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About Magic

GeschichteDrama, Familie / P18 / Het
Filius Flitwick Hermine Granger OC (Own Character) Ronald "Ron" Weasley Rose Weasley Severus Snape
03.02.2021
23.06.2021
42
215.348
48
Alle Kapitel
277 Reviews
Dieses Kapitel
7 Reviews
 
 
03.02.2021 5.394
 
Setting: Die Geschichte berücksichtigt den kompletten Buch-Canon und spielt elf Jahre nach dem Ende des Krieges.
Disclaimer: Alles, was euch bekannt vorkommt, ist Eigentum von J. K. Rowling, die ich offensichtlich nicht bin. Der Rest ist meins. ^^
Kommentar: Der Anfang dieser Geschichte ist ein echtes Fossil; ich hab sie vor inzwischen gut elf Jahren angefangen zu schreiben, wenn ich den Änderungsdaten mancher Dateien glauben darf. Die ersten sieben Kapitel hab ich damals geschafft und eigentlich hab ich nicht damit gerechnet, sie jemals zu beenden. Aber wirklich vergessen konnte ich den Plot auch nicht, also hab ich den Anfang letztes Jahr nochmal gelesen und beschlossen, sie jetzt doch noch fertig zu schreiben. Manche Aspekte dieses Plots könnten euch bekannt vorkommen, denn ich hab sie auch in anderen Geschichten genutzt; entstanden sind sie aber für diese.
Die Geschichte ist mit 75 Kapiteln die längste Geschichte, die ich je geschrieben habe. Dementsprechend braucht sie Geduld, nicht nur meine, sondern auch eure. Es ist ein komplexer Plot, der Erzählzeit braucht. Wenn ihr also mehr an Romantik und Shipping interessiert seid, seid ihr hier falsch. Wenn ihr Ron nicht leiden könnt, seid ihr hier ebenfalls falsch. Ich mag Ron, er ist ein großartiger Kerl. Und Hermine liebt Ron. Aufrichtig. Er wird in dieser Geschichte kein Idiot und kein Arsch sein. ;)
Updates wird es dieses Mal mittwochs und sonntags geben. Der alle drei Tage-Rhythmus letztes Mal hat mich ständig durcheinandergebracht. Ich werde alt, ich brauche was Regelmäßiges. XD
Ein großes Dankeschön geht an Moana Nahesa fürs Betalesen und den großartigen Gedankenaustausch, der die Geschichte einfach besser gemacht hat.
Außerdem an meine beste Freundin für ihr offenes Ohr und ein paar ziemlich gute Ideen und an Romana1005 und CoraGranger für das Beantworten meiner medizinischen Fragen.
Dank euch ist die Geschichte heute das, was sie ist.
Warnings: Es wird düster, auch wenn es am Anfang nicht so wirkt. Es gibt Sex, selbstverletzendes Verhalten, Suchtthematiken, viele, viele Tränen, ein bisschen Gewalt, ein paar Tote und eine Menge zweifelhafter Entscheidungen. Lesen also wie immer auf eigene Gefahr. ^^


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About Magic

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Kapitel 1 – Merlins Schoß

No time for rest,
no pillow for my head.
Nowhere to run from this,
no way to forget.
Around, the shadows creep
like friends, they cover me.
Just wanna lay me down and finally
try to get some sleep.

(SVRCINA – Meet me on the Battlefield)


 Ronald Weasley nickte dem Sergeant zu, als er an ihm vorbeiging und die Wohnung betrat. Er duckte sich unter dem Absperrband hindurch und blieb auf der anderen Seite kurz stehen. Das Tuscheln der neugierigen Nachbarn war bis hierher zu hören, obwohl es so früh am Morgen war.

 „Ich weiß, du hast Urlaub“, hatte Harry gesagt, als er ihn vor einer Stunde geweckt hatte, „aber bei Judes Frau haben die Wehen eingesetzt und die haben eine suspekte Leiche in Doncaster gefunden. Ich hab niemanden, der sie sich angucken kann. Kannst du vielleicht …? Ginny passt auch auf Rose auf.“ Also war er hergekommen, in diese merlinverlassene Wohnsiedlung in Doncaster.

 Seitdem der Premierminister über den zweiten Voldemort-Krieg ins Bild gesetzt worden war, hatte er daran gearbeitet, die Verbindungen zwischen Magier- und Muggelengland nicht wieder abreißen zu lassen. Das ging soweit, dass jede suspekte Leiche vor ihrem Abtransport in die Gerichtsmedizin von einem Auror begutachtet wurde – nur um magische Umstände sicher ausschließen zu können. Suspekte Leichen waren dabei fast alle, die keine Kugel im Körper stecken hatten oder im Altersheim gestorben waren. Ron hatte schon einige Muggelleichen inspiziert, aber keine davon war in ihren Zuständigkeitsbereich gefallen.

 Mit unbewegter Miene sah er sich nach rechts um; eine kleine Küche ging vom Flur ab. Der Kühlschrank summte leise und auf dem PVC-Boden führte eine dünner werdende Spur aus Katzenstreu zum Fensterbrett. Einige Pflanzen welkten dort vor sich hin.

