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sunday strangers

von snowghost
GeschichteSchmerz/Trost, Liebesgeschichte / P18 / MaleSlash
Jimin
31.01.2021
25.04.2021
7
35.153
14
Alle Kapitel
18 Reviews
Dieses Kapitel
3 Reviews
 
28.03.2021 6.290
 
Hallooo <3
So, da bin ich wieder und das mit einem Kapitel, das ihr so vielleicht nicht erwartet...
Sunday Strangers neigt sich langsam dem Ende und umso aufgeregter bin ich, wenn ich ein neues Kapitel hochlade
Hier ist wie immer der Link zum Moodboard
Ich hoffe sehr, dass euch diese Geschichte bisher gefallen hat und euch auch in den letzten Kapitel zufrieden stellen wird!
Wir lesen uns in zwei Wochen und ich wünsche euch viel Spaß <3
xo snowghost






05 | Hoffnung



Jins Nummer lag offen in Jimins Regal, nicht zwischen den Seiten des alten Tagebuchs, sondern direkt daneben. Seit dem verkaterten Sonntag und der unweigerlichen Scham, die ihn an diesem Tag verfolgt hatte, blitzte ihm der grüne Zettel immer wieder aus dem Augenwinkel entgegen. Wenn Jimin abends von seinen Castings nach Hause kam, müde, hungrig und enttäuscht, überlegte er oft, ob er Jin anrufen oder schreiben sollte. Aber natürlich tat er es nicht.

Der Sonntag war schlimm gewesen. Er hatte ihn draußen, im Park in Seobinggo mit billigem Automatenkaffee überstanden. Und weil er die Zeit und einen großen Bedarf hatte darüber nachzudenken, was am Samstag passiert war, saß er ganze zwei Stunden auf einer der Parkbänke und starrte auf das ruhige Wasser des Sees. Er schämte sich, wenn er an das Gespräch mit Jin zurückdachte. Weil er so unglaublich betrunken und weinerlich gewesen war. Sich bei einem Fremden auszuheulen war eigentlich nicht seine Art. Seine Sorgen waren nicht wichtig genug, um irgendeiner beliebigen Person in einem Gay Club erzählt zu werden. Eigentlich sollte er allein mit ihnen fertig werden und nicht jammern. Trotzdem, wenn Jimin die Scham ausblendete, hatten Jins Worte gut getan. Und ihm vor allem klar gemacht, dass er sich um seine Probleme kümmern musste. Alles, was er gesagt hatte, war wahr. Niemand bekam von Jimin auch nur den Hauch einer Chance ihn besser kennenzulernen und deswegen war er selbst schuld an seiner Einsamkeit. Eigentlich war ihm das auch schon vorher klar gewesen. Aber es war einfacher Seoul und die fremden Menschen für seine beschissene Laune verantwortlich zu machen, als sich selbst.

Die einzigen Kontakte in Seoul, für die Jimin sich Mühe gab, hatte er aus Karrieregründen. Mehr war nicht dabei. Und die fremden Männer in seiner Wohnung waren nur Versuche, das Heimweh und die Einsamkeit irgendwie zu füllen. Weil Jimin, wenn er ganz ehrlich zu sich selbst war, keine Ahnung hatte, wie er sonst jemandem nahe kommen sollte. Smalltalk und Sex waren einfach. Ein One Night Stand funktionierte nach festgelegten Regeln. Man findet sich gut, man spricht sich an, man geht nach Hause und dann wird gefickt – schöne Worte ausgetauscht, verdrängt und vergessen. Jimin wusste nicht, wie man eine Freundschaft anfing. In Busan hatte Jimin seine Familie – seine Eltern, seine Tanten, Onkel und Cousinen. Außerhalb davon gab es nur zwei Menschen, die er wirklich seine Freunde nennen würde. Harin und Wonjoon kannte er schon seit der Grundschule. Aber selbst die beiden ließ er schon seit einer Woche hängen. Er wusste nicht einmal, wieso. Es wäre wirklich nicht schwer auf ihre kurzen Nachrichten zu antworten. Wie lange würde das dauern? Zehn Sekunden jeweils? Höchstens. Aber selbst mit dieser Erkenntnis schaffte er es nicht. Nicht am Sonntag im Park, und auch nicht später. Jedes Mal, wenn er die Chats seiner Freunde öffnete, wusste er nicht, was er schreiben sollte. Sie beide fragten ihn indirekt, ob alles in Ordnung war und ob es ihm gut ging. Jimin wollte nicht lügen. Aber er wollte auch nicht die Wahrheit sagen. Seine Daumen schwebten bestimmt dutzende Male über der Tastatur, aber er tippte nicht einmal auch nur eine Silbe. Wenn er es nicht schaffte sich bei seinen alten Freunde zu melden, wie sollte er es dann bei Fremden schaffen? Jimin war nicht schüchtern und er war auch nicht introvertiert. Wieso fiel es ihm so verdammt schwer?

In der Theorie war es doch ganz einfach – Jimin wollte am Samstag wieder ausgehen. Vielleicht würde sich dabei ein neuer Fremder ergeben. Doch anstatt am nächsten Morgen zu verschwinden, würde Jimin einfach nur in seiner Wohnung bleiben müssen. Das war der erste Schritt. Doch allein bei dem Gedanken daran wurde er panisch. Er hasste den Morgen danach und alles, was damit verbunden war. Er war nicht einfach nur unangenehm. Er war verdammt nochmal desillusionierend. Am Morgen danach gab es absolut gar nichts mehr, alles von der Sonne davongespült – keine Vertrautheit, keinen Alkohol-Filter, keine schützende Dunkelheit und keine schillernden Versprechen. Jegliche Illusionen wurden aufgedeckt. Jimin roch nicht mehr gut, sah nicht mehr gut aus und wusste auch nichts Charmantes mehr zu sagen.

Es waren nicht die Fremden, die er dann nicht mehr sehen konnte. Und es war auch nicht der Morgen, der dann nichts mehr zu bieten hatte. Sondern er selbst.


