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Annalen aus Eihpos: Was siehst du im Dunkeln?

von Stormsky
GeschichteFantasy, Freundschaft / P16 / Het
Drachen Elben & Elfen Kobolde & Feen Ritter & Krieger Zauberer & Hexen Zwerge
01.02.2021
01.05.2021
23
61.406
4
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03.04.2021 3.724
 
Sooo, dass ich jetzt WIRKLICH die letzte Rückblende :D
Es hat endlich hingehauen * verlegenes Räuspern*
Euch allen schöne Ostertage und werdet nicht krank :*

LG Stormy

PS: Beim hochladen der Datei ist mal wieder was "schief" gegangen und viele Wörter wurden zusammen geschrieben. Ich hoffe, dass ich alle finden konnte.

~ Kapitel 17 ~


Rückblende VI


Schwer atmend lag Eve auf der Lichtung. Den Arm von Ascal von immer noch in den Händen. Sie spürte wie das fremde Blut in ihren Adern das Gift besiegte. Wie ihre Haut von gräulich zu kalkweiß wurde. Jedoch wurde das durchsichtige Gift, welches an der Klinge geklebt hatte, nach oben gespült. Rechtzeitig drehte sie sich um und kotze sich die Seele aus dem Leib.
Ascal, der völlig zermartert, neben ihr lag, bekam das nur am Rande mit. Hoffentlich griff sie nun keiner an, denn so schlimm hatte er es sich nicht ausgemalt. Er fühlte sich als hätte sie den größten Teil seiner Lebensenergie aus ihm genommen. Das machte das Aussaugen vermutlich so schlimm. Selbst wenn Hexen und Hexer nach einer Weile aufhören würden, wäre der Blutverlust das geringste Problem. Vor allem die schnell heilenden Körper der Elaith überwanden den Blutverlust. Aber diese stellenweise Leere in ihm war tausendmal schlimmer. Ascal wusste nicht, was er tun sollte oder warum. Er musste sich sogar zusammennehmen, um sich überhaupt an etwas zu erinnern. Wer er war, was er getan hatte. Schwerfällig wandte er seinen Kopf zu der Hexe. Sie kniete noch immer neben ihm und spuckte Gift und teilweise etwas Blut auf den Waldboden.

»Warum ... ist dir dieser eine Tanz so wichtig?«, fragte er irgendwann. Es war ihm egal, ob er sie richtig ansprach oder nicht. Ob sie deswegen wütend war oder nicht. Ihm war wichtig zu verarbeiten, was sie in den letzten Stunden und Tagen erlebt hatten. Eve hatte ihm von ihrem Cousin erzählt. Der in einem dieser sinnlosen Kämpfe gestorben war. Weswegen sie so gebrochen und halbtot im Palast angekommen war. Auch Eve - so hatte er im Nachhinein verstanden - hatte den Tod ihres Cousins nicht bedauert. Dieser hatte sie zur gefürchtetsten Hexe des ganzen Landes gemacht. Sie hatte bedauert nicht für ihn da sein zu können, um ihm das zu geben was er gebraucht hatte.

Ascal hatte ihr von seinem Geheimniserzählt. Von seiner Frau, die er selbst ermordet und nie wirklich geliebt hatte. Nicht so wie sie es verdient hatte. Vielleicht war es wirklich an der Zeit, die Vergangenheit Vergangenheit sein zu lassen. Er würde sie nie vergessen, aber aufhören unsinnige Gespräche zu den Göttern und Toten zu führen. Sie antworteten doch sowie so nicht.

Sie beide mussten nun nach vorne sehen. Was würden sie wegen den Sklaven, roten Steinen und Fasnaey tun? Weiter machen wie bisher? Blind Befehle ausführen?

Eve antwortete erst als sie nicht mehr auf den Knien war: »Es erinnert mich an eine Zeit, wo ich noch nicht verdorben gewesen war. Wo ich gelacht habe. Wie fühlst du dich?«

Sie war sich ebenfalls unsicher wegen der Anrede. Kein anderer Elaith hätte das mit sich machen lassen, was der Hauptmann zugelassen hatte.

