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sunday strangers

von snowghost
GeschichteSchmerz/Trost, Liebesgeschichte / P18 / MaleSlash
Jimin
31.01.2021
25.04.2021
7
35.153
14
Alle Kapitel
18 Reviews
Dieses Kapitel
3 Reviews
 
11.04.2021 6.058
 
Hi <3
Uuuuund hier haben wir schon unseren sechsten Fremden, wer das wohl sein wird? ;)
Hier geht's zum Moodboard.
Jimins Reise ist (für diese Geschichte) bald schon zu Ende, ich hoffe, ihr hattet und habt Spaß beim Lesen!
Ich wünsche euch zwei gute Wochen und hoffe in der Zwischenzeit von euch zu hören <3
xo snowghost






06 | Erkenntnis



Jimin stockte nach wenigen Schritten in den Warteraum für das Casting und wäre in einem leichten Anflug von Panik beinahe wieder umgedreht. Am Fenster stand mit dem Rücken zu ihm ein Kerl, der Taehyung verdammt ähnlich sah. Dieselbe Statur, dieselbe Haltung, dieselben Haare. Doch als er sich umwandte, um seiner Konkurrenz einen Blick zu schenken, ließ Jimin die Schultern wieder sinken. Er lächelte und nickte höflich. Falscher Alarm. Gott sei Dank. Mit einem peinlich berührten Räuspern löste Jimin sich aus seiner Schockstarre. Mit Taehyung wäre er heute nicht klar gekommen. Er hätte sich keine weitere Geschichte über einen unvergesslichen Abend in Seoul, das beste Café in Seoul, den besten Club in Seoul oder ein perfektes Leben in Seoul anhören können. Jimin wollte davon nichts mehr hören. Von niemandem. Er hatte Seoul aufgegeben. Aber seine Karriere nicht. Wenn er sich schon weiterhin einsam fühlen musste, wollte er dabei wenigstens erfolgreich sein.

Jimin setzte sich auf den einzigen, freien Stuhl. Die Sitzfläche bestand aus elegant gebogenem Kunststoff und war verdammt unbequem. Auch die anderen Männer im Warteraum rutschten immer wieder unruhig darauf herum. Vielleicht war der Kerl am Fenster deswegen aufgestanden und wanderte nun von einer Ecke zur anderen. Jimin schaute ihm eine Weile dabei zu, bis er sein Handy aus seiner Hosentasche holte und auf das Tinder-Icon tippte.


Mhh, verdammt, du machst mich ganz schön heiß.
Deine Fotos regen auch gut meine Fantasie an,
aber hast du vielleicht noch etwas freizügigere Bilder?
Ich könnte dir meine Kakao-ID geben ;)


Was hast du mit den Bildern vor? Willst du sie
dir ausdrucken und auf mein Gesicht spritzen?
Verdien dir das, Baby. Dann überlege ich es mir.



Er hatte nicht wirklich vor einem Typen von Tinder freizügige Bilder zu schicken. Und wenn er noch einmal die Stimmung zerstören würde, um deswegen zu nerven, würde Jimin das Match auflösen. Spätestens heute Abend sowieso. Er behielt seine Matches nie länger als einen Tag. Daran würde auch Jins guter Rat nichts ändern. Auf Tinder findet man keine Freunde.

Eine Weile scrollte Jimin noch durch seinen Instagram-Feed. Erst als die helle, hohe Tür, die zum Castingraum führte, in einer schnellen Bewegung aufschwang, hob er den Kopf. Ein Name wurde aufgerufen. Der Kerl am Fenster verbeugte sich und trat mit großen Schritten auf die kleine Frau zu, die ihren Kopf durch die Tür gesteckt hatte. Hinter ihm klickte leise das Schloss. Es dauerte selten länger als ein paar Minuten, bis die Männer wieder heraustraten. Jimin überschlug die Beine, steckte sein Handy weg und legte seine Hände gefaltet auf sein Knie. Eigentlich hatte er keine große Hoffnung für diesen Job. Das Mode-Label schien sehr kantige und maskuline Gesichter zu bevorzugen. Da passte er nicht wirklich rein. Trotzdem musste er es versuchen. Er brauchte dringend einen bezahlten Job und inzwischen war es ganz egal, welchen. Sein Geld wurde mit jeder Woche knapper. Und seine Eltern wollte Jimin nicht anschnorren, das hatte er sich geschworen. Außerdem wollte er ihnen nicht erzählen müssen, dass es ihm in Seoul nicht gut ging. Vielleicht war er nur deswegen überhaupt noch hier. Wenn Jimin nicht das Gefühl hätte, seine Familie und seine Freunde zu enttäuschten, würde er mit hängenden Schultern zurück nach Busan gehen, hätte er bestimmt schon vor drei Wochen aufgegeben.

Die Casting-Tür schwang erneut auf. Ein neuer Name wurde aufgerufen, ein weiterer Mann verschwand aus dem Warteraum. Jimin lehnte sich auf seinem Stuhl zurück und legte für einen Moment den Kopf in den Nacken. Er hasste den Mittwoch. Heute würde ein langer Tag werden.

Doch er freute sich auf Samstag. So gut Jin es mit ihm auch gemeint hatte, er würde nicht weiter versuchen Freunde zu finden. Am Samstag würde er sich einen Fremden für einen One Night Stand suchen, den er am Morgen wieder verlassen könnte. Eine schnelle Nummer zur Ablenkung und nichts weiter. Ein bisschen Alkohol. Das musste reichen um Seoul zu ertragen.


