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Heimatlos

von Caster
GeschichteRomance, Familie / P18 / Het
Big Mom / Charlotte Linlin
02.02.2021
05.03.2021
7
14.455
7
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11 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
23.02.2021 2.287
 
Einsamkeit


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Für einen kurzen Moment weiten sich Ovens Augen, als du dich seiner Mutter aufs Neue widersetzt. Niemand würde solch ein Verhalten unbeschadet überstehen, weder er selbst noch ein anderes ihrer Kinder.  
Und doch passiert dir nichts. Seine Mutter ist so gut gelaunt, wie sie es nur selten ist. Was ihn noch mehr verwundert, ist das ihre Zufriedenheit schon seit einigen Stunden anhält. Oven erinnert sich nicht mehr an das letzte Mal, als seine Mutter über längere Zeit so glücklich war. Er kann sich nicht genau erklären, was in seiner Mutter vor sich geht.  
Doch sie mag dich.  
Sehr sogar.  

Kaum merklich schüttelt er den Kopf. Niemand scheint wirklich verstehen zu können, was genau im Gange ist. Seine Geschwister werfen sich ab und zu ratlose Blicke zu. Selbst Perospero weiß nicht, wie er sich verhalten soll. Langsam schreitet er auf und ab und schenkt dabei niemandem Beachtung außer dir und Mutter.  

Ovens Blick liegt schon seit einer Weile auf dir. Seine Mutter kann er außer Acht lassen, sie ist momentan keine Gefahr. Auch, wenn er schon lange nicht mehr unachtsam gegenüber ihr war spürt er, dass sie weit von einem Wutausbruch oder anderen Katastrophen entfernt ist.  
Seine Augen verengen sich unmerklich. Irgendwas an dir schafft es seine Mutter zufrieden zu stimmen, egal wie du dich ihr gegenüber verhältst. Auch wenn er besseres zu tun hat weiß er, dass er sich noch einige Gedanken über dich und diesen Tag machen würde.

Er kann dir ansehen, dass du dich nicht wohl fühlst. Sobald du sahst, was seine Mutter mit ihren Kräften schuf, wurdest du nervös. Wahrscheinlich hattest du noch nie zuvor lebendige Gegenstände, die Homies, gesehen. Immerhin sind sie im Rest der Welt nicht vorhanden.
Zwar hast du schnell versucht, deine Unsicherheit zu verbergen, dennoch kann Oven sie dir nach wie vor ansehen.  
Umso mehr wundert es ihn, dass du dich gegen seine Mutter auflehnst.  

„Das was du Leben nennst ist für mich kein Leben. Es ist ein langsames Zugrundegehen ohne einen Antrieb um weiter zu machen."

Ein leises Schnauben entkommt ihm. So denkst du also. Bisher begegneten ihm noch nicht viele Menschen, die eine ähnliche Einstellung besaßen. Die Meisten von ihnen ließen bald ihr Leben, nach dem sie ähnliches äußerten.  
Auch wenn er dich nicht kennt, kann er sich denken, dass du schon einige Dinge erlebt hattest, von denen nicht alle gut waren.  
Trotz alldem kann er dein Verhalten nicht leiden. In seinen Augen erlaubst du dir viel zu viel. Doch je mehr er dich ansieht, je mehr von deinem Verhalten er beobachtet, umso mehr will er wissen. Du interessierst ihn und er ist sich nicht sicher, ob ihm das gefällt.  

Als seine Mutter dir die Erlaubnis erteilt dir einen ihrer Söhne zum Mann zu nehmen, benötigt er einen kurzen Moment, um zu begreifen.  
Er ist ehrlich erstaunt. Oven ist sich sicher, dass seine Mutter noch niemandem gestattete, sich frei einen Mann oder eine Frau auszusuchen. Für einen Moment schüttelt er seinen Kopf. Warum bist es gerade du, der sie eine solche Ausnahme gestattet?  
Erstaunt, etwas überfordert und gleichermaßen skeptisch sieht er seine Mutter an. Es ist eine Sache, dass sie dir ein solches Privileg zugesteht, doch ihm ist ihre Warnung nicht entgangen. Keiner sollte dich schlecht behandeln und erst recht nicht der, der dich zur Frau haben würde.
Obwohl er nicht versteht, aus welchen Gründen heraus seine Mutter handelt, stellt er sie nicht in Frage.

