelte Dick Spencer leise und ignorierte die Schimpftirade Sinclairs. „Es hatte so eine Exekution in einem illegalen… in einem illegalen Spielclub schon einmal gegeben.“ Spencer brach ab. Er fühlte sich schwach.

 „Sie meinen, das ist nicht der erste Fall?“ fragte Sinclair jetzt aufmerksam zurück.

Dick Spencer schüttelte unmerklich den Kopf. „Es liegt schon einige Jahre zurück.“

 „Warum sind Sie damit nicht zu mir gekommen?“ fragte Steve Sinclair vorwurfsvoll.

 „Ich wollte nicht, dass irgendwer von meiner Vermutung erfährt. Bei der Sondereinheit laufen viele Informationen zusammen. Deswegen dachte ich…

 „Es hat nicht zufällig mit der hübschen Ermittlerin zu tun, die dort arbeitet“, meinte Steve Sinclair plötzlich mit einem wissenden Grinsen. Als er den verlegenen Blick von Dick sah meinte er: „Ich habe Augen im Kopf, auch wenn ich schon älter bin. Und das letzte Mal, als wir mit den Leuten dort zu tun hatten, konnten Sie kaum den Blick von ihr lassen.“

Dick Spencer wand sich sichtlich und versuchte stattdessen eine plausible Erklärung vorzubringen. „Ich…“

In diesem Moment öffnete sich die Tür und die besagte Ermittlerin der Sondereinheit betrat das Krankenzimmer. Sie war nicht allein. Doch davon nahm Dick keine Notiz.

 „Hallo“, begrüßte Victoria Thompson ihn. „Wir wollten sehen, wie es dir geht.“ Sie nickte Dick zu und gab dann Steve Sinclair die Hand. „Wir kennen uns von gestern.“

Sinclair zog nur ironisch die Augenbrauen nach oben. „Sicher.“

Jake Chandler nickte zur Begrüßung in die Runde. „Wie geht es dir?“ fragte er zu Dick gewandt.

Dessen Blick lag mit einem entrückten Lächeln auf Vicky, was Jake mit einem plötzlichen Anflug von Ärger zu Kenntnis nahm.

 „Schon viel besser“, antwortete Dick Spencer und hielt den Blick unverwandt auf Vicky gerichtet.

 „Du hast sicher starke Schmerzen“, meinte Victoria Thompson.

 „Nein, überhaupt nicht“, antwortete Dick munter. „Es geht mir blendend. Ich kann es gar nicht erwarten, hier endlich raus zu kommen.“

Steve Sinclair hüstelte vielsagend zu dieser Übertreibung. Vicky lächelte Dick freundlich an, was in Jake die Wut hochsteigen ließ. Er konnte es selbst nicht erklären. Er kannte Dick als loyalen und aufrechten Polizisten, aber sah Vicky denn nicht, dass der Mann ganz offensichtlich in sie verschossen war. Jacob knirschte mit den Zähnen. Entschlossen nahm er sich einen Stuhl und setzte sich verkehrt herum darauf.

 „Hör zu“, sagte er zu dem verletzten Polizisten, „wenn es dir schon so viel besser geht, dann kannst du uns mit Sicherheit sagen, was da gestern im Parkhaus abgelaufen ist.“

 „Das wollte ich ihn auch gefragt haben?“ murmelte Steve Sinclair genervt. „Aber dann sind Sie ja auf der Bildfläche erschienen.“

 „Dann sind wir also genau zum richtigen Zeitpunkt gekommen“, meinte Vicky gespielt munter und ignorierte die schlechte Laune von Steve Sinclair. Stattdessen setzte sie sich mangels eines weiteren Stuhls auf die Kante des Krankenhausbettes von Dick. Der lächelte sie glücklich an.

Jake begann, innerlich zu kochen und knirschte wieder mit den Zähnen. „Hast du irgendetwas gesehen, bevor der Wagen dich erfasst hat?“

Endlich wandte Dick den Blick von Vicky ab und sah Jake an. Er wollte etwas sagen, schien dann jedoch mit seiner Antwort zu zögern. Endlich überwand er sich. „Es war ziemlich dunkel, ich konnte nicht gut sehen.“

 „Sie müssen irgendetwas gesehen haben“, widersprach sein Chef. „War es ein großes oder kleines Fahrzeug? Konnten Sie erkennen, wer hinter dem Steuer saß?“

 „Die Scheinwerfer haben mich geblendet“, widersprach Dick.

 „War es nun dunkel oder hell?“ fragte Sinclair gereizt.

Dick Spencer schaute in die erwartungsvollen Gesichter und zögerte sichtlich.

 „Es ist in Ordnung, wenn du dich nicht mehr erinnern kannst“, meinte Vicky sanft zu ihm. „Das ist nach so einem Unfall völlig normal.“

 „Du meinst wohl Mordanschlag“, stellte Jake richtig. „In meinen Augen war das versuchter Mord.“

Dick Spencer schwieg weiter und sah in die abwartenden Gesichter der drei.

 „Ich habe etwas gesehen“, sprach er endlich. Er schüttelte den Kopf, so als wolle er versuchen, die Erinnerung daran abzuschütteln.

 „Was hast du gesehen?“ fragte Vicky.

Dick Spencer zögerte sichtlich, dann gab er sich einen Ruck. „Es war ein großes, schwarzes Auto, ein SUV.“

 „Hast du gesehen, wer hinter dem Steuer saß?“ fragte Jake.

Dick nickte ernst. „Es war…, ich weiß nicht, wie ich es beschreiben soll.“

Steve Sinclair unterbrach ihn genervt. „Sie müssen doch nur sagen, ob es ein Mann oder eine Frau war. Was kann daran so schwer sein?“

 „Das ist es ja gerade“, sagte Dick Spencer. „Ich weiß nicht, wer hinter dem Steuer saß. Es sah…, es sah nicht aus wie ein Mensch.“

Nach diesen Worten kehrte Stille ein. Man hätte eine Stecknadel fallen hören können.

Endlich lachte Steve Sinclair laut auf. Ein ungläubiges Lachen. „Wollen Sie uns verarschen, Spencer?“

Niedergeschlagen sah Dick nach unten. „Ich weiß, dass sich das bescheuert anhört, aber in dem Wagen saß kein Mensch. Es hatte lange Haare und ein Gesicht, wie ein wildes Tier.“

 „Eine Tiermaske, um das Gesicht zu verstecken, mehr nicht“, meinte Sinclair sachlich.

 „Das war keine Maske“, widersprach Dick Spencer auf einmal heftig. „Das war verdammt echt. Dieses Tier, oder ich weiß nicht, wie ich es sonst nennen soll, fuhr das Auto. Die Pranken umfassten das Lenkrad. Dann hat es mich erwischt.“

Victoria hatte schon während der ersten Worte von Dick einen nervösen Blick zu Jake geworfen. Er erwiderte den Blick gleichfalls nervös. In stillem Einvernehmen sagten sie nichts zu dieser Aussage.

 „Spencer, ich glaube, was Sie brauchen, ist Ruhe“, sagte Steve Sinclair und stand auf.

 „Ich wusste, dass Sie mir nicht glauben würden“, stellte Dick resigniert fest.

Vicky nahm seine Hand und strich sanft darüber. „Wir glauben dir, aber das alles war sicherlich sehr viel für dich. Du hättest getötet werden können.“

 „Das stimmt“, bestätigte Jake. „Du musst erst einmal wieder ganz gesund werden. Wir kümmern uns darum, den Mistkerl zu finden.“ Er legte seine Hand auf Vickys, die auf Dicks Hand lag und sah ihn aufmunternd an.