 Er ruckte kurz mit dem Kopf, um eine seiner roten Haarsträhnen aus dem Gesicht zu schütteln, und belegte seine Hände mit einem Schutzzauber, während er den Stimmen folgte. Als er das Schlafzimmer betrat, begann sein Herz schneller zu schlagen.

 „Was wissen Sie?“, fragte er die beiden Sergeants und sah sich flüchtig um. Weiße Tapeten, dunkle Möbel, eine bereits vertrocknete Yuccapalme in der Ecke; der Unbekannte auf dem Bett schien keinen grünen Daumen gehabt zu haben.

 Ein hagerer, braun gebrannter Mann von etwa fünfzig Jahren wandte sich ihm zu und sagte: „Nicht viel. Jedenfalls nichts, das Sinn ergibt.“

 Ron zog die Augenbrauen hoch.

 Der Mann räusperte sich und fuhr fort: „Seine Freundin hat gesagt, er hätte …“ Er brach ab und wechselte einen Blick mit seinem Kollegen. „Sie sagte, er hätte plötzlich angefangen zu glühen. Und dann war er tot.“

 Ron schnaubte leise. Er machte sich daran, das Schlafzimmer zu untersuchen. Er analysierte die Flecken auf dem Boden, die sich als alter Kirschsaft herausstellten, überprüfte die Fenster, die vor fünf Tagen das letzte Mal geöffnet worden waren, und näherte sich auf diese Weise langsam dem Mann, der bewegungslos und bleich auf dem Bett lag.

 Er war noch nicht so lange tot, dass er einen Verwesungsgeruch abgesondert hätte. Nur das scharfe Aroma von Exkrementen lag in der Luft. Der Unbekannte hatte die Augen geschlossen und lag entspannt da, gerade so, als wäre er friedlich eingeschlafen. Unglücklicherweise war er zu jung, um diese Ursache ernsthaft in Betracht zu ziehen.

 „Ist seine Freundin zurechnungsfähig?“, fragte Ron. Möglicherweise hatte sie sich das Glühen nur eingebildet. Es war spät, sie vielleicht übermüdet. Ganz gewiss übermüdet, wenn sie um diese Zeit wach gewesen war, um ihren Freund zu beobachten. Oder sie hatten Drogen genommen. Rons Blick zuckte zu den Armen des Toten, aber Einstichstellen konnte er keine sehen. Vielleicht Tabletten. Oder Alkohol.

 „Na ja …“, sagte dieses Mal der andere Sergeant. „Sie war ziemlich hysterisch, als wir hier ankamen. Die Rettungssanitäter haben sie mitgenommen.“

 „Natürlich war sie hysterisch …“ Schließlich hatte sie ihren Freund sterben sehen. „Hatte sie Drogen genommen? War sie betrunken?“

 „Nein, nichts dergleichen.“

 Ron nickte kurz. Glühen … Er hatte noch nie davon gehört. „Hat sie jemanden in der Wohnung gesehen?“

 „Sie sagt nein.“

 Er runzelte die Stirn. Selbst wenn es magisch gewesen war … irgendjemand musste dagewesen sein, um einen Fluch zu sprechen. Er würde wohl kaum von allein … Ein kleiner Ruck durchfuhr ihn und in seinem Bauch begann es auf einmal zu kitzeln, als ob … Er schnalzte mit der Zunge. Irgendetwas war da, aber … er konnte nicht … „Haben wir ein paar Daten?“, erkundigte Ron sich abwesend. Das fühlte sich an wie letztens, als …  

 „Haben wir“, unterbrach der Sergeant seine Gedanken. „Er heißt Michael Peter Dashwood, achtunddreißig Jahre alt, ledig, Geburtsort Coventry.“ Er stockte und als Ron sich kurz zu ihm umwandte, konnte er ihn in einem Reisepass blättern sehen. „Scheint gerne zu reisen. Thailand, Tansania, die USA, Ägypten …“

 „Spannend. Wissen wir noch mehr?“

 „Haben Sie an was Bestimmtes gedacht?“

 „Medizinische Daten. Sind bei ihm Herzerkrankungen oder ähnliches bekannt?“ Ron umrundete das Bett, bis er auf der anderen Seite der Leiche zum Stehen kam. Die beiden Sergeants traten einen Schritt zurück und tauschten einen bedeutungsschweren Blick.

 „Wir haben keine medizinischen Unterlagen gefunden und die Freundin war zu keiner Aussage in der Lage“, informierte ihn der erste der beiden Sergeants.

 „Die Muggel sollten sich so was gerahmt an die Wand hängen, wenn sie es schon nicht heilen können“, murmelte Ron und ging in die Hocke. Hinter sich hörte er die beiden tuscheln.

 „Achtunddreißig …“, sagte der eine leise. „Das ist echt kein Alter …“

 Der andere brummte nur.

 Achtunddreißig … Die Zahl geisterte durch Rons Kopf. Achtunddreißig … Irgendwas … war damit. Achtunddreißig … Er schüttelte den Kopf.

 Während er die üblichen Analysezauber über die Leiche sprach, peitschte eine Windböe dicke Schnüre englischen Regens gegen die Fenster. Ron hätte seinen Dienstgrad verwettet, dass es bis vor fünf Minuten noch nicht geregnet hatte. Nun allerdings ging das leise Rauschen der Magie im Prasseln unter, so dass die Sergeants wesentlich entspannter blieben, als es für gewöhnlich der Fall war.

