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sunday strangers

von snowghost
GeschichteSchmerz/Trost, Liebesgeschichte / P18 / MaleSlash
Jimin
31.01.2021
25.04.2021
7
35.153
14
Alle Kapitel
18 Reviews
Dieses Kapitel
2 Reviews
 
14.03.2021 5.595
 
Hi,
hätte meine Schwester mich nicht daran erinnert, hätte ich fast den Upload für heute vergessen! Shame on me x.x
Wie immer hoffe ich, dass ihr gute zwei Wochen hattet und haben werdet :)
Was ich heute noch sagen möchte: Ich will wirklich nicht deswegen nerven, aber wie so viele Autoren hier will ich euch auch nochmal daran erinnern wie wichtig es für uns ist, ab und zu Feedback zu bekommen. Und am allerschönsten ist es natürlich, möglichst viele Namen zu lesen. Ich erwarte kein Review zu jedem Kapitel und es muss auch kein zweiseitiger Aufsatz sein. Aber ich würde mich sehr freuen wenigstens einmal eure Meinung zu hören. Ich stecke viele Gedanken in meine Geschichten und es wäre mir sehr wichtig zu wissen, ob die auch bei euch ankommen, oder nicht :)
Fühlt euch jetzt aber bitte auch nicht unter Druck gesetzt! Ich will hiermit hauptsächlich die Leser, die sich sowieso oft denken, dass sie ein Review schreiben wollen, es aber dann doch auf später verschieben, daran erinnern, es vielleicht direkt zu tun :D
Ich wünsche euch allen Spaß beim Lesen






04 | Trost



Manchmal, wenn Jimin zu lange reglos in den Spiegel sah, erkannte er sein Gesicht nicht mehr. Dann fühlte es sich an, als würde ihm auf der anderen Seite der Wand ein Fremder gegenüberstehen. Das schummrige Licht in dem kleinen, fensterlosen Bad glühte über ihren Köpfen und ließ ihre Haut blass wirken. Braune, ruhige Augen sahen Jimin ungeniert und starr entgegen. Jedes kleine Detail des Gesichts im Spiegel, das er eigentlich schon sein Leben lang kannte, wurde fremd – der schiefe Schneidezahn, die linke Augenbraue, die sich immer leicht besorgt nach vorne zog und die ungleich geschwungenen Augenwinkel. Das alles gehörte ihm nicht mehr. Der Fremde atmete ruhig, seine Brust hob und senkte sich, er blinzelte, er verzog die Lippen, er schluckte. Seine dunklen Haare fielen ihm ungeordnet in die Stirn, bis zu den beinahe geraden Brauen und den sanften Augen darunter. Alles an seinem Gesicht war weich. Makellose Haut spannte sich über hohe Wangenknochen, die Nase klein und die Kieferknochen definiert. Seine Lippen waren ungewöhnlich voll. Er öffnete sie und hauchte gegen das Glas, bis er nur noch hinter einem leichten Nebel zu sehen war.

Der Fremde im Spiegel war schön, das wusste Jimin. Es waren seine sanften Augen und die weiche Leichtigkeit seiner Gesichtszüge, die ihn anziehend wirken ließ. Seine Schönheit war offensichtlich und leicht verdaulich. Er verstand, warum so viele Menschen ihn gerne ansahen. Warum sie ihn bewunderten. Wieso er sie bezauberte. Und trotzdem – egal, wie lange Jimin den Fremden im Spiegel ansah, spürte er diese Bewunderung nicht. Und auch sonst keine andere Emotion.

Eigentlich spürte er überhaupt nichts.


_______________



Es war schon wieder Samstag und Jimin saß allein in seiner Wohnung. Dieses Wochenende hatte er sich fest vorgenommen nicht auszugehen. Er wollte keine weitere leere Begegnung. Er hatte genug davon. Denn letztendlich waren die letzten Samstage ein Flop gewesen. Die netten Fremden für eine Nacht hatten Jimin noch tiefer in sein Loch gezogen. Durch Taehyung war sein Heimweh schlimmer geworden und wegen Hoseok fühlte er sich abgewiesen. Natürlich war es dumm, deswegen in Selbstmitleid zu baden. Er sollte sich zusammenreißen. Aber es funktionierte nicht. Egal, welche Serie er auf seinem schäbigen Laptop startete, Jimin konnte sich einfach nicht entspannen. Seine Gedanken kreisten wie eine laute, dicke Fliege durch das Zimmer. Wenn er auf dem Bett lag und statt auf den Bildschirm an die weiße Zimmerdecke starrte, fühlte sich sein Körper genauso leer an, wie jeder Tag in dieser gottverdammten Stadt. Er wollte nicht wieder neben einem Fremden aufwachen und panisch in das Café gegenüber flüchten. Und er wollte auch nicht wieder das Glitzern Seouls vor die Nase gehalten bekommen, obwohl er es nicht verdiente.

Jimin hatte noch immer keinen neuen Job. Niemand hatte sich bei ihm gemeldet.