Ohne Vorwarnung kicherte Ascal leise. Das Kichern wurde zu einem Lachen. Einemehrlichen Lachen. Ascal konnte sich nicht daran erinnern, wann er das letzte Mal gelacht hatte.
Eve schaute ihn überrascht an: »Wer hat jetzt die giftigen Dämpfe eingeatmet?«
Misstrauisch beugte sie sich über ihn. Abgesehen von dem blutleeren Gesicht sah er aus wie immer. Nur seine Augen schienen ein wenig mehr zu funkeln. Sie strich ihm ein paar goldblonde Strähnen von der schweißnassen Stirn und taste diese ab. Fieber schien er nicht zu haben. Eve schaute in die blauen Augen als würde dort die Antwort liegen.
»Was ist so lustig?«

Er schüttelte den Kopf: »Zuerst will ich, dass du tot umfällst, wegen meinem Posten. Dann gehen wir normal miteinander um. Dann wollen wir uns umbringen. Du entschuldigst dich und ich gebe dir eine zweite Chance. Am Ende fasse ich als Ablenkung sogar dein nacktes Bein an und lasse dich von meinem Blut trinken. Die Hälfte davon verstößt gegen die Gesetze unserer Königin. Ich habe verdammt nochmal geschworen nie eines ihrer Gesetze zu brechen!«
Eve musste nun auch leicht grinsen: »Ich habe sogar mit meinen Lippen deinen Arm berührt. Das hat Fasnaey nicht in 500 Jahren geschafft. Und ich habe es ebenfalls geschworen.«
»Dafür lässt sie dich hinrichten.«
»Nicht wenn ich weiter ihr braves Schoßhündchen spiele. Sie glaubt eine Hexe, die ihr in Sekunden den Garaus machen könnte, an der kurzen Leine halten. Und wenn ihr Hauptmann mich weiter so anschaut als würde er mir am liebsten den Kopf abreißen, wird niemand darauf kommen, was hier passiert ist.«
Beide grinsten sich für einige Momente schelmisch an.

Dieser Moment wurde unterbrochen, als etwas durch das Unterholz brach.
Eve richtete sich sofortauf. Ascal versuchte sich aufzusetzen, fiel aber wieder zurück. Er schaffte es nur sich etwas zu drehen. Zwei reiterlose Pferde tauchten in ihrem Blickfeld auf.
»Da sind unsere Pferde und unser restliches Essen«, sagte sie trocken und lachte los. Ascal stimmte herzlich mit ein.

~


Bis zum Sonnenuntergang hatten sich die beiden ausgeruht und einen Plan ausgearbeitet, wie sie einen besonders dramatischen Auftritt hinlegen konnten.
Eve hatte, während sie in Richtung Diamantminen ritten, angemerkt was sie von diesen Gestalten hielt. Sie und Ascal wussten zwar nicht woher diese Dinger kamen und wer sie schickte, aber sie waren den Menschen ähnlich. Zumindest die großen Gestalten. Sie sahen in erster Linie aus wie Menschen und waren auch gegen die Magie immun. Nur konnte man diesen Schutzschild mit genug Kraft überwinden. Auch konnten sie selbst Magie ausführen – sich wie Elaith aussehen lassen und sich unsichtbar machen. Vermutlich konnten sie sogar noch mehr.
Eve und Ascal nannten sie deshalb Halb-Menschen. Diese Bezeichnung war besser als sie Kreaturen oder Gestalten zu nennen.

Im sicheren Abstand zu den Minen banden die Krieger ihre Pferde an die Bäume. Eve hatte immer noch ihr zerrissenes Kleid an und Ascal verwandelte sich mühelos in einen grauen Hund. Eve legte den Kopf schief.
»Sieht eigentlich ganz süß aus«, grinste sie.
Darauf zeigte Ascal ihr seine spitzen Zähne und knurrte bedrohlich.