 Ein missmutiger Ausdruck stand auf seinem Gesicht, als er sich wieder aufrichtete und auf das Ergebnis der Analyse wartete. Es dauerte nicht lange, aber die paar Momente zogen sich jedes Mal wie ein zäher Kaugummi. Es gab einfach nichts, über das er sich mit den Muggelbeamten hätte unterhalten können. Er steckte seinen Zauberstab zurück in seinen Ärmel, als endlich grüne Buchstaben über der Leiche in die Luft stiegen und auf Augenhöhe schweben blieben.

 Er runzelte die Stirn und beugte sich etwas weiter nach vorn, um die Analyse entziffern zu können. Fahrig glitten seine Blicke über die bebenden Zeilen und registrierten die üblichen Phrasen. Keine äußerlichen Verletzungen, keine Erkrankungen, keine Anzeichen von Vergiftung, keine Spuren von Flüchen … Nichts. Absolut nichts.

 Und das war …

 „… dann sind es Leichen, für deren Tod nicht mal wir eine Ursache erkennen können.“

 Ron rieb sich die Stirn und schloss die Augen. Achtunddreißig …

 „Haben Sie was gefunden?“, fragte einer der Sergeants, während der andere wieder angefangen hatte, im Reisepass von Michael Peter Dashwood zu blättern.

 „Nein …“

 Die beiden sahen sich an. „Heißt das, es ist ein … magischer Mord?“ Er senkte die Stimme bei den letzten Worten.

 Ron schwieg und sah erneut hinab auf den Leichnam des Mannes, während ihm das Herz beinahe schmerzhaft gegen die Rippen schlug. Der Tote war groß, etwa einsachtzig. Schmales Gesicht, Vollbart. Der entblößte Oberkörper zeigte einen hageren Körperbau. Die kurzen schwarzen Haare standen im Kontrast zur bleichen Haut. Etwas war … nicht okay daran. Es war wie ein Jucken in Rons Gehirn. Das Kitzeln in seinem Bauch wurde heftiger. Die schwarzen Haare, die bleiche Haut … Achtunddreißig …

 „Nur das!“

 Er zuckte zusammen und griff sich an die Stirn. „Wie alt, sagten Sie, ist er?“, fragte er abwesend. Schwarze Haare, bleiche Haut …

 „Uhm …“ Das Rascheln von Papier erhob sich. „Achtunddreißig.“

 „…  unendliche Folter, Versklavung von Menschen, Seelenraub und …“

 Er sog scharf die Luft ein, sein Herz schlug jetzt so heftig, dass er kaum atmen konnte. Konnte es sein, dass … „Genauer“, verlangte er atemlos, kniff die Augen zu. Hager, schmales Gesicht …

 „Und … drei Monate.“

 Nein! Das musste falsch sein! Das konnte nicht … „Noch genauer!“

 Es dauerte eine Weile, bis der Sergeant mit seinen Berechnungen fertig war – und auch Ron überschlug einige Daten im Kopf. Er konnte kaum denken, aber dieses Datum war da. Als ob sein Kopf spürte, wie dringend er es gerade brauchte, obwohl er … sich irgendwie schwerelos und entrückt fühlte. Dieses Datum war da und er hielt sich daran fest und hoffte, dass …

 „Achtunddreißig Jahre, drei Monate und dreiundzwanzig Tage“, verkündete der Sergeant schließlich. „Wenn Sie auch noch die Stunden wollen, brauche ich eine Geburtsurkunde.“

 Aber Ron hörte ihn kaum noch, reagierte nicht auf die spitze Bemerkung, als die Erinnerungen über ihm zusammenbrachen. Er war viel zu sehr damit beschäftigt, sich aufrecht zu halten, während das Zimmer um ihn herum schwankte.

 „Das kannst du nicht tun!“

 Ihm wurde schlecht, er schmeckte Galle auf seiner Zunge. „Sie … hat es getan“, keuchte er tonlos. „Sie hat es wirklich getan …“

 „Was? Wer? Wer hat was getan?“

 Ron schluckte heftig, schluckte nochmal und riss sich mit einem angedeuteten Kopfschütteln aus den Gedanken. „Nichts. Nur ein … Gedankenfehler.“ Er schluckte erneut. Musste sich zusammenreißen. Still bleiben. Unauffällig. Bloß … unauffällig. Du hast einfach kein Pokerface, Ron, hallte Harrys Stimme durch seinen Kopf. Was ist ein Pokerface?, hatte er gefragt und Harry hatte gelacht. Jetzt … jetzt brauchte er das, dieses Pokerface. Ron atmete lang aus, bevor er sich umdrehte und sagte: „Hier war keine Magie im Spiel, ihr könnt ihn abtransportieren.“ Ohne auf die Verwirrung und die Einwände der Sergeants zu achten, umrundete er das Bett und verließ fluchtartig die fremde Wohnung.