Vielleicht war Seoul einfach nichts für ihn. Vielleicht sollte er wieder zurück nach Busan gehen und dort weitermachen. Wenn er hier wirklich auf dem richtigen Weg wäre, dann wäre er jetzt nicht allein und würde am liebsten heulen. Wenn er richtig wäre, würde er sich nicht von Casting zu Casting schleppen, ohne jemals einen der großen Jobs zu bekommen. Wenn er richtig wäre, dann würde er Seoul lieben. Doch er hasste es-

Er hasste es.

Und diese Erkenntnis trieb ihn letztendlich doch aus seiner Wohnung. Jimin musste raus. Egal wohin. Scheiß auf das, was er sich vorgenommen hatte. Also zog er sich an: einen großen, grauen Hoodie, ein Paar alte Jeans und eine abgewetzte Baseballkappe. Er nahm sogar die Ringe aus seinen Ohren, damit er bloß nicht auffallen würde. Jimin wollte Gesellschaft, aber nicht zu nah. Nicht auf einem Barhocker neben sich. Er brauchte Musik in den Ohren und Gespräche um sich herum. Er wollte sich nur ein bisschen weniger leer und einsam fühlen.

Nicht einmal fünf Minuten nach seinem Entschluss, doch aus seiner Wohnung zu flüchten, war Jimin aus der Tür hinaus. Es regnete. Über seine Kappe zog er zusätzlich die Kapuze des Hoodies und lief mit großen Schritten Richtung U-Bahn Station.


_______________



„Bitteschön.“

Der auffällig geschminkte Barkeeper schob das Glas mit Whiskey über den Tresen, bis es vor Jimin stand. Er nahm das Geld, das ihm hingelegt wurde, bedankte sich und zog weiter zu den nächsten Kunden, die nur wenige Schritte entfernt standen. Sie waren offensichtlich ein Paar, hatten die Arme umeinander gelegt und fingen an mit dem Barkeeper zu plaudern. Jimin lauschte ein bisschen, während er seinen Whiskey trank. Es ging um irgendeinen Geburtstag und darum, dass jemand unerwartet schwanger geworden war. Das Gespräch war nicht wirklich interessant. Jimin wusste aber nicht, worauf er sich sonst konzentrieren sollte. In der Bar surrte eine seltsam aufgeregte Stimmung und machte ihn nervös. Seit er hier war, war Jimin unruhig und sein Herz schwer. Krampfhaft suchte er sich mit den Augen Menschen, an die er sich heften und die er beobachten konnte, damit er nicht wieder anfangen würde in Selbstmitleid zu baden. Sein erstes Glas hatte er bald ausgetrunken, also bestellte er das nächste. Zu diesem Zeitpunkt war der Raum im zweiten Stock, an dessen Bar er saß, noch ziemlich leer. Doch bis zum dritten Glas füllten sich die Tische. Um kurz vor neun war es rappelvoll. Und um Punkt neun verstand Jimin endlich, warum die Mitte des Raumes freigelassen und nicht mit Tischen belegt wurde.

Mit einem dramatischen Klicken erleuchtete ein helles, bläuliches Spotlight die freie Fläche zwischen den Plätzen. Laute Musik dröhnte aus schlechten Lautsprechern. Die Gäste jubelten. Durch den großen Bogen, der von der Treppe in den Raum hineinführte, trat eine große, breite Drag Queen in funkelnden High Heels. Ihr Make Up war extravagant und trotzdem irgendwie elegant und ihre Haare fielen lang und glatt über ihre Schultern. Mit großen, selbstbewussten Schritten ging sie in die Mitte des Raumes. Dort blieb sie stehen. Musterte die erwartungsvollen Gesichter um sich herum. Dann verneigte sie sich, führte ihre Hand langsam zu ihren Lippen und warf einen zarten Luftkuss in den Raum. Jemand brachte ihr ein Mikrofon.

„Guten Abend, ihr Lieben.“ Ruhig glitten ihre Augen mit einem feinen Lächeln über die Tische. „Ein paar von euch kennen mich vielleicht. Für alle, die es nicht tun: Mein werter Name ist Jin Tonic und ich werde euch heute durch den Abend begleiten.“

Wieder wurde gejubelt und applaudiert.

Jin Tonic lachte. „Ich sehe schon, ihr seid ganz aufgeregt und könnt es kaum erwarten. Dann muss ich euch wohl heute gar nicht aufwärmen. Begrüßen wir doch einfach direkt den ersten Act.“ Sie lächelte, drehte sich zu dem Bogen und streckte die Hand aus. „Ich bitte euch um einen Applaus für meine fabelhafte Kollegin – Coco Nut.“

Die Gäste pfiffen begeistert. Tatsächlich schienen die meisten zu wissen, was sie erwarten würde. Jimin war sich nicht sicher, ob er Lust hatte sich die Show anzusehen. Hätte er vorher von dem Drag Abend gewusst, wäre er nicht hergekommen. Aber weil er schlecht aufstehen und direkt durch die Mitte des Raumes konnte, ohne die Show zu stören, blieb er sitzen. Das Programm und die Queens waren wie wahrscheinlich überall ziemlich albern, überdreht und over the top. Am Anfang fiel es Jimin schwer sich darauf zu konzentrieren, doch irgendwann wurde er in das Programm hineingezogen. Es wurde viel mit den Hüften gewackelt, Grimassen gezogen und schrill gesungen. Alles glitzerte und blinkte. Aber zwischen den überladenen Outfits, war die Show wirklich gut. Sie hatte eine Art Story, die von jeder Queen mit ihrem eigenen Act weitererzählt wurde. Gegen Ende der Show lag eine gebannte Stille über dem Publikum und auch Jimin wandte kein einziges Mal den Blick ab.