_______________



Jimin ging ein zweites Mal in den Park an der Seobinggo-Bahnstation. Es war Freitag und das letzte Casting dieser Woche vorbei. Er hatte immer noch keine feste Zusage für einen richtigen Job, lediglich eine Anfrage für ein unbezahltes Shooting just for fun mit einem Fotografen, der ihn auf Instagram angeschrieben hatte. Das wäre gute Werbung für sie beide. Später würde Jimin ihm antworten und zusagen, aber jetzt war er damit beschäftigt mit seinem Automatenkaffee den breiten Weg des Parks entlangzugehen und an gar nichts zu denken. Zumindest war das der Plan. Er wollte nicht wieder für zwei Stunden in einem Loch versinken.

Das Wetter war herrlich, eigentlich perfekt. Die Sommersonne strahlte am blauen Himmel. Die Schule war vorbei, das Wochenende nah und der Park voller Kinder und Jugendlicher. Jimin trug ein lockeres, weißes Shirt, schwarze Jeans, seine Chanel-Sonnenbrille und mit einem alten Lederband um seinen Hals, seine Analog-Kamera. Schon auf seinem Weg hielt er sie immer wieder an das Gesicht und knipste heimlich Bilder von den Menschen, die ihm entgegen kamen. Am See angekommen setzte er sich dieses Mal nicht auf die Bank, sondern stellte sich barfuß an das Ufer und ließ die winzigen Wellen seine Zehen berühren. Das Wasser war am Rand ganz klar. Die bunten, runden Kieselsteine waren deutlich zu sehen. Sie fühlten sich ganz anders an, als der Sand in Busan. Jimin machte Fotos von seinen Füßen im Wasser, von den Steinen, von den Kindern, die am Ufer spielten und den Paaren, die spazieren gingen. Und als er jedes mögliche Motiv von seiner Position am See geknipst hatte, war der Film seiner Kamera voll. Doch er blieb trotzdem mit nackten Füßen am Ufer stehen und beobachtete durch den Sucher, was um ihn herum passierte.

Durch die Linse der Kamera sah die Welt viel schöner aus – die goldenen Strahlen der Sonne durch die grellgrünen Blätter der Bäume, die spiegelnde Wasseroberfläche, die in die Bäume eingeritzten Herzen und Buchstaben; die bunte Kleidung der Kinder, ihr Lachen, das durch die glitzernde Wasseroberfläche strahlte und das schöne, ruhige Gesicht der Frau, die gegenüber auf einer der Parkbänke in der Sonne eingeschlafen war. Jimin hätte schon viel früher seine Kamera wieder nach draußen mitnehmen sollen.

In diesem Moment im Park, mit dem kühlen Wasser, das seine Zehen berührte, wollte er, dass alles besser wurde. Er wollte Seoul nicht mehr hassen.


_______________



Der Samstag kam, das Shooting mit dem Instagram-Fotografen verlief reibungslos und der Abend konnte beginnen. Beinahe ein wenig nervös kam Jimin in seiner kühlen Wohnung an und begann als erstes ein wenig aufzuräumen. In seiner Brust bildete sich dabei ein unangenehmer Klumpen, immer wenn er daran dachte, morgen möglicherweise neben jemandem aufzuwachen, vor dem er nicht flüchten würde. Aber er musste das durchziehen. Wenn er es nicht schaffte, eine Nachricht zu schreiben oder jemanden anzurufen, dann musste er sich direkt konfrontieren. Vielleicht wäre es einfacher ein zweites Treffen persönlich auszumachen. Aber dazu musste natürlich auch der richtige Fremde auftauchen. Jimin wollte nicht irgendjemanden. Insgeheim hoffte er, dass er heute einfach keinen geeigneten Fremden treffen würde, sondern irgendeinen Herzensbrecher. Jemanden wie Hoseok, der am nächsten Morgen selbst verschwunden wäre. Doch er räumte trotzdem weiter auf, bis seine Wohnung so ordentlich war, wie noch nie. Erst dann machte er sich ein paar Reste warm, schaufelte sich Reis und etwas Gemüse in den Mund und wechselte seine Klamotten. Schlicht wie immer, schwarz und weiß. Dann machte er sich auf den Weg.

Den Club für diese Nacht hatte Jimin als Geheimtipp auf einem Blog gefunden. Es war ein düsterer Techno-Schuppen, dessen Eingangstür zwar beleuchtet war, aber nur eine schäbige geflieste Treppe nach unten zeigte. Je tiefer Jimin nach unten stieg, desto spärlicher wurde die Beleuchtung. Auf halbem Weg hockte der Türsteher auf einem Barhocker an einem winzigen Tisch und verlangte das Eintrittsgeld. Der Club war günstiger, als jeder andere, den Jimin in Seoul besucht hatte. Am Fuß der Treppe wäre er beinahe gestolpert, weil es dort so stockduster war, dass er das Ende nicht hatte kommen sehen. Der Bass der Musik dröhnte. Jimin ging die letzten Schritte durch den kleinen Eingangsbereich hindurch, bis sich der Hauptraum des Clubs vor ihm öffnete. Er konnte nicht einschätzen, wie groß er war. Weit konnte Jimin nicht sehen. Es war nebelig, stickig und dunkel. Ganz ähnlich wie in diesem Influenzer-Club, nur schäbiger und um einiges verruchter. Es war genau nach Jimins Geschmack.

