Geschichte: Freie Arbeiten / Prosa / Liebe / Allgemein / Aaron

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Aaron

von Jessi1605
SammlungHumor, Liebesgeschichte / P12 / Gen
01.02.2021
23.02.2021
2
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Die eindringliche Aufforderung von Maria durchfuhr die Luft wie ein Peitschenknall, als ich nach dem Fitnessstudio am späten Dienstagnachmittag mein Haus betrat.
„Aarrron! Schuhe ausziehen! Subito!“

Um meiner Einschüchterung Nachdruck zu verleihen, hob ich zusätzlich noch die Hände, während ich die Schuhe von den Füßen streifte.  
„Irgendwann brichst du mir noch mein Herz, Maria“, stellte ich fest und zwinkerte der kleinen Frau mit den am Ansatz grau werdenden schwarzen Haaren verschmitzt zu.

„Zuvor du machst erst noch kaputt deine Fruchtbarkeit! Du hast das Handy schon wieder in deine Hosentasche. Das macht deine Samen kaputt! Alle!“, entgegnete sie forsch und deutete auf das große Rechteck in meiner Sporthose. ,, Wie oft soll ich dir noch sagen?"

„Alles noch vollständig funktionsfähig, Maria“, erwiderte ich ungerührt. Ich gab seit Jahren Teenagern Sexualunterricht. Ich war kaum noch zu schocken.

Maria zog die Augenbrauen hoch, pustete sich eine Strähne aus dem Gesicht und richtete sich ihren Zopf neu, während sie zurück ins Wohnzimmer eilte.
„Deine Pflanzen machen mich wahnsinnig, Aarrron!“ Ich liebte es, wie sie das ‚R‘ in meinem Namen rollte. Keiner konnte meinen Namen so aggressiv schnurren wie sie. „Wie soll ich im Wohnzimmer putzen, wenn immer mehr rumsteht? Pflanzen sind für die Garten nicht für drin!“

Da ich sehr wohl wusste, dass sie keine Antwort darauf haben wollte, stellte ich meine Sporttasche ab und schlurfte mit schweren Beinen in die Küche. Seufzend nahm ich mir dort direkt eine Gabel aus der Schublade und setzte mich an den Tisch, auf dem eine kleine Auflaufform mit ihren berühmten, selbstgemachten Canneloni stand. Eine Putzfrau zu haben, die nicht nur reinigte, sondern mich auch noch so sehr mochte, dass sie gelegentlich Essen mitbrachte, war ein wahrer Segen.

„Maria, wir könnten durchbrennen!“, rief ich überschwänglich. „Nur du und ich.“
Meine Augen drehten sich vor Genuss nach oben, nachdem ich den ersten Bissen zu mir genommen hatte. Kurz war mir, als würde ich klassische italienische Musik hören. In einem Restaurant in Rom. An der Piazza Navona. Marias Essen schmeckte nicht einfach nur phänomenal. Jeder Bissen war ein Stück Urlaub. Vor allem, wenn man gerade mehr als zwei Stunden im Fitnessstudio gewesen war.

„Aarrron, wie oft ich habe dir schon gesagt, ruf meine Tochter an? Sie ist Single und dann wärst du meine Schwiegersohn“, antwortete sie, kam zurück und stellte sich mit leicht geröteten Wangen in den Türrahmen. Ihre Gesichtszüge waren nun weich und wohlwollend. Doch dies hielt nicht lange an – „Isst du schon wieder ohne warmgemacht zu haben?“

„Bei so vielen Pflanzen im Wohnzimmer, habe ich es nicht verdient, so etwas Köstliches wie deine Canneloni auch noch warm zu genießen“, schmunzelte ich.

Maria runzelte die Stirn, stellte den Mopp, auf den sie sich zuvor noch gestützt hatte beiseite und kam zu mir, während sie ihr Handy zückte. Ich wusste, was kommen würde, weshalb ich meinen Mund rasch mit den gefüllten Nudeln vollstopfte. Nie war ‚den Mund zu voll nehmen‘ köstlicher als in diesem Moment.