Der nickte und sah gleichzeitig niedergeschlagen aus. Sie verabschiedeten sich voneinander.


New York; Büro des New Yorker Staatsanwaltes; Catherine Chandler, Joe Maxwell

 „Kannst du irgendetwas für meinen Freund tun?“ Fragend sah Catherine in das Gesicht des New Yorker Staatsanwaltes.

Sie saßen zusammen in seinem Büro. Vor Catherine stand eine Tasse Kaffee, an dem sie nippte. Der Geschmack war ungewohnt. Unten in den Tunneln trank sie nur Tee.

Joe seufzte schwer. „Catherine, du weiß doch eigentlich, wie die Dinge laufen. Es wurde Anklage gegen ihn erhoben wegen Fälschung von Kunstwerken und wegen Beihilfe zum Mord.“

 „Was?“ Entrüstet stellte Catherine die Tasse zurück auf Joes Schreibtisch. „Das ist doch absoluter Blödsinn. Sicherlich war David naiv und dumm, als er in Berlin anfing, die Kunstwerke von Kristopher Gentian zu fälschen. Aber Mord an zwei Museumsdirektoren, wenn auch nur Beihilfe, Joe, das ist Unfug. Ich dachte, die deutsche Polizei hätte die Männer erwischt, die in Berlin Dr. Lau ermordet haben. Und ihr wolltet doch die Kunstfälscherbande dingfest gemacht haben.“

Joe Maxwell seufzte wieder. „Catherine, es ist wirklich nicht einfach. Beide Fälle hängen zusammen. In beiden Fällen steckt dein Freund David Schmidt mit drin. Die neuen Verdächtigen, die in Berlin festgenommen worden sind, belasten ihn schwer. Und die Typen, die wir hier in New York festgenommen haben, sind schon wieder auf freiem Fuß, weil die Beweislage dünn ist, und wir erst noch weiter Beweise sammeln müssen.“

Catherine schwieg niedergeschlagen. „Hat er wenigstens einen guten Anwalt?“

 „Er hat einen zugewiesen bekommen, wie üblich“, antwortete Joe. „Da er nicht mehr über ausreichend finanzielle Mittel verfügt, wurde ihm ein Pflichtverteidiger zugeteilt.“

 „Na großartig“, murmelte Catherine. „Kannst du es einrichten, dass ich ihn im Gefängnis besuchen kann?“

Jetzt sah der New Yorker Staatsanwalt sie mit einem Stirnrunzeln an. „Ich halte das für keine gute Idee. Überhaupt, dass du hier so einfach auftauchst. Jenny hat mir erzählt, dass du dich im letzten Monat mit ihr getroffen hast. Ich dachte, du wolltest komplett untertauchen, und dein Sohn wollte dir dabei helfen?“ Forschend sah Joe ihr ins Gesicht. „Ich wünschte, du würdest mir genug vertrauen und mir all deine Geheimnisse verraten. Dann würde ich mich wesentlich wohler fühlen. Stattdessen tauchst du dann und wann in New York auf.“ Joe verkniff es sich, für seinen gefühlmäßigen Ausbruch um Entschuldigung zu bitten. Stattdessen blickte er ratlos aus dem Fenster.

Catherine blieb still für eine Weile. Was sollte sie auch sagen.

 „Joe, es tut mir leid. Ich weiß, ich verlange zu viel von dir. Du warst mir all die Jahre der beste Freund, den ich haben konnte. Ich schulde dir mehr, als ich sagen kann.“ Sie brach ab.

Joe riss seinen Blick vom Fenster los und sah sie an. „Du schuldest mir nichts. Ich habe nur das getan, was Freunde nun einmal füreinander tun.“ Er nickte ihr zu. „Ich will sehen, was ich tun kann.“ Mit diesen Worten griff er zum Telefon.


New York; im Gefängnis; Catherine Chandler, David Schmidt

Zwei Stunden später saß Catherine im Besucherraum des Gefängnisses ihrem Freund gegenüber. David Schmidt war sichtlich abgemagert. Er wirkte müde und bedrückt.

 „Wie geht es dir?“ fragte Catherine leise.

Er setzte ein schiefes Lächeln auf. „So einigermaßen. Das Etablissement, in dem ich zurzeit wohne, scheint nicht gerade das Beste zu sein. Und die Küche lässt auch zu wünschen über.“

 „Du siehst müde aus“, stellte Catherine fest.

 „Ja“, antwortete David Schmidt nur.

 „Ich habe gehört, du hast einen Pflichtverteidiger bekommen und wirst bald angeklagt“, sagte sie.

Wieder dieses schiefe Lächeln. „Hast du auch gehört weswegen? Mord.“

 „Beihilfe zum Mord“, korrigierte Catherine ihn automatisch. „Das ist nicht dasselbe.“

 „Ich hätte in Deutschland abhauen sollen“, meinte David Schmidt. „Einfach untertauchen. Das wäre wohl wirklich gesünder gewesen. Aber ich wollte einmal in meinem Leben das Richtige tun. Jetzt werde ich wohl in diesen Mauern hier verrotten.“

 „David, hör auf“, sagte Catherine laut und entschieden, denn sie merkte, dass der Mann in seinem Selbstmitleid ertrank. „Reiß dich zusammen. Vielleicht kannst du selbst dazu beitragen, dass die Anschuldigung gegen dich fallen gelassen wird.“

 „Ich habe den Cops alles gesagt, was ich wusste und jeden Namen genannt, den ich kannte. Auch diesem jungen Burschen von Anwalt. Der scheint jedoch nur darauf aus zu sein, mit der Staatsanwaltschaft einen Deal zu machen, bei dem ich für Jahre hinter Gittern bleibe.“ Plötzlich schwammen seine Augen in Tränen. „Ich…, ich weiß nicht, ob ich das aushalten werde oder kann.“

Spontan griff Catherine nach seiner Hand und drückte sie.

 „Ich werde mir etwas einfallen lassen“, versprach sie.

Noch auf dem Weg zurück in die Tunnel nahm vor ihrem inneren Auge ein Plan Gestalt an. Doch sie musste erst mit Vincent sprechen, bevor sie weitere Schritte unternahm.


New York; im Auto und im Lager von Hal und Theo; Jake (Jacob), Vicky (Victoria), Hal und Theo Garrett

 „Du sagst gar nichts“, meinte Victoria leise, als sie mit Jake im Auto saß. Sie waren schweigend zusammen durch die Krankenhausflure gegangen und mit dem Fahrstuhl in die Tiefgarage gefahren.

 „Was soll ich sagen?“ fragte Jake.

 „Na zu Dicks Aussage“, wurde Vicky direkter.

Zunächst schwieg Jacob, weil er wirklich nicht wusste, was er antworten sollte.

 „Um genau zu sein, weiß ich gar nicht, was ich davon halten soll“, antwortete er ehrlich.

 „Bei der Beschreibung musste ich unwillkürlich an deinen Vater denken“, brachte es Vicky auf den Punkt. „Aber ich weiß, dass das völlig absurd ist.“

 „Pa kann kein Auto fahren“, bestätigte Jake. „Und außerdem würde er so etwas niemals tun. Trotz seines Alters ist er zwar schneller und kräftiger, als jeder normale Mensch, aber in den Tunneln gibt es keine Autos.“

 „Da ich nicht glaube, dass Dick sich das eingebildet hat, vermute ich, dass Steve Sinclair Recht hat. Der Fahrer trug eine Maske, um sein Gesicht zu verbergen“, schlussfolgerte Vicky. „Das wiederum lässt vermuten, dass er sonst hätte befürchten müssen, von Dick erkannt zu werden.“

Langsam nickte Jacob. „Das stimmt. Es könnte also durchaus jemand sein, den Dick kennt, ein Kollege oder ehemaliger Cop von früher.“

 „Aber er hatte die Absicht, ihn zu überfahren und ihn womöglich zu töten. Warum also die Maske, wenn er ihn nicht am Leben lassen wollte?“ Fragend sah Vicky ihren Partner an.