- Zwei Monate zuvor -

 „Natürlich kann ich Ihre Entscheidung nachvollziehen, Mrs Weasley“, sagte Iacomus Densham und sah sie mit gerunzelter Stirn an, „auch wenn es mir leidtut, Sie als Mitarbeiterin zu verlieren.“

 Hermine zwang ihre steifen Lippen zu einem kurzen Lächeln. Natürlich konnte er ihre Entscheidung nachvollziehen. Er legte sie ihr schließlich schon seit Monaten nahe. Es musste eine Genugtuung für ihn sein, sie kapitulieren zu sehen. Sie verschränkte ihre Finger so fest ineinander, bis es wehtat, war sich ihres Herzschlages unangenehm bewusst. Trotzdem reckte sie das Kinn vor. „Ich weiß. Aber ich werde zurückkehren, sobald es meiner Tochter besser geht.“

 Ihr Gegenüber nickte, sah sie bedrückt an. Stoisch hielt sie dem Blick stand, bis Densham tief Luft holte und der Stuhl unter seinem Gewicht knackte. „Nehmen Sie sich so viel Zeit, wie Sie brauchen.“

 Sie nickte.

 „Ihre Entschlossenheit verdient den größten Respekt und die größte Unterstützung. Ich wünschte, ich könnte mehr für Sie tun.“ Er senkte den Blick.

 „Das können Sie, Sir“, entgegnete Hermine ernst.

 Denshams Augenbrauen zuckten interessiert ein Stück in die Höhe. „Was immer in meiner Macht steht.“

 „Sie könnten mir Ihr Vertrauen und Ihre Hoffnung schenken. Ich werde einen Weg finden, meine Tochter zu retten. Und ich werde danach ins Ministerium zurückkehren.“ Und wenn es das Letzte war, was sie tat.

 Densham fühlte sich offensichtlich ertappt, denn er räusperte sich leise und schob ein paar Pergamente auf seinem Schreibtisch hin und her. „Ich habe Ihnen immer vertraut, Mrs Weasley, und ich werde es auch in Zukunft tun.“

 „Nur mit der Hoffnung tun Sie sich schwer.“

 Er zuckte entschuldigend mit den Schultern. „Mein Bruder erlag demselben Leiden. Unsere Hoffnung hat uns nicht geholfen.“

 Diese Information war neu für Hermine. Sie schluckte schwer und sank ein Stück in sich zusammen. „Das … wusste ich nicht.“

 Er lächelte freudlos. „Woher sollten Sie auch? Es ist eine halbe Ewigkeit her …“ Trotzdem lag ein Schatten von Trauer auf Denshams Gesicht.

 „Vielleicht wird die Hoffnung bei Rose helfen“, sagte sie leise.

 „Ich wünsch es Ihnen und Ihrem Mann.“

 „Ich wünsche es der gesamten magischen Welt. Wenn ich einen Weg finde, meine Tochter zu retten, bedeutet das auch Hilfe für alle anderen betroffenen Kinder“, erinnerte sie ihn.

 „Haben Sie schon eine Idee?“ Densham lehnte sich zurück und verschränkte die Arme vor der Brust.

 „Noch nicht“, gab sie widerwillig zu.

 Er schnalzte mit der Zunge. „Sie sind eine bemerkenswerte Frau, Mrs Weasley.“

 „Das fällt Ihnen erst jetzt auf?“

 Densham schnaubte. „Nein. Aber es fällt mir immer wieder auf.“

 Sie lächelte freudlos. „Wäre es möglich, dass ich vorerst meinen Resturlaub und die Überstunden nutze?“ Sie hatten das zwar durchgerechnet, Rons Gehalt würde reichen, wenn sie ein bisschen aufpassten, aber wenn es möglich war, noch ein Monatsgehalt zu bekommen, würde sie es nutzen.

 „Natürlich“, sagte Densham und blinzelte mehrmals.

 „Ich danke Ihnen.“

 „Das ist nicht nötig, das steht Ihnen zu“, entgegnete Densham ernst. Sein Blick war Hermine unangenehm bewusst, als er sie musterte. Ihre dunklen Augenringe und die blasse Haut, wie dünn sie geworden war. Sie hatte es lange aufgegeben, das mit Zaubern zu verbergen, aber jetzt wünschte sie sich, sie hätte es getan.

 Hermine wandte den Blick ab und erhob sich. Über den Schreibtisch hinweg streckte sie ihrem bald ehemaligen Vorgesetzten die Hand entgegen und sagte: „Auf Wiedersehen, Mr Densham.“

 „Mrs Weasley“, erwiderte er und drückte ihre kühlen Finger.

 Als Hermine das Büro verließ, stützte sie sich kurz am Türrahmen ab, bis der Schwindel sich legte. Dann trat sie durch einen Isolationszauber hindurch und die Geschäftigkeit der Abteilung für magische Strafverfolgung stürzte auf sie ein. Für zwei Sekunden blieb sie stehen, bevor sie sich nach rechts wandte und langsam auf die ehemalige Abstellkammer zuging, die Dank eines kleinen Ausdehnungszaubers mittlerweile als Küche diente. Die Einrichtung bestand aus Spenden ihrer Kollegen und sah auch dementsprechend aus. Der alte Hängeschrank hatte rissige Stellen und nur noch die Hälfte seiner Griffe, die Arbeitsplatte war ein Stück Holz, das beim Zusägen übrig geblieben war, und die Kaffeekanne, auf dem ein permanent arbeitender Filter mit immer frischem Kaffeepulver stand, wies diverse dunkle Flecken unbekannten Ursprungs auf. Sie schnaubte leise. Hier liefen gut dreißig Hexen und Zauberer herum, alle überdurchschnittlich talentiert und trotzdem kam niemand auf die Idee, die Schäden zu reparieren. Sie selbst auch nicht. Die Küche sah schon so lange so aus, es gehörte irgendwie einfach so. Nichtsdestotrotz herrschte in diesem kleinsten Raum der Abteilung ein bis zum Feierabend nicht abreißender Durchgangsverkehr.

