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Annalen aus Eihpos: Was siehst du im Dunkeln?

von Stormsky
GeschichteFantasy, Freundschaft / P16 / Het
Drachen Elben & Elfen Kobolde & Feen Ritter & Krieger Zauberer & Hexen Zwerge
01.02.2021
01.05.2021
23
61.406
4
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12.04.2021 3.711
 
Viel Spaß beim lesen des neuen Kapitels :)
Wir haben außerdem die 400 Aufrufe geknackt :D Danke :*

LG Stormy

~ Kapitel 19 ~


Königin Fasnaey schaute erhobenen Hauptes auf ihre Berater. Alle, besonders Lady Nial, sahen ihrer Königin nicht direkt in die Augen. Der Gewaltakt am gestrigen Tag hatte sie alle überrascht – negativ. So war Fasnaey noch nie gewesen. So hatte sie nie gehandelt.

Die Königin schnalzte mit der Zunge: »Kommen wir zum ersten Punkt der Besprechung. Wie alt ist das Mädchen?«
»Auf das Jahr 875«, antwortete Lady Nial nach kurzer Überlegung. Das Mädchen war die Nichte von Fasnaey, die Tochter ihres Bruders Goras.
Die Königin schaute abwertend auf die Briefe vor ihnen. »Wie lautet ihr Anliegen?«
Lord Iimbrook, der Faun, antwortete zaghaft: »Sie hat Angst, um ihren Vater. Firin Prionsa hat das Gefühl, dass ihm in nächster Zeit etwas zustoßen könnte. Dass es mit dem Hexenmeister Draven zusammenhängt.«
Fasnaey ließ sich nicht dazu herab mit den Augen zu rollen und sagte einen Hauch sarkastisch: »Wir alle wissen, wie lange mein kleiner Bruder schon regiert. Er wird von den besten seiner Männer bewacht. Welches ist der nächste Punkt?«

»Die Aufstellung des Heeres und die Verteilung der Soldaten«, begann Lord Triar, der Kobold und Schatzkammernverwalter. Sorgfältig rückte er mit seinen langen Fingern die Papiere vor seiner spitzen Nase gerade und fasste alles mit kratziger Stimme zusammen.
»Die ausgewählten Männer von Euch haben alle restlichen Bewohner zusammengetrieben. Zwar sind die Städte überfüllt, aber die Bewohner sind sicher. Nur noch die Bauern befinden sich auf ihren Feldern und werden von den ausgewählten Männern von Hau- von Ascal beschützt. Bis jetzt sieht die Lage friedlich aus und keine weiteren Angriffe der Untoten wurden gemeldet. Aber wir - und insbesondere ich – wissen, dass Kriege nicht nur durch Soldaten, sondern auch durch Gold gewonnen werden. Bis jetzt bestehen Eure Schatzkammern diese zusätzliche Belastung. Dabei muss man die hohen Beiträge, der Zwerge und Kobolde miteinbeziehen. Von den Faunen konnten wir keine Goldbeträge erwarten. Aber das ist ein anderes Thema. Auch die Heere Eures Bruders sind nun in Stellung. Aber es müssen noch weitere Vorbereitungen getroffen werden. In den nächsten Tagen sollten wir die Hexe zu unseren Heeren und den anderen Hauptmännern schicken. Sie müssen einige militärische Dinge klären. Wenn es nicht bald zur Offensive kommt – muss ich wahrheitsgemäß anmerken – wird es in den Städten bald zu Ausschreitungen kommen. Die Stimmung spitzt sich immer weiter hoch.«