 „Vielleicht wollte er ihn ja am Leben lassen, so wie Hal und Theo am Leben gelassen wurden“, meinte Jake.

Bestätigend nickte Vicky. „Ja, das könnte sein. Also wo sollen wir weitermachen?“

 „Hal und Theo sind aus dem Krankenhaus entlassen worden“, sagte Jake. „Wir sollten es bei ihrem Geschäft versuchen.“

Vicky startete den Wagen und fuhr los.

Beide hingen während der Fahrt ihren Gedanken nach bis Jake unvermittelt fragte: „Was bedeutet Dick dir?“

Überrascht sah Vicky ihn von der Seite an. „Dick? Wir hatten in den letzten Monaten öfters wegen Ermittlungen miteinander zu tun.“

 „Er ist in dich verknallt“, sagte Jake mit Zähneknirschen.

Spontan musste Vicky auflachen. „Du spinnst.“

Jake knirschte weiter mit den Zähnen. „Der arme Dick macht sich Hoffnungen.“

 „Das ist absurd.“ Victoria schüttelte vehement den Kopf. „Wir hatten immer nur rein dienstlich miteinander zu tun. Er hat nie auch nur eine Andeutung gemacht, dass…“

Jacob sagte nichts mehr dazu. Ganz offensichtlich sah Vicky nicht das Offensichtliche oder wollte es nicht sehen. Das Schweigen füllte das Innere des Wagens. Nervös sah Vicky zu Jake hinüber und dann wieder zurück auf die Straße. Sie dachte nach. Hatte Jake etwa Recht? War ihr da etwas Wesentliches entgangen?

 „Ich kann mir gut vorstellen, dass Dick zu den schüchternen Typen gehört und nicht gleich mit der Tür ins Haus fallen wollte“, sprach Jake nun.

Resigniert schüttelte Vicky wieder den Kopf. „Ich habe ihn jedenfalls nicht zu irgendetwas ermuntert.“

 „Ach nein?“ schnaubte Jake. „Und wie würdest du dein Verhalten gerade im Krankenhaus bezeichnen?“

Vicky hielt am Straßenrand vor der alten Lagerhalle, in dem sich Hals und Theos Waffengeschäft befand. Genervt sah sie Jake von der Seite an. „Ich habe ihm nur mein Mitgefühl gezeigt. Er wurde schließlich schlimm verletzt. Was kümmert dich das eigentlich?“ Ihre Stimme klang jetzt aufgebracht. „Du verschwindest doch in einigen Tagen zurück nach Washington. Also kann es dir doch egal sein.“

Jacob wusste nicht, was er darauf antworten sollte. Stattdessen öffnete er die Tür und stieg aus. Kopfschüttelnd folgte ihm Vicky die Treppe an der Außenseite des Gebäudes hinauf. Als sie oben angekommen waren, fanden sie an der Tür noch die Reste der Verriegelung vor, die darauf hindeutete, dass hier eine polizeiliche Untersuchung stattgefunden hatte. Die Tür stand offen.

Jake trat ein. „Hal, Theo“, rief er laut.

 „Wir sind hier hinten“, kam die Antwort.

Jacob und Vicky folgten der Stimme in den hinteren Bereich. Tatsächlich waren sowohl Theo wie auch sein Vater Hal in einer der Reihen, in denen Waffen lagerten. Theo hatte einen Block mit Stift in der Hand, auf dem schon einige Zeilen geschrieben waren.

 „Konntet ihr euch nicht einen Tag länger ausruhen?“ fragte Vicky mit einem Schmunzeln.

 „Wir machen eine Bestandsaufnahme“, erklärte Hal.

 „Und habt ihr dabei schon etwas herausgefunden?“ fragte Jake.

Hal erhob sich. Er hatte gerade in einem Karton die Waffen gezählt. Grimmig nickte er die beiden Besucher an. „Es sind doch mehr Waffen verschwunden, wie ursprünglich vermutet.“

 „Dann haben die Männer, die euch überfallen haben, also doch mehr mitgehen lassen, als wie nur diese eine Lieferung“, stellte Vicky fest.

Theo nickte bestätigend. „Allerdings nicht viel. Ein paar Schnellfeuerwaffen und ein paar Unikate.“

 „War irgendetwas Wertvolles oder Außergewöhnliches dabei?“ fragte Vicky weiter.

 „Es waren zum Teil umgebaute Waffen von irgendwelchen Spinnern“, meinte Theo.

 „Das bringt uns alles nicht wirklich weiter“, sagte Jake. Er wandte sich an Theo. „Kannst du uns die Adresse von dieser Witwe geben, von der du die Waffen hattest, die für den Mordanschlag geklaut wurden.“

Theo nickte und verschwand nach hinten in das Büro.

Eine halbe Stunde später befanden sich Jake und Vicky auf dem Weg hinaus aus New York. Beide hofften, dass diese Spur ihnen helfen würde. Es war die Einzige, die sie zurzeit hatten.


New York; im Krankenhaus; Dick Spencer

Dick Spencer machte sich seine eigenen Gedanken. Er wusste, dass seine Geschichte unglaubwürdig klang. Seitdem er aus der Narkose erwacht war, fragte er sich selbst, ob er unter einer Sinnestäuschung gelitten hatte. Doch er war sich auch nach längerem Nachdenken sicher, dass hinter dem Steuer des Fahrzeugs, das ihn angefahren hatte, kein Mensch gesessen hatte. Egal was Steve Sinclair sagen mochte, der total ungläubig reagiert hatte. Jacob Chandler und Victoria Thompson waren jedenfalls nicht so entrüstet gewesen. Vicky hatte ihn erschrocken angesehen, aber nicht so, als würde sie ihm nicht glauben. Das rechnete er ihr hoch an.

Nichtsdestotrotz blieb die Tatsache bestehen, dass ihm jemand nach dem Leben trachtete. Mit seinem gebrochenen Knochen war er leider ans Bett gefesselt. Seine Schwester hatte ihm ein paar Sachen vorbei gebracht. Zum Glück auch seine private Schusswaffe. Sie kannte ihn lange genug, um keine Fragen zu stellen. Fest umklammerte Dick den Griff der Waffe unter der Decke des Krankenhausbettes. Wer immer nach seinem Leben trachtete, Dick Spencer erwartete ihn.


New York; in den Tunneln; Vincent und Catherine

Vincent wanderte in seiner Kammer auf und ab. Er war rastlos, was nicht verwunderlich war, nachdem was Catherine ihm mitgeteilt hatte. Schon geraume Zeit wanderte er herum, während sie ihn stillschweigend beobachtete.

In den vergangenen Monaten hatte sich ein stilles Einverständnis zwischen ihnen ergeben. Sie kannten einander und wussten, was der andere dachte und meinte. Es war eine innere Harmonie, so wie sie früher schon zwischen ihnen bestanden hatte. Doch jetzt schien alles auf den Kopf gestellt.