 „Warum eigentlich immer ich?“, murmelte in diesem Moment eine füllige Frau, die sich auf die Zehenspitzen gestemmt hatte, damit sie auf das unterste Regal im Schrank spähen konnte.

 „Ist der Zucker schon wieder alle?“, fragte Hermine lächelnd und lehnte sich mit verschränkten Armen gegen den Türrahmen.

 „Nein, aber es ist keine Milch mehr da.“ Holly sank enttäuscht auf ihre Slipper zurück und wandte sich zu ihr um. „Du hast nicht zufällig welche in der Tasche, oder?“

 „Tut mir leid.“

 Die blonde Frau rümpfte die Nase und entschied, ihren Kaffee so zu trinken. „Was hat Densham gesagt?“

 Reuben, ein junger, engagierter Kollege mit Nickelbrille, bog um die Ecke, so dass Hermine sich eine Antwort verkniff. Stattdessen deutete sie mit dem Kopf den Flur hinunter, an dessen Ende sich ein Fenster befand, das den Blick in den Apparationshof freigab. Holly nickte und folgte ihr, ohne dass Reuben Notiz nahm von dem Verhalten der beiden Frauen.

 „Er hat das Übliche gesagt. Dass er mich verstehen kann und dass es ihm leid tut … Ich denke nicht, dass er mir geglaubt hat, als ich sagte, ich würde zurückkommen.“ Sie rieb sich die Stirn. „Er wollte schon lange, dass ich gehe, jetzt hat er seinen Willen und kann sich jemanden suchen, der ihm besser in den Kram passt.“ Sie öffnete das Fenster und lehnte den Oberkörper hinaus in die warme Frühlingsluft, während sie ihre Zähne gegeneinander rieb.

 „Er wird niemanden finden, der besser ist als du“, entgegnete Holly ärgerlich, während sie in ihrem Kaffee rührte und sich neben Hermine gegen das Fensterbrett lehnte. „Und wen auch immer er uns vorzusetzen wagt, ich werde ihm die Hölle heiß machen!“

 „Danke.“ Sie lächelte und tauschte einen Blick mit ihrer Kollegin. Dann wurde ihre Miene wieder ernst. „Ich hätte meine Stelle schon viel früher geräumt, wenn ich wüsste, wo ich noch nach einer Lösung suchen soll.“

 Holly machte einen nachdenklichen Laut. „Hast du schon mal in deinem entfernteren Bekanntenkreis rumgefragt? Manchmal verbergen sich da Informationen, von denen man nicht wusste, dass sie existieren.“

 Hermine schnaubte. „Ich habe keine entfernteren Bekannten. Da gibt es nur meine Familie und meine Freunde und dann kommt nichts mehr. Der Kontakt zu allen anderen ist in den letzten zwei Jahren abgebrochen.“

 „Das bedeutet doch nicht, dass es dabei bleiben muss.“ Sie drehte sich um und lehnte sich ebenfalls ein Stück nach draußen, die Tasse zwischen ihren Händen und die Ellbogen auf dem Sims abgestützt. „Wenn du Hilfe möchtest, dann musst du das auch alle wissen lassen.“

 „Ich kann ja im Tagesprophet inserieren“, spöttelte Hermine.

 „Zum Beispiel!“

 Sie warf der Kollegin einen scheelen Blick zu. „Nun kenne ich dich seit vier Jahren und trotzdem schaffst du es mindestens einmal am Tag, mich mit deinem mangelnden Gefühl für Privatsphäre zu entsetzen.“

 „Ehrlich?“ Holly fühlte sich offensichtlich geschmeichelt. „Danke!“

 Mit einem schwachen Lächeln schüttelte Hermine den Kopf. „Du hast wirklich keine Vorstellung davon, wie versessen die Medien immer noch auf Neues von ihren Kriegshelden sind. Mit so einem Inserat öffne ich die Tore zur Hölle.“

 „Wenn's hilft …“

 Nachdenklich presste Hermine die Lippen aufeinander und beobachtete, wie zwei Stockwerke unter ihr eine Hexe disapparierte.

- - -

 „Es ist offen!“

 Hermine drehte den Türknauf herum und die Tür schwang nach innen auf. Das hohe Johlen kleiner Kinder schwoll ihr entgegen und ließ sie für einen Moment innehalten. Sie schloss die Augen und atmete langgezogen aus. Ob sie wohl noch unbemerkt die Flucht ergreifen konnte? Aber da bog Evie schon in den Flur, Rose an der Hand und Ethan an ihrem Bein.