Wie zu erwarten, wurden die Arbeiter – die Sklaven auch nach Sonnenuntergang zum Arbeiten gezwungen. Beide hörten wie Peitschen durch die Luft knallten und hier und da Menschen aufschrien. Eve verbarg jegliche Emotionen unter einer kalten Maske. Jeder dort drinnen würde seine gerechte Strafe erhalten. Der Kommandant hatte es nicht einmal für nötig befunden, den Eingang zu bewachen. Im aufziehenden Schutz der Dunkelheit schlüpften Eve und Ascal hinein. Jede tiefer sie gingen, desto stickiger wurde die Luft. Quietschende Öllampen hingen an den Wänden und beleuchteten die in Stein gehauene Gänge.
Eve gab Ascal das Zeichen stehen zu bleiben. Jemand kam auf sie zu. Ketten schleiften über den Boden und klirrten, dazu säuselte eine männliche Stimme etwas.
Ascal stellte seine Ohren auf, um es zu verstehen.

»Wir werden ja sehen, wann ich dich zum Schreien bringen kann«, sagte die Stimme. Bei Eve stellten sich die Nackenhaare auf, Ascal knurrte leise. Schnell waren beide bei besagten Personen angekommen.
Eine leise Frauenstimme bat immer wieder darum, dass er aufhören solle. Der Soldat lachte daraufhin nur.

Als die Hexe und der Hauptmann um die Ecke kamen, drückte der Soldat eine zierliche und abgemagerte Menschenfrau gegen die scharfen Wände eines Seitenganges. Seine rechte Hand hatte sich unter ihren Rock geschlichen.
»Nein, bitte nicht«, wimmerte sie verletzlich.
Er grinste höhnisch und flüsterte ihr in das Ohr: »Immer wenn ihr Weiber `Nein´ sagt, meint ihr `Ja, tu es´.«

Der Soldat konnte sich nicht verteidigen, als Eve ihre Schatten um seinen Körper schlang und ihn langsam erstickte und zerdrückte.
»Und aus deinem erbärmlichen Wimmern höre ich nur, Ja, Ja Hexe. Tu es. Folter mich. Folter mich so lange bis ich den Wunsch verspüre zu sterben«, flüstere sie in sein spitzes Ohr. Sie tat es auch. Sie ließ in einige Minuten schreien, bis es in den umliegenden Gängen still geworden war.

Blitzschnell ließ sie den Soldaten einfach auf den Boden fallen. Zitternd krümmte und wandte er sich unter unbeschreiblichen Schmerzen. Ascal saß entspannt daneben.
Eve schloss die Fuß- und Handfesselnder jungen Frau auf. Ihre Haut war bleich, dreckig, blutig und vernarbt.
»Verschwinde von hier und erzähle allen, wer die Sklaven aus den Minen befreit hat. Auf Befehl von Königin Fasnaey«, sagte Eve zu ihr. Mit zitternden Knien rannte die befreite Sklavin aus den Minen.

Die Hexe hob die Spitzhacke auf, welche die Frau liegen gelassen hatte. Ascal tippelte durch die zwielichtigen Gänge voraus. Eve folgte ihm wie ein lebendiger Schatten.
Ohne wirklich etwas zu tun, hatten sie eines erreicht: Jeder und allesversank im Chaos. Wachen rannten hin und her. Der Kommandant sah sich verzweifelt um. Denn der gefolterte Soldat hatte nur ein Wort herausgebracht: Hexe. Den Hund – seinen Hauptmann hatte er nicht bemerkt.

Ascal kam nicht umhin, dieses Chaos zu mögen. Sie alle hatten es verdient. Diese Schweine hatten es alle samt verdient.
In der größten Höhle wurden die Sklaven und die Soldaten schließlich zusammengetrieben. Ascal versteckte sich zwischen dunklen Steinen und Eve verschwand mit hängenden Schultern zwischen den Menschen. Interessiert suchte die Hexe die Höhle ab. Sie war wirklich riesig und zog sich noch tiefer in die Erde hinein. Viele der weißen Diamanten waren rot. Eine Erinnerung zuckte in Eve auf, aber bevor sie danach greifen konnte, war sie wieder verschwunden. Wo hatte sie diese roten Diamanten schon gesehen?

Bevor sie wirklich in ihren Erinnerungen verschwinden konnte, konzentrierte sie sich auf das Geschehen. Aus einer unscheinbaren Holztür trat der Kommandant. Dahinter lag zweifelslos sein Arbeitszimmer. Er blieb vor der Tür stehen, die Arme hinter dem Rücken verschränkt. Da er auf einer Erhebung stand, schaute er auf die zusammengetriebene Menge von Sklaven herab. Seine Augen huschten hin und her.

