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Mantikor

von Ceelia
GeschichteFantasy, Action / P16 / Het
02.02.2021
10.06.2021
6
29.595
 
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10.06.2021 4.704
 
Kapitel 4.

Ich blinzelte und blickte in dieselben gelb glühenden Augen wie in meinem Traum, die immer noch genauso hexenhaft leuchteten. Dragos nahm seine Hände von meinen Schläfen. Mein Blick zuckte zur Seite und entdeckte dort Pia und Graydon neben meinem Bett. Bett? Welches Bett?
„Wo bin ich?“, fragte ich. Meine Stimme hörte sich rau an. Ich räusperte mich. Pia hielt mir ein Glas Wasser hin, das ich dankbar annahm.
„Sie sind in dem Apartment, das ich für Sie vorbereiten ließ, bevor Sie zu Ihrer Wohnung gefahren sind“, erhellte mich Dragos und trat von meinem Bett zurück.
„Achso.“ Ich machte eine nachdenkliche Pause. „Und wie bin ich hierher gekommen? Ich kann mich nicht erinnern, meine Wohnung verlassen zu haben.“
„Ich hab' dich her gebracht“, meldete sich der Greif zu Wort. „Du wurdest von einem verzauberten Dolch verletzt und warst fast die ganze Zeit bewusstlos. Ich bin froh, dass du jetzt wieder unter uns weilst, Kleine.“ Er grinste mich an.
„Ich auch“, stimmte Pia zu. „Ich hab mir echt Sorgen gemacht.“
Ich schlug die Augen nieder. „Tut mir leid.“
„Hey, das war doch nicht deine Schuld!“, widersprach Pia mir energisch. „Das waren diese verdammten Fae. Außerdem hätten Aryal und Grym auf dich aufpassen sollen.“
Auf mich aufpassen? Meine Augen verengten sich. „Ich brauche niemanden, der auf mich aufpasst“, stieß ich hervor. „Wenn ich mich erwischen lasse, ist es meine Schuld, und niemandes sonst.“ Meine Stimme war bei meinem letzten Satz mehr zu einem Grollen geworden. Ich war kein kleines Kätzchen, das sich nicht wehren konnte!
„Okay, vielleicht sollten wir aufhören, von Schuld zu reden“, versuchte Graydon mich zu beschwichtigen. „Wenn irgendjemand Schuld hat, dann diese drei Hellen Fae, und zumindest zwei haben dafür bezahlt. Und den dritten werden wir auch noch kriegen, so wie alle anderen, die da mit drin stecken.“
Da war er optimistischer als ich.
„Vielleicht sollten wir dich dann erstmal schlafen lassen, damit du dich erholen kannst“, wechselte Pia das Thema.
„Nein!“ Die Heftigkeit meiner Antwort überraschte mich selber. „Ich will nicht schlafen, ich hab mich lange genug ausgeruht“, schwindelte ich, denn eigentlich waren dieser furchtbare Traum und meine Befreiungsversuche alles andere als erholsam gewesen. Aber ich wollte auf keinen Fall wieder einschlafen. Dieses Gefühl, zu träumen und nicht aufwachen zu können, saß mir immer noch unangenehm im Nacken.
Dragos sah mich an, als würde er meine kleine Lüge durchschauen. „Sie müssen sich keine Sorgen machen, dass der Traum zurück kommt. Der Zauber ist irreversibel vernichtet.“
Das glaubte ich in der Tat, so wie diese Welt in Flammen aufgegangen und danach in Schutt und Asche versunken war. Trotzdem hatte ich nicht das Bedürfnis danach, wieder schlafen zu gehen. Nur weil der künstliche Alptraum verschwunden war, hieß das nicht, dass meine eigene Fantasie nicht einen neuen daraus spinnen konnte.
„Vielleicht möchtest du etwas fernsehen?“, schlug Pia nun vor. „Es ist ja noch nicht besonders spät, wir könnten uns auch einen DVD-Abend machen, wenn du willst. Gray kann auch hier bleiben, wenn er Lust hat.“ Sie knuffte den Wächter in die Seite. Die beiden waren offenbar recht vertraut miteinander.
„Vielleicht später“, wehrte dieser jedoch ab. „Ich muss noch arbeiten. Und vorher will ich noch einmal mit Aryal und Grym reden. Sind er und Bayne denn inzwischen zurück?“ Diese Frage war an Dragos gerichtet.