Sofort merkte Meister Skóm, der Zwerg, an: »Seid nicht so förmlich, Triar! Wir befinden uns im Krieg, da könnt Ihr es euch sparen, um den heißen Brei zu reden. Der Hexenmeister hat ein weiteres Ass im Ärmel. Uns geht langsam das Gold aus, um alle zu versorgen. Während er Heere aus Untoten hat, welche folglich keine Versorgung brauchen.
Die verschiedenen Völker – alle in Städte gepresst! - halten es nicht mehr untereinander aus und falls es zu Bürgerkrieg kommt, müssen wir – unsere Soldaten ihn schlichten! Draven könnte uns gemütlich in den Rücken fallen.
Er hat uns den Krieg erklärt, dabei wissen wir nichts. Über seine Heeresgröße, seinen genauen Standort oder sein letztliches Ziel. Wie lange schickt er uns schon herum? 3 verdammte Jahre! So lange bereiten wir uns darauf vor. Immerhin haben wir jetzt die beiden Jungen und das Mädchen bei uns. Ich bekomme langsam das Gefühl, dass es ernst wird. Sein erster Schritt war vor 3 Jahren. Nach Eve hat dieser Junge fast alle Dunkelhexen und Hexer abgeschlachtet und mehr als die Hälfte der Lichtstämme. Unsere Reaktion war alle übrigen aufzunehmen. Daraufhin haben seine Untoten immer wieder Dörfer überfallen. Seitdem bereiten wir uns vor. Wenn wir diesen Wahnsinn nicht langsam beenden, wird hier jeder gegen jeden kämpfen.«

Lord Iimbrook nahm den Seitenhieb seines Freundes ohne Kommentar hin. Die Faune besaßen kein Gold und handelten nicht damit. Sie waren, zumindest nach seiner Meinung, dass Natur verbundenste Volk von ganz Iqera. Die Faune tauschten und handelten unter Freunden und jeder half jeden. Deshalb hatten sie keine helfenden Beiträge dazugeben können. Dafür waren sie aber die besten Bogenschützen in ganz Iqera und hatte im Laufe der Wochen eine Flüssigkeit hergestellt, die die Untoten in tausende Stücke zersprengte. Diese Reaktion hatte jedoch nur durch die Hilfe der Hexen und Hexer bewerkstelligt. Die übrigen Hexen und Hexer hatten ihre Magie breitwillig zur Hilfe angeboten.

»Wir werden aber nicht zuerst angreifen, oder? Das wäre bestimmt ein fataler Fehler«, zweifelte Lady Nial.
»Natürlich nicht, meine Liebe. Wir werden warten und bereit sein. Dabei habe ich das Gefühl, dass sich Draven bald zeigen wird. Es wird nicht mehr lange dauern«, antwortete Königin Fasnaey kühl. In den letzten Jahrhunderten hatte sich die Königin stark verändert. Genauer gesagt, seit der Geburt Nials ersten Kindes. Selbst die Berater hatten es gemerkt, sprachen es aber nicht an. Dazu hatten sie kein Recht. Fasnaey hatte sich seither von ihrer Freundin vernachlässigt gefühlt.
Nial war nie wieder länger geblieben. Aber sie hatte auch nie ihre Verantwortung als Beraterin schleifen lassen. Also konnte und wollte Fasnaey ihr nichts vorwerfen. Die Königin strich über eine ihrer langen, braunen Haarsträhnen. Das alles. Es waren nur Gefühle. Sinnlose, nichtige Gefühle. Fasnaey wollte es nicht zugeben, aber sie hat sich in den letzten Jahrhunderten verändert. Sie war von einer lebensfreudigen Frau zu einer kalten, lieblosen und herrischen Herrscherin geworden. Und dieser Krieg zerrte an ihren stahlharten Nerven. Sie wollte das die Angriffe erstarben. Sie wollte ihre Freundin wieder haben. Sie wollte, dass diese Kinder nie geboren worden waren.
Sie wollte jemanden, der sich um sie kümmerte. Der sie liebte. Aber selbst das musste sie sich von ihren Geliebten kaufen. Ascal hatte nie auch nur ein Fünkchen Interesse gezeigt. Lautlos knurrte Fasnaey. Sie war die verdammte Königin! Ihr gehörten zwei Reiche! Sie bekam alles und jeden! Sie hatte sich mit den anderen Völkern verbündet und ihnen Eintritt in ihr Königreich gewährt. Unter ihr war es zu mehreren hundert Jahren Frieden gekommen. Und was war der Dank dafür? Eine Freundin die sie unwissentlich verließ. Ein Krieger, nachdem es sie verzehrte und der sie nicht anschaute, wenn er nicht musste.
Die kleine Stimme in ihrem Kopf flüsterte: Zeig ihnen wie mächtig du bist! Zeig ihnen, wer die Königin ist!

Und das würde Fasnaey tun. Sie würde diesem Krieg ein Ende bereiten.

