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Harry Potter und die Rückkehr des Schlangenlords

von Rowanna
GeschichteFamilie, Freundschaft / P12 / Gen
Albus Dumbledore Godric Gryffindor Harry Potter Neville Longbottom Salazar Slytherin Severus Snape
03.02.2021
12.09.2021
56
219.075
267
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Dieses Kapitel
8 Reviews
 
10.02.2021 2.550
 
Hallo allerseits,
ich bin sprachlos, wie viele Rückmeldungen diese Geschichte in der letzten Woche erhalten hat. Vielen Dank für eure Unterstützung!
Und jetzt viel Spaß mit dem Kapitel!

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Salazars Plan begann an einem ungemütlichen Oktobernachmittag. Um die Häuser pfiff ein kalter Wind  und Tante Petunia hatte schon zweimal die Fenster geputzt, damit der Regen keine Spuren auf den Scheiben hinterließ. Gut gelaunt hüpfte er die Stufen bis zum Badezimmer hinauf und klaute einen von Tante Petunias Zahnstochern aus der bereit stehenden Dose. Während sie nun das Wohnzimmer saugte, setzte sich Harry vor eine Steckdose. Er achtete darauf, sich genau im Blickfeld seiner Tante zu befinden, während er mit dem Zahnstocher zu spielen begann. "Das ist die Schlange", sagte er gut gelaunt und zog mit dem Zahnstocher kreisende Bewegungen über den Boden. Er grinste in Richtung der Steckdose. "Und das ist der Bau." Er ließ den Zahnstocher auf die Steckdose zukriechen und machte Anstalten, ihn hineinzustecken.

Harry brauchte drei Anläufe bis seine Tante mit einem schrillen Kreischen an seiner Seite war. Grob packte sie ihn am Arm und zog ihn von der Gefahrenquelle fort. Sorge und Ungeduld kämpften auf ihrem Gesicht und die Ungeduld gewann. "Du dummer Junge!", kreischte sie. "Habe ich dir nicht gesagt, dass du dich von den Steckdosen fern halten sollst!? In den Schrank mit dir! Bis zum Abendessen will ich dich nicht mehr sehen!"
Harry schlurfte brav zu seinem Schrank und zog die Tür hinter sich zu. "Sie hat eindeutig besorgt geguckt. Nur kurz, aber ich habe es gesehen", sagte er zu seiner Stoffschlange, die er nach sorgfältigem Überlegen Smaragd getauft hatte. Die schwarzen Knopfaugen schauten ihn ermunternd an. Und Harry schritt zu Teil Zwei seines Planes.

Tante Petunia hatte ihren üblichen Platz hinter den Gardinen eingenommen und spähte zu den Nachbarn herüber, deren Weihnachtsbeleuchtung warm und behaglich zu ihnen herüber strahlte. "Nur zwei Lichterketten“, murmelte Petunia. "Das nenne ich geizig. Da sieht man, dass ihnen Weihnachten und ihre Familie nicht wichtig sind. Ich brauche einen Weihnachtsmann für den Garten. Und eine Lichterkette mit Sternen für jedes Fenster. Eiszapfen wären auch nicht schlecht..."
Während seine Tante geschäftig vor sich hin murmelte, zog sich Harry leise seine Jacke über und schlüpfte durch die Haustür. Er wartete in der Nähe von Petunias Fenster, gerade außerhalb ihrer Sichtweite, bis ein Wagen um eine Kurve bog und auf die Straße zwischen den Häusern zuvor. Harry achtete darauf, den richtigen Moment zu erwischen. Dann hüpfte er scheinbar unbesorgt auf die Straße, vorgebend, das auf ihn zurasende Auto nicht zu sehen. Bremsen quietschten und der Wagen fuhr einen Schlenker um dem spielenden Kind auszuweichen. Harry taumelte "erschreckt" zurück und begann zu weinen. Der Fahrer hielt und stürmte aus dem Auto. "Oh mein Gott! Junge, geht es dir gut?"
Im nächsten Moment war Tante Petunia an der Tür. "Du unvernünftiger, rücksichtsloser Satansbraten!" Sie packte Harrys Arm und zog ihn hinter sich her. "Entschuldigen Sie!", rief sie in Richtung des Fahrers und schleifte Harry ins Haus. Kaum war die Tür hinter ihnen zugefallen, fuhr sie mit blitzenden Augen zu ihm herum. "Mach mich nie, nie wieder vor anderen Leuten so lächerlich!", zischte sie.
Angst und Wut zitterten auf den bleichen Zügen seiner Tante, doch Harry konnte nicht sagen, ob es die Angst um ihn war, die sie antrieb, oder die Angst, auf die Nachbarschaft einen schlechten Eindruck zu machen. Er ließ den Kopf hängen und nickte.