„Ja, sie sind beide vor kurzem angekommen. Wir werden das Ganze jetzt noch einmal besprechen und unser weiteres Vorgehen planen.“
„Okay, sieht aus als könnte es spät werden“, fasste Pia zusammen. „Also, wie sieht's aus?“, fragte sie noch einmal an mich gewandt.
Ich zuckte die Schultern. „Ja, gerne.“ Ein paar Filme könnten jetzt vielleicht genau das Richtige sein, um mich abzulenken.
„Gut, dann werde ich jetzt noch schnell Liam ins Bett bringen, und dann komm ich wieder runter und bring ein paar DVDs von oben mit.“ Damit war sie auch schon zur Tür raus.
„Bei mir ruft die Arbeit. Halt die Ohren steif, Kleine“, verabschiedete sich auch Graydon. Ich seufzte innerlich. Auf diesen Spitznamen schien er sich eingeschossen zu haben.
Nun war nur noch Dragos übrig. Ich starrte ihn an. Seine bernsteinfarbenen Augen wirkten inzwischen wieder fast normal, jetzt wo das übernatürliche Glühen in ihnen verblasst war. Es war erstaunlich, wie leicht er in meinen Traum hatte eindringen und den Zauber hatte zerstören können. Offenbar war es nicht nur seine außergewöhnliche Wyr-Gestalt, die den Drachen zu einem der mächtigsten Wesen des Planeten machte. Ich begann langsam, froh darüber zu sein, dass wir auf der selben Seite standen, auch wenn wer immer mich jagte sicher ebenfalls einige Macht besitzten musste. Doch offenbar nicht genug, um sich mit Dragos im offenen Kampf zu messen, erkannte ich.
„Danke“, sagte ich schließlich. „Dafür, dass Sie mir geholfen haben, aus dem Traum zu entkommen.“ Es kam nicht oft vor, dass ich mich bei jemandem bedankte. Ich war schließlich nicht sonderlich hilfsbedürftig und es gewohnt, meine Probleme selbst zu lösen.
„Sie haben sich selbst daraus befreit. Ich hätte Sie nicht dazu zwingen können, die Traumwelt zu verlassen“, erwiderte Dragos nur, sah mich jedoch weiterhin an.
Okay, selbst befreit war wohl etwas zu viel des Guten. Das Einzige, wozu ich mich aktiv entschieden hatte, war, den letzten Schritt auf den Drachen zu zu machen. Mich gegen das scheinbar sichere Gefängnis und für die potenziell gefährlichere Außenseite, auf der die Große Bestie lauerte, zu entscheiden. Und damit dafür, dem Drachen zu vertrauen, wurde mir bewusst.
Es war schon das zweite Mal an diesem Tag, dass ich das getan hatte. Eigentlich war ich nicht besonders vertrauensselig, erst recht nicht gegenüber Kreaturen, die mir an Stärke überlegen waren, aber es waren beides Situationen gewesen, die mir kaum eine Wahl gelassen hatten. Denn auch wenn Dragos bisher Wort gehalten hatte, mir Schutz vor meinen Verfolgern zu gewähren, hieß das nicht, dass er nicht in erster Linie auf seinen eigenen Vorteil bedacht war. Er war immerhin ein Drache, und ich hatte lange genug gelebt, um nicht zu sagen überlebt, um jetzt in meiner natürlichen Vorsicht nachzulassen, nur weil er mir einmal geholfen hatte. Dragos war gefährlich und das nicht nur wegen seiner physischen Kraft und Widerstandsfähigkeit, sondern auch wegen seiner berechnenden Intelligenz und diverser anderer Fähigkeiten. Nicht dass ich vorhatte, mich mit ihm anzulegen, aber... es war noch zu früh, um sicher zu sein, dass der Drache mir nichts Böses wollte. Zumal all seine Zuwendung an Bedingungen geknüpft war, nämlich dass ich mich in den Kreis seiner Untergebenen einfügte und sinngemäß nirgendwo mehr alleine hinging. Und ich wusste genau, das war nichts was ich dauerhaft einhalten würde.