Die Königin in ihrem waldgrünen Kleid hörte schon lange nicht mehr ihren Berater zu. Sie spielte unterbewusst mit dem Ring an ihrem Finger. Ein Ring mit einem roten Diamanten als Verzierung, welcher ihr von einem Boten überreicht worden war. Kein Absender war in dem kleinen Päckchen enthalten gewesen. Nur der Ring. Rot war eigentlich nie ihre Farbe gewesen. So bedrohlich und irgendwie böse. Aber dieser hatte es ihr angetan.
An den Vorfall vor fast 300 Jahren dachte sie gar nicht mehr. Als die Arbeit in den Diamantminen eingestellt wurde, war Fasnaey fuchsteufelswild gewesen. Arbeitskräfte – billige Sklaven! - hatte man ihr genommen. Nun musste sie dafür bezahlen und bekam weniger Diamantenlieferungen als vorher. Gesamt eine totale Verschlechterung der Situation. Das Gold hätte sie in diesen Krieg finanzieren können! Das alles nur weil diese Halb-Menschen die weißen Diamanten für ihren Meister rot gefärbt hatten.

~


Ungeschickt fing Christopher den Stock auf, welchen Ascal ihm zugeworfen hatte.
Der Elaith hatte selbst auch einen dieser Kampfstöcke in der Hand.
Christopher ließ seine Hände über das glatte Holz fahren und schaute zu seinem jetzigen Lehrer. Der Schwarzhaarige ahmte sofort die Haltung des anderen nach, schaute darauf wie Ascal den Stock hielt: in der rechten Hand mittig und senkrecht neben sich. Ascal begann einige Schritte nach links zu gehen, Christopher tat es ihm gleich. Noch schweigend umkreisten sich die beiden.

»Siehst du, Christopher? 10 Jahre Unterricht - egal welcher Kampfart - haben dir einiges gelehrt. Auf die Füße des anderen zu schauen«, zur Probe trat Ascal zwei Schritte nach vorne, worauf Christopher zwei nach hinten ging. »Und die Haltung des anderen zu studieren. Hände an die Mitte und etwas auseinander für einen sicheren Griff.«

Punkt 9 Uhr hatte Ascal Christopher aus dem Bett gezerrt, um ihm kurz frühstücken zu lassen. Dabei war dieses karge Mahl nach Christopher nicht der Bezeichnung Frühstück würdig. Dann hatte der Krieger ihn zum nächsten Rüstungsmeister geschleppt. Dieser hat ihn vermessen und versprochen schon am nächsten Morgen eine passende Lederrüstung fertig zu haben. Bei diesem Training trug Christopher einen Lederbrustpanzer, der ihm entschieden zu groß war.

»Näher kommen«, wies Ascal an. Christopher ließ seine nackten Füße durch den kühlen Sand fahren und der Abstand zwischen ihnen verringerte sich. Als sie beide nur noch eine gute Armlänge trennte, fragte Ascal: »Wenn ich mit meiner rechten Seite angreife, mit welcher parierst du?«
Christopher versuchte es sich vorzustellen und antwortete zögernd: »Mit der linken?«
»Das wirst du sofort herausfinden«, schmunzelte Ascal und griff an. Wobei er jede Bewegung wie in Zeitlupe ausführte. Christopher parierte den langsamen, aber harten Schlag mit dem linken Ende seines Stockes.
Beide verharrten in der Bewegung wie in Stein gemeißelt.
»Das war richtig, aber pass auf mein linkes Ende auf«, sagte Ascal und deutete mit besagtem Ende auf die ungeschützte Stelle zwischen Christophers Beinen.
Er schluckte: »Das ist … gemein.«
Ascal lachte auf: »In einem Zweikampf würde ich so etwas nicht tun, aber im Krieg. Draußen auf dem Schlachtfeld ist es mir egal. Da geht es nur ums nackte Überleben. Noch einmal von vorne, aber jetzt etwas schneller.«

Beide umkreisten sich für einige Momente, bis Ascal wieder angriff. Christopher parierte mit dem gegebenen Ende und schaute sofort auf Ascals anderes Stockende, welches gegen sein Knie kommen wollte. Auch dieses Manöver konnte der Schwarzhaarige ablenken. Jetzt versuchte Christopher sein Glück Ascals ungeschütztes linkes Knie zu erwischen. Mühelos parierte Ascal diesen zaghaften Versuch.

