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Freunde vor der Kamera

von Junech
GeschichteAllgemein / P18 / Mix
02.02.2021
02.02.2021
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An der allgemeinen Oberschule von Tsuruo war der Unterricht wie beinahe jeden Nachmittag pünktlich zu Ende. Es war ein schöner Herbsttag in der kleinen Stadt im Süden der Präfektur Gifu. Das Herbstlaub erstrahlte farbenfroh im noch immer angenehm warmen Sonnenschein. Die meisten Schüler waren auf dem Weg zu ihren Clubaktivitäten. Aber jene, die keinem Club angehörten oder heute einfach frei hatten, begaben sich zu den Schuhschränken in der Eingangshalle des Hauptgebäudes.

Es hatten sich schon mehrere Schüler zwischen den Schrankreihen verteilt und das übliche Klappern und Quietschen der kleinen Metalltüren war zu vernehmen. Unter den Schülern waren jedoch kaum Drittklässler, da sich viele in die Bibliothek zum Lernen zurückgezogen hatten. Die letzten großen Klassenarbeiten des Semesters standen bald für sie an und so waren die Tische in der großen Schulbibliothek gut gefüllt. Auch wenn diese Klassenarbeiten wichtig waren, lernten doch die meisten bereits für die Aufnahmeprüfungen an ihren gewählten Universitäten. Aber einige wenige nahmen sich eine Pause oder konnten zu Hause einfach besser lernen.

Auch Akane befand sich unter diesen wenigen Drittklässlern und schloss seufzend ihr Fach.
»Mathe ist wohl echt nicht deins.«, witzelte eine Stimme neben ihr.
»Ach, hör mir bloß auf mit Mathe.«, wandte sich Akane ihrer Zwillingsschwester zu. »Damit kannst du mich echt jagen.« Mit ihrer Hand hielt sie sich die seitlichen Strähnen zurück und bückte sich nach ihrer Schultasche. Der Eingangsbereich war noch nicht wieder gefegt worden und so waren die Fliesen überseht mit Herbstlaub. Man musste ja nicht unbedingt die Haare durch den Dreck streifen lassen. Sich aufrichtend legte Akane sich den Tragegurt der Tasche über die Schulter. »Du darfst mich also zu Hause wieder triezen, Aoi-Sensei.«
Diese lachte und deutete in Richtung der Tür: »Klar mach ich das. Aber vorher möchte ich noch beim Buchladen vorbei, ok?«
Nach einem zustimmend Nicken von Akane begaben sich die beiden nach draußen.
»Etwa der Buchladen von deinem Freund in der Festivalplanung?«, nutzte Akane ihre Chance, ihre Schwester noch etwas zu triezen.
Auch wenn es sich nachher definitiv rächen würde. Aber die beiden Zwillinge verstanden sich gut genug, um durch so was nicht aus der Bahn geworfen zu werden.
»Er ist gar nicht mein Freund.«, protestierte Aoi und plusterte ihre Wangen auf. »Wir reden ja nicht mal wirklich miteinander. Auch wenn wir beide zusammen im Planungskomitee sind.«
Akane musste bei Aois Reaktion grinsen. Zwar beschwerte sie sich jedes Mal, aber die leichte Röte im Gesicht konnte sie nicht verbergen. »Aber du magst ihn doch ... Oh ... Warte kurz ...«

Das Klingeln ihres Handys unterbrach Akanes Gestichel und Aoi zog ihre Schwester etwas zur Seite. Diese durchwühlte ihre Schultasche auf der Suche nach ihrem Handy.
»Mein Manager«, erklärte Akane schnell, als sie es endlich gefunden hatte. Verwundert schauten sich die beiden an. Warum würde er jetzt so kurz nach der Schule anrufen? Zugegeben Akane hatte ihrem Manager den Stundenplan gegeben, aber bisher kamen die Anrufe eher abends. »Ja? Hier ist Akane.«, nahm sie schließlich den Anruf an.
Mit deutlich hörbarer Erleichterung erklärte er ihr die Situation: »Gut, dass ich zumindest dich erreiche Akane. Shiozaki-san hat sich heute krank gemeldet.«
»Yui ist krank?«, unterbrach Akane ihn, »Aber hatte sie heute nicht das Shooting für BOMMAR?«
»Das ist richtig, um genau zu sein, beginnt es in ner knappen Stunde.«
Akane begann sich Sorgen um Yui zu machen. Sie waren beide über die letzten Wochen gute Freunde geworden, auch weil Yui ihr bei so manchem Problem unter die Arme gegriffen hatte.
Gerade wollte sie fragen, was aus dem Shooting werden würde, als ihr Manager weiter auf sie einredete: »Akane, ich weiß, es ist etwas plötzlich und vielleicht noch zu früh für dich, aber ich kann gerade nur dich erreichen. Schaffst du es, in ner knappen Stunde in Ogaki beim Shooting zu sein?«