_______________



Nur noch wenige Stunden und es wäre vorbei. Es war wieder Samstag. Jimin saß in seinem kleinen Zimmer und wartete auf das Piepen der Mikrowelle. Eine Weile wischte er dabei durch die Gesichter auf Tinder, doch das wurde ihm bald zu langweilig. Er ließ sein Handy sinken und starrte auf das angezeigte Profil und die roten und grünen Button darunter, bis das Display erlosch. Wie immer, wenn er sich nicht ablenken konnte, kroch eine leise Panik in seinen Körper. Er hatte nicht mehr viel Zeit. Das Casting am Mittwoch fühlte sich rückblickend an wie ein verzweifelter Versuch sich selbst zu belügen. Wie die vielen Männer vor ihm war Jimin nur wenige Minuten in dem Raum hinter der hohen Tür gewesen und dann wieder gegangen. Zwei Stunden verschwendete Zeit. Und Donnerstag und Freitag hatte er im Café gegenüber damit verbracht panisch neue, offene Castings zu suchen und sein Portfolio zu verschicken. Wenn er nicht bald irgendwie an Geld kommen würde, müsste er seine großen Pläne an den Nagel hängen und zurück nach Busan gehen. Und egal wie schlecht es ihm hier in Seoul ging, hatte er davor noch viel größere Angst, als vor der Einsamkeit seiner kleinen, kalten Wohnung.

Jimin starrte auf den leeren, schwarzen Screen in seinen Händen hinab. Er konnte sein Gesicht darin sehen, blass und müde. Je länger er darauf starrte, desto glatter und leerer wurde es, bis es so unkenntlich war, dass es jedem hätte gehören können. Vielleicht lag dort das Problem. Jimin wusste nicht, was irgendjemand in seinem Gesicht sehen sollte, oder was all die Männer in seinem Bett darin gesehen hatten. Namjoon meinte, sein Gesicht wäre zu hübsch, um es abzulehnen. Aber was hatte das schon zu bedeuten? Mit einem schweren Herzen alkoholisiert in einem Club war es einfach zu schnell zu überzeugt zu sein. Immer wieder musste Jimin an die schreckliche Stille denken, die sich zwischen Namjoon und ihm ausgebreitet hatte, kurz nachdem er erkannt hatte, was passiert war. Obwohl sie nebeneinander auf Jimins Bett gesessen hatten, war die kalte Distanz zwischen ihnen immer größer geworden, die Schuldgefühle immer schlimmer und die Enttäuschung immer eisiger. Ein Satz schlich sich genauso häufig in Jimins Kopf, wie der grüne Zettel in seinem Regal.

Ich wollte das nicht.

Namjoon wollte nicht mit ihm schlafen, aber hatte es trotzdem getan. Und dafür seinen Freund betrogen. Jimin war dabei nur das hübsche Gesicht gewesen, das mehr versprochen hatte, als es halten konnte.

Die Mikrowelle piepte. Jimin hob den Kopf und statt des leisen, mechanischen Brummens, drängte sich sofort die kühle Stille der Wohnung zurück in seine Ohren. Er blieb noch einen Moment sitzen und starrte zu seinem schmalen Fenster hinüber. Auf der anderen Straßenseite konnte er die dunklen Scheiben des nun leeren Bürogebäudes sehen. Wenn er wenigstens einen Job hätte, bei dem er regelmäßig dieselben Menschen sehen würde. Nicht nur flüchtige Gesichter auf der Straße oder in nebeligen Clubs. Vielleicht wäre es dann einfacher.

Jimin rutschte vom Bett und ging zur Mikrowelle hinüber. Den gebratenen Reis aß er so schnell wie möglich. Er wollte nicht länger in dieser Stille sitzen und nachdenken. Er musste sich bewegen, irgendetwas tun. Es war verdammt nochmal Samstag. Zeit, zu vergessen. Als er mit Essen fertig war, wusch Jimin die Schüssel ab und räumte die Küche auf. Danach stieg er unter die Dusche, föhnte sich die Haare und zog sich frische Klamotten an. Wirklich hohe Ansprüche hatte er heute nicht. Aber er wollte trotzdem gut aussehen. Er verließ das Haus mit einem typisch schlichten Outfit, geschminkten Augen und großen Schritten.

In der U-Bahn stand er sich selbst in den Fensterscheiben gegenüber. Eigentlich wollte er nicht hinsehen, doch sein Spiegelbild zog seinen Blick an wie die dunklen Augen einer Raubkatze. Dieses Mal war sein Gesicht nicht leer und glatt. Und trotzdem fremd. Jetzt konnte Jimin genau erkennen, was Namjoon darin gesehen haben musste. Weiche Haut, die berührt werden wollte. Volle Lippen, die benutzt werden mussten. Sanfte Augen blinzelten Jimin entgegen und er hasste sie. Ein Bild blitzte in seinem Kopf auf. Er stellte sich vor, das Gesicht würde immer wieder gegen die Scheibe vor ihm prallen. Die Haut würde aufplatzen, die Nase brechen, die Zähne ausfallen-

Die Türen der U-Bahn piepsten schrill.

Fuck. Mit klopfendem Herzen drehte Jimin den Kopf zur Seite. Er brauchte dringend einen Whiskey.


_______________



Der Club war nichts Besonderes. Riesig, günstig, mainstreamtauglich. Eigentlich hatte Jimin sich davon erhofft eine möglichst große Auswahl zu haben. Stattdessen vermieste ihm die schlechte Musik von der ersten Sekunde an die Lust zu tanzen und der Whiskey vor ihm auf dem Tresen machte keines der Gesichter in der Menge auch nur ansatzweise interessanter. Nach einer halben Stunde an der Bar wäre er am liebsten wieder gegangen, doch er wollte noch nicht aufgeben. Irgendwo auf diesen zweihundert Quadratmetern musste es einen Kerl geben, der Jimin das schenken konnte, wofür er seine Wohnung heute verlassen hatte. Also nahm er seinen Whiskey und wanderte ein wenig herum. In dem dunklen Flur, der zwei Floors voneinander trennte, hielt ihn jemand an der Schulter fest, aber weder die Stimme, noch das Gesicht dazu konnten ihn begeistern. Er zog weiter. Tanzte ein bisschen zu einem Song, den er als Teenager das letzte Mal gehört hatte und holte sich noch zwei weitere Gläser Whiskey an der Bar. Der Barkeeper quatschte ihn an und hatte definitiv ein Auge auf ihn geworfen. Jimin bekam einen vierten Whiskey gratis von ihm. Aber auch ihn wollte er nicht. Der Kerl würde bestimmt noch bis früh morgens arbeiten und so lange konnte Jimin nicht warten. Der Alkohol stieg ihm in den Kopf. Er tanzte ein zweites Mal für eine viertel Stunde, bis er sich auf der Toilette wiederfand und erneut seinem Spiegelbild begegnete.