»Sucht Ihr jemanden, Kommandant?«, Ascal, in seiner normalen Gestalt, stand am Eingang zur Höhle. Der letzte Rest von Farbe verschwand aus dem Gesicht des Kommandanten. Die Stimme des Hauptmannes war kalt, wütend und so scharf wie sein Schwert.
Mit langen, schweren Schritten ging Ascal auf den Kommandanten zu.
»Keine Verbeugung? Habt Ihr alles in den letzten Jahren verlernt?«, fragte Ascal arrogant, als er stehen blieb.
Sofort fiel er auf die Knie. Die Soldaten waren so schlau das gleiche zu tun.
»Ihr habt meine Frage nicht beantwortet«, merkte Ascal nach einer Weile an.
»Ich habe nach niemanden gesucht«, antwortete der Kommandant und erhob sich. Seine Soldaten wollten das Gleiche tun, konnten es aber nicht, da Eve sie mit ihren Schatten auf die Knie zwang.
»Habe ich Euch erlaubt, Euch zu erheben?«, sagte Ascal zynisch. Der Kommandant fiel mit knirschenden Zähnen wieder auf die Knie.

Ascal wandte sich ab, blickte über die Menschenmenge, wobei sein Blick für einen Moment bei Eve hingen blieb und dann schritt er gefährlich langsam auf und ab.
»Vielleicht sucht Ihr nacheiner Antwort? Warum Ihr gegen die Gesetze der Königin verstößt. Vergewaltigung und Sklaverei sind in ihrem Land nicht erlaubt. Das müsstet Ihr wissen. Wie lange tut Ihr das schon?« Ascal drehte sich um und schaute dem knienden Mann fest in die Augen.
»Seit 500 Jahren«, murmelte dieser. Ascal ließ sich nicht anmerken, wie zutiefst schockiert er war. Wie viele Menschen mögen das gewesen sein? Er wollte es nicht wissen. Er hatte es nicht bemerkt.
Außerdem überraschte es ihn, dass der Kommandant nicht dagegen andiskutierte. Vergewaltigung war verboten – davon konnte Fasnaey nichts wissen. Aber diese Sklaverei, dieser gemeine Trick – davon musste sie wissen. Aber Ascal durfte seine Königin nicht in den Dreck ziehen. Die Menschen mussten den Kommandanten für den Schuldigen halten und Fasnaey für ihre Retterin.
Aber Ascal sah auch wie es hinter der Stirn des Kommandanten arbeitete. Wie war der Hauptmann darauf gekommen. 500 verdammte Jahre hatte es funktioniert und dem Hauptmann, auf dessen Posten er so neidisch war, heimlich eines ausgewischt. Jetzt war alles dahin.

Passend dazu schlich sich Eve in die Gedanken des Kommandanten und holte eine Erinnerung hervor. Von heute Morgen – der blonde Soldat, der die schwarzhaarige Frau vergewaltigt hatte. Angeblich vergewaltigt. Das Blut gefror dem Kommandanten in den Adern, als er sich genauer erinnerte. Das war keine Menschenfrau gewesen. Sie hatte spitze Ohren gehabt. Es gab nur eine Frau, mit der sich der Hauptmann im Moment abgeben würde – die Hexe. Der Kommandant schaute nach links, wo Eve sich nach vorne geschoben hatte und ihm direkt in die Augen schaute. Sie grinste breit.
»Das war´s wohl mit den Kartenspielen«, flüsterte sie ihm zu.

