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Kintopp

GeschichteAllgemein / P12 / Gen
01.02.2021
09.04.2021
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Schwesterlein (Schweiz 2020, R: Stéphanie Chuat, Véronique Reymond)


Dass Lars Eidinger gerne stirbt und das auch richtig gut kann, hat er bereits in dem 2015 erschienenen Film Familienfest (Regie: Lars Kraume, Drehbuch: Andreas Stoll, Martin Rauhaus) bewiesen. Damals spielte er einen jungen Mann namens Max, der an einer seltenen Krebserkrankung leidet, bei der zwar Tochtergeschwülste vorhanden sind, der Muttertumor jedoch nicht ausfindig zu machen ist. Seine Krankheit gilt in diesem Film einerseits als Metapher für das zerrüttete Vater-Sohn-Verhältnis, sowie andererseits für die Familie an sich, die vor sich selber nur mühsam den Schein des Harmonischen wahren kann. All das verpackt in einer bitterbösen Satire – es machte Spaß dem Film zu folgen. Max’ Sterben und Tod, zwar erschreckend und schockierend, wie gesagt, Eidinger weiß zu sterben –, krönten das windschiefe Familiengebäude nur.

In Schwesterlein stirbt Lars Edinger erneut. Nun in der Rolle des jungen, erfolgreichen Schauspielers Sven. Und wieder ist er an Krebs erkrankt, diesmal an Leukämie. Aber man fragt sich bei all dem schon nach den ersten Minuten: Warum, was soll das? Was will uns der Film sagen? Dies vor allem vor dem Hintergrund, dass das ganze Setting des Films nicht im Nirgendwo sondern ganz real in Berlin, an der Schaubühne am Lehniner Platz angesiedelt ist. Sven barmt um die Wiederaufnahme seines hochberühmten und ebenso heiß geliebten Hamlet, doch der Regisseur David, gespielt vom Thomas Ostermeier höchstpersönlich, erteilt ihm mit dem Hinweis auf seine gesundheitliche Lage eine Absage.

Wer Lars Eidinger kennt, weiß, dass er seine Karriere u.a. an der Berliner Schaubühne begann und seine Interpretation des von Ostermeier inszenierten Hamlet ein Meilenstein für ihn darstellte. Skurril das Ganze, Thomas und Lars stehen sich nun als David und Sven gegenüber. Also spielt sich Eidinger selber – oder fast, denn immerhin hat Sven Leukämie und ist schwul. Eidinger hat weder das eine, noch ist er das andere.

Also greift sich das Drehbuch hier eben eine der vielen möglichen Möglichkeiten heraus, in der Lars Sven und Thomas David heißt? Beide verbindet ihr Engagement für die Berliner Schaubühne. Sie hängen beide am Hamlet. Dem einen bringt das Stück Zuschauer, also Einnahmen ein, dem anderen Ruhm und Erfolg. Sollte hier tatsächlich das Was-wäre-wenn? durchschimmern. Was, wenn Lars plötzlich wie Sven erkrankte? Was bliebe dann von ihm? Was hinterließe er der Nachwelt? Seinen Hamlet, dessen Dialoge er alle auswendig und sogar mit Akt- und Skriptseitenzahl angeben kann? Eben ein Vollblutschauspieler, möchte man meinen. Aber derer gibt es viele.

Ihm zur Seite steht Nina Hoss, die seine – wohl – fiktive Schwester Lisa mimt. Sie ist Theaterautorin, kann jedoch seit der Diagnose ihres Bruders nicht mehr schreiben und scheint sich in ihrer herzzerreißenden, aufopfernden Liebe zu ihrem Bruder selbst zu verlieren, auch in Hinblick auf die Beziehung zu ihrem Mann und ihren Kindern.