Akane wurde nervös. Sie sollte für Yui einspringen? Bei so einem wichtigen Shooting? Und das, obwohl sie doch erst bei zwei andere kleine Shootings dabei gewesen war? Wobei eines davon nur für die Fotos der Agentur gewesen war.
»Ähm... also...«, begann Akane und blickte fragend zu ihrer Schwester, »Wenn gleich ein Zug nach Ogaki kommt, kann ich es versuchen. Ich kann aber nichts versprechen.«
Aoi holte schnell ihr eigenes Handy aus der Tasche. Wie wild huschten ihre Finger über den Bildschirm auf der Suche nach dem Fahrplan.
»Akane, bitte versuche es. Ich werde Bescheid geben, dass du einspringst und vielleicht etwas später kommst. Ich schick dir auch gleich die Infos für das Shooting.«, erklärte er ihr und Akane konnte die Steine förmlich hören, die vor Erleichterung zu Boden gefallen waren. »Gib dein bestes Akane. Es könnte eine große Chance für dich sein.«
Zwar war Akane noch immer unsicher, aber sie faste sich ein Herz: »Ich weiß nicht, ob ich das schon schaffe, aber ich gebe mein Bestes.« Nach einer kurzen Verabschiedung legte Akane auf und sah erwartungsvoll zu ihrer Schwester.
»Du hast 15 Minuten!!«, gab diese ihr Suchergebnis bekannt. Ihr waren einige Strähner der langen blauen Haare ins Gesicht gefallen, welche sie jetzt wieder nach hinten strich. Mit besorgtem Blick sah Aoi ihre Schwester an. »Du musst dich beeilen, um ihn noch zu schaffen!«
Eigentlich lief man deutlich länger zu der kleinen Bahnstation am Fluss. Sie musste sich also mehr als nur beeilen, um den Zug noch zu erwischen. Wahrscheinlich würde sie sogar den ganzen Weg rennend zurücklegen müssen.
»Danke, Aoi. Wir sehen uns heute Abend. Ich melde mich«, rief sie ihr, schon im Laufen zu und winkte zum Abschied.

Akane beeilte sich das kurze Stück Straße vor der Schule hinab. Auf dem Weg nahm sie den Tragegurt von der Schulter und setzte sich ihre Schultasche auf wie einen Rucksack.
An der Hauptstraße angekommen bog sie nach rechts ab und lief an den Bushaltestellen vorbei. Viele ihrer Mitschüler warteten auf einen der beiden Busse, die in die Innenstadt von Tsuruo fuhren. Leider führte keine der Routen zu dem kleinen Haltepunkt, an welchem Akane auf den Zug warten würde. So blieb ihr nichts anderes übrig, als sich an den wartenden Schülern vorbei zu schlängeln und weiter zu laufen. Zum Glück war Akane nicht unsportlich, sie liebte es zu tanzen und übte regelmäßig im Tanzclub ihrer Schule. Die gesammelte Ausdauer machte sich jetzt bezahlt.
Am Park mit dem kleinen Spielplatz angekommen, bog sie in einen der schmalen Nebenwege ein. Eine Abkürzung, die viele Schüler nahmen, wenn sie es eilig hatten.  Zwar war der Weg nicht bis zum Ende ausgebaut, aber bei guten Wetter störte das kurze Stück Feldweg nicht sonderlich. Selbst wenn es heute auf dem Weg Pfützen gegeben hätte, wusste Akane, dass es keine andere Wahl gab, als trotzdem diesen Weg zu nehmen.
›Hoffentlich schaffe ich den Zug, sonst kann ich mich vom Shooting verabschieden‹, ging es Akane durch den Kopf. Sie bog um die Ecke auf den Abschnitt mit dem Feldweg. Etwas weiter vor ihr gingen zwei Mädchen denselben Feldweg entlang.