Dieses Mal war es weder so leer wie eine Maske, noch musste Jimin sich vorstellen, wie es zerschlagen wurde. Es war einfach nur ein Gesicht. Es verschwamm ein bisschen vor seinen Augen. Vor ihm stand ein müder, junger Mann, der nicht sein wollte, wo er war. Vielleicht sollte er nach Hause gehen und schlafen. Jimin wollte nicht mehr durch diesen Club wandern und in den Mengen nach einem Fremden suchen, der ihn für eine beschissene Nacht trösten sollte. Außerdem hatte er nun schon genug Geld liegen gelassen. Er sollte sparen, verdammt. Der Plan war es gewesen nur ein Getränk zu bestellen, mehr nicht. Er sollte gehen. Sich in sein Bett legen und darauf hoffen, dass morgen ein besserer Tag werden würde.

Ja. Morgen wäre ein besserer Tag.


_______________



In der U-Bahn wurde Jimin wieder nüchtern. Die grellen Lichter und die Blicke der anderen Menschen holten ihn zurück auf den Boden. Er saß allein in seinem Abteil und starrte auf die Anzeige, als würde die Fahrt dadurch schneller vergehen. Ein widerlicher Klumpen setzte sich in seine Brust und wollte, dass er weinte. Tränen stiegen ihm in die Augen und sammelten sich darin, bis er sie hastig wegwischte. Er war ein verdammter Idiot.

Seine Wohnung begrüßte ihn mit ihrer bekannten Stille. Jimin knipste das kleine Licht neben dem Bett an und ging sofort zu seinem Regal, um in dem untersten Fach nach einer Flasche Soju zu suchen, die er vielleicht vergessen hatte. Aber da war nichts. Als er sich wieder aufrichtete, blitzte ihm Jins Telefonnummer entgegen. Bestimmt war er arbeiten und hatte keine Zeit. Außerdem hatten sie sich das letzte Mal vor zwei Wochen gesehen. Jins Angebot war inzwischen bestimmt abgelaufen. Trotzdem zog Jimin sein Handy aus der Tasche und tippte die Zahlenfolge darin ein. Dann starrte er auf den Button in der Mitte, der die Nummer wählen würde. Es wäre so verdammt einfach.

Jimin schloss das Fenster und öffnete Tinder. Keine Matches, keine Nachrichten. Das ließ sich ändern. Es dauerte keine zehn Minuten, bis er jemand gefunden hatte, der ihm sogar einen Super-Like da gelassen hatte. Yoongi. Fünf Minuten später kam die erste Nachricht.


Scheint kein besonders aufregender Samstag
für dich zu sein, wenn du auf Tinder hängst.


Für dich auch nicht.
Hast du Lust vorbei zu gekommen?



Zu dir nach Hause?


Ja.
Ich brauche ein bisschen Ablenkung.
Wenn du Soju mitbringst, könnten wir es
uns heute Nacht noch gut gehen lassen.
Wie wär’s?



Abgemacht.
Gib mir deine Adresse und
ich bin in 30 Minuten da.


Jangteo 5ga-gil 597-1
Geumho



15 Minuten.


_______________



Yoongi war nicht ganz so, wie Jimin gehofft hatte. Auf seinen Bildern hatte er diese dunkle Aura an sich gehabt. Schwarze Kleidung, schwarze Haare, coole Posen und ein leicht arroganter Blick von oben herab. Ein Underground-Rapper. Jimin hatte erwartet, Yoongi würde bei ihm klingeln, direkt zur Sache kommen, die Nacht bleiben und am Morgen verschwunden sein. Unkompliziert, ohne viel Drumherum. Ein schnelles Geschäft. Doch Yoongi hatte es überhaupt nicht eilig. Mit einer kleinen Verbeugung war er in Jimins Wohnung eingetreten, hatte sogar zwei Flaschen Soju in einer Stofftasche mitgebracht und nach Gläsern gefragt. Jetzt saßen sie zusammen auf dem Bett, Yoongi an die Wand gelehnt und Jimin auf den Knien seitlich vor ihm.

„Worauf stoßen wir an?“, fragte Yoongi. Seine Stimme war tief und rau. Ruhig. Sein ganzer Körper strahlte Ruhe aus. Als wäre diese Situation nicht ein wenig seltsam.

Weil Jimin keine Soju Gläser hatte, tranken sie ihn aus einem Deko Tee-Set, das er von seiner Mutter geschenkt bekommen hatte. Jimin hob das viel zu volle Tässchen zwischen seinen Fingern nach oben, hatte aber eigentlich keine Antwort parat.

„Auf beschissene Samstage?“, sagte er schließlich.

„Auf beschissene Samstage.“

Sie stießen an und legten die Köpfe in den Nacken. Nur einen Augenblick später griff Yoongi erneut zu der vollen Flasche und schenkte nach.

„Warum war dein Samstag beschissen?“ Er sah Jimin in die Augen.