Auf der anderen Seite musste ich mir eingestehen, dass ich ganz froh war, mir zumindest im Moment die Unterstützung des Drachen gesichert zu haben. Ich war es gewohnt, meine Kämpfe allein auszutragen und im Normalfall tat ich das mit großem Erfolg, nur jetzt, wo sich neue, mächtigere Feinde zeigten, begann ich zu realisieren, dass das nicht mehr ausreichte. Ich verstand nun, warum die meisten Wyr den Schutz einer Gruppe suchten. Als Mantikor und einziger meiner Art war das aus verschiedenen Gründen für mich nie eine Option gewesen und ich hatte mein Los mit einer Mischung aus Wehmut und Stolz ertragen. Auf der anderen Seite war ich mir aber auch nicht sicher, ob ich überhaupt Teil eines Wyr-Rudels sein wollte, denn ich mochte meine Unabhängigkeit. Vielleicht würde ich das in der nächsten Zeit ja herausfinden...
„Erholen Sie sich gut“, fuhr Dragos fort, als ich nur schweigend ins Leere starrte.
„Danke“, murmelte ich. Es gab wohl einiges, über das ich nachdenken musste.
Der Drache nickte mir zu und verließ den Raum.

Besonders viel Zeit zum Nachdenken blieb mir jedoch nicht, denn Pia war relativ schnell wieder zurück. Sie trug einen ganzen Stapel DVDs auf dem Arm und lud diesen nun auf meinem Bett ab.
„Ich wusste nicht, was du mögen könntest, deshalb hab ich einfach mal ein paar mitgebracht“, erklärte sie. „Was magst du denn so? Komödie, Abenteuer, Liebesfilm, Horror? Oder lieber Klassiker?“ Sie hielt die „Titantic“ hoch.
„Oh Gott, bleib mir bloß weg damit“, lachte ich. „Der Film dauert so ewig, dass man sich nach der Hälfte doch nur noch wünscht, das Schiff möge endlich untergehen.“
Pia kicherte. „Okay. Dann lieber nicht. Vielleicht besser etwas Leichtes? Schließlich hattest du ja wirklich schon genug Action für heute, oder?“
Ich nickte zustimmend. „Definitiv...“ Ich sah ein paar DVDs durch. Die „Herr der Ringe“-Trilogie und die neueren „Hobbit“-Filme wanderten durch meine Hände. Beide kannte ich schon. Dann waren da „Avatar“ und ein paar weniger bekannte Science-Fiction-Filme, danach ein paar Komödien. Beim nächsten Cover musste ich grinsen. „Drachenzähmen leicht gemacht? Sowas hat Dragos in seiner DVD-Sammlung?“
Pia lachte auf. „Sicher nicht freiwillig. Ich hab ihm den mal geschenkt, um ihn zu ärgern. Aber ich glaube er fand den Film gar nicht so schlecht, auch wenn er das nie zugeben würde.“ Sie zwinkerte mir zu.
„Der Film ist ja auch ganz süß.“ Auch wenn die putzigen Zeichentrickdrachen absolut nichts mit dem echten gemeinsam hatten, von der Fähigkeit Feuer zu speien mal abgesehen. Schließlich zog ich eine andere DVD hervor. „Wie wär's damit?“
„Die Ghostbusters? Keine Einwände, das wird auf jeden Fall lustig“, stimmte Pia zu und nahm mir die Packung aus der Hand, um die DVD in den Player einzulegen. „Siehst du von deinem Bett aus was, oder willst du rüber aufs Sofa kommen?“
„Ich komm rüber“, erwiderte ich ohne nachzudenken und schlug die Bettdecke zurück. Als ich jedoch beide Füße auf den Boden stellte und aufstehen wollte, schoss ein stechender Schmerz mein Bein hinauf, der mich Sterne sehen ließ. Ich fluchte. Sofort war Pia wieder an meiner Seite.
„Das ist vielleicht doch keine so gute Idee. Bleib lieber im Bett sitzen, ich werd den Fernseher etwas rüber schieben. Wir können es uns ja auch einfach zu zweit auf dem Bett gemütlich machen? Wenn du nichts dagegen hast“, fügte sie schnell an, als ihr wohl wieder eingefallen war, wie kurz wir uns erst kannten und dass sie damit vielleicht zu weit in meinen persönlichen Bereich eindrang.
Doch ich winkte nur ab. „Schon okay, Platz ist ja genug da.“ Das Bett war riesig, gefühlte zwei Meter breit in etwa.
„Okay. Soll ich dir noch ein Schmerzmittel bringen?“, fragte Pia mich besorgt, als ich mich mit zusammengekniffenen Augen wieder hinsetzte und an die Rückwand des Bettes zurück rutschte.