»Die Götter sind dir gewogen, Christopher. Sie haben dich für das hier auserwählt. Also nutze die Kraft, die dir geben wurde.« Ascal sagte das Ganze in einem Ton als würde er eine Tasse Tee trinken und nicht kämpfen. Christopher hingegen versuchte ruhig zu atmen und auf alles zu achten.
Mit jeder weiteren Minute, die verstrich, kamen weitere Angriffe hinzu. Von oben, unten, zu den Beinen, Hals und der Seite.

Christopher war mehr als nur dankbar, als Ascal das Training nach zwei Stunde beendete. Diese ungewohnte Belastung ließ seine Muskeln zittern und sein weißes Hemd, unter dem Lederpanzer, klebte durch geschwitzt an seiner Haut. Dazu hatte er nicht alle Angriffe abwehren können. Das würde blaue Flecken geben. Ascal war noch nicht mal außer Atem.

Er schlurfte mit Ascal an seiner Seite zu einer der Steinbänke, welche an den Seiten des leeren Innenhofes standen.
Für Christopher war das ganze Schloss ein einziges Labyrinth. Ascal hatte ihn vor mehr als zwei Stunden durch einige Gänge geführt und hatten bei den Kasernen gestanden. Diese bestanden aus mehreren langen Häuser, welche Schlafunterkünfte für die Soldaten und Waffenkammern enthielten. Dazu auch eine Schmiede und die Rüstungsmeister.
Nach diesem kurzen Besuch dort waren sie wieder durch einige Gänge gegangen und hatte in diesem Innenhof, der zwei Sandtrainingsplätze beherbergte gestanden. Die Seiten hatten Gärtner mit bunten Beeten verschönert und über dem Zugang zum Hof gab es eine Art privaten Balkon, von welchem grüne Ranken hinunter wuchsen.
Als viele Leute im Laufe der Übungsstunde auf diesem Balkon entlang gegangen sind, hielt Christopher diesen für einen normalen Gang im Schloss. In der Nähe hörte er das Rauschen der imposanten Wasserfälle und … Gekicher. So unauffällig wie nur möglich schaute Christopher zu den Hofdamen, welche gegen das Steingeländer lehnten und in den Innenhof schauten. Ihn machte es nervös von anderen Leuten – und dann waren es auch noch Frauen – angestarrt zu werden. Dagegen warf Ascal immer wieder ein breites, umwerfendes Lächeln zu den Damen. Er wusste seine Rolle zu spielen. Dabei hatte Christopher gestern Abend gesehen, wie er Eve insgeheim anschaute und liebte. Und keiner hatte jemals Verdacht geschöpft. Erstaunlich!

»Wer ist denn Eure charmante Begleitung, Ascal?«, fragte eine von ihnen. Vergeblich versuchte Christopher zu verbergen, wie er rot anlief. Von wegen die Götter waren ihm gewogen!
Ascal hob schwungvoll den Kopf, dass ihm seine blonden Locken um den Kopf flogen und warf den drei Damen ein breites Lächeln zu: »Christopher Vernier. Er ist erst gestern angekommen.«
»Dürfen wir erfahren, woher Ihr kommt, Christopher?«, fragte eine Blondhaarige.
»Frankreich«, antwortete er wie aus der Pistole geschossen, dabei fiel ihm jetzt ein, dass niemand hier Frankreich kannte.
Das Gekicher erstarb für einen Moment. »Also ein Ausländer!«, lachten sie dann weiter.

Verzweifelt schaute Christopher zu Ascal. Der betrachtete die ganze Szene nur mit einem Lächeln, dass seine weißen Zähne offenbarte. Christopher wandte sich wieder seinen sandigen Füßen zu und streifte mit Hilfe seiner Socken den klebrigen Sand ab. Eigentlich hatte er vorgehabt das Lederteil zuerst loszuwerden, aber das Hemd klebte regelrecht an ihm und diese Damen waren Elaith-Frauen mit Augen wie Adler. Er könnte mit diesem neuen Oberkörper also einen „Wet-T-Shirt-Contest“ gewinnen, deshalb ließ Christopher es bleiben. Egal wie viel er schwitzte.