Für zwei Stunden ging es ihm besser. Und dann wieder schlechter.


_______________



Die Show war vorbei, das blaue Spotlight verschwunden und die Gespräche wieder leiser. Trotzdem vibrierte die Stimmung des Raumes ausgelassen und aufgelöst. Die aufgeregte Unruhe von vorhin hatte sich in warme Entspannung verwandelt. Die Holzwände und Böden wurden von warmem Licht bestrahlt, auf den Tischen brannten Teelichter in bunten Gläsern. Wenn Jimin sich umschaute, sah er Freunde, die miteinander herumalberten, erste Dates und Paare, die sich die Hände hielten und küssten. Überall war das Eis gebrochen worden. Alle waren sich nah. Zum ersten Mal in Seoul fühlte sich ein Ort nicht leer an – und das macht Jimins Einsamkeit irgendwie noch viel schlimmer.

Er saß an dieser Bar in diesem Gay Club und wusste sich nicht besser zu helfen als mit Whiskey, obwohl er umgeben war von guter Laune und freundlichen Gesichtern. Die Tatsache, dass er allein war, wurde ihm mit jeder Sekunde bewusster und wog immer schwerer auf seiner Brust. Eigentlich wollte er nicht mehr hier sein. Aber in seine Wohnung konnte er nicht zurück. Egal, wohin er gehen würde – er wäre allein. Also konnte er genauso gut hier bleiben und sich betrinken. Der Barkeeper mit den pinken Lidern sah ihn inzwischen jedes Mal mitleidig an, wenn er seinen Whiskey beinahe bis zum Rand auffüllte. Die letzten zwei Gläser gingen sogar auf’s Haus. Dabei wollte Jimin kein Mitleid oder Gratisgetränke. Am liebsten wäre er weggerannt, durch die nassen Straßen, raus aus der Stadt. Er wollte nicht in Seoul sein, sondern in Busan, in seinem Zimmer mit seinen Cousinen, die um sein Bett herum verteilt auf dem Boden herumlungern und über Gott und die Welt sinnieren würden. Oder in einem Kino mit seinen Freunden zu irgendeinem schlechten Film. Eigentlich ganz egal. Hauptsache Busan.

Jimins Nase fing an zu kribbeln und seine Brust wurde noch schwerer. Hastig hob er sein Glas und trank einen Schluck. Als er es wieder abstellte und die braune Flüssigkeit sich warm einen Weg durch seine Brust bahnte, beruhigte sich sein Körper wieder ein wenig. Er wollte nicht in der Öffentlichkeit anfangen zu heulen wie ein Baby.

Also, tief durchatmen-

Ein süßer, weicher Geruch stieg ihm in die Nase. Für einen winzigen Moment flatterte Jimins Herz und wurde leicht. Er kannte diesen Geruch. Flieder. Irritiert verzog er die Augenbrauen und drehte seinen Kopf. Und genau zur selben Zeit lehnte sich jemand in sein Blickfeld, stützte sich auf den Bartresen und sah ihm mit einem feinen Lächeln in die Augen. Es war eine der Drag Queens, noch immer extravagant geschminkt und in langem, dunkelblauem Kleid. Selbst außerhalb der Show sah sie elegant aus. Einen Moment lang schaute sie nur und sagte nichts, dann neigte sie sanft ihren Kopf.

„Mein Schatz, geht es dir gut?“, fragte sie mit weicher Stimme und legte dabei eine Hand auf Jimins Arm.

Er öffnete den Mund und blinzelte ihr entgegen. Ihre Berührung war warm und schwer. Ehrlich, irgendwie. Vielleicht sagte Jimin ihr deswegen die Wahrheit. Oder weil er von ihrem Geruch so überrumpelt war, dass er nicht klar denken konnte.

„Nein“, antwortete er. „Ehrlich gesagt nicht.“

Die Drag Queen nickte langsam. „Okay, das dachte ich mir. Man sieht es dir an. Darf ich mich zu dir setzen?“

Jimin zögerte nicht einmal, bevor er nickte. Der Fliedergeruch war noch intensiver geworden. Im Garten seiner Eltern stand ein Fliederbusch. Inzwischen war er bestimmt größer als der Kirschbaum.

Nachdem die Drag Queen sich niedergelassen hatte, überschlug sie elegant die Beine und drehte sich so, dass sie Jimin zugewandt saß. Ihre Füße steckten noch immer in den glitzernden High Heels. Die Hände platzierte sie locker auf ihrem Schoß.

„Wie heißt du, mein Schatz?“, fragte sie mit weicher Stimme.

„Jimin.“

Sie lächelte wieder. „Schöner Name. Mich kannst du Jin nennen.“

Jimin nickte, lächelte zurück und seufzte, als er ihren freundlichen Blick nicht mehr halten konnte. Weil der Flieder sein Herz so leicht gemacht hatte, sank es nun noch tiefer und seine Nase begann erneut zu kribbeln. Er zog sie hoch und schluckte mühevoll. Wieso war es so schwer nicht zu weinen? Normalerweise hatte er seine Emotionen gut unter Kontrolle. Sonst könnte er an manchen Tagen überhaupt nicht arbeiten. Nur heute funktionierte es nicht.

