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Auf dem Grund des Ozeans

von Jane Moon
GeschichteFantasy, Liebesgeschichte / P16 / MaleSlash
Fabeltiere & mythologische Geschöpfe
04.02.2021
15.03.2021
6
15.310
3
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04.02.2021 1.905
 
Dunkelheit. Einsamkeit. Traurigkeit.
Seine täglichen Begleiter.
Die Tür zu seiner Zelle öffnete sich, sein Essen wurde lieblos auf den Boden gestellt und schon schloss sich die Tür wieder. Kein Wort, kein Blick, nichts.
Wie immer.
Appetit hatte er keinen, nur der Hunger brachte ihn dazu, sich die karge Mahlzeit einzuverleiben. Er war so schon viel zu dünn.
Ungeliebt und verachtet.
Allein.

Es bestätigte ihn in seinem Entschluss. Er musste hier weg.
Zum Glück achtete niemand auf das, was er hier drin machte, so konnte er in Ruhe an dem Loch weiterarbeiten. Auch wenn es ihm leidtat, die Koralle zu beschädigen, brach er wieder einen kleinen Teil heraus, vergrößerte den Spalt, durch den er schon fast hindurch passte. Er blickte nach draußen, in die Dunkelheit. Freiheit.
Ein weiteres Stück brach mit einem unschönen Knacken heraus. Wieder ein kleines Stück, das ihm in der Seele wehtat und gleichzeitig ein kleiner Sieg für sein Leben bedeutete.
Ein drittes Mal knackte es. War es jetzt groß genug? Der Kopf, kein Problem. Schultern, mit etwas pressen und einigen Kratzern. Hüfte? Er stemmt sich mit allem, was er hatte, gegen die Mauer, wand sich wie ein Aal und kämpfte, als würde sein Leben davon abhängen.
Es knackte, ein scharfer Schmerz schoss durch seine Seite, dann war er draußen.
Die kleine Wunde würde heilen, wie alle anderen Kratzer.
Jetzt musste er erstmal weg.
Wohin? Egal!

Unsicher ließ er sich durch die Gassen treiben, wusste einfach gar nichts über die Stadt. Alles sah ganz anders aus, als er es in Erinnerung hatte. Gut, das war jetzt auch fast 13 Jahre her und die Erinnerung eines Kindes war nicht die Beste.
Es waren Stunden ins Land gegangen und er hatte vieles gesehen, das er nicht verstand oder das ihm Angst machte, wie die zwielichtigen Typen an der Ecke vor ihm.
Es war mitten in der Nacht und kaum noch jemand unterwegs, aber irgendwo musste er die Wächter doch finden. Oder?
Er wusste aus seinem Kindesunterricht, dass man sich immer an die Wächter wenden konnte, wenn es Probleme gab. Also musste er sie nur finden.
Ziellos irrte er durch die Gegend, wusste schon lange nicht mehr wo er war oder wohin er sich wenden sollte.
„Hey. Ist alles in Ordnung?“, sprach ihn plötzlich jemand an. Erschrocken wich er zurück, versuchte sich zu verstecken und zitterte vor Angst.
„Alles in Ordnung. Ich bin ein Wächter. Du siehst aus als könntest du Hilfe gebrauchen.“
Langsam kam er wieder hervor, war unendlich erleichtert, endlich einen der Wächter gefunden zu haben.
„Ja, ich brauche Hilfe. Ich habe die halbe Nacht nach den Wächtern gesucht, wusste aber nicht wo und bin herumgeirrt“, gestand er kleinlaut.
„Okay, kein Problem“, meinte der Wächter sanft und lächelte freundlich, „Du bist verletzt, sehe ich das richtig?“
Er nickte langsam.
„Komm mit. Unser Zentrum ist nicht weit von hier, dann können wir deine Wunde versorgen und du erzählst mir was das Problem ist. Okay?“
„Ja.“ Vorsichtig trieb er auf ihn zu und folgte ihm dann auch. Er war nur froh, dass seine Suche ein Ende hatte.