„Nee, geht schon“, wehrte ich ab. „Es ist erträglich solange ich mich nicht zu viel bewege oder rumlaufe. Vielleicht morgen.“ Ich hoffte ja, dass es morgen schon von alleine besser war, schließlich heilte ich als magisches Wesen schneller als die meisten.
„Wie du willst. Sag was, wenn du etwas brauchst, okay?“, erwiderte sie und ich nickte gehorsam, damit sie zufrieden war. So viel Fürsorge war irgendwie befremdlich für mich. Ich war es nicht gewohnt, dass sich jemand um mich kümmerte und wollte mich auch lieber erst gar nicht daran gewöhnen. Es war essentiell für mich, zu wissen, dass ich niemanden brauchte, denn nur dann fühlte ich mich stark genug, mich den Schwierigkeiten, die ein Leben als Einzelgänger immer wieder barg, stellen zu können. Ich war zu sehr daran gewöhnt, mich auf niemanden verlassen zu können, weshalb es mir auch schwer fiel, es dann zu tun, wenn es theoretisch möglich war.
Pia ließ sich neben mir aufs Bett fallen und betätigte die Play-Taste. Ich versuchte mich auf den Film zu konzentrieren, den ich seit Jahren nicht gesehen hatte, aber irgendwie schweiften meine Gedanken doch hin und wieder ab. Eigentlich hätte mich mehr interessiert, was Dragos und die Wächter gerade besprachen, doch ich war nicht in der Position gewesen zu verlangen, dass sie ihre Besprechung hier abhielten und selbst war ich gesundheitlich gerade nicht wirklich in der Lage, ihrem Treffen im Besprechungsraum beizuwohnen. Ich hoffte, dass ich wenigstens morgen erfahren würde, was sie bezüglich des entkommenen Faes vorhatten und ob sie dem Drahtzieher hinter all dem schon einen Schritt näher gekommen waren. Am liebsten würde ich selbst auf den dritten Angreifer Jagd machen. Ich würde diese Fae schon lehren, warum man einem Mantikor besser nicht auf die Pfoten trat... Nur dummerweise wusste ich weder, wo ich nach ihm suchen sollte, noch war ich schon wieder stark genug, um mich in den nächsten Kampf zu stürzen. Mal davon abgesehen, dass Dragos mit meinem Vorhaben sicher nicht einverstanden wäre. Frustriert biss ich die Zähne zusammen. Ich hasste es, untätig herum zu sitzen, während andere versuchten, meine Probleme zu lösen. Das war einfach nicht richtig.
„Du starrst den Marshmellow-Mann gerade so böse an, als würdest du ihn gerne selbst zerfetzen wollen“, stellte Pia nüchtern fest. „Und das nicht, weil du Appetit drauf hast.“
Ich wandte den Kopf zu ihr um. „Schaust du den Film an oder beobachtest du mich?“
Sie grinste. „Ich kann beides. Also, was regt dich gerade so auf? Ich schätze mal, es sind nicht die Ghostbusters.“
Ich schüttelte den Kopf. „Ich bin wütend, weil ich mich von einem meiner Feinde habe niederstrecken lassen und dadurch der dritte Fae entkommen ist. Nein, wütend ist noch untertrieben“, stellte ich fest. „Ich bin fuchsteufelswild! Wenn ich ihn in die Finger kriege, wird er sich wünschen, nie von meiner Existenz erfahren zu haben. Und das gilt noch viel mehr für denjenigen, der meine Verwandlung beobachtet hat, sollte ich je herausfinden, wer das war.“
Allein der Gedanke daran, dass jemand danach trachtete, mich zu unterwerfen und gefügig zu machen, brachte mein Blut zum kochen. Und die Tatsache, dass ich meinen Gegner nicht kannte und selbst dann womöglich alleine nichts würde ausrichten können, machte es nicht besser.
Pia nickte wissend. „Ich kann dich verstehen. Du fühlst dich hilflos und das ist ein beschissenes Gefühl.“
Hilflos? Ich horchte in mich hinein und stellte fest, dass sie recht hatte. Ich atmete tief durch. „Und was tut man dagegen?“
„Etwas, das einen weiterbringt. Ich werde Dragos bitten, dich in die Ermittlungen einzubeziehen. Vielleicht fällt ihm etwas ein, wie du helfen kannst, den dritten Fae und seine Auftraggeber zu fassen. Ich kann gut verstehen, dass du das nicht komplett anderen überlassen willst, auch wenn Dragos und die Wächter wirklich viel Erfahrung mit solchen Dingen haben.“
„Okay. Danke, Pia.“ Ich entspannte mich wieder etwas.