Er bekam eine Woche Schrank. Das war die härteste Strafe, die er bisher bekommen hatte. Harry nutzte die Zeit, um Kriegsrat mit Smaragd zu halten.
"Ich dachte, bei ihr wäre es am leichtesten", sagte Harry, während er sich tapfer bemühte, nicht zu weinen. "Ich meine, sie kümmert sich um mich. Sie macht mir Essen und gibt mir Sachen zum Anziehen." Verloren nahm er seine Schlange und hob sie empor. "Ich meine, das muss doch etwas bedeuten."
Er setzte sich in den Schneidersitz, ein winziger Teil von ihm nahm zur Kenntnis, dass er eine Meditationshaltung einnahm. "Ich dachte, sie hat vielleicht Angst um mich, wenn es so wirkt, als würde mir was passieren. Ich dachte, dann merkt sie vielleicht, dass ich ihr etwas bedeute." Er ließ sich nach hinten in sein Kissen fallen. "Aber sie ist nur wütend." Er nahm seine Plüschschlange und drückte sie an sich. "Ich muss etwas anderes versuchen". Lange Zeit starrte er an die Decke seines Schranks. Dann lächelte er traurig und flüsterte Smaragd seine Idee dorthin, wo er das Ohr der Schlange vermutete. "Meinst du, das könnte funktionieren?", fragte er das Stofftier hoffnungsvoll. Ein kleiner Spalt Licht drang in die Dunkelheit des Schranks und spielte auf dem freundlichen Gesicht des Stofftiers. Es mochte nur eine Täuschung sein, doch für einen Moment wirkten die Züge der Schlange aufmunternd. Ein kleiner Teil in ihm amüsierte sich darüber, dass er mit einer Stoffschlange sprach. Aber eine Stoffschlange war nun mal besser als gar keine Schlange. Und wenn es nach Godric ging, war er ohnehin verrückt.

Von nun an beobachtete er Petunia mit großer Sorgfalt. Er merkte sich genau, wie sie Blumen in einer Vase arrangierte und welche Sorten sie mochte. Er schaute, wann sie welche Arbeit verrichtete, was sie störte und was sie besonders freute. Als er glaubte, genug Informationen gesammelt zu haben, schlich er zu dem kleinen Blumenladen, der sich eine Straße weiter befand.
Eine ältere Dame mit weißem, gekraustem Haar blickte von ihrer Arbeit auf und lächelte ihm zu. "Nanu? Hast du dich verlaufen?", fragte sie freundlich.
Harry erwiderte ihr Lächeln offen und schüttelte den Kopf. "Ich wollte hierher kommen! Hier gibt es so schöne Blumen!" Er drehte sich einmal um sich selbst und strahlte sie an.
Sie schmunzelte. "Und du bist ganz alleine hier? Wo sind deine Eltern?"
Harrys Lächeln erstarb. "Die sind bei einem Autounfall gestorben", murmelte er. "Ich lebe bei meiner Tante und meinem Onkel."
"Oh du armer, Kleiner", rief die Frau aus und kam hinter dem Tresen hervor.
Harry schaute sie groß an. "Darf ich dir ein Geheimnis sagen? Aber du darfst es nicht verraten?"
Die Frau lächelte. "Natürlich verrate ich dich nicht."
Er senkte die Stimme. "Ich möchte meiner Tante eine Blume schenken. Sie schaut immer so traurig."
Die Verkäuferin blickte ihn warm an. "Du bist aber ein lieber junge. Dann such dir doch eine schöne Blume aus und ich packe sie ein, ja?"
Verlegen blickte Harry zu Boden. "Ich habe kein Geld..." hastig blickte er sie an. "Aber ich gieße den ganzen Laden, wenn du möchtest. Ich weiß auch wie man den Boden putzt!"
Die Verkäuferin lachte. "Nicht nötig, mein Kleiner. Suche dir eine Blume aus. Ich schenke sie dir."
Harry strahlte sie an mit dem gesamten Charme eines Fünfjährigen.
Kurze Zeit später verließ er mit einer liebevoll eingepackten Begonie den Laden. Er holte Smaragd soweit aus seiner Jackentasche, dass der Kopf der Schlange herauslugte und lächelte dem Stofftier zu. "Das hat doch gut geklappt, oder? Hoffentlich freut sie sich."
Die Augen des Stofftiers funkelten.
"Meinst du, ich soll sie in eine Vase auf den Tisch stellen? Oder ihr lieber gleich in die Hand geben?"
Nachdenklich verschränkte er die Arme hinter dem Rücken. "Ich hoffe, pink war richtig. Weiß mag sie auch. Und natürlich Rosen. Aber die hat sie auch im Garten..."
Munter vor sich hin schwatzend trat Salazar den Heimweg an. Auf keinen Fall ließ er sich anmerken, dass er bemerkt hatte, dass ihn ein dunkel gekleideter Mann von der anderen Straßenseite her beobachtete. Und als der Mann unauffällig auf seine Seite wechselte, um ihn zu verfolgen, machte Salazar auf der Straße einen kleinen Hopsa-Lauf. Sollte dieser Mann ruhig glauben, dass er einen nichts ahnenden Fünfjährigen verfolgte. Sollte sich zeigen, dass er einem Kind tatsächlich etwas antun wollte, würde er sein blaues Wunder erleben.