„Existenzkrise. Geldsorgen. Das Übliche.“

Jimin hatte das Gefühl Yoongi nichts vorspielen zu müssen. Vielleicht, weil seine sanften Blicke direkt in ihn hineinzusehen schienen. Als würde er jede Lüge erkennen. Es spielte keine Rolle. Jimin würde ihm sowieso nach dieser Nacht nicht wieder begegnen und es tat gut, die Wahrheit zu sagen.

„Und deiner?“

„Ich wurde aus einem Freestyle Battle gekickt, das heute stattfinden sollte. Heute Morgen wurde ich ausgeladen.“ Er sah deswegen nicht wirklich enttäuscht oder wütend aus. Auch der Ton seiner Stimme veränderte sich nicht. „Halb so schlimm. Ist nicht mein Problem.“

Jimin musterte Yoongi einen Moment lang stumm. Er war wirklich ganz anders, als erwartet. Viel gelassener. Viel weniger arrogant und unnahbar. Er saß an Jimins Wand gelehnt, als hätte er keine Sorge auf der Welt. Seine Beine waren gerade gestreckt, sein Oberkörper ein wenig in sich zusammengesunken, auf seinen Schenkeln lagen seine breiten, groben Hände. In der einen hielt er das kleine Tässchen Soju. Seine Haut war blass, sein Gesicht weich. Seine kleine Nase war sogar irgendwie niedlich. Trotzdem sah er aus, als sollte man sich nicht mit ihm anlegen. Durch die schwarzen Haarsträhnen auf seiner Stirn hindurch blickte er Jimin scharf entgegen. Er hatte zarte Lippen. Mit einem leisen Atemzug öffnete er sie-

„Mach ein Foto, das hält länger.“ Zum ersten Mal verzogen sich seine Mundwinkel zu einem schmalen Lächeln.

Jimin hatte nicht die Geduld länger zu warten. In einer fließenden Bewegung lehnte er sich nach vorne und küsste ihn. Der Geschmack des Soju lag noch deutlich auf Yoongis Zunge. Jimin atmete tief aus und lehnte sich der Berührung noch weiter entgegen, bis ihre Nasenspitzen sich aneinander drückten. Selbst die Art, mit der Yoongi seine Lippen bewegte, war ruhig. Seine Küsse waren schwer und tief. Sie zogen Jimin weiter zu sich, bis er den Platz seiner Hände auf seinem Schoß ablöste und sie sich stattdessen um seine Hüfte legten. Von dort wanderten sie nach hinten und strichen über Jimins Rücken, langsam an seinem weißen Hemd vorbei und warm über die kühle Haut darunter. So lange wie Yoongi küsste Jimin selten jemanden ohne sich dabei auszuziehen. Seine Ungeduld verflog mit der Ruhe, die von Yoongis Fingerspitzen in seinen Körper floss. Wenn er schon einen Glückstreffer auf Tinder gelandet hatte, sollte er ihn genießen. Der nächste Morgen kam früh genug.

Ihre Klamotten landeten schließlich doch noch auf dem Boden neben dem Bett. Yoongi war verdammt gut darin, Jimin vergessen zu lassen. Seine tiefe Stimme flüsterte ihm Dinge ins Ohr, die seinen ganzen Körper heiß werden ließen und seine groben Hände wussten genau, wie sie Jimin berühren mussten, um seinen Atem zu beschleunigen – sein Stöhnen höher werden zu lassen. Oder sein Seufzen tiefer.

Die Stille, die sich ausbreitete, als sie fertig waren und nebeneinander lagen, war angenehm. Mit Yoongi fühlte sie sich verdammt sicher an. Jimins Atem beruhigte sich nur langsam. Sein Kopf ruhte auf Yoongis Arm, während sanfte Fingerspitzen abwesend über die Haut auf seinem Rücken strichen. Ein leises Schnauben berührte seine Schulter. Yoongis Stimme brummte.

„Hast du es immer so eilig?“

Jimin lächelte müde. „Heute besonders.“

Dazu sagte Yoongi nichts mehr. Sie lagen weitere Minuten in der weichen Stille, die sie geschaffen hatten und lauschten den Geräuschen von draußen. So friedlich wie in diesem Moment hatte Jimins Wohnung sich vermutlich noch nie angefühlt. Vielleicht würde es heute einfach werden einzuschlafen.

„Ich mag Tinder eigentlich gar nicht“, sagte Yoongi irgendwann.

„Ich auch nicht.“

„Warum bist du trotzdem angemeldet?“

„Hm.“ Jimin rückte ein Stückchen von Yoongi ab, um ihm ins Gesicht schauen zu können. Die Stellen, an denen sich ihre Körper deswegen nicht mehr berührten, fühlten sich feucht und kalt an. „Um ehrlich zu sein nur zum Sexten. Ich habe ewig niemandem mehr über Tinder getroffen. Du bist der erste seit… Monaten.“

„Aber nicht der erste seit Monaten in deinem Bett?“

Jimin wollte lügen. Aber er wusste nicht, wieso. Deswegen sagte er die Wahrheit. „Nein.“

„Hätte mich gewundert.“ Wieder zogen sich Yoongis Mundwinkel ein Stück nach oben. Er lächelte nicht viel. Vielleicht fiel es Jimin deswegen so bewusst auf.

„Warum bist du auf Tinder?“, fragte er nach einem kurzen Schweigen.

„Für Sex und gute Gesellschaft. Für sowas wie heute eben.“ Als Yoongi in Jimins Augen sah, wurde sein schmales Lächeln breiter. „Auch wenn ich mir normalerweise mehr Zeit nehme, die Stimmung richtig aufzubauen.“

Jimin hob eine Augenbraue.