Noch immer liegt sein Augenmerk auf dir. Das Angebot seiner Mutter behagt dir augenscheinlich nicht. Dennoch gibst du keine erneuten Widerworte. Du scheinst bemerkt zu haben, dass es auch für dich Grenzen gibt, die du nicht überschreiten solltest.  
Auch wenn er es sich nicht ganz eingestehen will, muss er zugeben, dass du kein typischer Mensch bist.  
Ihn interessiert, was du nun vorhast. Wie würdest du mit dem Umgehen, was dir seine Mutter zugestand? Ein schmales Lächeln schleicht sich auf seine Lippen. Die nächsten Tage sollten sicherlich nicht eintönig werden.  

„Ich freue mich zu sehen, auf wen deine Wahl fallen wird, mein Kind.” Aufrichtige Vorfreude liegt in den Worten seiner Mutter. Auch dieses Mal ist es nichts weiter als ein Nicken, dass du entgegnest.  
„Du darfst gehen.” Ein wenig überrumpelt siehst du Linlin an.  
Du weißt nicht, wohin du gehen kannst. Alles hier ist neu für dich, du kennst dich nicht aus und erst recht ist dir niemand bekannt.  
Ein Kichern entkommt der Kaiserin. „Morgen möchte ich dich wieder sehen.” Eh du etwas sagen kannst, spricht sie weiter. „Bis dahin steht es dir zu dich frei zu im Schloss zu bewegen.”

Verwunderte und nicht sehr erfreuliche Blicke werden unter den Geschwistern ausgetauscht. Jedem ist klar, dass man seiner Mutter keine Gegenvorschläge unterbreiten sollte, wenn sie mit so viel Eifer bei der Sache ist. Doch selbst du siehst sie überaus verwirrt an. Dir scheint genauso wie den meisten im Raum klar zu sein, dass ihre Entscheidung gewagt und ebenso abwegig ist.  
Mit leichtem Kopfschütteln drehst du dich um und verschwindest ohne weitere Worte.  

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Als sich die Tür hinter dir schließt, siehst du dich skeptisch um. Bist du es, die verrückt wurde, oder die Kaiserin? Du verstehst nicht, was vor sich geht. Ein Seufzen entkommt dir. Was solltest du nun tun?
Aus dir unerfindlichen Gründen stehen dir alle Türen offen. Du bist noch immer am Leben und hast Privilegien zugesprochen bekommen, mit denen du nichts anzufangen weißt. Es ist dennoch keine gute Idee auf eigene Faust durch das Schloss zu ziehen. Du hast einigen der Kinder Linlins angesehen, dass sie die Entscheidungen ihrer Mutter weder verstehen noch gutheißen. Wahrscheinlich würde dir niemand etwas tun, dennoch bist du nicht auf feindselige Begegnungen aus.  
Überfordert mit der ganzen Situation läufst du eine kurze Strecke, bis dir erneut klar wird, dass du das nicht tun solltest. Du kennst dich im Schloss nicht aus. Einordnen, wo du dich momentan befindest kannst du nicht. Dir ist nicht klar, was dich erwarten würde, wenn du weiter gehst. Nichts und niemand scheint dir vertraut. Mit einem mulmigen Gefühl lehnst du dich an die Wand neben dir. Für einen kurzen Moment schließt du deine Augen.  

Du warst auf viele Dinge vorbereitet. Doch nicht darauf heiraten zu müssen. Du weißt nicht, wie du damit umgehen sollst. Was würde es für dich überhaupt zur Folge haben, in die Familie Charlotte einzuheiraten?
Je mehr Gedanken du dir machst, umso klarer wird dir, dass du nichts weißt. Weder Kenntnisse vom Totland, den Menschen, der Charlotte Familie oder andere nützliche Informationen sind dein. Dazu kommt, dass dich das Verhalten der Kaiserin völlig irritiert.  