Catherine atmete tief ein und wieder aus. „Vincent, hör auf, so herum zu laufen. Sprich mit mir. Bitte sag mir, was du darüber denkst.“

Abrupt hielt er inne und wandte sich ihr zu. Er sah die Frau, die er über alles liebte. Sie waren beide alt geworden, aber er liebte sie mehr, als jemals zuvor, besonders nach den letzten gemeinsamen Monaten. Doch nun beschlichen ihn Zweifel, die sich wie Würmer bei lebendigem Leib in seine Eingeweide fraßen. War ihre Liebe zu ihm wirklich so tief, wie sie immer gesagt hatte? War ihr Gefühl wirklich stark genug, dass sie alles oben aufgab, um bei ihm zu sein?

 „Tu das nicht“, sagte sie nun leise.

Überrascht sah er sie an, und sie fuhr fort. „Du zweifelst an mir. Bitte tu das nicht. Vincent, ich liebe dich.“

Sein Herz pochte bis zum Hals. „Aber du willst nach oben gehen.“ Der Schmerz war seiner Stimme anzuhören. Es war der Schmerz des Zurückgewiesen Werdens. Reichte ihr denn nicht, was er ihr hier unten bot?

 „Hör auf damit“, forderte sie ihn energisch auf. „Ich verlasse dich nicht. Ich werde dich nie wieder verlassen.“

Zornig sah er sie an. „Ich kann denken, was ich will.“

Sie seufzte leicht und vergrub ihr Gesicht in beide Hände. „Es tut mir leid, Vincent. Ich dachte, du würdest es verstehen.“

Er wandte sich von ihr ab und lief erneut unruhig in der Kammer auf und ab. Sein Bein, das vor ein paar Monaten gebrochen war, begann zu schmerzen. Am liebsten hätte er auf irgendetwas eingeschlagen.

Nein. Soweit würde sie ihn nicht bringen. Stattdessen stürmte er hinaus in die unterirdischen Tunnel und Gänge. Traurig sah ihm Catherine nach. Seit langer Zeit war ihr wieder schwer ums Herz. Doch ihr Entschluss stand fest. Es gab schließlich nicht nur Vincent und sie auf der Welt. Sie fühlte sich verpflichtet zu helfen. Und Vincent würde es verstehen. Er brauchte nur Zeit.


Außerhalb von New York; in einem Haus; Jake (Jacob) Chandler, Vicky (Victoria) Thompson, Cheryl Boyd

Cheryl Boyd sah sie aus müden und traurigen Augen an. „Nein, ich weiß nichts von irgendwelchen Kontakten, die mein Mann gehabt haben könnte. Er war einfach nur total fasziniert von jeder Art von Waffen.“

 „War er in einem Verein oder traf er sich mit Bekannten zum Schießtraining?“ fragte Jake genauer.

 „Oh, nein“, widersprach Cheryl Boyd. „Er hat die Dinger nie benutzt.“

 „Aber er hatte anscheinend eine ganze Ansammlung von Schusswaffen und sogar alte Schwerter und Stichwaffen“, wandte Vicky ein. „Wozu das alles?“

Jake und sie waren nach einer Stunde Fahrt mit dem Auto bei Cheryl Boyd angekommen, der Witwe, von der Theo die Waffensammlung abgeholt hatte. Sie hatten sich als Polizisten aus Manhattan vorgestellt und gesagt, dass es um die Waffensammlung ihres verstorbenen Mannes ginge.

 „Er muss doch irgendetwas damit gemacht haben“, fügte Jake hinzu. „Hat er sich mit anderen Waffennarren getroffen?“

 „Ich verstehe nicht, worauf Sie hinaus wollen“, antwortete die Witwe. „Mein Mann fuhr zu Ausstellungen und Messen quer durch das ganze Land, nur um besondere und ausgefallene Stücke zu sehen oder zu ersteigern.“

 „Das muss doch eine Menge Geld gekostet haben“, meinte Vicky.

 „Ja, natürlich“, antwortete Mrs. Boyd. „Aber das war sein Leben.“

 „Und Sie sind wirklich sicher, dass er keine von den Schusswaffen jemals benutzt hat? Auch nicht die neueren?“ Fragend schaute Jake die ältere Frau an. „Hatte er denn Munition?“

 „Ja, schon.“ Die Antwort kam zögerlich. Cheryl Boyd schien nachdenklich zu werden und überlegte.

 „Also hat er mit den Waffen doch geschossen“, schlussfolgerte Jake.

Währenddessen sah sich Vicky in dem geräumigen Wohnzimmer um. Ein Sofa stand dort vor einem Couchtisch, ein Schrank und eine Anrichte, auf der Fotos standen. Neugierig ging Vicky ein paar Schritte darauf zu.

 „Warum stellen Sie so viele Fragen über die Waffen meines Mannes?“ fragte Cheryl Boyd zurück. „Ich habe das ganze Zeug vor ein paar Tagen an einen Händler abgegeben. Ich wollte es einfach nur loswerden.“

 „Wer wusste denn sonst noch von der Sammlung Ihres Mannes?“ fragte Jake unbeeindruckt.

Vicky, die den beiden den Rücken zugewandt hatte, drehte sich um und deutete auf eines der Fotos. „Wer ist denn der Junge dort auf dem Bild?“

Cheryl Boyd kam durch diese unerwartete Frage aus dem Konzept. „Das ist mein Sohn Zack“, antwortete sie spontan.

Freundlich fragte Vicky nach. „Lebt er in New York?“

 „Ja, soweit ich weiß, aber wir…“, Mrs. Boyd zögerte einen Moment. „Wissen Sie, wir haben schon lange Zeit keinen Kontakt mehr gehabt.“

 „War er denn nicht zu der Beerdigung Ihres Mannes gekommen?“ fragte Vicky weiter.

 „Ja, er war da“, bestätigte Cheryl Boyd. Dann kniff sie kurz die Lippen fest zusammen.

 „Was macht Ihr Sohn denn beruflich?“ fragte Jake, um einen unverfänglichen Ton bemüht.

 „Er ist…, er war Polizist. Er war sozusagen ein Kollege von Ihnen.“ Mrs. Boyd blickte die beiden trotzig an.

 „Wieso war?“ fragte Vicky vorsichtig nach.

 „Er wurde vor einigen Jahren aus dem Polizeidienst entlassen.“

 „Sie wissen nicht warum?“ vermutete Vicky.

 „Zack sagte uns, man hätte ihn reingelegt.“ Cheryl Boyd überlegte nur kurz, dann erzählte sie. „Er sagte uns, er würde alles wieder in Ordnung bringen und bat meinen Mann, ihm einige von den neueren Waffen zu geben. Mein Mann weigerte sich. Sie hatten einen furchtbaren Streit. Das war vor ein paar Jahren. Danach haben wir Zack nie wiedergesehen. Erst auf der Beerdigung stand er auf einmal vor mir.“ Entschlossen blickte Cheryl Boyd auf. „Bitte sagen Sie mir doch endlich, warum Sie so viele Fragen stellen.“

 „Die Waffen, die Ihrem Mann gehört haben, wurden von dem Waffenhändler gestohlen und ein Verbrechen damit verübt“, erklärte Jake möglichst neutral. Er sah, wie Vicky bereits mit ihrem Handy in der Hand den Raum verließ.

Cheryl Boyd war sichtlich erschrocken nach dieser Mitteilung „Aber…“, stammelte sie, „… aber ich dachte, ich gebe das Zeug einfach ab. Ich konnte damit doch nichts anfangen.“

 „Niemand macht Ihnen einen Vorwurf, Mrs. Boyd“, versuchte Jake sie zu beruhigen. „Sie haben genau das Richtige getan. Was dann damit geschieht, konnte niemand ahnen.“

 „Und was passiert jetzt?“ fragte Mrs. Boyd.