 „Mummy!“

 „Hallo Mäuschen!“, sagte Hermine und rang sich ein Lächeln ab, ehe sie in die Hocke ging. Rose warf sich in ihre Arme, so stürmisch, dass Hermine bald umkippte. Während sie um ihr Gleichgewicht kämpfte, entgingen ihr beinahe Evies Worte.

 „Du bist früh heute“, stellte sie fest.

 „Erstaunlich, dass dir solche Details noch auffallen“, entgegnete Hermine und stand mit Rose auf dem Arm auf.

 „Guck ma' Hundi“, sagte sie und deutete auf Ethan hinab.

 „Das ist doch Ethan, Mäuschen, kein Hund“, verbesserte Hermine. Doch Rose blieb bei ihrer Überzeugung. Angesichts der Art und Weise, wie er just in diesem Moment seinen Kopf am Hosenbein seiner Mutter rieb, konnte Hermine es sogar irgendwie verstehen.

 „Möchtest du einen Tee? Ich hab eben frischen aufgesetzt“, fragte Evie und nickte mit ihrem Kopf zur Küchentür.

 „Gerne.“

 Nachdem sie die Kinder im Wohnzimmer beschäftigt hatten, betrat Hermine die Küche und setzte sich an den Tisch. Das kleine Fenster lag in ihrem Rücken, so dass sie die angenehme Wärme der ersten Sonnenstrahlen zu spüren bekam. Die Vögel sangen laut.

 „Du siehst furchtbar aus“, sagte Evie geradeheraus.

 „Danke …“

 „Hast du letzte Nacht überhaupt geschlafen?“ Evie wischte sich ein paar kurze Haarsträhnen aus dem Gesicht. Die Sonne glänzte darauf.

 „Kurz, ja“, entgegnete Hermine und stützte den Kopf in die Hand. Für einen kleinen Moment schloss sie die juckenden Augen. „Wie war der Tag?“, fragte sie, nachdem sie gerade rechtzeitig vor dem Einnicken wieder hochgeschreckt war. Wenn sie doch nur nachts so gut schlafen könnte wie tagsüber am Tisch …

 „Gut. Rose war sehr munter. Es schien mir nicht, als ob sie irgendwelche Beschwerden hätte.“ Evie holte zwei Tassen aus dem Schrank und stellte sie vor ihnen auf dem Tisch ab. Dann nahm sie das Teeei aus der Kanne und hängte es über den Rand eines dreckigen Topfes in die Spüle.

 „Und Ethan?“

 Ein Seufzen war die erste Reaktion. Obwohl allein das schon eine Antwort war, die Hermine eine ziemlich genau Vorstellung vermittelte, präzisierte Evie: „Ich weiß es nicht. Er hat mit ihr gespielt und hatte auch Spaß dabei. Aber er war teilweise sehr anhänglich.“

 „Ich hab's gesehen“, warf Hermine ein und runzelte die Stirn.

 „Es war anstrengend, ohne dass ich genau sagen könnte warum. Ich glaub, das wird eine unruhige Nacht.“ Evie ließ ein Stück Kandiszucker in ihre Tasse fallen. Es knisterte und sie rührte mit einem kleinen Löffel um. Das Klingen des Metalls am Porzellan schepperte unangenehm in Hermines Ohren.

 „Er ist bestimmt nur müde.“

 Evie nickte, doch beruhigen konnten Hermines Worte sie offensichtlich nicht. Mit schmalen Lippen stierte sie auf ihr Getränk herunter, dann seufzte sie erneut. „Also, warum bist du so früh hier?“

 „Ich hab heute mit meinem Chef gesprochen und seinem Drängen nachgegeben. Ab morgen werde ich meine Überstunden abbummeln, dann werde ich meinen Resturlaub nehmen und dann bin ich … raus.“ Sie schluckte.

 Evie machte große Augen. „Du willst deinen Job wirklich aufgeben?“

 „Nicht aufgeben“, widersprach Hermine, „nur … pausieren. Ich … brauch einfach mehr Zeit, um Fortschritte machen zu können.“

 „Meinst du wirklich, dass du in dieser Sache überhaupt Fortschritte machen kannst? Soweit ich es in der Literatur gelesen habe, sind sämtliche Forschungen recht schnell gescheitert, weil es einfach kein Herankommen gibt an diesen Teil des Gehirns.“

 Hermine rümpfte die Nase. „Nicht einer dieser Forscher hatte selbst ein Kind mit diesem Tumor. Natürlich sind sie gescheitert. Sie hatten keinen Ansporn.“

 Das Gespräch wurde unterbrochen, als Rose zu weinen begann. Hermine wandte den Blick zur Küchentür, bereit, sofort aufzuspringen, sollte sie sich nicht innerhalb der nächsten Augenblicke wieder beruhigen. Doch dann endete das Weinen und wurde von einem wütenden Plappern abgelöst. Aufatmend sank sie ein Stück zurück.

 „Wenn es nur der Ansporn wäre, der fehlt, dann hätte ich längst eine Heilung gefunden.“ Evie stand auf und holte ein Flasche Milch aus dem Kühlschrank.