Mühelos zog sie Eve auf die Erhebung hoch, direkt neben den Kommandanten. Die Menschen schauten auf sie.
Der Kommandant wollte sich erheben, blieb durch Ascals strengen Blick auf seinen Knien. Eve erlaubte es den Soldaten zu der Erhebung zu schauen.
Eve kündigte in einem grauenvollen Ton an: »Fühlt euch frei sie zu bestrafen. Für das was sie euch angetan haben und euren Vorfahren.«
Ascal schaute dem Kommandanten – den er zur Hölle selbst ausgebildet hatte! - fest in die Augen. Zur Demonstration schlug Eve ihre Spitzhacke von unten in die Kronjuwelen des Kommandanten. Sie hob ihn ein Stück an. Er schrie wie am Spieß. Dann zog sie das blutige Werkzeug wieder heraus. Er fiel auf den Bauch, zittert und schreiend. Ohne Gnade zertrümmerte Eve ihm den Rücken, die Wirbelsäule, Muskeln und Fleisch.
Die Soldaten fingen an zu zittern, beten, wimmern und betteln. Alle Menschen drehten sich um und hoben ihre Spitzhacken.

Mit einem verrückten Leuchten in den Augen schaute sie zu wie die Menschen das gleiche mit den knienden Soldaten taten.

Ascal trat wieder aus dem Arbeitszimmer. Mehrere Schlüsselbunde in den Händen.
Sowie Eve jetzt dort stand: mit einem verrückten Lächeln, dass ihre weißen Zähne zeigte, dem durchgedrückten Rücken und der blutigen Spitzhacke in den Händen – So hatte er sich Hexen als kleiner Junge immer vorgestellt. Wild, unbändig, gnadenlos und irgendwie auch verrückt.
Vor 2 Monaten hatte er sich davor noch gefürchtet. Jetzt … Er wusste es nicht. Ascal fand es beruhigend zu wissen, dass es jemanden gab, der ihn nicht durch seine Fehler beurteilte. Jemanden der darauf regelrecht spuckte und nur mit den Schultern zuckte. Jemanden der nicht zusammen zuckte und vor Angst wegrannte, wenn er mal die Nerven verlor. So wie die Hofdamen. Die konnte er mit einem wütenden Blick verscheuchen. Aber Eve, für sie bräuchte er vermutlich eine Armee.

»Mit denen sollten sie sich befreien können«, sagte er leise und hielt ihr die Schlüssel vor das Gesicht. Nur einmal schaute er auf das Gemetzel vor ihm. Auf eine Art und Weise, die er von sich selbst nicht kannte, befriedigte es ihn die Männer sterben zu sehen. Dabei waren es seine eigenen Männer.

»So habe ich mich gefühlt, als ich den anderen Stamm abgeschlachtet habe. Eine Befriedigung, die mir kein Mann jemals geben könnte«, erwiderte sie, als sie seinen Blick betrachtete.
Ihm rutschte heraus: »Darauf würde ich nicht wetten.«
Überrascht wandte sie ihren Kopf herum. »Wie bitte?«
Ascal grinste und beugte sich leicht zu ihr herunter: »Ich weiß nicht, was Ihr nicht verstanden habt.«
»Damit brecht Ihr aber ziemlich viele Gesetze, Hauptmann.« Eve´s Lächeln tropfte nur vor Anzüglichkeit.
»Ich musszugeben, dass sich das ziemlich gut anfühlt«, wisperte er.
»Dann seid Ihr endlich auf den richtigen Weg gekommen. Nicht jeder kann ein vorzeige Krieger sein«, erwiderte sie.
Beide wandten den Blick voneinander ab und schauten reglos zu wie auch die letzten Soldaten von den wütenden Menschen abgeschlachtet wurden.

Schließlich warf Eve die Schlüsselbunde in die Menge und scheuchte sie hinaus. Sie wusste nicht, was sie von der Entwicklung zwischen ihr und Ascal halten sollte, aber wirklich dagegen wehren, würde sie sich nicht. Er war schließlich mehr als nur ansehnlich. Wenn da nicht die Gesetze der Königin wären …

Die zwei gingen tiefer in die Minen hinein. Hier waren nur noch rote Diamanten vorhanden. Da sich der Weg schließlich teilte, ging Ascal rechts und Eve links entlang.

Sie strich gedankenlos über die schroffen Felsen, die den immer schmaler werdenden Weg säumten. Hier unten arbeiten zu müssen … Eve wollte gar nicht daran denken. Die Menschen hatten Glück nicht unsterblich zu sein, denn 500 Jahre hier unten arbeiten zu müssen. Das war die Hölle auf Erden. Das würde niemand überleben.