„Kein Problem. Aber werd erstmal wieder ganz gesund, bevor du dich auf diese Sache stürzt.“ Sie klopfte leicht auf mein verletztes Bein.
Ich zuckte bei der Berührung zusammen. „Schon gut“, murrte ich. „Und jetzt Hände weg.“
„'Tschuldigung.“ Pia ließ mich los, sah aber nicht besonders schuldbewusst aus. Wir konzentrierten uns beide wieder mehr auf den Film. Dieser jedoch war nur wenige Minuten später bereits zu Ende. Pia stand auf, um die DVD aus der Anlage zu entfernen. „Möchtest du noch einen sehen?“, fragte sie mich.
Ich schüttelte den Kopf. „Heute nicht mehr. Ich glaube, ich sollte mich wirklich etwas ausruhen, wenn ich morgen wieder fit sein will. Danke für den Abend.“
„Können wir gerne mal wiederholen“, erwiderte Pia. „Dann lasse ich dich jetzt einmal in Ruhe. Ich leg dir die Tabletten neben dein Bett, falls du es dir doch noch anders überlegst.“ Sie ging zu einem kleinen Schränkchen und nahm eine Packung heraus. „Achso, wenn du irgendwas brauchst: Neben deinem Bett ist ein Telefon, damit kannst du den Zimmerservice rufen. Unsere Nummer von der Wohnung oben ist auch eingespeichert, ebenso die von Graydon als Erstem Wächter.“
Ich nickte zum Zeichen, dass ich verstanden hatte, und Pia ließ die Tablettenpackung auf mein Nachtkästchen neben das Telefon fallen. „Gute Nacht, Cora“, wünschte sie mir dann. „Erhol dich gut.“
„Danke. Gute Nacht, Pia“, erwiderte ich und wartete, bis die andere Frau die Wohnungstür hinter sich zugezogen hatte. Erst dann ließ ich mich in die Kissen zurücksinken. Erst heute Morgen war ich in mein weißes Sommerkleid geschlüpft und hatte mich auf den Weg zu Dragos gemacht. Jetzt war ich verletzt, hatte meinen Job aufgegeben und meine Wohnung verloren, dafür einen neuen Job angenommen, von dem ich noch nicht wusste, worin er bestand und schlief nun in einem modernen Apartment, das ungefähr fünfmal so groß wie meine bisherige Wohnung war. Außerdem hatte ich den Wyr-Lord und seine Gefährtin kennengelernt sowie einige seiner Wächter und mich mit drei Hellen Fae angelegt, die mich entführen wollten. Ganz schön viel für einen Tag. Ich hoffte, dass es hier nicht immer so turbulent ablaufen würde. Ich mochte zwar Abwechslung, war aber doch ein deutlich routinierteres Leben gewohnt. Da war ich wirklich gespannt, was morgen so auf mich zukommen würde... Und auch ein wenig nervös, weil ich immer noch nicht wusste, was genau jetzt eigentlich von mir erwartet wurde, außer dass ich mich erstmal bedeckt hielt. Ich zerpflügte das Laken nervös mit den Fingernägeln, so wie eine Katze es wohl mit ihren Krallen tun würde. Der Mantikor in mir war immer noch unruhig, fühlte sich nicht mehr sicher, wollte auf die Jagd gehen und seine Feinde zur Strecke bringen, bevor sie Jagd auf ihn machten. Nur mit Mühe zwang ich diesen Teil meines Wesens zur Ruhe. Nur Geduld. Meine Zeit würde schon noch kommen.
Ich streckte mich, um das Licht neben mir auszuschalten und seufzte, als es dunkel im Raum wurde. Meine Sinne schärften sich fast augenblicklich und ich nahm nun das leichte Rauschen des Verkehrs unterhalb des Towers wahr, sowie die sanfte Brise, die durch ein gekipptes Fenster im Raum hereinwehte und die Vorhänge leicht bewegte. Ich atmete tief durch. Die Ereignisse des Tages und die ungewohnte Umgebung würden mir es vermutlich nicht leicht machen zu schlafen, aber ich schloss trotzdem die Augen und drehte mich so auf die Seite, dass mein verletztes Bein oben lag. Noch immer trug ich das Kleid, aber ich hatte absolut keinen Nerv, noch einmal aufzustehen und mich umzuziehen, zumal mir noch niemand meine Sachen vorbei gebracht hatte und ich nicht wusste, ob es noch andere Kleidung im Schrank gab.