»Kanataaa-chaaan!«, rief Akane außer Atem, als sie die beiden Mädchen endlich einholte.
Beide drehten sich zu Akane um und schauten, wer denn da gerufen hatte. Schließlich erkannte das Mädchen mit dem Fahrrad ihre Freundin und winkte lächelnd.
»Sag bloß, du bist den ganzen Weg gelaufen, um uns einzuholen Akane.«, meinte Kanata lachend, während diese erst einmal tief Luft holte.
Das Mädchen neben Kanata reichte Akane eine angefangene Flasche Wasser: »Trink erstmal etwas... ähm... Akane.«
Dankend nahm sie die Flasche an und trank ein paar Schlucke. »Kanata ich muss den Zug nach Ogaki unbedingt schaffen. Kannst du mich bitte hinfahren?«, fragte Akane ihre Freundin aus dem Tanzclub.
»Verdammt Akane, der fährt doch gleich! Hättest du das nicht an der Schule sagen können?«, kritisierte Kanata sie und schwang sich auf ihr Fahrrad.
Akane setzte sich seitlich auf den Gepäckträger und schlang ihre Arme um Kanata. »Sorry, Kanata. Aber ich hab den Anruf auch gerade erst bekommen.«
Bevor Kanata in die Pedale trat, wandte sie sich kurz ihrer anderen Freundin zu. »Tut mir leid Mio, ich fahr Akane schnell zum Zug und komm wieder zurück, versprochen!«
»Keine Sorge. Sieh lieber zu, dass du sie auch rechtzeitig absetzt.«, meinte diese nur kopfschüttelnd.

»Danke Kanata.«, bedankte sich Akane nochmals, »Ich weiß nich, ob ich den Zug ohne dich noch geschafft hätte.«
Sie mussten immer wieder den großen Schlaglöchern ausweichen. Aber das war nicht immer möglich und so musste Akane aufpassen nicht runter zufallen.
»Ach kein Problem. Aber sag mal, warum musst du so plötzlich nach Ogaki?«, fragte Kanata ihre Freundin.
Akane erklärte ihr, das sie von ihrem Manager angerufen worden war und jetzt als Ersatz zu dem Shooting von Yui musste.
»Dann bekommen wir also bald Bilder von unserem Supermodel.«, stichelte Kanata und bog auf die Straße zum Haltepunkt ein.
»Ich bin kein Supermodel«, meckerte Akane, »Und die Bilder gibts auch nur, wenn ich es nicht vermassel.«
Endlich wieder auf einer festen Straße angekommen, trat Kanata noch einmal ordentlich in die Pedale. »Ach Quatsch. Wenn dein Manager dir nicht vertrauen würde, hätte er dich doch gar nicht erst angerufen, meinst du nicht auch?«
»Er konnte doch nur keinen anderen erreichen«, gab Akane seufzend zurück.
»Du hörst dich an wie vor unserem letzten Wettbewerb.«, meinte Kanata und kam schließlich zum Stehen. »Wenn das auch nur halb so gut läuft wie damals, werden die Bilder spitzenmäßig. Also hab dich nicht so! Du packst das schon!«
Akane sprang vom Fahrrad und sah zu ihrer Freundin: »Danke. Ich werd mein Bestes geben.«
Das durchdringende Hupen eines Zuges unterbrach die beiden Freundinnen und kündigte dessen baldige Ankunft an. Mit einem »Bis Morgen!«, verabschiedete sich Akane und ging die Stufen zum Bahnsteig hinauf.
»Bei unserem Treffen morgen will ich die Bilder sehen.«, rief Kanata ihr nach und wartete noch kurz auf die Antwort.
Aber der einfahrende Zug übertönte Akanes Stimme und so hielt sie nur kurz einen Daumen hoch.