 „Wusste Ihr Sohn, dass Sie die Waffen abgegeben haben?“ fragte Jake einer Eingebung folgend.

Cheryl Boyds Gesichtsausdruck verdüsterte sich. Sie nickte langsam. „Ja. Kurz nachdem die Waffen abgeholt worden waren stand er vor der Tür. Er wurde sehr wütend, als er hörte, dass alles fort war. Er meinte, ich sei nicht ganz bei Trost, bei dem finanziellen Wert, den das Zeug hätte.“

 „Hat er Ihnen noch gesagt, was er zurzeit macht und was er vorhatte?“

Sie schüttelte den Kopf. „Nein. Er stieg einfach in sein Auto und fuhr davon. Ich habe ihn seitdem nicht wiedergesehen.“

Vicky betrat den Raum und nickte Jake kurz bedeutungsvoll zu.

 „Mrs. Boyd, Sie haben uns sehr weiter geholfen. Vielen Dank.“ Jake reichte ihr die Hand zum Abschied.

 „Aber…, habe ich irgendetwas zu befürchten?“ Cheryl Boyd wirkte auf einmal ängstlich und niedergeschlagen.

 „Nein“, beruhigte Vicky die ältere Frau. „Wir mussten einfach der Herkunft der Waffen auf den Grund gehen. Mit allem anderen haben Sie nichts zu tun. Sie können ganz beruhigt sein.“

Sie verabschiedeten sich. Im Wagen auf der Fahrt zurück nach New York musste Jake nicht lange fragen.

 „Der Sohn, Zacharias Boyd, war tatsächlich früher Polizist in New York“, teilte Vicky bereitwillig mit. „Er wurde vor drei Jahren aus dem Polizeidienst entlassen wegen Korruption und Verdacht auf Drogenhandel. Jetzt rate mal, in welcher Polizeidienststelle er tätig war.“

Jake musste nicht lange überlegen. „In der gleichen wie Dick Spencer.“

Vicky nickte bestätigend und gab Gas. „Er wusste von den Waffen und dass sie abgeholt worden sind.“

 „Vielleicht hängt er ja an den Erbstücken seines Vaters“, meinte Jake sarkastisch.

 „Ich fahre direkt zum Krankenhaus. Ich glaube, Dick hat uns nicht alles erzählt“, meinte Vicky.


New York; in einer alten Villa; Zacharias Boyd, ein Unbekannter (sein Auftraggeber)

Zacharias Boyd war angespannt und nervös. Er war zu dem vereinbarten Treffpunkt erschienen, einer alten Villa, die von außen heruntergekommen aussah. Doch das täuschte. Zack kannte sich mittlerweile aus. Im Inneren waren die Räume luxuriös ausgestattet. Er wartete in einem großen Salon, der mit einer Ledercouch, Sesseln und einem überdimensional großen Fernseher ausgestattet war. Unter seinen Füßen fühlte er den dicken, weichen Teppich. Am liebsten hätte er sich irgendwie bewegt und wäre herum gelaufen. Doch das würde verdächtig aussehen. Also blieb er stehen und starrte auf die Tür, durch die jeden Moment sein Auftraggeber kommen konnte. Es ging mit Sicherheit um die letzte Aktion, die er durchgeführt hatte. Dabei war doch eigentlich alles glatt gelaufen. Zack wunderte sich, dass er her zitiert worden war.

Endlich öffnete sich die Tür und eine Gestalt trat in das Zimmer. Zack hatte sich inzwischen an das merkwürdige Aussehen seines Auftraggebers gewöhnt. Schließlich arbeitete er bereits seit drei Jahren für diesen Mann, der immer den gleichen weiten Umhang mit Kapuze trug. Auch jetzt verhüllte dieser Umhang alles weitere vom Körper und die Kapuze verdeckte die Haare. Er trug Handschuhe.

 „Sind Sie gut hergekommen?“ fragte die dunkle Stimme, die durch die Maske eines Pierrots dumpf klang.

Zacharias Boyd nickte kurz. Er wusste, dass sich die Frage darauf bezog, ob er unerkannt hergefunden hatte und von niemandem verfolgt worden war. Er sah auf die glatte Maske, die das gesamte Gesicht verdeckte. Nur die Augen waren echt an dieser Gestalt und sahen ihn kalt und durchdringend an.

 „Sie haben einen Fehler gemacht“, sagte die glatte Maske zu ihm.

Zack schluckte und bekam plötzlich ein flaues Gefühl in der Magengegend. Er wusste, dass Fehler hart bestraft wurden. „Ich habe den letzten Auftrag nach Ihren Wünschen ausgeführt. Alle Männer sind tot.“

 „Nicht ganz“, erwiderte die raue Stimme hinter der Maske. „Was ist mit den Männern, von denen Sie die Waffen hatten?“

 „Aber…“ Nervös wand sich Zack Boyd. „Aber das war nicht notwendig.“

 „Einer unserer Männer wurde verletzt und Sie halten es nicht für notwendig?“ frage die Gestalt.

Zack richtete sich gerade auf. „Die Verletzung war nicht schlimm. Und ich töte keine unschuldigen Männer.“

 „Sie denken noch immer wie ein Cop“, erwiderte der Auftraggeber. „Unser Mann hat Blut verloren. Er konnte über seine DNA identifiziert werden. Einer von ihren ehemaligen Kollegen war schlau genug, das herauszufinden.“

 „Woher wissen Sie das so genau?“ fragte Zack.

Doch sein Gegenüber ging nicht darauf ein. „Außerdem haben Sie mehr Waffen mitgehen lassen, als nötig. Man wird Sie darüber finden.“

Zack Boyd schluckte wieder. „Das hatte einen Grund. Was erwarten Sie jetzt von mir?“

Für einen kurzen Moment kehrte Stille ein. „Der Polizist, der über die Identität unsers Mannes Bescheid weiß, muss beseitigt werden. Er liegt im Krankenhaus. Das sollte doch nicht zu schwer sein.“ Klang da Spott in der Stimme des Wesens mit?

Langsam nickte Zack Boyd. „Okay. Warum liegt er im Krankenhaus?“

 „Hm“, meinte die Gestalt. „Ich gestehe, dass ich mich des Problems selbst annehmen wollte, aber es ist leider misslungen. Also müssen Sie als Profi ran.“

Wieder nickte Zack Boyd, wenn auch widerwillig. „Welches Krankenhaus? Welcher Name?“ fragte er nur noch


New York; Krankenhaus; Zack Boyd, Dick Spencer

Er hatte ein ungutes Gefühl, als er das Krankenhaus betrat. Es war Abend und die Besucher des Tages waren längst gegangen. Zacharias Boyd erkundigte sich am Empfang nach dem Zimmer des Mannes, den er aufsuchen wollte, oder besser gesagt, den er aufsuchen musste.

Langsam und nachdenklich ging er durch die spärlich erleuchteten Krankenhausflure. Das eine und andere Mal begegnete ihm eine Krankenschwester oder ein Pfleger. Er war in merkwürdiger Stimmung. Sein Leben war in den letzten Jahren nicht so verlaufen, wie er sich das vorgestellt hatte. Sein Rauswurf bei der New Yorker Polizei war das Ergebnis einer Reihe von unglücklichen Umständen gewesen. Seitdem lief es nicht mehr rund.