Es dauerte eine Weile, aber irgendwann ließ mich die Erschöpfung schließlich in einen unruhigen Schlaf fallen, in dem mich erneut die Bilder eines Traums überwältigten.
Erneut befand ich mich in meiner tierischen Form und flog. Nein, ich floh viel mehr. Panisch flatterte ich zwischen irgendwelchen komischen Säulen in einer Art Höhle hin und her, während etwas deutlich Größeres mich jagte. Reihenweise stürzten die Säulen ein, wenn das Wesen hinter mir durch sie hindurch brach und die Höhlendecke folgte nach. Durch Schutt und Staub kämpfte ich mich nach draußen und fand mich in einer großen Arena wieder, ähnlich der des römischen Kolosseums. Zum ersten Mal wagte ich einen Blick zurück und sah nun, wie der Drache hinter mir aus der eingestürzten Höhle ins Freie brach. Die glühenden Drachenaugen fixierten mich, während die riesige Echse auf dem Schutthaufen thronte.
„Miss Evans“, ertönte eine gelangweilte Stimme. Ich fuhr herum und erkannte einen der Fae, den wir getötet hatten. „Hören Sie auf wie ein verängstigtes Kaninchen wegzulaufen. Töten Sie den Drachen. Los.“
Ich schüttelte heftig den Kopf und wich ein paar Schritte zurück. „Nein. Ich will das nicht. Bitte...“
Der Fae schnalzte missbilligend mit der Zunge. „Dann lassen Sie mir keine andere Wahl.“ Plötzlich hielt er etwas in der Hand, das wie ein kleines Stofftier aussah. Im nächsten Moment begann es zu zappeln und ich erkannte mit Schrecken, dass es sich um ein Mantikor-Baby handelte, das mich verdächtig an mich selbst erinnerte. Er zog ein gebogenes Messer, nein, den abgetrennten Stachel eines erwachsenen Mantikors. Er hielt es dem Baby an die Kehle.
„Nein, bitte, tun Sie ihm nicht weh!“, protestierte ich.
„Töten Sie den Drachen.“ Der Fae schaute mich abwartend an.
„Nein!“, wiederholte ich vehement.
„Tun Sie es!“, brüllte der Fae. Ich schüttelte weiter den Kopf und der Fae rammte dem jungen Mantikor den Stachel tief in den Bauch. Nur dass plötzlich ich der Welpe war und mich in Todeskrämpfen wand...

„Nein!“ Ich schreckte hoch und die fremde, dunkle Umgebung stürzte auf mich ein. Mein Herz raste und eine Welle der Klaustrophobie packte mich trotz des großzügigen Apartments. Ich strampelte die Decke weg, taumelte aus dem Bett und wie ein Ertrinkender auf der Suche nach Sauerstoff auf das Fenster zu, als auch schon die Verwandlung einsetzte. Fell flutete über meine Haut und ich befreite mich aus meinem Kleid, das ich komplett durchgeschwitzt hatte. Ich schaffte es gerade noch, das Fenster aus der Kippstellung zu lösen und ganz zu öffnen, bevor ich größer wurde und meine Hände sich in Pfoten verwandelten. Mein langer Skorpionschwanz wischte die Nachttischlampe vom Nachtkästchen, bevor er sich über meinem Rücken krümmte. Kaum dass meine Flügel sich ausgebildet hatten, zog ich sie schon eng an den Körper und zwängte mich durch den Fensterrahmen, wo ich mich einfach nach vorne und in die Tiefe fallen ließ.
Meine Schwingen entfalteten sich mit einem Ruck und verwandelten meinen Fall in einen sanften Gleitflug. Mit ein paar kräftigen Flügelschlägen stürzte ich davon in die Nacht, ließ meinen Verhüllungszauber wie Wasser über mich fließen und den kalten Gegenwind mich beruhigen. Nach einem kurzen Zick-Zack-Kurs hielt ich auf den Rand der Stadt zu.