»Und wo arbeitet Ihr in diesem Schloss?« Er stöhnte innerlich auf. Konnten diese Frauen in ihren hübschen Kleidern nicht gehen?
»Ich betreue meinen Freund«, lautete seine zögerliche Antwort.

Plötzlich sagte eine Stimme, die aus dem Gang neben ihm kam: »Außerdem bereitet er sich darauf vor, wie man nervenden Hofdamen wie euch, die Köpfe möglichst schnell abschlagen kann.«

Erstaunt sah Christopher über seine Schulter zu Eve, die herausstolziert kam. Die Hofdamen rümpften ihre Nasen, hoben ihre Röcke und verließen ihre äußerst gute Position zum Bespannen von kämpfenden Soldaten.
»Ein Vögelchen hat mir zu gezwitschert, dass hier jemand benötigt wird, um aufmüpfige Frauen zu verscheuchen«, grinste Eve hämisch.
»Danke«, murmelte Christopher und zog sich die Stiefel über.

Sie wandte sich Ascal zu: »Wie es scheint, sind Sylmares Kräfte mächtiger als wir dachten. Wenn sie will, kann sie alle im gesamten Palast aushorchen. Außerdem möchte die Königin uns alle heute Abend sprechen.«
Ascal seufzte leise auf und nahm Christophers Kampfstock in die Hand.
»Bis jetzt ist der Platz noch frei«, hielt er Eve den Stock hin.
Ohne eine Antwort zu geben, nahm Eve ihm den Kampfstock aus der Hand und zog sich mit einer Hand die Stiefel aus.

Christopher sah staunend zu, wie Eve den Ex-Hauptmann endlich ins Schwitzen brachte. Das war ein wirklicher Kampf. Das Aufeinanderprallen von Holz war fast sekündlich zu hören. Drehungen, Sprünge, Ausfallschritte … alles war dabei. Der Schwarzhaarige schaute sich das kämpfende Paar eine Viertelstunde an, bevor er im Inneren des Schlosses verschwand. Er würde schon wieder zurück finden.

~


Benjamin und Sylmare saßen sich im Schneidersitz gegenüber.

Was siehst du?, fragte sie.
Kleine Lichter, die dich darstellen und der Rest des Zimmers ist ein verschwommenes Bild.
Wie hast du vorher gesehen?, fragte sie ruhig weiter.
Die ganze Welt hat vorher aus Licht und Schatten bestanden. Als ich im Schloss neben Christopher eingeschlafen bin, war alles dunkel. Wenn ich jetzt neben ihm einschlafe, sind da überall seine kleinen Lichter.

Was hast du bei der Königin gesehen?

Viele verschiedene Abstufungen von hell und dunkel. Als würde sie selbst nicht wissen, was und wer sie eigentlich ist. Und … ich habe vielleicht Farben gesehen.
Benjamin zitterte bei dem bloßen Gedanken daran. Farben – er hatte nur hell und dunkel sehen können. Er wusste nicht was grün, rot, blau, gelb waren. Er hatte nie einen Regenbogen in all seiner Schönheit erblicken können. Aber bei der Königin waren andere Lichter gewesen. Andere Farben als hell und dunkel.

Ja, du hast Farben gesehen, antwortete Sylmare ruhig. Im Thronsaal habe ich es mir erlaubt durch deine Augen zu sehen. Und mit Fasnaey stimmt es etwas nicht. Viele ihre Lichter waren rot, nur wenige grün. Mit der Zeit wirst du lernen die Farben und ihre Bedeutung zu erkennen. Du wirst lernen deine Magie zu benutzen und vielleicht … wirst du dich in einen Phönix verwandeln können.

Wie bitte?, hakte Benjamin perplex nach. Dabei fiel ihm jetzt wieder ein, dass Ascal sich in einen Hund – Gary – verwandeln konnte.
Ferren konnte sich, den Legenden nach, in einen Phönix verwandeln. Der Phönix ist schließlich auch das Wappen der Caillats. Also müsstest du es auch können. Und vielleicht wirst du durch die Augen eines Phönix wahrhaftig sehen können.

Benjamin blieb bei dieser Vorstellung, der Mund offenstehen. In welches Tier kannst du dich verwandeln?