Wegen des dichten Nebels fand Jimin die Bar aus purem Zufall am anderen Ende des Raumes. Dort war die Musik ein wenig leiser. Er bestellte sich einen Whiskey, trank ihn in nur einem Zug aus und verschwand schließlich wieder in der Dunkelheit und zwischen den Menschen, um zu tanzen. In der Mitte der großen Fläche war die Musik ohrenbetäubend. Der tiefe, düstere Bass dröhnte durch Jimins Körper und ließ sein Herz im selben Takt schlagen. Er schloss die Augen und schwebte irgendwo zwischen hellen Melodien und dem schnellen, schweren Beat. Seine Arme und Beine bewegten sich von allein. Durch seine geschlossenen Lider hindurch sah er das Stroboskoplicht aufblitzen. Die Luft um ihn herum war so dick und schwer, dass es sich beinahe so anfühlte, als wäre er unter Wasser. Wenn Jimin einatmete, konnte er die dichten Schwaden der Nebelmaschinen sogar schmecken. Es war perfekt. Die düstere Atmosphäre und die zähen Nebelwände um ihn herum waren dazu gemacht, um zu verschwinden und zu vergessen. Jimin dachte nicht mehr an Fremde in seinem Bett. Und er vergaß auch, dass er einsam war. Eine Stunde tanzte er ohne eine Pause, bevor er sich verschwitzt und energiegeladen wieder zur Bar kämpfte und einen zweiten Whiskey bestellte.


_______________



Jimin wusste sofort, dass er ihn und keinen anderen wollte. Er war perfekt. Leider. Nur fünfzehn Minuten hatte er der Tanzfläche hinter sich den Rücken gekehrt, um einen weiteren Whiskey zu bestellen und ein paar Worte mit dem Barkeeper auszutauschen. Und als er sich wieder umdrehte, stand dort nur wenige Meter von ihm entfernt dieser große, breite Kerl so unbeholfen und peinlich berührt zwischen den tanzenden Menschen, dass er aussah wie ein verlorener Golden Retriever. Es war offensichtlich, dass seine Freunde ihn in diesen Club geschleppt hatten. Wahrscheinlich hörte er nicht einmal Techno, sondern nur sanfte Indie-Songs mit gesäuselten Texten und blumigen Akkorden. So sah er zumindest aus. Das grobe Shirt, das er trug, war sonnengelb. Es war der Grund, warum der Kerl Jimins Aufmerksamkeit sofort auf sich gezogen hatte. Aber die süßen Grübchen auf seinen Wangen und seine hilflos unruhigen Augen hatten sie bei sich behalten. Der Kerl war zu einhundert Prozent Jimins Typ – groß, muskulös und absolut niedlich. Der Fremde für diese Nacht und ganz besonders den Morgen musste der Richtige sein. Und Big Boy in seinem gelben Shirt war leider zu perfekt, um einen Haken zu finden. Jimin hatte sich dieses Mal fest vorgenommen sich am nächsten Morgen nicht zu verpissen. Das hübsche Grübchenlächeln würde es ihm so richtig schwer machen, sollte er seine Entscheidung doch hinterfragen.

Es war einfach Big Boys Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Ein kokettes Lächeln, ein einladender Blick – er bemerkte Jimin nach nur wenigen Sekunden. Ihre Augen trafen sich für einen winzigen Moment. Doch Big Boy wandte sich sofort wieder ab und lehnte sich zu einem seiner Freunde, der neben ihm versuchte, ihn zum Tanzen zu bewegen. Doch auch wenn er versuchte seine Reaktion zu verstecken und sich nichts anmerken zu lassen, konnte Jimin die peinliche Berührung in seinem Gesicht deutlich sehen. Es stand in den unruhigen Bewegungen seiner Hände, darin wie er mit ihnen plötzlich an seinem Shirt herumzog, und darin wie er versuchte sich unter Jimins Blick so klein wie möglich zu machen, obwohl er mit Abstand der Größte in seinem Umfeld war. Also beobachtete Jimin ihn weiter amüsiert lächelnd und trank dabei ruhig seinen Whiskey. Big Boy warf immer wieder unfreiwillige Blicke zu ihm herüber und jedes Mal, wenn ihre Augen sich begegneten, drehte er sich hastig in die andere Richtung. Seine schüchterne Unbeholfenheit war so niedlich, dass Jimin überlegte, einfach selbst zu ihm zu gehen und ihn anzusprechen. Das würde ihn wahrscheinlich so richtig aus der Bahn werfen. Ihn zum Stammeln bringen. Die perfekte Gelegenheit ergab sich, als seine beiden Freunde ihn nach einer viertel Stunde allein auf der Tanzfläche stehen ließen und zu Jimin auf die Bar zukamen. Allein wippte Big Boy etwas steif zum Takt der Musik und sah dabei ein wenig verzweifelt aus.

Seine Freunde tauchten direkt neben Jimin am Bartresen auf und lehnten sich über die freien Hocker, um die Aufmerksamkeit des Barkeepers auf sich zu ziehen. Sie bestellten drei Longdrinks und vier Shots. Ihre Unterhaltung war ziemlich laut, aber Jimin hörte nur halb zu, weil sie nicht besonders interessant zu sein schien. Er hatte weiter Big Boy im Blick, der immer wieder seinen Hals reckte, um zu sehen, ob seine Freunde bald zu ihm zurückkehren würden. Seine konstante Überforderung war verdammt niedlich. Noch niedlicher wäre er aber bestimmt, wenn Jimin endlich auf ihn zugehen und schließlich vor ihm stehen würde – hilflose Hände, unruhige Augen, vielleicht ein verlegenes Lächeln auf den Lippen. Die Vorstellung gefiel Jimin gut. Er wollte gerade von seinem Hocker rutschen, als jemand seine Schulter berührte und ihn damit aufhielt.

„Entschuldigung?“

Jimin schaute zur Seite und sah direkt in die grinsenden Gesichter der beiden Freunde, die Big Boy allein gelassen hatten.

„Hm?“

Damit hatte er nicht gerechnet. Die beiden Männer sagten nichts mehr, musterten Jimin von oben bis unten, drehten die Gesichter zueinander und tauschten vielsagende Blicke miteinander aus. Jimin beobachtete ihre seltsame nonverbale Kommunikation, bis der Kleinere der beiden schließlich wieder den Mund öffnete.

„Bist du ganz allein hier?“, fragte er.