Ich überflog den Hudson und landete in einem verlassenen Park, in dem sich um diese Uhrzeit niemand aufhielt. Erst dort konnte ich einmal tief durchatmen und auch wieder klar denken. Was hatte ich mir nur dabei gedacht, nachts einfach den Tower zu verlassen und auf Rundflug zu gehen? Es war gegen die Abmachung, die ich mit Dragos getroffen hatte, und was war, wenn ich beobachtet worden war und die Fae mir gefolgt waren? Nervös blickte ich mich um. Vielleicht sollte ich besser zum Tower zurückfliegen, bevor jemand meine Abwesenheit bemerkte. Das heißt... verdammt, ich konnte nicht den gleichen Weg zurück nehmen. Es war eine Sache von einem Fenster aus zu starten, aber durch ein Fenster hinein zu fliegen, eine ganz andere. Um das zu schaffen müsste ich im richtigen Moment die Flügel anlegen und selbst dann würde ich wie ein Geschoss hinein stürzen und den halben Raum verwüsten. Aber auf Dragos' Terrasse konnte ich noch viel weniger landen.
Bevor ich das weiter erörtern konnte, hörte ich das Geräusch von Schwingen nur wenige Meter entfernt von mir. Mit angelegten Ohren fuhr ich herum und fauchte in die Dunkelheit. Meine Katzenaugen und mein Geruchssinn erkannten jedoch sofort, um was es sich handelte: Offenbar war mir einer der Greifen hierher gefolgt, wie auch immer er mich gefunden hatte. Es war das erste Mal, dass ich einen der Wächter in seiner wahren Gestalt von Nahem sah. Seine Flügelspannweite war sogar noch größer als meine, und während ich nicht viel größer als ein Kleinpferd war, hatte der Greif die Maße eines SUV und das Stockmaß eines Kaltblutpferds. Ich duckte mich auf den Boden und zeigte die Zähne. Eine Geste, die besagte, dass ich nicht kämpfen wollte, aber ihn gleichzeitig davor warnte, näher zu kommen.
Ganz ruhig, kleiner Löwe, sagte der Greif telepathisch und ich erkannte Graydons Stimme. Ich entspannte mich etwas, doch mein stachelbewehrter Schwanz wühlte nervös den Boden hinter mir auf. Was ist passiert?, wollte er wissen.
Ich wand mich verlegen. Ich... hatte einen Alptraum. Mich hat die Panik überwältigt, ich musste da raus. Tut mir leid, fügte ich zerknirscht hinzu.
Der Greif legte den gefiederten Kopf schief. Passiert dir das öfter? Es war kein Vorwurf in seiner Stimme zu hören.
Ich rappelte mich auf, bis ich auf meinen Hinterbeinen hockte. Manchmal, gab ich zu.
Und geht es dir jetzt wieder besser?, hakte er weiter nach.
Ich horchte in mich hinein. Schätze schon. Aber was interessiert dich das? Bist du gar nicht hier, um mich an das Abkommen, das ich mit Dragos getroffen habe, zu erinnern, welches ich gerade gebrochen habe?
Doch. Auch. Ich hörte das Schmunzeln in seiner Stimme. Deshalb kann ich mich doch trotzdem erkundigen, ob unser kleiner Mantikor wohlauf ist.
Ich schnaubte und sprang wieder auf meine vier Beine hoch. Das unangenehme Ziehen in meinem linken Hinterbein ignorierte ich geflissentlich. Ich umkreiste den Greif, doch dieser blieb gelassen stehen und drehte nur den Kopf, um meinem Weg mit den Augen zu folgen. Wieso liegt dir überhaupt etwas an mir? Aus Dragos' Sicht bin ich nicht mehr als eine Waffe, die ihm in den falschen Händen schaden könnte. Warum also wollt ihr mich überhaupt schützen, wenn ich doch eine so große Gefahr bin? Der Klang meiner Stimme war mit jedem Satz härter geworden.
Der Greif sah mich ernst an. Weil du eine Wyr bist. Wir lassen niemanden von uns in den Händen skrupelloser Fae oder anderer Wesen zurück, damit sie ihn gegen uns benutzen können. Du musst es nur auch zulassen, dass wir auf dich Acht geben.
Ich schüttelte mich. Das liegt nicht in meiner Natur, erwiderte ich bestimmt. Ich bin ein Einzelgänger, war ich schon immer. Ich brauche niemanden, der auf mich aufpasst.
