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Die graue Alte

GeschichteSchmerz/Trost, Liebesgeschichte / P12 / Gen
31.01.2021
09.04.2021
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Weil ich momentan beruflich stark eingespannt bin und zudem noch immer gesundheitliche Probleme mit dieser vermaledeiten Kieferzyste habe, fehlt mir im Augenblick die nötige Ruhe und Kreativität für „Die tätowierte Prinzessin“. Aus diesem Grund werde ich jede Woche ein Kapitel der bereits vollendeten Geschichte der grauen Alten hochladen und freue mich natürlich wie immer auf euer Feedback!

Die Frau war eigentlich immer schon grau gewesen, selbst vor langer Zeit und mit noch vollerem, dunkelbraunem Haar. Mit ihrer Kleidung verhielt es sich genauso, sommers wie winters, im Frühling und im Herbst. „Nur nicht auffallen“ so lautete sie wohl, die Devise der Alten. Zwar bestand nicht jedes ihrer Kleidungsstücke aus grauem Stoff, alle jedoch waren stets unauffällig schlicht geschnitten und ohne jegliches schmückende Beiwerk.

Wieder einmal saß das Mädchen in seinem Versteck, gut getarnt zwischen drei großen Haselnussbüschen. Angespannt wie immer in dieser Situation verfolgte sie das Tun der Alten mit dem krausen grauen Haar. Schon zum dritten Mal befüllte sie jetzt mit langsamen, mühsamen Bewegungen die kleinste der Gießkannen am Brunnen des Dorffriedhofs. Mit schlurfendem Gang schleppte sie, vom Gewicht der Last vornübergebeugt, das Wasser nun zum Grab ihres lang verstorbenen Mannes und benetzte dort die Blumen mit dem kühlen Nass.
Der Verblichene musste wohl aus anderem Holz geschnitzt gewesen sein, so zumindest meinte sie sich zu erinnern, wenn sie an die Gespräche ihrer Eltern zurückdachte. Samt und sonders übrigens kostbare Schätze, welche in ihrem hübschen Kopf gespeichert waren.
Leider wurden diese wertvollen Erinnerungen immer weniger, natürlich nicht die an ihre Eltern, die würde sie ohnehin niemals vergessen! Die Inhalte der Gespräche, welche sie ja eher zufällig nebenbei mitgehört und ins Gedächtnis übernommen hatte, stellten das Problem dar, zu jener Zeit war sie ja noch ein Kleinkind gewesen. Erschwerend kam hinzu, dass ihr eigenes Über- und Weiterleben nach dem Ereignis ungeheuer viel Kraft gekostet hatte, selbst heute noch ging ihr der Alltag an manch trüben Tagen gehörig an die Substanz!
Wohl verborgen zwischen den Büschen schweiften ihre Gedanken ab in die Vergangenheit: Mit dem Erreichen des vierzehnten Lebensjahres war die sogenannte Pueritas, ihre Kindheit, zu Ende gegangen und die mittelalterliche Gesellschaft betrachtete sie von einem Tag auf den anderen als eine erwachsene Frau. Deshalb musste sie das Waisenhaus verlassen, denn andere minderjährige Elternlose warteten bereits darauf, den frei gewordenen Platz wieder zu füllen. Mit dem Auszug aus dem Waisenheim, der genau genommen ein wenig freundlicher Hinauswurf gewesen war, wurde manches einfacher, doch vieles blieb nach wie vor so schwierig als zuvor.
Tief im Vergangenen verhaftet, stieß sie einen kaum hörbaren Seufzer aus. Viele Einzelheiten der damaligen Geschehnisse waren unwiderruflich in ihrem Gedächtnis eingebrannt, beispielsweise der Feuerschein des Scheiterhaufens, auf dem ihre Eltern auf grausame Weise ihr Leben ließen. Und noch etwas haftete für immer in ihren Gehirnwindungen, nämlich der durchdringende, regelrecht fordernde Blick der geliebten Mutter und das entschiedene Kopfnicken ihres hochverehrten Vaters, als die Flammen bereits hoch um die Kniekehlen des Paares züngelten. Beide hatten sie mit letzter Kraft versucht, ihr auf verschiedene Weise ein und dasselbe zu signalisieren, die finale Botschaft lautete: „Tu es!“
Dieses Erbe, sie spürte es täglich, war Fluch und Segen zugleich. Immer, wenn sie ihrer Eltern gedachte, stand sie vor der Wahl, „es“ zu tun oder sich dagegen zu entscheiden. Selbstverständlich dachte sie jeden einzelnen, gottverdammten Tag an diese zwei guten Menschen, welche zu Lebzeiten niemandem Böses zugefügt hatten und trotzdem unschuldig verurteilt worden waren, den grausamen Feuertod zu sterben. Und das einzig und allein deshalb, weil ein Mitglied der neunköpfigen Geschworenenkommission nicht den Mut gehabt hatte, sich zu entscheiden!