Tief atmest du durch. Linlin sagte, dass sie dich morgen erneut sehen will. Vielleicht würdest du danach mehr wissen. Für den Moment wäre es wohl am besten, wenn du dir Gedanken darüber machst, wie du die Zeit bis zu diesem Treffen überbrücken kannst. Da du nicht weißt, an welchem Ort du bis dahin bleiben kannst, entschließt du dich dazu an deinem momentanen Standort auszuharren. Irgendwann würde schon irgendwer vorbeikommen, den du fragen könntest, wo du vorerst bleiben darfst.

Mit jeder verstrichen Minute fühlst du dich mehr von deinen Gedanken erschlagen. Du bist müde. Schmerz und Frust von einer ganzen Woche der Verschleppung haben dir Energie genommen. Deine Blessuren schmerzen zunehmend und obwohl du deine Fessel los bist, fühlt es sich nicht mehr an, als hätte man sie abgenommen. Deine Gedanken kreisen, erdrücken dich immer mehr.
Du hättest frei sein können.
Erst jetzt bemerkst du, dass du zitterst. Viel zu viel ist passiert. Dennoch bringt es dir nichts, deine restliche Kraft zu nutzen, um dich über deine Entscheidungen zu ärgern. Alles was du tatest führte dich letztendlich an genau diesen Punkt in deinem Leben.
Zu gerne würdest du dich endlich ausruhen können. Vielleicht würde es dir dann besser gehen.
Traurig, überfordert und verwirrt schlägst du kraftlos mit deiner Faust gegen die Wand. Eine einzelne Träne rinnt dir über deine Wange.
Was soll nun aus dir werden?

Die Schlossmauern wirken freudlos. Du beginnst dich zu fragen, ob überhaupt noch jemand an diesem Ort vorbeikommen würde.
Selbst wenn, warum sollte diese Person dir helfen?
Deine Augen weichen träge entlang der Flure. Du bist dir sicher, dass du dich verlaufen würdest, solltest du einfach weiter gehen. Jedoch behagt dir die Vorstellung eine Nacht in einem verlassenen Flur verbringen zu müssen ebenso wenig.
Für einen Moment flammt in dir der Gedanke auf, dass du dich schrumpfen könntest. So würdest du niemandem auffallen und hättest deine Ruhe. Dennoch verwirfst du diesen Gedanken wieder. Du willst nicht in Erfahrung bringen, was passiert, wenn man erneut denkt, dass du entkommen bist.
Eine Flucht würde dir wohl ohnehin nichts mehr bringen. Selbst, wenn du entkommen solltest, würde die Charlotte Familie nach die fahnden lassen. Dessen bist du dir im Angesicht dieses Tages sicher.

„Was tust du hier?"

Aufgeschreckt siehst du in die Richtung, aus der die Worte kamen. Eine deutlich zu vernehmende Stimme, tief und argwöhnisch.
Deine Augen weiten sich, als du wahrnimmst, dass die Person um einiges Größer ist als du selbst.

Du konntest es noch nie leiden, nicht auf Augenhöhe mit jemandem sprechen zu können. Du musstest es auch nie hinnehmen.

Schon seit einer Weile ist dir klar, dass du deine Teufelskräfte kaum noch angemessen beherrschst. Eine Woche lang warst du von ihnen isoliert. Und nun hast du weder Energie noch Gedankenstärke um sie bedacht einsetzen zu können. Und so reagiert dein Körper, ohne dass du wirklich Einfluss darauf nehmen kannst.

Erschrocken über dich selbst findest du dich kaum später auf Augenhöhe zu deinem Gegenüber wieder.
Innerlich rügst du dich selbst und hoffst, dass deine Handlung nicht als Kämpferklärung angesehen wird.

Für einen Augenblick siehst du den Mann an, dessen Anwesenheit dich völlig aus deinen Gedanken riss. Auch seinen Steckbrief hattest du schon einmal gesehen. Sein Name fällt dir dennoch nicht ein.  
Hättest du noch etwas mehr Ausdauer übrig, würde dein Blick mehr aufgefangen als eine trainierte Statur und Haare die dir wie eine Flamme erscheinen.