Jimin lehnte sich wieder auf seinem Hocker zurück und setzte ein höfliches, aber distanziertes Lächeln auf. „Bin ich. Wieso?“

Es war eindeutig, wieso. Der andere schob sich ein Stück nach vorne und grinste wieder.

„Möchtest du was mit uns trinken? Wir könnten noch Gesellschaft brauchen.“ Sein Blick glitt ein weiteres Mal über Jimins Körper. „Und du vielleicht auch.“

„Wir haben gesehen, wie du zu uns rüber geschaut hast.“

Oh nein. Die beiden dachten, sie wären gemeint gewesen. Dabei schaute Jimin ihnen gerade zum ersten Mal bewusst in die Gesichter. Ohne Big Boy hätte er sie wahrscheinlich nicht einmal wiedererkannt. Sie waren recht gutaussehend. Und an einem anderen Tag hätte Jimin sich vielleicht auf sie eingelassen. Aber für heute waren die beiden mehr als nur ungeeignet.

Jimin setzte ein peinlich berührtes Lächeln auf. „Wisst ihr-…“

Der Kleinere hob sofort seinen Zeigefinger. „Der Shot ist schon bestellt, du kannst nicht mehr ablehnen!“

Jimins Blick fiel auf die sauber in einer Reihe gestellten Gläser auf dem Tresen. Deswegen vier. Als er die beiden wieder ansah, grinsten sie, als wäre Jimin das Dessert auf einem Silbertablett. Sie schoben eines der Gläser zu ihm herüber. Der Kleinere hob auffordernd eine Augenbraue. Scheiße, wie kam Jimin aus der Sache wieder heraus, ohne Big Boy zu verlieren? Er konnte ihnen keinen Korb geben, ohne seine Chance auf ihn nicht auch in den Wind zu schießen. Vielleicht sollte er vorerst mitspielen. Und wenn er sich später eindeutig genug an Big Boy heranschmeißen würde, würden sie ihn vielleicht in Ruhe lassen.

Jimin legte seine Fingerspitzen an das kleine Glas. „Na gut.“

Die beiden sahen mehr als zufrieden aus. Sie blickten einander mit funkelnden Augen an.

„Bist du von hier?“, fragte der Kleinere neugierig, als er sich wieder Jimin zuwandte.

„Ja, ich wohne hier“, lächelte er schmal. „Aber noch nicht lange.“

„Das macht nichts“, winkte der andere ab und grinste wieder. „Wie heißt du eigentlich?“

„Jimin.“

Die beiden verrieten ihm auch ihre Namen, Jay und Sangchul, und je länger Jimin mit ihnen sprach, desto unwohler fühlte er sich. Immer wieder tauschten sie Blicke aus, als würden sie ein dunkles Geheimnis miteinander teilen. Einerseits war es albern. Andererseits bekam Jimin ein ziemlich schlechtes Gefühl dabei. Irgendetwas stimmte nicht. Er wollte wirklich nicht länger mit den beiden allein sein, aber als er unauffällig seinen Blick über die Tanzfläche gleiten ließ, konnte er Big Boy nirgendwo mehr sehen. War er gegangen?

„Sag mal, Jimin, du bist doch single, oder?“, forderte Jay wieder Jimins Aufmerksamkeit. Er grinste. „Und zufällig interessiert an Männern?“

Ziemlich plump und uncharmant. Die Antworten auf seine Fragen waren eindeutig, aber nicht aus dem Grund, den die beiden wahrscheinlich gern hören wollten. Jimin wollte nicht mehr nett sein. Er wollte die beiden nicht mehr anlächeln und über ihre seltsamen Kommentare lachen. Sie waren unangenehm und aufdringlich. Er suchte nach einer Ausrede, mit der er verschwinden könnte. Oder einem Korb, der die beiden vertreiben würde.

Doch dann wurde es in Jimins Augenwinkel plötzlich sonnengelb-

„Hey, wieso sagt ihr mir nicht, dass ihr hier bleibt? Ihr könnt mich doch nicht allein lassen.“

Big Boy war zwischen ein paar Menschen aufgetaucht und stand nun direkt neben ihnen. Seine Stirn war verärgert gerunzelt, doch seine Augen huschten für einen kurzen Moment unsicher zu Jimin hinüber.

Jay und Sangchul entgegneten nichts. Stattdessen breitete sich auf ihren Gesichtern erneut ein dickes Grinsen aus. Sie sahen zu Jimin, dann wieder zu Big Boy. Es verstrich eine unendlich unangenehme Sekunde. Und dann, wie aus dem Nichts, packten sie Big Boy an seinen Armen und schoben ihn vor sich auf Jimin zu.

„Kennst du schon Namjoon?“

Und noch bevor ihr sonnengelber Freund oder Jimin ihre Frage und ihre Aktion so wirklich verarbeiten konnten, waren sie auch schon mit ihren Shotgläsern zwischen einigen Menschen verschwunden. Big Boy, oder eben Namjoon, stand mit großen Augen ein Stück zu dicht vor Jimins Knien und hatte die Hände erhoben, als könnten sie ihn irgendwie vor der unangenehmen Situation schützen. Zuerst hatte Jimin auch überrascht die Augenbrauen nach oben gezogen, aber als er realisierte, was passiert war, musste er lachen. Ungeniert sah er in Big Boys panische Augen.

„Hallo Namjoon“, grinste er.

„Entschuldigung.“ Seine Stimme klang gepresst. Ein Ruck fuhr durch seinen Körper. Hastig trat er einen Schritt zurück und verbeugte sich demütig. „Ich will dich nicht belästigen. Es tut mir leid.“

„Ich fühle mich gar nicht belästigt“, lächelte Jimin zu ihm herunter.

„Gut!“ Namjoons Kopf schnellte nach oben. Er ließ endlich seine Hände sinken, hob eine aber sofort wieder um sich über seinen Hals zu streichen. „Uh, das freut mich, weil ich dich echt nicht stören wollte. Ich wusste nicht, was meine Freunde vorhaben, ehrlich nicht. Es tut mir wirklich leid. Das ist nur ein dummer Scherz. Die- uh, die haben einfach zu viel How I Met Your Mother geschaut und ich habe sowieso-“

„Willst du das mit mir trinken?“

Namjoon verstummte und schloss den Mund.