„Höchste Zeit, Tabrea, sich wieder auf die Gegenwart zu konzentrieren!“ rief sie sich selbst zur Ordnung. Auch heute lief alles ab wie immer, die graue Alte wich äußerst selten von ihrem gewohnten Handlungsablauf ab. Gerade rupfte sie ein wohl für alle anderen unsichtbares Unkräutlein aus der Grabbepflanzung, rief dann mit zittriger Stimme nach ihrem hinkenden, alten Kater Maunz, welcher ihr nie von der Seite wich und taperte dann langsam, ganz langsam von dannen.

Das Mädchen zählte leise drei Mal bis hundert und wieder zurück, dann kroch auch sie aus ihrem grünen Versteck, verließ den Gottesacker und trat den Heimweg an. Weil sie sich dank ihrer Jugend viel schneller bewegte als die Alte war sie wie immer gezwungen, einen anderen Weg einzuschlagen, andernfalls liefe sie nämlich Gefahr, die Graue irgendwo auf der Strecke zu überholen. Der schmale Trampelpfad nahm seinen Anfang fast unsichtbar am Vorsprung eines Felsens, an dieser Stelle beschrieb der Weg ins Dorf eine scharfe Kurve. Mühelos schlüpfte sie zwischen Ästen und Zweigen hindurch, hinein in die grüne Kathedrale des Waldes, nach ein paar Schritten schon war sie vom Fußweg aus nicht mehr zu erkennen. Sie atmete tief durch und entspannte sich, hier roch die Luft würziger und auch das Licht schien milder zu sein als außerhalb des Waldes.
Sie liebte den Ostendorfer Forst, sie hatte ihn schon immer geliebt und kannte ihn wie ihre Westentasche. Schon früh durfte sie ihre Eltern hierher begleiten. Der Wald war der kleinen Familie stets ein guter Freund gewesen, der zu jeder Jahreszeit selbstlos und freigiebig Geschenke verteilte, Feuerholz, Tannen- und Kiefernzapfen zum Beheizen ihrer kleinen Kate beispielsweise. Waldmeister und etliche andere Kräuter bereicherten den Speiseplan und – das Beste! – der Forst bot eine Vielzahl an unterschiedlichen Pilzen, vom Frühsommer bis weit in den Herbst hinein. Manchmal war es ihrem Vater sogar gelungen, ein paar Täubchen oder gar einen Auerhahn zu fangen, auch hatte er ab und zu ein Netz voll mit Fischen oder ein paar Flusskrebse aus dem Bach gezogen, welcher jetzt zu ihren Füßen munter über bemooste Steine plätscherte. Beim bloßen Gedanken an diese Mahlzeiten konnte sie noch immer den Essensduft riechen und den Geschmack der Speisen im Munde verspüren! Dankbarkeit wallte in ihr auf, immerhin hatte sie vor der Zeit im Waisenhaus erleben dürfen, dass es auf dieser Welt noch andere Aromen gab als muffigen Kohlgeruch und den Geruch des säuerlichen Getreidebrei, der dort tagaus, tagein aufgetischt worden war.

Sie überquerte den Bachlauf an seiner schmalsten Stelle, wie immer stieß sie sich schwungvoll vom einen Ufer ab, um sogleich sicher auf der anderen Seite zu landen, der verwaschene Stoff ihres Rockes flog nur so um ihre langen Beine. Selbst hier, unter dem dichten Dach des Waldes, spürte sie mit jeder Faser ihres Körpers die immer stärker werdende Kraft der Sonne – der lange, harte Winter war vorbei und auch das anfangs besonders kalte Frühjahr neigte sich definitiv dem Ende zu. Der Sommer näherte sich mit Riesenschritten, nun würde das Leben endlich von Tag zu Tag leichter werden! Nicht dass es ihr im vergangenen Winter schlecht ergangen war, doch auch gegen eine Veränderung hätte sie nichts einzuwenden, denn der alte Müller würde gewiss nicht ewig leben.
Vor ungefähr zwei Jahren hatte sie die beiden in der Küche des Waisenhauses beschäftigten Weiber beim Tratschen belauschen können. Dabei berichtete die eine der anderen, dass auf den Ländereien des Markgrafen, dem Lehensherrn des Königs, dringend Helfer gebraucht wurden. Das gesuchte  Gesinde würde dort jeweils zu viert in Stuben untergebracht werden, welche mit richtigen Betten samt komfortablen Strohsäcken ausgestattet wären. Das Tüpfelchen auf dem i sei jedoch ein eigener Abort für Mägde und Knechte, ein bemerkenswerter, weil gewiss nicht alltäglicher Luxus! Die eine Köchin hatte den Satz kaum vollendet, als die zweite dies bereits bestätigte, auch ihr war der Sachverhalt zu Ohren gekommen.
„Möglicherweise“ sagte sie jetzt halblaut zu sich selbst, „bringe ich es vielleicht eines schönen Tages mit viel Glück zur Zofe am markgräflichen Hof!“  Doch man sollte nicht über die Zukunft spekulieren, dachte sie, in ihrer Rückschau erkannte sie klar und deutlich, welch glückliche Fügung es gewesen war, die sie im letzten Herbst zu den Müllersleuten in die Obermühle geführt hatte.
Denn nicht alle, die wie sie mit dem 14. Geburtstag aus dem Schlund des Waisenhauses auf die Straße gespuckt worden waren, erwischten es so gut wie sie! Die meisten der Burschen hatten sich den Söldnerhorden angeschlossen, die in den nicht enden wollenden Krieg marschierten; lediglich zwei feingliedrige, blondgelockte Knaben – die Lieblinge des Pfarrers übrigens! – fanden Aufnahme als Novizen im Kloster zum heiligen Basilius.
Auch einige ihrer Geschlechtsgenossinnen kamen im großen Treck bei den Soldaten unter, angeblich als Gehilfinnen von Köchen und Marketenderinnen. Obwohl auch sie mehr als einmal gefragt worden war, hatte sie diese Art Angebot jedes Mal entschieden abgelehnt, selbst zu dem Zeitpunkt, an dem sich nur noch zwei Silberdukaten in ihrer Rocktasche befanden. Im Gegensatz zu den anderen Mädchen war es für sie unvorstellbar, ständig in von der Krätze und Flöhen befallenen Heerlagern neben - oder womöglich sogar unter! - verschwitzten Landsknechten nächtigen zu müssen!