Yoongi lachte. „Damit will ich nicht sagen, dass mir die Stimmung zu schwach war. Ich sage nur, dass es normalerweise länger dauert. Aber du hast da wohl ein Talent für.“

Jimin drehte sich ein Stück weiter auf den Rücken und sah an die Zimmerdecke. „Oder das richtige Gesicht.“

„Was hat das mit deinem Gesicht zu tun?“

Neben ihm bewegte Yoongi sich ebenfalls. Der Arm unter seinem Kopf verschwand. Stattdessen benutzte Yoongi ihn dazu sich aufzurappeln und seinen Oberkörper abzustützen.

Jimin verzog den Mund und schüttelte den Kopf. „Vergiss es. Egal.“

In seinem Augenwinkel konnte er sehen, dass Yoongi auf ihn hinabblickte. Also schaute er zurück. Eine seiner groben Hände hob sich und legte sich auf die empfindliche Haut an seiner Taille. Sie waren viel weicher, als sie aussahen. Mit leichtem Druck strich er nach oben und wieder nach unten, über seine Hüfte, bis zu seinem Oberschenkel. Yoongis Blick folgte der Berührung. Bis er seine Hand zurückzog und Jimin wieder in die Augen sah.

„Hättest du Lust, dich öfter mit mir zu treffen?“

Die Frage traf Jimin wie ein Pfeil in die Brust. Sein Körper schüttete Adrenalin aus. Scheiße. Nein, er wollte Yoongi kein zweites Mal sehen. Aber das konnte er nicht so deutlich sagen. Dann würde Yoongi wahrscheinlich sofort verschwinden. Und das wollte er auch nicht.

„Wofür?“, fragte er also stattdessen.

„Na, für solche Treffen. Also, für ein bisschen Sex und nette Gespräche.“

Keine Dates. Trotzdem. Shit. Jimin konnte Yoongi nicht mehr ansehen. Am liebsten wäre er aufgestanden und auf die Toilette geflüchtet.

„Uh-“

„Du darfst nein sagen.“ Jetzt schaute Jimin ihm doch in die Augen. Auf seinen Lippen lag ein amüsiertes Lächeln. „Du kannst mir auch schreiben. Oder eben nicht. Du musst nicht jetzt antworten.“

„Okay.“ Jimins Herz schlug noch immer bis zu seinem Hals.

Zum Glück fing Yoongi an zu reden, bevor es so richtig unangenehm werden konnte. Er erzählte von anderen Tinder Dates und von seiner vergangenen Freundschaft Plus, bei der das Plus wegen einer festen Beziehung gestrichen werden musste. Dabei konnte Jimin sich wieder ein wenig entspannen. Yoongi erwartete nichts von ihm. Morgen früh würde er das Match einfach auflösen. Kein Problem. Es gab keinen verdammten Grund Panik zu haben. Doch seine Gedanken drehten sich im Kreis. Das, was Yoongi ihm gerade angeboten hatte, war das Ticket aus der Einsamkeit, aber Jimin konnte es nicht nehmen. Alles in ihm sträubte sich dagegen. Sie sollten sich kein zweites Mal treffen, das würde bloß in einem peinlichen Desaster enden. Yoongi hatte ohnehin schon zu viel gesehen, von Jimins unangenehmer Reaktion auf seine Frage mal abgesehen. Diese Nacht musste ausreichen. Und vielleicht würde Jimin irgendwann anders jemanden wie Yoongi treffen. Wenn er bereit war. Oder vielleicht war es auch einfach nicht so wichtig.

Als Yoongis ruhige Worte wieder zu Jimin durchdrangen, sprach er noch immer von vergangenen Beziehungen und Affären. Beziehungsweise war er gerade damit fertig-

„Ich schätze, ich habe einfach nicht so viel Glück mit der Liebe. Aber das ist okay, ich habe sowieso wenig Zeit. Und inzwischen bin ich ganz glücklich allein.“

Jimin lächelte, aus Höflichkeit. Er hatte nicht so wirklich mitbekommen, wie Yoongi zu seinem Schluss gekommen war.

„Und du? Welche Erfahrung hast du mit Tinder bisher gemacht?“

„Oh, uhm-…“ Jimin hatte nicht viel Spannendes zu erzählen. Es war eine Weile her, dass er sich tatsächlich mit jemandem über Tinder verabredet hatte. Für einen kurzen Moment wurde er nervös, weil er nicht wusste, was er sagen sollte. „Also, so richtige Dates hatte ich letztes Jahr zum letzten Mal. Da habe ich noch nicht hier gewohnt.“

„Wo dann?“

„Busan.“

„Oh, schön. Freunde von mir wohnen dort. Aber die machen sich nicht viel aus Online-Dating.“

„Ich auch nicht mehr.“ Jimin lächelte schief.

Er erzählte Yoongi von langweiligen Treffen in Cafés, aus denen seine Freunde ihn retten mussten, von zu aufdringlichen Männern mit zu viel Geld und schlechtem Sex. Bei Tinder fehlte oft die Chemie. Das konnte ein hübsches Gesicht auch nicht retten. Deswegen nur das Sexting – aufregend genug für ein paar Stunden, ohne Zeit zu verschwenden.

„So kann ich die meisten Tinder Dates eigentlich zusammenfassen – Zeitverschwendung.“

Yoongi lächelte schmal, kühl beinahe. Aber seine Augen waren warm. „Dann haben wir wohl beide Glück gehabt.“


_______________



Sie vergaßen die Zeit und Jimin den Alkohol, der langsam aus seinem Kopf verschwand. Es war zwei Uhr morgens, als Yoongi sich aufsetzte, stöhnte, weil er sich zu lange auf seinen Ellbogen gestützt hatte und in der zerknüllten Bettdecke nach seinem Handy suchte. Beim Anblick des Displays seufzte er leise. Seine Augen huschten kurz zu Jimin und wieder zurück auf sein Handy.