„Willst du mir erzählen, was los ist?“, fragte Jin, nachdem sie ihn einige Sekunden lang ruhig gemustert hatte. Ihre Stimme klang kaum, als würde sie sie verstellen. Sie schien von Natur aus recht hoch zu sein.

Jimin hatte einen Kloß im Hals. Er räusperte sich.

„Ich, uh, habe ein paar schlechte Wochen hinter mir.“

„Wieso das?“

Jimin zuckte mit den Schultern. „Ich weiß nicht, ich habe Heimweh. Und mit meiner Arbeit läuft es nicht so gut.“

„Oh, das tut mir leid.“ Jins Worte klangen ehrlich betroffen. „Darf ich fragen, woher du kommst? Und was dein Job hier in Seoul ist?“

„Ich komme eigentlich aus Busan.“ Jimin sah in sein Glas hinein während er sprach und drehte es zwischen seinen Fingern herum. Aus irgendeinem Grund hatte er Angst davor Jin noch einmal in die Augen zu sehen. „Ich bin hergekommen, weil ich Model bin. Ich wollte mir hier einen Namen machen, aber-… Irgendwie ist es nicht so einfach. Ich wusste, dass es schwer wird, aber es fühlt sich so an, als würde ich überhaupt nicht vorankommen.“

„Ja, ich verstehe.“ Jin nickte. Die langen Ohrringe, die sie trug, glitzerten dabei.  „Aber… das ist nicht das Schlimmste, oder? Du sitzt nicht deswegen allein hier, nicht wahr?“

Jimin ließ seinen Kopf ertappt noch tiefer sinken. „Nein.“

„Natürlich nicht“, seufzte Jin.

Aus dem Augenwinkel sah Jimin, wie sie erneut ihre Hand hob, um damit über seinen Oberarm zu streichen. Wieder war die Berührung so angenehm tröstlich, dass Jimin sich wünschte, sie müssten gar nicht reden, sondern könnten einfach ein paar Stunden so sitzen bleiben.

„Was ist es dann?“, fragte Jin vorsichtig. „Liebeskummer?“

Jimin verzog das Gesicht und schnaubte abfällig. „Nein, überhaupt nicht. Ich habe keinen-… Ich bin single. Und es gibt auch niemanden, wegen dem ich Liebeskummer haben könnte. Eigentlich, uh, gibt es überhaupt niemanden. Ich bin einfach nur… einsam.“

Die Stille, die danach verstrich, fühlte sich laut und schwer an. Jimin wollte seine Worte gerne wieder zurücknehmen. Es war klar, dass Jin Mitleid mit ihm hatte. Er hätte es durch seine dramatische Formulierung nicht auch noch schlimmer machen müssen. Doch zum Glück klang Jin überhaupt nicht mitleidig, als sie wieder sprach.

„Wie lange bist du denn schon in Seoul?“, wollte sie wissen.

„Seit einem halben Jahr.“

„Und du hast noch keine Freunde gefunden?“

Die Frage fühlte sich verurteilend an, obwohl Jin es bestimmt so meinte. Jimin schämte sich. Er schüttelte den Kopf und schaute weiter in sein Glas. Sein Gesicht glühte heiß und seine Augen waren ein bisschen glasig. Ihm war bewusst, dass er schon etwas angetrunken sein musste. Vielleicht war er deswegen so melancholisch. Jins Hand berührte noch immer seinen Oberarm.

„Hier im Duplex lernen sich ständig Freunde kennen“, sagte Jin mit warmer, sanfter Stimme. „Ich könnte dich ein paar Leuten vorstellen, würde dir das helfen?“

Hastig hob Jimin zum ersten Mal seit einigen Minuten den Kopf und sah Jin ins Gesicht. „Nein, ist schon gut! Das will ich nicht, also, nicht… – nicht jetzt. Nächstes Mal vielleicht, oder-“

„Hey, alles gut.“ Der Druck auf Jimins Arm wurde ein bisschen stärker. „Das war nur ein Vorschlag.“

Jimin presste die Lippen zusammen.

Jins Augen huschten über sein Gesicht. Ihre Finger glitten sanft an seinem Arm hinab.

„Wieso hast du Angst davor?“, fragte sie.

Jimin fühlte sich schon wieder ertappt. „Vor was?“

„Davor Menschen kennenzulernen.“

„Habe ich nicht. Ich bin gerne unter Menschen, eigentlich ständig. Deswegen hasse ich es doch so sehr in meiner Wohnung.“ Jimin sprach zu schnell. Er stolperte über seine Worte. „Ich hasse es allein zu sein. Ich habe keine Angst. Nur jetzt will ich niemanden kennenlernen, weil ich… naja, weil es mir beschissen geht. Das will doch niemand sehen.“

Ihm war bewusst wie trotzig er klang. Und trotzdem konnte er nicht verhindern, dass er noch dazu seine Lippen schürzte. Mit zusammengezogenen Augenbrauen trank er einen Schluck Whiskey. Etwas von der braunen Flüssigkeit lief an seinem Mundwinkel vorbei. Mit dem Ärmel seines Hoodies wischte er sich über den Mund.