Obwohl noch inmitten des Ostendorfer Forsts, schweiften ihre Gedanken zur Obermühle. Seit die alte Müllersfrau ihr Leben in der letzten, eiskalten Februarwoche ausgehaucht hatte, gab es weniger Arbeit in der Mühle. Lediglich sie und der Witwer bewohnten nun noch das große Gebäude mit dem steinernen Fundament, dem imposanten Mühlrad und dem Mühlenwehr. Und noch immer war sie erstaunt darüber, wie gut sich der Müller von seinem schlimmen Sturz erholt hatte!
Das Unglück – Reinar war bei einer Reparatur kopfüber von der obersten Schaufel des Mühlrades in den Fluss gestürzt, welcher zu der Zeit gottlob Unmengen von Wasser geführt hatte – ereignete sich bereits im vergangenen Herbst.
Weil das Sprichwort „Des einen Leid, des anderen Freud“ bekanntlich meistens zutrifft, bekam sie tatsächlich kurz nach dem Auszug aus dem Waisenhaus ihre Chance. Gerdhilda, die Frau des Müllers, war ihr auf der Landstraße zwischen Waisenhaus, Friedhof und Dorf über den Weg gelaufen. Nach dem Austausch belangloser Gruß- und Höflichkeitsfloskeln begann die abgearbeitete Müllersfrau, ihr Leid zu klagen. Bereits nach wenigen Minuten zeichneten sich neue, hoffnungsvolle Perspektiven und Hilfe für jede von ihnen ab. Nur wenige Stunden später bezog sie mit ihrem nicht eben großen Kleiderbündel und den wenigen Habseligkeiten eine gemütliche Kammer, welche in früheren, besseren Zeiten das Zimmer des Müllergesellen gewesen war.
Zuvor jedoch wurde der Kontrakt im Schlafgemach der Eheleute - der vor Schmerzen wimmernde Müller hatte sich ruhelos im Bette hin und her geworfen - mit Handschlag besiegelt. Gemäß der Abmachung war sie verpflichtet, dem kinderlosen Paar bei allen Verrichtungen des täglichen Lebens helfend zur Seite zu stehen, im Gegenzug gewährten ihr diese Speis, Trank und ein Dach über dem Kopf.

Eine plötzlich auftretende Unruhe holte sie in die Gegenwart zurück. Über ihr am Himmelszelt verfolgte ein riesiger Greifvogel drei Krähen, allesamt wesentlich kleiner als der majestätische Jäger. Die bedrängten Tiere flatterten krächzend um ihr Leben, doch schließlich hielt der Adler einen der Vögel in seinen Fängen, während die übriggebliebenen kreischend ins blaue Firmament stieben. Dann herrschte wieder Stille, nur Blätterrauschen und das Raunen der Baumwipfel untermalte den frühsommerlichen Vormittag. Kurz darauf trudelten drei lange, tiefschwarze Federn zwischen den Bäumen hindurch zu Boden, gefolgt von einer watteweichen Wolke aus dunklen Daunen.
Ihre ohnehin großen Augen rundeten sich noch ein wenig mehr. Sie fiel auf die Knie und sammelte die Federn aus dem weichen Moos. „Danke, geliebte Eltern“ flüsterte sie ergriffen, „danke für euer Zeichen!“
Ganz vorsichtig, um die blauschwarz schillernden Wunderwerke nicht zu beschädigen, verstaute sie den Fund zwischen Mieder und Bluse und ging dann mit schnellen, kräftigen Schritten der Obermühle entgegen.
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