Jimin deutete auf die zwei übrig geblieben Gläser auf dem Tresen. „Die haben deine Freunde hier gelassen.“

Namjoons Augen waren genauso unruhig wie in Jimins Vorstellung. Sie wussten nicht, wohin. „Haben sie?“

Jimin lächelte. „Ja, die sind für uns.“

„Ich, uh-“ Für einen kurzen Moment erschien ein Hauch von Wut auf Namjoons Gesicht, verschwand aber sofort wieder, als er in Jimins Augen sah. Dort blieb er einen Moment zu lange hängen. Er seufzte und ließ die Schultern sinken. „Ja. Ja, okay, trinken wir sie.“

Zufrieden schloss Jimin seine Fingerspitzen um den oberen Rand des kleinen Glases und gab es Namjoon mit einem schiefen Lächeln in die Hand. Erst dann nahm er sein eigenes. Er hob es vor sein Gesicht und schaut darüber hinweg in Namjoons Augen. Sie wollten ihm ausweichen. Jimin konnte sehen, wie er schluckte, den Blick angestrengt hielt und in einer unbeholfenen Bewegung sein eigenes Glas nach oben bewegte.

„Auf glückliche Zufälle“, schmunzelte Jimin.

Kurz konnte er sehen wie Namjoons Augen überrascht ein kleines Stück größer wurden. Dann legte er den Kopf in den Nacken und trank. In den Gläsern war Tequila, aber es gab weder Salz noch Zitrone dazu. Während Jimin den Inhalt ohne mit der Wimper zu zucken herunterschluckte, verzog Namjoon das Gesicht. Mit einem amüsierten Lächeln hielt Jimin ihm den Mojito hin, den seine Freunde für ihn hiergelassen hatten. Namjoon nahm ihn an und trank sofort einen großen Schluck aus dem durchsichtigen Strohhalm.

„Danke.“ Ein bisschen schien er selbst danach noch mit dem Geschmack auf seiner Zunge zu kämpfen. Er stellte seinen Longdrink neben Jimin auf den Tresen. „Tut mir leid, ich trinke normalerweise nicht viel. Oder, sagen wir, nichts, das mehr als zwanzig Prozent hat.“

„Dafür hast du dich gut geschlagen“, schmunzelte Jimin.

Mit einem peinlich berührten Ausdruck im Gesicht, wich Namjoon seinem Blick aus. Es vergingen ein paar Sekunden. Dann deutete er auf Jimins leeres Glas.

„Brauchst du auch was zu trinken?“

Jimin lächelte. „Ich hätte nichts gegen Whiskey.“

Für einen kurzen Moment sah Namjoon in Jimins Augen. Danach wieder hinunter auf das Glas und schließlich auf seine Hände, mit denen er seinen Geldbeutel aus der Hosentasche zog.

„Dann, uh, bestelle ich dir einen.“

„Süß von dir.“

Jimin liebte es, wie Namjoon mit roten Ohren an ihm vorbeistarrte und nicht wusste, was er darauf sagen sollte. Es dauerte einen Moment, bis er den Barkeeper abfangen konnte und es dauerte einen weiteren, bis ein volles Glas mit Whiskey vor ihnen auf dem Tresen stand. Sie sprachen dabei kein Wort. Namjoon trat nervös von einem Bein auf das andere und traute sich nicht wieder in Jimins Gesicht zu sehen. Anders als bei Jungkook war seine Schüchternheit definitiv nicht bloß Fassade.

„Warum wollen deine Freunde, dass wir uns kennenlernen?“, fragte Jimin, den Whiskey inzwischen neben sich, die Beine überschlagen.

Namjoon hatte sich ihm gegenüber auf den freien Hocker gesetzt. Wieder sah er nur für den Hauch einer Sekunde in Jimins Gesicht. Dann hob er seine Hand und strich damit erneut über seinen Hals.

„Um mich auf andere Gedanken zu bringen, wahrscheinlich.“

„Wieso?“

„Ach, ich habe-… uh, ich meine, hatte schlechte Laune heute, halb so wild.“ Namjoon grinste schief und machte eine abfällige Bewegung mit seiner Hand.

„Da kann ich bestimmt helfen.“

Namjoons Blick schnellte nach oben. Dieses Mal blieb er dort. Er sah Jimin in die Augen und dann auf die Lippen, in dessen Winkel sich eine leichte Zweideutigkeit versteckte. Er schluckte. Seine Hände rutschten unruhig über den Stoff seiner blauen Jeans. Sie wussten nicht wohin. Also griff er damit nach seinem Mojito.

Die erste halbe Stunde, die sie miteinander zusammen an der Bar saßen, bestand nur aus solchen Reaktionen. Das Gespräch blieb am Anfang ein bisschen holprig. Namjoon wusste nicht, was er sagen sollte, wohin er schauen sollte, wie er sich zu verhalten hatte. Und Jimin nutzte das immer wieder schamlos aus und brachte ihn mit seinen direkten Flirts offensichtlich an den Rand der Verzweiflung. Aber als er das Gefühl hatte, dass Namjoon genug geschwitzt hatte und sich vielleicht auch ein bisschen wohl fühlen sollte, ließ er locker. Sie sprachen über andere Dinge. Wie zum Beispiel Namjoons Literaturstudium. Jimin musste sein Interesse daran nicht einmal spielen. Es war eindeutig, wie gern Namjoon darüber redete. Seine Antworten wurden länger, seine Haltung und seine Gestik entspannter. Er erzählte Jimin von den Büchern, die er gerade las. Manche Passagen konnte er sogar zitieren.