Kaum hatte Eve die nächste kleine Höhle betreten, erbete die Erde unter ihren Füßen. Sie kannte dieses verdammte Gefühl. Hatte es heute doch schon einmal gefühlt!
Eine Sekunde später war sie von mindestens 20 Halb-Menschen umgeben. Die langen schwarzen Gewänder und Kapuzen verbargen jegliche Formen. Nur knochige Hände hingen aus den Ärmeln und bei einigen stach eine spitze Nase hervor. Der Rest der Gesichter ging in den Schatten ihrer Kapuzen unter.

Jetzt wo sie nicht unsichtbar waren, konnte Eve sie riechen. Sie hatte gedacht zu wissen, wie der Tod roch. Jeden den sie umgebracht hatte, hatte vermeintlich danach gestunken. Aber das hier – der Geruch, den diese Halb-Menschen umgaben, war der wirkliche Geruch des Todes. Kalt und steinalt. Eve´s Opfer hatten lediglich nach Verwesung gestunken.
Sofort wappnete sie sich mit ihrer Magie. Eve verprügelte sich gedanklich dafür, keine anderen Waffen mitgenommen zu haben. Das hätte ihre Sklavin-Aufmachung verraten. Aber jetzt … Was würde sie für ein Schwert geben! Eve könnte es schaffen alle Halb-Menschen mit ihrer Magie zu erledigen, aber nur bei einem hatte sie unnatürlich lange gebraucht.

»Denk nicht daran, Hexe!«, zischte einer von ihnen. »Wenn du nur einen von uns tötest, werden unsere Brüder deinen Hauptmann erledigen. Er wird sich nicht so gut verteidigen können wie du.«
Für einen Moment wurden Eve´s Gedanken stumm. Für einen Moment pochte ihr das Herz bis zum Hals. Angst. Nichts als Angst rannte ihr in diesem Moment durch die Adern. So etwas hatte sie nicht verspürt. Angst hatte sie niemals in ihrem Leben verspürt. Auch nicht als sie die anderen Hexer und Hexen auf ihren Cousin zu rennen sah. Aber jetztl ähmte es all ihre Gedanken.

Ausdruckslos ließ sie sich von den kalten Händen der Halb-Menschen durch die Gänge schieben. Zu der anderen Höhle auf der rechten Seite. Diese Grotte war etwas größer und schimmerte im roten Licht, dass von den gefärbten Diamanten reflektiert wurde. Ascal war von mindestens 30 dieser Halb-Menschen umringt. Die Hände erhoben und das Gesicht von Wut verzerrt.

Man schob Eve durch zu Ascal. Rücken an Rücken standen sie da. Beobachteten und kalkulierten. Sie waren 2 und die anderen über 50.
»Schön wie ihr in unsere Falle getappt seid«, sprach einer von ihnen.
»Bis jetzt sieht es mir mehr nach einem Überfall aus«, entgegnete Ascal kalt.
»Sind wir so gefährlich, dass man eine halbe Armee zu uns schickt?«, fügte Eve höhnisch hinzu. Dabei war alles in ihrem Innern am Schreien. Diese Halb-Menschen waren alle mit Schwertern und Dolchen bewaffnet. Sie verwettete ihre linke Hand darauf, dass sie alle in das Gift eingetaucht waren.

»Ihr habt vier unserer Brüder getötet. Eve aus dem Stamm der Coltens, mächtigste Dunkelhexe, Knochenbrecherin, Fluch der Dunkelhexen. Ascal, Hauptmann der Königin Fasnaey, Frauentöterin, Ehebrecher, Gesetzbrecher. So nennen wir euch und natürlich seid ihr gefährlich. Deshalb ist es nun an euch zu sterben«, sprach einer von ihnen.
»Ich habe nicht die Großen Kriege überlebt, damit ich in einem verdammten Kampf mit euch Halb-Menschen sterbe. Ich würde gerne mehr solche wunderschönen Titel bekommen«, funkelte Ascal zurück. Nur den ersten seiner Titel hatte er jemals gehört.
Eve ergänzte: »Ich habe mir nicht jeden dieser Titel verdient, um in einem unfairen Gefecht mit mir unbekannten Kreaturen zu sterben. Wem dient ihr? Wozu braucht ihr rote Diamanten?«
Einer lachte auf: »Wir kommen von jemanden, den ihr nicht erwarten würdet. Er hat schon einmal gelebt und jetzt lebt er von neuem. Er wird eure Welt wieder in das Chaos stürzen. Mit den roten Steinen.«