„Ich muss los.“

Jimins Herz sank ein bisschen in seiner Brust. „Oh.“

Damit hatte er nicht gerechnet. Das war nicht der Plan gewesen. Yoongi war schon dabei vom Bett zu rutschen und suchte mit den Augen auf dem dunklen Boden nach seinen Klamotten. Mit einem Fuß angelte er sich sein schwarzes Shirt und zog es über. Jimin beobachtete ihn schweigend dabei. Er wollte nicht, dass er ging. Genau deswegen hatte er Yoongi doch überhaupt geholt. Für Sex und eine Nacht, die er nicht allein verbringen müsste. Die Erkenntnis, dass er gleich wieder allein in seiner Wohnung wäre, traf ihn härter, als sie sollte. Als Yoongi aufstand, um in seine Hose zu steigen, konnte er sich einen Kommentar nicht verkneifen-

„Du hast aber keinen Freund, zu dem du zurück musst?“

Yoongi verstand sowieso nicht, was er damit eigentlich meinte. In seinem Kopf war es irgendwie lustig. Jimin lachte und bemerkte im selben Moment, dass ihm überhaupt nicht nach Lachen zumute war. Der dicke Klumpen saß wieder in seiner Brust und seine Nase begann zu kribbeln. Fuck.

„Was denkst du von mir?“ Yoongi grinste. „Ich muss morgen früh raus und zur Arbeit. Frühschicht im Café meiner Tante.“

„Ach so.“ Jimin wollte lächeln, aber was auch immer auf seinem Gesicht erschien, fühlte sich nicht wirklich danach an.

Als Yoongi seine Hose geschlossen hatte, hob er den Kopf und sah zu Jimin herunter, einen Mundwinkel höher als den anderen. Doch das halbe Schmunzeln fiel ihm bald von den Lippen. Als seine Augenbrauen leicht zusammenzuckten, wandte Jimin das Gesicht ab und schaute auf den Boden. Dort konnte er sehen, wie Yoongi in seinen weißen Socken einen Schritt näher an die Matratze trat.

„Alles in Ordnung?“

Er hasste den überraschten Ton in Yoongis Stimme. Nichts war in Ordnung. Aber das musste er nicht wissen. Jimin nickte hastig und blinzelte ein paar Mal, bevor er zu Yoongi nach oben lächelte. Zum Glück war sein Gesicht dem Schein der Lampe abgewandt.

„Ja. Wieso fragst du?“

„Deine Augen glänzen.“

Shit.

„Oh. Komisch.“

Einen Moment stand Yoongi reglos und schweigend vor ihm. Sein Blick bohrte sich in Jimin hinein, obwohl er ihm längst wieder ausgewichen war.

„Sag mal, weinst du?“

Jimin hatte vor Seoul noch nie vor fremden Menschen geweint. Oder überhaupt irgendjemandem. Und nun tat er es zum zweiten Mal in diesem Monat. Er konnte es nicht kontrollieren. Sein Körper reagierte auf Yoongis Frage mit einer Welle aus Emotionen, die ihn umhaute. Seine Augen füllten sich so schnell mit Tränen, dass er sie nicht rechtzeitig aus ihren Winkeln herauswischen konnte. Sie landeten, statt auf der nackten Haut seines Handrückens, auf dem Stoff des Matratzenüberzugs unter ihm. Sofort schlug er sich die Hand vor das Gesicht und drehte sich in die andere Richtung.

„Fuck, tut mir leid.“ Jimins Stimme klang zittrig und schwach. Er hasste es. Und trotzdem wurde das Gefühl in seiner Brust schlimmer. Er schluchzte auf und hätte sich am liebsten in Luft aufgelöst. Oder aus dem Fenster geschmissen. Yoongi sollte ihn so nicht sehen. Wahrscheinlich dachte er, er wäre schuld. Scheiße. Wahrscheinlich fühlte er sich jetzt dazu verpflichtet zu bleiben, anstatt zu gehen, obwohl Jimin im Moment nichts lieber wollte.

Er hatte recht. Er spürte, wie die Matratze neben ihm einsank. Eine Hand legte sich auf seine Schulter.

„Hey, ist nicht schlimm. Habe ich etwas Falsches gesagt?“

„Nein! Nein, es liegt nicht an dir.“ Seine Stimme überschlug sich und hallte unangenehm von den kahlen Wänden.

Jimin presste seine Handballen auf seine Augen und atmete ein paar Mal tief ein und aus. Er musste sich verdammt nochmal beruhigen. Yoongi sagte nichts mehr und das war gut so. So hatte Jimin Zeit seinen Atem unter Kontrolle zu kriegen. Mit jeder Sekunde, die verstrich, wurde sein Körper heißer und sein Drang Yoongi einfach zur Tür hinauszuschieben größer. Es war so peinlich. Erbärmlich. In einem verzweifelten Versuch die Sache irgendwie besser zu machen, versuchte er sich an einem abfälligen Lachen.

„Sorry. Es ist wirklich halb so schlimm.“ Seine Lippen schmeckten salzig. Sie zitterten. „Ich hatte nur eine beschissene Woche, ehrlich, das-… das geht schon. Du musst nicht hier bleiben.“

Die Hand auf seiner Schulter stockte. Yoongi sollte verschwinden, aber wenn Jimin daran dachte das Geräusch der zufallenden Tür zu hören, wurde der Klumpen in seiner Brust nur größer und schwerer. Und die Stille danach – sie wäre das Schlimmste daran. Weitere Tränen kämpften sich durch seine geschlossenen Lider hindurch und er biss die Zähne zusammen, um nicht aufzuschluchzen, aber es half nichts. Alles schmerzte. Er weinte wie ein Baby. Und Yoongi bekam jedes kleinste, peinliche Geräusch davon mit. Er fing an Jimin über den Rücken zu streichen, aber die Berührung war nicht tröstlich, sondern erinnerte ihn nur daran, wie schrecklich unangenehm diese Situation für Yoongi sein musste. Verdammte Scheiße, sie kannten sich doch gar nicht. Selbst als das Schluchzen endlich aufhörte, als nur noch seine Augen tränten, wurde nichts besser. Jimins Nase war verstopft, sein Gesicht nass. Er konnte die Hände nicht herunternehmen. Die Vorstellung, Yoongi könnte seine verquollenen Augen, seine rote, verrotzte Nase und seine zitternden Lippen sehen, war unerträglich. Deswegen ließ er sie, wo sie waren. Sein Atem beruhigte sich. Doch sein Körper blieb angespannt. Er traute sich nicht, etwas zu sagen. Die Stille wurde lauter und drückender, bis Jimin sich wünschte, er würde einfach jetzt auf der Stelle sterben.