„Das brennt jetzt ein kleines bisschen“, warnte ihn die Wächterin, die grade seine Kratzer versorgte.
„So, nun sag, was ist passiert? Wer bist du und warum suchst du uns?“, fragte der Wächter, der ihn mitgenommen hatte.
„Ich bin Kalani. Ich bin von zuhause geflohen und weiß nicht, an wen ich mich wenden soll.“
„Warum bist du geflohen?“, hakte der Wächter nach.
„Meine Eltern haben mich fast mein ganzes Leben eingesperrt. Ich habe außer des Kindesunterrichts nie etwas außerhalb meines Zimmers gesehen.“
„Wie bitte?! Warum haben sie das getan?“, fragte der Wächter erbost.
„Ich bin ein Träger. Sie empfinden mich als Schade“, flüsterte er und senkte den Kopf.
Die beiden Wächter tauschten einen Blick.
„Haben sie dir noch andere Dinge angetan?“, fragte die Wächterin.
„Manchmal wurde ich geschlagen, aber nicht oft. Meistens wurde ich einfach nur ignoriert. Auch meinen Geschwistern haben sie immer beigebracht, ich wäre nicht würdig zu leben.“
Wieder tauschten die beiden einen Blick.
„Okay. Wir müssen dem auf jeden Fall nachgehen. Das verstößt jetzt schon ungefähr ein halbes Dutzend Gesetzte. Sag, wer sind deine Eltern?“
„Nakoa und Manila.“
„Und wo wohnen deine Eltern?“
„Ich… weiß es nicht so genau, weil ich keine Orientierung hier draußen habe“, gestand Kalani kleinlaut und zog den Kopf ein.
„Kein Wunder“, meinte der Wächter kopfschüttelnd, „wie lange warst du eingesperrt?“
„Etwa 13 Jahre.“
„Eine lange Zeit. Es war sehr gut, dass du uns gesucht hast“, meinte die Wächterin und streichelte ihm kurz über den Rücken. Ein Lob. Er wurde gelobt. Etwas ganz Neues.
„Kannst du dich an irgendwelche Einzelheiten von deinem Zuhause erinnern? Besondere Steine oder Korallen?“
Kalani zuckte zusammen.
„Die Rückseite der Höhle besteht aus einer riesigen Korallenwand, aus der ich ein Stück rausbrechen musste um zu entkommen. Der Fels ist sehr glatt und relativ hell. Eine große Höhle. Relativ wenig Nachbarn glaube ich.“
„Ich habe eine grobe Ahnung, was er meinen könnte. Südlicher Bezirk, die Sandsteinhöhlen.“
„Ja, denke ich auch“, nickte die Wächterin. „Was machen wir mit ihm? Er ist alleine und ohne jede Kenntnis über seine Umgebung völlig Hilflos.“
„Ich würde sagen, er bleibt heute Nacht bei uns und morgen fragen die Naola nach einer Unterkunft für ihn. Er wird sicherlich einige Zeit Hilfe brauchen um sich im Alltag zurecht zu finden.“
„Das ist eine gute Idee. Willst du seine Eltern heute noch suchen gehen?“
„Ja, definitiv. Wenn sie rausbekommen, dass er weg ist, könnten sie abhauen, um sich uns zu entziehen.“
„Das glaube ich nicht. Meine Eltern sind vollkommen davon überzeugt, dass ihr Handeln richtig ist. Außerdem werden sie frühestens übermorgen mitbekommen, dass ich weg bin. Außer an den Essenstagen haben sie nie mein Zimmer betreten und auch nie geschaut, ob ich da bin oder nicht. Wahrscheinlich freuen sie sich, dass ich weggelaufen bin und sie mich nicht mehr durchfüttern müssen“, meinte Kalani leise.
„Essenstage?“, fragte die Wächterin.
„Ja, alle drei Tage bekam ich etwas zu essen.“
Der Blick den die Wächterin an ihren Kollegen richtete hätte nicht mehr Zorn beinhalten können.
„Wann hast du das letzte Mal etwas zu essen bekommen?“
„Heute.“
„Gut. Keine Sorge, wir passen besser auf dich auf.“
„Danke.“
„Du siehst Müde aus. Möchtest du ein bisschen Schlafen? Hier kann dir nichts passieren“, fragte die Wächterin sanft.
„Wenn ich Niemandem zur Last falle, gerne.“
„Nein, tust du nicht. Komm ich zeig dir deinen Schlafplatz für die Nacht.“

In einem Nest liegend, das so bequem und viel gemütlicher als der Steinboden seines Zimmers war, rollte er sich zusammen, konnte aber die beiden Wächter noch leise reden hören.
„Ich kann nicht fassen, dass es sowas noch gibt. Ich dachte eigentlich unsere Gesetzte wären eindeutig“, meinte die Wächterin.
„Ja. Wie ich solche Leute nicht ausstehen kann. Ich nehme Laka und Hoku mit und schau mich schon mal um. Vielleicht finden wir die Eltern des Jungen ja relativ schnell.“
„Mich würde interessieren, ob sie die Geschwister auch alle so verdreht haben.“
„Mit Sicherheit. Wir werden sehen, was wir mit denen machen. Seine Eltern werden jedenfalls einige Zeit hinter Gittern verbringen.“

Damit verschwanden sie aus seiner Reichweite. Er hatte entsetzliche Angst, dass sein Vater ihn vielleicht doch noch umbringen könnte, wenn die Wächter ihn hier her brachten. So wie er es ihm des Öfteren an den Kopf geworfen hatte.
Kalani rollte sich noch enger zusammen und sank langsam in den Schlaf.