Er hatte gespielt. Er war nicht der einzige aus dem Dezernat gewesen. Er war mit ein paar von den Jungs abends mitgegangen. Es war reizvoll gewesen, mal etwas Verbotenes zu tun und zuerst hatte er gewonnen. Doch dann kam eine Pechsträhne nach der nächsten und immer hoffte er, mit dem nächsten Spiel die Verluste zurückgewinnen zu können. Anderen war es genauso gegangen. Irgendwann stand ihnen alles bis zum Hals. Man bot ihnen an, einen Teil der Schulden zu erlassen, wenn sie bei dem einen oder anderen illegalen Geschäft beide Augen zudrückten. So kam er aus den Schulden raus und konnte weiter spielen. Doch leider hatte einer der Jungs geplaudert und alles wurde ihm angehängt. Er verlor seinen Job, seinen guten Ruf und stand auf der Straße.

Dann kam der Auftraggeber ins Spiel. Derjenige, dem die Spieltische gehörten und der auch die Drogengeschäfte betrieb. Er fing Zack auf und der hatte gar keine andere Wahl gehabt, als mitzumachen.

Endlich stand Zack vor der Tür des Krankenzimmers und zögerte für einen Moment. Doch nicht lange. Entschlossen schob er die Tür auf. Das Zimmer war in Halbdunkel getaucht. Nur eine schwache Nachttischlampe brannte. Zack musste nicht lange suchen. Es gab nur ein Bett in dem Raum. Der Mann in dem Bett saß mit dem Oberkörper aufrecht in die Kissen gelehnt und zielte mit einer Pistole auf ihn.

 „Hallo Dick, begrüßt man so einen alten Freund?“

 „Ich habe auf dich gewartet“, antwortete Dick Spencer grimmig.

 „Ach, wirklich?“ fragte Zack. „Dabei hatte ich meinen Besuch doch gar nicht angekündigt.“

 „Das brauchtest du auch nicht. Ich wusste, dass du kommen würdest“, meinte Dick.

 „So?“ fragte Zack Boyd zurück.

 „Ich weiß schon lange, dass du die Drecksarbeit für denjenigen machst, der hinter dem Ganzen steckt.“

 „Ja“, antwortete Zack. „Du warst schon immer pfiffiger als die meisten aus unserer Einheit.“

 „Ich vermute mal, du willst zu Ende bringen, was du gestern nicht geschafft hast“, sagte Dick Spencer.

 „Wie kommst du darauf, dass ich das war“, meinte Zack empört.

 „Wer sonst? Du führst doch jeden Befehl aus, von wem auch immer du ihn bekommst. Seit deiner Entlassung damals, haben es alle gewusst.“ Dick Spencer stellte es klar und deutlich fest, auch wenn er sich körperlich miserabel fühlte. Er hatte Schmerzen und Schweiß lief ihm den Rücken hinab, doch er ließ sich nichts anmerken.

 „Ich wurde damals aufs Kreuz gelegt“, wurde Zack Boyd wütend.

 „Du hast dich bestechen lassen“, widersprach Dick Spencer, „und du hast die Seiten gewechselt.“

Zack schnaubte. „Wann immer es ging, habe ich zugesehen, dass kein Unschuldiger zu Schaden kommt. Aber das hat keiner von euch gemerkt. Ich bin gekommen, weil ich dich warnen wollte.“

 „Mich warnen?“ fragte Dick verblüfft. „Nachdem du mich fast erwischt hättest mit dem Auto. Und diese alberne Maske, die du auf hattest. Dachtest du wirklich, dass keiner herausfinden würde, dass…“

 „Was für eine Maske?“ fragte Zack zurück, denn auf einmal stellten sich ihm die Nackenhaare auf.

Dick Spencer hielt inne. Forschend sah er seinen ehemaligen Partner an. Konnte es wirklich sein, dass es Zack gar nicht gewesen war. Der wirkte auf einmal furchtbar nervös.

 „Was ist los, Zack? Du weißt, wer in dem Auto gesessen hat, nicht wahr?“

Zack Boyd überlegte fieberhaft. Er hatte gedacht, er könnte Dick einfach eine Warnung überbringen und dann mit einem blauen Auge davon kommen. Doch nun wurde ihm bewusst, dass sein Auftraggeber tatsächlich erwartete, dass er Dick ausschaltete, damit er nicht mehr ermitteln und das, was er gesehen hatte, weiter erzählen konnte.

 „Du meinst die Clownsmaske“, sagte er tonlos und griff langsam an sein Jackett.

 „Clownsmaske?“ fragte Dick irritiert zurück

 „Ja, die von einem Pierrot.“

Dick schüttelte den Kopf. „Es war keine Clownsmaske. Das war anders und so echt.“ Er versuchte, sich zu erinnern und vergaß, auf Zack zu achten, der langsam seine Pistole zog.


New York; im Wagen und im Krankenhaus; Jake (Jacob) Chandler, Vicky (Victoria) Thompson, Wachmann, Dick Spencer, Zacharias Boyd

 „Das Pflegepersonal im Krankenhaus sagt, dass mit Dick alles in Ordnung wäre und er sicher schon durch die Schmerzmittel schlafen würde.“ Jacob steckte sein Handy weg. Trotz der beruhigenden Aussage, wirkte er unzufrieden.

 „Aber es hat niemand nachgesehen, ob es tatsächlich so ist“, stellte Victoria fest. „Das ist alles irgendwie merkwürdig.“

 „Wie meinst du das?“ fragte Jake zurück.

 „Na ja. Ich muss an Dicks seltsame Aussage denken über denjenigen, der ihn angefahren hat.“ Nach Vickys Worten kehrte für einen Moment Stille ein. Entschlossen drückte sie das Gaspedal durch und beschleunigte den Wagen. „Ich beeile mich.“

Jake stellte fest, dass sie beide offensichtlich von der gleichen Unruhe erfasst wurden. Während der Fahrt zurück in die Stadt steigerte sich diese Anspannung und erreichte ihren Höhepunkt, als Vicky den Wagen auf dem Parkplatz vor dem Krankenhaus abstellte. Beide hatten es eilig, in das Gebäude zu kommen.

Am Empfang wurden sie von einem Nachtwächter aufgehalten. „Halt! Wohin wollen Sie?“

Beide zückten umgehend ihre Dienstmarken.

 „Wir müssen in den vierten Stock zu einem Polizisten, der gestern verletzt hier eingeliefert wurde“, erklärte Vicky ruhig. Als der Mann erst noch prüfend auf die Dienstausweise sah, wurde sie ungeduldig. „Es eilt.“

 „Komm“, meinte Jake nur und zog sie mit sich zum Fahrstuhl.

 „Moment mal“, rief der Nachtwächter hinter ihnen her. „Sie können hier nicht so einfach nachts reinstürmen.“

Die beiden hörten nicht auf ihn. Endlich kam der Fahrstuhl, in dem sie eiligst verschwanden. Sie hatten das Gefühl, im Schneckentempo nach oben zu fahren. Im vierten Stock angekommen, gingen sie zielstrebig den Flur entlang zu Dicks Krankenzimmer. Plötzlich hörten sie Schüsse. Vicky und Jake rannten los. Mit ihren gezogenen Waffen stürmten sie das Zimmer und erfassten blitzschnell die Lage.

Dick Spencer saß aufrecht im Bett. In der Hand hielt er einen Revolver, den er jetzt langsam auf die Bettdecke sinken ließ.

 „Dick, um Gottes Willen, was ist passiert?“ fragte Vicky erleichtert, dass der Polizist offensichtlich am Leben war.