 Hermine verzog das Gesicht. Keine von ihnen trank Milch im Tee. Doch es war schwer, die Fassung zu bewahren, wenn man im Gesicht des anderen sehen konnte, was man selbst kaum zu denken wagte. Ethan lief die Zeit davon, schneller noch als Rose. Sein Tumor wuchs stetig, so behütet wie in Merlins Schoß von all der Magie, die sich in diesem Teil seines Gehirns entwickelte und immer weiter ausdehnte. Er war inzwischen fünfeinhalb Jahre alt, es würde nicht mehr lange dauern bis zu den ersten magischen Ausbrüchen und von da an sank seine Lebenserwartung rapide. Je mehr Platz die Magie in seinem Gehirn einnahm, desto mehr Platz hatte auch der Tumor, um sich auszubreiten. Es gab keine Möglichkeit, ihn zu entfernen, da die Magie sich selbst verteidigte. Das, was so viele andere Menschen mit einem Fingerschnippen heilen konnte, tötete ihn und Rose.

 „Ich werde trotzdem einen Weg finden“, versprach Hermine stur und schloss die Hände so fest um ihre Tasse, dass die Hitze auf ihrer Haut stach.

- - -

 Am Abend stand sie mit juckenden Augen am Herd und rührte lustlos in einem Topf, während sie mit einem Ohr immer in Richtung der Kinderzimmertür lauschte. Es war eine halbe Stunde her, seitdem sie Rose schlafen gelegt hatte. Meistens konnte man schon anhand der ersten Stunde danach erahnen, wie anstrengend die Nacht werden würde. Bisher sah es gut aus.

 Sie lehnte sich mit der Hüfte gegen den Herd und blinzelte den Hängeschrank an, der etwa einen halben Meter darüber angebracht war. Das helle Holz war überzogen mit einer dünnen Schicht Kondenswasser. Selten zuvor – so überlegte sie – hatte sie etwas so Verlockendes gesehen. Mit einem Seufzen ließ sie ihren Kopf gegen die Tür sinken, während ihre Hand weiterhin mechanisch die Soße umrührte.

 Als das leise Klicken vom Öffnen der Banne im Eingangsbereich der Wohnung Rons Rückkehr ankündigte, hätte Hermine nicht mehr sagen können, wie lange sie so dagestanden hatte. Sie blinzelte hektisch, regulierte das Feuer unter dem Topf herunter und ließ mit dem Zauberstab eine Nudel aus dem anderen Topf emporschweben. Nachdem sie sie etwas abgekühlt hatte, musste sie feststellen, dass sie ungefähr drei Minuten zu lange geträumt hatte.

 Mit einem zerknirschten Ausdruck auf dem Gesicht goss sie das Wasser ab und wandte einen der Zauber aus 'Kluge Kniffe für katastrophale Köche' an. Gerade als Ron die Küche betrat, murmelte sie ein erleichtertes „Hmm, al dente“.

 „Hast du schon wieder die Nudeln verkochen lassen?“, fragte er und musterte die Töpfe kritisch.

 „Nein, sie sind perfekt“, log Hermine und streute noch etwas Knoblauchpulver in die Soße, um das Aroma der angewandten Magie zu überdecken. „Das Essen ist fertig.“ Sie drückte Ron einen Kuss auf den Mund und wandte sich ab, um Teller aus dem Schrank zu nehmen. Dabei trat sie auf eines von Roses Spielzeugen und ein lautes Quietschen durchschnitt die Luft.

 Als hätten sie einander ein Zeichen gegeben, erstarrten sowohl Hermine als auch Ron und wagten es lange Sekunden nicht einmal Luft zu holen. Erst nachdem eine halbe Minute ereignislos an ihnen vorbeigezogen war, nahm Hermine den Fuß von der Gummiente und atmete ebenso auf wie das Spielzeug. „Das ist gerade noch mal gut gegangen“, murmelte sie und versetzte der Ente einen Stoß, der sie in eine Ecke unter dem Kühlschrank beförderte.

 Ron nickte und rieb sich mit den Handballen über die Augen. Das Klirren der Teller ließ ihn sich schließlich umdrehen. „Setz dich, ich deck den Tisch.“

 Hermine schenkte ihm ein müdes Lächeln und folgte seinem Vorschlag ohne Widerworte. „Ich hab heute mit Densham gesprochen. Ich bin jetzt raus …“

 „Tatsächlich?“ Sein erstaunter Blick glitt über ihr Gesicht.

 „Ja“, murrte sie leise, „er hat gewonnen.“

 Ron seufzte. „Du weißt, dass es nicht darum ging. Er macht sich Sorgen um dich, genauso wie ich. Du siehst völlig fertig aus, Mine.“

 „Es geht mir gut.“ Sie rümpfte die Nase und nahm sich vor, doch wieder mit den Zaubern anzufangen.

 „Klar“, murmelte Ron. „Wie lange hast du letzte Nacht im Wohnzimmer gesessen und Bücher gewälzt?“

 Sie wich seinem Blick aus. „Ich dachte, du würdest schlafen …“

 „Ich weiß, dass du das denkst. Aber ich merke es, wenn du nicht mehr neben mir liegst.“ Er seufzte. „Du musst mehr schlafen, Mine.“

 Sie presste die Lippen aufeinander. Wenn das so einfach wäre, würde sie es tun, Merlin wusste, ihr fehlte der Schlaf. Trotzdem rang sie sich ein Lächeln ab. „Werde ich“, versprach sie. „Ich hab ja jetzt mehr Zeit …“

 Gänzlich überzeugt wirkte Ron zwar nicht, aber er nickte. „Und was hat Densham zu deinem Entschluss gesagt?“, fragte er, während er auf beiden Seiten der Tischplatte das Besteck verteilte.