Am nächsten Morgen erwachte er und fühlte sich einfach nur noch hundeelend.
Die Angst, wieder auf seine Eltern zu stoßen, fraß sich durch seine Knochen.
Als die Wächter grade nicht aufpassten, verschwand Kalani ungesehen.
Er würde nicht hier hocken und darauf warten, dass sie ihm wieder weh tun würden.
Er würde einen Weg finden alleine zu überleben.
Irgendwie.


Das war jetzt sechs Tage her.
Wenn sein Magen nicht bald aufhörte so laute Geräusche von sich zu geben, würde ihm sein Versteck auch nichts mehr bringen. Der Hunger war unerträglich, seine Kräfte schwanden in beängstigender Schnelle - und das nicht nur durch die Leere, die an seinen Gräten nagte, sondern auch durch die beginnende Phase, die ihm Hitzewellen durch den Körper jagte.
„Verfluchter Mist“, murmelte Kalani in die Dunkelheit. Er hatte keine Wahl, er musste versuchen etwas zu essen zu finden, bevor seine Phase ihn unbrauchbar machte, weil er die nächsten Tage sonst nicht überleben würde. Wobei, dachte er bei sich, warum sollte er für sein Leben kämpfen? Er war doch sowieso nur ein Missgeschick der Natur. Vielleicht wäre es besser, wenn er einem der Haie direkt ins Maul schwamm. Dann hatte er es wenigstens hinter sich. Zurück konnte er nicht mehr und vorwärts gab es auch nichts für ihn. Warum also leben, wenn es sowieso beschissen war. Gedanken, die ihn schon seit seiner Flucht beschäftigten.
Kalani schloss die Augen, versuchte gar nicht erst den Schmerz in seinem Inneren zu bekämpfen, es hatte ja eh keinen Sinn. Mit einem kurzen Schlag seiner Flosse glitt er aus dem Loch in der Felswand und ließ sich ein Moment von der Strömung treiben, eher sich umsah. Riffe, nichts als Riffe, dunkelgrau und unheimlich.
Er drehte den Kopf und sah grade noch im letzten Moment einen Hai auf sich zukommen. Scheiße!
Mit einer schnellen Drehung flitze er zwischen den scharfen Kanten des Riffs hindurch und tauchte zwischen zwei Spalten ab, hoffte, dass der Schlitz zu schmal war für den Hai.

War er, allerdings war sein Versteck nicht wirklich groß genug für seinen Körper, so dass er nur ein winziges Stück von den scharfen Zähnen entfernt war. Einem Hai ins Maul zu sehen war nicht sonderlich schön, eher gruselig.
Es dauerte eine ganze Weile, bis der Hai aufgab und wegschwamm, allerdings befürchtete er, dass er wiederkommen könnte. Bis dahin wollte er möglichst weit weg sein. Vorsichtig schaute er aus dem Spalt, schlüpfte dann hinaus und schlängelte sich unauffällig aus der Schlucht.
Problematisch nur, der Hai folgte seinem Geruch.
Es war fast zu spät, als Kalani seinen Fehler bemerkte. Er versuchte so schnell er konnte zu flüchten, doch der Hai bekam seine Flosse zu fassen und riss ihm ein kleines Stück heraus.
Noch bevor Kalani sich wieder gefangen hatte, rammte der Hai ihn, ohne jedoch zu zubeißen, dafür mit viel Kraft in die Seite. Taumelnd versuchte er sich zu winden, allerdings ließen seine Kräfte immer mehr nach.
Plötzlich wurde ihm klar, dass das der Moment war auf den er gewartet hatte. Sollte der Hai ihn doch zerreißen, dann hatte seine Flucht, sein Leid und sein Leben ein Ende.
Er seufzte leise, drehte sich dem Hai zu und öffnete ihm schon fast freundschaftlich die Arme.
Wenn er hier und jetzt sein Leben aufgab …

Plötzlich rammte etwas den Hai zur Seite und flüssige Dunkelheit breitete sich zwischen ihnen aus.
Was bei Neptuns Dreizack war das?
Er wurde beiseite geschubst und knallte dabei mit dem Kopf gegen etwas Hartes. Das Letzte, das er sah, bevor ihm die Lichter ausgingen, waren dunkle Schatten, die sich ihm näherten.


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Kleine Begriffserklärung:
Wächter = Sozusagen die Unterwasserpolizei
Träger = ein nach außen hin junger Mann, der aber zusätzlich weibliche Geschlechtsorgane besitzt und daher Kinder gebären kann
Phase = Träger haben ähnlich der weiblichen Periode jeden Monat eine "Phase", in der Zeit schütten sie Unmengen an Pheromonen aus, die eigentlich dazu da sind Geschlechtspartner anzulocken. Leider macht es dir Träger nahezu Machtlos. Sie sind in der Phase sehr angreifbar und unterwerfen sich jedem, der ihnen an die Schuppen geht.

Bei Fragen stehe ich gerne zur Verfügung, aber vieles erklärt sich auch noch in den nächsten Kapiteln
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Bis demnächst :D

Mooni
 
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