Sylmare antwortete nicht. Benjamin musste die Augen zusammenkneifen, da ihre hellen Lichter anfingen zu glühen. Eine Sekunde später erkannte er nicht mehr den Umriss einer Frau, sondern von etwas kleinerem. Etwas mit vier Beinen. Benjamin konzentrierte sich, um den Umriss genauer sehen zu können. Ein Schnurren ihrerseits, verriet ihm dann schließlich, in welches Tier Sylmare sich verwandeln konnte. Mit einem schmalen Lächeln auf den Lippen streichelte er sanft den Katzenkopf. Sylmare schnurrte und ließ sich willig von ihm kraulen.
Er wollte sie wieder über Gedanken fragen, wie sie das mache. Benjamin stieß aber auf völlige Leere. Da waren nur seine Gedanken, nicht Sylmares Stimme. Wie stellte sie diese Verbindung her?

Stelle dir ein Band aus Licht vor, dass zwischen uns verläuft. Versuch es. Sylmares Stimme schallte aus weiter Ferne zu ihm. Als würde sie nicht neben ihm sitzen, sondern am anderen Ende einer Schlucht stehen. Benjamin schaute von seiner Hand zu Sylmare die sich in Katzengestalt vor ihn setzte. Und tatsächlich! Von seiner Hand aus bildete sich ein kleines Band aus Licht zu ihr. Als es sie berührte, fragte er zaghaft: Habe ich dich erreicht?
Sylmare lachte leise: Ja, das hast du.

Und wie machst du das mit deiner Magie? Wie verwandelst du dich?

Spürst du das Kribbeln in deinem Körper?

Benjamin nickte als Antwort. Er hatte eigentlich gedacht, dass dieses Kribbeln von der Verwandlung zu einem Elaith kommen würde.

Für dich wird es etwas schwerer werden. Denn wenn man sich das Tier vorstellt und ganz genau weiß, wie es aussieht ist die Verwandlung viel einfacher. Vielleicht sollten wir mit etwas leichterem anfangen … wie dem Erstellen von Schilden.

In den nächsten Stunden half Sylmare Benjamin bei dem Kontrollieren seiner Magie. Sie übten, bis Christopher hineinplatze und sich endlich seinen Lederbrustpanzer ausziehen konnte.

~


Königin Fasnaey saß mit kühlem Blick auf ihrem Thron. Vor ihnen standen Benjamin, Christopher, Sylmare, Eve und Ascal.

»Wie ich hörte habt Ihr, Christopher, heute mit meinem ehemaligen Hauptmann fleißig trainiert. Soll ich Euch trotzdem weitere Argumente vorbeten?«
Christopher drückte den Rücken noch etwas mehr durch: »Es wäre doch eine Schande, dass alles hier im Chaos versinken zu lassen. Auch wenn es nicht Eure Argumente waren, die uns überzeugt haben.«
Der alleinige Gedanke daran, was Fasnaey mit ihrem Körper gemacht hatte, nur um keine Nachfahren zu zeugen, ließ ihn wieder schaudern.
»Weshalb wolltet Ihr uns sprechen, meine Königin?«, schritt Eve dazwischen. Auch wenn sie es nicht zugegeben hatte, war der Schmerz der gestrigen Auspeitschung überwältigend gewesen. Sie hatte damals damit gerechnet, die Grausamkeit der Dunkelhexen hinter sich zu lassen. Aber anscheinend konnte Fasnaey durchgreifen, wenn sie wollte.

Die Königin warf nur einen kurzen Blick auf die Hexe. Position hin oder her.
»Ich wollte Euch, Frau Hauptmann, bitten Eure nötigsten Sachen zu packen. Ihr werdet zum nächsten Lager meiner Armeen reiten und mit den anderen Hauptmänner besprechen, was Besprochen werden muss. Vorräte, Angriffspläne und so weiter. Ihr seid entlassen.«

Eve verbeugte sich tief und schritt ohne einen Blick zurück aus dem Saal. Ascal fühlte sich, als stände er mit drei Kindern - die nicht seine waren - und nicht mit drei Verbündeten vor der Königin.
»Wie habt Ihr euch entschieden, Ascal? Werdet Ihr bleiben und meinem Neffen die Treue schwören, fortziehen oder sie mir schwören?«, ihr Ton war eiskalt, nur ihre Augen zeigten einen Funken Hoffnung. Dass er, der Mann ihrer Träume, zu ihr zurückkommen würde, jetzt da sie ihn losgelassen hatte. Und dieser Funken Hoffnung und all ihre Barmherzigkeit wurden mit der folgenden Antwort zerstört.