„Hm.“ Jin legte schon wieder den Kopf schief. „Aber wenn es dir beschissen geht, weil du allein bist, wieso ist die Lösung dann nicht, dir neue Leute zu suchen? Wenn ich dir jemanden vorstellen würde, wärst du nicht mehr allein. Und deine schlechte Laune verflogen.“

Das triumphierende Lächeln in Jins Mundwinkel ließ Jimin die Stirn runzeln.

„So einfach ist das nicht“, sagte er. „Ich sehe heute aus wie scheiße. Wie soll ich so jemanden beeindrucken?“

Jin hob ihr Kinn ein Stück an. „Wieso musst du denn beeindrucken?“

Jimin verzog seine Augenbrauen noch stärker und sah Jin in die weichen Augen. „Na, damit man mich mag.“

Jin lächelte. „Mein Schatz, hier musst du niemanden beeindrucken.“

Jimin ließ den Kopf hängen und seufzte. Sie verstand ihn falsch. Irgendwie wurde er wütend. „So meine ich es auch nicht. Nicht beeindrucken, aber irgendwie-… Ach, keine Ahnung. Irgendwie habe ich das Gefühl, dass hier in Seoul niemand wirklich an mir interessiert ist. Dass ich hier einfach nicht hergehöre und keiner mich haben will.“

„Aber wieso denkst du das?“

„Weil alles sich so leer anfühlt.“ Jimin klang verzweifelter, als er wollte.

Jins Augen blieben ruhig. „Leer?“

Die Wut, die plötzlich in Jimins Körper saß, fühlte sich abwechselnd heiß und kalt an. Waberte durch seinen Körper wie eine Gaswolke. Aber er war nicht wütend auf Jin, sondern auf sich selbst. Weil er nicht wusste, was eigentlich sein verdammtes Problem war. Alles, was er sagte, ergab keinen Sinn. Natürlich verstand Jin nicht, was er meinte.

„Ja, leer“, sagte Jimin schließlich. „Ich weiß nicht.“

Jin hakte kein zweites Mal nach. Sie schwieg. Die Stille zwischen ihnen war plötzlich angespannt und unangenehm. Jimin hielt sie nicht länger als ein paar Sekunden aus. In seinem Kopf waren wieder so viele Gedanken, die keinen Platz fanden und seine Zunge saß dank des Alkohols locker genug, um sie einfach in den Raum zu lassen. Außerdem wollte er, dass Jin ihn verstand. Er wollte nicht, dass sie ihn für verrückt hielt.

„Alle Menschen, die ich treffe, sehen mich an und sind beeindruckt. Sie sehen mich an und wollen unbedingt mit mir sprechen und mich anfassen und mir sagen, wie toll sie mich finden.“ Jimin verzog das Gesicht. „Weil ich schön bin, kommen sie zu mir und glauben, dass ich deswegen jemand bin, den sie haben wollen. Aber das bin ich nicht. Deswegen ist alles so leer. Das ist wie… ein leeres Versprechen.“

Jin runzelte die Stirn und legte erneut den Kopf schief. „Wie meinst du das?“

„Ich bin nicht so, wie sie denken.“

„Sondern?“

„Schlechter.“ Jimin schluckte. Das Wort klang hart. Aber es war die Wahrheit. „Ich bin nicht immer schön. Und wenn man mich kennenlernt, bin ich auch nicht beeindruckend. Ich bin nichts Besonderes. Ich renne jeden Tag durch diese beschissene Stadt und habe am Ende nichts erreicht.“

Als Jimin dieses Mal in Jins Augen sah, fühlte er die Wut nicht mehr. Irgendwie hoffte er in Jins ruhigem Blick eine Antwort zu sehen. Oder einfach nur Trost. Die Wut war kalt geworden und verwandelte sich langsam wieder in Traurigkeit. Er wollte nicht mehr reden.

Doch Jin stellte trotzdem ihre nächste Frage. „Woher weißt du denn, was die Menschen über dich denken? Ich glaube nicht, dass du ihnen leere Versprechen machst. Wieso sollten sie etwas von dir erwarten?“

„Ich sehe es doch. Natürlich weiß ich es nicht, aber-…“ Jimin wollte weinen. Seine Nase kribbelte. Er spürte den Alkohol in seinem Kopf und in seinem Bauch. Mit einem frustrierten Seufzen vergrub er das Gesicht in den grauen Ärmeln seines Hoodies. „Scheiße. Du könntest mir weniger deutlich sagen, dass ich selbst schuld bin.“

„Wann habe ich das gesagt?“ Jins Worte hatten einen frechen Unterton und als Jimin sie ansah, lächelte sie tatsächlich ein kleines bisschen. „Mein Schatz, du hast gerade die Lösungen zu deinem Problem selbst gefunden.“

Vielleicht hätte Jimin wieder wütend werden sollen, weil Jin ihn so frustrierte und dann auch noch unschuldig lächelte, obwohl ihm selbst nach Heulen zumute war, aber das passierte nicht. Er sah in Jins dunkel geschminkte Augen und fühlte sich auf einmal so verstanden wie noch kein einziges Mal in Seoul.