Nun drehte sich der andere Wyr doch zu mir um. In erster Linie bist du stur. Allein gestern hätten die Fae dich mitgenommen, wenn Grym und Aryal nicht da gewesen wären. Dragos und die Greifen waren alle Einzelgänger, aber wir haben uns trotzdem zusammengeschlossen. Damals vor allem, weil die Menschen allmählich neue Waffen entwickelt haben und auf uns Jagd gemacht hätten, wenn wir nicht gezeigt hätten, dass wir Teil der zivilisierten Welt werden und andere unserer Art so unter Kontrolle halten können, so dass auch sie sich an die Regeln dieser nun mal überwiegend menschlichen Welt halten. Wir sind Wyr, wir sind anpassungsfähig und unsere Natur ist nicht in Stein gemeißelt. Sonst würde Dragos immer noch Menschen fressen und Städte dem Erdboden gleich machen, bis die menschlichen Armeen mit ihren Flugzeugen und Panzern ihn niederstrecken würden. Wir überleben durch Anpassung und mehr verlangen wir von dir auch nicht.
Ich grub meine Krallen frustriert in den Erdboden, doch dieser Erklärung hatte auch ich nichts entgegen zu setzen. Allerdings gab es da noch eine andere Sache. Wie hast du mich überhaupt gefunden?, fragte ich misstrauisch. Schließlich hatte ich mich wie gewohnt magisch verhüllt, als ich die berühmte „Stadt, die niemals schläft“ überflogen hatte.
Ich hab gehört, wie du die Lampe runter geworfen hast, also hab ich nachgesehen, aber da bist du gerade aus dem Fenster gesprungen. Es hat etwas gedauert, weil ich erst aufs Dach rauf musste, um mich zu verwandeln. Ich passe nicht durchs Fenster. Danach bin ich der magischen Spur deines Verhüllungszaubers gefolgt, erklärte der Greif gelassen.
Ich kniff die Augen zusammen und trat drohend einen Schritt auf den größeren Wyr zu. Du standest vor meiner Tür?, grollte ich. Dass mein Zauber Spuren hinterließ, ignorierte ich erst einmal, auch wenn mir das ebenfalls neu war.
Der Greif wich abwehrend einen Schritt zurück. Dragos wollte das so. Dr. Medina übrigens auch. Die Ärztin, die dich behandelt hat, fügte er hinzu, als ich nichts erwiderte.
Ich öffnete meine Flügel ein Stück, um größer zu wirken und richtete mich höher auf. Hört auf damit, mich zu überwachen, forderte ich. Ich bin nicht eure Gefangene, oder?
Der Greif senkte den Kopf, bis wir uns Auge in Auge gegenüber standen. Nein, aber du solltest dich an die Regeln halten, denen du selbst zugestimmt hast. Sollte Dragos der Meinung sein, dass du unfähig bist, dich an Abmachungen zu halten, wird er sein Angebot vielleicht zurückziehen.
Und das heißt?, fragte ich herausfordernd.
Dass du zurück auf die Straße gehst, womöglich. Natürlich nachdem du so lange eingesperrt wurdest, bis ein Gegengift gegen deines entwickelt worden ist. Was die Fae natürlich nicht wissen werden und trotzdem Jagd auf dich machen werden, stellte er mir in Aussicht. Ein Schauer lief mir über den Rücken und ich ließ die Flügel sinken. Ich hatte mir noch gar keine Gedanken darüber gemacht, was Dragos wohl tun würde, wenn ich mich unkooperativ zeigte. Ich wandte mich ab und unterbrach den Blickkontakt damit. Graydon folgte mir, als ich mich ein paar Meter entfernte.
Dazu muss es nicht kommen. Lass uns zum Tower zurückfliegen.
Ich seufzte ergeben. Okay. Wirst du Dragos sagen, dass ich weggeflogen bin?
Er weiß es schon. Ich hab ihm gesagt, dass alles okay ist und du wieder mit zurückkommst.
Oh, kam es erstaunt von mir. Und was hat er gesagt?
Er hatte mit etwas in dieser Art innerhalb der nächsten Tage gerechnet. Er lässt es dir durchgehen, aber du sollst deine Rundflüge in Zukunft mit uns abstimmen.
Da war sie wieder. Überwachung und Kontrolle. Natürlich nur zu meiner eigenen Sicherheit. Ich musste eindeutig daran arbeiten, den Fall in meiner Wohnung aufzuklären und sollte wohl anfangen, Dragos zu überzeugen, dass ich nicht für jede Kleinigkeit einen Babysitter brauchte. Also erstmal keine nächtlichen Ausflüge mehr. Das sollte ich irgendwie hinkriegen.
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