 „Das Übliche. Viel interessanter ist, was Holly gesagt hat.“

 „Sie kann auch Interessantes sagen?“, murmelte Ron.

 „Kann sie.“ Ihn traf ein strafender Blick. „Und heute hat sie mich daran erinnert, dass es noch immer jemanden gibt, den wir nicht um Hilfe gebeten haben.“

 „Merlin persönlich?“, fragte Ron düster, als Hermine ihn mit blitzenden Augen ansah. Doch ehe sie antworten konnte, mischte sich ein leises „Mummy!“ unter das Klingen der Gläser, die er aus dem Schrank nahm.

 Hermine hatte bereits die Hände auf der Tischplatte abgestützt, um ins Kinderzimmer zu gehen, als er sie aufhielt.

 „Lass mich gehen. Ich sehe sie ohnehin viel zu selten.“ Sie lächelte und er durchquerte die Küche. Bevor er die Küche verließ, wandte er sich noch einmal zu ihr um. „Iss was, bevor es kalt wird!“

 „Schon gut.“ Doch als Ron die Küche verlassen hatte, zog Hermine ihre Notizen heran und begann auf ihrem Daumennagel zu kauen, während sie sich in die Kopie eines medizinischen Fachtextes vertiefte.

- - -

 Eine Berührung auf ihrer Schulter zerrte Hermine in die Realität zurück. Sie hob den Kopf und wunderte sich über das unangenehme Gefühl an ihrer Wange – bis ihr bewusst wurde, dass ein Blatt Papier daran klebte. Mit spitzen Fingern zupfte sie es ab und betrachtete den Text darauf nachdenklich.

 „Ich wusste gar nicht, dass man so was essen kann“, sagte Rons Stimme in ihre Verwirrung hinein und ein Finger vor ihren heftig blinzelnden Augen deutete auf den Stapel Papiere, die noch auf dem Küchentisch lagen.

 „Kann man, wenn man es richtig zubereitet“, entgegnete Hermine mit schleppender Stimme und wischte sich über das Gesicht. Als sie zu ihm aufsah, begegnete sie erst seinem vorwurfsvollen Blick und dann den verweinten Augen ihrer Tochter. Rose saß auf Rons Arm, den Kopf an seine Schulter gelegt, und lutschte andächtig an ihrem Daumen. „Hatte sie einen Albtraum?“

 „Vermutlich. Sie ist ziemlich schweigsam, seitdem sie aufgehört hat zu weinen.“ Er drehte den Kopf, bis er mit der Nase durch ihre rötlich schimmernden Locken streichen konnte. „Aber wenn du nicht sofort etwas isst und dann ins Bett gehst, werde ich zu deinem Albtraum!“, drohte er mit einer falschen Singsangstimme, während er Rose in einem gleichmäßigen Rhythmus wiegte.

 „Um ehrlich zu sein, habe ich überhaupt keinen Hunger. Dafür bin ich viel zu müde.“

 Ron seufzte resignierend. „Dann bring ich erst Rose und dann dich ins Bett.“

 „Du kannst uns auch beide zusammen ins Bett bringen. Dann müssen wir nicht jedes Mal aufstehen, wenn sie weint.“ Hermine griff nach einem von Roses Füßen, die entspannt von Rons Arm herabbaumelten, und massierte ihn durch die Socke hindurch. Sie schnaufte leise und bewegte ihre Zehen gegen Hermines Daumen.

 „Nich'“, sagte sie undeutlich an ihrem Daumen vorbei.

 Ron wog die Möglichkeiten ab, ehe er nickte. „Ich hab morgen Spätschicht, da stören mich ein oder zwei Fäuste in meinem Rücken nicht.“

 Hermine stand von ihrem Stuhl auf, so schwerfällig wie seit den letzten Wochen ihrer Schwangerschaft nicht mehr. Es war, als hätte ihr Rücktritt im Ministerium die ganze Erschöpfung heraufbeschworen, die sie in den letzten Jahren verdrängt hatte. „Dann lass uns schlafen gehen. Die Nacht ist kurz genug.“

 „Wen wolltest du nun eigentlich noch um Hilfe bitten?“, fragte Ron zehn Minuten später, als sie nebeneinander im Bett lagen. Das Schmatzen, das Roses Saugen an ihrem Daumen erzeugte, klang lauter als gewöhnlich in der Stille des Schlafzimmers.

 „Professor McGonagall. Ich hab ihr vorhin eine Eule geschickt und werde morgen mit Rose nach Hogwarts apparieren.“ Hermine gähnte.

 „Oh“, machte Ron. „Hätten wir auch eher drauf kommen können.“

 „Hätten wir“, nuschelte sie. „Aber die Schule ist doch schon so lange vorbei …“

 „Hm.“ Nach ein paar Sekunden fügte er hinzu: „Grüß Neville von mir!“

 Sie nickte nur, eine Hand auf Roses Hüfte. Kurz darauf war sie eingeschlafen.
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