›Puh, das war knapp!‹, dachte sich Akane und setzte sich auf einen der wenigen freien Plätze. ›Ohne Kanata hätte ich den sicher nicht mehr bekommen. Zum Glück hab ich sie noch rechtzeitig getroffen.‹
Langsam fuhr der Zug an und sie hob den Kopf, um aus dem gegenüberliegenden Fenster zu sehen. Sie erkannte, wie Kanata gemütlich zurück in Richtung ihrer Freundin radelte. ›Tut mir leid Mio. Ich werd mich morgen ganz sicher noch mal richtig bei dir bedanken.‹
Akane atmete tief durch und holte ihr Handy aus der Tasche. ›Hoffentlich hat er schon die Infos zum Shooting geschickt‹, dachte sie bei sich und schaute ihre Nachrichten durch. ›Noch nichts‹, seufzend blickte Akane auf ihre Nachrichten, ›Ich brauch doch die Infos, um mich irgendwie auf das Shooting vorzubereiten.‹
Jetzt, wo sie etwas im Zug durchatmen konnte, kamen ihr wieder Zweifel. Würde sie das Shooting auch packen? Sie war erst knapp zwei Monate in der kleinen Modelagentur von Tsuruo. Ihr fehlte noch viel Erfahrung, wenn es um Shootings und ums Modeln ging.
Kanata hatte Recht gehabt, in Gedanken war es wie vor den Tanzwettbewerben. Der einzige Unterschied war, das sie für diese extra trainiert hatte und zwar wochenlang. In das Shooting war sie einfach geworfen wurden und das war was ganz anderes. Und jetzt hatte sie nicht einmal die Infos, die sie fürs Shooting brauchte.

»Der nächste Halt ist Yokoya.«, schalte es aus den Lautsprechern des Zuges.
›Nur noch eine Station. Bitte, ich brauche die Infos‹, dachte Akane verzweifelt.
Der Zug wurde langsamer und kam kurz darauf am Bahnsteig zum Stehen. Endlich verkündigte ein kurzes Vibrieren ihres Handys, dass sie eine Nachricht erhalten hatte.
›Endlich‹, atmete Akane erleichtert auf und blickte auf ihr Handy. Sie hatte ein langes Dokument bekommen, zu lang, um genau zu sein. Um alles auch nur zu überfliegen, war keine Zeit. ›Erstmal die Adresse‹, dachte sich Akane und suchte danach.
Ruckelnd fuhr der Zug wieder an und setzte seinen Weg fort. Währenddessen gab Akane die Adresse in ihr Handy ein. Es würde sie schon richtig ans Ziel führen.
Anschließend überflog sie den Beschreibungstext für das Shooting. Das Thema war anscheinend 'Im Herbst gemütlich zu Hause'. Es sagte zwar erst mal nichts über die Sachen aus, die sie tragen würde, aber das Thema sollte sie umsetzen können.
Zumindest war es nichts zu freizügiges. Ein solches Shooting hätte Akane wohl noch zu sehr überfordert. Das Dokument weiter überfliegend überlegte sie, was sie wohl tragen würde.

Die Zeit verging wie im Flug und so riss die erneute Durchsage Akane aus den Gedanken. Schnell nahm sie ihre Tasche wieder auf den Rücken und ging, noch bevor der Zug anhielt zu einer der Türen. Sie hatte noch eine viertel Stunde, um rechtzeitig anzukommen. Auch wenn der Weg laut App nicht so lange dauern sollte, musste sie immer noch den richtigen Raum finden.
Als der Zug endlich stehen blieb und sich die Türen öffneten, trat Akane auf den Bahnsteig am Rande von Ogaki. Sie ging an den wartenden Leuten vorbei und machte sich auf dem Weg zum Studio.
Der Weg war relativ einfach gewesen und so stand sie nicht einmal zehn Minuten später im Empfangsraum des Studios. Die Frau hinter dem Empfangstresen bemerkte den Neuankömmling.
»Entschuldigung, aber sind Sie Nanasaki-san?«, frage sie höflich.
»Ähm... Ja, das bin ich.«, begann Akane und ging zum Tresen, »Ich soll hier zu einem Fotoshooting für BOMMAR.«
»Sie haben es aber schnell hier her geschafft. Wenn Sie soweit sind, bringe ich Sie zum richtigen Raum.«, erklärte die Frau und zeigte mit ihrer Hand in die entsprechende Richtung.
Der Frau folgend antwortete Akane: »Nein, alles in Ordnung, danke. Zum Glück hab ich den Zug noch bekommen, sonst hätte ich es nicht mehr geschafft.«
 
 
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