Jacob hingegen beugte sich bereits zu dem Körper hinunter, der vor ihnen am Boden lag. Er drehte den Mann auf den Rücken.

Vicky sah von Dick zu dem Mann am Boden und wieder zu Dick. „Wer ist das?“

 „Das ist Zack Boyd“, antwortete Dick langsam. „Ehemaliger Cop beim NYPD. Jetzt in Diensten des organisierten Verbrechens.“ Erschöpft ließ sich Dick Spencer in die Kissen zurücksinken und schloss die Augen. Der Revolver glitt aus seiner Hand und fiel zu Boden.

 „Er lebt noch“, sagte Jake, als sie ein Stöhnen vernahmen.

Vicky kniete sich nieder. „Können Sie uns hören?“ fragte sie.

Der Mann schnitt eine Grimasse. Er musste husten und spuckte Blut, gefolgt von einem schaurigen Grinsen. „Der Auftraggeber wollte das“, kam es schwach von den blutigen Lippen. „Ich habe…“ Er brach ab und schloss die Augen.

 „Was?“ fragte Jake. „Was haben Sie?“

Der Sterbende öffnete seine Augen noch einmal. „Ich habe nie…, niemals einem Unschuldigen etwas getan. Ich…, ich wurde reingelegt…“ Die letzten Worte erstarrten auf seinen Lippen. Langsam fiel der Kopf zur Seite. Der Mann war tot.

Fragend sahen sich Jake und Vicky an. Sie standen auf und blickten zu Dick, der die Augen geschlossen hielt. Langsam zückte Vicky ihr Telefon, um die Kollegen zu informieren.


New York; im Krankenhaus; Jake (Jacob), Vicky (Victoria), Steve Sinclair

 „Das musste ja so kommen“, meinte Steve Sinclair später, als der tote Zacharias Boyd abtransportiert wurde. „Seitdem er auf die schiefe Bahn geraten war.“

 „Dann wussten Sie also, dass er krumme Geschäfte machte“, stellte Victoria Thompson fest. Sie standen zusammen auf dem Krankenhausflur. Resigniert nickte Sinclair. „Er und die beiden anderen Kollegen, die in dem Keller erschossen wurden, arbeiteten zusammen. Auch Dick Spencer gehörte dazu, schien aber von den anderen dreien nie wirklich akzeptiert worden zu sein. Jetzt wird mir klar warum.“

 „Dann hat Boyd also in dem Keller mit den Spieltischen seine ehemaligen Kollegen ermordet“, meinte Jake Chandler.

 „Vielleicht eine Art Racheakt“, mutmaßte Sinclair. „Als wir ihn seinerzeit der Korruption überführten, meinte er, dass andere auch mit drinhängen würden und nannte ihre Namen. Aber da beide ihre Unschuld beteuerten und es keinerlei Beweise für ihre Mitschuld gab, wurde gegen sie nicht ermittelt.“

 „Also hatte man ihm nicht geglaubt“, meinte Vicky „und er hat auf eine Gelegenheit gewartet.“

 „Wie geht es Dick?“ fragte Jake an Vicky gewandt.

 „Er hat ein Beruhigungsmittel bekommen und schläft jetzt. Zu den Einzelheiten werden wir ihn erst morgen im Laufe des Tages befragen können.“

 „Ich nehme an, Ihre Sondereinheit übernimmt den Fall“, stellte Sinclair müde fest.

 „Wir übernehmen das, was von diesem Fall noch übrig ist“, stellte Vicky richtig.

 „Ganz offensichtlich gibt es einen oder mehrere Hintermänner“, meinte Jake. „Boyd sprach in seinen letzten Worten von einem Auftraggeber. Wir werden also herausfinden müssen, wer dieser Auftraggeber ist.“

 „Wir?“ fragte Vicky spitz und hob fragend die Augenbraue nach oben.

Jake ging jedoch nicht darauf ein, sondern wandte sich an Steve Sinclair. „Es wäre zumindest hilfreich, wenn wir zur weiteren Klärung zusammenarbeiten könnten.“ Er reichte ihm die Hand, die Sinclair bereitwillig ergriff.

Vicky wandte sich resigniert ab. Das war so ein typisches Männerding, bei dem sie sich als Frau ausgeschlossen fühlte. Sie ging leise hinaus und wartete vor dem Eingang des Krankenhauses.

 „Soll ich dich zum Appartement fahren?“ frage sie, als Jake endlich auftauchte.

Er schüttelte abwesend den Kopf und schien in sich hinein zu horchen.

Vicky beobachtete ihn aufmerksam. „Ist irgendetwas mit deinen Eltern?“ fragte sie ins Blaue hinein. Sie hatte zwar noch nicht alle Geheimnisse dieser seltsamen Familie ergründet, doch inzwischen konnte sie Jakes Gesichtsausdruck besser deuten.

Überrascht sah er sie an und wusste im ersten Moment nicht, was er antworten sollte.

 „Wir können noch einen Abstecher in die Tunnel machen“, bot Vicky an.

Bereitwillig nickte Jake ihr zu.


New York; in den Tunneln; Jake (Jacob), Vicky (Victoria), Catherine, Vincent

 „Das kannst du nicht tun.“ Aufgebracht stand Jacob in der Kammer seiner Eltern und sah seine Mutter vorwurfsvoll an.

Sie saß in dem breiten Lehnstuhl aus Holz und sah ihren Sohn entschlossen an. „Du musst das verstehen. Ich muss David einfach helfen. Er ist allein da oben, und niemand ist auf seiner Seite. Im Gefängnis wird er zugrunde gehen.“

 „Mom, das ist nicht deine Aufgabe. Er hat einen Pflichtverteidiger. Ich weiß, dass er mit den Morden nichts zu tun hat, und das wird bei der Gerichtsverhandlung sicher festgestellt werden. Das System funktioniert.“ Jake versuchte mit klaren Argumenten die Entscheidung seiner Mutter ins Wanken zu bringen.

 „Das System funktioniert nicht immer“, widersprach Catherine. „Und ich bin Anwältin.“

 „Du warst vor über 30 Jahren Anwältin. Die Dinge laufen heute anders“, entgegnete Jacob.

 „Ein Grund mehr, dass ich David helfe“, meinte Catherine prompt.

 „Vielleicht kann ich etwas tun“, schaltete sich Victoria in das Gespräch ein. „Ich könnte mich darum kümmern, dass er Hafterleichterung bekommt und auch um einen geeigneten Anwalt. Dann musst du nicht nach oben und…“

 „Ich werde David vor Gericht vertreten“, unterbrach Catherine sie vehement. „Ich bin es ihm schuldig.“

Einen Moment lang wurde es still in der Kammer. Catherine biss sich nervös auf die Lippen. Sie stand auf und wandte ihrem Sohn den Rücken zu, während sie langsam ein paar Schritte in der Kammer umher ging.

 „Warum?“ fragte Jacob mit eisigem Unterton in der Stimme. „Warum bist du es ihm schuldig? Und was hält Pa von der ganzen Sache?“

Catherine wandte sich wieder ihrem Sohn zu und sah ihm in die Augen. „Er…, er wird es verstehen.“

 „Wo ist er eigentlich?“ fragte Jacob, als würde ihm erste jetzt bewusst, dass sein Vater nicht anwesend war.

 „Er ist…“, Catherine zögerte. „Er wollte eine Weile für sich sein.“

 „Nachdem du ihm mitgeteilt hast, dass du nach oben gehen willst, um deinen alten Freund vor Gericht zu verteidigen“, stellte Jacob hart fest.