„Das war so nicht geplant." Deine Stimme ist kraftlos. Ein schmales Lächeln erscheint auf deinen Lippen. So schnell wie es kam schwindet es auch wieder. Erschöpft schließt du deine Augen und lässt dich erneut gegen die Wand sinken. Inzwischen ist es dir egal, dass man dir ansehen kann, dass du mit deinen Kräften am Ende bist. Du würdest es ohnehin nicht mehr ausreichend verbergen können.

„Was machst du hier?" Auch wenn du ihn nicht ansiehst, kannst du hören, dass er skeptisch ist. Er vertraut dir nicht.

„Ich weiß es nicht." Müde und träge schaust du ihn erneut an. Du erkennst, wie sich seine Augen verengen. Deine Antwort ist nicht genug.
„Ich weiß weder wo ich bin noch wo ich hinkann." Noch immer gegen die Wand gelehnt drehst du dich ihm etwas entgegen.

„Du könntest überall hin." Auch wenn er es dir nicht offen zeigt, hörst du ihm an, dass er dich mit seinen Worten prüft. Ein neugieriger Ausdruck liegt in seinem Blick.

„Könnte ich das?" Ein bitteres Lächeln huscht über deine Lippen. „Ich denke nicht" antwortest du dir selbst. „Ich kann nicht fort von dieser Insel.” Nach einer kurzen Pause redest du weiter. „Weder will ich sehen was die Räume in diesem Schloss verbergen noch will ich umherlaufen und mich in Dinge einmischen, die mich nichts angehen." Selbst wenn du momentan daran interessiert wärst würde es dir dein Körper verwehren.
„Ich hätte einfach gerne nur einen Ort, an dem ich diese Nacht bleiben kann."

Obwohl du eine Antwort erwartest erhältst du keine.
Du kannst deinen Blick nicht von ihm lösen.
Wärst du in besserer Verfassung, würde seine Präsenz vermutlich weniger beeindruckend auf dich wirken.
Du weißt nicht, was du nun tun sollst.
Seine Augen halten deine fest, während er dir langsam näherkommt.

Als er vor dir stehen bleibt, ist dir klar, dass du eingeschüchtert sein müsstest. Doch du bist es nicht. Wäre es sein Ziel, könnte er sicherlich dafür sorgen, dass du dich unbehaglich fühlst.

Langsam stützt er einen Arm neben dir an die Wand. Mit seiner freien Hand hält er dein Gesicht fest. Kraftvoll, aber nicht stark genug, um dir weh zu tun.
„Was an dir ist so besonders, dass Mutter dich bevorzugt?" Seine Augen schauen prüfend zwischen deinen hin und her. Erst als er seinen Blick von deinem löst spürst du, dass er Wärme ausstrahlt. Seine Körpertemperatur ist unnatürlich hoch. Seine Wärme geht auf deinen Körper über und obwohl du weißt, dass es falsch ist, fühlst du dich sogleich wohler.
Nach dem er dein Gesicht gemustert hat, kommen seine Augen erneut bei deinen zum Stillstand.
Sein Ausdruck ist streng und neugierig. Dennoch erkennst du keine Feindseligkeit.

Eh er dich wieder frei gibt, wird sein Blick entschlossen. Ein überhebliches Grinsen legt sich auf seine Lippen.

Sobald er sich wieder von dir entfernt hat spürst du, wie kalt es um dich herum ist.  
Es war dir bisher nicht aufgefallen. Doch im Lauf des Abends sind die Flure des Schlosses ausgekühlt.

„Komm", ist das Einzige, was er zu dir sagt. Mit festem Schritt geht er voraus. Ein wenig unentschlossen siehst du ihm hinterher, folgst ihm nach kurzem Überlegen jedoch eilig.


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Nun möchte ich noch ein paar knappe Worte aus gegebenem Anlass hinzufügen.  

*  Zuallererst: Diese Geschichte spielt etwa zweieinhalb Jahre, eh die Strohhüte das Totland unsicher machen. - Ich fand bisher keinen geeigneten Punkt dies in den Text einzubauen, werde es wohl auch zukünftig nicht.


Darüber hinaus möchte ich mich bei euch für die Empfehlungen bedanken, die ihr dieser Geschichte bisher gabt. Genauso freue ich mich über die Kommentare. :>

Soweit erst einmal. Bis zum nächsten Kapitel.
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