Alle Halb-Menschen traten einen Schritt auf sie zu. Ascal drückte sich näher an sie.
»Entfessle deine Macht«, flüsterte er.
»Ich würde dich mit in den Tod ziehen. Als ich den anderen Stamm abgeschlachtet habe, mussten auch einige von meinen Leuten sterben.«
»Es ist unsere einzige Chance!«, drängte Ascal weiter.
Eve seufzte resigniert: »Dann geh in Deckung.«

Ascal griff nach Eve´s Hand, drückte sie kurz und kauerte sich auf den Boden. Eve schluckte und sah sich ein letztes Mal um. Die Halb-Menschen schritten immer weiter auf sie zu. Die Hände an den Griffen ihrer giftigen Schwerter.
Daraufhin entfesselte Eve ihre Macht. Schatten und Dunkelheit schlugen gegen die unsichtbaren Schilde der Halb-Menschen.
Ein bisschen mehr Druck. Eve keuchte unter der Anstrengung. Sie presste die Augen zu und die erste Reihe fiel endlich. Ihre Schatten breiten sich schnell aus, nur um gegen die Schilde der zweiten Reihe zu schlagen. Einige der Halb-Menschen kreischten empört auf.

Sie durfte jetzt nicht auf die Knie gehen, schrie Eve sich in Gedanken an. Dort unten kauerte Ascal. Ihre Macht dufte nicht tiefer sinken. Nur zitterten ihre Beine so stark wie lange nicht mehr. Sie fühlte wie die ersten Schilde aufbrachen. Nach einer gefühlten Ewigkeit fiel auch die zweite Reihe. Aber da war noch die dritte. Die letzte.

Eve spürte wie ihre Kehle langsam austrocknete, ihre Beine langsam nachgaben, ihre Muskeln vor Anstrengung schmerzten. Als ihr erster Fuß einknickte, war da ein starker Arm, der sich um ihre Hüfte schlang und sie stützte.
»Komm schon Eve. Du schaffst das«, flüsterte er gegen ihren Rücken.

Sie hörte nur noch das Rauschen von Blut in ihren Ohren und das hektische Schlagen ihres Herzens. Dazu ihr flacher Atem.
Eve zog ihre Schatten zurück, sammelte sich für einen Moment und ließ sie dann mit aller letzter Kraft gegen die restlichen Halb-Menschen donnern. Sie sackte vor Erleichterung zusammen als die Schilde brachen und auch die Übrigen zerfetzt wurden.
Ascal setzte sie langsam auf den Boden und strich ihr einige schwarze Haarsträhnen von der verschwitzten Stirn.

Lange sahen sie sich schweigend an.

~


Draven, Eve´s Cousin, schaute mit einembedrohlichen Funkeln in den Augen zu wie die Hexe und der Hauptmann die Minen verließen. Er würde sie bekommen! Er würde sich holen, was ihm gehörte! Der Rest der Welt würde brennen!

~


Königin Fasnaey zuckte nur einmal mit der Wimper, als Eve und Ascal ihr das Geschehene schilderten. Zumindest die Gesetz-entsprechende Version.
Dieses Zucken verriet beiden, dass Fasnaey von der Sklaverei gewusst hatte. Dass sie sie gefördert hatte. Sie berichteten ihr auch von den neuen Gestalten. Die für irgendjemand arbeiten und dazu die roten Diamanten brauchten.

Fasnaey beschloss schließlich Ascal erneut zu den Minen zu schicken. Mit einer Gruppe von Soldaten als Verstärkung. Eve würde im Palast bleiben und die Königin beschützen.

Kurz bevor Ascal zu Pferd den Hof verließ, schenkte er Eve ein kleines, ehrliches Lächeln. Sie erwiderte es heimlich. Beide zählten die Tage bis zu ihrem Wiedersehen.
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