„Hier, guckst du meine Tochter Angelina. Ist 31, Köchin und hat auch keine Partner. Sie ist so eine nette Mädchen.“
Ich betrachtete Angelinas Fotos nicht das erste Mal. Ich glaubte Maria auch sofort, dass sie definitiv eine ‚nette‘ Person sein musste, aber sie entsprach überhaupt nicht meinem Typ an Frau. Darüber könnte ich hinwegsehen, wenn wir uns wirklich gut verstehen und es funken würde. Doch gleichzeitig putzte ihre Mutter regelmäßig mein Haus und hatte nicht nur einmal mit dem Badezimmermüll benutzte Kondome entsorgt. Eine Tatsache, über die ich keinesfalls hinwegsehen konnte.

„Maria, es wäre moralisch verwerflich, wenn ich deine Tochter heirate, dann aber mit dir abhaue“, entgegnete ich, als ich solange auf den Canneloni gekaut hatte, dass ich vermutlich kurz davor stand, ihr Rede und Antwort stehen zu müssen, ob das Hackfleisch mir zu zäh sei. Und das war das Einzige, was sie mir noch übler genommen hätte, als das Ablehnen ihrer Tochter.

„Ach, du!“, keifte sie und schlug nach mir, jedoch nicht mit der Absicht mich wirklich zu treffen und lachte amüsiert. „Ich muss weitermachen. Oben ich bin schon fertig. Gehst du am besten in deine Büro, ich wische hier unten.“

„Rufst du, wenn du fertig bist? Ich will dir noch einen Abschiedskuss geben, Maria. Du hast mir mit dem Essen das Leben gerettet.“

Ich nahm die Auflaufform und erhob mich von meinem Stuhl, dankbar, nun der Angelina – Situation aus dem Weg gehen zu können.
„Ich rufe dich gar nicht, tesoro“, seufzte Maria betont beiläufig und schlenderte zurück ins Wohnzimmer. „Du bekommst Kuss erst, wenn du es ernst meinst mit Durchbrennen.“

Leise lachend begab ich mich auf den mühsamen Gang nach oben zu meinem Arbeitszimmer. Hätte ich dabei nicht das Essen mit mir getragen, wäre ich wahrscheinlich auf allen vieren dorthin gekrabbelt. Jedes Mal nachdem ich mich beim Training auf die Beine fokussierte, fragte ich mich danach, woher der plötzliche Selbsthass, während des Sportes gekommen sein musste. Wieso hielt ich es immer für eine gute Idee, meine Grenzen so absolut auszureizen, bis ich mir sicher war, die nächsten Tage eventuell nur noch robben zu können.

Kurz bevor ich das Büro erreichte, begann das Handy in meiner Sporthose zu klingeln. Ich versuchte, etwas schneller zu gehen. Als ich dann endlich den Schreibtisch erreicht und die Auflaufform abgestellt hatte, stützte ich mich mit einer Hand ab und zückte mit der anderen das Smartphone.
„Moin“, meldete ich mich einsilbig und verzog stumm das Gesicht vor Schmerzen, während ich mich in den Stuhl hinter dem Tisch sinken ließ.

„Stör ich gerade?“, ertönte Rebekkas Stimme.
Mein Atem stockte kurz und mein Herz kam kurz ins Stolpern. Ich überlegte krampfhaft. Konnte ich ihr sagen, dass ich mich gerade mit meiner Putzfrau unterhalten habe? Andererseits, wie würde es auf sie wirken, wenn ich als gesunder, alleinstehender, kinderloser Mensch eine Reinigungskraft engagiert hatte?

„In der Tat, wegen dir musste ich Netflix pausieren“, flunkerte ich. Scheiße, ich hasste es, zu lügen. Erst jetzt wurde mir bewusst, dass sie mir eine einfache Ja – Nein – Frage gestellt hatte. Ich hätte auch einfach mit ‚Nein‘ antworten können. 'Nein, du störst nicht, Rebekka', wäre die Aussage der Wahl gewesen. Ich atmete tief durch.  

Sie machte mich nervös. Sogar noch mehr als Marias Kuppelversuche.


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Ihr Lieben,

ein kleiner Minispoiler fürs nächste Kapitel. Ich bitte um Verzeihung :) Die Idee zu dem OS/Kapitel kam mir gerade bei einem Spaziergang, ist also echt mega spontan :D  

Liebe Grüße,
Eure Jessi
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