Es dauerte eine Ewigkeit, bis Yoongi seine Hand von Jimins Rücken herunternahm. Die Matratze bewegte sich. Er stand auf. Seine Schritte entfernten sich und Jimin hatte die leise Hoffnung, er würde einfach gehen. Doch kurz darauf kam er wieder, setzte sich erneut neben Jimin auf das Bett und hielt ihm etwas leise Raschelndes unter das Gesicht.

„Taschentücher.“

In einer steifen Bewegung nahm Jimin die Packung aus seinen Händen, drehte den Kopf so, dass er von Yoongi abgewandt war und versteckte sein Gesicht sofort hinter einem der weißen Stofftücher. Er traute sich nicht zu schnäuzen, sondern wischte sich bloß über die klebrige Haut. Sein Atem zitterte. Alles fühlte sich unwirklich an. Wie ein schlechter Traum.

„Geht es dir jetzt besser?“

Nein.

„Ja.“ Jimins Stimme klang dünn und rau. Ziemlich kläglich.

„Kann ich irgendetwas für dich tun?“ Yoongis Worte hingegen waren ruhig.

Jimin schluckte. „Nein, wirklich nicht. Schon gut.“

Er ließ das Taschentuch sinken, zerknüllte es in seiner Hand und setzte sich endlich auf. Sein Gesicht drehte er noch immer so, dass Yoongi es nicht sehen konnte. Bestimmt sah er schrecklich aus. Seine Augenlider klebten und fühlten sich heiß an.

„Du kannst mir gerne erzählen, was so beschissen war.“

Er wollte nichts erzählen. Am liebsten hätte Jimin sich wieder hingelegt und unter seiner Decke versteckt. Zitternd atmete er aus. „Du musst doch arbeiten. Ehrlich, ich komme allein klar. Du kannst gehen.“

Yoongi bewegte sich ein kleines bisschen. Es raschelte. „Ach, wenn ich ehrlich zu mir selbst bin, schlafe ich sowieso nicht vor vier Uhr. Ist normal.“

Jimin wusste nicht, was er darauf sagen sollte. In der Stille danach lag erdrückende Erwartung. Er schuldete Yoongi eine Erklärung. Er schuldete ihm einen Grund, überhaupt noch hier zu sein. Die Schuld wurde so schwer, dass sich sein Mund irgendwann von allein öffnete.

„Ich-… ich bin nicht gern allein. Ich habe erwartet, dass du hier schläfst und weil die letzte Woche so scheiße war, hat es mich mitgenommen, als du gesagt hast, dass du gehen musst.“ Jimin bereute seine Worte, noch bevor er sie ausgesprochen hatte. Das war zu ehrlich. Hektisch wandte er sich doch Yoongi zu, damit er verstehen würde, dass er ihm kein schlechtes Gewissen machen wollte und lächelte verkrampft. „Aber das war echt nur ein dummer Gefühlsausbruch gerade eben. So schlimm ist es nicht, wirklich.“

Yoongi blinzelte ihm einen Moment ruhig entgegnen, musterte sein Gesicht, als würde er darin lesen wollen. Es war verdammt unangenehm. Er wollte sich wieder verstecken. Aber Jimin hatte Angst, dass Yoongi niemals verschwinden würde, würde er ihm nicht vorspielen, alles wäre in Ordnung.

„Wieso bist du nicht gern allein?“

Jimin wollte keine Fragen beantworten. Aber er musste. Er fühlte sich so verdammt schuldig. Vor einer halben Stunde schon hatte Yoongi eigentlich gehen wollen.

Er zuckte mit den Schultern. „Ich schlafe nicht so gut, wenn ich allein bin. Ich glaube, ich denke zu viel.“

„Kenne ich.“

Yoongis Gesicht war so unglaublich nichtssagend. Sein Blick wich nicht eine Sekunde von Jimin ab. Er sollte verdammt nochmal verschwinden. Doch er schien überhaupt nicht auf die Idee zu kommen. Eine ganze Weile saß er stumm und nachdenklich neben Jimin, bis er mit einem leisen Atemzug den Kopf leicht zur Seite neigte.

„Was sollte der Kommentar mit meinem Freund?“

„Nichts.“ Die Antwort kam zu schnell. „Das ist mir so rausgerutscht.“

„Und warum?“

Jimin zögerte. Bei dem Gedanken an die Nacht vor einer Woche verzogen sich seine Lippen.

Yoongi hob die Augenbrauen.