„Hör zu, mein Schatz.“ Jin lehnte sich ein Stück nach vorne, um Jimin noch eindringlicher in die Augen sehen zu können. „Du musst überhaupt nicht besonders sein. Natürlich hast du Angst, wenn du das glaubst. Aber wenn du Freunde und echte Verbindungen finden möchtest, musst du den Menschen einfach nur zeigen, wer du bist. Es ist klar, dass sie dich erst nur von außen sehen, deswegen musst du der Sache Zeit geben. Und dir selbst auch. Wie lange gibst du einem Fremden eine Chance?“

Jimin sah beschämt auf den Tisch. Er dachte an die Männer in seiner Wohnung und die Morgen-Danach, die er sich davongeschlichen hatte. Jin hatte recht. Und das wusste Jimin genau. Schon bevor er hergekommen war, hatte er es irgendwie gewusst.

„Eine Nacht.“

Jin zog beide Augenbrauen nach oben. „Also gibst du ihnen überhaupt keine Chance. Null. Nada. Nicht eine einzige Sekunde.“

„Mh.“ Jimin sank auf seinem Barhocker zusammen. Am liebsten wäre er in dem schwarzen Polster verschwunden. „Ja, du hast recht.“

„Wieso machst du das?“

Jimins Gesicht wurde noch wärmer und seine Hände feucht. Er wurde unruhig.  „Ich weiß es nicht.“

Jins Hand drückte noch kurz seinen Arm, dann verschwand sie. „Ich weiß, dass es nicht so einfach ist. Aber du könntest doch klein anfangen. Mit Babyschritten.“

Jimin sah zu ihr und nickte. Die Ruhe in ihrer Stimme beruhigte ihn, auch wenn er die Aussage ihrer Worte noch nicht ganz an sich heranließ.

„Wenn du Menschen suchen willst, die bleiben, dann musst du anfangen ihnen Zeit zu geben.“ Jins Stimme war ein kleines bisschen tiefer geworden. „Seoul ist nicht so oberflächlich, wie du denkst. Hier leben tolle Menschen. Und gute Freunde.“

Das ehrliche Lächeln auf Jins Gesicht machte Jimin wieder traurig. Betreten schaute er auf den Tresen, in sein leeres Glas und wieder zurück zu Jin. Er fühlte sich schuldig, weil er so aufgewühlt gewesen war. Schämte sich, weil er argumentiert hatte, wie ein Kind.

„Ich bin selbst erst vor einem Jahr hergezogen“, sagte Jin. „Und ich weiß, wie du dich fühlst. Aber das geht vorbei.“

„Wann?“, fragte Jimin. Seine Frage klang dünn.

„Das liegt an dir.“ Jins Stimme war weich und trotzdem klar. „Und ein bisschen Glück vielleicht. Es fehlen dir nur die richtigen Begegnungen. Vertrau mir.“

„Und was, wenn die nicht kommen?“

„Die passieren doch ständig.“ Jins Lächeln wurde schief. „Wenn du willst, bin ich gerne dein erster Freund hier in Seoul.“


_______________



Es wäre schön einen Freund zu haben. Jins Worte klangen in Jimins Gedanken nach, noch lange nachdem sie von einer Kollegin die Treppe nach unten gerufen wurde und sich verabschiedet hatte. Sie hatte Jimin ihre Nummer dagelassen, auf einem grünen Post-It, das der Barkeeper ihr gegeben hatte. Beziehungsweise ihm. Jin Tonic hieß eigentlich Kim Seokjin und war ein Schauspiel-Student an der Filmakademie ganz hier in der Nähe. Mehr hatte er nicht erzählen können.

Jetzt starrte Jimin auf den kleinen Zettel zwischen seinen Fingern und dachte daran, wie es wäre, morgen die Nummer darauf in sein Handy zu tippen und einfach anzurufen. Er wollte es tun. Er wollte es sich fest vornehmen. Aber irgendwie wusste er schon jetzt, dass er es nicht wirklich durchziehen würde. Dass die Nummer wie alle anderen in seinem Tagebuch enden würde. Jimin trank einen Schluck Whiskey und wollte sich auf das warme Gefühl in seiner Brust konzentrieren, aber es kam nicht. Nach dem Gespräch mit Jin sollte er sich besser fühlen, aber er fühlte sich schlimmer. Weil Jin mit allem, was er gesagt hatte, verdammt richtig lag. Jimin war selbst schuld an seiner Einsamkeit. Es waren nicht Seoul und die Menschen, sondern seine eigene Dummheit. Er war ein Feigling, ganz einfach. Und daran würde sich nichts ändern. Morgen, wenn er wieder nüchtern in seiner Wohnung sitzen würde, würde er garantiert nicht den nötigen Mut aufbringen, um überhaupt eine Nummer zu wählen. Nicht Jins, und auch keine andere.