So anrührend wie all das wirkt und wie glaubhaft die Handlung stellenweise auch daherkommen mag, was zweifelsohne am überzeugenden, sogar mitreißenden Spiel der Akteure liegt: es stellt sich doch auch im Verlauf des Filmes die Frage, was all das soll? Stellt es einmal mehr Lars Eidingers Hang zum Morbiden dar, oder ist ihm die Erkrankung wohlmöglich eine Metapher für ... Missstände? Vielleicht die prinzipielle Gefahr der Austauschbarkeit, gerade in dieser schnelllebigen und von arbeitslosen Schauspielern überquellenden Zeit? Wenn der eine verhindert ist, gibt es stets einen zweiten, der schon wartet? Aber gibt es den tatsächlich? In Svens Fall letztlich nicht. David setzt das Stück ab, weil er den zweiten nicht den ersten mimen lassen kann. Lars’ Interpretation des Hamlet ist einmalig, so einmalig wie er selbst. Und alle lieben ihn dafür, wie ihm seine Schwester kurz vor seinem Tod ganz leise ins Ohr sagt, während er, von einem Ekzem entstellt, vor ihr auf einem Hocker im Badezimmer sitzt und sich von ihr waschen lässt.

Kurzum: Ein Schauspieler hat nicht die Aufgabe einen anderen zu imitieren. Eine gute, da richtige und wichtige Aussage des Films. Aber was dann? Was will der Film? Will Eidinger mit seinem zweifelsohne eindringlichen Spiel die Krankheit, das Sterben, den Tod einmal mehr vor die Kamera holen? Denn er kennt weder Körperscham, noch scheint er sich davor zu ängstigen, die grausamen und verstörenden Auswüchse von Leukämie an sich, dem Künstler, zu zeigen. Somit gehört sein Körper ganz der Kunst und diese hat die Aufgabe zu zeigen. Und er zeigt dem Zuschauer diese Krankheit ganz unverhüllt, zeigt, was sie mit Svens Körper anstellt, wie sie ihn entstellt. Also möchte er den Zuschauer nur nah genug an das gesellschaftlich noch immer Tabuisierte heranführen? Seht her, so schaut diese Krankheit aus. Oder möchte er darin seinen schwarzen Humor gespiegelt sehen? Oder dient dieser Film einzig seiner Selbstinszenierung als schrägem und Grenzen überschreitenden Schauspieler, der im Spiel kein Tabu kennt, ja, von der Schaubühne herkommend, auch gar nicht kennen darf? Ein Aufleben der Schaubühne im Film? Nur spritzt hier kein Blut in die ersten Zuschauerreihen, auch kein Urin. Hier quellen einem stattdessen Todesgeschwüre entgegen, wenn auch nur visuell.

Nun, vielleicht ist es von allem ein Bisschen? Vielleicht muss man dafür geboren sein, das darzustellen – so ein wenig wie Klaus Kinski seinerzeit. Man weiß es nicht. Und das ist umso bitterer, da es sich um ein Thema handelt, dass letztlich jeden einzelnen Menschen angeht. Jeden kann es treffen, heute, hier, sofort. Da wird man aus dem Leben gerissen und sieht sich mit dem eigenen Sterben und letztlich dem Tod konfrontiert.

Ungeklärt bleibt auch, ob sich seine Schwester wieder ihrem Mann annähert, oder ob sie mit den beiden Kindern allein und die Ehe zerrüttet bleibt. Unklar auch, wie die Reaktion der Mutter auf den Tod ihres Sohnes aussieht. Sie wollte sich zu dessen Lebzeiten nicht mit seinem Leiden auseinandersetzen, reagierte flapsig, nörgelnd, kindlich-unreif. Was wird nun aus ihr? Geht sie in sich? Oder bleibt sie die vom Genuss zu vieler Schlaftabletten gezeichnete Schnarchnase, als die sie der Zuschauer kennenlernte und an mancher Stelle auch belächeln musste? Gewiss, sie sorgt in ihrer verschlafenen Art für einige der im Film auftretenden komischen Momente. Und beinahe möchte man als Zuschauer befreit aufatmen, denn im Gegensatz zu ihrer Tochter Lisa, die zu zerbrechen droht, besitzt sie durch ihre Weigerung, den Dingen ins Auge zu sehen, eine Ruhe, die es ihr sogar erlaubt, in den unpassendsten Momenten, aber in unverwechselbar komischer Manier, Drinks zu servieren, da die Familie doch in trauter Runde beisammensitzt. Endlich einmal wieder. Dass sie Kinder am Tisch hat, stört sie nicht daran, Alkohol auszuschenken, wenn auch für die Allerkleinsten mit Erdbeersirup geschmacklich verfeinert. Ebenso wenig unterlässt sie das Rauchen in Svens Gegenwart. Sie lebt einfach, wenn auch schniefnasig, vor sich hin. Ein wenig schwebt sie, ein wenig verzweifelt auch sie, aber immer bedacht auf ihr eigenes kleines Künslterleben, das sie ganz dem politischen Theater eines Brecht verschrieb und das neumodsche Zeugs, diese Beziehungskisten, die nun auf die Bühne kommen, nicht verstehen kann. Ist sie daran zerbrochen? Denn dass sie gebrochen ist, steht außer Frage.