XXX

Alles in allem hatte sich Severus Snape Harry Potter anders vorgestellt.

Nachdem er eine Reihe von jämmerlichen Aufsätzen korrigiert hatte, hatte er sich etwas die Beine vertreten wollen. Und da seine Laune ohnehin nicht schlechter werden konnte, hatte er  in einem Anflug von Selbstpeinigung den See aufsuchen wollen, an dem er oft mit Lily gespielt hatte.

Stattdessen hatte er Potter gefunden.

Er hatte ein verzogenes Balg erwartet. Einen Prinzen, dem alles zufiel, der von oben bis unten verhätschelt wurde. Dass der Junge mit fünf Jahren draußen alleine unterwegs war, mochte noch angehen. Immerhin war auch sein Vater ständig davongeschlichen, um mit seinen Spießgesellen nichtsnutzige Streiche auszuhecken.
Dass er eine verpackte Begonie  in der Hand hielt, die gewiss nicht für ihn bestimmt war, machte ihn schon eher stutzig. Dass er in der anderen Hand eine Stoffschlange trug, auf die er fröhlich einplapperte, passte dann schon gar nicht in sein Bild. Und dann auch noch eine Schlange! Der künftige Goldjunge von Gryffindor trug keinen Löwen, sondern eine Schlange mit sich spazieren. Die Ironie der Angelegenheit ließ ihn eine Augenbraue hochziehen. Als wenn der Junge seine Gedanken gehört hätte, fing er in dem Moment an zu hüpfen. Das Bild war so fröhlich, so voller Unschuld, dass er unweigerlich an ein anderes Kind denken musste. Eines, das er ganz hier in der Nähe an einem Spielplatz getroffen hatte. Der Gedanke tat weh und er verbannte ihn sogleich in den hintersten Winkel seines Geistes.
Auch wenn der Potterspross mit einer Schlange sprach, er war immer noch James Potters Sohn. Schon von Weitem konnte man es an diesem Nest aus unentwirrbarem Haar erkennen. Er konnte nicht zulassen, mehr von Lily in dem Kind zu sehen als irgend möglich. Er würde das Kind hassen müssen. Es gab keine andere Möglichkeit. Und er würde das Kind lehren, auch ihn zu hassen. Die Straße war fast leer. Eine alte Dame mit Hund kam ihnen entgegen. Sonst war es ruhig. Er hielt seinen Zauberstab im Innern seines Mantels verborgen, als er ihn langsam auf den Jungen richtete und die passenden Worte flüsterte.

Mit ausdruckslosem Gesicht beobachtete er, wie sich das Stofftier in eine echte Schlange verwandelte.
Severus Snape hatte erwartet, zu sehen wie sich die Augen des Jungen in Panik weiteten. Wie er mit einem Schrei das Stofftier losließ. Wie er auf seinen Hosenboden fiel und davon rannte.

Nichts davon geschah.

Harry Potter lächelte.