Es könnte so einfach sein, wenn Jimin sich nicht selbst im Weg stehen würde. Was war eigentlich sein scheiß Problem? Jin hatte Recht. Die richtigen Begegnungen passierten ständig. Seine Chance aus dem beschissenen Gefühl der Einsamkeit herauszukommen war nur einen einzigen Anruf oder eine Textnachricht entfernt – wenn Jimin sich bei Jungkook gemeldet hätte, hätte er ihn bestimmt auf ein richtiges Date eingeladen. Sie hätten Kaffee trinken und Kuchen essen gehen können. Vielleicht hätten sie sich verliebt. Vielleicht wären Jungkooks Freunde zu Jimins Freunden geworden. Oder wenn Jimin nicht vor Taehyung geflüchtet wäre, hätte er mit ihm sicherlich tausend neue Orte und neue Menschen kennenlernen können. Jimins Wochenenden hätten so aussehen können wie seine – aufregend, abenteuerlustig, immer neu. Mit ihm hätte er Seoul lieben lernen können. Und auf Hoseoks Party hätte Jimin ganz einfach nach den Nummern der Gucci Girls fragen müssen. Oder nach der seiner Schwester. Er könnte schon seit Monaten Freunde haben. Und ein anderes Leben.

Aber er hatte es verkackt. Und er würde es weiterhin verkacken. Weil er nicht hierhergehörte. Weil nicht Seoul das Problem war, sondern er.

Beinahe hätte Jimin noch an der Bar angefangen zu heulen, aber er schaffte es gerade so nach draußen. Die Lichter auf der Straße waren verschwommen und schwankten hin und her. Menschen zogen flüchtig an ihm vorbei. Keine zehn Meter von dem Eingang der Bar entfernt, stolperte Jimin und landete auf den Knien. Doch anstatt aufzustehen und weiterzugehen, blieb er einfach sitzen, seine Hände auf dem feuchten Asphalt und seine Knie, trotz der Jeans darüber, aufgeschürft. Das war der Moment, in dem er die Tränen nicht mehr zurückhalten konnte. Er weinte und fühlte sich dabei klein und dumm und schuldig. Er hatte wirklich geglaubt es in Seoul schaffen zu können. Und jetzt hinderte er sich selbst daran, seine Träume zu verwirklichen, wegen ein bisschen Einsamkeit. Es war so idiotisch. Er hätte nicht herkommen müssen. Er hätte einfach in Busan bleiben sollen.

Jimin wusste nicht, wie lange er an die Wand gelehnt vor dem Eingang des Duplex saß und weinte. Er fühlte sich erbärmlich. Schwach. Wie ein verdammter Versager. Und betrunken. Jedes Mal, wenn er den Kopf von seinen Knien nahm und nach oben sah, drehte sich alles und er ließ ihn wieder sinken. Die Schritte, die an ihm vorüberzogen, wurden immer erst ein bisschen langsamer, wenn sie sich ihm näherten und dann wieder schneller. Ihm hätte bewusst sein sollen, dass schon fünf Gläser Whiskey zu viel gewesen waren. Aber er hatte weit mehr getrunken. Bei fünf hatte er bloß aufgehört zu zählen. Vielleicht würde er die Nacht auf der Straße verbringen. Er hatte keine Ahnung, wie er so nach Hause kommen sollte. Im Moment wusste er nicht einmal, ob er aufstehen konnte. Es verging eine gefühlte Ewigkeit, die er betrunken und zusammengekauert auf dem Boden saß. Die Nässe der Straße fraß sich durch den Stoff seiner Jeans. Irgendwann hörte er auf zu weinen. Und lauschte bloß noch abwesend den Geräuschen der Straße.

Er verarbeitete nur halb, was um ihn herum tatsächlich passierte, doch die Schritte, die dieses Mal an ihn herantraten, waren anders als die anderen. Sie wurden so laut und deutlich, dass die Person eigentlich direkt vor ihm stehen musste, als sie verstummten. Und tatsächlich – Stoff raschelte, als jemand vor Jimin in die Hocke ging. Flieder. Schon wieder.

„Was machst du denn hier?“

Jimin konnte die Frage nicht beantworten, also sagte er nichts. Er hob bloß den Kopf und schaute Jin mit verquollenen Augen an. Er sah ganz anders aus als Jin Tonic und war trotzdem noch eindeutig dieselbe Person. Seine dunklen Haare waren nicht mehr lang und glatt, sondern kurz und standen ein wenig von seinem Kopf ab. Sein Gesicht war ungeschminkt, seine Augen trotzdem noch groß und rund und seine Lippen voll. Ähnlich wie Jimin trug er bloß einen Hoodie und Jeans. Er sah aus wie ein ganz normaler Student. Und trotzdem strahlte er noch dieselbe Ruhe und denselben Trost aus, wie vorhin Jin Tonic an der Bar.

„Du hast zu viel getrunken, oder?“, fragte er vorsichtig.

Jimin nickte und verzog sofort das Gesicht. Wenn er seinen Kopf bewegte, schwankte alles und ihm wurde übel.

Plötzlich war Jin ganz nah vor seinem Gesicht und seine Hände legten sich schwer auf Jimins Schultern. Hielten ihn fest und rückten ihn in die richtige Position. Seine Stimme klang etwas energischer als zuvor. „Kommst du nach Hause, Jimin? Soll ich dich begleiten?“

Eigentlich wollte Jimin sein Gesicht wieder verstecken, doch Jin war ihm so nah, dass er keine Möglichkeit dazu hatte. Also drehte er es auf die Seite und rümpfte die Nase. „Nein.“

Die Hände rutschten von seinen Schultern herunter und an seinen Armen entlang. Sie hielten ihn noch immer aufrecht. Weil er es selbst nicht mehr konnte? Er bereute sofort, was er gesagt hatte. Er brauchte Hilfe. Und er wollte nicht, dass Jin ging.