Nun, zurück zur Ausgangsidee: dass jemand auf dem Höhepunkt seiner Karriere steht und von einem tiefen Schicksalsschlag getroffen wird, ist nicht neu. Diese Geschichte schreibt das Leben ja selbst. (Und wenn ich mich an ein reales Beispiel erinnern darf, dann wohl daran, dass Ulrich Mühe seine Krebs-Diagnose gerade in jenem Moment erhielt, in dem ihm der Oscars für seine Rolle des Stasi- Hauptmanns in von Donnersmarcks Streifen Das Leben der Anderen (2006) verliehen wurde. Allein durch Mühes Spiel lebte der ansonsten totlangweilige, da ausschließlich von Klischees und Effekten gespeiste Film. Aber das soll in einem anderen Kapitel behandelt werden.) Die Idee gehört also, gerade weil es jeden Einzelnen treffen kann, immer wieder neu thematisiert. Doch stellt sich die Frage, wie das anzugehen ist. Eine befriedigende Antwort gibt der Film nicht. Da er zu viele Fragen offenlässt, hallt im Zuschauer hier auch am Ende nur ein gähnendes Warum das Ganze? nach, mehr nicht.

Oder sollte es einzig darauf hinauslaufen, dass die Schwester nun mit dem Tod ihres Bruders ein neues Thema für sich hat ausmachen können, da sie sich zuvor doch nur mit Paaren beschäftigte, die ihre Langeweile mit der Analyse ihrer Sexprobleme übertünchten? Wie man es dreht und wendet: der Film hinterlässt bei all der tragikomischen Momente und der knalligen Originalschauplätze und dem überzeugenden, hautnah erlebten Spiel der Akteure doch ein Gefühl der Leere und Ratlosigkeit.

Das Drehbuch wirkt wenig durchdacht – am ehesten noch wie eine Hommage an einen ganz großen, der schon zu Lebzeiten gern tot wäre, um sich seiner eigenen Prominenz und Brillanz noch sicherer sein zu können. Aber braucht es das wirklich? Das Sterben, den Tod, um ganz groß zu sein?

Sehenswert ist der Film trotzdem – und das meine ich vollkommen ernst. Einen Eidinger zu erleben, ist ein Ereignis, eine Hoss in ihrem feinen, sensiblen Spiel ebenso. Sie würde beispielsweise ihre Wut und ihren Zorn niemals an anderen auslassen, eher an den im Hinterhof stehenden Mülltonnen. Eben dort, wo sie keiner hört und sieht. Sie gerät auch nicht die Falle, dass sie, beispielsweise bei Tisch sitzend, etwas isst, während ihr das Gegenüber eine ihr nicht passende Bemerkung macht und sie, bereits gestresst, geladen, im Lehrbuch für Schauspiel nachschaut und nach Lektion 2, Kapitel 2.1. Darstellung von Wut im Gespräch verfährt – so, wie es viele Schauspieler in dieser Situation tun: nämlich einen Moment innezuhalten, Luft zu holen und dann loszutoben. Sie isst einfach weiter und frisst dabei metaphorisch all ihre Probleme in sich hinein. Es mag an ihrer sachten Art liegen, wohl aber auch allgemein an ihrer Fähigkeit, sich eigene Gedanken zu ihren Rollen zu machen. Gleiches gilt für Eidinger. Und gerade das macht sie zu guten, ja begnadeten und also immer wieder sehenswerten Schauspielern, vielleicht auch und gerade in solchen Filmen, deren Sinnhaftigkeit infrage gestellt werden muss.
 
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