Catherine nickte resigniert und ließ sich erschöpft auf die Liege, die in der Kammer stand, fallen. Müde vergrub sie den Kopf in beide Hände.

Jacob sah seine Mutter an und fühlte sich hin und her gerissen. Vor sich sah er die Fremde, die doch auch seine Mutter war. Und gleichzeitig wünschte er sich, ihr nahe zu sein und sie verstehen zu können. Er presste die Lippen fest zusammen. Dann öffnete er sie wieder. „Ich lasse das nicht zu.“

Catherine hob ihren Kopf und sah ihn fragend an.

 „Ich lasse nicht zu, dass du Pa verletzt“, sprach er weiter.

 „Jake“, mahnte Victoria leise. „Das ist eine Sache zwischen deinen Eltern.“

Er wandte sich Vicky zu und wollte schon etwas sagen, als die große Gestalt seines Vaters im Eingang zur Kammer erschien.

Vincent blieb einen Augenblick stehen und erfasste die Szene und die Personen vor ihm.

 „Pa“, sprach Jacob als erster. „Ich habe gerade erfahren, dass Mom zurück nach oben gehen will.“

 „Ich gehe nicht zurück nach oben. Ich versuche, einem Freund zu helfen“, stellte Catherine erneut richtig.

Victoria verfolgte das Geschehen fasziniert und fühlte sich doch gleichzeitig wie ein Eindringling. Am liebsten hätte sie die drei alleine gelassen, doch sie kam unmöglich an Vincent vorbei, der im Eingang stehen geblieben war.

 „Ich halte das für einen großen Fehler“, sagte Jacob hart zu seiner Mutter. „Ich glaube, du läufst nur davon.“

 „Das ist nicht wahr“, widersprach Catherine entsetzt.

 „Jacob.“ Laut und deutlich sprach Vincent mit seiner rauen Stimme.

 „Pa?“ Fragend sah Jacob seinen Vater an.

Vincent seufzte tief auf. „Jacob, deine Mutter tut das Richtige.“ Er sah von seinem Sohn zu Victoria Thompson. „Bitte lasst uns allein. Es ist schon spät, und Catherine und ich haben noch einiges zu besprechen.“

 „Aber…“, wollte Jacob einwenden.

Da zog ihn Vicky am Arm mit sich. Widerstrebend gab Jake nach und ließ sich von ihr aus der Kammer führen.


New York; in den Tunneln; Catherine und Vincent

 „Denkst du das wirklich?“ fragte Catherine leise. Sie saß noch immer auf der Liege, während Vincent Schritt für Schritt auf sie zu kam. „Glaubst du wirklich, dass ich das Richtige tue?“

Vincent blickte ihr ins Gesicht und dann kurz nach unten, als suche er dort eine Antwort. Dann sah er wieder auf. Mit wenigen Schritten hatte er die Distanz zwischen ihnen überwunden. Er nahm sanft ihre Hände in seine großen beharrten. Ängstlich und hoffnungsvoll zugleich schaute Catherine hoch in das geliebte Gesicht.

 „Es tut mir leid“, sprach er endlich.

Verwirrt schüttelte Catherine den Kopf. „Aber…“

 „Es tut mir leid, dass ich dir nicht genug vertraut habe“, redete Vincent weiter. „Gerade ich müsste dich doch am besten verstehen und wissen, warum du das tust.“

 „Ich weiß, dass es seltsam für dich sein muss, wenn ich Entscheidungen treffe, die uns trennen.“ Sie lachte freudlos auf. „Ich müsste doch glücklich damit sein, einfach hier unten mit dir zusammen zu leben, ganz egal, was oben in der Welt passiert.“

Langsam setzte sich Vincent zu ihr auf die Liege. Noch immer hielt er ihre Hände mit seinen umfasst. „Aber es ist dir nicht egal, was oben mit den Menschen passiert, die du kennst. Und mir sollte es auch nicht egal sein, denn unser Sohn lebt dort oben in der Welt.“ Vincent seufzte. „Ja, ich weiß, du tust das Richtige. Und wir haben Zeit. Ich warte auf dich, und wenn du deinem Freund geholfen hast, kommst du zurück zu mir.“ Zärtlich sah er sie nun an.

Catherine hob vorsichtig ihre Hand und legte sie an seine Wange. Zärtlich lächelte sie ihn an. „Ich werde zu dir zurückkommen, Vincent. Immer. Und du wirst bei mir sein. Unser Band…“

Er führte ihre Hand an seine Lippen und küsste sie. „Ja, unser Band ist stärker denn je.“ Sacht zog er sie in seine Umarmung.


New York; in den Tunneln; Jake (Jacob), Vicky (Victoria), Luke

Vicky musste fast rennen, um mit Jakes weit ausgreifenden, zornigen Schritten mitzuhalten. „Jake“, rief sie zum wiederholten Male. „Jake, könntest du vielleicht aufhören, so zu rennen?“

Abrupt blieb er im Tunnel stehen und drehte sich zu ihr um. Er wartete, bis sie ihn endlich eingeholt hatte. Aus sturmumtosten Augen sah er sie an.

 „Warum bist du so wütend?“ fragte sie und spürte gleichzeitig, wie unnötig die Frage war. Natürlich war er wütend. „Ich verstehe ja, dass du verärgert bist, weil deine Mutter nach oben gehen will, um ihren Freund zu verteidigen, aber…“

 „Sie lässt Pa im Stich“, antwortete er heftig. „Und sie begibt sich selbst in Gefahr. Denk dran, dass du beinahe wegen ihr drauf gegangen wärst.“

Vicky hatte es nicht vergessen. Trotzdem fühlte sie nicht diese Wut, so wie Jake sie anscheinend empfand. „Sie bedeutet dir mehr, als du zugeben willst, nicht wahr.“

Er verzog das Gesicht und wandte sich ab.

 „Jake“, sagte Vicky sanft. „Es ist nicht schlimm, zuzugeben, dass man seine Mutter liebt.“

Abwehrend hob er den Kopf. „Ich kenne sie eigentlich gar nicht.“

 „Wäre es nicht an der Zeit, das zu ändern?“ Vicky sah ihn fragend an.

Jake drehte sich um und marschierte weiter in Richtung Ausgang. Er konnte Vicky nicht sagen, dass seine Mutter ihn besser kannte und mehr von ihm wusste, als jeder andere Mensch. Das war ein gefährliches Thema. Vor ihnen tauchte Luke wie aus dem Nichts auf, der heute Wachdienst hatte.

 „Halle Jake, hallo Vicky.“ Luke lächelte die brünette Polizistin an.

Vicky lächelte zurück. „Hallo Luke. Wie geht es deinen Eltern?“

 „Gut. Wann kommst du mal wieder für einen Abend nach unten?“ fragte Luke hoffnungsvoll.

 „Das kann ich noch nicht sagen“, antwortete Vicky. Sie spürte Jakes verärgerten Blick.

Böse sah Jacob die beiden an. Luke hatte den gleichen hypnotisierten Blick wie Dick Spencer, wenn er Vicky ansah. Das war noch etwas, dass ihn ärgerte und auf die Palme brachte. Wortlos wandte er sich ab.

 „Jake“, rief Vicky ihm nach, doch er hörte nicht auf sie.

Er hatte einiges zu tun.

Zurück im Appartement nahm er sein Telefon und wählte eine Nummer. Er musste nicht lange warten. „Ja hallo, Mr. Maxwell. Hier ist Jake Chandler. Ich wollte fragen, ob Ihr Angebot immer noch steht?“
 
 
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