„But I will wear my heart upon my sleeve for daws to peck at. I am not what I am.“

Jimin lächelte, das Kinn auf einer Hand abgestützt. „Und was bedeutet das?“

„Es heißt: ‚Dann werde ich mein Herz auf meinem Ärmel tragen, damit die Krähen daran picken können. Ich bin nicht, was ich bin.‘ Das ist Shakespear. Das Herz auf dem Ärmel tragen, heißt, es offen zu zeigen. Also, sich selbst so zu zeigen, wie man wirklich ist.“ Namjoons Grübchen erschienen, als Jimin interessiert seinen Kopf neigte. „Im Kontext will der Charakter aber sagen, dass er das niemals tun wird, weil es ihn entlarven und verletzlich machen würde.“

„Oh, ich verstehe. Deswegen die Krähen.“

„Genau. Die Metapher ist brutal, oder?“

Jimin nickte.

„Ich liebe dieses Zitat. Dieses Bild.“ Für einen kurzen Moment sah Namjoon doch wieder schüchtern aus. „Aber ich denke, es ist gut sein Herz auf seinem Ärmel zu tragen.“

Er war so verdammt liebenswert, als er das sagte, dabei verlegen den Kopf senkte und den Boden anlächelte. Oder wie seine Hände danach unruhig über den Stoff seiner Jeans strichen. Die Grübchen auf seinen Wangen wurden tiefer. Inzwischen fand Jimin den Gedanken daran vielleicht morgen neben ihm aufzuwachen und mit ihm zu frühstücken gar nicht mehr so schrecklich. Aber das war vielleicht auch dem Alkohol geschuldet. Jeweils zwei Getränke und eine weitere Runde Tequila leerten sie noch an der Bar, bevor sie sich von ihr entfernten und sich in eine Ecke des Clubs stellten, in der die Musik leiser war.

„Damit wir uns besser hören können“, hatte Jimin gelächelt. Aber das war nur der vorgeschobene Grund.

Es war ein guter Zeitpunkt sich etwas näher zu kommen. Sie beide waren nicht mehr nüchtern. Vor allem auf Namjoons Wangen breitete sich der Alkohol in einem leichten Rosa aus. Es war ziemlich dunkel in der Ecke, die sie sich ausgesucht hatten, nicht weit entfernt von den Türen, die zum Raucherbereich und zu den Toiletten führten. Der Nebel war hier wieder dichter. Über der Bar musste die Lüftung eingebaut sein. Dort war die Luft fast klar gewesen. Namjoon und Jimin standen dicht beieinander, um sich sehen zu können. Und vielleicht auch, um einen Kuss zu provozieren. Inzwischen fiel es Namjoon gar nicht mehr so schwer Jimin in die Augen zu sehen. Und die leisen Flirts, die er ihm immer wieder zuwarf, brachten ihn nicht mehr ansatzweise so sehr aus dem Konzept wie vorher. Eigentlich war er sogar ganz gut darin zurückzuflirten. Und Jimins Worte waren alles andere als zurückhaltend.

„Du bist ziemlich perfekt, weißt du das?“

Namjoon verzog das Gesicht, musste aber grinsen. „Ach, komm schon.“

Jimin beobachtete seine Augen, die ihm immer wieder ausweichen wollten. „Das ist mein Ernst.“

„Nichts an mir ist perfekt.“ In Namjoons Mundwinkeln steckte ein verlegenes Lächeln.

„Du bist süß, schlau, freundlich… Du siehst gut aus. Ich sehe keinen Haken.“ Jimin sagte es mit einem neckischen Unterton. Weil er wusste, dass Namjoon widersprechen würde.

Doch das tat er nicht. Stattdessen sah er ihm endlich in die Augen und presste die Lippen aufeinander. Sein Blick wanderte kurz über Jimins Gesicht, über seine Nase, hinunter zu seinen Lippen. Dort ließ er ihn sofort wieder fallen und verlagerte nervös sein Gewicht.

„Du kannst mich doch nicht so anschauen“, lachte er in das kurze Schweigen hinein.

„Wie denn?“ Jimin hob die Augenbrauen. Das Lächeln auf seinen Lippen sollte unschuldig wirken. Tat es aber bestimmt nicht.

„Na, als ob du-… Als ob du es auf mich abgesehen hättest.“ Er lachte wieder, kürzer und etwas beschämter als zuvor. „Du bist viel zu hübsch.“

Jimin reckte seinen Hals. „Zu hübsch für was?“

„Zu hübsch für-…“ Namjoon stockte. Wieder sah er in Jimins Augen hinein, länger dieses Mal. Seine Mundwinkel zuckten. Sein Atem wurde unregelmäßig. „Zu hübsch, um abzulehnen.“

„Wieso solltest du ablehnen?“, fragte Jimin leise.

Sie kamen sich näher. Bewegten sich millimeterweise aufeinander zu. Namjoon sagte nichts mehr. Vielleicht hatte er auch vergessen, dass Jimin eine Frage gestellt hatte. Mit leicht geöffnetem Mund und aufgewühlten Augen starrte er ihm entgegen. Also küsste Jimin ihn, schloss die letzten Zentimeter zwischen ihren Gesichtern und berührte seine Lippen sanft mit seinen eigenen. Namjoon zögerte. Jimin spürte es genau. Da war eine kurze Anspannung in seinem Körper, ein kurzes Stocken. Doch als Jimin seine Hände auf seine Brust legte und über den groben, gelben Stoff seines Shirts nach oben zu seinen Schultern strich, wurde er weich. Sein warmer Atem schlug Jimin mit einem leisen Seufzen gegen die Lippen. Dann bewegte er sich ihm entgegen, hob seine Hände und legte sie vorsichtig an Jimins Taille. Es war der süßeste und gleichzeitig aufregendste Kuss, den Jimin seit langer Zeit hatte. Sein Herz schlug ein bisschen schneller. Er ließ den Kuss tiefer werden, ein bisschen hungriger, ein bisschen weniger unschuldig. Es dauerte nicht lang, bis Jimins Hände anfingen zu wandern, über Namjoons Schultern und seine Arme, zu seiner Brust zurück und hinunter zu seinem Schritt. Er drängt sich so dicht an ihn, dass Namjoon irgendwann nur noch die Wand in seinem Rücken hatte und mit einem leisen Keuchen den Kopf dagegen fallen ließ, als Jimin seine Handfläche gegen den Stoff seiner Jeans presste.