„Letzte Woche war jemand hier.“ Jimin musste die Worte aus seinem Mund pressen. „Er hat seinen Freund mit mir betrogen. Letztendlich nicht mein Problem. Aber irgendwie musste ich daran denken.“

Yoongis Augenbrauen zogen sich ein Stück zusammen. „Das tut mir leid.“

„Muss es nicht.“

„Kanntest du ihn gut?“

„Nein, überhaupt nicht.“ Jimin atmete zu laut. Zu hektisch. „ Deswegen ist es auch nicht weiter schlimm. Ich habe nur-… Es liegt an mir. Ich verspreche Dinge, die ich nicht halten kann.“

„Das verstehe ich nicht.“

Scheiße, wieso hatte er das gesagt? Wieso sagte er überhaupt noch etwas? Jimin war so verdammt durcheinander und nervös und schuldig und-

„Ich bin nicht das, was man von mir erwartet.“

Er konnte nicht aufhören zu reden. Er wollte sich erklären, aber Yoongi würde ihn nicht verstehen. Er verstand sich ja selbst nicht einmal. Yoongi hakte nicht nach, aber in seinem Gesicht konnte Jimin die Verwirrung deutlich sehen. Seine Hände wurden unruhig und sein Gesicht heiß.

„Du zum Beispiel-“, sagte er. „Als du mich auf Tinder gesehen hast, dachtest du an einen netten Abend mit Alkohol und Sex. Ich glaube nicht, dass du erwartet hast, einem Fremden dabei zuzusehen, wie er vor dir zusammenbricht und sich die Augen aus dem Kopf heult.“

Als Jimin Yoongi wieder ansah, zuckten dessen Mundwinkel ein Stück nach oben. Es fühlte sich unangebracht an zu lachen. Eigentlich sogar komplett fehl am Platz. Und trotzdem fühlte Jimin sich besser, als er es sah.

Auch in Yoongis Stimme lag ein Hauch von Belustigung. „Das stimmt. Aber du hast mir doch nichts versprochen.“

„Indirekt schon. Durch meine Bilder. Durch die Art, wie ich mich präsentiert habe.“

Jetzt lachte Yoongi sogar wirklich für einen kurzen Moment auf. „Wie falsche Werbung?“

„Ja, oder nicht?“

Yoongi zuckte mit den Schultern. „Man kriegt eben, was man kriegt.“

„Ja, und bei mir kriegt man ein hübsches Gesicht und sonst nichts. Der Rest ist Abfall.“

Das kleine, schiefe Lächeln verschwand aus Yoongis Mundwinkeln und auch der Ausdruck seiner Augen veränderte sich. Shit.

„Abfall?“, fragte er.

„Ja, oder eben einen kompletten Versager. Wie du es nennen willst.“ Jimin schnaubte und lächelte halb, weil er wollte, dass Yoongi ihn wieder auslachte. Dass die Situation wieder weniger angespannt war. Doch Yoongis Blick blieb ernst. Also sprach er weiter. „Irgendetwas muss doch falsch mit mir sein, wenn ich es in sechs Monaten immer noch nicht geschafft habe, Freunde zu finden oder Karriere zu machen. Vielleicht bin ich einfach zu langweilig. Oder zu labil.“

Yoongi lachte nicht, obwohl Jimin sich alle Mühe gab sich selbst in den Dreck zu ziehen. Stattdessen öffnete sich sein Mund mit einem Stirnrunzeln. Seine Stimme war nach wie vor ruhig. Doch seine Worte waren scharf-

„Wieso hasst du dich so?“

Die Gedanken in Jimins Kopf stockten. Stolperten und blieben liegen.

„Was?“

„Ich kenne dich nicht, aber ich habe das Gefühl, du hasst dich zu sehr.“ Noch immer regte sich nichts auf Yoongis Gesicht, bis auf die kleinen Falten zwischen seinen Augenbrauen.

„Ich hasse mich nicht.“ Jimin spürte seinen Herzschlag plötzlich deutlicher. Hitze strömte durch seine Brust in sein Gesicht.

„Okay, aber du hast dich in den letzten Minuten nur selbst runtergemacht. Ich will dir echt nichts unterstellen, aber ich finde du bist zu hart zu dir.“ Yoongis Hände lagen ruhig auf seinem Schoß und auch seine Worte waren nicht aufgeregt. Er wirkte so sicher, dass Jimin sich nicht traute, zu widersprechen. „Die einzig positive Sache, die du über dich gesagt hast, hat mit deinem Gesicht zu tun. Aber irgendwie klingt es so, als würdest du nur wiederholen, was andere dir gesagt haben.“

Jimins Mund öffnete sich, aber es kam kein Ton heraus. Er wollte widersprechen, aber er fand keine Worte. Es gab nicht eine Sache, die er dazu hätte sagen können. Deswegen starrte er Yoongi bloß erschrocken entgegen.

„Wieso denkst du, dass du falsche Versprechen machst? Meiner Meinung nach hat dieser Kerl letzte Woche zum Beispiel dir falsche Versprechungen gemacht. Und nicht andersrum.“

Ja. Nein. Jimin wusste es nicht. Alles in seinem Kopf stand still. Nur sein Herz war laut. Und plötzlich leicht.

Yoongi schaute auf seine Hände. Dann wieder in Jimins Augen. „Ich kenne dich echt nicht gut genug, um über dein Leben zu urteilen. Tut mir leid, wenn ich da jetzt zu viel reininterpretiert habe. Vielleicht rede ich auch Bullshit. Aber ich glaube, du solltest mindestens netter zu dir selbst sein.“

Wie Schuppen von den Augen.

„Ich hasse mich.“ Jimin sagte es leise. Aber die Bedeutung war laut und schwer und sie landete mit all ihrem Gewicht auf dem Boden vor seinen Füßen.

Dieses Mal war Yoongi einen Moment stumm, als hätte er nicht mit diesem Geständnis gerechnet. Die Stille breitete sich aus. Doch sie wurde nicht unangenehm, weil Jimin viel zu beschäftigt damit war, seine eigenen Worte zu verstehen. Der große Klumpen vor seinen Füßen war das Problem. Von Anfang an.

„Du solltest dich nicht hassen“, sagte Yoongi schließlich doch. „Niemand sollte das.“

Jimin hob den Blick und sah ihm entgegen.

„Ja. Du hast recht.“
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