»Ich werde meine ewigen Treue, Benjamin Caillat schwören. Wenn er möchte, morgen und als Zeugen Eure Berater, Königin Fasnaey.«

Nicht mehr meine Königin. Es brach ihr das Herz. Sie hatte ihm geholfen, das Ungeschick mit seiner Ehefrau zu beseitigen. Wegen IHR respektierte ihn jeder. Aber Fasnaey ließ sich nicht von ihren Gefühlen überwältigen. Die Stimme in ihrem Kopf flüsterte: Du wirst ihn bekommen. Warte. Noch ein bisschen Geduld.
Sie vertraute auf diese Stimme. Und sie würde Ascal insgeheim bestrafen. Ihre nächsten Worte waren seine Schuld.

»Und was gedenkt das liebe Mädchen zu tun? Nur im Palast zu sitzen und ihren neuen Freunden zu helfen? Es reicht schon, dass wir drei weitere Mäuler stopfen müssen. Wo würdet Ihr gerne aushelfen, Sylmare?«, während ihre Stimme zuckersüß war, sprach der blanke Hass aus ihren Augen.
Die gewünschte Reaktion traf ein: Ascals rechter Mundwinkel zuckte. Er fühlte sich schuldig. Sollte sich schuldig fühlen, dass Sylmare nun arbeiten musste.

Sie hingegen starrte nur perplex auf die Königin. Sie hatte gar nicht damit gerechnet, angesprochen zu werden. Sylmare versuchte seit Stunden nur dieses eine Bild aus ihrem Kopf zu bekommen. Christopher war regelrecht hereingestürzt und hatte sich sofort den ledernen Brustpanzer vom Leib gezogen. Der Anblick der Muskeln, welche sich mehr als nur deutlich unter dem schweißnassen Hemd abgezeichnet hatten, ließ ihr Herz höherschlagen. Auch wenn die Verwandlung zum Elaith jedes seiner Erscheinungsmerkmale verstärkt hatten, musste er schon damals wirklich gut ausgesehen haben.

Deshalb flüsterte sie Benjamin schnell zu.
»In den Ställen, werte Tante«, antwortete er für sie und schaffte es, seine Bezeichnung für sie spöttisch und ergeben klingen zu lassen.

»Aber spannt sie nicht zu sehr ein. Sylmare muss mit mir Üben, Lesen und Schreiben lernen und bekommt von Christopher einen Crash-Kurs in Selbstverteidigung«, fügte Benjamin nonchalant hinzu.
»Keine Sorge, werter Neffe«, gab Fasnaey zurück und machte sich nicht die Mühe freundlich zu klingen. Zudem wusste sie nicht was ein Crash-Kurs sein sollte.

»Ihr alle seid entlassen.«

Die vier Schritten durch die Gänge.
Christopher schmunzelte: »Soso. Ich wusste gar nicht, dass ich Crash-Kurse gebe.«
»Wirst du aber. Da ich irgendwie ein Anrecht auf einen Thron habe, sehe ich mich schon auf einem sitzen. Deshalb gilt es als Befehl! Außerdem wusste ich auch nicht, dass mir jemand seine Treue schwört.« Sein Blick glitt zu Ascal.
Der lächelte kläglich: »Verzeih. Aber die beiden anderen Optionen fand ich als unpassend.«
Benjamin zuckte mit den Schultern: »Ich auch.«

Sylmare starrte zweifelnd auf Christophers breiten Rücken. Es war zwar edelmütig von ihm, ihr zu helfen zu lernen, wie man sich verteidigte. Aber der Begriff Crash-Kurs verunsicherte sie. War das irgendeine schlimme Art? Etwas sehr Schmerzhaftes? Würde er ihr nahe kommen?

Ein Diener trat plötzlich aus einem der Gänge und bat Ascal um eine Minute seiner Zeit. Er hielt an und deutete den anderen schon weiterzugehen.

In der kommenden Nacht träumten alle 5 von schrecklichen Dingen.
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