„Willst du mit zu mir?“, hauchte er ihm leise lächelnd ins Ohr.

Namjoon schluckte und sah Jimin schwer atmend in die Augen. In seiner Hose bewegte sich etwas gegen Jimins Handfläche.

„Ja.“


_______________



Der Weg in Jimins Wohnung war um einiges weniger unangenehm, wenn er nicht in der U-Bahn stattfand. Dieses Mal wohnte er nicht weit entfernt. Es waren nur wenige Minuten zu Fuß. Und Jimin ließ Namjoon nicht eine einzige davon zur Ruhe kommen. Er wollte nicht, dass die Spannung verflog. Er wollte nicht, dass sie von vorne beginnen mussten. Deswegen hielt er ihn an seiner Hand, drückte sein Gesicht bei jeder Gelegenheit an seine Schulter und strich ihm ungeduldig über seine langen Finger. Es passierte nicht viel zwischen Tür und Bett. Jimin landete mit dem Rücken auf seiner Matratze und keine Sekunde später lehnte Namjoon sich über ihn. So süß und unbeholfen er vorhin gewirkt hatte, inzwischen waren seine Lippen hungrig. Sie drängten sich so ungeduldig an Jimins heran, dass sie beinahe keinen Platz fanden, sich auszuziehen. Und trotzdem ließ er sich Zeit, um jeden Knopf von Jimins Hemd sorgfältig aufzuknöpfen. Seine großen Hände bewegten sich vorsichtig. Sie waren warm auf Jimins Haut, wanderten zu seiner Brust, seinem Bauch, seiner Hüfte-

Namjoon wusste, was er tat.

Sie wechselten die Position. Später war es Jimin, der sich zu Namjoon hinunterlehnte, während er sich auf ihm bewegte und ihm heiß gegen die Lippen stöhnte. Namjoons Hände waren auch nicht mehr sanft. Sie hielten Jimin fest und zogen ihn bei jeder Bewegung mit. Sie gaben ihm ein seltsames Gefühl von Sicherheit. Vielleicht liebte er aber auch bloß, wie stark sie sich um seine Taille herum anfühlten. Er konnte sehen, wie die Muskeln an seinen Armen arbeiteten.

Jimin kam mit einem tiefen Seufzen, das in Namjoons Mund verschwand. Es dauerte nicht lang, bis Namjoon ihm folgte. In das dunkle Zimmer kehrte die kühle Stille zurück. Zusammen atmeten sie hinein, bis Jimin kurz aufstand, das kleine Licht neben seinem Bett einschaltete und das benutzte Kondom im Mülleimer entsorgte. Danach legte er sich wieder neben Namjoon auf das Bett, lachte leise und streckte einen Arm, um eine Hand auf seine Brust zu legen. Ein paar Mal strich er sanft mit seinen Fingerspitzen über Namjoons Haut. Dann presste er seine Handfläche flach dagegen. Er lachte wieder leise.

„Zum Glück bin ich zu hübsch, um abgelehnt zu werden.“ Jimin sah zu Namjoons Gesicht nach oben.

Erst dann bemerkte er, dass etwas nicht stimmte.

Namjoon reagierte nicht auf seine Worte. Blinzelte nicht einmal. Sein Körper war ganz starr, seine Muskeln angespannt. Sein Atem ging schwer und flach. Die Augen hatte er stur an die Decke gerichtet und seine Kiefermuskeln traten hervor, als würde er die Zähne zusammenbeißen. Etwas war falsch. Jimin spürte, wie sich Kälte in seinem Körper ausbreitete. Eine leise Panik. Er wusste nicht, ob er etwas sagen sollte. Vielleicht bildete er sich alles nur ein. Es war doch gar nichts passiert.

Es fühlte sich an wie eine Ewigkeit, die sie beide in angespanntem Schweigen lagen. Bis Namjoons Lippen sich zitternd öffneten und sein lautes Atmen die Stille durchbrach.

„Scheiße.“

Jimin erstarrte. Vielleicht hielt er sogar den Atem an.

Mit einem Ruck setzte Namjoon sich auf und vergrub das Gesicht in seinen Händen. Jimins Hand rutschte dabei von seiner Brust. Erschrocken zog er sie zu sich und folgte Namjoons Bewegung. So saßen sie eine Weile nebeneinander, Namjoon den Kopf in seinen Händen und Jimin mit erschrockenen Augen und klopfendem Herzen. Er wusste nicht, was er tun sollte.

„Scheiße“, sagte Namjoon wieder. Winselte es eher. „Fuck- Oh Gott, es tut mir so leid, Scheiße.“

Jimin war wie gelähmt. Er verstand nicht, was passiert war.

„Jimin, ehrlich, fuck, es tut mir so leid. Ich hab einen Fehler gemacht. Scheiße, es tut mir leid.“

Wieder wurde es für eine unendlich lange Zeit still. Jimin traute sich nicht, etwas zu sagen. Sein Herz klopfte viel zu laut und schnell in seiner Brust. Er konnte Namjoon atmen hören. Das war das einzige Geräusch und in Jimins Ohren wurde es immer lauter, immer hektischer. Alles andere war ganz weit weg. Er hielt es nicht aus.

„Was-…“ Jimins Stimme brach. Er schluckte. „Was tut dir leid?“

Namjoon bewegte sich so plötzlich, dass Jimin sich erschrak. Er hob den Kopf und drehte sich mit dem ganzen Körper zu ihm. Seine Augen glitzerten verzweifelt, als er Jimin entgegen sah.