„Tut mir leid“, hörte er ihn sagen und dann seufzen. „Das war eher eine rhetorische Frage. Du kannst nicht auf der Straße schlafen.“

Könnte er schon. Aber das sagte Jimin nicht. Weil er insgeheim dankbar war, auch wenn er glaubte, Jins Hilfe nicht zu verdienen. Er war schon ziemlich erbärmlich. Wie ein großes Baby. So betrunken und hilflos wie in diesem Moment war er noch nie gewesen. Schon allein deswegen wollte er am liebsten wieder losheulen. Doch Jin ließ ihn nicht. Er hievte ihn umständlich auf die Beine und legte einen seiner Arme um seine breiten Schultern. Jimin konnte stehen. Aber um ihn herum drehte sich alles.

So richtig bekam er nicht mit, wie sie zur U-Bahnstation gingen, wie sie ein- und ausstiegen und schließlich irgendwie vor seinem Wohngebäude landeten. Er konnte sich nicht einmal daran erinnern Jin seine Adresse genannt zu haben. Die Schlüssel kramte er selbst aus seiner Hosentasche und die Treppen stieg er auch irgendwie ohne Hilfe nach oben. Erst vor seiner Haustür musste Jimin sich wieder gegen die kühle, weiße Wand des Treppenhauses lehnen und durchatmen. Jin nahm ihm die Schlüssel aus der Hand und öffnete die Tür. Die Luft, die ihnen entgegen kam, war kein bisschen wärmer, als draußen. Vielleicht sogar kälter.

Jimin wurde direkt auf sein Bett zugeschoben und nur allzu freiwillig ließ er sich auf die Matratze sinken. Jin brachte ihm Wasser. Und einen warmen Lappen für sein Gesicht. Er zog Jimin erst die Jacke aus, dann die klamme Hose und den Hoodie und hob schließlich die Bettdecke über seinen kühlen Körper. Es fühlte sich gut an und gleichzeitig so, als wäre Jimin nichts davon wert. Jin setzte sich neben ihn auf die Bettkante, als er fertig war und streichelte ihm mit weichen Fingern über die Wange. Jimin hatte schon wieder angefangen zu weinen. Stumm. Und schuldig.

„Bleibst du hier?“, fragte er in die halbdunkle Stille hinein.

Jin schüttelte sanft den Kopf. „Nein, ich muss nach Hause.“

„Bitte.“

Er seufzte und versuchte zu lächeln. Selbst in dem schwachen Licht von draußen und betrunken wie er war, konnte Jimin sehen, dass er in Wahrheit traurig war. „Tut mir leid.“

Jimin wollte nicht allein sein. Nicht schon wieder, nicht in seiner Wohnung. Also griff er nach Jins Hand, die an seinem Gesicht lag und hielt sie fest, als könnte er ihn damit bei sich behalten. Aber weil er wusste, dass das nicht reichen würde, wollte er ihm noch etwas anderes geben.

„Wir könnten miteinander schlafen“, hauchte er heiser und sah Jin flehend in die Augen. „Bitte.“

Auf Jins Gesicht erschien ein seltsamer Ausdruck. Für einen kurzen Moment war es wieder still. Jimin atmete schwer. Sein Herz pochte mühselig.

„Du meinst Sex?“, fragte Jin schließlich.

„Ja.“ Jimin nickte, die große, warme Hand noch immer an seiner Wange. Er drückte sie, führte sie zu seinem Mund und küsste seine Finger. „Ich will dich, bitte.“

Wieder schüttelt Jin den Kopf. Dieses Mal jedoch nicht mehr sanft, sondern bestimmt. „Nein. Ich glaube, das ist keine gute Idee.“

Aber das war es. Jimin wollte sich warm fühlen. Er wollte Jin nah sein. Als er sich abrupt aufsetzte und eine Hand in seinen Nacken legte, um ihn zu sich zu ziehen, riss Jin überrascht die Augen auf. Kurz bevor Jimin ihn küssen konnte, wich er aus und schloss ihn stattdessen in seine Arme. Zuerst fühlte sich das Manöver panisch an. Jimin glaubte, Jins Herz in seiner Brust klopfen zu fühlen. Aber vielleicht war es auch nur sein eigenes. Er war so enttäuscht, dass es wehtat. Und trotzdem vergrub er sein Gesicht an Jins Schulter und ließ sich noch fester drücken. Es war nicht das, was Jimin wollte. Aber nachdem ein paar Minuten verstrichen waren, fand er sich damit ab. Er wurde noch lange an Jins warmen Körper gepresst. Immer wieder stellte er sich vor, sie wären nackt und Jin auch unter seiner Decke. Bestimmt wäre es schön. Aber vielleicht war es gut, dass er kein Fremder wurde. Als er sich von ihm löste, ließ Jimin seine Hand los. Mit feuchten Wimpern blinzelte er nach oben und sah Jin dabei zu, wie er aufstand und ging.

Nur wenige Sekunden später fiel die Tür ins Schloss.
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