Und die jetzt lebendige Schlange streichelnd, als wäre nicht geschehen, wandte er sich langsam zu Snape.
"Sie sind ein Zauberer", stellte er fest.
Snape stutzte. Hatte Petunia ihm tatsächlich etwas über die magische Welt erzählt? Er hätte es nicht für möglich gehalten.
"Wie haben Sie das gemacht?", fragte der Junge fasziniert. Alles in allem wirkte er erstaunlich glücklich für jemanden, dessen Stofftier gerade in eine Schlange verwandelt worden war.
Und Snape war sich ziemlich sicher, noch nie von einem kleinen Jungen so angestrahlt worden zu sein. Er hatte diese Wirkung nicht auf Kinder. Er hatte auch nie vor, eine solche Wirkung zu erzielen.  Er erzeugte Angst bei Kindern, er quälte sie so lange, bis sie weinten, bei einigen erzeugte er Hass und Wut. Aber keines, wirklich kein Kind strahlte ihn an. Das war Pomonas oder seinetwegen auch Dumbledores Aufgabe. Und wieder stieg die Erinnerung eines kleinen rothaarigen Wirbelwindes in ihm auf. Eines Mädchens, das nicht auf seine heruntergekommene Kleidung geachtet hatte, sondern einfach mit einem Grinsen im Gesicht die Hand nach ihm ausgestreckt hatte. "Hallo, ich bin Lily Evans."
In diesem Moment grinste der Potter-Junge ihn an und streckte die Hand aus. "Hallo übrigens. Ich bin Harry Potter."
Beinah hätte er die Hand des Jungen genommen. Aber nur beinah. Stattdessen zog er beide Augenbrauen hoch. Als er nicht antwortete, trat der Junge vor um einen besseren Blick auf seinen Zauberstab zu erhaschen. "Damit haben Sie...?"
"Schauen Sie nicht so", sagte Snape kalt. "Jemand wie Sie wird so etwas ohnehin niemals vollbringen."
Die Schlange, die sich um die Hand des Jungen gewunden hatte, zischte ihn an. Doch der Junge strich ihr beruhigend über den Kopf und gab selbst einige zischende Laute von sich.
Snapes Atem setzte aus. Das war keine Phantasiesprache. Er kannte diese Laute. Er kannte sie so gut, dass sie ihn noch immer in seine Alpträume verfolgte.

Potter sprach Parsel.

Für einen Moment war er sich sicher, dass der Junge sein Erschrecken bemerkt hatte. Aber das war unmöglich. Wie immer hatte er seine Gesichtszüge völlig unter Kontrolle. Es gab nichts zu sehen. Selbst der dunkle Lord hatte nie etwas gesehen. Und Potter war ein kleines Kind.

Was immer Potter gesehen oder nicht gesehen hatte, seine Worte ließen den Jungen absolut unbeeindruckt. Er sah auf und begegnete Snapes Augen. "Das wissen Sie nicht", entgegnete er ernst. „Die Frage an dieser Stelle ist eher, warum Sie solchen Wert darauf legen, mich zu verunsichern.“ Dann kehrte das Lächeln auf seine Züge zurück. "Ich muss unbedingt wissen, wie ich mit Zauberern Kontakt aufnehme. Sie müssen mir helfen!"
Snape musste hier fort. Er war nicht empfindsam, er war nicht sensibel. Es gab nur zwei Gespenster, die ihn jagten.
Seine Zeit als Todesser.
Und Lily Tod.
Potter hetzte sie beide auf ihn. Er musste weg.
"Ich muss gar nichts", schnarrte er. Dann rauschte er mit wehendem Mantel davon.
"Warten Sie!", rief ihm der Junge nach. "Ich wollte Sie nicht verärgern! Bleibt mein Stofftier jetzt lebendig?"
Snape wandte sich nicht noch einmal um.
Potter hatte Lilys Augen.
Potter hatte Lilys Lächeln.
Und für einen winzigen Moment hatte er gewirkt wie ein kleiner dunkler Lord.

XXX

Als Harry zurück in den Ligusterweg Nummer 4 schlüpfte, kam ihm Petunia bereits entgegen. "Du schlimmer, schlimmer Junge!", kreischte sie. "Einfach abzuhauen! Du bist genauso nichtsnutzig wie deine Eltern!"
Harrys Schultern sanken in sich zusammen.
"Was hast du da?", fragte seine Tante und griff nach der Blume in seiner Hand.
"Eine Begonie", flüsterte Harry. "Deine Lieblingsblume. Für dich."
Einen langen Moment starrte ihn Petunia an. Ihre Lippen bewegten sich, ohne das ein Wort hervorkam. "Du schenkst mir Blumen?", fragte sie schließlich leise. Ihre Augen verengten sich misstrauisch. "Wo hast du das Geld her?"
"Ich habe angeboten, den gesamten Laden zu gießen. Und den Boden zu putzen", sagte Harry rau.
Er hob den Blick, schaute seiner Tante hoffnungsvoll in die Augen. "Nimmst du sie?"
Seltsam unbeholfen nahm Petunia die Blume entgegen. "Danke, Harry", sagte sie steif.
Harry nickte erleichtert. Tränen flossen in seine Augen und hastig wischte er darüber. "Ich hab dich lieb, Tante Petunia", flüsterte er.
Seine Tante blickte ihn an, als sehe sie ihn zum ersten Mal. Sie holte einige Male tief Luft. "Holen wir dich erst mal aus der Jacke raus", sagte sie. "Und dann stellen wir die Blume in eine Vase."
Noch immer mit Tränen in den Augen lächelte ihr Harry vorsichtig zu. Und Petunia lächelte genauso vorsichtig zurück.

Die Jacke allerdings behielt er an. Er war sich sicher, Tante Petunia hätte trotz allem nicht gefallen, dass er darunter eine Schlange versteckte.
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