Seine Stimme war zu laut. „Es liegt nicht an dir, wirklich nicht. Du hast nichts falsch gemacht, bitte denk das auf keinen Fall. Ich-… Ich habe-“

Jimin starrte ihn mit aufgerissenen Augen an. „Was hast du?“

„Ich habe einen Freund.“ In Namjoons panischem Gesicht stand Scham. „Ich habe ihn betrogen.“


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Es war schrecklich. Namjoon wollte weinen, Jimin konnte es ihm ansehen. Aber er konnte es nicht vor ihm tun und vielleicht wollte er auch nicht, weil er dachte, er hätte nicht das Recht dazu. Eine lange Zeit hörte Jimin ihm einfach nur dabei zu, wie er sich selbst verfluchte. Wie er sich fragte, wie ihm das hatte passieren können. Wie er seinem Freund so etwas antun konnte. Er wäre ein Arschloch, ein Schwächling, ein Feigling, ein Lügner-

Jimin hätte sich am liebsten die Ohren zugehalten. Doch dann wurde Namjoon still. Seine Fassungslosigkeit wurde kleiner und seine Verzweiflung größer.

„Es tut mir leid“, sagte er wieder.

Jimin würgte ein paar Worte hoch. „Mir tut es leid.“

„Du konntest es nicht wissen. Ich habe nichts gesagt.“

„Ich weiß.“

„Ich wollte es dir sagen. Aber dann habe ich mich dagegen entschieden. Das warst nicht du, sondern ich. Okay?“

Namjoon sah in Jimins Augen, nicht mehr schüchtern. Nur schuldig.

Jimin nickte.

Namjoon seufzte. Sein großer Körper war in sich zusammengesunken und sah gar nicht mehr stark aus. Sein Blick huschte über Jimins Bettlaken, als würde er dort nach etwas suchen, das die Situation auch nur ein bisschen besser machen könnte. Dabei wäre es wahrscheinlich das Beste, wenn er gehen würde. Doch er blieb.

„Ich hab mich heute mit meinem Freund gestritten. Wir streiten oft in letzter Zeit.“ Die Verzweiflung in Namjoons Augen wurde immer größer. „Das ist keine Entschuldigung und das weiß ich. Aber deswegen hat es so gut getan, dass du da warst, verstehst du?“

Jimin nickte wieder. Er hatte noch nie eine Beziehung gehabt. Er wusste nicht, wie das war.

„Ich hätte nie gedacht, dass ich ihn betrügen könnte. Nie. Auf gar keinen Fall.“ Namjoons Stimme wurde leise. Er räusperte sich und blinzelte ein paar Mal. „Ich wollte das nicht.“

Dieser Satz tat weh. Aber Jimin ließ sich nichts anmerken. Irgendwie ging es jetzt auch nicht um ihn. Er war nur die dritte Person. Das schöne Gesicht, das Namjoon überhaupt in diese Misere gebracht hatte. Namjoon tat ihm leid. Vorsichtig streckte Jimin eine Hand nach seinem Knie aus und legte sie darauf. Namjoon sah auf die Berührung herunter und hob dann den Kopf, um ihn traurig anzulächeln.

Sie schwiegen.

Es kreisten immer wieder dieselben Gedanken durch Jimins Kopf und sie wurden klarer, je kleiner der Schock in seinem Körper wurde. Wenn er Namjoons zusammengesunkenen Körper ansah, spürte er Kälte in seiner Brust. Und vielleicht auch ein kleines bisschen heiße Wut. Es war nicht fair. Wie konnte ein Kerl wie Namjoon jemanden betrügen? Wieso hatte er nichts gesagt? Jimin wollte nicht enttäuscht sein. Aber er war es.

Deswegen konnte er seine Frage irgendwann nicht mehr zurückhalten.

„Wieso hast du dich dagegen entschieden?“

Namjoon hob den Kopf. „Hm?“

„Du hast gesagt, du wolltest mir sagen, dass du einen Freund hast. Und dass du dich dagegen entschieden hast. Wieso?“

Eine lange Zeit blieb es still. Jimin sah, dass Namjoon nachdachte und nach der Antwort suchte. Er wusste, dass die Frage nicht einfach war. Und er fühlte sich schuldig, weil in seiner Stimme ein deutlicher Vorwurf gesteckt hatte. Also gab er ihm Zeit.

„Ich wollte Nähe“, sagte Namjoon schließlich. „Und du warst da. Du hast mich angeschaut, als würdest du genau wissen, was ich will. Deswegen dachte ich, dass ich es auch will.“

Jimin presste die Lippen aufeinander. „Also ist es doch meine Schuld?“

„Nein!“ Namjoons Stimme wurde laut. „Es ist meine Schuld. Auf keinen Fall deine! Ich habe die Entscheidung getroffen, weil ich dachte, dass du mir geben kannst, was mein Freund mir nicht geben kann.“

„Und das wäre?“

„Nähe.“ Namjoon schluckte. „Liebe, vielleicht.“

Jimins Hand rutschte von Namjoons Knie. „Aber wir sind Fremde. Wir kennen uns gar nicht.“

„Ja…“ Jetzt war Namjoons Stimme ganz leise. „Und deswegen konnte es nicht funktionieren. Deswegen habe ich jetzt… gar nichts. Es tut mir leid.“


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Als Namjoon Jimins Wohnung verließ, war es fast drei Uhr morgens. Er verschwand hinter der schweren Tür, aber die Schuldgefühle, die Wut und die Verzweiflung blieben. Jimin wollte nicht weinen, aber als er allein in der Dunkelheit in seinem Bett lag, liefen ihm stumme Tränen über die Schläfen. Alles an dieser Nacht war ein Fehler gewesen, nicht nur Namjoons Entscheidung, sondern auch jede beschissene Hoffnung, die Jimin hineingesteckt hatte. Er wollte wieder weg. Und am liebsten nicht mehr existieren. Er hasste Namjoon und er hasste Seoul. Aber am meisten hasste er seinen blauäugigen Versuch irgendetwas daran zu ändern. Er war so dumm. So schrecklich dumm.

Er gehörte nicht hierher.
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